Sonntag, 19. Mai 2024

Schulcontainerkredit. Wie rechnet der Gemeinderat denn da?

Nennen Sie es Risse in der Matrix oder etwas weniger dramatisch formuliert das Stolpern über ein paar Ungereimtheiten und Auffälligkeiten. Es waren schon immer Fragestellungen dieser Art, die den Redaktor dieses Blogs zu näherer Betrachtung herausgefordert haben. Ob Aktualitäten oder Themen aus grauer Vorzeit: Ohne solche Fragen wären viele Beiträge zur Weiacher Geschichte und Gegenwart nie entstanden.

Im Zusammenhang mit der im Expressverfahren durchgeboxten Beschaffung von 22 Containern, die auf dem Parkplatz zwischen Altem und Rotem Schulhaus platziert werden sollen (vgl. WeiachBlog Nr. 2094 zum Ermächtigungserlass) ist wieder einmal etwas Auffallendes zu vermerken. 

Der Gemeinderatsbeschluss vom 4. März ist mit Poststempel vom 6. Mai 2024 mit Stimmrechtsbeschwerde angefochten worden. Der Bezirksrat Dielsdorf hat dem Gemeinderat nun bis am Dienstagabend nach Pfingsten Zeit für eine Stellungnahme zu den erhobenen Vorwürfen eingeräumt. Dazu wird ein späterer Artikel erscheinen.

Die Kostenberechnung selber durchrechnen

Heute geht es um die Art und Weise, wie der Gemeinderat die Kosten zusammengestellt und dann in den Kredit umgegossen hat. Heisst: Um die Frage, wie Zahlen zustande kommen. 

Die zentrale Tabelle (auf S. 2 von 4 des Auszugs) sieht so aus:


Mit oder ohne Mehrwertsteuer?

Lassen wir einmal die monatliche Containermiete weg und berechnen die reinen Zahlen bis zu den Totalangaben im untersten Teil der Tabelle. Dann stimmt die Rechnung. Damit hört es aber leider mit den Stimmigkeiten bereits auf.

Was ist beispielsweise mit dem Klammervermerk «exkl. MWST» unter «Container Kauf»? Bezieht sich der nur auf die Kaufvariante? Oder auch auf die Mietvariante des ersten Zahlenblocks?

Ich weiss ja nicht, ob die Hochbauvorständin wie ich nach Strübis Rächnigsbüechli (vgl. WeiachBlog Nr. 1850) addiert und multipliziert, wieviele Monate in ihrer Welt 5 Jahre umfassen und mit welchem Mehrwertsteuersatz sie rechnet, wenn überhaupt. Ich komme aber beim besten Willen nicht auf dieselbe Zahl für eine Containermiete über fünf Jahre:


Wenn man annimmt, die Miete sei inklusive MWST, dann ist die gemeinderätliche Zahl für 5 Jahre massiv zu hoch. Und selbst wenn man die von mir berechneten 406'800 ebenfalls (wie für den Kauf) als exklusiv MWST nimmt, sie also noch um den Mehrwertsteuersatz von 8.1 Prozent erhöht, kommt eine tiefere Zahl heraus. Wird da eine MWST-Erhöhung antizipiert?

Kaufpreis höher als Mietpreis. Warum dann kaufen?

Ausgehend von obiger Interpretation (Miete inkl. MWST, Kauf exkl. MWST) läge dann die Kaufvariante sogar nach der gemeinderätlichen Rechnung höher als die Mietvariante (vgl. Bild unten). Warum also hat sich der Gemeinderat dann für den Kauf entschieden?


Alles inklusive?

Nehmen wir den Fall an, dass sich der Protokollführer in der obersten Gruppe dieser ominösen Tabelle geirrt und fälschlicherweise «exkl.» statt «inkl. MWST» getippt hat. Dann ist zwar die im Dispositiv Ziffer 2 beschlossene Kreditsumme von 900'000 CHF (inkl. MWST(!); vgl. S. 3 des Auszugs) korrekt ermittelt. 

Wie man aber von einer monatlichen Containermiete zu der für fünf Jahre gelangt, bleibt trotzdem nebulös. Was zu einer weiteren Erhärtung des Verdachts führt, dass hinter all dem die Zielsetzung stehe, die Kaufvariante gegenüber der Mietvariante gezielt schönzurechnen.

Und das alles geschieht unter Ausschluss der Gemeindeversammlung oder gar einer Urnenabstimmung. Sehr praktisch, nicht wahr?

Fazit: Nachvollziehbarkeit mangelhaft

Auch wenn diese ganze Beschaffung mit ultraheissen Nadeln glismet wurde und wird: Solche Unklarheiten dürfen einfach nicht vorkommen. Kann nur ich nicht mehr rechnen oder bekommt dieser Gemeinderat bzw. die Hochbauvorständin schon diese simplen Grundlagen nicht auf die Reihe? 

Und sollte letzteres zutreffen: Wie sollen künftige Gemeindeangestellte und Behördenmitglieder dann je herausfinden können, wie der gegenwärtige Gemeinderat in diesem Fall zu seinen Schlüssen gekommen ist?

Samstag, 18. Mai 2024

Ein alter Chriegwäg und wo die Brandassekuranz den Krieg verortet

Wie wir in den drei vorangegangenen Beiträgen dieser vierteiligen Serie über den Siedlungs- und Flurnamen «Im Chrieg» bzw. «Krieg» gesehen haben, lässt sich der Name in dieser oder einer abgeleiteten Form fast fünf Jahrhunderte zurückverfolgen. Und nach Meinung der Namenforscher geht er auf eine Eigentümerbezeichnung zurück.

Dieser Namensträger bzw. einer seiner Vorfahren dürfte sehr wohl etwas mit Krieg und Kriegsdienst zu tun gehabt haben. Und dies zu einer recht weit zurückliegenden Zeit im Mittelalter oder am Übergang zur Reformationszeit. 

Ein Verwandter Wilhelm Tells?

Es gibt sogar Autoren, die uns einen verwandtschaftlichen Zusammenhang dieses Eigentümers zu Wilhelm Tell nahelegen wollen. Jawoll, genau DER Tell. Wilhelm Gorkeit von Tellikon (1251-1297) sei ein Armbruster gewesen. Also ein Waffenproduzent (vgl. Schärer 1986).

Wenn also Regionalhistoriker oder Lokalchronisten für den Weycher «Chrieg» eine Verbindung zur Franzosenzeit (d.h. insbesondere die Periode 1799/1800 des Zweiten Koalitionskrieges) und damit zu anderen Flurnamen wie Franzosenhau und Frankenhalde herstellen, dann liegen sie damit falsch. Einzig beim Franzosenhau treffen sie ins Schwarze. 

Die Franzosen sind am Chrieg nicht schuld

Der Nachlass von Dr. h.c. Heinrich Hedinger (1893-1978), dem viele Unterländer Gemeinden ihre erste gedruckte Dorfgeschichte zwischen harten Buchdeckeln verdanken, enthält (so wie er es für jede andere Gemeinde des Bezirks angelegt hat) auch ein Schulheft mit Notizen über Weiach (StAZH X 211.1.31). Da findet sich eine Liste Flurnamen in Weiach (datiert auf «Jan. 1965»), die zeigt, dass Hedinger von dieser Deutung ausgegangen ist: «Chrieg  Franzosenkrieg» notierte er.

Die Liste ist wohl im Zusammenhang mit einem Vortrag Hedingers (Titel: «Us der Gschicht vo Weych») entstanden, den er am 31. Januar 1965 anlässlich eines Kirchgemeindeabends im Restaurant Bahnhof gehalten hat (vgl. Zollinger: G-Ch Weiach 1965 – S. 14). Ein Manuskript dieses Vortrags hat der Redaktor dieser Zeilen bislang nicht gefunden.

Der Weiacher Ortschronist Walter Zollinger, wie Hedinger ein pensionierter Primarlehrer, hat in seinem blauen Büchlein zum 700-Jahr-Jubiläum (1271-1971) just diesen Zusammenhang übernommen: 

«Dass in den Jahren 1798/99, also während der Kämpfe zwischen den französischen Heeren und ihren Gegnern, den Deutschen, Österreichern und Russen, auf dem Gelände um Weiach ebenfalls fremde Truppen lagerten, bezeugen die noch heute gebräuchlichen Flurnamen Saxenholz, Frankenhalde, Im Chrieg, Franzosenhau zur Genüge.»  (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Auflage. Weiach 1972 – S. 42)

Ein Chriegwäg vor 80 Jahren

Adolf Pfister, Primarlehrer in Weiach von 1936 bis 1942, führt in seiner 26-seitigen Flurnamenliste (zu finden im Ortsgeschichte-Ordner Pfister/Zollinger) die beiden Namen «im Chrieg» und «Chriegwäg». Welchen Weg die Weycher mit letzterem Namen anfangs der 40er-Jahre bezeichnet haben, ist dort leider nicht erwähnt. Aber vielleicht war es tatsächlich der heute als Birkenweg bekannte, über Privatgrundstücke verlaufende Weg zwischen Chälenstrasse und Stockistrasse.

Erhebung Boesch 1958

Bei der Erhebung zum Zürcher Namenbuch in den späten 1950ern wurde der «Chrieg» jedenfalls in unmittelbarer Nähe kartenmässig aktenkundig. Gewährsmann dürfte der damalige Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer gewesen sein (zur Person, vgl. WeiachBlog Nr. 426).


Über eine Karte aus späterer Zeit (Stand 1983) gelegt, ergibt die Abgrenzungszeichnung der Flurnamen nach dem Kalk Boeschs das obige Bild. Da liegt der «Chrieg» ziemlich nahe am Birkenweg. Laut dieser Erhebung haben also die in den 50ern schon bestehenden Gebäude Chälenstrasse 10 und 12 im Chrieg gestanden.

Karteikarte aus StAZH O 471 mit phonetischer Schreibung links und stenographischen Details zur Nutzung rechts.

Anfrage einer Bergnamenforscherin aus der Innerschweiz 

Wenn wir nun wieder ins 19. Jahrhundert zurückblicken, dann stösst die Flur Im Chrieg an die Riemlistrasse. Nämlich laut einem Eintrag in demjenigen Verzeichnis der kantonalen Brandassekuranz, das im Gemeindearchiv gelagert ist.

Nachstehend die Korrespondenz, die der Autor dieser Artikelserie mit Dr. des. Nathalie Henseler, einer Namenkundlerin aus dem Kanton Schwyz, am 19. November 2022 geführt hat:

Frage: «Weisst du zufällig, wo sich der Flurname „Chrieg“ in Weiach befindet? Danke im Voraus 😃»

Antwort: «https://search.ortsnamen.ch/de/record/7063657/ Die in diesem DB-Eintrag gegebene Koordinate von Swisstopo ist ein brauchbarer Kompromiss, auch wenn sie primär deshalb dort verortet ist, weil das der einzige noch nicht überbaute Fleck an diesem Hang ist. Man muss davon ausgehen, dass Chälen sowohl ein Überbegriff für das Quartier sowie im engeren Sinne die Bezeichnung für die Gebäude entlang des Sägebaches war. Die Topographische Karte des Kt. ZH (sog. Wildkarte) verortet Im Chrieg an der Stockistrasse. Im Lagerbuch der Gebäudeversicherung ist hingegen das einzige heute noch vorhandene Gebäude an der Riemlistrasse 5/7 zu finden (https://maps.zh.ch/s/gzya7zgf). D.h. "Im Chrieg" liegt eindeutig unterhalb der Halde des Riemli und mit grosser Wahrscheinlichkeit in der westlichen Hälfte der heute von Weinbergstrasse, Riemlistrasse, Chälenstrasse und Stockistrasse umgrenzten Fläche (s. Link).»

Henseler (die ihr Bergnamenbuch auch schon in Kurt Aeschbachers TV-Show oder bei SRF Einstein  vorstellen durfte) hat im Rahmen ihrer Dissertation die alten Familiennamen des Kantons Schwyz namenkundlich unter die Lupe genommen. In den Bezirken March und Höfe (Gemeinden Altendorf, Galgenen, Innerthal, Lachen, Schübelbach, Tuggen und Vorderthal) ist der Geschlechtername «Krieg» altverbürgert, d.h. laut Familiennamenbuch der Schweiz seit mehr als 225 Jahren nachweisbar.

Rückblende Lagerbuch Gebäudeversicherung 1834

Hier das entsprechende Blatt aus dem Lagerbuch (Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01):

Das Gebäude «Im Krieg. N°. 67.» trägt heute die Gebäudeversicherungsnummer 573/574. Die südöstlich davon gelegenen Gebäude mit den aktuellen Nr. 571 (damals N° 68b; Riemlistr. 3) und 468 (damals N° 68a/c; Chälenstr. 6) wurden schon zum Zeitpunkt der Erstellung des Gebäudeversicherungsbandes (spätestens 1834) der Chälen zugerechnet. Dort steht als Ortsbezeichnung: «Unten in Kellen».

Wo die ebenfalls «Im Krieg N° 64, 65 u. 66» benannten, mutmasslich zusammengebauten Gebäude standen, ist bislang nicht bekannt. Sie wurden 1835 «ganz abgeschlißen», erscheinen also auf der Wildkarte (Stand 1845-1848) nicht mehr. N° 64 gehörte 1834 Heinrich Baumgartner und bestand aus einem «Haus, 1/3 Scheune & 1 Stall». N° 65 & 66 gehörten im selben Jahr «Ulr. Wyllis s. Erben» und bestanden aus einem «Haus, 2/3 Scheune & 1 ditto» [d.h. Stall]. 

Am Platz der heutigen Gebäude Chälenstrasse 10 (N°74, heute 474) sowie Chälenstrasse 12 (N° 75, heute 478), die 1958 als Chrieg identifiziert wurden, können sie jedenfalls nicht gestanden haben, denn diese Häuser waren schon 1834 an dieser Stelle und wurden von den Gebäudeschätzern mit der Bezeichnung «Unten in Kellen» erfasst.

Wissen Sie mehr?

Nach all diesen Ausführungen die Frage an meine ortskundigen Leserinnen und Leser: Wo liegt Ihrer Meinung nach der Chrieg in Weiach? An der Stockistrasse, an der Riemlistrasse, an der Chälenstrasse, an zweien davon, an allen drei gleichzeitig? Oder ganz woanders?

Quellen und Literatur

  • Pfister, Adolf: Flurnamenliste; erstellt zwischen 1936 und 1942; Teil des sog. Ortsgeschichtlichen Ordners im Archiv des Ortsmuseums Weiach (noch ohne Signatur).
  • Sammlung der Orts- und Flurnamen des Kantons Zürich, 1943-2000 (Signatur: StAZH O 471). Datenerfassung für Weiach durch Prof. Bruno Boesch mit dem Gewährsmann «Alb. Meierhofer» im Jahre 1958.
  • Hedinger, Heinrich: Flurnamen in Weiach. In: Stoffsammlung über den Bezirk Dielsdorf und seine Gemeinden, Heft Nr. 25 Weiach. Signatur: StAZH X 211.1.31.
  • Schärer, Arnold Claudio: Und es gab Tell doch. Harlekin-Verlag, Luzern 1986.
  • Henseler, Nathalie: Die namenkundliche Deutung der Landleutegeschlechter des Kantons Schwyz. Unter Berücksichtigung sozialhistorischer Aspekte von Familiennamen im voralpin-ländlichen Raum. Diss. Univ. Zürich 2023.

Mini-Serie «Im Chrieg. Ein Weycher Flurname»

Teil 1 (WeiachBlog Nr. 2096); Teil 2 (WeiachBlog Nr. 2097); Teil 3 (WeiachBlog Nr. 2098); Teil 4 = dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2099)

Dienstag, 14. Mai 2024

«Im Krieg hinten». Die Sicht der Karten und Lexika im 19. Jh.

«Westwärts des Dorfes, als Ausläufer des Sanzenberges, erhebt sich das niedrige "Riemli" mit einem obstbaumbestandenen Wingert, der "im Chrieg" heisst und dessen nun verstorbener Besitzer der "Chrieghans" genannt worden war.»  (G-Ch Weiach 1953, S. 12-13)

So führt Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1953 den Flurnamen Im Chrieg in die lokalhistorische Literatur ein. Seine Aufzeichnung erfolgte im selben Zeitraum, in dem der Namenkundler Prof. Bruno Boesch seine Feldaufnahmen in Weiach vornahm. Dessen Ziel war ein Zürcher Orts- und Flurnamenbuch. Davon ist bis heute erst ein Werk über Siedlungsnamen im Druck erschienen (Siegfried-Schupp 2024), also zu einem relativ kleinen Teilbereich.

Beim genannten Eigentümer «Chrieghans» handelt es sich um Hans Willi, der mit seiner Familie an der Herzogengasse 2 wohnte (Tel. Auskunft von Willi Baumgartner-Thut, 12.5.2024). Mit Max, dem Sohn des Chrieghans, ging Willi Baumgartner in den 1940ern nach Kaiserstuhl in die Bezirksschule.

Chriegacher im Fraumünster-Kelleramtsurbar

Im Rahmen der Arbeiten für ein Zürcher Namenbuch wurden unter Boesch & Rutishauser auch historische Belege aus alten Schriften gesammelt. 

So findet man im sog. Kelleramtsurbar des Fraumünsters (StAZH G I 142, 153) die Bezeichnung «Im Krieg Acher» für eine landwirtschaftliche Fläche im Gebiet der Gemeinde Weiach. Dieses Urbar wurde bereits 1548 erstellt und 1652 revidiert. Hier könnte also die älteste Nennung des Flurnamens überhaupt zu finden sein. 

Wo dieser Chriegacher lag, ist derzeit unbekannt. Wo er sich mutmasslich befunden haben muss, kann dereinst allenfalls durch Analyse dieses Urbars und Quervergleich mit anderen Quellen eruiert werden.

Der Chrieg: Teil eines Weingartens?

Nach Zollinger ist dieser Besitz also ein Baumgarten, der einst ein Weinberg war. Gehörte er zu den Kellenreben, die auf der Topographischen Karte des Kantons Zürich aus der Mitte des 19. Jahrhunderts (sog. Wild-Karte) noch in ihrer damaligen beachtlichen Grösse eingezeichnet waren? Das war noch vor dem Auftreten der Reblaus, die in den 1860ern aus den USA eingeschleppt wurde und das Ende des traditionellen Weinbaus auch in der Schweiz eingeläutet hat.


Auf dem obigen Kartenausschnitt (StAZH PLAN A 4.9 des Blatts IX, gedruckt im Mai 1859) sieht man den «Krieg» mit 3 Häusern kurz nach der Stelle eingezeichnet, wo die Zelglistrasse von der Stockistrasse abzweigt. Bemerkenswert auch, dass laut Wild-Karte die heutige Riemlistrasse einst die «Stockigass» gewesen sein soll.

Hartungs Messtischaufnahmen spuren vor

Auf den zwischen 1845 und 1848 entstandenen sog. Original-Messtischaufnahmen, die von Ingenieur Moritz Hartung aus Regensberg erstellt wurden (StAZH PLAN A 3.28), findet man den Siedlungsnamen «Krieg» sogar noch etwas weiter südwestlich:


Die Kalke zementieren die Vorstellung

Auf den «calques», den Kartenbild-Pausen auf durchsichtigem Papier (vgl. nachstehend: StAZH PLAN A 8.24), mit denen die Messtischaufnahmen für die Übernahme auf die Lithographie-Steine aufbereitet wurden, sieht es dann bereits so aus wie später auf der gedruckten Karte:


Im Gegensatz zum Dorfteilnamen Kaehlen sind die Flurnamen (Ruchli, Krieg, Hafnergass, Stockigass) hier nicht mit Tusche, sondern lediglich mit Bleistift eingezeichnet.

Lexika führen eine Relativbezeichnung ein

Eine Neuerung bringt das Ortslexicon des Cantons Zürich von Friedrich Vogel, Departements-Secretaire des Finanzrathes, das 1834 im Manuskript fertiggestellt war (vgl. StAZH MM 2.21 RRB 1834/2015).

Vogel setzt den Flurnamen zum Ortskern in Beziehung, der beim Zusammenfluss von Sagibach und Mülibach angenommen wird (heute unter der Stadlerstrasse nahe dem VOLG). Von dort aus gesehen liegt diese Flur «hinten» (wie man auch von der «hinteren Chälen»spricht, wenn u.a. die Gebäude am Bachserweg 2 und 6 gemeint sind):

«Im Krieg hinten, Gegend mit 4 Wohngeb. in der Kirch-, polit., Civil- und Schulgem. Weyach.» (S. 103)

Schon 1841 korrigiert derselbe Autor in der 2. Auflage seines Lexikons (als Neues Ortslexikon des Kantons Zürich bezeichnet) die Angabe wie folgt:

«Krieg, im, Ortsgegend des Dorfes Weyach mit 3 Wohnh., die westlich von Kellen liegen.» (S. 137)

Für sein Geographisch-statistisches Handlexikon des Schweizerlandes übernahm Johann Jakob Leuthy (1788-1855) im Jahre 1846 diese zweite Version:

«Krieg, im, 3 Hsr. in der zürch. Pfr. Weiach.» (S. 348)

Der Zürcher Professor Gustav von Escher geht für seinen Ergänzungsband 1850-1860 der Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich wieder auf die alte Auffassung Vogels von 1835 zurück: 

«Die politische Gemeinde Weiach umfasst die Ortsnamen: [...] im Krieg hinten, [...]» (S. 686)

Oder doch weiter unten und weiter vorne Richtung Dorf gelegen?

Wenn wir uns nun an den Artikel Nr. 2097 vom 10. Mai erinnern, dann ist der Name «Chrieg» auf modernen Karten von Swisstopo jedoch an anderer Stelle eingezeichnet als auf der Wild-Karte. Er ist just dort platziert, wo es eben gerade noch dafür Platz hat: Bei der bald einzigen Baulücke, die sich im Geviert zwischen Neurebenstrasse und Chälenstrasse heutzutage noch finden lässt. Die in der Datenbank ortsnamen.ch gegebene Koordinate könnte somit rein darstellungstechnisch bedingt sein. 

Diese Vermutung verdichtet sich, wenn man sich den aktuellen Katasterplan der Amtlichen Vermessung auf der GIS-Seite des Kantons Zürich ansieht (vgl. Bild unten). Da stellt man fest: Der Flurname «Chrieg» haftet auch an der Parzelle 184 (Weinbergstrasse 11a) und nicht nur am noch unbebauten Grundstück mit der Nummer 1600.

Quellen und Literatur

  • Eintrag Chriegacher in der Datenbank ortsnamen.ch; mit Verweis auf das Kelleramtsurbar des Fraumünsters, angelegt von Hch. Weber 1548 bei der Einverleibung des Kelleramts ins Obmann- und Almosenamt, 1652 bereinigt von Stiftsschreiber Joh. Ludwig Keller. Signatur: StAZH G I 142, 153.
  • Vogel, F.: Ortslexikon des Kantons Zürich oder alphabetische Aufzählung aller Ortschaften, Höfe und einzelnen Wohnungen des Kantons, die besondere Namen tragen, mit Angabe der bürgerlichen und kirchlichen Abtheilungen, in welche sie gehören, u.a.m. von F. Vogel, Secretair. Schulthess'sche Buchhandlung (Fr. Schulthess und G. Höhr) Zürich 1835 – S. 103.
  • Vogel, F.: Neues Ortslexikon des Kantons Zürich oder alphabetisches Verzeichniß aller Ortschaften, Höfe und einzelnen Wohnhäuser, die besondere Namen führen, mit Angabe der Gemeinde, zu welcher sie gehören, ihrer Lage u.s.f. und verschiedenen statistischen Notizen. Zweite, verbesserte und vermehrte Ausgabe. Zürich, 1841 – S. 137.
  • Leuthy, J. J.: Geographisch-statistisches Handlexikon des Schweizerlandes. Zürich/Baden 1846 – S. 348.
  • Hartung, M.: Original-Messtischaufnahmen für die Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte). Blatt 25: Stadel, 1845-1848. Signatur: StAZH PLAN A 3.28.
  • N. N.: Vorlagen für die Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte): Bezirk Dielsdorf. Ortsplan Weiach, 1845-1859. Signatur: StAZH PLAN A 8.24.
  • Enderli, H.; Brack, J. J.: Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte). Blatt IX: Weiach, gedruckt im Mai 1859. Signatur: StAZH PLAN A 4.9.
  • von Escher, G.: Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1850-1860. Zürich 1870 – S. 686.
  • Zollinger, W.: Jahreschroniken Weiach 1952-1967. Originale: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach [Jahrgang]. Hier: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1953. Signatur: ZBZ Handschr G-Ch Weiach 1953 – S. 12/13.
  • Siegfried-Schupp, I.: Von Angst und Not bis Zumpernaul. Siedlungsnamen im Kanton Zürich. Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (MAGZ), Bd. 91, Zürich 2024.
  • Mündliche Auskünfte von Willi Baumgartner-Thut (*1930) vom 12. Mai 2024.

Mini-Serie «Im Chrieg. Ein Weycher Flurname»

Teil 1 (WeiachBlog Nr. 2096); Teil 2 (WeiachBlog Nr. 2097); Teil 3 = dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2098); Teil 4 (WeiachBlog Nr. 2099)

Freitag, 10. Mai 2024

«Im Chrieg». Zu den Ursprüngen eines Weiacher Siedlungsnamens

Thema des gestrigen WeiachBlog-Artikels Nr. 2096 war die Verschreibung von «Chrieg» zu «Chrueg». Heute wollen wir aus gegebenem Anlass (einer der Belege wird exakt 250 Jahre alt) den Spuren des Flurnamens in den Quellen nachgehen.

Der zentrale Startpunkt heutiger Ortsnamenkundler ist die Datenbank ortsnamen.ch, die den Vorteil hat, dass sie die kantonalen Orts- und Flurnamenbücher in digitaler Form aufbereitet und mit Kartendaten verknüpft jedermann zur Verfügung stellt.

«Im Chrieg» wird dort (Record 7063657) zwar als Weiacher Flurname gehandelt, ist jedoch – wie man dem Datenbankeintrag entnehmen kann (vgl. Bild unten) – zugleich auch ein Siedlungsname. Zwar nur für ein paar wenige Häuser, aber immerhin. Beim Höbrig, beim Ofen und beim Felsenhof ist das ja auch nicht anders: ein sog. «benanntes Gebiet». Hier allerdings eines, das bereits in früheren Jahrhunderten optisch praktisch nahtlos an die Gebäude des Ortsteils Chälen anschliesst.


Ein Familienname wird zum Hofnamen

Wo genau der Siedlungsname seinen Ursprung hat, ist nicht gesichert. Die Bearbeiter des Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich (UBZH), aber auch heutige Namenkundler, sind der Auffassung, es könnte sich um den Zunamen der Eigentümerfamilie handeln. Diese Familie hätte dann also Chrieg oder Krieg bzw. Krieger geheissen.

In diesem Sinne äusserte sich 2017 beispielsweise Beatrice Hofmann-Wiggenhauser in ihrer Flurnamenkolumne in der Zeitung Schweizer Bauer (vgl. Quellen u. Literatur).

Gefolgsleute der Habsburger?

Laut dem UBZH wurde am 30. Dezember 1298 der Verkauf eines Landgutes in Niederhasli besiegelt. Da übertrug Chuonrat Chrieg, Mitglied des Zürcher Rats, dem Zisterzienserinnenkloster Selnau seinen Eigentumstitel. (Vgl. Bd. VII, S. 68; Nr. 2470: «Aebtissin Elisabeth von Zürich verleiht der Aebtissin von Selnau ein von Konrad Krieg an diese verkauftes Gut zu Niederhasli.»)

Und es ist nicht abwegig, die Vermutung zu äussern, dass die Chrieg auch den Chrieghof in Wiach besassen. Die Bearbeiter des Urkundenbuchs schreiben dazu in Fussnote 2 zu dieser Urkunde Nr. 2470: «Immerhin mag das [Niederhasler] Gut Kriegs von den Habsburgern herrühren, da die Familie Krieg viele Pfandschaften von Habsburg besass».

Die Übertragung von Pfandschaften war ein beliebtes Instrument der Entschädigung eigener Gefolgsleute. Diese erhielten Grundbesitz, der regelmässige Einkünfte abwarf. Sie durften diese für sich nutzen, mussten aber natürlich für Inkasso und Bestandesschutz selber besorgt sein. Formal blieb das Grundeigentum zwar ein Lehen, allerdings eines, das frei vererbt werden konnte. Lediglich die notarielle Fertigung vor dem Lehensherrn (oder einer von ihm begünstigten Institution) zeigt noch diese alten Verhältnisse an.

Analogie zu einem Hang an der Grenze Wollishofen/Kilchberg

Auch im Zusammenhang mit Grundeigentum im Gebiet Erdbrust an der Südgrenze der heutigen Stadt Zürich verweisen die Bearbeiter des Zürcher Urkundenbuchs (Bd. X, S. 145, Fussnote 2) auf einen vermuteten Eigentümer-Zusammenhang: 

«Erdbrust, Pf. Wollishofen; im Krieg könnte hier auch ein Flurname sein, der auch 1319 in Erdbrust vorkam, wie anderseits z.B. in Weiach (vgl. oben 3626), auch schon in Besitz des Joh. Brandes. Doch könnte er möglicherweise von einer dortigen Besitzung der Zürcher Familie Krieg herkommen; letzteres wird bestätigt durch eine Urkunde von 1314, worin "der Kriegin zem Adelar gueter" in Erdbrust vorkommen; vgl. IX nr. 3298.»

Im Datenbankeintrag entsprechen dem die folgenden Fundstellen:

1314: ze Ertprust zwischen … guͤtern (Orig ZUB IX; 3298; 162)
1319: ir beider guͤter ze Ertprust (Orig ZUB X; 3608; 25)
1321: ein wingarten, lit ze Ertprust (Orig ZUB X; 4742; 145)

Bisher älteste Weiacher Fundstelle von 1635

Im Gegensatz zum Flurnamen Hofwisen, der bereits 1309 belegt ist, findet man den Chrieg in mittelalterlichen Urkunden nicht. Er taucht erst in einem Berain, d.h. einer Güterbeschreibung des Krieghofs, in gebundenen Unterlagen der Stadt Kaiserstuhl auf: 

«Berein vber der Bomgartern vnd Krieghof zue Wiach im Ambt Kayserstuhl 1635; Eigentum des Pelagius Ertzlin von Kayserstuhl.»  (Vgl. Schib 1936; V. Städtische Verwaltung; A. Säckelamt; Bücher Nr. 116)

Bei diesem Pelagius könnte es sich um den Amtmann des Klosters St. Blasien zu Kaiserstuhl gehandelt haben. Er ist im gleichen Jahr (15. Mai 1635) in einer klettgauisch-sulzischen Urkunde als Käufer landwirtschaftlicher Flächen in Stetten (Gde. Hohentengen; d.h. auf Reichsboden) genannt (vgl. Aargauer Urkunden, Bd. XIII, Nr. 439).

Man sieht der Formulierung an, dass der Krieghof wohl die alte Bezeichnung darstellt. Und hätte es in Weiach nicht noch etliche weitere Baumgartner gegeben, die man voneinander unterscheiden musste, dann wäre der alte Flurname vielleicht untergegangen. So aber wurde er konserviert.

Jacob Baumgartner im Krieg, 1672   

Auch ein paar Jahrzehnte später war eine Familie der Baumgartner auf dem Krieghof ansässig, wie man einer Urkunde entnehmen kann, die ursprünglich im Gemeindearchiv Hottingen lag und mit der Eingemeindung 1893 ins Stadtarchiv Zürich gelangte.

Diese Urkunde Hottingen 23 wurde von Franz Ernst Zwyer von Evibach, fürstbischöflich-konstanzischer Obervogt von Kaiserstuhl und der Herrschaft Rötteln, auf Papier ausgestellt und ist auf den 26. Januar 1672 datiert (mutm. nach gregorianischem Kalender): 

«Schuldbrief von 83 Gulden auf Andreas Meyer, Wachtmeisters Sohn von Weiach, zu Gunsten von Jacob Baumgarter im Krieg, Weiach

Eintrag im Kirchenbuch Weiach, 1774

Der jüngste in unserer Reise durch die Jahrhunderte vorgestellte Beleg feiert heute seinen 250. Geburtstag. Es handelt sich um einen Eintrag des Weiacher Pfarrers im Tauf- und Eheregister 1753-1860, datiert auf den 10. Mai 1774:

«Baumgartner, Hans Heinrich, Weiach, getraut mit Meier, Elisabeth, Weiach» (StAZH E III 136.2, EDB 145)

Zwecks näherer Bezeichnung der familiären Herkunft dieses Hansheiri Baumgartner notierte der Pfarrer den Vermerk: «im Krieg».

In einem späteren Artikel werden wir sehen, dass der Name Baumgartner auch im 19. Jahrhundert noch eng mit dem Flurnamen Im Krieg verbunden war.

Quellen und Literatur

  • Schuldbrief über 83 Gulden d.d. 26. Januar 1672. Signatur: StArZH VI.HO.A.1.:23.
  • Eintrag im Tauf- und Eheregister Weiach, d.d. 10. Mai 1774. Signatur: StAZH E III 136.2, EDB 145.
  • Inventar des Stadtarchivs Kaiserstuhl. Im Auftrag der Aargauischen Historischen Gesellschaft bearbeitet von Dr. Karl Schib. Aarau 1936 – S. 8.
  • Hofmann-Wiggenhauser, B.: Flurnamen: Krieg in der Chälen. In: Schweizer Bauer online, 25. Dezember 2017, 18:36.
[Veröffentlicht am 11. Mai 2024 um 23:48 MESZ]

Mini-Serie «Im Chrieg. Ein Weycher Flurname»

Teil 1 (WeiachBlog Nr. 2096); Teil 2 = dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2097); Teil 3 (WeiachBlog Nr. 2098); Teil 4 (WeiachBlog Nr. 2099)

Donnerstag, 9. Mai 2024

Wenn der Chrueg kein Dorfkrug ist

Auf einem Plan des Meliorations- und Vermessungsamts des Kantons Zürich aus dem Jahre 1991 findet sich ein Weiacher Flur- bzw. Ortsteilname, den man sonst nirgends antrifft, auch nicht in der sonst recht umfassenden Datenbank ortsnamen.ch: «Chrueg»  (s. unmittelbar links des Bildzentrums)

Ein Krug? Ist das die Gegend, wo der «Dorfkrug» steht, mögen sich einige bildungsbürgerlich beflissene Deutsche fragen. Aber so wird das Wirtshaus nur in Norddeutschland genannt. Bei uns nannte man sie Tavernenwirthschaft, bzw. Weinschenke (wenn damit kein Beherbergungsrecht verbunden war).

Richtig ist: Chrieg...

Was uns hier vorliegt, ist ein klassischer Verschreiber. Der eigentlich gemeinte Flurname lautet: «Chrieg». 

Dass dem so ist, wussten die Mitglieder der informellen Weiacher Strassenbenennungskommission in just dieser Zeit (1991/92) besser als die Kartenzeichner in Zürich. Sie wollten den genau an dieser Stelle auf der Karte verlaufenden Privatweg daher eigentlich «Chriegweg» nennen. 

Daran hatten allerdings die Anwohner (und Grundeigentümer) gar keine Freude. Sie wünschten sich den Namen «Birkenweg» und drangen damit durch. 

...aber wo genau ist er?

Dass sie dadurch eine historisch zwar in Schriftquellen belegbare, in der Landschaft aber in ihrer Verortung nicht eindeutig feststehende Benennung verhindert haben, kommt uns Heutigen zupass.

Denn beim Durchsehen aller mir heute verfügbaren Quellen findet man mehrere Varianten. Laut diesen kann «Im Chrieg» etliche Stellen im Raum des westlichen Ortsteils Chälen bezeichnet haben: 

Von (A) einer Häusergruppe an der oberen Stockistrasse, wo sie in grösserer Steigung Richtung Sanzenberg entschwindet, über (B) den gesamten Streifen am Hang unterhalb des Wingert zwischen Stockistrasse und Riemlistrasse, bis hin zu (C) einer Häusergruppe an der Riemlistrasse, deutlich unterhalb der Abzweigung Weinbergstrasse. 

Alles nah beieinander im Umkreis von 250 Metern. Aber eben nicht an derselben Position.

Um diese Belege und was sie für die Flurnamenforschung bedeuten, soll es in den Artikeln der nächsten Tage gehen.

Quelle

  • Gemeinde Weiach. Provisorischer Übersichtsplan 1:5000. Ausgabe 1991. Signatur: StAZH PLAN B 2636.

Mini-Serie «Im Chrieg. Ein Weycher Flurname»

Teil 1 = dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2096); Teil 2 (WeiachBlog Nr. 2097); Teil 3 (WeiachBlog Nr. 2098); Teil 4 (WeiachBlog Nr. 2099)

Mittwoch, 8. Mai 2024

Startschuss für die neue Sternenkreuzung

So wie auf diesem Plänchen sah der Weiacher Dorfkern anfangs der 1950er-Jahre aus. Da gab es, wie man sieht, den heutigen Bachweg bereits. Die Glattfelderstrasse stiess exakt vor dem Gasthof zum Sternen auf die Kaiserstuhlerstrasse. Und letztere ging nahtlos in die Stadlerstrasse über:


Heute vor 50 Jahren hat der Regierungsrat des Kantons Zürich den Startschuss für die Umgestaltung der alten, noch aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammenden Anlage gegeben. Aus der Kunststrassenkreuzung von 1845/46 wurde nach dem 8. Mai 1974 eine geschwungene Rennbahn mit (verglichen zum vorherigen Zustand) enormem Flächenverschleiss:


«Das Bauvorhaben ist Bestandteil des Strassenbauprogramms 1974»

Dass man sich für eine solche Lösung entschieden hat, ist dem Wunsch geschuldet, den Verkehr aus Richtung Basel-Koblenz-Kaiserstuhl statt über die Stadlerstrasse neu über die sog. «Kiesstrasse» zu leiten, die ab dem Neeracherried in einer langgezogenen Kurve am Ostrand der Ebene mit Neerach, Stadel und Windlach erstellt wurde und westlich Aarüti in die Hauptstrasse Basel-Winterthur mündet. 

Damit war faktisch der Entscheid gefallen, die anfangs der 70er-Jahre eigentlich geplante kantonale Autobahn HVS-U nicht bis Weiach durchzuziehen. Die hätte ihren Endpunkt im Bedmen oder noch etwas näher beim Alten Bahnhof gefunden (vgl. WeiachBlog Nr. 1976).

Im Regierungsratsbeschluss vom 8. Mai 1974 werden Nägel mit Köpfen gemacht. Es wird über die Vergabe der Bauarbeiten entschieden:

«Mit Beschluss Nr. 3870/1971 genehmigte der Regierungsrat das Detailprojekt für die Sanierung der Einmündung der Stadlerstrasse I. Kl. Nr. 2 in die Glattfelder-/Kaiserstuhlstrasse, HVS U, I. Kl. Nr. 1, Gemeinde Weiach, und bewilligte gleichzeitig zu Lasten der Titel 3016.740.01 der Staatsrechnung, Bau von Strassen I. Kl., und 3015.741.01 der Staatsrechnung, Bau von Trottoiren an Strassen I. Kl., die erforderlichen Kredite. Heute stehen die Landerwerbsverhandlungen vor dem Abschluss, so dass mit dem dringend notwendigen Ausbau begonnen werden kann.

Die Tiefbau- und Belagsarbeiten für die genannte Sanierung wurden öffentlich zur Konkurrenz ausgeschrieben. Auf den Eingabetermin gingen rechtzeitig vier Offerten ein, deren Angebotssummen zwischen Fr. 761 854.80 und Fr. 835 930.50 liegen. Gemäss den Bestimmungen der Submissionsverordnung ist es gerechtfertigt, die Tiefbau- und Belagsarbeiten an die im ersten Rang stehende, gut ausgewiesene Hüppi AG, Bülach, mit einer Akkordsumme von Fr. 761 854.80 zu vergeben. 

Die örtliche Bauleitung kann dem Projektverfasser, Ingenieurbüro W. Grimm, Zürich, gemäss dessen Offerte vom 25. April 1974 und die Oberbauleitung dem kantonalen Tiefbauamt (Kreisingenieur I) übertragen werden.»

Fort mit Gemeindeschlachthaus und altem Zürich-Wegweiser!

Damit war der Startschuss gegeben und für das Gemeindeschlachthaus (vgl. im Bild links) hatte das letzte Stündlein geschlagen. Denn just dort sollte die langgezogene Kurve durchgezogen werden.

Bild: Sammlung Ortsmuseum Weiach

Für den Regierungsrat wie für den Gemeinderat war klar: Nach Zürich soll es hier künftig nicht mehr in die angezeigte Richtung gehen. Sondern in die Blickrichtung des Fotografen.

Quelle

  • Strassen (Weiach, Einmündung Stadlerstrasse I/2 in Glattfelder-/Kaiserstuhlstrasse, HVS U, Sanierung). Regierungsratsbeschluss vom 8. Mai 1974. Signatur: StAZH MM 3.141 RRB 1974/2332.

Montag, 6. Mai 2024

Ermächtigungserlass, präpariert mit Verzögerungszünder?

Dass der Gemeinderat Weiach im Vorfeld der Urnenabstimmung zum Infrastrukturprojekt «Zukunft 8187» präventiv die Anwendung von emergency powers angekündigt hat, sollten die Stimmberechtigten sich erdreisten, sein Projekt erneut zu versenken (wie schon 2020 das Vorgängermodell «Balance»), das war vor fast einem Jahr bereits Thema in dieser Online-Publikation, vgl. WeiachBlog Nr. 1921.

Diesen Hinweis konnte man durchaus als Drohung auffassen, was der Gemeinderat selber in seinen Eingaben im Rahmen der Stimmrechtsbeschwerde zu besagtem Infrastrukturprojekt jedoch in Abrede gestellt hat. Das sei keineswegs als Drohung zu verstehen.

Aus seiner Sicht ist die faktische Aushebelung der direkten Mitsprache des Volkes eine völlig legitime Vorgehensweise, denn aufgrund des RSA-Vertrags mit Kaiserstuhl und Fisibach sowie der Ablehnung der Kündigungsinitiative Ebnöther im Frühling 2021 (sog. Ebianum-Abstimmung) komme man nicht darum herum, Schulraum zur Verfügung zu stellen. 

Ausserdem bestehe hoher Zeitdruck, diesen Auftrag umzusetzen. Und genau aus diesem Grund sei es auch gerechtfertigt, die Stimmberechtigten nicht nach den in der Gemeindeordnung (Art. 9 bzw. Art. 16) vorgesehenen Verfahren einzubeziehen, sondern sich die Ausgaben sozusagen in beliebiger Höhe selber zu genehmigen.

Das Zauberwort heisst «gebundene Ausgabe»

In oben verlinktem Beitrag hat der WeiachBlog-Redaktor der Baukommission (und damit implizit der Schulpflege und dem Gemeinderat Weiach) absolutistische Anwandlungen attestiert und dies mit dem Ausspruch des Sonnenkönigs Louis XIV. illustriert. 

Wenn man nun in diesem Bild bleibt, dann hat der Gemeinderat bereits vor über zwei Monaten still und leise seine Ankündigung planvoll in die Wirklichkeit umgesetzt. 

Sein Ermächtigungserlass nennt sich «Neue Containeranlage Schuljahr 2024/2025». Es handelt sich um einen Gemeinderatsbeschluss vom 4. März 2024 (vgl. Quellen und Literatur unten). Der Beschluss stützt sich explizit auf § 103 des Gemeindegesetzes, der in WeiachBlog Nr. 1921 auch schon in vollem Wortlaut zu finden ist.

Seltsamer zeitlicher Abstand zur Veröffentlichung 

Zu Rätselraten, bis hin zur Formulierung eines Anfangsverdachts, gibt der Umstand Anlass, dass dieser Beschluss zwar laut Auszug aus dem Gemeinderatsprotokoll auf den 4. März datiert, er danach schriftlich am 18. März versandt bzw. in die Akten gelegt wurde, jedoch seine Publikation wochenlang auf sich warten liess. 

Nicht weniger als 46 Tage (!) verstrichen nach dem Versand an die gemäss Punkt 6 des Beschlusses zu adressierenden Stellen, bis der Gemeindeschreiber denselben Erlass (rund drei Wochen nach der Informationsveranstaltung vom 11. April) offiziell auf der Gemeindewebsite publiziert hat oder sein Auftrag, dies vorzunehmen, von Dritten umgesetzt worden ist.

Ist das A) bloss ein Versehen, B) Ausdruck von Schlamperei oder C) gar Absicht? 

Und wenn es Absicht sein sollte: Was bezweckt der dahinter steckende Akteur damit? Warum wurde ausgerechnet dieser Ermächtigungserlass mit einem Verzögerungszünder präpariert? Dass ein solcher Erlass bei einschlägig bekannten Kreisen (siehe oben Kündigungsinitiative) zu einem Aufschrei, gesteigerter Empörung und entsprechenden Massnahmen führen dürfte, das musste dem spiritus rector einer solchen Aktion (so es denn eine ist) ja bewusst gewesen sein. 

Affaire à suivre. The saga continues.

Quellen und Literatur

  • Brandenberger, U.: Die Baukommission «Zukunft 8187» droht(e) dem Souverän. WeiachBlog Nr. 1921, 21. Mai 2023.
  • Neue Containeranlage Schuljahr 2024/2025. Beschluss des Gemeinderats Weiach vom 4. März 2024. Amtliche Publikation auf der Website der Gemeinde am 2. Mai 2024, 12:52 MESZ.

Freitag, 3. Mai 2024

Bei der Festnahme «etwas durchgewalkt»

Geschworenengerichte mit einer Jury, wie in den USA, gab es in früheren Zeiten auch im Kanton Zürich. Laut dem Gesetz betreffend die zürcherische Rechtspflege vom 2. Dezember 1874 musste die Gemeinde Weiach (wie jede andere politische Gemeinde im Kanton) für die eidgenössische Rechtspflege einen Geschworenen wählen. Dieser wurde auch zugleich kantonaler Geschworener (vgl. § 1 und 4). Auf je 200 Einwohner mussten die Gemeinden dann laut § 3 noch weitere Männer wählen, die auf die Liste gesetzt wurden und im Bedarfsfall ihre bürgerliche Pflicht wahrzunehmen hatten.

Wählbar war jeder Stimmberechtigte, ausser er gehörte zu dem eng begrenzten Personenkreis, der per Gesetz als nicht wählbar bezeichnet wurde (u.a. Regierungsräte, Angestellte von Strafanstalten und Polizisten; vgl. § 6). Und ablehnen konnte die Wahl nur, wer entweder über 60 Jahre alt, «wegen Krankheit oder in Folge Gebrechens außer Stande ist, die Pflichten eines Geschwornen zu erfüllen, oder endlich, wer sich auf der letzten Geschwornenliste befunden und bei einer Sitzung mitgewirkt hat.»

Gleich zwei Weiacher auf der Geschworenenbank

Gestern vor 125 Jahren berichtete die Neue Zürcher Zeitung über den ersten Tag des abwechselnd in Zürich, Winterthur oder Pfäffikon durchgeführten Schwurgerichts: «Am Montag den 1. Mai begannen in Winterthur die Verhandlungen des dritten Schwurgerichtes des Jahres 1899.»

Für diese Verhandlungen waren gleich zwei Weiacher Geschworene ausgewählt worden: Gemeindepräsident Nauer und Bezirksrichter Griesser. Zusammen mit zehn anderen Geschworenen sowie drei Profi-Richtern mussten sie über Schuld oder Unschuld befinden:

«Präsident: Oberrichter Ziegler; Beisitzer: Bezirksrichter Vontobel von Dürnten und Gwalter von Höngg. Sekretär: Obergerichtssekretär Dr. Rahn. Geschworne: Obrist Bez.-Richter Rüschlikon Obmann, Groß Kassier in Töß, Grießer Bez.-Richter Weiach, Stucki Tierarzt Pfäffikon, Hoffmann Präsident Zünikon-Bertschikon, Schärer-Meier Mönchhof-Kilchberg, Baumann Gemeinderat Goßau, Bretscher Friedensrichter Dorf, Schlatter Gemeinderat Oerlikon, Boller Friedensrichter Hinteregg, Nauer Präsident Weiach, Honegger Gemeinderat in Hinweil.»

Wiederholungstäter versucht sich in waghalsigen Seilakten

Was nun folgt, ist ein – wie ich finde – gelungenes Stück journalistischer Kunst, kündigt der NZZ-Schreiberling doch dem geneigten Leser an, er werde sich nun langweilen, liefert dann aber eine geradezu slapstickreife Geschichte ab, die es verdient, im vollen Wortlaut wiedergegeben zu werden. Film ab:

«Der erste Fall, der zur Behandlung kommt, bietet wenig Interesse. Der fünfzigjährige, vielfach vorbestrafte Ulrich Hux von Oberweil-Dägerlen, Schreiner, hat sich neuerdings wegen eines Diebstahlsversuches zu verantworten. Die Anklage führt Staatsanwalt Brunner, als amtlicher Verteidiger ist anwesend Rechtsanwalt Dr. Schmid aus Zürich. Hux wird beschuldigt, sich dadurch des Versuchs von ausgezeichnetem Diebstahl im Sinne von § 168 und 169 Ziff. 3 des [kantonal-zürcherischen] Strafgesetzbuches schuldig gemacht zu haben, daß er Samstag 25. Februar nachts etwa um 8 Uhr auf die Dachzinne des Hauses Nr. 58 an der Zollstraße Zürich III schlich [also praktisch direkt beim Hauptbahnhof], dort einen Strick, den er mitgenommen hatte, am eisernen Geländer befestigte, sich an demselben auf das Dachgesimse hinunterließ, am Fenster eines Schlafzimmers eine Scheibe zertrümmerte, dann, weil von den Hausleuten entdeckt, dem Dachgesimse entlang flüchtete, bis er ein offenes Fenster der Mansardenwohnung fand und einsteigen konnte. Er gelangte in die Waschküche, konnte aber, weil die Thüre von außen geschlossen war, seine Flucht nicht fortsetzen und der Vogel war gefangen. Zwar versuchte er noch, sich hinter dem Waschofen zu verbergen, wurde aber hervorgezogen, etwas durchgewalkt und dann der Polizei übergeben. Er stellte sich sinnlos betrunken, konnte auf einmal nicht mehr stehen, besann sich aber bald eines andern und ließ sich wegführen. Von Betrunkenheit kann gar keine Rede gewesen sein, sonst hätte der Mann nicht mit katzenartiger Behendigkeit in schwindelnder Höhe auf einem schmalen Band den oben beschriebenen Weg machen können. Der Staatsanwalt klagte wegen Versuchs von ausgezeichnetem Diebstahl in einem nicht genau zu bestimmenden, den Wert von 50 Fr. jedenfalls übersteigenden, die Summe von 500 Fr. vermutlich nicht übersteigenden Betrag. Hux erklärte während der ganzen Untersuchung, er könne darüber, warum er ins Haus gegangen sei und das Manöver ausgeführt habe, gar keine Auskunft geben, denn er sei betrunken gewesen. Sicher sei nur das eine, daß er nicht habe stehlen wollen. Heute rückt er nun mit etwas ganz neuem heraus. Das Leben sei ihm verleidet gewesen und er habe sich durch einen Sturz vom Dache entleiben wollen. Das Dachgesimse mit dem Kennel habe aber den Sturz aufgehalten, die Lebensgeister seien wieder erwacht und den Weg in die Waschküche habe er dann nur genommen, weil er auf dem gleichen Weg, den er gekommen, d. h. über die Zinne, doch nicht hätte zurückkehren können. Der Strick reichte nämlich nur etwa über das halbe Dach hinab und vom Gesimse aus hätte ihn Hux allerdings nicht mehr erlangen können. Warum er sich hinter den Waschofen verkrochen habe, weiß Hux auch heute noch nicht. Die Verhandlungen stellten fest, daß der Angeklagte die Scheibe im Schlafzimmer vorsätzlich eingedrückt hatte, da die Rahmen deutliche Spuren eines Messers oder Stemmeisens zeigten, während Hux glauben machen wollte, er sei im „Vorbeiweg“ ins Fenster gefallen. Den Geschwornen imponierte offenbar auch die neue Darstellung nicht und nach kurzer Beratung sprachen sie den Angeklagten im Sinne der Anklage schuldig, worauf ihn der Gerichtshof zu zwei Jahren Arbeitshaus, ab fünf Wochen, und zehnjähriger Einstellung im Aktivbürgerrechte verurteilte.»

Für die nächsten zehn Jahre konnte es also dem Verurteilten garantiert nicht passieren, selber aus Versehen zum Geschworenen gewählt zu werden.

Bemerkenswert an der Geschichte ist, wie locker und flockig es als ganz selbstverständlich dargestellt wird, dass diejenigen Personen, die Hux als erste zu fassen bekamen, ihn «durchgewalkt» hätten. Dass diese Tätlichkeiten in irgendeiner Form strafwürdig gewesen sind, davon steht hier jedenfalls kein Wort. Und ein Fall von Polizeigewalt war's ja dann auch nicht. 

Man stelle sich das in unserer Zeit vor. Einem Wiedergänger des Hux wäre heute die Sympathie der Medienschaffenden sicher: ein Opfer des Milieus.

Quellen

Dienstag, 30. April 2024

Walburgas Nacht. Eine Hexe als Heilige?

Sagt Ihnen die Bezeichnung «Münschterlinge Seesiite» etwas? Für Thurgauer ist das dasselbe wie für einen Zürcher das «Burghölzli». Dorthin werden diejenigen gebracht, die – wie der Volksmund voller Schauder sagt – fällig seien für's «gääle Wägeli» (vgl. WeiachBlog Nr. 584). Die heutige Psychiatrische Klinik wurde vor mehr als 1000 Jahren als Augustinerinnenabtei gegründet, gewidmet der Hl. Walburga. Dieses Kloster habe (so wird überliefert) seit Anbeginn den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Krankenpflege gelegt.

Hochstapelei oder glaubwürdige Wundertäterin?

Das Patrozinium der St. Walburga passt perfekt zu dieser Aufgabe. Denn Walburga (* mutm. um 710 im südenglischen Wessex; † mutm. 25. Februar 779, nach anderen Quellen 780 in Heidenheim), eine Tochter des Königs Richard von Wessex ist von der römisch-katholischen Kirche nicht zuletzt aufgrund von wundersamen Krankenheilungen zur Heiligen ernannt worden.

Laut ihrem Hagiographen, der ihre Geschichte zwei Jahrhunderte nach ihrem Wirken aufgezeichnet hat, soll sie «einmal ein Kind mit Hilfe dreier Ähren vor dem Verhungern gerettet und ein anderes Mal erfolgreich einen tollwütigen Hund beruhigt haben. Auch von Krankenheilungen und der Rettung einer im Kindbettfieber danieder liegenden Wöchnerin wird berichtet. Daher gilt sie neben vielerlei anderen Zuständigkeiten auch als Schutzheilige gegen Krankheiten und Seuchen, Tollwut, Hungersnot und Missernte sowie als Patronin der Kranken und der Wöchnerinnen, aber auch der Bauern.» (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Walburga)

Gut für Walburga war, dass sie aufgrund ihres Hochadelsstatus (und damit einem sehr hohen Schutzgrad) nicht so einfach als Zauberin diffamiert werden konnte. Denn man stelle sich vor, eine Normalsterbliche hätte derartige Wundertaten vollbracht. Ich meine: Wie soll das denn gehen, ein Kind mit drei Ähren vor'm Verhungern retten!? Come on... das ist doch völlig unglaubwürdig, oder? Hochstaplerin! Mindestens. Die Tochter eines zum König Gesalbten hingegen, das ist ein anderes Kaliber. So zumindest die mittelalterliche Auffassung. Allein schon die Berührung durch einen solchen König konnte (so glaubten die Untertanen) Wunderheilungen vollbringen.

Tanz in den Mai

Wie komme ich jetzt darauf? Nun, heute ist der letzte Tag vor dem Mai. Zeit für den «Tanz in den Mai». Es ist die berühmt-berüchtigte Walpurgisnacht. Als Gedenktag der Walburga im Mittelalter deshalb in Gebrauch, weil sie am folgenden Tag, dem 1. Mai, heiliggesprochen wurde. Heute wird eher der 25. Februar mit ihr in Verbindung gebracht.

Die Vigilfeier für den mittelalterlichen Walpurgistag fand in der Nacht auf diesen Tag statt. Der Abend des 30. April ist aber ausgerechnet der Termin für ein traditionelles vorchristliches Fest mit Feuerbräuchen, wo man sich in geselliger Runde zum Tanz traf. Und das konnte durchaus auch bis weit über Mitternacht hinaus dauern.

Mit der Walpurgisnacht hat sich dann die Erzählung vom Hexensabbat verbunden, zu dem die Hexen angeblich in ebendieser Nacht auf den Blocksberg (oder irgendeinen anderen Hügel) geflogen sein sollen, um sich dort mit dem (bzw. ihrem eigenen) Teufel zu verlustieren.

Die Flugroute einer Weyacher Hexe

Ob es sich um eine Walpurgisnacht gehandelt hat, in der eine in Weyach verheiratete, aus Wasterkingen gebürtige «Hexe» Ende des 17. Jahrhunderts per Eierschale über den Rhein gefahren (d.h. wohl geflogen) sein soll (vgl. WeiachBlog Nr. 2068), ist nicht aktenkundig. 

Mutmassliche Flugrouten von Weyach (rot), Wasterkingen (Magenta) und Bühl (D; schwarz)
nach Berwangen (D) oben rechts im Bild 
(Basis: Wildkarte Mitte 19. Jh)

Vom Hörensagen zum Todesurteil

In den Aufzeichnungen findet sich nur die Zeugenaussage des Untervogts (entspricht einem heutigen Gemeindepräsidenten) einer Nachbargemeinde. Der glaubte, eine ihm nur vom Hörensagen bekannte Geschichte dem Pfarrer und dann dem Landvogt von Eglisau hinterbringen zu müssen, worauf er seine Zeugenaussage gegen die in Haft sitzende Anna Wieser (24) am 19. Mai 1701 vor den Nachgängern (Untersuchungsbeauftragte) des Zürcher Rates wiederholen musste:

«Worauf vorderst Undervogt Hanss Keller von Hüntwangen ausgesagt, vor ohngefehr 14 jahren in dem letsten jahr der Regierung Herren Landvogt Werdmüllers selg. seye er nach Wasterkingen auf seine alldorthige güeter gegangen, da ihnen die Els Kellerin, nun Michaels Kellers selg. Wittib erzellet, die Anna Wisserin (damahlen 10 oder 12 jahr alt) Habe ihro und anderen in dem Kunkler oder stubetenhauss gesagt, was gestalten sie hinder ihrer Mutter auf einem Schürgsteken auf den Tanz zu Berwangen ausgeritten, ihre Bass von Weyach seye auf einer eyerschalen über Rhein dahin gefahren, Schmid von Büel auf einem Geissbok geritten und eine Frauw aus dem Schaffhauserbieth auf einer Ent, Jacob Spüeler, so nun tod, habe mit der Maria Ruetschmannin gedantzet, ihr Grossvatter darzu gezündet, und seye der schmid zu Büel doch gewesen, haben alle brav geessen und getrunken, diese sachen, wie und was sie auf dem Tantzen gemachet, [...]»  (StAZH A 18.3, Nr. 1)

Der ach so pflichtbewusste Untervogt war also nicht einmal selbst dabei, als die junge Anna Wieser (damals noch ein Kind) diese verhängnisvollen Dinge erzählt haben soll! Er stützte sich einzig auf eine (angebliche) Zeugin des Vorfalls, Els Kellerin, die mit dieser der Hexerei und Lachsnerei (zum Begriff vgl. WeiachBlog Nr. 514) verdächtigen Familie näher zu tun hatte.

Gemeindepräsidenten, die solches heutzutage von sich gäben, wären jedenfalls problemlos valable Kandidaten fürs gääle Wägeli.

Quelle und weiterführende WeiachBlog-Beiträge

  • Abschrift der Akten und von Ratsbeschlüssen über den Hexenprozess von Wasterkingen, September 1743. Signatur: StAZH A 18.3, Nr. 1.
  • Brandenberger, U.: Lachsnen ist auch heute noch verboten. WeiachBlog Nr. 514, 3. September 2007.
  • Brandenberger, U.: Fällig für s «gääle Wägeli»? WeiachBlog Nr. 584, 26. Dezember 2007.
  • Brandenberger, U.: Auf einer Eierschale von Weyach über den Rhein gefahren. WeiachBlog Nr. 2068, 31. März 2024.

Montag, 29. April 2024

Staatenlosigkeit eines Weiacher Bürgers verhindert

Der Begriff Landrecht stand laut Anne-Marie Dubler «ab dem 16. Jahrhundert für den (subjektiven) Rechtsstatus eines in dem betreffenden Land bzw. der Landvogtei oder dem Amt vollberechtigten Niedergelassenen, ferner für das Niederlassungsrecht bzw. die Niederlassungsgebühr.» 

Auf heutige Begrifflichkeiten umgesetzt, ist darunter das Kantonsbürgerrecht zu verstehen. Dies im Gegensatz zum Gemeindebürgerrecht, was bedeutet, dass man in seiner Heimatgemeinde nicht Niedergelassener, sondern vollwertiger Gemeindebürger ist. Diese beiden Rechte haben gegenüber früher (jedenfalls für die Eingebürgerten) zugunsten des Schweizerbürgerrechts stark an Bedeutung eingebüsst.

Der Schultheiss und der Oberamtmann haben keine Bedenken

Wir blenden hundert Jahre zurück, als das Deutsche Reich und die Schweizerische Eidgenossenschaft noch keine Doppelbürgerschaft kannten. Wollte man damals als Schweizer Deutscher werden, dann musste einen die für den Bürgerort zuständige Kantonsregierung erst aus dem Landrecht entlassen. Diesen Antrag stellte ein Weiacher an die Zürcher Regierung:

«Mit Eingabe vom 22. April 1923 stellt Ferdinand Baumgartner, Sägereiarbeiter, von Weiach, wohnhaft in Frickenhausen, Oberamt Nürtingen, Württemberg, geboren in Weiach, Kanton Zürich, am 13. Dezember 1899, durch Vermittlung des Schultheißenamtes Frickenhausen das Gesuch, es möchte ihm die Entlassung aus dem zürcherischen Gemeinde- und Kantonsbürgerrecht und dem Schweizerbürgerrecht erteilt werden. Laut einer zu den Akten beigebrachten Erklärung des Oberamtes Nürtingen, datiert 19. April 1923, wird dem Ferdinand Baumgartner die württembergische Staatsangehörigkeit verliehen, sobald er eine Bescheinigung der zuständigen schweizerischen Behörde über seine Entlassung aus dem Schweizerbürgerrecht vorlegen wird.» (StAZH MM 3.37 RRB 1923/1486)

Die Direktion des Innern stellte fest, dass die gesetzlichen Bedingungen schweizerischerseits erfüllt seien, es keine Einsprachen dagegen gebe und sowohl der Gemeinderat Weiach als auch der Bezirksrat Dielsdorf beantragten, dem Gesuch zu entsprechen. 

Folgerichtig beschloss der Regierungsrat am 28. Juni 1923 die Entlassung aus dem zürcherischen Gemeinde- und Kantonsbürgerrecht und dem Schweizerbürgerrecht: «Die Entlassung erstreckt sich ohne weiteres auch auf die Ehefrau und allfällige minderjährige Kinder des Gesuchstellers.» 

Meine Herren, wir haben ein gröberes Sicherheitsproblem

Damit wäre die Angelegenheit nun erledigt gewesen, wenn da nicht eine unerwartete Hürde aufgetaucht wäre. Entgegen der Aufnahmezusicherung durch das Oberamt Nürtingen beschloss die Regierung des Schwarzwaldkreises nämlich am 9. November 1923, das Einbürgerungsgesuch des Ferdinand Baumgartner abzulehnen. Die Sicherheitsorgane in diesem Regierungsbezirk des ehemaligen Königreichs Württemberg (seit 1918 als «Volksstaat Württemberg» unterwegs) betrachteten Baumgartner offenbar als Staatsfeind! Was genau ihm vorgeworfen wurde, ist bislang unklar. 

Im Protokoll der Zürcher Regierung vom 29. April 1924 (am heutigen Datum vor 100 Jahren) steht dazu: «Laut Note der deutschen Gesandtschaft an das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement vom 10. April 1924 beabsichtigt das Oberamt Nürtingen, den Baumgartner wegen staatsfeindlicher Umtriebe aus Württemberg auszuweisen, und verlangt dessen Übernahme durch die schweizerischen Behörden.» (StAZH MM 3.38 RRB 1924/1057). Was für ein Sinneswandel innert eines Jahres! Aber wohl dem Befehl von oben geschuldet.

Einen Staatenlosen zurücknehmen. In diesem Fall alternativlos

Laut dem Regierungsratsprotokoll hatte das Eidg. Justiz- und Polizei-Departement (EJPD) festgestellt, dass der Niederlassungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Schweiz vom 13. November 1909 die gegenseitige Rücknahme eigener Staatsbürger im Fall ihrer Ausweisung vorsehe. Dasselbe galt nun aber auch für frühere Angehörige des jeweiligen Vertragspartners, soweit sie nicht zwischenzeitlich Bürger eines Drittstaates geworden waren: «Angesichts dieser Vertragsbestimmung kann die Verpflichtung zur Übernahme des Baumgartner nicht abgelehnt werden.» 

Nun war unser Weiacher durch die abrupte Kehrtwende des Oberamts Nürtingen als aus dem Schweizerbürgerrecht Entlassener heimatlos (heute würden wir sagen: ein Staatenloser) geworden. Die Direktion des Innern hielt deshalb fest: «Damit würde Baumgartner als heimatlos geduldet werden müssen, wobei früher oder später eine Zuweisung an den Kanton Zürich zur Heimatloseneinbürgerung doch stattfinden würde.» Sie beantragte daher, die Landrechtsentlassung infolge nachträglichen Wegfalles einer gesetzlich wesentlichen Voraussetzung zu widerrufen, «womit ohne weiteres für Baumgartner und seine Ehefrau und allfällige minderjährige Kinder das Gemeindebürgerrecht von Weiach wieder auflebt.» 

Und so kam es dann auch. Der Regierungsrat widerrief seinen Beschluss über die Landrechtsentlassung und beschloss weiter:

«II. Der Gemeinderat Weiach wird eingeladen, dem Ferdinand Baumgartner auf dessen Verlangen und nach Erfüllung seiner militärischen Verpflichtungen an Stelle des zurückgegebenen Heimatscheines für Ledige, einen neuen Heimatschein für Verheiratete auszustellen.

III. Mitteilung an Ferdinand Baumgartner, Sägewerkarbeiter, in Frickenhausen, an den Gemeinderat Weiach, an den Bezirksrat Dielsdorf, an die Polizeidirektion mit der Einladung, das Übernahmeverfahren zu erledigen und bei dieser Gelegenheit dem eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement zu Handen der deutschen Gesandtschaft von dem Verhalten des Oberamtes Nürtingen Kenntnis zu geben, sowie an die Direktion des Innern.»

Also ein sanfter Hinweis ans EJPD, man möge dem deutschen Botschafter das zürcherische Missfallen über das Verhalten des Oberamts Nürtingen übermitteln.

Quellen und Literatur