Montag, 15. April 2019

Von Fälldaten und Baujahren

«Ehem. Pfarrscheune 1707d» wird als Datierung des Weiacher Kirchgemeindehauses in der Fachliteratur angegeben. So z.B. im Kunstführer durch den Kanton Zürich, herausgegeben 2008 von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (S. 249).

Was bedeutet diese Jahrzahl nun konkret? Ist damit das Baujahr gemeint?

Antwort: Nein. Der Zusatz «d» - manchmal auch in Klammern gesetzt «(d)» - bezeichnet das Jahr, in dem das beprobte Bauholz gefällt wurde, also das Fälldatum. Das «d» steht für «dendrochronologisch bestimmt».

Die u.a. auf dendrochronologische Untersuchungen spezialisierte Firma Preßler mit Sitz in Recklinghausen im Ruhrgebiet erklärt das so: «In einschlägigen Publikationen hat sich eingebürgert, dass nur das Fälljahr angegeben und als solches mit einem (d) ausgewiesen wird. Inschriftlich bekannte Datierungen erhalten den Zusatz (i) und archivalische Datierungen (a).»

Dendro plus 1 oder 2 = Baujahr

Die Angabe «1707d» ist somit als sogenannter «Terminus post quem» zu verstehen, also als Zeitpunkt NACH dem der Bau erfolgt sein muss. Frage: Wie viel danach?

In der Regel wurden Hölzer in vorindustrieller Zeit saftfrisch verarbeitet, also ziemlich zeitnah nach dem Holzschlag. Das hat gleich mehrere Gründe.

1. Die Verarbeitung frischen Holzes ist für lediglich mit Beilen ausgerüstete Zimmerleute wesentlich einfacher als die von trockenem Material. Dazu wieder Preßler: «Sägen, Beilen, Bohren, Stemmen können im saftfrischen Zustand des Holzes beinahe doppelt so schnell ausgeführt werden wie an getrockneten Hölzern». Ausserdem ergibt sich bei frischem Holz eine glatte Oberfläche, trockenes Holz neigt zu Absplitterungen und Abfaserungen.

2. Dass man das Bauholz nicht lange herumliegen liess, hat nicht nur mit sonst drohendem Schädlingsbefall zu tun. Meist waren die Stämme mitten im Dorf auch bei anderen (landwirtschaftlichen) Arbeiten im Weg. Es gab zudem Vorschriften, wonach Holz nicht über die Bäche gelegt werden durfte (vgl. WeiachBlog Nr. 431).

Der Anreiz schnell zu bauen war also auch dann vorhanden, wenn man nicht gezwungen war, nach einem Dorfbrand rasch viele neue Wohn- und Ökonomiebauten zu errichten und zu diesem Zweck halt auch einmal im Frühling oder Sommer Holz schlagen musste .

Preßler bringt für die kurze Zeitspanne auch Belege: «Zusätzliche Untersuchungen an inschriftlich oder archivalisch datierten Gebäuden ergaben eine 90 % Übereinstimmung und eine maximale Zeitdifferenz von 2 Jahren zwischen Fälljahr und Baujahr».

Baujahr 1708 für die Pfarrscheune dürfte also keine abwegige Annahme sein.

Quelle
  • Preßler GmbH, Planung und Bauforschung (Hrsg.): Interpretation dendrochronologischer Datierungen. URL: http://www.pressler.com.de/deutsch/interpretation-der-datierungen-1

Mittwoch, 3. April 2019

«Man höre auch die andere Partei!»

«Audiatur et altera pars» ist ein Kernelement der römischen Rechtsprechung. Das Gericht soll auch die Gegenseite anhören, oder anders formuliert: Beide Seiten sind anzuhören, nicht nur die klagende.

Über den Suizid des Oberstufenschülers Johann Hermann Baltisser, der sich im Spätherbst 1905 in Zürich-Aussersihl ereignete, wurde wohl vor allem in den Zürcher Gazetten berichtet. Ob die Todesursache (der Jugendliche hatte sich mit der Dienstwaffe seines Vaters das Leben genommen) den Ausschlag gab oder nicht: das Ereignis fand auch im «Berner Intelligenzblatt» (intelligenzblatt.unibe.ch) vom 5. Dezember 1905 seinen Niederschlag. In WeiachBlog Nr. 1151 (vgl. Quellen) ist der Volltext dieses Berner Beitrags enthalten. Erziehungsberechtigte und Lehrpersonen kommen darin nicht gerade gut weg.



Mit den Worten im Titel dieses WeiachBlog-Artikels hebt eine Art Gegendarstellung in der zweitletzten Ausgabe der «Zürcher Wochen-Chronik» des Jahres 1905 an (Titelblatt s.oben), die sich zwar eher auf Berichte in der zürcherischen Presse bezieht, die Linie des Berner Artikel aber ebenso kontert. In welche Richtung die Sichtweise der Gegendarstellung tendiert, kann man schon anhand des Rubrikentitels erahnen - einer Vignette mit Schuluniform und Rute:



Baltisser habe bei Pflegeeltern in Aadorf (Kt. Thurgau) keine gute Erziehung erhalten, sei dann zu einem «sehr achtbaren Elternpaar in Weiach» gekommen, dem er «bei seiner bösen Veranlagung saure Tage» bereitet habe.

Nicht erläutert wird in der Wochen-Chronik, ob es sich bei diesem Elternpaar um Verwandte gehandelt hat, was man beim typisch weiacherischen Nachnamen Baltisser aber annehmen muss.

Gezeichnet wird das Bild eines renitenten, absolut respektlosen Jungen, der auf Drohungen, man werde ihn «bei weiterem schlechten Verhalten in einer Anstalt unterbringen» jedesmal gedroht habe, «sich vorher im Rhein ertränken oder erschießen» zu wollen.

Zum Schluss wird dann noch angedeutet, dass sein Sekundarlehrer in Aussersihl noch «weitere Tatsachen» zu berichten wisse, so dass man zur Erkenntnis gelange, es sei für einen Lehrer «ein eigentliches Unglück», «solche Elemente» in die Klasse zu bekommen.

Nachstehend der Originalbeitrag:



Fazit: Erziehungsfragen werden nicht erst heute kontrovers diskutiert. Geändert hat nur der Umstand, dass Name und Herkunft des Jugendlichen heutzutage kaum mehr genannt würden - man denke nur an den «Fall Carlos».

Quellen

Donnerstag, 28. März 2019

«Mitteilungsblatt». Weit mehr als nur ein neuer Name

So richtig realisiert habe ich es erst mit der März-Nummer der «Mitteilungen». Da prangt – wie jeden Monat seit der Gründung im Juni 1982 – ein Titelbild von Hans Rutschmann. 

Doch zwei Elemente sind anders: Der Titel ist neu. Und das Logo auch. Ein Vergleich der Titelblätter der letzten vier Ausgaben zeigt, was geändert wurde:


Aus den «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» wurde ein «Mitteilungsblatt». Und statt dem stilisierten Gemeindewappen wird neu das seit dem Jahre 2000 in Gebrauch stehende Logo der Politischen Gemeinde verwendet (zum Logo vgl. Anhang 5 der Monographie Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, s. Quellen).

Epochale Veränderung: Primat der Elektronik

Es geht nicht nur um einen neuen Titel. Nein, in der Kommunikation der Politischen Gemeinde Weiach sind in den letzten Monaten epochale Veränderungen vorgenommen worden, hin zum Primat der elektronischen Publikation. Gemäss Beschluss des Gemeinderates vom 16. Oktober 2018 ist seit dem 1. November 2018 die Internetseite www.weiach.ch das offizielle, amtliche Publikationsorgan (vgl. den nachstehenden Volltext):

Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Weiach

«Mit der Totalrevision des kantonalen Gemeindegesetzes und der dazugehörenden Verordnung zum Gemeindegesetz haben sich auch die kantonalen Vorgaben für die amtlichen Publikationen auf den 01. Januar 2018 geändert.

Die Änderungen haben zur Folge, dass Erlasse, allgemeinverbindliche Beschlüsse und Wahlergebnisse im gesamten Wortlaut publiziert werden müssen (mit der alten Fassung genügte die Bezeichnung des Beschlusses und die Fristansetzung mit Hinweis, dass der Beschluss in der Gemeinderatskanzlei aufliegt). 

Als amtliches Publikationsorgan ist aktuell das Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach definiert. 

Die Amtliche Publikation im Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach ist aufgrund der nur einmal im Monat erscheinenden Ausgabe sehr träge und verzögert u.a. Fristenläufe von Rekursfristen, Anordnungsfristen etc. bis zum endgültigen Eintritt der Rechtskraft.

Ausserdem erscheint das Mitteilungsblatt als Amtliches Publikationsorgan nicht mehr zeitgemäss, als dass auch das neue Gemeindegesetz es den Gemeinden erlaubt, die Publikationen amtlich im Internet (Homepage der Gemeinde) zu veröffentlichen. Es müssen nur noch die Publikationen gemäss Planungs- und Baugesetz § 6 im kantonalen Amtsblatt veröffentlicht werden.

Der Gemeinderat Weiach hat an der Sitzung vom 16. Oktober 2018 entschieden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Als amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Weiach wird per 01. November 2018 die Internetseite der Gemeinde bestimmt und die Geschäftsordnung des Gemeinderates entsprechend ergänzt. Die Publikationen erfolgen, wenn vorhanden, jeweils am letzten Arbeitstag jeder Woche. Wo es das übergeordnete Gesetz vorsieht erfolgen die amtlichen Publikationen zusätzlich in den vorgegebenen Publikationsorganen.

Unter der Rubrik des Gemeinderates im Mitteilungsblatt wird wie bis anhin auf die entsprechenden Gemeinderatsbeschlüsse aufmerksam gemacht.»  (MGW, November 2018 – S. 4-5)

So weit klar. Nur hinkt die Praxis dem gemeinderätlichen Willen gleich in mehrfacher Hinsicht hinterher, wie nachstehend erläutert wird.

Impressum veraltet

Die «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» wurden in deren Impressum bis Ende Oktober 2018 noch mit einem gewissen Recht als «Publikationsorgan der Gemeinde Weiach» bezeichnet, wobei man ganz korrekt eigentlich von der «politischen Gemeinde» hätte reden müssen.

Umso erstaunlicher ist es, dass auch nach der mit Namenswechsel verbundenen Designanpassung diese Bezeichnung weiterhin – und nun etwas irreführend – im Impressum steht. Natürlich findet man das Mitteilungsblatt seit März 2006 auch in elektronischer Version auf der Gemeindewebsite, bisher als blosse Informationskopie (vgl. WeiachBlog Nr. 121).

Seit 1. November 2018 ist die Printversion aber keine amtliche Publikation mehr, sondern eher ein informelles Format, ein Verlautbarungsorgan des Gemeinderates, das aber keine Rechtskraft mehr entfalten kann. Diese Funktion scheint seit dem 7. Dezember 2018 die neue Kategorie «Amtliche Publikationen» unter der Rubrik «Aktuelles» zu übernehmen.

Name nicht reglementskonform

Das seit dem 1. August 2016 in Kraft stehende «Reglement für das Mitteilungsblatt Weiach» legt im Zweckartikel den Namen neu fest: «Mitteilungsblatt der Politischen Gemeinde Weiach, seit 2016 genannt "S'Weycher"». Der eigentlich per sofort zu erwartende Namenswechsel wurde auf die nächste Design-Anpassung vertagt, wie die damals verantwortliche Redaktorin mitteilte (vgl. WeiachBlog Nr. 1326).

Reglementskonform hätte man jetzt einen Titel in der Form S'Weycher. Mitteilungsblatt der Politischen Gemeinde Weiach o.ä. erwartet. Ob man den erklärenden Zusatz auf der Titelseite oder erst im Impressum unterbringt ist zweitrangig. Stattdessen scheint der Haupttitel nun schlicht «Mitteilungsblatt» zu lauten.

Marke entsorgt. Kein neues Alleinstellungsmerkmal.

Wie nennt man die Publikation denn nun offiziell? «Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach»? «Gemeinde Weiach Mitteilungsblatt»? In diesem Punkt besteht Klärungsbedarf, denn Mitteilungsblätter jeglicher Couleur gibt es wie Sand am Meer. Und der Schriftzug «Gemeinde Weiach» im Logo wird nicht automatisch als Titelbestandteil gesehen.

Logo erweckt falschen Eindruck

Mit dem Logo wurde auch eine eher unglückliche Wahl getroffen, denn dieses Bildzeichen steht seit dem 1. Mai 2000 ausschliesslich für die politische Gemeinde. Die beiden anderen als Gemeinde bezeichneten Körperschaften, die Primarschulgemeinde und die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde führen je ein eigenes Logo (vgl. WeiachBlog Nr. 928 für das Logo der Schule Weiach).

Insofern ist die Wahl des Logos ein Missgriff und letztlich auch ein Etikettenschwindel. Denn das Mitteilungsblatt wird zwar von einer Angestellten der politischen Gemeinde redaktionell zusammengestellt, die inhaltliche Verantwortung aber liegt seit der Gründung bei sehr unterschiedlichen Entitäten, von den obgenannten Gemeinden über einheimische Vereine und Gruppierungen bis hin zu auswärtigen Stellen aller Art. Das wurde bis im Januar 2019 auch durch die mit den entsprechenden Logos versehenen Abschnitte im Blatt klar dokumentiert. Und mit dem für alle stehenden Wappen auf dem Titelblatt.

Die Wahl des Logos könnte hingegen - wenn man es so interpretieren will - als Ausdruck einer Dominanzstrategie verstanden werden. Als Versuch, den Schritt Richtung Einheitsgemeinde auch auf dem Titelblatt des publizistischen Weiacher Aushängeschilds vorwegzunehmen.

Fazit

Die Reform ist auf halbem Wege steckengeblieben und punkto Logo auf dem falschen Gleis. Die Kommunikationsstrategen der Politischen Gemeinde müssen in diesem operativen Bereich bei Name, Logo und Impressum nachbessern. Und zwar so, dass das Erzeugnis auch äusserlich wieder der Intention des Gründers Mauro Lenisa (1948-2018) entspricht: ein Publikationsmittel des Gemeinderates und der Behörden der Gemeinde Weiach zu bieten und gleichzeitig für die Mitteilungen der Dorfvereine offen zu sein (vgl. Titelbild MGW Juni 1982). Nicht mehr - aber auch nicht weniger. Damit der unverwechselbare Charakter des Weycher Mitteilungsblattes wieder klar heraussticht.

Quellen

Donnerstag, 21. März 2019

Weiacher Kapelle gemäss Paul Kläui aus dem 15. Jahrhundert

Dass es in Weiach bereits im Mittelalter eine erste Kapelle gegeben hat, ist seit längerem bekannt (vgl. Maurer 1965 und Brandenberger 2007). Die zeitliche Einordnung hingegen liegt im Dunkeln. Behauptet wurde - auf Basis von Fehlinterpretationen von Nüschelers «Die Gotteshäuser der Schweiz» (vgl.WeiachBlog Nr. 436 sowie Nr. 930) - eine Errichtung im Jahre 1281, bzw. aufgrund einer Zollinger'schen Formulierung (vgl. WeiachBlog Nr. 449) eine im Jahre 1381. Beide Jahrzahlen halten einer Überprüfung nicht stand.

Paul Kläui hat in der Einleitung zu seinem Kaiserstuhler Urkundenbuch festgehalten: «In der Stadt bestand seit unbekannter Zeit eine Kapelle der hl. Katharina, in die im Laufe der Zeit vier Pfründen gestiftet wurden.» (Kläui 1955). Die eigentliche Pfarrkirche der Pfarrei Kaiserstuhl (so hiess die Grosspfarrei auch offiziell) stand, wie von Siegfried Wind herausgearbeitet, ausserhalb der Stadtmauern - in Hohentengen (Wind 1940).

Zufallsfund in süddeutscher Fachzeitschrift

Bei der Suche nach einem Urkundenbuch für die Grafschaft Klettgau, bzw. das Gebiet des heutigen Landkreises Waldshut hat sich nun vor wenigen Tagen ein Zufallsfund ergeben, der etwas Licht ins Dunkel bringt.

Im Freiburger Diözesan-Archiv, einer Fachpublikation, die schon seit 1865 erscheint, hat der obgenannte Paul Kläui in dem 1956 veröffentlichten Band 75 einen Beitrag über die Grabungen in der Kirche Hohentengen veröffentlicht. Diese wurden nach dem verheerenden Grossbrand vom 27. Oktober 1954 auch auf seine Anregung hin durchgeführt. Nachstehend das erste Kapitel (Die Kirchengemeinde Hohentengen):

«Die Kirche Hohentengen lag an der alten großen Straße, die vom Schweizer Mittelland über Baden an der Limmat nach Schaffhausen und Ulm lief. Westlich des Dorfes Hohentengen überquerte sie — seit spätestens Ende des 13. Jahrhunderts auf einer Brücke — den Rhein und stieg am nördlichen Ufer ziemlich steil in östlicher Richtung zum Plateau an, auf dem das Gotteshaus Hohentengen bis heute steht. Sie führte unmittelbar südlich an ihm vorbei. Dieser Rheinübergang hat in zähringischer Zeit erhöhte, im einzelnen noch näher zu untersuchende Bedeutung erlangt. Am schweizerischen Ufer wurde im 12. Jahrhundert durch den Bau des bis zur Gegenwart die Gegend beherrschenden Turmes der Freiherren von Kaiserstuhl der Übergang gesichert, während ihn am Nordufer die Burg Rötelen bewachte.

Dieser Verkehrslage entsprach die Ausdehnung der alten Pfarrei Hohentengen. Nördlich des Rheines gehörten zu ihr nicht nur, wie heute noch, die badischen Dörfer bis hinauf zur Küssaburg (Günzgen, Herdern, Stetten, Bergöschingen und Küßnach), sondern auch das zürcherische Dorf Wasterkingen und vor der Stadtgründung im 13. Jahrhundert wohl auch das Gebiet von Eglisau. Südlich des Flusses waren nach Hohentengen kirchgenössig das Städtchen Kaiserstuhl, das 1255 von den Freiherren von Regensberg in die Pfarrei hineingegründet und auch Sitz des Leutpriesters von Hohentengen wurde, das aargauische Dorf Fisibach und die Zürcher Gemeinden Weiach und Glattfelden. Der große Umfang der Pfarrei läßt ohne weiteres erkennen, daß es sich um eine Urpfarrei handelt. Sie grenzte im Süden an die beiden alten Großpfarreien Steinmaur und Bülach (diese 811 erwähnt). Dazu paßt das Marienpatrozinium,
[282] wenn man auch von diesem allein den Schluß auf eine Urpfarrei nicht ziehen dürfte. Im Spätmittelalter war die Kirchgemeinde durch eine Reihe von Kapellen erschlossen. Es bestanden solche in Kaiserstuhl und Glattfelden (14. Jahrhundert), in Weiach und Wasterkingen (15. Jahrhundert). [Hervorhebung durch WeiachBlog] Der Zerfall der Großpfarrei begann schon vor der Reformation, da Glattfelden 1421 zur selbständigen Pfarrei erhoben wurde. Im Gefolge der Reformation trennten sich die zürcherischen Gemeinden Wasterkingen und Weiach ab; erst 1816 wurde auch die Stadt Kaiserstuhl mit Fisibach von der badischen Mutterpfarrei gelöst.»

Wie kommt es zur zeitlichen Festlegung?

Die Weiacher Kapelle soll also aus dem 15. Jahrhundert stammen, die spätere Pfarrkirche des Städtchens Kaiserstuhl, die Kapelle St. Katharinen, aus dem 14. Jahrhundert. Wie Kläui diese – im Vergleich zum Urkundenbuch neue – Information gewonnen hat, ist leider nicht bekannt. Allenfalls lässt sich diese offene Frage über seinen wissenschaftlichen Nachlass (Paul Kläui; StAZH W I 31) oder durch Rückfrage bei Franziska Wenzinger Plüss (vgl. ihre einschlägige Abhandlung von 1992) erhellen.

Interessant ist jedenfalls, dass Paul Kläui von verschiedenen Ortschaften, die zur Grosspfarrei Hohentengen gehörten (u.a. Lienheim und Fisibach) keine Kapelle erwähnt, explizit aber - und mit Jahrhundertangabe! - für Kaiserstuhl, Glattfelden, Weiach und Wasterkingen.

Bei dem in der Weidgangsstreit-Urkunde von 1594 (vgl. WeiachBlog Nr. 1353) erwähnte «gmür» der «alten capelen» dürfte es sich um diese gemäss Kläui im 15. Jahrhundert erstellte Kapelle gehandelt haben.

Dass es davor eine gegeben hat ist wenig wahrscheinlich, zumal ja Kaiserstuhl aufgrund seiner verkehrstechnischen Lage sicher schon Jahrzehnte vorher eine hatte (obgenannte und bis heute bestehende Kirche St. Katharinen) und auch die Pfarrkirche in Hohentengen nicht weit weg war. Da war es naheliegender, die bereits bestehenden Einrichtungen zu alimentieren und zu nutzen.

In gleicher Weise dürfte der Kirchhof in Weiach - samt dem Friedhof - erst eine nachreformatorische Errungenschaft gewesen sein, wenn man davon ausgeht, dass die Toten in der Regel bei der Pfarrkirche beerdigt wurden, die Weiacher also in Hohentengen.

Auch die Formulierung der Klage der Weiacher an den Rat von 1540 gibt einen Hinweis in diese Richtung. Darin erklären sie explizit, «gehörend über Rhyn zur Kilchen gen Dengen» zu sein (Brandenberger 2007, S. 4). Dort waren wohl auch etliche Vorfahren der damaligen Weiacherinnen und Weiacher beerdigt.

Quellen

Freitag, 8. Februar 2019

Ex libris Bundesrat Delamuraz

«Habent sua fata libelli», hat WeiachBlog am 11. September 2017 getitelt (vgl. WeiachBlog Nr. 1350). Was zu Deutsch bedeutet, dass auch Bücher (und deren Inhalte) ihre Schicksale haben. Heute soll vom Schicksal eines ganz besonderen Exemplars die Rede sein, das mit Jean-Pascal Delamuraz in Verbindung steht.

Neu in den Online-Katalog aufgenommen

Vor wenigen Tagen habe ich auf Swissbib, dem Metakatalog für Schweizer Bibliotheken, einen neuen Eintrag entdeckt. Wo vorher noch lediglich vier Fundstellen für die Dorfchronik von Zollinger (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271-1971) verzeichnet waren, gab es da nun plötzlich deren fünf.


Der Neuzugang erfolgte bei der Bibliothek am Guisanplatz (BiG) in Bern, dem Zusammenschluss einer ganzen Reihe von Bibliotheken der Bundesverwaltung.

Erste oder doch zweite Auflage?

Die Erstausgabe von Zollingers blauem Büchlein datiert, wie mittlerweile in Online-Bibliothekskatalogen korrekt angegeben wird (vgl. WeiachBlog Nr. 1351), auf das Jahr 1972. Weiter gibt es eine zweite Auflage, die 1984 publiziert wurde.

Das Problem: sowohl bei der 1. wie bei der 2. Auflage fehlt jeglicher Publikationsvermerk. Ein Impressum müssen in der Schweiz lediglich Zeitungen und Zeitschriften aufweisen. Autor und Herausgeber (die Politische Gemeinde Weiach) haben also durchaus rechtskonform gehandelt. 

Den Katalogisierern der Bibliotheken aber bereitet das heute noch Kopfzerbrechen. Denn: wo eine Angabe zum Publikationsdatum fehlt, da muss diese indirekt erschlossen werden. Der einzige Hinweis ist das Vorwort Zollingers, das irrtümlich auf Ostern 1971 datiert ist. Publiziert wurde das Werk erst an Ostern 1972 (vgl. WeiachBlog Nr. 19).

Nach gut zwölf Jahren war die 1. Auflage (500 Exemplare) vergriffen. Der Gemeinderat entschloss sich zu einer – mit zusätzlichen Bildern aufgewerteten – Neuauflage (wieder 500 Exemplare). Und natürlich fehlen auch da Angaben zum Publikationsdatum.  

Wie man die erste und die zweite Auflage unterscheidet? Vgl. dazu WeiachBlog Nr. 1365.

Die BiG hat die zweite Auflage!

Dass es überhaupt eine zweite Auflage gibt, können die Bibliothekare nicht wissen, denn in der Schweiz gibt es (anders als bspw. in Frankreich) kein sogenanntes Dépôt légal, also ein Gesetz, welches Druckereien und Verlagen die Abgabe eines oder mehrerer Pflichtexemplare vorschreibt. Deshalb ist diese zweite, erweiterte Auflage auch in keiner gedruckten Bibliographie erfasst, auch in der Schweizer Nationalbibliographie nicht.

Der Autor des WeiachBlog hat deshalb bei der BiG angefragt, ob es sich bei ihrem Exemplar um die erste oder die zweite Auflage handle. Der Befund: es ist die zweite Auflage! Damit verfügt die BiG als bisher einzige öffentliche Bibliothek (soweit bekannt: weltweit) über ein solches Exemplar.

Entsprechend ist auch beim Eintrag in der Datenbank von Alexandria (dem Bibliotheksverbund der Bundesverwaltung) das Publikationsjahr bereits angepasst worden:

Es scheint fast, als sei unser Dorfkünstler Hans Rutschmann (der in wenigen Tagen 91 Jahre alt wird und von dem sämtliche Titelblätter der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» seit Juni 1982 stammen) bei dieser Gelegenheit sozusagen zum Coautor befördert worden ist. 

Die Detailangaben sind indes etwas präziser:

Mit den eckigen Klammern deutet die Bibliothek an, dass die darin stehenden Angaben indirekt erschlossen wurden – in diesem Fall aus dem Hinweis des WeiachBlog-Autors.

Ein Geschenk an und von Delamuraz

Und was hat das alles mit dem 1998 verstorbenen Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu tun? Laut einem Stempel auf der ersten Innenumschlagseite (dem Vorsatzblatt) kam dieses Exemplar der «Chronik Weiach» als «Cadeau de Jean-Pascal Delamuraz» 1998 in die Bestände der damaligen Eidgenössischen Militärbibliothek (EMB). Es wurde auf einer Katalogkarte verzeichnet. Und ist nun vor kurzem in den Online-Katalog des Bibliotheksverbunds Alexandria aufgenommen worden.


Wie aber gelangte Delamuraz in den Besitz der «Chronik»? Die plausibelste Antwort lautet: Parteizugehörigkeit. 

Am 4. Juni 1986 empfing der knapp zweieinhalb Jahre im Amt stehende Waadtländer Bundesrat die Weiacher Jungbürger (vgl. WeiachBlog Nr. 1386). Organisator der Reise nach Bern war der damalige Weiacher Gemeindepräsident Mauro Lenisa (1948-2018, vgl. WeiachBlog Nr. 1384). Und der war – was viele nicht wissen, weil es in der Gemeindepolitik bis heute keine Rolle spielt – Mitglied der FDP, der Partei, für die Delamuraz 1983 in den Bundesrat gewählt wurde. 

Fazit: Einen wasserdichten Beweis gibt es zwar nicht. Aber die «Chronik» könnte das Gastgeschenk für die «Kurzaudienz» gewesen sein.

[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 13:55 MESZ]

Mittwoch, 16. Januar 2019

Wie die Weiacher Jungbürger vom Bundesrat empfangen wurden

Vor kurzem ist Mauro Lenisa von uns gegangen (vgl. WeiachBlog Nr. 1384). In seiner Funktion als Gemeindepräsident hat er mehreren Jahrgängen von Weiacher Jungbürgerinnen und Jungbürgern zu einem staatsbürgerlichen Aha-Moment verholfen. Alle zwei Jahre reiste er mit den frisch in die vollen Bürgerrechte Aufgenommenen in die Bundesstadt und erklärte ihnen dort den Parlamentsbetrieb und die hohe Politik.

So auch dem Schreibenden, der sich noch gut an die Verwunderung seiner Jahrgangskollegen erinnert, die angesichts der Verhältnisse im Nationalraatssaal Platz griff. Denn da hörte von den wenigen Anwesenden kaum jemand zu. Viele lasen sogar Zeitung, während sich am Rednerpult ein anderer Politiker ins Zeug legte.

Jean-Pascal Delamuraz hautnah erlebt

Beim Durchblättern der ersten Ausgaben der von Mauro Lenisa gegründeten «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» ist mir deshalb der nachstehend abgedruckte Beitrag von Karin Klose besonders aufgefallen. Denn die Jahrgänge 1965 und 1966 sassen nicht nur auf den Tribünen der heiligen Hallen der Bundespolitik, sie kamen sogar in den Genuss einer Privataudienz bei Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz, der zu diesem Zeitpunkt seit etwas mehr als zwei Jahren Vorsteher des Eidg. Militärdepartements war (EMD 1984-1986; EVD 1987-1998).

Karin Klose ist in Weiach keine Unbekannte. Sie war Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde und ist seit Jahren Präsidentin der Rechnungsprüfungskommission der Gemeinde Weiach. In den Kontrollen von Karin und ihren RPK-Kollegen ist schon mancher Punkt ans Tageslicht befördert worden, der dann in einer Gemeindeversammlung zu mehr als nur kritischen Bemerkungen geführt hat.

Nachstehend der Beitrag von Karin in der Juli-Ausgabe 1986 der MGW im vollen Wortlaut samt Bildern. Bemerkungen des WeiachBlog-Autor sind in eckigen Klammern gesetzt.

Jungbürgerfeier 1986, Jahrgänge 1965 + 1966

Mittwoch, 4. Juni, 6.30 Uhr, Bahnhof Weiach: 12 Regenschirme mit ihren Besitzern warten auf die Abreise. Der Zug kommt - wir steigen ein. Nun konnte unsere Jungbürgerfeier beginnen.

Bei Kaffee und Gipfeli fuhren wir über Winterthur - Zürich nach Bern. Kurz nach 9 Uhr kamen wir in der Bundeshauptstadt an und schlenderten gemütlich Richtung Bundeshaus. Mit gemischten Gefühlen traten wir in den bekannten und doch unbekannten Tempel der Demokratie.

Ein Weibel führte uns in den linken Flügel, wo wir auf Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz warteten. [Das Bundeshaus Ost ist traditionell der Sitz des EMD] Kurz nach 10 Uhr betrat der EMD-Vorsteher das Sitzungszimmer. In sehr gutem Deutsch erklärte er uns in einer kurzen Ansprache die Aufgaben des Bundesrates und verglich unsere föderalistische Staatsform mit der des Auslandes.

Für Fragen blieb uns leider nur sehr wenig Zeit; es reichte nur für die drei folgenden:
- Was halten Sie von einer Frau im Bundesrat?
- Haben Sie noch Zeit für Hobbies, wenn ja, für welche?
- Was geschieht nun bezüglich des neuen Kampfpanzer Leopard II?

Er finde es positiv, dass auch eine Frau im Bundesrat vertreten ist. [Die erste Bundesrätin, Elisabeth Kopp, wurde im Dezember 1983 zusammen mit Otto Stich und Delamuraz gewählt]

Bei der Frage nach seinen Hobbies antwortete er: "Mein grösstes Hobby ist meine Familie!" Sehr gerne entspannt er sich bei klassischer Musik. Ein grosser Teil seiner Zeit gehöre natürlich auch seinem Boot auf dem Lac Leman

Auf die letzte Frage folgte eine lange, ausführliche Antwort, welche ohne militärische Kenntnisse nur sehr schwer zu verstehen ist.

Anschliessend knipste unser Gemeindepresi noch ein Foto. Super, oder?



[Delamuraz mit Krawatte in der Mitte, rechts aussen Pfr. Koelliker]

Nachdem wir Monsieur Delamuraz "au revoir" gesagt hatten, ging es weiter in den National- und Ständerat. Amüsant war es, die Nationalräte zu beobachten, wie "interessiert" sie dem Referenten "zuhörten". Im Ständerat war das Klima schon ein wenig anders - sympathischer. Vielleicht war aber auch nur das Thema "packender".

Um ca. 11 Uhr verliessen wir das Bundeshaus und genehmigten uns ein Gläschen Wein. Nach einem kurzen Spaziergang an der Zytgloggen vorbei kamen wir beim Restaurant "Casino" an. Beim gemütlichen Beisammensein erklärte uns Herr Lienhard die Pflichten gegenüber der Gemeinde, wie Wegzug, Neuzuzug, Heirat, Geburt, u.s.w.

Darauf wurde dann endlich unser langersehntes Mittagessen aufgetischt. Nach Stroganoff mit Reis, Salat, Suppe und zum Dessert Zwetschgenmousse, sahen wir uns frisch gestärkt die Altstadt an.

Manche suchten eine der gemütlichen Beizli auf, anderen gefiel das "Lädele" besser, und einige bestaunten, wie das Foto zeigt, die schönen Brunnen.
Ungefähr eine Stunde später fanden wir uns beim abgemachten Treffpunkt wieder ein, und schon ging es weiter Richtung Münster.

In 1 1/2 Stunden erzählte uns der Münsterpfarrer allerlei Wissenswertes über "sein" Gotteshaus.

Der Münsterbau begann 1421 nach Plänen und unter der Leitung von Matthäus Ensinger im spätgotischen Flamboyant-Stil. Der Einbau der komplizierten Netzgewölbe im Mittelschiff erfolgte erst nach der Reformation in den Jahren 1573-1575. Beim Turmbau stellte der wenig druckfeste Melassesandstein [Molassesandsteinunlösbare Probleme. Man liess es daher auf der 1521 erreichten Höhe von rund 61 m bewenden. Erst die moderne Bautechnik erlaubte die Vollendung des Turmes in den Jahren 1889-1893 bis zu einer Höhe von ca. 100 m. Vielleicht hatten [sic!] wir etwas weniger gekeucht, wenn es bei der alten Höhe geblieben wäre... Dafür wurden wir mit einem wunderschönen Ausblick über die Stadt Bern belohnt.

Nach einem kurzen Abschiedstrunk in einem der vielen gemütlichen Cafés verabschiedeten wir uns von der Bundeshauptstadt.

Nach dem Nachtessen im Zürcher "Chropf" schnappten wir uns den letzten Zug nach Weiach. [Der fuhr damals noch vor 22 Uhr!] Dort war es dann ziemlich ruhig, und alle stellten fest, dass diese Jungbürgerfeier etwas ganz tolles und eindrückliches gewesen ist. Eine Möglichkeit mehr, sich wieder einmal zu sehen.

V.l.: I. Troxler, R. Willi, S. Meierhofer, R. Angst, K. Klose, H. Lienhard, A. Schmid, M. Lenisa, M. Baltisser, F. Duttweiler, R. Baltisser  [Foto: Pfr. Koelliker]

Im Namen aller Jungbürger möchte ich mich recht herzlich bei Herrn Lenisa, Herrn Pfarrer Kölliker und Herrn Lienhard bedanken.

Leider war trotz des Top-Programms die Zahl der Teilnehmer sehr bedenklich. Es wird für Jungbürger etwas organisiert, und die Gelegenheit etwas Einmaliges zu erleben, wird nicht wahrgenommen. Wirklich schade.

K.K. [Karin Klose]

Quelle
  • Jungbürgerfeier 1986, Jahrgänge 1965 + 1966. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli 1986 - S. 19-21
[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 13:00 MESZ]

Dienstag, 1. Januar 2019

Jahrzehntelange Kontinuität auf dem Orgelbänkli

Im Jahre 1969 wurde die aktuelle Orgel auf der Empore der evangelisch-reformierten Kirche Weiach, ein Instrument der neuenburgischen Orgelmanufaktur Neidhart & Lhôte, eingeweiht. Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums unserer Orgel wird WeiachBlog 2019 diverse Artikel zur Orgel und den Personen veröffentlichen, die mit ihr zu tun hatten und haben.

Es gibt wenige Ämter, die in Weiach in den letzten 125 Jahren mit einer derartigen zeitlichen Ausdauer ausgeübt wurden, wie gerade das des Organisten. Gerade einmal 3 (!) Amtsinhaber gab es in dieser langen Zeit:
  • Albert Griesser 1891-1946 (Jahrzahlen erschlossen aus Maurer 1966)
  • Walter Harlacher 1946-1997 (Jahrzahlen aus Gesprächen mit Willi Baumgartner-Thut und Claire Griesser erschlossen)
  • Lydia Kellenberger 1997-2019 (amtierend)
Mit Walter Harlacher, der im September 1996 (vgl. MGW 09/1996, S. 20) für 50 Jahre treue Dienste geehrt wurde, hat die damalige Kirchenpflegerin Regula Brandenberger zum 40sten Dienstjubiläum im September 1986 ein Interview geführt. Es enthält auch Informationen zur Orgel sowie ein paar Anekdötchen des Kirchenmusikers Harlacher.

Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach.

R.B. - Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Male in Weiach Orgel gespielt haben?

W.H. - Ja, das war am 1. oder 2. Juni 1946.
[Was stimmen kann: der 2. Juni 1946 war ein Sonntag; gemäss http://www.ewigerkalender.de/]

R.B. - Bei welchem kirchlichen Anlass war das?

W.H. - Bei einem gewöhnlichen Gottesdienst.

R.B. - Haben Sie vorher in der Kirche geübt?

W.H. - Ja, ich war damals mit meiner zukünftigen Braut (sie 17 1/2, ich 19) von Schöfflisdorf per Velo zum damaligen Kirchenpflegepräsidenten, Herrn Zollinger gefahren, um mich vorzustellen, und anschliessend habe ich zum ersten Mal auf der Orgel geübt.

R.B. - Wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

W.H. - Mein Vater war 30 Jahre lang Organist in Schöfflisdorf. Bereits mit 7 Jahren durfte ich in Niederweningen bei Frau Schultheiss Klavier spielen lernen. Vater nahm mich aber auch oft mit in die Kirche und liess mich Choräle und Choralvorspiele ausprobieren. Im Krieg bat mich dann unser Kirchenpflegepräsident, doch den Vater bei Bedarf zu vertreten.

R.B. - Orgelspielen ist Ihr Nebenamt, Ihr Hobby. Welches ist denn Ihr Brotberuf?

W.H. - Ich habe bei meinem Vater das Handwerk des Sattler/Tapezierers erlernt. Eigentlich hätte ich Lehrer werden wollen. Eine ledige Tante hatte den grössten Teil meiner musikalischen Ausbildung bezahlt: Im Konservatorium zB Harmonielehre und Komposition bei Ernst Hörler und Heinrich Funk, an der Musikakademie eine Ausbildung zum Blasmusikdirigenten. (Mit 20 Jahren habe ich die Blasmusik Niederhasli übernommen und 19 Jahre lang geleitet. Im ganzen habe ich 36 Jahre lang Blasmusiken dirigiert.)

Da ich in meinem erlernten Beruf nicht glücklich war, besuchte ich in Zürich eine kaufmännische Abendschule und wechselte 1963 zur Firma Elco, wo ich heute noch arbeite, als Geschäftsführer.

Mein Traumberuf wäre aber Kapellmeister gewesen. Heute würde ich mich nicht mehr von meinem Ziel abbringen lassen, denn damals hiess es, Musiker sei eine gar zu unsichere Existenz.

R.B. - Sie üben zuhause. Wie lange pro Woche?

W.H. - Eine halbe bis eine ganze Stunde pro Tag, oder einen ganzen Samstagnachmittag.

R.B. - Auf welcher Art Instrument spielen Sie zuhause?

W.H. - Auf zwei elektronischen Orgeln: eine speziell für geistliche Musik; eine grosse Konzertorgel, die alle möglichen Stile, Mixturen und Klangfarben erlaubt. [Und] auf einem Klavier.

R.B. - Hatten Sie nie den Wunsch nach einer schönen, alten Toggenburger Hausorgel?

W.H. - Doch, sehr. Das ist ein ganz riesiger Wunsch! Und auch einen Flügel wünsche ich mir, einen 2.80 m langen mindestens ...

R.B. - Ich nehme an, unsere Orgel hier wurde bei der letzten Kirchenrenovation 1968 auch revidiert.

W.H. - Ja, sie wurde 1969 gebaut. Die alte Orgel aus dem Jahre 1930 stand vorne im Chor[,] stammte von Orgelbauer Kuhn aus Männedorf. Sie hatte nur verzinkte Pfeifen.

Architekt Hintermann aus Zürich liess sich von Jakob Kobelt beraten. Da die Orgelbauer Metzler (in Dietikon) und Kuhn (in Männedorf) Lieferfristen von 7 und 8 Jahren hatten, entschloss man sich für ein Instrument des Orgelbauers Neidhardt aus St. Martin, Kt. Neuenburg. Entsprechende Orgeln hat es in Windisch und Mettmenstetten. Sie sind grösser, haben mehr Register, sind aber auch zweimanualig (dh zwei Tastaturen übereinander). Ich durfte jene Orgeln ausprobieren, hatte aber eigentlich keinen Einfluss auf den Entscheid.

Die Weiacher Orgel hat folgenden, guten und geschickten Aufbau:
- Hauptwerk als Brustwerk, mit eingebautem Spieltisch
- in die Empore eingebautes Rückpositiv
- hinter dem Brustwerk separat aufgestelltes Pedalwerk.

R.B. - Hat diese Orgel bestimmte Vorzüge, oder auch Nachteile, Eigenheiten?

W.H. - Sie ist sehr gut disponiert, sie hat eine klare Führung in hohen Tonlagen, keine Verzögerungsmechanik. Sie gehe fast zu leicht, sagt Jakob Kobelt. Hingegen sind die Mixturen zu stark, zu wenig differenzierbar. Der Klang wird zu dünn und es fehlt ihm an Wärme.

R.B. - Haben Sie einen ganz speziellen, vergleichweise "einfachen" Verbesserungswunsch für diese Orgel - irgend etwas, das Sie schon lange stört?

W.H. - Das Trompetenregister ist zu laut und zu scharf, man kann es nur gekop[p]elt, also nie allein für einen strahlenden Cantus firmus einsetzen. Man müsste es umintonieren, gewissermassen umstimmen, und das wäre kein gar so gewaltiges Unterfangen.

R.B. - Erinnern Sie sich an die erste Hochzeit, bei der Sie gespielt haben, vielleicht sogar an den Namen des Paares?

W.H. - Das war am 17. August 1946: Edwin Baltisser (Weiach) und Lina Fröhlich (Neerach).

R.B. - Könnten Sie überschlagsweise sagen, wievielen heute hier wohnenden Weiachern Sie zur Hochzeit gespielt haben?

W.H. - Nein! Das sind gar zu viele! Einzelne weiss ich schon noch. Da sind eben gar viele, denen ich zur Taufe, zur Konfirmation und zur Hochzeit gespielt habe! - Bei wenigen sogar auch schon zur Abdankung.

R.B. - Wieviele Pfarrer haben Sie miterlebt in diesen 40 Jahren?

W.H. - Pfr. Hauser, Pfr. Ryhiner, dann Pfr. Schäppi (Verweser), der unseren jüngsten Sohn getauft hat vor gut 24 Jahren, Pfr. Wyss, Pfr. Bär (Verweser) und jetzt Pfr. Koelliker.

R.B. - Haben Sie zu diesen Amtszeiten irgend eine besondere Erinnerung?

W.H. - Pfr. Weiss von Bachs
[sic!] ist mir in Erinnerung als kauziger Naturmensch, ich kannte ihn etwas besser, weil er hin und wieder meine Fahrdienste brauchte. Bei unseren jetzigen Pfarrersleuten schätze ich, dass sie allezeit ain [sic!] offenes Haus haben.

R.B. - Wieviele Sigristen, wieviele Kirchenpflegepräsidenten waren es?

W.H. - Sigristen: Robert Meierhofer, Albert Erb, Ernst Baltisser, Werner Attinger.
- Kirchenpflegepräsidenten: Walter Zollinger, Rudolf Meierhofer (alte Post), Emil Maurer (Station), Hans Griesser, Ruth Hauser, Rosa Baumgartner[-Thut].

R.B. - Erzählen Sie doch einige Begebenheiten aus Ihrer langen Organistenzeit!

W.H. - Da wäre einiges zu erzählen vom Weg hierher, jeweils am Sonntagmorgen! Von Schöfflisdorf her fuhr ich jeweils mit dem 6.45 Uhr-Zug bis Oberglatt, von dort nach Büli. Dort musste ich immer eine ganze Stunde warten auf den Weiacher Zug und habe im Wartsaal oft düstere und traurige Existenzen angetroffen. Oft fuhr ich aber auch mit dem Velo, später mit dem Töffli, und bin unzählige Male jammervoll verregnet worden. In solchen Fällen pflegte ich meinen nassen Kittel hinten in der Kirche, bei der Heizung unter der Empore aufzuhängen. Da kam es oft vor, dass die Läutbuben (die damals mit dem Mei[e]rhofer Robert in den Turm stiegen und beim Läuten halfen) mir aus meiner Jackentasche Zigaretten filzten und im Turm oben rauchten. Ein späterer Kirchenpfleger war auch dabei!

R.B. - Gibt es bestimmte Sonntage, Festtage im Kirchenjahr, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

W.H. - Ja: alle Abensmahlgottesdienste [sic!] und Weihnachten.

R.B. - Eine Frage nun, den Kirchengesang betreffend: Empfinden Sie unsere Form des Gemeindegesanges als bemühend und "renovationsbedürftig", oder ist Ihnen wohl in unserer jetzigen Praxis?

W.H. - Es ist mir soweit durchaus wohl. Ich bin aber immer aufgeschlossen für Anderes, Neues. Beispielsweise würde ich gerne bei der Begleitung der Kirchenlieder die Registerfarben bei den einzelnen Versen varieren [sic!], ich weiss aber nicht, ob das bei den Kirchgängern zu grosses Befremden auslösen könnte.

R.B. - Gab es Zeiten, da Ihr Orgelamt Ihnen zur Last wurde? Im Krieg etwa?

W.H. - Ja, am Anfang meiner beruflichen Karriere, vor allem, weil ich damals noch kein eigenes Instrument hatte zum Ueben und es in Wettingen äusserst schwierig war, Uebungszeit an einer Orgel zu bekommen. Hingegen im Krieg war das Orgelamt keine Belastung - im Gegenteil. Probleme gab es aber etwa an Weihnachten.

R.B. - Womit wir bei Ihrer Familie wären. Wieviele Kinder haben Sie?

W.H. - Vier: Zuerst eine Tochter (Coiffeuse), dann einen Sohn (Förster), dann eine Tochter (Sekretärin) und wieder einen Sohn (Gartenbauer).

R.B. - Seit 40 Jahren lebt nun Ihre Frau mit dem klar profilierten Hobby ihres Gatten, "immer" lebten Ihre Kinder mit Vaters Orgeln. Gab das nicht oft Engpässe und Schwierigkeiten?

W.H. - Doch, ab und zu schon. Am schwierigsten war es immer an Weihnachten: Früher war am zweiten Weihnachtstag auch noch Gottesdienst, und so war ich oft beide Weihnachtstage eigentlich nicht zuhause.

R.B. - Könnten Sie sich eine andere Art von Amt vorstellen, das Sie ebenso treu über so viele Jahre hätten ausüben können?

W.H. - Ja: Chorrepetitor, dh einen Chor bei den Proben begleiten auf dem Klavier. Das ist übrigens etwas, das ich gerne tun möchte in den nächsten Jahren: ich denke nicht, dass ich in der ständig zunehmend härteren Arbeitswelt ausharren werde bis 65. Ich möchte mich vorher teilweise zurückziehen und mehr Zeit haben für mein Hobby.

R.B. - Wir gratulieren Ihnen (und uns!) ganz herzlich zu Ihrem seltenen Dienstjubiläum! Wir wünschen Ihnen recht gute Gesundheit, und viel Freude für die musikalischen Aufgaben, die Sie in den nächsten Jahren vermehrt übernehmen möchten. Wir wünschen uns, dass wir weiterhin auch zu Ihren musikalischen Aufgaben zählen werden.

Vielen Dank für Ihre langjährige Arbeit und die ausdauernde, gar nicht selbstverständliche Diensttreue!

Pfarramt und Kirchenpflege


Quellen
  • Maurer, E.: Eine neue Orgel für die Kirche Weiach. Weiach, 1966 - S. 8
  • Unter uns... Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Oktober 1986 - S. 30-34.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

In memoriam Mauro Lenisa

Heute um 14:30 beginnt in der evangelisch-reformierten Kirche Weiach der Trauergottesdienst für den am 17. Dezember verstorbenen Mauro Lenisa statt, vgl. WeiachTweet Nr. 1939:




Der Redaktor des WeiachBlog spricht der Trauerfamilie auf diesem Weg sein Beileid aus.

Im Gedenken an unseren ehemaligen Gemeindepräsidenten wird an dieser Stelle ein von Mauro verfasster Artikel eingerückt. Er zeigt beispielhaft auf, welche Ziele er zusammen mit seinen Gemeinderatskollegen während seiner Amtszeit von 1982 bis 1990 verfolgt hat.

Heute würde man das Nachstehende wohl ein «Leitbild» nennen. Früher nannte man das noch ganz bescheiden «Ziele». Der Sinn und Zweck bleibt aber der gleiche. Möge das damals Gesäte auch in unseren Tagen Frucht tragen.

Weiach – eine Dorfgemeinschaft verwirklicht sich

Von Gemeindepräsident Mauro Lenisa

Im Lauf der jüngsten Geschichte hat die Gemeinde Weiach verschiedene Zeitabschnitte erlebt, welche die Behörden vor jeweils unterschiedlich gelagerte Aufgaben stellten. Die sechziger und der Beginn der siebziger Jahre waren durch den Ausbau der Infrastruktur geprägt. In der Folgezeit standen der Neubau des Schulhauses und die kommunale Richtplanung zuoberst auf der behördlichen Traktandenliste.

Dieser Zeitabschnitt wurde zu Beginn der Amtszeit der jetzigen Behörde abgeschlossen. Der Gemeinderat setzte sich für die laufende Amtsperiode zum Ziel,
- die Dorfbevölkerung offen über die Belange der Gemeindepolitik zu orientieren und damit zur aktiven Teilnahme zu motivieren;
- bestehende, starre Richtlinien zu hinterfragen und zu überdenken;
- die persönlichen Kontakte und den Gedankenaustausch zu intensivieren;
- ganz allgemein das Wohlbefinden der Dorfbevölkerung zu steigern.

Offenheit in Politik und Information

Um diesem Anliegen gerecht zu werden, benötigten die Behörden ein Werkzeug. Es wurde in Form des «Mitteilungsblattes für die Gemeinde Weiach» geschaffen. Im monatlichen Rhythmus wird aus der Arbeit der Behörden berichtet. Mit persönlichen Artikeln einzelner Behördemitglieder wird auch über die Hintergründe einzelner Entscheide informiert. Die Tatsache, dass sich Leser mit Stellungnahmen zu aktuellen Problemen äussern, zeigt, dass das Mitteilungsblatt beliebt und unentbehrlich geworden ist.

Anstrengungen im Natur- und Landschaftsschutz

Der Beschluss der Grundeigentümer, die Güterzusammenlegung durchzuführen, bedeutete für die Weiacher Landwirte einen Lichtblick, ermöglicht sie doch für die Betriebe eine Planung auf lange Zeit. Güterzusammenlegungen sind aber nicht nur mit eitel Freude verbunden. Vielerorts wurde bei ihrer Durchführung der Forderungen von Natur- und Landschaftsschutz wenig Beachtung geschenkt. Den Behörden ist es ein grosses Anliegen, gemeinsam mit der Meliorationsgenossenschaft und den Grundeigentümern zu zeigen, dass eine Erhöhung der Effizienz und Produktivität in der Landwirtschaft ohne Zerstörung unserer Umwelt erreicht werden kann.

Ziel: Wohlbefinden

Wohlbefinden in einem Dorf kann mit Zusammengehörigkeitsgefühl umschrieben werden. Hier werden Gefühle und Verhalten angesprochen -  nicht Zahlen und Kurven. Zu erkennen, dass ein Gespräch oft der Frustration und Enttäuschung vorbeugen kann, ist Voraussetzung. Eine Güterzusammenlegung ohne gegenseitiges Vertrauen und ohne Gesprächswillen, z.B. zwischen Grundeigentümer und Pächter, ist kaum denkbar. Wir Weiacher scheinen dies verstanden zu haben.

Das hübsch renovierte «alte Schulhaus» brachte Platz für die Schul- und Gemeindebibliothek. Mit viel Elan versucht die neukonstituierte Bibliothekskommission, das Interesse für Kunst und Literatur zu wecken. Die übrigen Räume werden den Dorfvereinen zur Verfügung gestellt. Der warme Kachelofen lädt geradezu zu Kaffee und Kuchen ein!

In der neu erstellten Schulanlage bemühen sich zur Zeit 47 Schülerinnen und Schüler der Primarschule ums ABC. Die Schule wird in Doppelklassen geführt. Als Unikum ist zu erwähnen, dass die fünfte Klasse lediglich von einem Knaben und einem Mädchen besucht wird. Das besonders gute Verhältnis zwischen Eltern, Lehrerinnen, Schülern und Schulbehörde ermöglicht eine optimale Führung des Schulbetriebes. Die Sekundarschule, Realschul- und Oberschulstufe besuchen die Weiacher Schüler in Stadel. Leider führt der Radweg noch nicht bis ins Dorf, so dass die Schüler auf ihrem Schulweg die Hauptstrasse benützen müssen. Die Weiterführung des Radweges ist dringend notwendig.

Die Bautätigkeit hat zwar nicht abgenommen, sich aber doch eher auf Umbauten verlagert. Viele schön herausgeputzte Riegelbauten schmücken das Dorf, und die Neubauten fügen sich gut ins Dorfbild ein. Eine rege Tätigkeit hat sich in Form von Sanierungen in bezug auf das Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsnetz entwickelt. Die Müllbeseitigung ist in Weiach geregelt. Die Gesundheitsbehörde hat dieses Problem seit Jahren erkannt und hat auch Lösungen dazu gefunden.

Es liegt nun an jedem einzelnen, auch danach zu leben und zu handeln.

Quelle

Unpaginierte Beilage zu: Neues Bülacher Tagblatt, Mittwoch, 18. April 1984.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Im Wappen zwei Zacken zugelegt

Auf Anfrage einer Journalistin des Zürcher Unterländers habe ich in meinen ortshistorischen Unterlagen gegraben. Die Dame war auf der Suche nach einer Sonderbeilage des Neuen Bülacher Tagblatts: «Weiach – lebendiges Dorf in der nordwestlichen Ecke des Zürcher Unterlandes», erschienen am Mittwoch, 18. April 1984, die in der Schweizer Mediendatenbank (für Nicht-Medienschaffende unter der Marke Swissdox verfügbar) nicht enthalten ist. Ich konnte ihr den gewünschten Beitrag zur Verfügung stellen.

Ein Fehler des NBT?

So weit, so gut. Nur habe ich dann noch den nachstehenden Kasten mit dem Titel «Das Gemeindewappen» kurz überflogen und dachte mir: «Moment mal, was schreiben die denn da? Das stimmt doch nicht!» Was genau da nicht stimmt, davon handelt dieser Beitrag.


«Die älteste Darstellung des Wappens von Weiach wird im Dekanatsalbum des Pfarrkapitels Regensberg von 1719 überliefert. Es zeigt im von Silber und Blau schräggeteilten Schild einen achtstrahligen Stern. Dieser ist von Gold und Schwarz facettiert und steht in keinem bestimmten Verhältnis zum Zürcher Schild. Auf der 1843 gegossenen Kirchenglocke fehlt die Schrägteilung; es wurde lediglich ein sechsstrahliger Stern abgebildet. Die gleiche Darstellung, einen sechsstrahligen goldenen Stern auf blauem Grund, wählte man als Verzierung für die 1860 angeschaffte Fahne des Gesangsvereins Weiach. Die Wappentafel von Krauer brachte wieder den Zürcher Schild und den achtstrahligen Stern, diesmal in verwechselten Farben. Nach diesem Vorbild wurde offensichtlich das Gemeindewappen auf der Schützenfahne von 1902 gestaltet. Die Wappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft hielt an der Version von Krauer fest. Der Gemeinderat Weiach erklärte sich am 28. November 1931 mit dem ihm eingereichten Entwurf ohne Facettierung einverstanden. Das Wappen geht wohl auf die alte Taverne «Zum Sternen» zurück.»

Lesern der Monographie «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» kann dieser Abschnitt bekannt vorkommen. Er ist dort zu grossen Teilen in Anhang 5 abgedruckt.

Mit Ausnahme des letzten Satzes stammt der gesamte Text dieses Kastens von Dr. h.c. Peter Ziegler  aus seinem Standardwerk «Die Gemeindewappen des Kantons Zürich» (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 49 / 142. Neujahrsblatt; Zürich, 1977 – S. 106). Der letzte Satz ist leicht umgeschrieben aus Walter Zollingers «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» (1972; 1984 in 2. Auflage erschienen – S. 10) übernommen.

Hatte der Stern acht Zacken? Oder doch sechs?

Folgt man Ziegler, ist der Fall klar: die älteste erhaltene Darstellung zeige einen achtzackigen Wappenstern, der lediglich von den Einheimischen auf sechs Zacken reduziert, von Krauer dann aber wieder richtig dargestellt worden sei, nur «diesmal» halt in verwechselten Farben (d.h. gespiegelt am Zürcher Schild).

Nun ist Ziegler nicht nur in Wädenswil und am oberen Zürichsee seit Jahrzehnten eine unumstrittene Kapazität in historischer Lokalforschung. Er hat auch viel zur Geschichtsschreibung des Kantons Zürich beigetragen, ist Autor der Schulbuch-Reihe «Zeiten – Menschen – Kulturen».

Zitate einer solchen Koryphäe nimmt man als Hobbyhistoriker deshalb erst einmal für bare Münze. Bis... ja bis man auf dem indirekten Weg über das NBT auf eine Ungereimtheit stösst. Und zwar geht es um die Frage, ob die «Ursprungsform» des Weiacher Wappenstern acht oder nicht doch nur sechs Zacken (auch Strahlen genannt) aufweist. Es sei vorweggenommen, die richtige Antwort lautet «6» und Ziegler hat einen Bock geschossen.

Zieglers Fehler

Wenn man sich die aktuelle Fassung des Anhangs 5 in der dieses Jahr erschienenen 6. Auflage von «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» vornimmt (vgl. Bild unten), dann muss man in der Tat schon fast Tomaten auf den Augen haben, um die offensichtliche Diskrepanz zwischen Zieglers Aussage, der Weiacher Stern im Dekanatsalbums sei achtstrahlig (roter Kasten) und dem Original auf Blatt 98 des besagten Albums (weisser Pfeil auf die Abb. 36), wo der Stern eindeutig lediglich sechsstrahlig ist, zu übersehen:

Die älteste erhaltene Überlieferung gibt also dem Weiacher Wappenstern sechs Zacken, dito viele aus dem 19. Jahrhundert überlieferte lokale Objekte (Glocken, Fahnen, etc.). Das Standardwerk liegt falsch und die Journalisten des NBT sind freizusprechen.

Krauer hat doch obsiegt

Warum also hat der Weiacher Wappenstern heute acht Zacken und nicht sechs? Das haben wir Krauer zu verdanken, einem findigen Unternehmer, der um 1860 eine sogenannte Wappentafel auf den Markt warf.

Johannes Krauer war Lithograph. Und nicht unbedingt Heraldiker. So könnte es zu erklären sein, dass er nichts dabei fand, die implizit gegebene Blasonierung (also die Beschreibung der verbindlichen Elemente des Wappens - und nicht nur eine «Version», wie Ziegler das nennt) gleich in zwei Punkten eigenmächtig abzuändern, konkret: aus sechs Zacken acht zu machen und die Schrägteilung auch im Stern zu spiegeln.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Krauer oder die von ihm Beauftragten das Dekanatsalbum gekannt haben, denn er übernimmt die dort gegebene Facettierung, eine Unterteilung der Fläche des Wappensterns, die einen 3D-Effekt ergibt:


Dank der vom Zeichner des Dekanatsalbums begangenen heraldischen Todsünde «Metall auf Metall» (goldener Stern auf silbernem Hintergrund) und seiner in den 1920ern doch schon seit einigen Jahren verbreiteten achtzackigen Version (Beispiel: Weiacher Schützenfahne von 1902) hat im Verlauf der Arbeiten der Gemeindewappenkommission zwischen den zwei Weltkriegen dennoch die Krauer'sche Blasonierung obsiegt, unser Wappen also definitiv zwei Zacken zugelegt:


Links im Bild die Weiacher Wappenpostkarte, aus einer Abfolge von Serien, die von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (AGZ) zwischen 1926 und 1936 herausgegeben wurde, eine neue Serie jeweils dann, wenn wieder fünf durch die zuständige Gemeindebehörde genehmigte Wappen vorlagen (vgl. Ziegler 1977 – S. 17). Man sieht, dass aufgrund des Neigungswinkels der Schrägteilung die Zacken nicht im rechten Winkel zur Papierachse stehen.

Rechts die Darstellung, wie man sie im Gemeindewappenbuch von 1977 auf S. 106 findet. In diesem ab 1969 laufenden Projekt wurde die geschwungene Oberkante begradigt, was dann zur Folge hatte, dass der Neigungwinkel steiler gestellt werden musste. Nur so konnte man den schräggeteilten Stern ins Lot stellen. Nicht geklärt ist, ob diese Version von Walter Käch (im Dezember 1970 verstorben) oder seinem Nachfolger, Heraldiker Fritz Brunner gezeichnet worden ist.

Weiterführende Links
  • Antiquarische Gesellschaft in Zürich (Hrsg.): Wappenkarte Weiach. Ansichtskarte: Strichklischee; 14 x 9,3 cm. Aus der AGZ-Wappenkarten-Serie, Zürich 1926-1936. Karte Weiach nach November 1931 (Annahmeschreiben Gemeinderat vom 28. November 1931) erschienen.
  • Korthals, M.: 75 Jahre Gemeindewappen-Kommission – Was Gemeinden im Schilde führen. In: Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2001.
  • Brandenberger, U.: Dorfzeichen, Wappen und Logo. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 84. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2006 – S. 11-15, (Gesamtausgabe 2017 – S. 303-307).
  • Brandenberger, U.: 75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 85. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Dezember 2006 – S. 14-21, (Gesamtausgabe 2017 – S. 308-315).
  • Dbachmann (Hauptautor): Wikipedia-Artikel Zürcher Gemeindewappen
  • Weiacher Wappen im Heraldry Wiki

Dienstag, 25. Dezember 2018

Beim Läuten Kopf und Kragen riskiert


Der Weiacher Sigrist riskierte Kopf und Kragen. Er gab alles für das Wohlergehen seiner Gemeinde. Das muss man zumindest glauben, wenn man den folgenden Beitrag im Lägern-Boten vom Samstag, 29. April 1865 liest:

«Als am Montag zu Weiach anläßlich eines in einer Waldung ausgebrochenen Brandes der Sigrist die S[t]urmglocke läutete, rieß [sic!] der Zugriemen entzwei und der Sigrist that in Folge dessen einen so unglücklichen Fall rücklings, daß er ein Bein brach. Der Brand ist bald gelöscht worden und hat keinen großen Schaden angerichtet.»

Der Brand und der damit einhergehende Unfall ereigneten sich also am 24. April. 

Bezeichnend ist, dass diese Kurzmeldung kein Wort über mangelnden Unterhalt des Zugriemens verliert. Es ist ja offensichtlich, dass die Kirchgemeinde da am falschen Ort gespart hatte. Auf Kosten ihres Angestellen. Auch darüber, wie es dem Verunfallten danach gesundheitlich erging, schweigt sich die Kurzmeldung unter der Rubrik Lokales leider aus. 

Zu hoffen ist, dass der Sigrist keine bleibenden Schäden davongetragen hat oder gar gestorben ist. Bei komplizierten Brüchen kam das damals häufiger vor; denn ein ausgebautes Gesundheitswesen und medizinische Wunderwaffen wie Antibiotika gab es noch nicht.

Quelle

 Lägern-Bote No. 17, Regensberg, Samstag den 29. April 1865 – S. 2.