Donnerstag, 5. März 2020

Ernst Baumgartner-Brennwald († 2008) im Interview

Heute vor zehn Jahren hat WeiachBlog eine Übersicht über die von Regula Brandenberger (1940-2012) in den damals noch jungen Mitteilungen für die Gemeinde Weiach publizierten Interviews veröffentlicht, vgl. WeiachBlog Nr. 784.

Regula Brandenberger-Frick war nicht nur Primarlehrerin, sie hat auch vielfältige Aufgaben im Dienste des Gemeinwesens übernommen, so im Frauenverein Weiach, als Mitglied der Ortsmuseumskommission, als evangelisch-reformierte Kirchenpflegerin und zuletzt Abgeordnete des Bezirks Dielsdorf in der Kirchensynode.

Regula könnte heute ihren 80. Geburtstag feiern. Ihre Demenz-Krankheit hat sie frühzeitig verstummen lassen, schon Jahre vor dem Tod ihres Körpers. Was die Demenz für sie bedeutet hat, kann man nur ansatzweise erahnen, vielleicht indem man das Geschehen als eine Abwandlung der bekannten Geschichte Ein Tisch ist ein Tisch von Peter Bichsel begreift. Die Worte waren noch da und lebendig. Nur wir Aussenstehenden haben nicht mehr verstanden, was das Gesagte bedeuten soll.

Zwei Gemeindepräsidenten befragt

Zum Gedenken stellt WeiachBlog heute das zweite Interview der Reihe «Unter uns...» online, das Regula im Juni 1983 mit dem damals 61-jährigen Ernst Baumgartner-Brennwald geführt hat.

Ernst Baumgartner-Brennwald war von 1966 bis 1982, d.h. während 16 Jahren, Weiacher Gemeindepräsident und amtierte zuvor ebenfalls 16 Jahre als Kirchengutsverwalter. Dazu kamen viele weitere Engagements in den Weiacher Vereinen (vgl. den Nachruf von Germano Neri im Zürcher Unterländer v. 20.2.2008).

Einzelne Passagen des Interviews haben auch heute noch Aktualitätswert. So der Appell, sich mehr am Gemeindeleben und an Abstimmungen zu beteiligen (Stichwort: tiefe Stimmbeteiligung). Oder die Frage, was man mit der leerstehenden Kubatur des beim Bau der Schulanlage Hofwies in den 1970ern geplanten Lehrschwimmbeckens unter der Turnhalle anfangen solle.

Mehrmals wird im Gespräch Bezug genommen auf das erste Interview der Reihe «Unter uns...» mit dem damals amtierenden Gemeindepräsidenten Mauro Lenisa, vgl. dafür: WeiachBlog Nr. 1366.


Nach dem neuen Gemeindepräsidenten kommt dieses Mal sein Vorgänger zum Wort:

Herrn Ernst Baumgartner-Brennwald

R.B. - Ernst, Du warst nun während sehr langer Zeit Gemeindepräsident. - Hast Du Deinem Amt nicht noch etwa nachgetrauert?

E.B. - Im Gegenteil! Gesundheitlich war es höchste Zeit, ich Hoffe, ich kann mit der Operation meiner Gelenkarthrose im rechten Bein noch warten bis zu meiner Pensionierung in zwei Jahren. Aber die Arbeit wird auch ständig umfangreicher und anspruchsvoller.

R.B. - Wo, und was arbeitest Du denn?

E.B. - Im BMW-Hauptsitz in Dielsdorf, in der Spedition. Meine Arbeit ist eine Art Kombination zwischen Spedition (Fahrdienst) und Büro: mindestens 5x pro Tag Speditionsfahrten zur Bahn, zur Post, dazwischen sortieren und erledigen aller Retouren (d.h. retournierte Ersatzteile). Es ist eine interessante Arbeit, aber sie macht recht müde, weil ich doch immer «dran» sein muss›. Darum bin ich froh, dass ich am Abend nun nicht auch noch weiterarbeiten muss; ich brauche jetzt meinen Feierabend.

R.B. - Also würdest Du die Arbeitsbelastung des Gemeindepräsidenten gleich angeben wie Herr Lenisa?

E.B. - Jawohl - genau gleich! Ich habe noch zu meiner Frau gesagt beim Lesen: «Lueg nu, gsesch, bi dem isches jetze au eso!»

R.B. - Worin meinst Du liegt der Unterschied, wenn man die Arbeitspensen der Gemeindepräsidenten verschieden grosser Dörfer miteinander vergleicht?

E.B. - Arbeit haben bestimmt beide gleich viel, aber sie ist anders gegliedert. Der Präsident einer grossen Gemeinde ist gezwungen, die Arbeit in Ressorts aufzuteilen, von den Ressortvorstehern Informatinen und Anträge entgegenzunehmen und hauptsächlich daraus seine Arbeitsgrundlagen zu beziehen.

Der Präsident eines kleinen Dorfes sollte in allen Bereichen Bescheid wissen. - Dazu noch ein Beitrag an jene Weiterbildungsfrage im letzten Gespräch mit Herrn Lenisa [vgl. WeiachBlog Nr. 1366]: Nebst dem Verband der Gemeindepräsidenten organisiert auch der Gemeindeschreiberverband Kurse. Ich habe u.a. solche besucht für Bau- und Planungsgesetz, für Staats- und Verwaltungsrecht, für Polizei- und für Gemeinderecht.

R.B. - Kam es nicht etwa vor, dass Dir die Ausführung eines Gemeindeentscheides Mühe machte, weil Du selber anderer Ansicht warest?

E.B. - Nein, eigentlich nie; man sollte die Entscheide des Dorfes akzeptieren, sonst wird man verkrampft und verbittert. Als ich seinerzeit den Ausbau der Bergstrasse ein zweites Mal vorlegte, wurde mir Zwängerei vorgeworfen. Mir ging es aber lediglich darum, dass später weder Gegner noch Befürworter bemängeln können, dass sie nicht nochmals umfassend informiert wurden und nochmals entscheiden konnten. Uebrigens hat n[a]chher Statthalter Bosshard unserem Wiedererwägungsantrag volle Anerkennung ausgesprochen.

R.B. - Welches Gemeindegeschäft oder -problem hat Dir besonders schlaflose Nächte verursacht?

E.B. - Schlaflose Nächte hatte ich keine. Aber die erste Abstimmung über die Güterzusammenlegung war eine Enttäuschung. Obwohl viele positiv eingestellt waren, hatte ich in der Gemeinde keine Rückendeckung. Das war mühsam. 

[Anmerkung WeiachBlog: laut Willi Baumgartner-Thut fand diese erste Abstimmung im Jahre 1971 statt. Angenommen hat die Gemeindeversammlung das Vorhaben einer Gesamtmelioration erst in der zweiten Abstimmung im Jahr des Interviews: 1983]

R.B. - Gab es in Deiner Amtszeit Dinge, die sich plötzlich anders entwickelten, als eigentlich vorauszusehen war?

E.B. - Grundsätzlich nein; einzig die Raumplanung des Lehrschwimmbeckens könnte man so beurteilen. Da die Betriebskosten rasant stiegen, musste man vom ursprünglichen Plan absehen. Platz und Raum steht ja noch zur Verfügung; man muss ihn nur ausnützen.

R.B. - Was meinst Du zu Herrn Lenisas Vorschlägen?

E.B. - Ich hatte z.T. ganz ähnliche! Ausserdem: da der Sternenwirt beabsichtigt, im Saal Zimmer einzubauen, stünde dieser dann ja nicht mehr zur Verfügung als Mannschaftsverpflegungsraum. 

[Truppeneinquartierungen in der Zivilschutzanlage unter dem Schulhausplatz waren damals noch gang und gäbe, die Truppenküche befand sich unter der Abwartswohnung und Verpflegungsstandort war nach den Ausführungen Baumgartner-Brennwalds also offenbar der Saal des Gasthofs Sternen] 

Also liesse sich der noch ungenutzte Raum so ausbauen, dass er als Verpflegungsraum, aber auch als Saal für Gemeindeanlässe benutzt werden könnte. Obwohl ich staune und voller Anerkennung feststelle, dass unsere vielen Vereine sich geschickt und friedlich in eine Turnhalle teile, wäre dort unten auch ein zweiter Turnraum denkbar für Turnarten, die nicht aufwendige Einrichtungen benötigen.

R.B. - Welches war in Deiner Amtszeit das schönste, erfreulichste Erlebnis?

E.B. - Der riesige Einsatz und die grosse Zusammenarbeit der Gemeinde am Rohbaufest [Schulanlage Hofwies, eingeweiht 1976], zugunsten unserer Bühne.

R.B. - Zurück zu den Sorgen: ist die mangelnde Stimmbeteiligung auch eine Deiner grössten? [wie die des amtierenden Präsidenten Mauro Lenisa, vgl. WeiachBlog Nr. 1366]

E.B. - Ganz sicher! Dazu möchte ich mir noch eine grössere Beteiligung und Mitarbeit der Frauen wünschen. Seinerzeit hatte ich als Ermunterung und Erleichterung eine Art staatsbürgerlichen Kurs für die Frauen geplant; vielleicht war es ein Fehler der Behörden, dass es unterlassen wurde.

R.B. - Du hast immer hier in diesem Haus gewohnt. Welche Veränderung im Dorfe in all den vielen Jahren beschäftigt Dich am meisten?

E.B. - Das Desinteresse vor allem der jüngeren Leute an kulturellen Aufgaben; ich denke an die Dorfmusik, an die Chöre. Es wird auch in den Familien nicht mehr gesungen. Sicher sind Radio und Fernsehen grösstenteils die Ursachen, dass wir nicht mehr Feierabend machen können wie früher.

R.B. - Da drüben steht ein Klavier. Kannst Du Klavier spielen?

E.B. - Ich nicht. Aber der älteste Sohn wurde Lehrer, und da gehörte es eben dazu. Ausserdem wurde das Klavierspielen fast zur Therapie bei einer Tochter, die nach einer Tumoroperation die Finger nicht mehr bewegen konnte. Heute ist sie aber wieder ganz gesund; man merkt nichts mehr davon.

R.B. - Ist dieser Sohn heute noch Lehrer?

E.B. - Jawohl; Reallehrer in Altstetten. Und er ist gern Lehrer!

R.B. - Ihr habt aber noch mehr Kinder.

E.B. - Ja, fünf; vier sind bereits verheiratet.

R.B. - War Dein Amt für Deine Familie nie zuviel?

E.B. - Zuerst sicher nicht; als ich Gemeinderat wurde, waren die Kinder noch klein und ich Bauer, und immer «daheim». Später hatte ich hie und da Bedenken; die Kinder sagen aber auch heute noch, es sei nicht eine Belastung, sondern eine Bereicherung, eine Horizonterweiterung gewesen.

Der zweite Sohn war zuerst Bauer, entschloss sich dann aber von einem Tag auf den andern für eine Verwaltungslehre auf der Stadtverwaltung Kloten. Zuerst war es hart für mich; nachher aber ein Gewinn für beide: jeder konnte vom andern lernen! -

R.B. - Mich beschäftigte schon die Idee, ob man nicht im Ortsmuseum 1 - 2 Webstühle aufstellen könnte in einem der oberen Räume, und damit das Häuschen mehr beleben und automatisch Raum für Begegnungen schaffen. Was meinst Du dazu?

E.B. - Die Idee wäre schon recht; ich habe nur Bedenken, wie man dann die vielen alten Sachen unter Kontrolle haben könnte. Ueberlegen liesse sich dieser Gedanke schon.

R.B. - Gibt es etwas, das Du heute anders machen würdest?

E.B. - Ich begrüsse es sehr, dass wir nun ein Informationsblatt haben, und bedaure es, dass das früher nicht möglich war.

R.B. - Bestimmt dachtest Du auch etwa: «Das machi dänn emal, wän-i dänn Zyt ha.»

E.B. - Sicher! Das Französische aufpolieren! Da bin ich jetzt bereits dran. Wir waren schon einmal in Paris; ich möchte so gut französisch können, dass wir froh und unbeschwert reisen und uns verständigen können. Ausserdem will ich wieder mehr lesen; vor allem Gotthelf. Fernsehen sagt mir nicht viel, ausser etwa ein Theaterstück; mir sind Bücher lieber.

R.B. - Hast Du abschliessend noch einen grossen Wunsch an «Deine» Gemeinde?

E.B. - Eben, wie bereits gesagt: - Die Stimmbeteiligung, mehr Interesse am ganzen Gemeindeleben. Und dazu: - Ich wünsche der Gemeinde, dass diese Kieslöcher wieder rekultiviert werden mögen, und vor allem: - dass keine neuen mehr entstehen!

16. Juni 1983
R. Brandenberger

Wie eingangs erwähnt: die Stimmbeteiligung und das Engagement im Leben der Gemeinde sind die Sorgenkinder des Gemeindepräsidenten. Spätestens seit der Amtszeit von Ernst Baumgartner-Brennwald war das so. Und daran hat sich bis heute nichts Wesentliches gehändert.

Quelle und Literatur
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Ernst Baumgartner-Brennwald, alt Gemeindepräsident. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 1983 – S. 9-12.
  • Baumgartner-Thut, W.: Chronologie des 20. Jahrhunderts. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), Januar 2000 – S. 11-15. [Reprint mit Anmerkungen in der aktuellen Ausgabe der Ortsgeschichtlichen Monographie, S. 92-94]
  • Neri, G.: Nachruf. Im Gedenken an Ernst Baumgartner, Weiach. In: Zürcher Landzeitung / ZU / NBT, 20. Februar 2008 – S. 6.
[Veröffentlicht am 6. März 2020 um 01:18 MEZ]

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