Dienstag, 22. September 2020

Glockensprüche 1843: So viele Varianten wie Chronisten

Die Inschriften auf den Glocken, die seit dem Mai 1843 im Glockenstuhl des Dachreiters hoch auf der Weiacher Dorfkirche hängen, waren schon mehrfach Thema in diesem Blog. 
  • 6. Mai 2006: Titel Den Nobelpreisträger im Glockenturm? (WeiachBlog Nr. 183), wo die Fassung nach Emil Maurer aus dem Jahre 1965 besprochen wird. 
  • 7. Mai 2006. Titel Aktenzeichen «Glockensprüche 1843» ungelöst. (WeiachBlog Nr. 184), wo es um die Variante nach Marcel Hintermann von 1955 geht.  
  • April 2007. Untertitel Kirche, Glocken und Pfarrhaus (Weiacher Geschichte(n) Nr. 89), wo die Fassung nach Ruth Bersinger von 1941 abgedruckt wurde, und schliesslich am 
  • 22. Juni 2015 mit der Lösung: Was auf den Weiacher Glocken wirklich draufsteht. (WeiachBlog Nr. 1217) und der Fassung nach Ulrich Brandenberger.
Keine dieser Fassungen ist in jeder Hinsicht gleich wie die andere. Das verwundert auch wenig, denn Transkribieren ist eine harte Arbeit. Man muss aufpassen wie ein Häftlimacher, dass einem nicht unbewusst «korrigierte» Formulierungen in die Feder (oder heute: die Tastatur) fliessen. In der Regel  erfasst man beim Lesen ja ganze Wörter oder Satzzusammenhänge. Buchstabieren muss man nur in Zweifelsfällen. So ist eine falsch notierte Schreibweise schnell passiert. 

Dazu kommt noch das unterschiedliche Erkenntnisinteresse. Wer primär am Inhalt interessiert ist, für den sind kleinere Abweichungen kein Beinbruch. Solange der Sinn der gleiche bleibt, passt das schon. 

Fassung nach Salomon Vögelins Glockenbuch Ms. J 432

Bei einem Sammler von Glockeninschriften kommt noch eine weitere Verfälschungsgefahr hinzu. Nämlich die, dass er sich an vermeintlich gleich lautende andere Glockensprüche erinnert und diese dann unbewusst (und entgegen dem Original) kopiert.

So könnte es bei Kirchenrat Salomon Vögelin (1774-1849) gewesen sein, dem das Gloken-Buch, die Handschrift Ms. J 432 in der Zentralbibliothek Zürich zugeschrieben wird.

N° 1. Mittagsglocke

Für die Weiacher Mittagsglocke (hier «Mittag-Glocke» genannt) überliefert er folgenden Spruch, der unter einem «Crucifix» stehe:


Wo immer wird mein Ruf erschallen,
Soll jeder gern zum Tempel wallen,
wo Gottes Wort rein wird verkündet,
Die Seele Trost und Labung findet.

Die einzige inhaltliche Differenz zu allen bisher diskutierten Fassugnen steht in der ersten Zeile mit dem Substantiv «Ruf» statt «Ton» (vgl. auch den Abschnitt Sitzberg zeigt, wie die Glockengiesserei Keller arbeitete unten).

Die menschlichen Figuren neben dieser Inschrift werden als «Sinnbilder der vier Jahreszeiten» gedeutet. Der alte Mann im warmen Mantel und die Trachtenfrau mit reicher Ernte wären dann als Winter und Herbst zu interpretieren. Auf der anderen Seite müssten demnach allegorische Figuren zu finden sein, die für Frühling und Sommer stehen.

N° 2. Betzeitglocke

Für die Betzeitglocke (hier «Bet-Glocke» genannt) überliefert Vögelin folgenden Spruch:


Bist müde von der Arbeit du,
so lade ich dich ein zur Ruh
Und wenn dann froh der Tag erwacht,
Mein Ruf dich wieder munter macht,
Gedenk o Mensch zu jeder Frist,
Daß du in Gottes Händen bist.

Auch bei diesem wohl nicht nur auf der Weiacher Betzeitglocke zu findenden Spruch liegt eine auffallende Differenz zu allen oben aufgeführten Publikationen vor. In der fünften Zeile steht gemäss Vögelin auf der Glocke «Gedenk o Mensch zu jeder Frist», sonst überall «Oh Mensch! Gedenk zu jeder Frist», teils mit, teils ohne Ausrufezeichen, und in den Schreibungen «O» statt «Oh».

N° 3. Totenglocke

Für die Totenglocke (hier «Todtenglocke» genannt) überliefert Vögelin:


Du eilest jezt der Heimath zu
In deine ew'ge Himmelsruh,
wo dein Heiland Jesus Christ
Ewig nun dein Alles ist.

Bei dieser kleinsten Glocke gibt es in allen vier Zeilen Abweichungen zu den eingangs aufgeführten Fassungen.

In der ersten Zeile steht «jetzt» bei allen ausser Brandenberger («ietz») versus «jezt» bei Vögelin, der auch das Substantiv Heimat als einziger mit «th» schreibt. In der zweiten Zeile gibt es Unterschiede bei der Verwendung des Auslassungszeichens (bei Hintermann fehlend, Maurer schreibt gar «ewige»; Bersinger, Brandenberger und Vögelin sehen ein solches Zeichen). Die dritte Zeile kennt eine Abweichung bei Bersinger, die «Jesu» schreibt. 

Am auffallendsten die letzte Zeile mit dem Adverb «nun». Hier liegt (wie bei der Mittagsglocke) eine inhaltliche Differenz vor. Hier folgt lediglich Maurer der Fassung nach Vögelin. Bersinger, Hintermann und Brandenberger sehen an dieser Stelle ein «nur».

Wie man WeiachTweet Nr. 1721 vom 6. September 2018 entnehmen kann, findet man denselben Glockenspruch wie auf der Weiacher Totenglocke auch auf der kleinsten Glocke im oberösterreichischen Kollerschlag (sinnigerweise auch eine Grenzgemeinde: https://bit.ly/2wKXdC7), man beachte die Wahl des Adverbs in der vierten Zeile (Hervorhebung: WeiachBlog):

«Du eilest jetzt der Heimat zu
in deine ew`ge Himmelsruh,
wo dein Heiland Jesus Christ
ewig nur dein Alles ist.»

Bleibt noch Stierlin

Dem Redaktor dieses Beitrags ist mindestens ein weiterer Chronist bekannt. Die Weiacher Glockensprüche in der Fassung von Pfr Leonhard Stierlin in seinem Werk Die Kirchengeläute im Canton Zürich (ZBZ Ms. Ρ 6047 – S. 99). Anlässlich meines letzten Besuchs in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich fehlte die Zeit um auch diese Glockensprüche originalgetreu abzuschreiben.

Sitzberg zeigt, wie die Glockengiesserei Keller arbeitete

Ein Vergleich mit dem Geläute der 1838 errichteten Kirche von Sitzberg (Gemeinde Turbenthal), die sowohl zürcherischen wie auch thurgauerischen Gläubigen auf den Hügeln des Tössberglands in Winterszeiten den Gottesdienstbesuch überhaupt erst ermöglichte, ein solcher Vergleich zeigt, dass die Weiacher ihre Glockensprüche wohl aus einem Katalog ausgewählt haben.

Vergleiche dazu WeiachTweet Nr. 1719. Der in Fraktur gedruckte Text (auf den auch der bit.ly-Link verweist, stammt aus Friedrich Vogels Memorabilia Tigurina von 1841, S. 562:


Wie man sieht war der Autor dieser Zeilen vor zwei Jahren noch nicht so sicher, wann die Weiacher ihr neues Geläute bestellt hatten.


Wie man an dieser Abbildung der 1837 bei Keller in Unterstrass gegossenen Glocken der Kirche Sitzberg sieht (Quelle: WeiachTweet Nr. 1720), gab es Vorlagen, aus denen die Kunden auswählen konnten. Gleichzeitig war es aufgrund der Lettern leicht möglich, diese Art von Inschriften individuell auf den jeweiligen Kunden zuzuschneiden. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass schon dadurch Varianten auftraten, ganz einfach deshalb, weil die Glockengiesser nicht wie Kopiermaschinen gearbeitet haben. 

Die andere Erklärungsschiene ist  wie oben erwähnt  das Vorliegen simpler Transkriptionsfehler, die da noch dazu kommen.

Quellen
  • Vögelin, S.: Gloken-Buch oder Verzeichniß aller in den Kirchen des Cantons Zürich theils ehemals theils jezt befindlichen Gloken und derselben Inschriften. ZBZ Ms. J 432 – S. 295-296.
  • Vögelin, S.: Glockenbuch oder Verzeichniß aller in den Kirchen des Cantons Zürich theils ehemals, theils jetzt befindlichen Glocken und der Inschriften derselben, mit Angabe des Gewichtes, der Tonqualität und der Tonhöhe der Glocken. ZBZ Ms. Ρ 6313 – S. 425-427.
  • Brandenberger, U.: «Die Trotte im Oberdorf war unser Eigentum». Ein Vortrag von Ruth Bersinger an der Bezirksschule, November 1941 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 89. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2007 – Gesamtausgabe S. 329-330.

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