Montag, 24. Februar 2020

Nicht erst Krauer legte den Weiacher Stern auf den Zürcherschild

«Weiach wurde 1591 eine eigene Pfarrei und wählte als Abzeichen den Stern, sei es als bloße Verzierung oder im Zusammenhang mit der alten Taverne zum „Sternen“. Erst Krauer legte ihn mitten auf den Zürcherschild, der wie bei Bachs für eine Grenzgemeinde gut paßt. (Von Silber und Blau schräggeteilt mit achtstrahligem Stern in gewechselten Farben) 28. November 1931»

Diese Kurzbeschreibung, begleitet vom Weiacher Wappen, findet man in der Zeitung «Der Wehnthaler» (7. u. 10. Februar 1936), vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 85 (Gesamtausgabe S. 313) für eine Abbildung.

Mit der Kurzbezeichnung «Krauer» ist die Wappentafel eines Unternehmers und Lithographen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemeint. Das an den Schluss gesetzte Datum bezeichnet den Zeitpunkt, an dem der Gemeinderat Weiach das vorstehend beschriebene Wappen genehmigt hat.

Mutmassungen im Multipack

Der kurze Text strotzt nur so von Mutmassungen. Er legt nahe: 1. dass Weiach im Jahre 1591 einen Stern als Wappenmotiv gewählt habe, spekuliert 2. vom Stern als blosser Verzierung ohne jeden Anlass und behauptet 3. auch noch, dass es Krauer war, der diesen Stern erstmals auf den Zürcherschild platziert habe.

Aussage 1 ist eine reine Spekulation. Wir wissen schlicht nicht, seit wann die Weiacher einen Stern als Wappenmotiv ihrer Gemeinde verwendet haben.

Zur Aussage 2 wird auf WeiachBlog in den nächsten Tagen eine schlüssige These veröffentlicht, die einen Zusammenhang mit früheren Machtverhältnissen und deren Wappenmotiven aufzeigt.

Warum Aussage 3 falsch ist, davon handelt dieser Beitrag.

Hedinger wusste vom Dekanatsbuch

So, wie es eingangs geschrieben steht, stimmt es also nicht. Den Zürcherschild als Hintergrund führte bereits im 18. Jahrhundert das Regensberger Dekanatsbuch ein (zu diesem Werk vgl. WeiachBlog Nr. 89). Walter Zollinger (oder eine Drittperson) hat die Darstellung im Dekanatsbuch abgezeichnet und sie in seinem am 10. April 1925 unterzeichneten Fragebogen integriert:


Neu bei Krauers Wappentafel ist lediglich, dass der Stern achtstrahlig dargestellt wurde, statt wie in Weiach traditionell und Mitte des 19. Jahrhunderts üblicherweise sechsstrahlig (vgl. Kirchenglocken 1843, Gesangverein-Fahne 1860, Wirtshauszeichen Gasthof zum Sternen sowie Stern auf der Kirchturmspitze).

Hedinger war als Mitglied der Gemeindewappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft für den Bezirk Dielsdorf zuständig. Und wie man dem Lauftext des Artikels im Wehnthaler entnehmen kann (vgl. WeiachBlog Nr. 313 für den vollen Wortlaut) hat er sehr wohl gewusst, dass das Dekanatsbuch des Kapitels Regensberg  auch für Weiach von grösster Relevanz ist: «Ganz besonders wichtig war für den Bezirk Dielsdorf eine Akten- und Wappensammlung des ehemaligen Pfarrkapitels Regensberg, das sogenannte Dekanatsbuch aus 1719.» (Wehnthaler, 7. Februar 1936)

Ziegler bringt viele weitere Belege

Die Belegdichte in Peter Zieglers «Die Gemeindewappen des Kantons Zürich» von 1977 führt vor Augen, dass Hedingers Einschätzung völlig richtig ist.

Zu Dällikon schreibt Ziegler nämlich: «Mit Ausnahme der unzuverlässigen Tafel von Krauer (um 1860) stimmte die Blasonierung aller bekannten Wappen mit dem ältesten Beleg im Dekanatsbuch von 1719 überein. Darum erklärte der Gemeinderat am 26.8.1930 diese Darstellung als verbindlich.»

Ziegler zu Niederhasli: «Das heutige Wappen, der Darstellung im Dekanatsbuch von 1719 entsprechend, wurde am 27.12.1928 vom Gemeinderat genehmigt.»  Und das offensichtlich auf Anregung der Gemeindewappenkommission. Auch Hedinger war das Dekanatsbuch spätestens Mitte der 1920er bekannt.

Am deutlichsten wird Ziegler bei Dietlikon: «Die Wappenkommission empfahl dem Gemeinderat, die älteste farbige Darstellung im Dekanatsbuch von 1719 zum offiziellen Gemeindewappen zu erklären. Auf behördlichen Antrag hin beschloß die Gemeindeversammlung am 22.12.1931 in diesem Sinne.»

Hat der Redaktor geschnitzert?

Wie also kommt es dann punkto Krauer zu einem solchen Schnitzer wie in der einleitend zitierten Kurzbeschreibung? War der Redaktor des Wehnthalers der Verfasser dieser kurzen Zeilen zu jeder Gemeinde, die zusammen mit Hedingers Artikel «Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf» veröffentlicht wurden? Oder doch Hedinger? Sei es wie es wolle.

Fehler passieren nun halt einmal, vor allem wenn man sich wie Hedinger auf den ganzen Raum Zürcher Unterland spezialisiert, die Ortshistorie jedoch nur neben dem Brotberuf als Lehrer in der Freizeit betreiben kann, wenn auch über Jahrzehnte hinweg. Seiner Leistung tut das letztlich wenig Abbruch.

Quellen und Literatur
  • Acten- und Decanats = Buch Eines Ehrwürd. Regensberger Capituls. In dißere Ordnung gebracht auf die Zeit des andren Jubilaei der Reformiert-Eidgnössischen Kirchen. MDCCXIX per Joh. Philibert Tobler t. temp. Cam. C.  Signatur: StAZH E IV 5.16
  • Krauer, J.: Wappen sämmtlicher Hauptgemeinden des Kantons Zürich [Wappentafel des Zürcher Lithographen Johannes Krauer; Zürich, um 1860]. Siehe E-rara.ch
  • Hedinger, H.: Die Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf. In: Der Wehnthaler, 7. u. 10. Februar 1936.
  • Brandenberger, U.: Pfarrkapitel: Von Regensberg nach Eglisau und zurück. WeiachBlog Nr. 891. Februar 2006 .
  • Brandenberger, U.: Heinrich Hedingers «Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf». WeiachBlog Nr. 313, 13. November 2006
  • Brandenberger, U.: 75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 85. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Dezember 2006, S. 14-21 (Gesamtausgabe S. 313).

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