Mittwoch, 31. August 2016

Augustwetter 1966: die Frucht beginnt auszuwachsen

«Ganz "unflätig" benommen», habe sich dieser Monat. So charakterisierte Walter Zollinger in seiner Jahreschronik den Juli 1966 (vgl. WeiachBlog vom 30.7.2016).

Die Charakterisierung bezog sich darauf, dass kaum je lange Hochdruckperioden zu verzeichnen waren - und viel Regen fiel. Im August ging es gleich in diesem Stil weiter, was man daran sieht, dass die Wetteraufzeichnungen mit dem Pegelstand eingeleitet werden:

« August. Wasserstand des Rheins bei Rheinfelden am 1.8.:
Langjähriges Mittel 1462 m3/s
Tatsächliche Wasserführung 1677 m3/s

Sechszehn Mal fiel wiederum während eines Teils der Nacht oder des Tages Regen, namentlich im ersten Monatsdrittel. Unterm 9.8. steht in meinem Notizheft: "Endlich wieder einmal ein richtiger Sommertag! Es wäre bitter nötig für die Landwirtschaft. Die Frucht beginnt auszuwachsen, wo sie noch auf dem Felde steht." Unsere Weiacher Bauern sind zwar grossteils, dank der Maschinen und weil sie die günstigen Tage zwischen dem 25. und 31. Juli rege ausnützten, ziemlich nach mit den Erntearbeiten. Aber am 28.8. z.B. haben wir wieder etwas geheizt; denn die Temperaturen waren gar nicht sommerlich; 13, 14, 15, 16° sind doch gar wenig für den August, nicht? - Vereinzelt allerdings gab's auch einige Tage mit 28 & 29° am Mittag.

Höchsttemperaturen morgens 18°, mittags 28°, abends 20°
Tiefsttemperaturen morgens 5°, mittags 13°, abends 10°.

Der 14.8. soll besonders erwähnt werden als der vom Morgen an wärmste Tag dieses Monats, aber auch als einziger:
morgens 24°, mittags 29°, abends 23°.

Dieser "Sommermonat" hat demnach bestimmt nicht viel Gutes ausgerichtet. Die Altvordern prägten hiefür den treffenden Spruch:

"Je dichter der Regen an Hundstagen,
umso dünner die Frucht auf den Erntewagen!"
»

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre auch das Jahr 2016 aus landwirtschaftlicher Sicht ein wenig erfreuliches - wie sein «Cousin» vor 50 Jahren. Meteoschweiz sieht das im Klimabulletin zum August 2016 etwas anders: eine sonnige und heisse Monatsmitte und ein ebensolches Monatsende werden attestiert. Das stimmt auch. Allerdings ist es schon nicht so üblich, das letzte Emd erst gegen Ende August einbringen zu können.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 6. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

Montag, 29. August 2016

Die Historika-Orientierungstafel - eine Ansammlung von Fehlern

Vor der Ostfassade des VOLG zu Weiach (Stadlerstrasse 4) ist eine grossformatige Informationstafel angebracht. Nach Aussagen mehrerer Gewährsleute vor Ort ist sie schon vor Monaten montiert worden. Entdeckt habe ich sie allerdings erst vor kurzem. So sieht die Tafel aus (Bilddatei ab der von der Historika AG am 8. August zugesandten pdf-Datei erstellt):


Es gibt tausende solcher Tafeln

Aufgebaut sind diese Tafeln, von denen es nach Eigenwerbung der Urheberin in der ganzen Schweiz mittlerweile rund 6000 gibt, allesamt nach demselben Muster: in der Mitte Angaben zur Geschichte der Gemeinde, allenfalls ein Foto, sowie ein Ortsplan, rechts und links flankiert von Werbebannern des lokalen und regionalen Gewerbes. Unten rechts auf der Tafel findet man die Eigenwerbung der Urheberin Historika AG, einer Werbetechnik-Firma mit Domizil in Oberuzwil SG. Und entsprechend werbefinanziert sind diese Tafeln denn auch.

Daran wäre an und für sich nichts zu bemängeln. Wäre! Denn diese Tafel ist für die produzierende Firma wahrlich kein Ruhmesblatt.

Abgekupfertes Bild mit falscher Legende

Schon kurze Zeit nach der Erstmontage haben einige Weiacherinnen und Weiacher moniert, die Legende passe überhaupt nicht zum gezeigten Foto. Und das völlig zu Recht. Urteilen Sie selbst:


Das Bild zeigt den Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses (in dem seit 2008 die Caffè-Bar Lounge Chamäleon eingemietet ist) und wird als «Ortsmuseum Weiach» bezeichnet! Letzteres befindet sich allerdings etliche hundert Meter weiter südöstlich am Müliweg 1. Wo dieser kapitale Bock seinen Ursprung hat, wird klar, wenn man die Quelle kennt.

Die Aufnahme findet man nämlich in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, vgl. hier. Das Bild wurde vom Wikipedianer «Roland_zh» am 15. September 2011 aufgenommen und am folgenden Tag mit der Titelbezeichnung «Weiach_-_Heimatmuseum» in die Wikipedia eingestellt, ursprünglich gar mit der komplett kreuzfalschen Bezeichnung «{{Information |Description= ''Gottfried-Keller-Strasse'' in Glattfelden ({{Switzerland}})»!

Ein Plakat führt in die Irre

Wenn man das Original-Bild in Wikimedia Commons analysiert, sieht man auch, wie der Irrtum entstanden ist. Nämlich durch das grosse Plakat, das auf diesem Bild links der Haupteingangs-Türe des Baumgartner-Jucker-Speichers hängt. Die «Wirtshaustafel» des «Chamäleon» rechts der Türe geht daneben ja auch völlig unter.
Im Februar 2013 habe ich den Irrtum von Roland_zh, dies sei das Ortsmuseum («re-cat, no "house", it's a museum»), in den Wikimedia Commons korrigiert: «Das ist NICHT das Ortsmuseum Weiach! Gruss, Weiacher Geschichte(n)». Seither steht in der Dateibeschreibung: «Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses, Büelstrasse 18 in Weiach (Switzerland)».

Trotzdem hält sich der Irrtum hartnäckig. Einerseits weil der Dateiname der gleiche geblieben ist - und weil natürlich das grosse Werbeplakat für die Ortsmuseums-Ausstellung Herbst 2011 auf dem Bild weiterhin an der Fassade prangt.

Klare Lizenz-Verletzung

Die geschilderten Umstände exkulpieren die Historika AG aber nur teilweise. Denn auch wenn ihr die Nutzung für ihre Informationstafel unter der bei diesem Bild angegebenen Lizenz «Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported» erlaubt ist, so hätte die Firma doch zumindest den Autor des Bildes und die Herkunft offenlegen müssen (das findet man auf der Tafel nämlich nicht). Eine der Bedingungen dieser Lizenz ist diese hier:


Die Nennung des Urhebers zu unterlassen kommt meines Erachtens einem Diebstahl gleich, zumal wenn man bedenkt, dass es sich um eine kommerzielle Verwertung handelt. Kurz: das geht gar nicht.

Gemäss Mitteilung von alt Gemeindeschreiber Hans Meier vom 11. August ist diese Aufnahme auf der Historika-Tafel mittlerweile durch eine von der Kirche ersetzt worden - offenbar von Osten her aufgenommen. Da ich diese Aufnahme bislang nicht gesehen habe, kann ich auch nicht sagen, ob diesmal die Urheberrechte gewahrt bleiben. Immerhin entfällt damit der offensichtliche Lizenzverstoss durch die Historika AG für das Wikipedia-Bild «Heimatmuseum» (das den Baumgartner-Jucker-Speicher zeigt).

Ein Fall zum Fremdschämen

Weniger offensichtlich sind die Irrtümer, die sich auf dem Ortsplan versammelt haben. Die sind - gemäss Mitteilung Hans Meier vom 11. August - nach wie vor auf der Historika-Tafel zu finden.

Da gibt es sage und schreibe 14 Fehler!!! So viele hat jedenfalls der Autor des WeiachBlog binnen weniger Minuten gefunden.

Fangen wir einmal mit den Abschreibfehlern an. Die allein sind schon fast Legion:
  • Da gibt es doch tatsächlich einen «Fiedhofweg» auf dem Plan. Richtig wäre «Friedhofweg», so wie im Strassenverzeichnis unter der Karte aufgeführt.
  • Weiter findet man einen «Damaststeig», statt korrekt «Damaststieg» (noch grandioser ist nur die Schreibweise im Strassenverzeichnis, dort heisst der Fussweg «Damasteig»!!)
  • Sowohl auf dem Plan wie im Strassenverzeichnis gibt es zudem die «Büechlihausstrasse (mit Häusern hat das nichts zu tun, dafür mit einem Holzschlag!). Richtig geschrieben hiesse es «Büechlihaustrasse».
  • Bei den Flurnamen sieht es auch nicht besser aus. Da gibt es gemäss Historika den Namen «Turgauer», statt korrekt «Turgäuer» (schon klar, dass Ostschweizer es mit dem Thurgau haben, aber der ist hier nicht gemeint).
  • Weiter der Flurname «Buchhalden» statt korrekt «Buhalden» (auch da: er hat nichts mit Buchen zu tun); die «Buhaldenstrasse» ist dagegen richtig, sowohl im Strassenverzeichnis wie auf der Karte.
  • Ebenfalls verschrieben der Flurname «Lötten», korrekt wäre «Lätten».
  • Dito: «Winzeltal»! Richtig wäre «Winzental». (Auf dem östlich des Dorfes gelegenen Plateau des Stein gibt es eine Flur namens «Winzeln» - die liegt aber ausserhalb des Planausschnitts).
Eine Qualitätskontrolle, die diesen Namen verdient, müsste solche Fehler eigentlich finden. Entweder gibt es die bei der Historika AG nicht - oder sie lag im Tiefschlaf, als es um die Prüfung der Daten zur Tafel für Weiach ging.

Neben den rein orthographischen Fehlern sind auch noch kartographische Unsauberkeiten festzustellen:
  • Die «Riemlistrasse» ist erst in ihrem oberen Verlauf angeschrieben, dort wo sie das bebaute Gebiet längst verlassen hat - für Ortsunkundige ist das völlig unbrauchbar.
  • Der Flurname «Riemli» ist am falschen Ort, N Bunker West statt korrekt NW Neurebenstr.
  • Die Bezeichnung «Vorder Berg» ist so auf dem Plan platziert (bei gleichzeitigem Fehlen des «Hinder Berg»), dass man meint, das Haus Buckley und die Häusergruppe Hinder Berg seien zusammen das (ehemalige) benannte Gebiet Vorder Berg.
  • Weiter kommt der Flurname «Chürzi» gleich doppelt vor, einmal korrekt platziert (Planquadrat B-4) und einmal falsch (Planquadrat A-5, wo eigentlich der Name «Wasen» angezeigt werden müsste).
  • Und schliesslich ist der Flurname «See» dort eingezeichnet, wo heute die Strasse «Im See» liegt (Planquadrat B-2), nicht an den eigentlich korrekten Stellen W (A-2) und NW (B-1) des Neubauquartiers «Im See»!
Auch bei den öffentlichen Einrichtungen hatte die Historika AG alles andere als ein glückliches Händchen:
  • Vom Friedhof ist nur der neue Teil eingezeichnet, der alte Friedhofsteil existiert auf dem Historika-Plan schlicht nicht.
  • Für Belustigung sorgt auch, dass eine «ARA» (Abwasserreinigungsanlage) unter «Öffentliche Gebäude und Anlagen» einen eigenen Eintrag mit der Nr. 1 erhalten hat, obwohl sie seit April 2006 keine ARA mehr ist.
  • Was die Bezeichnung des «Pfarramt evang.-ref.» (Nr. 5, d.h. das Pfarrhaus) soll, nachdem wir seit drei Jahren keinen residenten Pfarrer mehr haben, erschliesst sich auch nicht. Dafür wird dann die Pfarrscheune weggelassen, die heute als Kirchgemeindehaus genutzt wird.
  • Die Krönung ist schliesslich Nr. 9, welche als «Schulhaus» bezeichnet wird. Bei diesem Gebäude handelt es sich aber lediglich um die Mehrzweckhalle der Schulanlage Hofwies.
Auch die Gemeinde trägt ihren Teil zum Desaster bei
    Vom bildumrahmenden Text oberhalb des Plan war noch gar nicht die Rede. Diesen hat die Historika AG von der Gemeindewebsite übernommen. Dafür, dass dieser Text nicht nachgeführt war, kann sie nichts (mittlerweile ist er es - nach Intervention von WeiachBlog). Da sind zwei Fehler zu nennen:
    • Bevölkerungszahl viel zu tief (statt «gut 1000» müsste da «knapp 1450» und eine Angabe «Stand: Juli 2016» stehen)
    • Fläche Gemeindebann zu hoch: «964 ha» ist die veraltete Angabe nach Zollinger, korrekt ist «957 ha».
    Die Gemeinde muss sich allerdings auch selber an der Nase nehmen. Auf Anfrage von WeiachBlog, ob die Gemeindeverwaltung der Historika AG ein Gut-zum-Druck gegeben habe, oder vorgängig wenigstens einen Abzug gesehen hätte, antwortete der amtierende Gemeindeschreiber am 9.8.2016, für eine fremde, kommerzielle Publikation habe die Gemeinde keinen Support geben wollen (die Historika AG hat also um Durchsicht gebeten).

    Das mag rein rechtlich korrekt sein, sachlich aber ist es falsch, weil nun seit Monaten ein Plan vor dem VOLG hängt, der dem Jahre früher an der Haltestelle «Weiach, Gemeindehaus» montierten (und nach wie vor dort platzierten) Plan in vielen Punkten widerspricht. Was sollen Ortsunkundige denn nun für korrekt halten?

    Mehr auswärtige Unternehmen als einheimische

    Ärgerlich ist schlussendlich, dass von den 23 Firmenwerbungsporträts auf der Tafel gerade einmal 7 solche von in Weiach domizilierten Unternehmen sind! Der Rest kommt aus anderen Unterländer Gemeinden, eines gar aus Kloten! Und das unter dem Titel «Weiach». Weit entfernt von beliebigen Internetseiten, welche beispielsweise das Riverside (bei Rheinsfelden, Gde. Glattfelden) als Weiacher Hotel verkaufen wollen, sind wir da nicht mehr.

    Dass bei diesem rein kommerziellen Teil mehr Weiacher Firmen porträtiert werden, kann nicht erwartet werden, so viel ist klar.

    Umso mehr muss man die auf dem Plan auftauchenden, völlig inakzeptablen Abstrusitäten rügen. Wie oben erwähnt: ein Fall zum Fremdschämen. Man kann nur hoffen, dass die Weiacher Tafel ein Ausrutscher ist - und die Historika AG bei den vielen hundert anderen Info-Tafeln sauber gearbeitet hat. Vielleicht haben da ja auch die Gemeindeverwaltungen Nachhilfe geleistet.

    Wie auch immer sich die Angelegenheit darstellt - für WeiachBlog ist es une affaire à suivre.

    Sonntag, 28. August 2016

    Warum die Postfachanlage auf Gemeindeland steht

    Heute vor sieben Jahren publizierte das Amtsblatt des Kantons Zürich das folgende Gesuch einer Tochter der Schweizerischen Post:

    «035/207112. 8187 Weiach. Infra Post AG, Region Ost, Pfingstweidstrasse 60b, 8080 Zürich: Aufstellen einer Postfachanlage, Büelstrasse beim Friedhofparkplatz, AV-Kat.-Nr. 163 (Kernzone A KA).»

    Tönt völlig unspektakulär, nicht wahr? Wenn wir uns in die Zeit zurückversetzen, als dieses Gesuch publiziert wurde, dann erinnern wir uns, dass im Jahre 2009 auch die Poststelle am Bachweg 2 geschlossen wurde. Seither gibt es in der Gemeinde nur noch die Postagentur im VOLG-Laden an der Stadlerstrasse 4.

    Am Bachweg 2 gab es Postfächer, wie sie früher bei jeder richtigen Poststelle zu finden waren. Von innen legten die Briefträger die Post der Kunden hinein, von aussen holte man die Post ab. Funktionierte alles bestens. Warum also wollte die Infra Post AG den seit 1995 genutzten Standort nicht beibehalten? Warum waren die gerade einmal 14 Jahre alten Fächer nicht mehr gut genug?

    «Service public» für den Service public

    Das Postgesetz mag erklären, weshalb die Post auf die Idee gekommen ist, den Standort zwischen dem Alten Gemeindehaus und dem neuen Gemeindehaus als Standort der Postfachanlage auszuwählen:

    Art. 16 PG (Stand 28.8.2009): «Die Post kann für das Aufstellen von Briefkästen, Wertzeichenautomaten und anderen zur Erfüllung des Universaldienstes erforderlichen Einrichtungen den im Gemeingebrauch stehenden Boden unentgeltlich benützen.»

    Auf diese Weise muss der Post-Konzern dem früheren Posthalter-Ehepaar Junker für die Postfächer und den Beschickungsraum dahinter keine Miete mehr bezahlen. Schlauer Schachzug! Was die Briefträger von der neuen Anlage halten, das interessierte in Bern wohl wenig.

    Die Infra Post SA mit Sitz in Bern wurde am 16. Juni 2008 ins Handelsregister eingetragen und gab dort folgenden Geschäftszweck an: «Die Gesellschaft bezweckt die Erbringung von Dienstleistungen im Bereich des Facility Management sowie diverser technischer Dienstleistungen. Dazu gehören sämtliche Leistungen, welche für die Vermarktung, die Bewirtschaftung und den Betrieb einer Immobilie und/oder deren technischen Anlagen nötig oder hilfreich sein können.»

    Dieser Schachzug war vor allem für die Profitabilität der Post hilfreich. Heute heisst die Tochter Infra Post übrigens «Post Immobilien Management und Services AG».

    Anmerkung zur Parzelle 163

    Wenn man heute im Katasterplan nachsieht, dann findet man das Grundstück Nr. 163 nicht mehr. Nach dem Kauf des Baumgartner-Jucker-Hauses hat die Gemeinde das gesamte Gebiet zu einer grossen Parzelle 1433 (4142 m2, Zone mit öffentlichen Bauten) fusionieren lassen. Zur selben Zeit ist auch das Areal mit Mehrzweckhalle, altem und neuem Schulhaus sowie dem Kindergarten Farbtupf zu einer einzigen grossen Parzelle 1432 (13690 m2) zusammengelegt worden.

    Anmerkung zum aktuellen Postgesetz

    Die oben aufgeführte Bestimmung lautet zwar leicht anders, am Grundgehalt ändert das aber in diesem Fall nichts. Man findet sie heute als Art. 17 Abs. 2 PG: «Die Post kann für das Aufstellen öffentlicher Briefeinwürfe und anderer für die Grundversorgung erforderlicher Einrichtungen den im Gemeingebrauch stehenden Boden unentgeltlich nutzen.»

    In der Fassung, die der Bundesrat den Räten vorlegte (vgl. BBl 2009 5254) war das noch Art. 16 Abs. 2 PG.

    Quelle
    • Amtsblatt des Kantons Zürich, Freitag, 28. August 2009, Seite 956, Nr. 35

    Samstag, 27. August 2016

    Klingenberger spielen die habsburgische Karte

    Zu Beginn des 14. Jahrhundert zeichnete sich die Territorialisierung immer deutlicher ab. Kleinere Adelsgeschlechter kämpften mit Bedeutungsverlust und standen vor der Frage, wie es in Zukunft weitergehen sollte. An den Freiherren von Regensberg und den Freiherren von Klingenberg kann man die unterschiedlichen Strategien sehen, die als Antwort auf dieses Problem verfolgt wurden.

    Wachse oder weiche

    Die Regensberger waren im 13. Jahrhundert mit ihrem Versuch gescheitert, ihre Macht zu konsolidieren. Die Gründung des Städtchens Kaiserstuhl im Jahre 1254 (ein Joint-Venture u.a. mit den Herren von Wart) und etliche weitere Aktivitäten waren nur mässig erfolgreich. 1267/68 verloren die Regensberger gegen eine Koalition, welche Graf Rudolf von Habsburg mit der Stadt Zürich gebildet hatte (sog. Regensberger Fehde). In der Folge mussten sie ihren Besitz sukzessive liquidieren. Profiteure waren: Habsburg, Zürich und das Fürstbistum Konstanz.

    Sich an die Erfolgreichen hängen

    Anders machten es die Freiherren von Klingenberg, die aus dem Gebiet des heutigen Kantons Thurgau stammen. Sie waren zuerst in Diensten des Bischofs von Konstanz, dann der Grafen von Kyburg und nach deren Aussterben, von deren Rechtsnachfolgern, den Habsburgern. Einen Machthöhepunkt erlebten sie am Übergang zum 14. Jahrhundert.

    Ein cleverer Jurist

    Heinrich von Klingenberg, den wir im Artikel WeiachBlog Nr. 1295 kennengelernt haben, wurde 1240 geboren, studierte in Italien und schloss als Doktor der Jurisprudenz ab. Dann trat er in die Dienste des ersten Habsburgers auf dem deutschen Königsthron, Rudolf I. und wurde Kanzler. Heinrich war also ein Mann mit Macht und Einfluss, einer mit besten Verbindungen, der nach dem nassauischen Zwischenspiel auf dem Königsthron (1292-1298) ein Parteigänger des 15 Jahre jüngeren Königs Albrecht (1308 ermordet, vgl. Weiacher Geschichten(n) Nr. 102) wurde.

    Nach dem Tod von Rudolf im Jahre 1291 musste sich Heinrich ein neues Betätigungsfeld suchen und fand dieses 1293 als Fürstbischof von Konstanz. Auf diesem Posten verfolgte er in vieler Hinsicht ähnliche Strategien wie die Habsburger. Macht und Einfluss über Territorien sichern war nur die eine Seite. Die schriftliche Niederlegung der Machtverhältnisse war die andere.

    So kaufte Heinrich von Klingenberg den Regensbergern 1294 das Städtchen Kaiserstuhl ab, und konnte sich 1295 auch die Niedergerichtsrechte über Weiach sichern (Freiherr von Wart war ein Parteigänger der Regensberger). Und Heinrich liess auch das erste Urbar des Fürstbistums Konstanz erstellen. Fast zur gleichen Zeit erstellten die Habsburger ebenfalls Verzeichnisse über alle ihre Rechte, das sogenannte Habsburgische Urbar (HU), begonnen 1303, fertiggestellt 1307. Manche dieser Rechte wurden gleich von beiden, Fürstbistum wie Haus Habsburg, beansprucht.

    Das Konstanzer Urbar

    Otto Feger gelang es mitten im Zweiten Weltkrieg sein Buch über das Konstanzer Bistumsurbar von 1302/03 zu veröffentlichen. Wer das 1943 gedruckte Werk in die Hand nimmt, stellt fest, wie sich die Mangellage des Kriegs auswirkte: das Papier ist extrem brüchig, da für dessen Herstellung viel Holzschliff und wenig Haderlumpen verwendet wurden.

    Unter dem Punkt «B. Herrschaft Kaiserstuhl» vermerkt das Urbar: «Isti sunt census et redditus in Kayserstůl»: «5. Item in Wiach [Fn-6] 1 mod. avene nomine advocatie de quodam bono, quod pertinet monasterio in Vare.»

    Die Fussnote 6 zu Wiach lautet: «Weiach, Bez. Dielsdorf, Kant. Zürich. 1295 bestätigt Bischof Heinrich von Klingenberg die Schenkung von Zwing und Bann des Meierhofs und des Dorfes Weiach durch Jakob von Wart an das Bistum (REC. II 2930). Ein Habsburger Revokationsrodel des 14. Jahrhunderts (Urbar II 351) führt aus: "item dominus episcopus Constantiensis occupat in prejudicium domini advocatiam in bonis ac hominibus curie in Wyach, monasterio sti Blasii pertinentis." Warum diese Rechte, die das Hochstift bis zu seiner Aufhebung ausübte, im Urbar nicht berücksichtigt sind, läßt sich nicht feststellen.»

    Ist das etwa eine Rücksichtnahme unter Geschäftspartnern? Als Bischof von Konstanz konnte Heinrich jedenfalls nicht die habsburgische Karte spielen. Aber sein Bruder Ulrich war habsburgisch-österreichischer Vogt im heute süddeutschen Raum (Mengen und Sigmaringen).

    Quellen
    • Feger, Otto: Das älteste Urbar des Bistums Konstanz, angelegt unter Bischof Heinrich von Klingenberg. Untersuchungen und Textausgabe. Quellen und Forschungen zur Siedlungs- und Volkstumsgeschichte der Oberrheinlande. 3. Band. Karlsruhe, 1943 - S. 75ff.
    • REC: Regesta episcoporum Constantiensium. Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Konstanz (Bd. 1-5). Badische Historische Kommission [Hrsg.]. - Innsbruck, 1895-1931.

    Freitag, 26. August 2016

    Warum die Gemeinde Mikro-Parzellen besitzt...

    ... und trotzdem nicht im Traum daran denkt, sie zu veräussern?

    Antwort: Weil sie ein Teil der Notwasserversorgung sind (vgl. WeiachBlog Nr. 1300).

    Es gibt etliche Parzellen in der Gemeinde Weiach, die kleiner als 10 m2 sind. Meist handelt sich dabei um die alten Laufbrunnen, die aus eigenen, vom übrigen Trinkwassernetz unabhängigen Quellen gespiesen werden.

    Die kleinste unter diesen Laufbrunnenparzellen ist die an der Luppenstrasse, was wenig verwunderlich ist, handelt es sich doch um den Dorfbrunnen mit dem kleinsten Trog (vgl. WeiachBlog Nr. 1300):


    Laufbrunnenparzelle
    • Brunnen Luppenstrasse zw. Haus 6 und 8, Parzelle 251, 3.01 m2 (mit Messwerkzeug GIS)
    • Brunnen b. Winkelstrasse 3, Schreinerei Schmid, Parzelle 262, 3.32 m2 (mit Messwerkzeug GIS)
    • Brunnen an der Stockistrasse, beim Haus Nr. 4, Parzelle 192, 3.95 m2 (mit Messwerkzeug GIS)
    • Brunnen bei Chälenstrasse 24, Parzelle 212, 4.41 m2 (mit Messwerkzeug GIS)
    • Brunnen vor Oberdorfstrasse 26, Parzelle 341, 6m2
    • Brunnen vor Oberdorfstrasse 9, Parzelle 290, 9m2
    Teil einer anderen Parzelle im Gemeindeeigentum
    • Brunnen bei Chälenstrasse 6, Teil der Parzelle 110 Riemlistrasse
    • Brunnen beim Sternen, Teil der Parzelle 1425
    • Brunnen bei Büelstr. 1, Teil der Parzelle 149 Brunnenweg
    • Brunnen beim Baumgartner-Jucker-Haus, Seite Büelstr. Teil der Parzelle 1433 (mit BJH und Gde-Haus)
    • Brunnen am Müliweg Teil der Parzelle 348 (Müliweg)

    Donnerstag, 25. August 2016

    Gemeindebrunnen - unsere Notwasserversorgung

    Acht Laufbrunnen auf Gemeindegebiet sind auf dem untenstehenden Bilderbogen vertreten. Sie stehen im jahrhundertealten Kern des Dorfes.

    Ein völlig unabhängiges System als Backup

    Was früher, d.h. bis zur Inbetriebnahme der Druckwasserversorgung im Jahre 1877 die einzige Wasserquelle für Mensch und Tier war, ist heute nicht nur ein schöner Brauch. Nein, was Sie da sehen, ist unsere Notwasserversorgung.



    Kennen Sie diese Brunnen im alten Ortskern und wissen Sie welche fehlen?

    Abgebildet sind:
    • Reihe 1: Brunnen am Müliweg von 1790, Brunnen an der Büelstrasse von 1794
    • Reihe 2: Brunnen Obere Chälen zwischen Chälenstr. 22 und 24 (ohne Jahrzahl), Brunnen im Bühl unterhalb Trafohaus (ohne Jahrzahl)
    • Reihe 3: Brunnen an der Stockistrasse (ohne Jahrzahl), Brunnen beim Sternen von 1838
    • Reihe 4: Brunnen Mittleres Oberdorf bei Einmündung Alte Post-Strasse von 1851, Brunnen an der Luppenstrasse.
    Zu den Fehlenden:
    Brunnen vor dem Haus des verstorbenen Gemeindepräsidenten Ernst Baumgartner-Brennwald von 1952, Brunnen Untere Chälen bei Werthmüller von 1904 (vgl. WeiachBlog Nr. 255), sowie Brunnen am Platz der Schreinerei Schmid (Winkelstr. 3).

    Im Kanton Zürich gibt es noch viel zu tun

    Ein Trinkwasser-Notversorgungs-Konzept, das diesen Namen verdient, haben noch längst nicht alle Gemeinden des Kantons Zürich: Es fehlten noch 110 von 170 Gemeinde-Konzepte. Ausserdem seien sie noch unvollständig und nur teilweise umgesetzt.

    Das war vor einem Jahr - nachzulesen unter dem Punkt «N3_2 – Trinkwasser-Notversorgungskonzepte in den Gemeinden» im Anhang zum Bericht «Risikomanagement Bevölkerungsschutz Kanton Zürich. Gefährdungsanalyse, Potenzialanalyse und Umsetzung» vom Juli 2015.

    Der Bericht wurde von der Beratungsfirma Ernst Basler + Partner im Auftrag der Amtschefs Bevölkerungsschutz und des Gemeindepräsidentenverbands des Kantons Zürich erstellt. Er analysiert für alle relevanten Gefährdungen, welche Massnahmen schon ergriffen wurden und wie weit sie umgesetzt sind.

    Relevante Gefährdungen und ihre Risiken

    «Analysiert wurden Gefährdungen, bei deren Eintreten sehr grosse Schäden zu erwarten sind und eine „ausserordentliche Lage“ gemäss §2 und §10 des kantonalen Bevölkerungsschutzgesetzes (BSG) eintritt. Für den Kanton Zürich gelten derzeit folgende Gefährdungen als relevant:

    Naturbedingte Gefährdungen
    • N1 Sturm
    • N2 Hochwasser
    • N3 Erdbeben

    Technisch bedingte Gefährdungen
    • T1 Absturz Grossraumflugzeug
    • T2 Störfall konventionelle Anlage
    • T3 Gefahrgutunfall Schiene
    • T4 Ausfall Stromversorgung
    • T5 KKW-Unfall Inland

    Gesellschaftlich bedingte Gefährdungen
    • G1 Pandemie
    • G2 Tierseuche
    • G3 Konventioneller Anschlag»

    Wo steht Weiach?

    Abgesehen von den Brunnen scheint das Weiacher Konzept noch keine weiteren Massnahmen zu umfassen. Gerade für die Neubauquartiere, die in den letzten 50 Jahren dazugebaut wurden, reicht das aber wohl nicht aus. Wie hiess es doch schon vor über 125 Jahren: «Mangel an genügendem Brunnenwasser verspürt».

    Weiterführende Artikel

    Mittwoch, 24. August 2016

    Wenn das Weyacher Kieswerk zum Aargau gehört

    «Humoristische Darstellung» und «Autobiografie». Diese Schlagworte hat der Katalog Swissbib aus der GND, der Gemeinsamen Normdatei der Bibliotheken, Archive, etc. ausgewählt.

    Charakterisiert wird damit das jüngste Buch des nach Brandenburg ausgewanderten Moderators Dieter Moor, erschienen im April 2015 im Rowohlt Taschenbuch Verlag. Moor hat seinen Vornamen vor etwas mehr als drei Jahren auf Max geändert, der - glaubt man der Süddeutschen Zeitung - vorerst noch als Künstlername dienen soll.


    Jugendlicher Ich-Erzähler

    Moor schreibt aus dem Blickwinkel eines Buben, der in der kleinen Gemeinde Mellikon (200 Einwohner) im Studenland aufwächst, wenige Kilometer rheinabwärts von Weiach aus (Rümikon-Mellikon ist die nächste Haltestelle nach Kaiserstuhl AG). Eine Kindheit in der Nordostecke des Aargaus also. Und der geht für den jungen Ich-Erzähler weit über die politischen Grenzen hinaus, wie man diesem Auszug entnehmen kann:

    «Gut, der Aargau hat halt wirklich keine Berge, das stimmt schon. Aber dafür die schönen Hügel vom Jura, im Jura waren früher die Dinosaurier. Und wir haben den größten Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz, in Olten, und die größte Kavalleriekaserne, in Aarau, und die größte Schuhfabrik, die Bally. Und die vielen Wasserkraftwerke an der Aare. Und die Habsburgerburg, wo die Habsburger herkommen, gegen die der Wilhelm Tell gekämpft hat, und das große Betonwerk und die Weyacher Kiesgrube mit dem berühmten Weyacher Kies und das Schloss Hallwyl und neben dran noch eine echte Pfahlbauersiedlung.

    All diese Schönheiten vom Aargau und noch viele mehr hat der Vatti mit dem Fauweh auf den Besuchen bei den Kunden kennengelernt. Aber eben nur vom Aargau. Der ist zwar ziemlich riesig, aber die Schweiz ist eben noch riesiger, und da hat es noch viel mehr Schönheiten.
    »

    Da schreibt einer mit Insiderwissen

    Der Bahnhof Olten und die Schuhfabrik Bally liegen im Kanton Solothurn, die Weiacher Kies AG im Kanton Zürich. Das weiss der Dieter Moor natürlich - darf man mindestens annehmen. Als Melliker hat er sicher auch die Block-Züge der Weiacher Kies vorbeiziehen sehen, wenn sie auf der dort vorbeiführenden Bahnlinie verschoben wurden. Mit der grössten Betonfabrik ist wohl die Holderbank Cement und Beton zwischen Möriken-Wildegg und Holderbank AG gemeint.

    Interessant ist, dass Moor explizit die von den Einheimischen verwendete Mundart-Schreibweise «Weyacher» (mit «y»!) gewählt hat. Diese Feinheiten wären einem nicht Landeskundigen entgangen - gerade das «y» ist sozusagen ein Beweis, dass er im östlichen Studenland grossgeworden ist. Sein Vater war Versicherungsvertreter und hat wohl auch Kunden in Weyach gehabt. Vielleicht sogar die Weiacher Kies AG selber.

    5468 Weyach

    Was die Zuteilung von Weyach zum Aargau betrifft: Diese Forderung hat der Autor dieses Blogs in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 40 bereits mehr als ein Jahrzehnt früher gestellt - und den Kantonswechsel auch textlich und heraldisch vorgenommen: im Titel des Artikels (Weyach mit «y»), mit Studenländer Postleitzahl (Fisibach hat 5467, Kaiserstuhl 5466) und einem von zürcherischen Einflüssen gesäuberten Gemeindewappen (nämlich das alte mit sechszackigem Stern).

    Für das jugendliche literarische Ich des zum bio-dynamischen Landwirt gewordenen Aargauers Moor ist der Kantonswechsel von Weiach bereits (humoristische) Realität - und wenn es nur ein aargauisiertes Kieswerk ist.

    Quelle und Literatur

    Dienstag, 23. August 2016

    Fussballspielen und unnötiges Velofahren wird bestraft

    Gemeindepolitiker aller Couleur pflegen im Rückblick auf frühere Zeiten vor allem eines zu beklagen: den immer kleiner werdenden Gestaltungsspielraum. Es ist sicher so, dass die Regelungsdichte vor Jahrzehnten noch kleiner war als gegenwärtig. Ein Gemeinderat musste sich aber dafür auch mit der ganzen Bandbreite an Problemen herumschlagen, die in einem Dorf eben vorkommen. Und durfte sich erlauben, eigene Regelungen zu erlassen. So wie an der Gemeinderatssitzung vom 27. Juni 1931:


    Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls der vorgängigen Sitzung behandelte der Rat als Traktandum Nr. 2 eine Übertretung mehrerer Artikel des Konkordats betreffend den Verkehr mit Motorfahrzeugen - Vorläufer des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) vom 19. Dezember 1958 - und sprach eine Busse aus.

    Kurze Frist für die Einberufung einer Gemeindeversammlung

    Als dritten Punkt der Tagesordnung beschlossen die Gemeinderäte die Anberaumung einer Gemeindeversammlung zur Abnahme der Jahresrechnungen und Wahl eines neuen Försters auf den 12. Juli (!).

    Beim vierten Traktandum wird klar, dass der Gemeinderat diese Versammlung nutzen wollte, um Remedur schaffen:

    «In der nächsten Gemeindeversammlung soll bekanntgegeben werden, dass der Gemeinderat in Zukunft das Fussballspielen auf öffentlichen Strassen und Plätzen, sowie das unsinnige und unnötige Velofahren von schulpflichtigen Kindern be[s]trafen werde.»

    Welche Vorfälle die oberste Gemeindeexekutive zu diesem Schritt bewogen haben mögen? Das steht im Protokoll leider nicht.

    Bemerkenswert ist, dass damals Velos noch ausschliesslich als seriöse Fortbewegungsmittel für Erwachsene galten. Kaum jemand hatte ein Automobil.

    Ebenso bemerkenswert: spielende Kinder auf der Strasse störten trotz dieser - aus heutiger Sicht idyllisch wirkenden - Verhältnisse mit langsamem Verkehr (in vielen Fällen noch von Kühen gezogene Fuhrwerke, Pferde konnten sich nur die wenigen Wohlhabenden leisten).

    Fussball gespielt - mitten auf der Chälenstrasse

    Wie rigoros die neuen Verbote durchgesetzt wurden ist bislang nicht bekannt. Der Verfasser dieses Blogs erinnert sich jedenfalls, dass in seiner Jugendzeit in den 1970er-Jahren an Sommerabenden mitten auf der mittlerweile asphaltierten Chälenstrasse spontan Fussball gespielt wurde. Für die durchfahrenden Autos haben wir dann halt jeweils temporär das Spielfeld geräumt. Nach dem Bau all der neuen Wohnblöcke an der heute «Im Bruchli» benannten Sackgasse sind solche Freizeitvergnügen heute undenkbar.

    Aber wer weiss: wenn es schon im Oberdorf möglich ist, eine 30er-Zone einzurichten, weshalb dann nicht auch in der Chälen? Vielleicht sogar eine «Begegnungszone» (vgl. Bild aus der Signalisationsverordnung (SSV))?


    Zu dieser Begegnungszone steht in Art. 22b Abs. 1 SSV:

    «Das Signal «Begegnungszone» (2.59.5) kennzeichnet Strassen in Wohn- oder Geschäftsbereichen, auf denen die Fussgänger und Benützer von fahrzeugähnlichen Geräten die ganze Verkehrsfläche benützen dürfen. Sie sind gegenüber den Fahrzeugführern vortrittsberechtigt, dürfen jedoch die Fahrzeuge nicht unnötig behindern.»

    Das entspricht ziemlich genau der strassenfussballfreundlichen Situation vor rund 40 Jahren. Bleibt aber wohl Utopie.

    Quelle
    • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934, S. 171-172. [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]

    Sonntag, 21. August 2016

    Auch Grünfuttersilos brauchen eine Baubewilligung

    Gestern war auf diesem Blog die Rede von einem Arbeitsunfall im Heustock. Heu und Emd - und zwar im Freien getrocknet und dann in den Stock eingebracht - ist die traditionelle Art der Futtergewinnung für den Winter.

    Vor einem halben Jahrhundert hielt die neue Technik der Silierung Einzug in die Weiacher Landwirtschaft. Es wurden sogenannte Grünfuttersilos gebaut. So viele, dass es sogar dem Chronisten Zollinger auffiel, der in der Ausgabe 1966 solche Silos in einem Fall im Text vermerkte...

    «Für 1966 sind nur vier grössere Bauvorhaben zu verzeichnen:»
    (...)
    «Otto Meier-Brandstätter, Bergstrasse
    Umbau z.T. Neuerstellen von Scheune und Stallungen, Silos


    ... und als Beleg dazu gleich zwei Ausschnitte aus Zeitungen einklebte:



    Man sieht, dass da offensichtlich noch nachträglich Baugesuche für bereits erstellte Silos eingefordert wurden.

    Ein weiteres interessantes Detail ist die unterschiedliche Strassenbezeichnung der Liegenschaft Meier-Brandstätter. Die heutige Bergstrasse (auch von Zollinger so genannt) beginnt genau bei dieser Liegenschaft, vis-à-vis der Alten Post. Und vor dem Bau der Stadlerstrasse war diese Verbindung über den Berg die alte Zürichstrasse.

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 24, 24a u. 25. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

    Samstag, 20. August 2016

    Heusonde führt zu Rippenbruch

    Heusonden sind nützliche Helfer, wenn es darum geht eine Überhitzung des Heustocks frühzeitig festzustellen und damit einen Brand noch rechtzeitig zu verhüten (vgl. Wikipedia-Artikel «Heusonde»).

    Vor einem halben Jahrhundert konnte einem ein solches Gerät aber auch einen körperlichen Schaden bescheren, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1966 zu einem Vorfall vom 2. Juni schreibt:

    «Ernst Bersinger Gemeinderat erleidet bei der Untersuchung seines Heustockes mit der Heusonde einen Rippenbruch, weil die Sonde plötzlich nachgab und ihm mit Wucht in die Brust stösst.»

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 24. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

    Donnerstag, 18. August 2016

    Was bedeutet «site prope Kaiserstůl» wirklich?

    «Bischof Heinrich von Constanz ratifiziert den Verkauf der zum Hof Weyach gehörigen Gerichtsbarkeit durch Jakob von Wart an den Bischof selbst». So wird in Band VI des Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich (UBZ, vgl. WeiachBlog Nr. 508) aus dem Jahre 1903 ein am 8. Februar 1295 abgeschlossenes Rechtsgeschäft im Titel umschrieben.

    Zwei Rechtsbezirke

    Entgegen dieser Bezeichnung geht es nicht nur um den «Hof», sondern offenbar um zwei separat bezeichnete Rechtsbereiche: das Dorf Weiach selber und den Meierhof gleichen Namens, wie der lateinische Wortlaut vermuten lässt:

    «Noverint universi tam posteri quam presentes, quod ego pure ac liberaliter omne ius michi competens in iurisdicione // et districtu curie villicatus dicte Wiach, site prope Kaiserstůl, et in villa Wiach, que iurisdicio getwinch et ban wlgariter appellatur, trado, dono et confero venerabili patri H. dei gratia Constantiensi episcopo nomine et vice ecclesie sue Constantiensis» (UBZ N° 2323; VI, 289)

    Dieser zentrale Textabschnitt gibt die Willenserklärung des Freiherrn Jakob von Wart wieder: Kund und zu wissen sei allen, sowohl den (damals) Lebenden wie der Nachwelt, dass er aus freien Stücken alle seine gerichtsherrlichen Rechte, die der Volksmund Twing und Bann nenne, dem ehrwürdigen Vater Heinrich, von Gottes Gnaden Konstanzer Bischof, verkaufe, schenke und übertrage. Der Bischof wird als im Namen und für das Gut der Konstanzer Kirche handelnd bezeichnet.

    Wie in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 52 erläutert, geht es dabei um zwei separat genannte Bereiche, eine «curia villicatus» genannt Wiach, die bei Kaiserstuhl liege und um das Dorf Wiach. So sieht es Konrad Wanner in seiner Dissertation aus dem Jahre 1984.

    «situm in» ...

    Nur wenige Jahre zuvor, am 19. Juni 1279, war ein Grundstückhandel zwischen zwei Kaiserstuhlern betreffend ein «predium dictum Kolun» [nach einer anderen Fassung: «Kelun»], «situm in villa Wyach» Gegenstand einer Urkunde, deren Inhalt heute nur noch in mehreren Abschriften überliefert ist.

    Interessanterweise wird die Chälen in dieser Urkunde rechtlich nicht vom Dorf unterschieden dargestellt, sie ist «situm in», das heisst im Dorf gelegen. Ist die Unterscheidung von Meierhof (curia villicatus) und Dorf (villa) - wie in der Urkunde von 1295 - nur eine, die bei einer Übertragung der gerichtsherrrlichen Rechte verdeutlichen soll, dass eben wirklich beide rechtlichen Entitäten gemeint sind und nicht später unterstellt werden kann, es sei nur das Dorf gemeint, nicht aber der Meierhof?

    Wanner 1984 ist der Meinung, bei dieser «curia villicatus» handle es sich um die Chälen. Er amalgamiert sozusagen zwei Urkunden (die Namensnennung «Kolun» bzw. «Kelun» von 1279 und die rechtliche Qualifizierung von 1295) und zwar mit der folgenden Erklärung: «Der Dorfteil "Kelen" war im Hochmittelalter, wie sein überlieferter Name sagt (und die Bezeichnung "curia villicatus" in der Urkunde von 1295 noch deutlicher macht), eine Fronhofsiedlung.»

    ... versus «site prope»

    Man kann sich auch die Frage stellen, was die am 8. Februar 1295 beteiligten Parteien (Freiherr Jakob von Wart und Bischof Heinrich II. von Klingenberg) unter dem Begriff «site prope Kaiserstůl» verstanden haben. Das Adverb «prope» an sich ist klar. Es bedeutet «nahe» bzw. «in der Nähe von». Aber was heisst das jetzt konkret?

    Lag der Meierhof zwischen Dorf und Städtchen?

    Wenn damit gemeint war, dass Weiach (und damit beide genannten Örtlichkeiten: Meierhof und Dorf) nahe Kaiserstuhl liege, so wie man heute noch manchmal «Weiach bei Kaiserstuhl» liest - und damit Lesern, die zwar vom Städtchen schon gehört haben, aber Weiach geographisch nicht einordnen könnten, helfen will - dann würde Wanner mit seiner Einschätzung, der Meierhof sei mit der Chälen identisch, recht behalten.

    Wenn damit allerdings zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass der Meierhof wirklich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kaiserstuhl gelegen war, das Dorf Weiach (relativ zum Meierhof) aber nicht, dann könnte dieser Meierhof sein Zentrum nicht in der heutigen Chälen gehabt haben, sondern müsste zwischen dem heutigen Dorfkern und Kaiserstuhl gelegen haben: im Raum See-Winkel-Bedmen.

    Dieses Gebiet war ja auch eine eigene Zelg, die sogenannte Stadtzelg, weil sie vom Dorf aus gesehen gegen das Städtchen lag. Und just diese Zelg sei - nach Angaben des Weiacher Pfarrers Konrad Hirzel von 1850 - «am längsten in Kultur u. liefert in der Regel den reichsten Ertrag», das heisst, dass dies das beste Land war und es eine Erinnerung daran gab, dass dort früher als an anderen Orten auf Gemeindegebiet bereits Landwirtschaft betrieben wurde.

    Das Gebiet der früheren Stadtzelg (oder Teile davon) könnte also durchaus die landwirtschaftliche Nutzfläche dieses alten Meierhofs sein, der 1295 seinen Auftritt in einer Urkunde erhielt. Wanner meint allerdings, dass die von der Sonne eher verwöhnten Hänge im Osten (d.h. die Dorfteile Oberdorf und Büel) älter seien.

    Zweifel an Wanners Zuordnung

    In Weiacher Geschichte(n) Nr. 51-54 habe ich vor 12 Jahren die Deutung von Wanner 1984 übernommen. Daran sind aber durchaus Zweifel angebracht.

    Ausser der Gleichsetzung des heutigen Ortsteils Chälen (früher Kelen, Chelle, o.ä. genannt) mit dem Meierhof bringt Wanner meines Erachtens keine weiteren hieb- und stichfesten Beweise für den Standort des Betriebszentrums. Ihm reicht der Umstand, dass eine «villicatio» ins Deutsche übertragen als «Kelnhof» bzeichnet wird, verbunden damit, dass der Ortnamen Kelen heute eine bestimmte Häusergruppe im Westen des Ortes bezeichnet, völlig aus, um einen Charakter des Dorfteils Kelen als abgeschlossenen Herrenhof (eben diesen Meierhof) festzustellen (vgl. S. 158).

    Verwiesen sei auch auf die Anmerkung 5 zum Kapitel über Weiach (S. 339): «ZUB VI, Nr. 2323 (1295): "ius michi competens in iurisdicione (!) et districtu curie villicatus dicte Wiach site prope Kaiserstuol (Ortsteil Kelen!) et in villa Wiach (Ortsteil Dorf!), que iurisdicio (!) getwinch et ban wlgariter appellatur".»

    Für Wanner ist es offensichtlich keine Frage, welchen heutigen Ortsteilen die beiden 1295 genannten Rechtsbezirke zuzuordnen sind.

    Einen einigermassen sicheren Nachweis dürfte man erst dann erhalten, wenn die Besitzverhältnisse über Jahrhunderte hinweg mittels urkundlichen, notariellen, gerichtlichen und anderen schriftlichen Beweisstücken zurückverfolgt und auf der Landkarte verortet werden können. Das ist ein aufwändiges Puzzlespiel - ohne jede Garantie, dass man alle Teilchen noch zur Verfügung hat.

    Nachtrag: Die Sicht des Kanzlisten

    Einmal abgesehen von diesem gerade genannten Desiderat, das neben vielen Erkenntnissen wohl auch viele weitere Fragen aufwerfen dürfte, ist es sicher hilfreich, die Urkunde von 1295 auch mit den Hilfsmitteln der Diplomatik zu beleuchten.

    Bischof Heinrich war seit 1293 im Amt und hatte bereits im darauffolgenden Jahr 1294 die Stadt Kaiserstuhl gekauft. Die Transaktion mit Jakob von Wart steht in diesem Zusammenhang und den landesherrlichen Arrondierungsbemühungen des Klingenbergers.

    Ein solcher machtpolitischer Umstand war der bischöflichen Kanzlei in Konstanz natürlich wohlbekannt. Und so wäre es denn auch kein Wunder, wenn der Einschub «site prope Kaiserstůl» durch den Schreibenden lediglich als sozusagen interner Verweis für die Lage des neu erworbenen Rechts gedient haben sollte. Und nicht als etwas, was seitens der handelnden Subjekte (Freiherr und Bischof) als entscheidende Information empfunden worden wäre.

    Interessanterweise sind bei diesem Rechtsgeschäft auch keine Zeugen genannt, so wie das sonst üblich gewesen ist. Die Angelegenheit erscheint fast wie eine Privatabmachung zwischen von Wart und von Klingenberg.

    Quellen

    Mittwoch, 17. August 2016

    Chamäleon-Spycher und Näpferhüsli

    Auf der Twitter-Seite von WeiachBlog habe ich die Frage gestellt, welche Gebäude auf den neu im Header gezeigten Fotos abgebildet sind:


    Dieser Beitrag trägt die Nummer 1294 und deshalb folgt hier nun die Auflösung.


    Vom Waschhaus zur Caffè-Bar

    Die Photographie links ist mindestens 50 Jahre alt und zeigt den Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses, der nach Angaben der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich aus dem Jahre 1821 stammt (vgl. WeiachBlog Nr. 623).

    Das Photo wurde von Zollinger ins Typoskript seiner Jahreschronik 1963 (Bildquelle: G-Ch Weiach 1963 - S. 26) eingeklebt, welche gemäss den Angaben des Chronisten (S. 26) im November 1964 vollendet war.


    Neben dem Photo hat der Chronist vermerkt: «Waschhäuschen zugl. Spycher b. d. Kirche». Und gemäss den Lagerbüchern der kantonalen Gebäudeversicherung war das 1834 tatsächlich ein «Waschhaus» sowie eine «Schütte» - Zollingers Angaben sind also historisch korrekt, was die ursprünglich von den Bauherren angestrebte Funktion betrifft.

    Das Gebäude gehört heute der Gemeinde Weiach und beherbergt seit Ende August 2008 die Chamäleon Caffè-Bar Lounge (vgl. WeiachBlog Nr. 643 zur Eröffnung).

    Das untenstehende Bild zeigt den renovierten Speicher. Es wurde vor der Eröffnung des Chamäleon aufgenommen und erstmals Ende Juli 2008 im WeiachBlog Nr. 623 (Titel: «Untere und obere Amtsrichters. Von Häusern und ihren Menschen») veröffentlicht.


    Das Näpferhüsli - dort wo einst eine Ziegelei stand

    Auch der Aufnahmezeitpunkt der Photographie in der Mitte des Headers ist nur per Terminus ante quem festlegbar. Weil die Zollinger'sche Jahreschronik 1964 (Bildquelle: G-Ch Weiach 1964 - S. 13) gemäss den Angaben im Dokument selber (S. 27) im September 1965 abgeschlossen wurde, kann das Foto nicht später entstanden sein:


    Der Standort des Photographen war auf der Wiese, wo sich heute der grosse Spielplatz befindet. Rechts ausserhalb des Bildes steht das Alte Gemeindehaus.

    Im November 2006 habe ich dazu vermerkt: «Das kleine Haus der Frau Nepfer (s' Näpferhüsli) auf dem Platz zwischen dem Alten Gemeindehaus und der Abzweigung Luppenstrasse steht schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Dort hat die Gemeinde 1985 ein modernes Mehrfamilienhaus errichten lassen.» (WeiachBlog Nr. 319).

    Mittlerweile ist das Näpferhüsli also schon seit mehr als 30 Jahren aus dem Dorfbild verschwunden. Tempus fugit.

    Dienstag, 16. August 2016

    Tweets über WeiachBlog

    Es ist schon geraume Zeit her, dass sich der Autor dieses Blogs den Namen @WeiachBlog auf Twitter gesichert hat - gemäss dem Kurznachrichtendienst war das im November 2014. Nun hat auch WeiachBlog seine ersten Tweets abgesetzt:


    Bislang habe ich darauf verzichtet, auch dort noch aktiv zu sein - man soll sich ja nicht verzetteln. Nachdem nun aber seit diesem Jahr auch reale Personen - und nicht nur Spam-Accounts diesem Twitter-Account folgen (d.h. seine Nachrichten abonniert haben) und auch mit dem @-Operator auf den bislang schlafenden Account verwiesen wird, sieht das jetzt schon etwas anders aus.

    In der Kürze liegt die Würze

    Zwar trägt Microbloggen (wie der Gattungsbegriff für solche Dienste wie Twitter lautet) immerhin das Bloggen im Namen - die Nutzungsart ist jedoch eine ziemlich verschiedene. Denn auf einem Microblogging-Dienst muss man sich der Kürze befleissigen. In der Regel hat man nur grad 140 Zeichen zur Verfügung. So viele passen in ein SMS. Deswegen wird ein Tweet manchmal auch Status genannt, weil manche Leute auf diese Weise mitteilen, was sie gerade tun. Oder was sie interessant finden und mit anderen teilen möchten. Letzteres tut man vorzugsweise mit Weblinks auf andere Seiten - zu mehr reicht der Platz nicht.

    Verweise auf WeiachBlog-Beiträge 2009-2016

    Gemäss der auf Twitter verfügbaren Suchmaschine (Abfrage von heute 16. August) gab es seit 2009 immerhin elf Tweets (also Twitter-Nachrichten), die auf WeiachBlog-Beiträge verlinkt haben. Sie nutzen ausnahmslos einen Weblink-Verkürzungsdienst, wie bit.ly oder tinyurl.com:

    • lindsay l. ‏@lindsay_l0han · 18. Dez. 2009 WeiachBlog: Als Seite-1-Girl im «Blick»: «In the future, everyone will be famous for 15 minutes», soll der Pop-.. http://bit.ly/5qL14t
    • Michael Schmidt ‏@mschmidt29 · 3. Jan. 2010 WeiachBlog: Arbeitslosigkeit warf keine verheerenden Wellen: Von freien Samstagnachmittag verspürt man hier nicht ... http://bit.ly/8ywrva
    • bauernhof ‏@bauernhof · 27. Jan. 2010 WeiachBlog: Fast ein halbes Jahrhundert in der Schulpflege: Frau Elise Schenkel, Rhyschenkels genannt, weil sie mi... http://bit.ly/daY62Q
    • Kreuzberg Tweets ‏@xberg · 4. Feb. 2010 Google-Blogs: WeiachBlog: Ex-DDR-Parteiorgan erwähnt Weiach - http://tinyurl.com/ye4ushb
    • Ulrich ‏@Ulrich5 · 28. Feb. 2010 WeiachBlog: Kredit für die Verbreiterung des Pausenplatzes http://bit.ly/99hVBU
    • erziehung ‏@erziehung · 8. Juni 2010 WeiachBlog: Paternitätsklage 1868: Zu Kinderalimenten verdonnert: Das Kind bleibt bis zu seinem zurückgelegten zwö... http://bit.ly/9PKUGT
    • Chirs White ‏@top_schluessel · 5. Feb. 2011 WeiachBlog: Zu erwartender Reichtum ermöglicht weitere ...: Zu erwartender Reichtum ermöglicht weitere Infrastru... http://bit.ly/dGa1uS  
    • Steffi Schubert ‏@bkforschung · 28. März 2011 WeiachBlog: Märzwetter 1961: Pfirsichbäumchen mit Tüchern geschützt: Peak Oil lässt grüssen. Quellen. Zoll... http://tinyurl.com/4p8meh2
    • Prof. Dr. Seis ‏@seismologie · 28. Apr. 2011 WeiachBlog: «Ziemlich heftiger Erdbebenstoss»: Da im Bereich der Erdbeben-Intensität im Allgemeinen ein Sprachve... http://bit.ly/jCewUv
    • Happy Horse ‏@Mr_Happy_Horse · 4. Aug. 2011 Pferdezäune - professionell aufgezogen (WeiachBlog): Wer die Entwicklung in den letzten Jahren v... http://bit.ly/pbWmVk
    • beatrice wertli ‏@bwertli · 15. Aug. 2016 Wortwörtlich mit Kommentar: #1August Ansprache: http://bit.ly/2aUlA2t. Vielen Dank @WeiachBlog und @StefanArnold19
     

    Montag, 15. August 2016

    Ortsgeschichte mit Fadenheftung und Leinen-Einband

    Es gibt bislang erst eine Monographie, die sich ausschliesslich mit der Geschichte von Weiach befasst und die mit harten Buchdeckeln versehen das Licht der Welt erblickt hat: die im Volksmund nach ihrem Rückentitel «Chronik» genannte Schrift von Walter Zollinger.

    Eine Spezialität dieses Werks ist das Fehlen jeglicher Angaben zum Erscheinungsjahr. Nur das Vorwort ist datiert. Und zwar mit «Dielsdorf, an Ostern 1971» - dem letzten Wohnort des Autors.

    Hat Zollinger auf diesen Zeitpunkt seine Arbeiten am Manuskript der «Chronik» abgeschlossen - oder soll die Angabe tatsächlich auf den Publikationszeitpunkt hinweisen, wobei irrtümlicherweise die Jahrzahl 1971 nicht auf 1972 geändert wurde?

    Zwei Auflagen im 20. Jh, zwei im 21.

    Dass die 1. Auflage - entgegen den Einträgen in vielen Bibliothekskatalogen - erst 1972 publiziert wurde, habe ich bereits in einem der ersten Beiträge dieses Blogs nachgewiesen (vgl. An Ostern 1972 veröffentlicht – nicht 1971, WeiachBlog Nr. 19 vom 19. November 2005).

    Für das Erscheinungsjahr der 2. Auflage (1984) habe ich mich bislang auf die Angaben von alt Gemeindeschreiber Hans Meier gestützt. Er erinnert sich noch an viele Details mit einer Genauigkeit, die in Staunen versetzt. Ich hatte also keinen Anlass, die Jahrzahl in Frage zu stellen.

    Wo die ersten beiden Auflagen noch textgleich sind, handelt es sich bei den Auflagen Nr. 3 und 4 um Überarbeitungen, die auf dem ursprünglichen Text Zollingers und seiner Kapitelstruktur aufbauen. Die Redaktion hat der Autor der Weiacher Geschichte(n), Ulrich Brandenberger, besorgt. Die 3. Auflage wurde 2003 von der Gemeinde Weiach in Druck gegeben. Die 4. Auflage ist eine Nachführung der 3. Auflage, die seit 2004 neuere Entwicklungen und Erkenntnisse aufnimmt. Sie entspricht der 3. Auflage in Kapitelstruktur und Seitenzahl, wird jedoch lediglich online veröffentlicht (Bezeichnung: «Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach», Online-Ausgabe [Monat Jahr]»).

    Was steht über Zollingers «Chronik» in den Protokollen?

    Nachdem die Nationalbibliothek, die alle Printerzeugnisse mit Schweizbezug sammelt, sich mit dem Gedanken trägt, neben der in ihren Beständen schon vorhandenen 1. und 3. Auflage auch die zweite Auflage antiquarisch zu beschaffen, wollte ich auch für die Publikationsjahrzahl 1984 einen schriftlichen Nachweis vorlegen können.

    Wo fände man den besser als durch einen Blick in die Gemeinderatsprotokolle? Denn die drei ersten Auflagen wurden mit Steuergeldern gedruckt. Deshalb muss auch ein formeller Beschluss der Gemeinde vorliegen. Da es sich bei den Druckkosten nicht um eine sehr grosse Ausgabe handelt, liegt die Annahme nahe, dass dieses Geschäft nicht der Gemeindeversammlung vorgelegt werden musste.

    1. Auflage: Teurere Ausführung genehmigt

    Und so ist es auch. Fündig wird man im Gemeinderatsprotokoll vom 2. November 1971 bei der Laufnummer 173, Rubrik 13.10. Unter dem Titel «Gemeindeverwaltung, Gemeindechronik. Auftrag zur Drucklegung.» steht:


    «W. Zollinger, Dielsdorf, übermittelt eine Offerte der Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, für den Druck der Chronik Weiach. W. Zollinger empfiehlt Fadenheftung und Leinen-Einband. Die Ausführung in Karton oder gar nur brochiert käme wohl billiger, doch würden solche Hefte sehr bald zerfallen und unansehnlich werden. Die Kosten für 500 Ex. belaufen sich auf ca. Fr. 6'870.-- (Richtpreis).
     
    Der Gemeinderat beschliesst:
    1. Für die Drucklegung der Chronik "Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach" wird ein Kredit von rund Fr. 6'870.-- bewilligt.
    2. Mit dem Druck wird die Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung: Fadenheftung und Leinen-Deckeneinband.»

    Dieser Beschluss zeigt, dass Zollingers Wort damals im Gemeinderat Gewicht hatte. Die Gemeinde konnte sich die Ausgabe allerdings auch leisten - dank Kiesgeld.

    Wie lautet der korrekte Titel?

    Interessant ist die Titelangabe: «1271-1971» gehörte für Zollinger offensichtlich nicht zum Titel. Auch der zweitletzte Abschnitt des Vorworts zeigt, was Zollinger als Titel verstanden hat: «So ist «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach», trotz der etwas bescheideneren Gestaltung, doch eine historisch getreue Zusammenstellung der erwähnenswerten Geschehnisse aus Frühzeit, Mittelalter, neuer und neuester Zeit geworden.»

    «700 Jahre Weiach» als Katalysator

    Zollinger hat nicht unbedingt erwartet, dass seine Schrift «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» in Druck gegeben würde. So schreibt er im letzten Abschnitt seines Vorworts: «Dass diese nun sogar herausgegeben werden darf, ist der Aufgeschlossenheit des Gemeinderates Weiach zu verdanken. Wenn er damit aber auch der gesamten Einwohnerschaft eine kleine Freude bereiten kann, dann würde dies den Verfasser selber am allermeisten freuen.»

    Damit wird indirekt bestätigt, dass der Gemeinderat und nicht die Gemeindeversammlung entschieden hat. Und weiter wird darauf hingewiesen, dass das Büchlein an alle Haushaltungen abgegeben werden sollte. Davon steht im Gemeinderatsbeschluss zwar nichts - man muss es aber aufgrund des Umstandes, dass die Auflage von 500 Exemplaren bereits nach spätestens 12 Jahren vergriffen war, annehmen.

    Wann die Idee für das Buch «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» entstanden ist, lässt sich anhand der vorliegenden Angaben nicht genau rekonstruieren. Wir wissen immerhin, dass der Autor die Bundesfeier 1971 zum Anlass genommen hat, einen Vortrag zum Thema «700 Jahre Weiach» zu halten (vgl. WeiachBlog Nr. 449 vom 7. Mai 2007). Er ist als 14-seitiges Skript erhalten geblieben. Ob der Vortragstext dem Buch Pate gestanden hat oder umgekehrt, dies könnte man allenfalls mittels genauer Textanalyse eruieren.

    In Würdigung der Umstände und insbesondere des letzten Abschnitts des Vorworts tendiere ich zur Ansicht, dass die Angabe «an Ostern 1971» bezüglich der Jahrzahl ein Irrtum ist und eigentlich Ostern 1972 gemeint war - nämlich der Erscheinungszeitpunkt.

    2. Auflage: Alles wie gehabt - bis auf ein paar neue Bilder

    Auch zur zweiten Auflage gibt es einen Gemeinderatsbeschluss. Und Hans Meier erinnert sich richtig: das war 1984. Das Gemeinderatsprotokoll vom 29. Mai 1984 führt den Entscheid mit der Laufnummer 96 in Rubrik 13.10. unter dem Titel «Gemeindechronik. Nachdruck Dorfchronik 1271 – 1971.»:


    «Im Jahre 1971 liess der Gemeinderat 500 Ex. der von W. Zollinger verfassten Chronik Weiach 1271 – 1971 drucken. Der Vorrat ist nun erschöpft. Es empfiehlt sich, das beliebte Bändchen, das an die neuzuziehenden Familien und an die Jungbürger gratis abgegeben wird, neu drucken zu lassen. Für den Druck von 500 Ex. liegen folgende Offerten vor:
     
    - Akeret AG, Dielsdorf Fr. 6'335.--
    - Swissair, einfachere Ausführung Fr. 3'150.--
    - Orell Füssli, Zürich Fr. 5'976.--
    - bbj-Druck AG, Dübendorf Fr. 7'550.--
     
    Die Akeret AG, welche schon die 1. Auflage druckte, erklärt sich bereit, die Arbeit für Fr. 5'700.-- auszuführen, dazu für jede weitere Seite Fr. 46.--. Es ist vorgesehen, die Broschüre um einige Seiten zu ergänzen und aufzulockern (Illustrationen H. Rutschmann, Plan, Fotos von einst und jetzt).
     
    Der Gemeinderat beschliesst:
    1. Für den Nachdruck der Dorfchronik Weiach wird ein Kredit von ca. Fr. 6'000.- bewilligt. Auflage: 500 Exemplare.
    2. Mit dem Druck wird die Druckerei Akeret AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung wie bisherige Chronik.»

    An diesem Beschluss sind zwei Dinge interessant. Einerseits der Titel, bei dem nun (im Gegensatz zum Beschluss von 1971 - und Zollingers Titel-Bezeichnung) die Jahrzahlen und die Bezeichnung «Chronik» zu prägenden Elementen werden. Andererseits die explizite Erwähnung derjenigen zusätzlichen Seiten, welche den Unterschied zur 1. Auflage ausmachen.

    Nachdem der Gemeinderat den Beschluss, eine 2. Auflage drucken zu lassen, bereits Ende Mai 1984 gefällt hat, darf man annehmen, dass 1984 auch das Publikationsjahr ist.

    An wen wurden die Bücher verteilt?

    Die 1. Auflage wurde kurz vor Ostern 1972 ausgeliefert. Und sie war - trotz vergleichsweise hoher Auflage - nach wenig mehr als einem Jahrzehnt bereits vergriffen. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass nicht nur jeder Haushalt im Erscheinungsjahr ein Exemplar erhielt, sondern ab 1972 auch jeder Jungbürger und jede Jungbürgerin jeweils anlässlich der feierlichen Aufnahme ins Stimmrecht eines in die Hand gedrückt bekam. So kam der Autor des WeiachBlog auch zu seinem Exemplar der 2. Auflage.

    Berechnen wir nun, wieviele Exemplare pro Jahr im Schnitt abgegeben wurden, so kommen wir auf folgende Zahlen:
    • Erste Auflage 1972: 500 / 12 Jahre (1972 bis 1984), d.h. 41 pro Jahr
    • Zweite Auflage 1984: 500 / 20 Jahre (1984 bis 2003), d.h. 25 pro Jahr
    Bei Annahme ungefähr gleicher Jahres-Rate ab 1972 wie ab 1984 kommt man auf eine Erstausstattungsmenge von um die 200 Exemplaren für die im Frühjahr 1972 bestehenden Haushalte. Berücksichtigen muss man auch, dass Zollinger wohl einige Autorenexemplare zu seiner Verfügung erhalten hat. Der Rest ging an Neuzuzüger und Jungbürger, so wie auch fast die gesamte 2. Auflage

    Von der 3. Auflage 2003 wurden lediglich 100 Stück gedruckt. Sie war nach spätestens 8 Jahren vergriffen, d.h. abzüglich Autorenexemplaren ergibt dies eine Jahresrate von 11-12 Exemplaren.

    Fazit: Viel weniger Exemplare trotz massiv mehr Zuzügern. Neuzuzüger und Jungbürger erhalten die Gemeindegeschichte offensichtlich nicht mehr automatisch ausgehändigt.

    Nachtrag vom 16. August

    Gregor Trachsel, Gemeindepräsident von 2002 bis 2010, hat auf Anfrage bestätigt, dass in seiner Amtszeit der Brauch, ein Exemplar der «Chronik» an Neuzuzüger und Jungbürger abzugeben nicht mehr gepflegt wurde. Mangels vorrätiger Exemplare ist man also vom Push- zum Pullprinzip übergegangen. Will sagen: Wer nicht fragt, erhält auch nichts.

    Sonntag, 14. August 2016

    Mehr «Vereinsmeierei»! Ansprache zur Bundesfeier von Béatrice Wertli

    Aussergewöhnlich. Mit diesem Prädikat kann man die diesjährige Ansprache zum 1. August in Weiach am besten charakterisieren. Sie ist es gleich in mehrfacher Hinsicht.

    Frauenpower

    Zum einen stand - wohl erst zum zweiten Mal - eine Frau am Rednerpult. Politikerinnen sind in Weiach so selten wie Einhörner. Es gibt sie schlicht nicht. Zumindest im Gemeinderat hat noch nie eine Frau Einsitz genommen. Frauen gibt es nur in der Kirchenpflege oder der Schulpflege.

    CVP

    Zum zweiten ist die Festrednerin für eine Partei tätig, welche in hiesiger Gemeinde gemessen an den Wahlresultaten eine verschwindend kleine Rolle spielt. Und die ist in den letzten Jahren sogar noch kleiner geworden, zumindest wenn die Resultate der Nationalratswahlen herangezogen werden: 2003 waren es 4.5%, 2007 4.7%, 2011 3.7% und 2015 erfolgte ein Einbruch auf lediglich 2.0%.

    Bundesbern

    Drittens ist der Umstand ungewöhnlich, dass ein schweizweit bekannter Chefbeamter der Bundesverwaltung den Anlass mit seiner Anwesenheit beehrt. Stefan Meierhans, der Ehemann der Festrednerin, führt als «Monsieur Prix» zwar nur ein ganz kleines «Bundesamt» (25 Mitarbeiter), seine Medienpräsenz ist dafür umso grösser.

    Social Media

    Viertens ist es für Weiach ein Novum, dass Personen des öffentlichen Lebens über einen Anlass in Echtzeit twittern und gegenseitig aufeinander Bezug nehmen. Einige Muster dieser öffentlichen Konversation auf Social Media sowie Bilder, die via Twitter gepostet wurden illustrieren diesen Beitrag.

    Originalton

    Und fünftens ist es für WeiachBlog das erste Mal, dass die abgedruckten Reden dem tatsächlich Gesprochenen entsprechen. Bislang habe ich die mir von den Rednern zugesandten Texte (auf Wunsch redigiert) abgedruckt. Auch wenn da schwarz auf weiss «Es gilt das gesprochene Wort» drüberstand (wie bei Regierungsrat Kägi im Jahre 2007). Dem Umstand, dass ich selbst zugegen war und die Erlaubnis für Tonaufnahmen erhalten habe, ist es geschuldet, dass diese unten abgedruckten Reden des Gemeindepräsidenten und der Festrednerin ein wortgetreues Transkript sind - lediglich allfällige Äähs wurden weggelassen. Bei Frau Wertli entspricht alles dem Originalton.

    Nun aber medias in res! Es sei lediglich noch darauf hingewiesen, dass auch dieses Jahr die Reden im Dialekt gehalten, zwecks grösserer Reichweite und besserer Lesbarkeit aber in Hochdeutsch transkribiert wurden. Bemerkungen in eckigen Klammern beziehen sich auf Reaktionen aus dem Publikum. Auf Zwischentitel als redaktionelle Zugaben von WeiachBlog wurde verzichtet, dafür wurden aus Sicht der Redaktion prägende Sätze und Stichworte fett gesetzt.


    Es folgt die Kurzansprache des Gemeindepräsidenten (rechts im Bild):

    «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Geschätzte Einwohnerinnen und Einwohner! Liebe Gäste!

    Ganz speziell willkommen heissen möchte ich Frau Beatrice Wertli, Generalsekretärin CVP Schweiz und Herr Stefan Meierhans, Eidgenössischer Preisüberwacher.

    Als Gemeindepräsident heisse ich Sie ganz herzlich willkommen zur 1.-August-Feier.

    Sie, liebe Anwesende, haben sich heute Abend hier zusammengefunden, um zusammen den Geburtstag der Schweiz zu feiern. Wir besinnen uns auf das, was uns eint, nämlich Schweizer zu sein oder in der Schweiz zuhause zu sein. Ganz unabhängig davon, was das für jeden von uns persönlich genau bedeuten mag. Wir besinnen uns heute Abend auf das was uns einigt und nicht das, was uns trennt, sei es politisch, sei es beruflich, sei es in der Art und Weise wie wir das Leben leben. Es freut mich sehr, dass wir heute Abend Gelegenheit haben, uns gemeinsam Gedanken zu den Werten zu machen, Werte, die unser Vaterland seit mehr als 7 Jahrhunderten zusammenhalten. Wir feiern heute den 1. August, den Nationalfeiertag der Schweiz, wir denken an unsere Heimat, an das Gründungsjahr der Alten Eidgenossenschaft im 1291, die allerdings noch keine Demokratie gewesen ist, sondern unterteilt in Herrschaft und Untertanengebiet, wo nicht alle Menschen in Freiheit gelebt haben. Freiheit und Demokratie kann leider auch im Jahre 2016 noch nicht weltweit erlebt werden.

    Sicher gibt es Dutzende Gründe warum sie heute da sind. Sie geniessen die vertraute Gesellschaft und den feierlichen Anlass, sie schätzen die Tradition oder sind sogar Mitglied in einem der zahlreichen Vereine im Dorf. Oder sie sind einfach nur neugierig wie diese Feier heute hier abläuft und besuchen sie zum ersten Mal. Vielleicht sind Sie sogar extra wegen der Gastrednerin gekommen.

    Je vielfältiger die Antworten auch ausfallen, desto offensichtlicher ist es, dass da Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Meinungen zusammenfinden, um friedlich den 1. August zu feiern. Auf das können und sollten wir stolz sein. Diese Vielfalt ist typisch für unser Land. Ich finde es eine schöne Tradition, dass unsere Gemeinde jedes Jahr Rednerinnen und Redner mit unterschiedlichsten Hintergründen und Meinungen zu uns einlädt und es erfüllt mich mit Stolz, dass wir heute in diesem Jahr mit Béatrice Wertli die Generalsekretärin der CVP Schweiz in Weiach begrüssen dürfen.
    »


    «Bevor wir aber Béatrice Wertli ganz offiziell begrüssen und ihr das Wort übergeben, lassen Sie mich noch zwei, drei Sachen zum weiteren Programm sagen. Direkt im Anschluss an meine kurze Ansprache singen wir gemeinsam die Nationalhymne. Nach der Nationalhymne – es ist übrigens die alte Version, also keine Angst, Sie singen nicht die neuste Version – freuen wir uns auf den Auftritt unserer Gastrednerin.

    Nach der Ansprache unserer Gastrednerin Béatrice Wertli wird uns die Band Country Stew musikalisch unterhalten und um zehn Uhr wird das Höhenfeuer entfacht. Für diejenigen, die Feuerwerk mitgebracht haben noch eine Bitte seitens der Organisatoren. Es ist auf der Wiese unten zulässig, Feuerwerk zu zünden, es hat auch extra ein Brett, auf dem Vulkane gezündet werden können. Wir appellieren einfach an die entsprechende Sicherheit und Sorgfalt im Umgang mit dem Feuerwerk.

    Nun wünsche ich, liebe Festgemeinde, einen ganz schönen Abend, geselliges Beisammensein und ganz viele gute Gespräche. Besten Dank!
    »


    Dem Applaus für die einleitenden Worte folgte programmgemäss die Nationalhymne. Auch der herkömmliche Text ist den meisten nicht geläufig, so dass es gut war, dass die vier Strophen auf den Tischen gedruckt bereitlagen (vgl. WeiachBlog-Beitrag vom 1. August mit dem Bild von Stefan Meierhans im Nachtrag).

    Gemeindepräsident Arnold: «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, heissen Sie nun mit mir Béatrice Wertli im schönen Züri-Unterland ganz herzlich willkommen!» [Applaus]

    Festansprache von Béatrice Wertli, Generalsekretärin CVP Schweiz

    «Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident, lieber Stefan,
    liebe Mitglieder der Gemeindsbehörden,
    liebe Weiacher, meine Damen und Herren, liebe Kinder!

    Habe ich noch selten erlebt, so einen Tanz zur Schweizer Nationalhymne, habt ihr super gemacht. Ich habe selber zwei Kinder, die sind sechs und sieben Jahre alt und hätten wohl etwa dasselbe gemacht heute Abend – schön, dass ich heute hier sein darf.

    1985 war es – im Hallenbad Telli in Aarau. Ein 8-jähriges blondes Mädchen stand am Bassin-Rand und schaute denen zu, die im Bassin schwammen. Lange hat es zugeschaut und plötzlich den langen Mann der am Bassinrand stand, gefragt: "Was muss ich machen, damit ich da mitschwimmen darf?" Und der lange Mann sagte: "Spring einmal hinein und schwimm zwei Längen – dann wollen wir schauen". Das habe ich getan. Denn das blonde Mädchen war ich. Und seither war ich Aarefischli, ein Mitglied des Schwimmclubs Aarefisch. Was hat der Schwimmclub Aarefisch mit meiner Einladung heute Abend nach Weiach zu tun? Gehen wir dem einmal auf den Grund.

    Nach sechs Jahren im Schwimmclub Aarefisch – unterdessen war ich etwa 15 Jahre alt – habe ich gemerkt, dass ich im Schwimmen zwar motiviert, aber leistungsmässig eher durchschnittlich geblieben war. Also habe ich neue Sachen gesucht und einen neuer Sport hat sich damals wie eine Welle in die Schweiz und sogar bis nach Aarau ausgebreitet: und zwar Triathlon. Man hat das am Anfang den Sport der Spinner genannt. Das sind nämlich die, welche zuerst Schwimmen gehen, dann auf ein Velo sitzen – immer noch im Badkleid – und nachher noch umherrennen, wohl weil sie kalt hatten. Schwimmen, Radfahren, Laufen. Und diese drei Bewegungsarten kannte ich alle und so habe ich 1991 an meinem ersten Triathlon mitgemacht. Es war ein "Plausch-Triathlon" in Aarau, organisiert von "Aarau eusi gsund Stadt". Ich lieh mir das Velo eines Kollegen aus, weil ich kein eigenes hatte, machte den Plauschtriathlon mit und dachte mir: "Jetzt machst Du gleich noch einen!" Weil es so toll war, startete deshalb bei den Jugend-Schweizermeisterschaften in Spiez. Dort gewann ich prompt eine Medaille - was nicht so schwierig war, da wir nur etwa drei waren in meiner Kategorie
    [Heiterkeit]. Ich habe danach stolz den Titel als Schweizer Meisterin in der Jugendkategorie Triathlon getragen. Und der dritte Triathlon, den ich dann gemacht habe in meinem Leben, waren die Jugend-Europameisterschaften in Holland. Ich musste wieder ein Velo ausleihen, das war dann nicht mehr so gross wie das bei den Schweizermeisterschaften, dafür war das Badekleid der Schweizer Nationalmannschaft viel zu gross. Ich musste das dann hinten mit einer Sicherheitsnadel zusammenstecken, was bei Frauen etwas problematisch ist, wenn es zu gross ist, aber es hat irgendwie geklappt. Jedenfalls wurde ich Teil der Junioren-Nationalmannschaft bei SwissTri, habe tolle Typen kennengelernt, Frauen, Männer und einer von den Jungs war der "Nöldi". Ein Typ, der mich beeindruckte, weil er bereits einen eigenen Sponsor hatte, und zwar "Stimorol" (dä Chätschgummi).

    Und dieser "Nöldi" von damals ist heute Euer Gemeindepräsident, Stefan Arnold.
    [Heiterkeit] So haben wir uns kennengelernt, beide im Badkleid, aber eben aus sportlichen Gründen. Wir haben dann zusammen viele Laufkilometer absolviert; ich durfte damals ins Trainingslager der Junioren mit nach Bagnoles, wo wir ganz viel trainiert haben – auch [Heiterkeit] – und so habe ich den Stefan Arnold kennengelernt.

    Vielen Dank, Nöldi, für die Einladung. Schön, dass wir nach all den Jahren wieder eine neue Disziplin entdeckt haben, die uns zusammengeführt hat. Heute machen wir einen Vierkampf: Familie – Beruf – Sport – Politik. Danke Weiach, für die Einladung zum 1. August (ihr wisst nicht worauf ihr euch da eingelassen habt), zur Geburtstagsfeier unseres Landes, unserer Schweiz.



    Und was ist unsere Schweiz?

    Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell. Uns geht es in diesem Land gut. Es gibt unzählige Statistiken, welche dies immer wieder belegen. Wir haben Lebensqualität, wir haben eine ganz tiefe Arbeitslosigkeit, wir haben gutes Einkommen, wir haben Sicherheit, die Schweiz ist wirtschaftlich erfolgreich.

    Die Schweiz ist gescheit! Wir haben ein gutes Bildungssystem, bei uns können alle in die Schule. Und alle, die in die Schule gegangen sind, können sich weiterbilden –nach der Lehre und während der Lehre. Wir haben einen guten Arbeitsmarkt, wo die Leute auch eine Arbeit finden.

    Die Schweiz ist sicher – und das ist gerade in der heutigen Zeit ein ganz, ganz wichtiger Wert, wo sich viele Menschen unsicher fühlen. Wir sind einerseits sicher gegen äussere Feinde, aber auch abgesichert gegen die sozialen Risiken: Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter. Die innere und äussere Sicherheit sind eine der Grundlagen für das Wohlbefinden unserer Bevölkerung.

    Und ich kann ihnen sagen, ich habe heute eine Tour gemacht von Aarau, wo meine Eltern wohnen und unsere Kinder heute Abend sind, bin von Aarau hierher gefahren. Wir haben uns irgendwie durch dieses Baden durchgemurkst – und sind ganz woanders durchgekommen, als wir gedacht haben – sind dann über Land gefahren und ich habe zu meinem Mann immer wieder gesagt: "Lueg, das isch der Aargau". Der Aargau hat einen schlechteren Ruf als was er ist – zumindest im Kanton Zürich.
    [Heiterkeit] – Für viele, die die Schweiz nicht kennen oder die das erste Mal in der Schweiz sind ist das fast wie ein Film, es ist fast nicht wahr – und für uns ist das der Alltag. Die Sicherheit, die Schönheit, überall ist es grün – und dann komme ich nach Weiach und alle Leute mit denen ich im Dorf heute Abend bis jetzt zu tun hatte, sind sehr freundlich gewesen mit mir – bis jetzt [Heiterkeit] – das ist das Gefühl, das uns die Schweiz gibt.

    Die Schweiz ist demokratisch! Unsere direkte Demokratie ist einmalig. Wie nirgends auf der Welt können wir Stimmbürger und Stimmbürgerinnen mitentscheiden, wie es laufen soll mit unserem Land. Und ich habe früher im Ausland gearbeitet bei Internationalen Organisationen, habe Freunde gehabt aus dem Ausland, England, Australien, und wenn ich denen jeweils erklärt habe, worüber wir hier abstimmen, haben die gedacht, wir sind nicht ganz normal: "Möchten Sie mehr Kehrichtsackgebühren zahlen, Ja oder Nein?" - "Wollen Sie sechs Wochen Ferien oder fünf? Ja oder Nein?" - Bis hin zu komplizierten Fragen, die zum Teil selbst diejenigen, die sie geschrieben haben, offenbar nicht ganz verstehen
    [Heiterkeit] - Wir werden sehr viel gefragt, was wir meinen.

    Fakt ist, dass sich meistens weniger als die Hälfte derjenigen Leute, die abstimmen könnten in unserem Land, auch wirklich bis zur Urne bewegen oder eine Briefmarke finden in der Schublade. Es gehen meines Erachtens zu wenige Leute abstimmen!!! Zu wenige Leute beteiligen sich dort, wo ganz, ganz ein wichtiger Wert unserer Schweiz zu finden ist. Warum ist das so? Ist es Bequemlichkeit? So schwierig es ja nicht, man bekommt die Unterlagen ja nach Hause geschickt, man muss es nicht einmal bestellen, dieses Couvert.

    Tatsache ist, dass wir ein Milizsystem haben, dass also – das habe ich grad vorhin diskutieren dürfen mit Ihren Behördenmitgliedern – dass diejenigen Leute bei uns Politik machen, die noch im wirklichen Leben stehen mit dem anderen Fuss, vielleicht ausgenommen Regierungsräte und Bundesräte, das ist klar, dass die hauptberuflich Politik machen sollen. Aber sonst haben wir ein Milizsystem, das heisst, die Leute haben einen Beruf, kommen aus dem Leben und machen daneben Politik.

    Unsere Exekutiven (Gemeinderat, Regierungsrat, Bundesrat), die müssen das umsetzen, was das Volk beschliesst und das heisst – ich schaue jetzt mal zu diesen Exekutivmitgliedern hinüber – auch oft, Kompromisse zu finden, man muss sich am Schluss irgendwo einig sein, über Parteigrenzen hinweg, über andere Grenzen hinweg. Und das ist anspruchsvoll, es verlangt einen grossen Einsatz, das ist ganz ein wichtiger Wert und wir dürfen stolz sein, dass uns das immer und immer wieder gelingt.

    Wir müssen wachsam sein, kritisch sein, damit wir nicht stehenbleiben, müssen aber auch sehen, was sich weiterentwickelt, was gut ist und was nicht. Das heisst aber nicht, dass wir die Schweiz und alles wir in der Schweiz haben, schlechtreden dürfen. Und in dem Job in dem ich tätig bin fällt mir häufig auf, dass das Leute immer wieder machen, dass sie das Schlechte suchen, dass sie schauen wo sind Gefahren, ob das dann wirklich Gefahren sind oder nicht, ob das wirklich die grössten Probleme sind oder nicht. Auf komplizierte Fragen mit ganz simplen Antworten kommen und so auch ein Klima schüren in der Schweiz, das ich nicht gut finde.

    Stolz sein heisst nicht, dass man gleichzeitig Angst machen muss! Wir können es uns nämlich nicht leisten, dass wir die Schweiz schlecht reden und dass wir uns noch weitere Sorgen machen als die, die wir schon haben. Die grössten Herausforderungen sind meines Erachtens in unserem Landes und unserer Gesellschaft und von uns allen sind die, dass wir die Renten sichern können, dass wir auch morgen noch wissen, dass die Altersvorsorge sicher ist, dass wir die Migration und die Herausforderungen, die sie bringt, bewältigen können, Arbeitsplätze sichern können und auch unseren Platz in Europa festigen können. Wir wollen nicht in die Europäische Union, wir wollen ein eigenständiges Land, aber wir müssen wissen wo unser Land ist.

    Dann müssen wir ein wenig neu verhandeln. Wir haben die Einwanderungsinitiative angenommen, was uns jetzt vor Herausforderungen stellt, aber wir dürfen es uns nicht verspielen mit Europa. Stolz auf das Land sein, das wir sind, aber auch wissen, dass wir angewiesen sind auf die anderen Länder und auf das Ausland. Weil sonst haben wir eine Unsicherheit, eine Rechtsunsicherheit, die auch kleine Unternehmen und die grossen betrifft. Jeden zweiten Franken verdienen wir im Ausland und müssen deshalb ein gutes Verhältnis haben. Ich bin der Meinung, wir müssen die bilaterale Situation, die Bilateralen Verträge weiterhin sichern, damit wir Arbeitsplätze und den Wohlstand im Land bewahren können. Und wir dürfen nicht zulassen, dass man die Schweiz schlechtredet – nicht von aussen und auch nicht von innen.

    Wir leben nämlich wirklich in einem der schönsten Länder dieses Planeten – ich habe es vorhin erwähnt, die schöne Fahrt hierher nach Weiach aber auch nach Mürren im Berner Oberland, wo wir unsere Ferienwohnung haben – ich weiss nicht, wie viele Fotos pro Tag geknipst werden von irgendwelchen Leuten die dorthin kommen und dieses Land anschauen, fast wie wenn es eine Spieldose wäre – aber es ist eben echt. Und es ist gut. Wir leben in einem der schönsten Länder auf diesem Planet, aber wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern, den kommenden Generationen, dass dieses Land so schön bleibt, wie es ist.

    Herausforderungen müssen wir meistern, ich habe es erwähnt: Altersvorsorge sichern, Arbeitsplätze sichern, Migration und ihre Herausforderungen.

    Migration und die Herausforderungen die sie bringt, die fordert uns. Das ist das Thema Nummer 1 auf dem Sorgenbarometer – seit Jahren! Wir haben Sportler und Models mit Namen Džemaili, Xhaka, Wawrinka, Tchoumitcheva und haben uns irgendwie an diese Namen gewöhnt. In unseren Gemeinden, in den Schulen, am Arbeitsplatz und im Freizeitbereich braucht es aber noch Anstrengungen, damit diejenigen, die es nötig haben, bei ihrer Integration unterstützt werden können.

    Gleichzeitig müssen wir in der Integration aber auch klare Forderungen stellen: die Sprache müssen alle beherrschen, die Werte leben und unsere Kultur kennen, bis zur 1. August-Feier in Weiach. Den Handschlag zu verweigern ist ein "No Go" und zur Schulpflicht gehört auch, dass man am Schwimmunterricht teilnimmt und ins Skilager geht. Das sind unsere Werte! Wir bieten viel, wir dürfen etwas fordern – und wir sollen die unterstützen, die da auch mitmachen wollen.

    Es gibt wahrscheinlich kein Wundermittel, keine Sofort-Medizin wie man diese Integration, die Migration bewältigen kann.

    Es gibt aber ein Instrument, welches viele von diesen Herausforderungen anpackt und positiv beeinflusst. Es gibt nämlich noch einen wichtigen, weiteren Faktor von diesem Erfolgsmodell Schweiz:

    Die Schweiz ist ein Vereinsland! Ein Land mit einem enormen Kapital an gesellschaftlichem Engagement! Das wird oft vergessen. Es ist der Trumpf-Buur, den wir stärken müssen und noch viel häufiger spielen müssen.

    Als ich gesehen habe, wie viele Vereine in Weiach engagiert sind, die auch heute Abend mitgeholfen haben, dass diese Feier so toll unterwegs ist – es klappt bis zum letzten Detail, habe ich echt Freude gehabt.

    Die Schweiz ist ein Vereinsland. Und das ist ganz viel wert. Es gehört nämlich zu unserer Kultur. Es gehört auch zu Weiach: vom Turnverein zur Pfadi, über den Schützenverein zum Singkreis – das ist Tradition, das sind Werte, das ist meine Schweiz.

    Das sage ich als eine, die im Schwimmclub Aarefisch hat gross werden dürfen, und im Blauring Aarau erlebt hat, was eben Vereinsleben ist. Es ist ein Kapital, das wir haben und es ist Gold wert – tonnenweise Gold wert. Wisst Ihr wie viel Wert eigentlich dieses gesellschaftliche Freiwilligen-Engagement in der Schweiz hat? Es sind 20 Milliarden Franken pro Jahr, weil jeder und jede von uns praktisch seinen Beitrag leistet in einem Verein, in einer Partei, in einem Pflegeheim, in der Familie. Das Freiwilligen-Engagement ist etwas vom Wichtigsten, das unser Land besitzt.

    Aber – insgesamt ist dieses Freiwilligen-Engagement in den letzten Jahre zurückgegangen und vor allem bei der Generation der 18- bis 35-jährigen. Das ist eine Tatsache und das ist etwas was mir selber Sorgen macht. Einerseits weil ich selber in Vereinen gross werden durfte, aber auch darum weil ich in meinem Job, in der Parteiarbeit natürlich darauf angewiesen bin, dass sich Leute engagieren in der Politik. Die Mitwirkung in der Partei, das gesellschaftliche Engagement speziell in der Partei war für mich immer die Möglichkeit, dort etwas zu bewirken wo die Rahmenbedingungen ungenügend sind, seien das Familienangebote in der Stadt, Sicherung, Sicherheit auf dem Schulweg oder Sportinfrastruktur; Politik fängt vor der Haustüre an und ich kann mir manchmal gar nicht erklären warum sich die Leute nicht darum reissen, mitzumachen. Es muss nicht zwingend in meiner Partei sei, das wäre natürlich der Idealfall
    [Heiterkeit]. Aber wie vorhin jemand an meinem Tisch gesagt hat: "Mich ärgern die, die sagen: mich stört das, wir haben keinen Nachtbus in mein Dorf, man sollte den Verkehr, die Quartierstrasse verkehrsberuhigen und wir zahlen zu hohe Abfallsackgebühren – und dann nichts machen!". Das sind genau die Fragen, die man, indem man sich engagiert, eben auch lösen kann. Das wäre jetzt Engagement in einer Partei. Also grundsätzlich ist Engagement in einem Verein deshalb gut für die, die mitmachen aber auch für die ganze Gemeinschaft.

    Es ist aber auch so, dass viele Vereine Mühe haben, eben Nachwuchs zu generieren, vor allem in der Agglomeration und den Städten. In der Generation der 18- bis 35-Jährigen, der sogenannten Generation Y, hapert es. Und ich glaube, es ist ein bisschen das Phänomen einer Gesellschaft in der man sich nicht mehr verpflichten will, die sogenannte "No-commitment-Generation": "Ich bin ein bisschen dabei, aber nicht richtig"! Und diesen Trend, den müssen wir umkehren. Wir müssen irgendwie die Jungen wieder wegbringen vom Pokémon und vom iPhone
    [Heiterkeit] und hin in einen anderen Bereich und es muss auch nicht zwingend nur die Partei sein – aber auch. Unsere Vereinskultur, das Freiwilligen-Engagement, das Engagement für unsere Gesellschaft heisst Integration, heisst Gesundheitsprävention, heisst Gewaltprävention – gerade in Zeiten, wo Sicherheit ein grosses und ein wichtiges Thema ist. Wo sind unsere Leute, wo finden wir uns zusammen?

    Und ich glaube es gibt drei Wege, die wir beschreiten müssen, um eben den Trend umzukehren, und das gesellschaftliche und Freiwilligen-Engagement in der Schweiz hochleben zu lassen und zu stärken.

    Das erste ist: Vereine stärken! Das setzt meistens an bei der Infrastruktur. In der Stadt Bern zum Beispiel haben wir zu wenig Wasser, zu wenig Rasen und zu wenig Eis, so dass die kleinen Hockeyspieler bereits am Morgen um halb sieben trainieren gehen müssen, weil sie sonst keinen Platz haben auf dem Eis. Also: geben wir den Vereinen die notwendige Infrastruktur, die sie brauchen. Das ist eine Frage, die die Gemeinden lösen können.

    Das zweite – und ich glaube das ist ein ganz wichtiger Punkt – Akzeptanz schaffen in der Arbeitswelt. Ich habe auf jeden Fall noch nie ein Stelleninserat gelesen, wo drin gestanden ist: „Manager gesucht mit gesellschaftlichem Engagement“. Ich glaube in der Arbeitswelt wird wirklich erwartet, dass man 150% da ist und Gas gibt für die Firma und den Job bei dem man ist. Viele von uns sind schon sehr gefordert, wenn wir versuchen, Arbeit im Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Zusätzliches Engagement liegt dann einfach nicht mehr drin. Auf jeden Fall habe ich schon sehr oft erfahren, dass, wenn wir Kandidatinnen und Kandidaten gesucht haben oder auch Leute, die eine Charge im Verein übernehmen würden, dass sie abgesagt haben – und zwar nicht, weil es sie nicht interessiert hätte – sondern schlicht aus Mangel an Zeit.

    Aber wir haben ein Milizsystem und wir sind ein Vereinsland. Und die Firmen und Arbeitgeber in der Schweiz müssen sich dazu bekennen und wissen, dass sie damit einen Beitrag leisten zur Zukunft unseres Landes – auch zur wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes! Freiwilliges Engagement sollte eigentlich eine Zusatzqualifikation sein im Arbeitsleben.

    Und das Dritte, der dritte Punkt ist: Es braucht Vorbilder, auf englisch: role models. Der Chef, der selber noch in der Turnhalle steht und die Handball-Juniorinnen trainiert; eine Vorgesetzte, die im Elternrat sitzt oder der leitende Angestellte, der für den Kantonsrat kandidiert – sie alle! Das sind Vorbilder und haben eine Wirkung auf die anderen Mitarbeitenden und auf die Firmenkultur.

    Und das ist unser Auftrag! Und ich weiss, dass da drin ganz viele solche Vorbilder sitzen, die selber in einem Verein tätig sind und die am Abend statt die Füsse hochzulagern eben noch in die Turnhalle gehen, oder noch einmal die Kasse anschauen, weil sie verantwortlich sind für die Finanzen eines Vereins: Ihr macht das super! Und das ist die Schweiz. Und das müssen wir stärken. Das ist unser Auftrag – das wünsche ich mir zum 1. August, und zwar sozusagen als Geburtstagsgeschenk für unsere Schweiz.

    Stärken wir unsere Schweiz als Vereinsland: Vereinsmeierei als neuer Slogan für unsere Schweiz! Und interessant ist, wenn man ins Bundeshaus hineinkommt, man oben das Motto sieht, beim Wappen, dort steht: "Einer für alle, alle für einen." – Dieser Slogan, das ist das was man lebt in einem Verein und ich glaube, den können wir stärken und den müssen wir stärken.

    In diesem Sinne danke ich euch allen, liebe Weiacherinnen, liebe Weiacher, lieber Nöldi speziell, für die Einladung und die Gelegenheit, dass ich hier in Weiach sein darf. Ich habe einen Zipfel der Schweiz kennengelernt, den ich glaub erst einmal gesehen habe, als ich mich mit dem Velo verfahren hatte
    [Heiterkeit]. Das kann ich eigentlich für sämtliche Gebiete hier sagen.

    Sie, ihr, ich – wir alle zusammen, wir können tagtäglich etwas für das Erfolgsmodell Schweiz tun, wir können es stärken und wir können es weitertragen! Vielen, vielen Dank für Euer Engagement, das ihr tagtäglich leistet! Danke für die Einladung – einen superschönen Abend, ich komme gern wieder. Merci villmol!
    » [Applaus]

    Ein Pocket-Böögg als Präsent

    Gemeindepräsident Arnold: «So, geschätzte Gäste, ich bin froh, dass jetzt alle wissen, dass wir uns in Badehosen kennengelernt haben. [Heiterkeit] Spass beiseite – ich möchte an dieser Stelle Béatrice Wertli ganz herzlich danken, dass sie heute vorbeigekommen ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Person aus der Politik, aus Bundesbern, nach Weiach reist und die Ansprache hält.

    Wir würden gern zwei Präsente übergeben, das erste ist ein Blumenstrauss
    [Applaus] – und dann haben wir noch etwas Zweites – und zwar ist das ein sogenannter Pocket-Böögg. Zu einem Traditionsanlass gehört auch ein Traditionsgeschenk und das ist ein Böögg, den man – wir kennen ihn vom Sechseläuten auf dem Sechseläutenplatz – den kann man zuhause auf der Terrasse aufbauen, den kann man auch anzünden und dann «chlöpft» er am Schluss [Heiterkeit]. Es soll ihr einfach ein bisschen Zürich mitgegeben werden auf den Heimweg nach Bern.» [Heiterkeit, Applaus]


    «Das wäre es gewesen von Seiten Ansprachen – ich übergebe gern der Musik, danke vielmals und einen ganz schönen Abend –– Entschuldigung, ich habe noch etwas. Jetzt wollte ich es etwas schnell machen, tut mir leid.

    Also, den ersten Dank habe ich ausgesprochen. Der zweite Dank ist das, was Béatrice Wertli auch schon bereits erwähnt hat, mit den Vereinen. Ich möchte auch ganz herzlich der Männerriege danken für die Organisation des heutigen Anlasses. Ohne einen solchen Verein wären wir nicht in der Lage ein solch schönes Fest zu feiern. Also ganz herzlichen Dank für's Organisieren.[Applaus] Ebenfalls danken möchte ich allen die ich jetzt namentlich nicht erwähnen konnte. Es gibt immer wieder ganz viele nebst den Vereinen, die hinter den Kulissen auch ihren Beitrag leisten, auch denen ganz herzlichen Dank.

    So, das ist es jetzt wirklich gewesen von meiner Seite. Ich wünsche Ihnen einen ganz schönen Abend, geniesst es und habt gute Gespräche miteinander. Danke vielmal für's Vorbeikommen!»

    Kommentar zur Rede von Béatrice Wertli

    Die Rednerin hat sich wirklich gut geschlagen. Sie hat ihren persönlichen Werdegang, ihre berufliche Praxis und ihre Lebenserfahrungen zu einer staatsmännischen Rede verwoben.

    Die Ansprache kommt ganz ohne gelehrte Verweise aus. So ist zum Beispiel das Motto unter der Bundeshauskuppel in lateinischer Sprache geschrieben - und bevorzugt damit in unserem offiziell viersprachigen Land keine Sprachgruppe. Das kann man erwähnen. Muss man aber nicht - es wirkt wohl besser an einem solchen Anlass. Das sind ja nicht alles Hobby-Historiker.

    Mit den persönlichen Bezügen und etlichen gut verpackten Seitenhieben ist es ihr auch gelungen, spontane Heiterkeit zu erzeugen, was bei einer staatstragenden Rede nicht unbedingt Standard ist. Der Hinweis auf Abstimmungen zu «komplizierten Fragen, die zum Teil selbst diejenigen, die sie geschrieben haben, offenbar nicht ganz verstehen» nimmt Bezug auf politische Ereignisse der jüngeren Zeit und ist wohl auf die eidgenössische Volksabstimmung zum Bedingungslosen Grundeinkommen gemünzt, wo sich der Wortführer der Initianten selber wenig überzeugt von der Vorlage gezeigt hat. Die Lacher, die Wertli geerntet hat, sprechen für die Qualität der Rede.

    Die staatstragende Grundhaltung zeigt sich vor allem im gut verpackten Grundthema der Rede - mit dem postulierten neuen Motto von der Rednerin selber scherzhaft «Vereinsmeierei» genannt. Die Forderung, dies solle der neue Slogan der Schweiz werden, ist zwar fast Wasser in den Rhein getragen. Und trotzdem muss man immer wieder auf diese Grundlage unserer Willensnation hinweisen. Wertli hat am eigenen Beispiel aufgezeigt, wie Vereine wirken. Nämlich durch ihre Menschen vernetzende, den Diskurs tragende Institutionen.

    Natürlich sind nicht alle Vereine staatstragend in diesem Sinne. Aber es ist auch aus historischer Sicht richtig, darauf hinzuweisen, dass es ohne die Tätigkeit vieler Vereine in diesem Land nicht dazu gekommen wäre, dass die Schweiz heute das ist, was sie ist. Ohne die Schützengesellschaften und ihre das Zusammengehörigkeitsgefühl fördernden Schützenfeste - um nur ein Beispiel zu nennen - hätte der lockere Staatenbund an mehreren historischen Bruchstellen eine andere Richtung eingeschlagen. Ja, es gäbe die Schweiz womöglich überhaupt nicht mehr.

    Auch die Nationalhymne mit dem Text des reformierten Zürchers Leonhard Widmer zu einer Melodie eines römisch-katholischen Urners (Alberik Zwyssig) wäre ohne einen Verein (den «Unterhaltungszirkel zur Biene») wohl nie entstanden. Der 1840 entstandene Urtext des Schweizerpsalms ist Ausdruck der Sehnsucht nach einem geeinten Land, die kurz vor der - nach einem Bürgerkrieg erfolgten - Gründung des Bundesstaates seine Wortform gefunden hat (Details vgl. Wikipedia-Artikel zu Leonhard Widmer).

    Zum Abschluss sei noch erwähnt, dass dieser WeiachBlog-Beitrag die Nr. 1291 trägt - passend zum offiziell immer wieder erwähnten «Gründungsjahr» der Eidgenossenschaft.

    Ansprachen früherer Jahre
  • Regierungsrat Markus Kägi zum 1. August 2007
  • EVP-Bezirkspräsident Daniel Elsener zum 1. August 2008
  • Kantonsrätin Barbara Steinemann zum 1. August 2009
  • Gemeindepräsident Paul Willi zum 1. August 2010
  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2011
  • 2012er-Rede ausgefallen (vorgesehen war NR Natalie Rickli)
  • Heinz Eberhard, VRP Weiacher Kies AG zum 1. August 2013
  • Nationalrat Ernst Schibli zum 1. August 2014
  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2015



  • Nachtrag vom 15. August 2016

    Wenige Stunden nach Veröffentlichung folgt - wie könnte es anders sein bei einer Social-Media-versierten Politikerin - der Tweet zu diesem Beitrag, vgl. https://twitter.com/bwertli/status/765192899202023424