Donnerstag, 21. Mai 2020

Kunststrasse hat schweren Stand gegen dörfliche Überlieferung

Was eine «Kunststrasse» ist? Nein, mit bildenden Künstlern nach heutigem Verständnis haben die nichts zu tun. Dafür viel mit Ingenieurskunst. Der Begriff bezeichnet eine Strasse, die auf dem Reissbrett geplant und in die Landschaft gelegt wurde. Man hätte sie auch «künstliche Strasse» nennen können. Also eine, die nicht nach und nach aus den Gewohnheiten der Menschen heraus entstanden ist. Solche von Fusswegen zu Fahrwegen ausgebaute Strassenverbindungen hatten oft den Nachteil, dass sie steile Passagen aufwiesen, die den Verkehr behinderten.

Steigungen entschärfen

Schauen wir uns die alte Zürichstrasse von Weiach in Richtung Seebach an. Sie beginnt beim Gasthof Sternen, führt über die Büelstrasse auf die Oberdorfstrasse, zweigt dann rechts ab auf die heutige Alte Post-Strasse. Das nun folgende Teilstück, die Bergstrasse, führt mit einer doch ziemlich starken Steigung bis auf die Anhöhe, wo die heutige Bebauung endet und die Landschaft wieder von Einzelgebäuden geprägt wird. Diese alte Strasse schwang sich am Westhang oberhalb der heutigen Stadlerstrasse wie eine Girlande in Richtung Oberraat, wo die heutige Bannacherstrasse den alten Verlauf der Zürichstrasse aufnimmt, die hier Kaiserstuhlerstrasse genannte Kunststrasse quert und schliesslich als Alte Landstrasse nach Unterraat führt. Und auch da findet sich zwischen den beiden historischen Ortsteilen ein recht steiles Strassenstück. Die Kunststrasse entschärfte diese Steigung.

Eine Folge der liberalen Staatsumwälzung

Wie die Reform des Schulwesens (die u.a. zum sogenannten Stadlerhandel führte, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 114) war auch der Ausbau des Strassennetzes ein Projekt der 1831 an die Macht gekommenen Progressiven. Im August 1844 war es für die Strecke Seebach-Weiach-Kaiserstuhl soweit.

StAZH PLAN S 385 (Ausschnitt)

Mit Tinte, Grafitstift und Aquarellfarben zeichnete Ingenieur Ludwig Pestalozzi die Linienführung der neuen Strasse durch das Weiacher Oberdorf ein. Eine schnurgerade Linie von oberhalb der Mühle bis zur Vereinigung mit der alten Landstrasse an der Einmündung der Chälenstrasse.

Ein weiterer Ingenieur, David Hüni aus Riesbach, erstellte im Mai 1845 den Ausführungsplan, der schon wesentlich detaillierter daherkommt und auch für alle von der neuen Strasse betroffenen Parzellen die Grundeigentümer auflistet.

Mitten durch die Gärten hinter den Häusern!

Der untenstehende Ausschnitt zeigt die Situation an einem heute zentralen Punkt im Dorf. Dort wo die Oberdorfstrasse in die Stadlerstrasse mündet. 

Die rot bezeichnete Nr. 45 ist das Baumgartner-Jucker-Haus (heute im Besitz der Gemeinde Weiach). Die rote Nr. 43 (Oberdorfstrasse 2) ist das Wohnhaus der oberen Amtsrichter, der Zuname eines Zweiges der Familie Baumgartner, die dort seit über 200 Jahren ansässig ist. Der verstorbene Mann der dort wohnhaften aktuell ältesten Weiacherin, Martha Baumgartner (*1923), war unter dem Zunamen Amtsrichters Edi bekannt. Die Nr. 39 wurde mittlerweile bereits zweimal durch einen Neubau ersetzt. Ab 1931 durch eine Scheune und später durch ein modernes Mehrfamilienhaus (Oberdorfstr. 6/8).

Die Nummer 119 südwestlich des eingezeichneten Trassees der neu zu bauenden Strasse ist das heutige Alte Schulhaus (1836 eingeweiht). Die Nr. 42 gehört Erwin Griesser (Stadlerstrasse 12) und wie man sieht haben die Vorbesitzer wegen der Kunststrasse einge guten Teil ihres Gartens verloren.

StAZH PLAN S 386 (Ausschnitt)

Die von Ingenieur Hüni mit den Nummern 9 und 10 bezeichneten, vom Bauvorhaben betroffenen Parzellen, sind heute die Grundstücke Weiach-352 und Weiach-353. Nr. 9 gehörte den Gebrüder Willi, genannt Dekers. Die Nr. 10 ist auf PLAN S 386 auf Rudolf Meierhofer Schuster eingetragen.

Relative Bezeichnungen orientieren sich an der alten Landstrasse

Kommen wir noch einmal auf das Gebäude Nr. 43 der oberen Amtsrichters zurück. Der Haupteingang liegt auf der Nordostseite. Denn dort führte die alte Landstrasse vorbei. Nach Südwesten waren nur die Gärten der Nachbarn. Die Nordost-Richtung ist also «vor-use» und auf der entgegengesetzten Seite liegt «hine-use».

Diese Bezeichnungen sind nicht auszurotten, da mag die Kunststrasse mittlerweile auch bald 175 Jahre alt sein. Wie mir gestern eine Angehörige dieser Familie bestätigte, ist und bleibt die Seite Stadlerstrasse (auf der man eine beeindruckende Sammlung von Kakteen bewundern konnte) im Sprachgebrauch all derjenigen, die dort einmal wohnten «hine-use». Kunststrasse hin oder her.

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