Dienstag, 23. September 2008

«Es Dörfli» - eine Hommage an Weiach

In der September-Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW) ist unter der Rubrik «Geschichtliches» vor den Weiacher Geschichte(n) Nr. 106 ein Gedicht abgedruckt worden.

Die Gemeinde hat es nach Angaben der Redaktorin vom Verwalter des Altersheims Eichi in Niederglatt zugesandt erhalten. Stammen soll es von der dort lebenden 88-jährigen Luise Wagner. Ich schreibe hier «soll» weil es im Dorf Stimmen gibt, die andere Verfasser nennen. [vgl. Nachtrag ganz unten]

WeiachBlog druckt das Gedicht genau so ab, wie es in den MGW drin steht und gibt anschliessend einige Kommentare zu den erwähnten Örtlichkeiten.

Es Dörfli

«Ich käne es Dörfli
es isch zunderscht im Land
es hèèrzigs Näschtli
mit Züri verwandt.

Ich gsee’s vor mir
wie’s aartig da liit
vo Obstböim beschatted
vor Sumerziit.

Im Mäie doch erscht
wie schön isch’s im Mäie
im Blüet muesch’s go gschaue
yuhäie.

Im Hèrbscht wänn d’Zwiigli
hanged voll Frücht
und alls amene hèrrliche Gaarte gliicht.

Es Chirchli staat da
es isch tuusig nett.
Im Büel äne lueget’s
vom Türmli deet
es lueget soo früntli uf d’Hüüser und Lüüt
wie geschter esoo soorget’s all na hütt.

Vo Hofwiese grüesst es heimeligs Huus
fascht täglich springt d’Jungmannschaft ii und uus.
Es wird nöd nu läse und schriibe drin gleert
au d'Wiisheit wo s'Läbe so vil isch wärt.

Im Dorf obe chlapperet d'Müli am Bach
si lauft mit de Ziit
verstaat iires Fach.
Maalt und sortiert
s'Määl schmackhaft und zart
us Chèèrne us em Hasli und usem Hard.

Wiiter une flüsst s'Bächli
wider in Teich
es müend halt d'Wasserchräft
uusgnützt sii z'Weich.

E Wèrchstatt triibt's scho vili Jaar
ja, früener hät me det dröschet sogar.

I d'Saagi hindere gaat's d'Chäle uf
em Holz fèèlt's nanig für de Prueff
si bringet's zum Schtocki vom Sanntebèèrg
vom Issebüeli isch's grad esoo bigäärt.

De Bettme ii mues me,
wämmer per Paan
z'Bsuech oder uf Züri will gaa.
Is Holzwèrch oder i Gschäftliaastalt
is Rhiistedtli oder Kaiserstuel
wänn’s eim gfallt.

Und prachtvolli Wiise hät s’Ackerland
es ghört ja zum löbliche Puurestand.
Es hät ja hèrrliche Wald
na e chlii Rääb und Chlee
vill Gäisse und Hüener
fäissi Söi und schööns Vee.

Im Früelig natüürli
lockt d’Fasnacht flue
ganz bsunders s’junge Volch
gèèrn zuenere ue.
De Blick uf s’Rafzerfäld
uf de lieb Rhii
und de Römerturm tuet’s aazie.

Ame Sunntig drum
öppe wänn d’Sunne lacht
wird sones gfröits Tüürli
i d’Höchi gmacht.

Es wird gsunge und gjuuchset
und gmüetlich taa
es wott Strüüssli vom Mäie
jedes no haa.

Dur d’Wuche dur Puurets
vom Bèèrg bis an Rhii
potz wüeschte Faane
wie hänket’s daa ii.

Scho mängi Aarbet
muess eläktrisch gaa.
Mit Raat und Taat
gänd d’Eltere naa.

Obwool äis Wèrch
am andere folgt
so werdet im Sumer
vill Beeri gholt.

Im Stocki, im Schwändi,
im Büechli au
sind’s debii zfriede
im Weiachergau.

Drum wämmer’s eso mache wie sii
wöisched mer Gottes Sääge no drii
und legged mer ales I sini Hand
öises so liebi Weiacherland.
»

Früher gab es wesentlich mehr Obstbäume

Man erkennt nicht nur an der Sprache, dass dieses in der Unterländer Mundart verfasste Gedicht von einem älteren Semester zu Papier gebracht worden sein muss. Auch der Hinweis auf die vielen Obstbäume («vo Obstböim beschatted») deutet klar auf frühere Zeiten hin. Denn heute gibt es längst nicht mehr so viele Obstbäume wie noch vor 40 oder 50 Jahren. Das kann bei einem Vergleich von alten Fotos mit dem heutigen Zustand leicht überprüft werden.

Frau Wagner wohnte an der Chälenstrasse 25. Dass sie die Verfasserin ist, würde durch den Blickwinkel des implizite vorhandenen Erzählers gestützt. Er kann nicht bei der Kirche im Büel wohnen, weil man von seinem Standpunkt aus das Büel mit der Kirche sehen kann [Betrachterstandpunkt muss nicht seinem Wohnort entsprechen; vgl. ganz unten den Nachtrag].

Auch beim Alten Schulhaus (1833-1836 auf der «Hofwiese» erbaut) wohnte er nicht. Und dass auch das Oberdorf als Wohnort ausfällt, erkennt man an der Beschreibung des Standorts der Mühle (heute: Müliweg 7).

Verschwundener Mühleweiher mitten im Dorf

Der Abschnitt «Wiiter une flüsst s'Bächli wider in Teich, es müend halt d'Wasserchräft uusgnützt sii z'Weich» ist besonders interessant, könnte er doch darauf hindeuten, dass diese Zeilen schon vor langer Zeit verfasst wurden. Möglicherweise sogar noch zu Schulzeiten der Verfasserin, denn dort wo dieser Teich lag (Oberdorfstrasse 21) befindet sich seit 1934 eine Scheune mit Werkstatt (Assekuranznummer 281).

Eingetragene Wasserrechte

Dass am Mülibach oder Dorfbach die Wasserkraft intensiv genutzt wurde sieht man schon daran, dass zwischen 1859 und 1863 allein drei Wasserrechte eingetragen wurden, eines für den Betrieb einer Mühle und zwei für eine Schleiferei/Drechslerei (vgl. Staatsarchiv des Kantons Zürich, Z 1.1112-1114).

Der folgende Satz: «E Wèrchstatt triibt's scho vili Jaar ja, früener hät me det dröschet sogar» bezieht sich auf die mechanische Werkstätte in der heutigen Liegenschaft Meierhofer-Järventaus. Zwischen diesem und Werner Attingers Haus an der Büelstrasse verlief noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein der Dorfbach (heute ist in Röhren unter die Oberdorf- bzw. Stadlerstrasse verlegt). Eines der oben erwähnten Wasserrechte (StAZH Z 1.1114) umfasst die Genehmigung, eine Dreschmaschine zu betreiben.

Holzbearbeitung, Schuhschäfte und Freizeitvergnügen

Natürlich wird auch die (mittlerweile infolge Baufälligkeit eingestürzte) Sägerei im Tälchen Richtung Bachs erwähnt, wo man das Holz vom Sanzenberg und Isenbüeli hinbrachte.

Die Worte «Is Holzwèrch oder i Gschäftliaastalt» deuten auf das grosse Sägewerk und die ehemalige Schäftefabrik Walder (später Fruet AG) beim Alten Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl hin.

Interessant ist auch, wo die Jungen früher am Sonntag herumhingen: «lockt d’Fasnacht flue ganz bsunders s’junge Volch». Von der südwestexponierten Fasnachtsflue hat man einen sehr schönen Blick aufs Dorf, nach Kaiserstuhl und ins Badische.

Wo man damals Beeren fand ist auch mit den Flurnamen beschrieben. Das erwähnte «Büechli au» meint ziemlich sicher das noch heute bekannte «Büechlihau».

So ist dieses Gedicht gut in der heimischen Geographie verankert und erzählt zwischen den Zeilen manches Detail von früherem Leben und Glauben.

N.B.: Wer weitere Zusammenhänge entdeckt ist herzlich eingeladen, einen Kommentar abzugeben.

Nachtrag vom Sonntag, 28. September

WeiachBlog hat Frau Luise Wagner heute im Eichi besucht. Sie hat betont, dass das Gedicht nicht von ihr verfasst worden sei. So etwas könne sie doch nicht, meinte sie bescheiden. Sie habe es nur auswendig gelernt und dann aufgeschrieben.

Eigentlich, so Luise Wagner, stamme das Gedicht von einem Mann namens Demuth, der im Näpferhüsli (abgerissenes Kleinbauernhaus neben dem Alten Gemeindehaus an der Bühlstrasse) gewohnt habe. Er sei schon lange gestorben und das Gedicht wohl vor 1920 entstanden.

Wir haben es also mit einem klassischen Irrtum zu tun. «Von Person X» reicht als Quellenangabe einfach nicht aus. Um solche Missverständnisse wie in diesem Fall zu vermeiden, müsste man schon den Vermerk «Von Person X erhalten» oder eben «Von Person X verfasst» anbringen. Das würde die Angelegenheit sofort klären.

Quelle
  • Es Dörfli. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2008 - S. 11.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Natürlich sind solche textanalytische Detektivarbeiten spannender. Ginge es einfach um die Wahrheit, wäre es einfacher Frau Wagner selbst schnell zu fragen. Sie würde sich sicher auch über einen Besuch im Eichi freuen.

WG(n) hat gesagt…

Danke für den Seitenhieb. Ich kann Ihnen aber versichern: Reden mit Zeitzeugen ist in der Regel noch interessanter als Textanalyse - Zeitzeugen sind nämlich interaktiv, d.h. man kann nachfragen.

Nur: Oral History-Ansätze brauchen wesentlich mehr Zeit - und die ist bei mir eher knapp. Ältere Leute einfach mal schnell per Telefon zu befragen ist nicht ganz so einfach - Frau Wagner hat da z.B. Probleme mit dem Hörgerät. Also muss man hingehen und das braucht mit allen Regiezeiten schnell einen halben Tag und mehr. Aber ich nehme die Anregung gern zur Kenntnis und gehe wieder einmal bei ihr im Eichi vorbei.

Im übrigen geht es mir nicht darum, Frau Wagners Aussage anzuzweifeln, wenn sie sagt, das Gedicht stamme in der vorliegenden Form von ihr.

Es ist nur so, dass diese Art von Heimatgedicht ziemlich beliebt war und deshalb teilweise ganze Passagen fast als allgemeines Volksgut betrachtet werden können. Das ist mit ein Grund, dass dann der Eindruck entstehen kann, die Zeilen stammten von jemand ganz anderem.

Auch stellt man fest, dass diese Art von Gedichten oft weder datiert noch mit Autorenangabe versehen sind.