Donnerstag, 11. April 2024

Eine Frau aus dem falschen Nachbarort kam teuer zu stehen

Sie haben sich in eine Frau aus dem Nachbardorf verliebt, wollen heiraten und sie soll zu Ihnen ziehen? Glückwunsch, dass Ihnen das heute passiert.

Zu Zeiten der alten Landvögte mussten Heiratswillige selbst innerhalb des Zürcher Herrschaftsbereichs sehr genau hinschauen. Denn wer die Frau aus dem falschen Dorf holte, der zahlte eine happige Strafsteuer. Es gab nämlich eine Art vogteiabhängige Heiratsstrafe. Grund: Die Land- und Obervögte wollten damit das abfliessende Steuersubstrat abgegolten haben.

Schon Zweidlen war für Weyacher vogteitechnisch Ausland

Der Glattfelder Pfarrer Arnold Naef beschrieb das Phänomen 1863 in seiner Monographie über seine Kirchgemeinde wie folgt:

«Wie beim Einziehen in die Gemeinde eine Einzugssteuer, so mußte auch eine Abzugssteuer entrichtet werden, wenn Einer oder Eine mit Vermögen aus der Gemeinde wegzog. Ein Brief von 1662 bestimmte: Wenn Einer in eine andere Gemeinde wegzieht oder wenn hiesiges Gut an einen andern Ort ererbt wird, so soll vom wegziehenden Gut 5 fl. vom Hundert der Gemeinde zur Ersetzung der Steuer bezahlt werden. Aus einer Urkunde von 1607 geht hervor, daß auch für Zweidlen diese Abzugssteuer Geltung hatte: Zwei Zolleren nämlich von Weiach und ein Winkler von Hochfelden, welche Kellerinnen von Zweidlen geheirathet hatten, wollten für das Vermögen derselben den Abzug nicht bezahlen, behielten aber nicht Recht, weil Zweidlen in die Herrschaft Eglisau gehöre, in welcher in allen Gemeinden dieser Brauch bestehe.» (Naef, S. 30)

Die beiden Zoller aus Weiach und der Winkler aus Hochfelden waren an Orten ansässig, die zur Obervogtei Neuamt gehörten. Heirat über die Vogteigrenze = Zur Kasse bitte!

Falls Sie sich gewundert haben, warum man früher noch eher die Tendenz hatte, direkt über den Miststock zu heiraten. Das hatte wohl auch handfeste finanzielle Gründe.

In der Gemeinde Glattfelden war's noch komplizierter...

Das Dorf Glattfelden selber gehörte niedergerichtlich zur Landvogtei Eglisau, weil dieses Recht einst den Freiherren von Tengen gehört hatte, die Hochgerichtsbarkeit stand aber den Kyburgern zu, danach per Erbübergang den Habsburgern (und ab 1424 den Zürchern). Erst 1678 kamen auf Verlangen der Glattfeldner auch die Hochgerichte von der Landvogtei Kyburg zur Landvogtei Eglisau.

Zweidlen hingegen gehörte auch mit der Hochgerichtsbarkeit von jeher den Herren von Tengen und damit ab 1496 vollumfänglich zur Landvogtei Eglisau und damit zum Zürcher Hoheitsgebiet. 

Damit wurde eine Heirat zwischen Zweidlen und Glattfelden dann doch einiges billiger.

Noch einmal anders war die Situation des Weilers Schachen (südlich der Glatt). Er gehörte ursprünglich ebenfalls zur Grafschaft Kyburg, wurde aber 1442 abgetrennt und war fortan Teil der damals eigens gegründeten Obervogtei Neuamt, bis diese mit dem Ancien Régime unterging. Vgl. für diese Dreiteilung die Grenzmarkierungen auf der Gygerkarte von 1667.

Ein Vorzugstarif für Frauen?

Wie wir von Pfr. Naef wissen, lag der Steuersatz bei 5 % des abgezogenen Vermögens. Das geht auch aus den Rechnungen der Neuamtsobervögte hervor, so hier der ältesten erhaltenen Jahresabrechnung für 1683/84:

Was fällt auf? Die Zahlen:

24 lib. [d.h. Pfund Pfenning] «zalt Verena Meyerhoferin von Weyach, so dissmalen zur ehe hat Hanssen Käller zu Glatfelden in der herrschafft Eglisauw, wegen dahin gezogener ungefahr 700 lib. verfangen gut, zu zahlungen ohne zinss gestelt.» 

Also nach Strübis Rächnigsbüechli eine Steuer zu einem Vorzugstarif von 3.4 Prozent! Und erst noch verzugszinsfrei. Ob das damit zu tun hatte, dass hier die Frau zahlen musste? Jedenfalls wurde für diese drei abzugssteuerpflichtigen Männer in besagter Rechnungsperiode der Normaltarif von 5 Prozent veranlagt. Auch wenn es nur um eine Erbschaftsangelegenheit ging, wie bei Hans Huber aus Dielsdorf.

Quellen und Literatur

Weiacher Wirt verklagt Raaterin, die eine Beiz eröffnen will

Auf dem Chistenpass zu Oberraat – so liest man jüngst in der Facebook-Gruppe Du bisch vo Weiach, wenn... – sei im Restaurant Freihof ein neuer Wirt am Werk (der frühere Glattfelder Löwen-Wirt). Und das dort servierte Essen wird in höchsten Tönen gelobt. Zumindest von diesem einen Kunden, der mit vollem Magen seine Rezension abgegeben hat.

Streitbare Wirte

Vor 400 Jahren hätte ein Gastronom in besagtem Raat keinen Fuss auf den Boden bekommen, jedenfalls nicht in Form eines durchgehend gültigen Wirtepatents. Dafür sorgten 1603 der Stadler Wirt Junghans Huser sowie 1607 sein Weyacher Berufskollege Ulrich Bommeli. Sie gingen gegen alle vor, die auf dem Chischtepass in ihr ehaftes Recht (d.h. Monopol) zur Gästebewirtung eingriffen.

Am 13. Juli 1603 hatten Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich (BmuR) entschieden, dass Hans Lang von Raat keine Hochzeitsgesellschaften mehr bewirten dürfe und seine Beiz am Pass auch nur an den Tagen öffnen dürfe, wo auf der Zurzacher Messe Markttag sei (vgl. SSRQ ZH NF II/1, Nr. 146). An diesen Tagen waren nämlich derart viele Marktbesucher aus dem Züribiet von und nach Zurzach unterwegs, dass die Gasthöfe in Stadel und Weiach immer noch genug Gäste bewirten konnten.

Obrigkeitliche Bedarfsanalyse

Am 22. August 1607 reagierte der Zürcher Rat dann auf eine ähnlich gelagerte Beschwerde des Weiacher Wirts. Thomas Weibel, der Bearbeiter des Rechtsquellenbandes Neuamt, beschreibt den Fall regestartig unter Verwendung von Teilen des Originaltextes:

«Als auch Barbara Lang und deren Söhne zu Raat eine Wirtschaft betreiben wollen, erkennen BmuR auf Klage des Wirtes Ulrich Bommelj von Weiach: Diewyl zuo Stadel und Wyach an jedtwederm ort, als die so wyt nit von ein anderen und den gen Zurzach und anderschwo hin reißenden personen nit ungelegen, an einem wirt gnuog jst, so sölle nit allein vilbemelter Hans Lang synes bißher gebruchen, sonder auch die gedacht Barbara Langin sambt jren söhnen jres vorhabenden wirtens ruewig und dasselbig jnen hiemit beidersyts abkhendt syn. Jedoch mit dem anhang, das ein jeder theil zur Zyt der jerlichen Zurtzacher jarmerckten den wyn, so jedem an synen räben gewachßen were, wol vom zapfen ußschëncken und verwirten möge. Da dem genannten Langen nach dißern khünfftigen Zurtzach merckten, wie ers bißhar gebrucht, zewirten zuogelaßen, aber er dannenthin ruewig syn und oberzelter unserer urteil statt thuon.»

Hier wird also obrigkeitlich festgestellt, dass die Ortschaften Stadel und Weiach nicht allzu weit auseinander liegen würden und daher sowohl der lokale Bedarf wie der von Reisenden gedeckt sei, wenn in jeder der beiden Ortschaften je ein Wirtshaus betrieben wird.

Nur anlässlich des Zurzacher Marktes und nur eigenen Wein

Vor allem aber wird das Urteil von 1603 teilrevidiert, indem Hans Lang statt an den Zurzacher Markttagen immerhin noch eine Speisewirtschaft betreiben zu dürfen, nur noch eine Weinschenke öffnen und dort auch nur noch den Ertrag von den eigenen Reben zapfen sollte. Dasselbe Recht also, wie es auch Barbara Lang und ihren Söhnen zugestanden wird, die nun ihre ursprüngliche Geschäftsidee zu grossen Teilen beschnitten sahen.

Konkurrenz erfolgreich gebodigt! Ulrich Bommeli in Wyach und Junghans Huser in Stadel war es hingegen gestattet, fremden Wein zuzukaufen und auszuschenken. Sie durften überdies auch warme Mahlzeiten servieren und (zumindest im Fall des Weiacher Wirts) auch Gäste beherbergen.

Die beiden Urteile findet man in den sog. Ratsurkunden, das sind laut Online-Katalog des Staatsarchivs «Entwürfe und Abschriften von durch obrigkeitliche Autorität und Vermittlung zustande gekommenen Urteilen und Verträgen in privaten und körperschaftlichen Angelegenheiten».

Quelle

Mittwoch, 10. April 2024

Militärpension für die Eltern eines Rekruten

Vor 125 Jahren wurde der Tod eines Armeeangehörigen mit einer jährlichen Rentenzahlung entschädigt. Diese sog. Militärpensionen wurde von einer eidgenössischen Kommission beraten und dann durch den Bundesrat genehmigt. Deshalb finden wir die Pensionsbeschlüsse in den Bundesratsprotokollen.

Am 3. August 1899 beschloss der Bundesrat unter anderem

«11) den Eltern des am 12. Mai 1898 verstorbenen Infanterie-Rekruten Gottfr. Rüedlinger, nämlich dem Vater Felix Rüedlinger, geb. 1824, und der Mutter Anna geb. Neukomm, geb. 1845, von und in Weiach (Zürich), eine Jahrespension von Fr. 150 zuzusprechen, für 1898 pro Rata vom Todestage des Sohnes (12. Mai 1898) an zu rechnen.»  (BRB 1899 3118; Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#8955*)

Umgerechnet nach dem Historischen Lohnindex (HLI) von Swistoval.ch wären des heute rund CHF 6700. Diese lebenslang ausbezahlte Pension ging also an die Eltern des verstorbenen Rekruten, dessen Vater (75) schon in sehr vorgerücktem Alter war, die Mutter (54) hingegen eine Generation jünger als ihr Ehemann.

Früher Tod der Mutter spart dem Bund die Rente

Allzu lange musste die Eidgenossenschaft aber nicht bezahlen, wie man dem Beschlussprotokoll vom 6. Januar 1905 entnehmen kann. Auf Antrag des EMD vom 29. Dezember übernahm der Bundesrat die Beschlüsse der Kommission:

«Die eidg. Pensionskommission hat in ihrer Sitzung vom 22. Dezember in folgenden Pensionsfällen die nacherwähnten Beschlüsse gefasst: [...]

No. 661. Felix und Anna Ruedlinger-Neukomm, Landwirt in Weiach. Da beide Eltern Ruedlinger gestorben, der Vater am 1. September 1904, die Mutter am 14. Oktober 1904, beschloss die Pensionskommission, die Pension auf den 14. Oktober als erloschen zu erklären und den zwei Söhnen, sowie der Tochter der Verstorbenen die Pensionsrate pro 1904, plus dem Sterbequartal, auszurichten.» (BRB 1905 0033; Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#9594*)

Dienstag, 9. April 2024

Das EMD erwirbt den Unterstand im Stubengraben

Wenn es in einem Verteidigungsfall schnell gehen muss, wie anfangs des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1939, dann werden Geländeverstärkungen auf Privatgrund gebaut, ob das dem jeweiligen Eigentümer gefällt oder nicht. Er hat es im höheren Landesinteresse zu dulden.

Im Sommer 1944 ging das «Bureau für Landerwerb» im Eidgenössischen Militärdepartment (EMD) daran, denjenigen Weiacher Eigentümern, auf deren Grundstücken permanente Kampfbauten errichtet worden waren, ihren Grund und Boden abzukaufen. Gleichzeitig entschädigte man sie auch für zusätzlich erlittene Verluste.

Beispielhaft sei hier der Unterstand im Stubengraben (auch «Kaibengraben» genannt) aufgeführt. Dort hat der Kdt Gz Füs Kp I/269 übrigens beim Bau selbigen Unterstands einen Siebenschläfer gefangen, der dann im Kompaniebüro in einen Käfig gesperrt wurde, ausbrach und durch den Kommandanten höchstpersönlich wieder eingefangen werden musste, vgl. WeiachBlog Nr. 298.

Das Holz ist viel mehr wert als der Holzboden

Der alte Eigentümer, «Paul Bedin-Baumgartner, Maurer in Weiach», erhielt von der Eidgenossenschaft für 397 Quadratmeter Wald in diesem längst trockengefallenen Graben einen Kaufpreis von Frk. 39.70 vergütet (was nach dem Historischen Lohnindex von Swistoval.ch heute rund das Zwölffache (CHF 1.20) für den Quadratmeter Waldboden ausmachen würde).

Wesentlich höher veranschlagt wurde das auf diesem Flecken Erde stehende Holz: die «Entschädigung für Holzbestand, geschlagenes Holz und Wegrechtseinräumung» betrug Frk. 277.20 (nach heutigen Werten immerhin rund CHF 3400).

Die Begründung im Antrag an den vorgesetzten Liegenschaftsdienst des EMD: «Abgelegenes Grundstück, ungünstige Zufahrtsverhältnisse, Entschädigung für Holz gemäss Holzwertberechnung. Uebrige Entschädigungen sind angemessen.»

Leider ist der Plan in den ins Bundesarchiv abgelieferten Unterlagen nicht enthalten. Später hat die Eidgenossenschaft diesen Unterstand aufgegeben und das Land wieder veräussert, jedenfalls findet sich dort laut GIS Kanton Zürich heute keine Parzelle mehr, die der Eidgenossenschaft gehört.

Quelle

  • Direktion der eidgenössischen Militärverwaltung. Liegenschaftsdienst. Landerwerb Truppe. Weiach 1944-1946. Aktenzeichen 50.01.24. Signatur CH-BAR E5001F#1972/50#23*.

Montag, 8. April 2024

Pfeil, Schachtel und Banane. Botschaft an die «classe politique»

Heute Montag ging in Bundesbern zwar keine Session über die Bühne der Staatsoper, es fand lediglich eine Sitzung der Staatspolitischen Kommission des Ständerats (SPK-S) statt. [N.B.: Beide Zürcher Ständeräte gehören dieser Kommission an.]

Die dort zur Diskussion stehenden Geschäfte 23.473 bis 23.475 haben allerdings bereits im Vorfeld mediale Wellen geschlagen, so im rechtskonservativen Nebelspalter, der eine weitere Transition in Richtung Berufsparlament moniert.

In der Folge hat heute in aller Herrgottsfrühe selbst die Pendlerpostille 20 Minuten den Ball aufgenommen und titelt «Brisante Vorstösse: Heute will sich das Parlament den Lohn erhöhen». 

Mit durchschlagendem Erfolg. Um 20 Uhr war die Kommentarfunktion bereits wieder geschlossen, 341 separate Einträge innert wenig mehr als einem halben Tag! Wer sie durchsieht, erkennt ohne Lupe: Das Thema erhitzt die Gemüter. Für manche wurde besagte Kommissionssitzung zum Anlass für eine Protestaktion der besonderen Art.

Stumm platziert, aber unmissverständliche Symbolik
 
Man konnte sie leicht übersehen, heute Nachmittag auf dem Bundesplatz in Bern: Eine vor dem Rezyklieren zweitverwendete Kartonschachtel, per Pfeil befestigt in einer abgesplitterten Mörtelfuge zwischen vier Steinplatten. 

Platziert wurde sie dort von zwei eigens per SBB angereisten jungen Weiachern, die definitiv nicht zur Kategorie Wutrentner gehören. Vom Verdacht einer SVP-Affinität sind die mindestens so weit entfernt wie die deutschen Grünen vom Wiedereinstieg in die Kernkraft.


Diese Vorbemerkung ist nötig, wenn wir uns hier nun den Text auf besagtem Karton zu Gemüte führen: «Liebe ReGIERung, bitte bedenke heute, WARUM Erstaugustfeuer brennen!». Kombiniert mit dem Pfeil und dem Bild einer Burg im Vollbrand.

Spesenbananen als Kartonbeschwerer

In der Hinterhand hat der Karton noch zwei besondere Botschafter: Bananen. Genauer gesagt: Spesen-Bananen, eine Anspielung auf die Selbstbedienungsmentalität eines Berner Regierungsrats, die Mitte Januar diesen Jahres vom Tages-Anzeiger zum Bananengate ernannt und in den Rang der grössten helvetischen Skandale aller Zeiten erhoben wurde.

Die Spesen-Banane

Bananen im Hinterhalt

Auf dem von der Grabkerze beschwerten Zettel steht: «Für die, die sich wundern, was wir hier machen: das Parlament plant heute sich selbst eine Gehaltserhöhung zu schenken, u.A. auf Kosten 1'000'000 Schweizer*innen, die in Armut leben. Das ist nicht schweigend tolerierbar!!»

Burgenbruch? Wilhelm Tells Geschoss?

Ist das ein Aufruf zum Krawall? Die Initiantin dieser Kunstinstallation sieht das auf Nachfrage von WeiachBlog anders:

«Ich weise lediglich auf eine historische Tradition hin. Wir wollen ja alle nicht, dass sich die Geschichte wiederholen muss, nicht wahr!

Wir werden nicht einmal die Kerze entzünden, die ist nur Symbol. Es geht nicht ums Ärger machen, sondern um der Obrigkeit so höflich wie nur möglich den Mittelfinger zu präsentieren

Und nach erfolgreich beendeter Aktion erhielt WeiachBlog noch diese Rückmeldung: 

«Die müssen da Geld sch....n, so viele Massanzüge liefen da in 2 Stunden rum...»  

Nun, was soll man in dieser Umgebung und direkt vor der Nationalbank auch anderes erwarten?

Fazit

Was den Mächtigen in diesem Land schon einigermassen zu denken geben sollte, ist dies: Von unten betrachtet herrscht nach Meinung der working class offenbar ein mit Selbstbedienungsmentalität gesegneter gouvernemental-parlamentarisch-lobbyistischer Komplex, bei dem eine Gewaltenteilung nicht wirklich erkennbar ist. Nur so ist die Anspielung auf die Zeit der verhassten Landvögte zu verstehen. Das Ancien Régime führte ja bekanntlich auch aus einer Hand. Ständeräte, die ihr im Majorzverfahren gewählt werdet und daher dem Volk besonders nah sein müsst: Höret die Signale!

Sonntag, 7. April 2024

Marazzotta zückt die Trumpfkarte: Devolutiveffekt!

Eine Zuschrift des Anwalts der Gemeinde Weiach ans Bundesgericht erläutert, weshalb man im Gemeindehaus der Meinung ist, die Beschwerde sei fristgerecht eingereicht worden (vgl. WeiachBlog Nr. 2051 für die Gegenposition). 

Nach dieser Rechtsauffassung gilt der Fristenstillstand über Weihnachten und Neujahr. Damit wäre man am 19. Januar (Datum des Poststempels) noch innerhalb der Frist gewesen.

Grund ist gemäss Rechtsanwalt Marazzotta der sog. Devolutiveffekt im Rechtsmittelverfahren. Dieser juristische Fachbegriff berührt den Umstand, dass durch die Ergreifung des Rechtsmittels die Angelegenheit auf eine höhere Ebene gehoben wird (in diesem Fall ans Bundesgericht). Dadurch greifen nur noch die Regeln dieser höheren Instanz: die Vorschriften im Bundesgerichtsgesetz (BGG).

Der Artikel 82 BGG als Wegweiser

Durch das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich wurde dasjenige des Bezirksrats Dielsdorf aufgehoben, weshalb man auch nur dieses letzte Urteil anfechten kann.

Die Beschwerde ans Bundesgericht wurde durch die Politische Gemeinde Weiach eingereicht, mithin durch eine Körperschaft und nicht durch die Gemeinderäte in ihrer Eigenschaft als Stimmberechtigte. 


Die Gemeinde könne, so Marazzotta, keine Beschwerde im Zusammenhang mit politischen Rechten erheben (Art. 82 Bst. c). Sehr wohl aber eine, die an die Verletzung ihrer Gemeindeautonomie anknüpft (nach Art. 82 Bst. a).

Eine Stimmrechtssache ist keine Stimmrechtssache mehr

Aus dem Umstand, dass in Art. 46 Abs. 2 Bst. c BGG (wo es um den Ausschluss des Fristenstillstands geht) explizit von Art. 82 Bst. c die Rede ist, leitet Marazzotta unter Rückgriff auf einen Bundesgerichtsleitentscheid ab, dass in Fällen, wo eine Beschwerde nur an Art. 82 Bst. a anknüpfen könne, eben keine Stimmrechtssache im Sinne von Art. 46 BGG mehr vorliege.

Aus einer Angelegenheit, die unbestreitbar als Stimmrechtssache begonnen hat, kann also plötzlich etwas ganz anderes werden, je nachdem, wer welche Art von Beschwerde vor dem Bundesgericht in Anschlag bringt.

Ist das so? War das die Absicht des Gesetzgebers, als er diese Gliederung vorgenommen hat? Man darf gespannt sein, welche Auslegung des Bundesgerichtsgesetzes das Bundesgericht selber vornehmen wird. 

Anhang: O-Ton Marazzotta

Nachstehend zu Dokumentationszwecken noch der Originalwortlaut (Auszug; Bem 1 & 2 von 4; Verlinkungen durch WeiachBlog):

«1. Der private Beschwerdegegner bringt vor, der Beschwerdeführer habe die Frist verpasst. Gemäss Art. 46 Abs. 2 lit. c BGG gelte der Fristenstillstand nicht in Stimmrechtssachen nach Art. 82 lit. c BGG. Damit übersieht er, dass es sich bei der Beschwerde der Gemeinde bzw. des Gemeinderats nicht um eine Stimmrechtsbeschwerde handelt.

2. Anfechtungsobjekt im vorliegenden Verfahren bildet aufgrund des Devolutiveffekts der letztinstanzliche kantonale Entscheid nach Art. 82 lit. a BGG. Der Beschwerdeführer ist gemäss dem Entscheid 1C_465/2015 vom 7. Dezember 2015 des Bundesgerichts weder nach Art. 89 Abs. 1 BGG noch nach Art. 89 Abs. 3 BGG zur Beschwerde wegen der Verletzung politischer Rechte legitimiert. Zur Beschwerde berechtigt ist er hingegen, soweit er rügt, mit dem angefochtenen Urteil werde die Gemeindeautonomie verletzt. Genau das rügt die Beschwerde, sodass gemäss dem vorgenannten Entscheid des Bundesgerichts die Beschwerde nach Art. 82 lit. a BGG zu behandeln ist. Das Vorbringen des privaten Beschwerdegegners zielt damit zum Vornherein ins Leere.»

Quelle

  • Marazzotta, L. (M&R Rechtsanwälte): Bemerkungen in Sachen BGer 1C_43/2024 betreffend Bewilligung eines Kredits für das Gemeindeinfrastruktur-Bauprojekt «Zukunft18187» und eines Zusatzkredits für den Bau einer Tiefgarage (1C-43--Act.14). Kilchberg ZH, 22. Februar 2024.

Samstag, 6. April 2024

Jagd auf Täufer in Bachs und Stadel

Todesurteile gegen täuferisch Gesinnte sind bereits kurz nach der Reformation überliefert. Ein solches wurde beispielsweise am 5. Januar 1527 gegen Felix Manz durch Ertränken in der Limmat vollstreckt. 

Die Täufer stehen beispielhaft für eines der Phänomene, das in jeder fundamentalen Umwälzung auftritt: Die Revolution frisst einige ihrer Kinder. In diesem Fall traf es die besonders schriftgläubige Gruppe der sogenannten Wiedertäufer innerhalb der Zürcher Reformation. 

Staatlich garantierter Taufschutz ab Geburt

Die Täufer glauben u.a. an die Freiheit des Glaubensbekenntnisses, weswegen man die Taufe erst durchführen dürfe, wenn der Jugendliche geistig und mental dazu in der Lage ist, seine Kirchenzugehörigkeit bewusst zu bejahen. Daher rührt auch die Bezeichnung für diese Gruppierung: Wiedertäufer.

Denn in diesem Bereich war die Gesellschaft damals nicht bereit, so weit zu gehen. Eine Mehrheit wollte sich nicht von der Vorstellung trennen, man müsse ein Kind zum Schutz vor bösen Mächten bereits kurz nach der Geburt taufen. Diese Fraktion setzte sich durch. Der Zürcher Rat dekretierte in der Folge einen Glaubensinhalt als staatlich zwingende Vorschrift, und machte damit die Täufer zu Rechtsbrechern.

Staatsfeinde oder keine Staatsfeinde?

Implizit haftete an ihnen von nun an der Makel von Staatsfeinden, die es mit allen Mitteln zu bekämpfen galt. Wirklich radikal waren aber praktisch nur die Pfarrer gesinnt, wie Christian Scheidegger schreibt (S. 343):


Die meisten der mit dem Regieren betrauten Ratsherren sahen das offensichtlich wesentlich pragmatischer. Sie waren viel zu sehr weltlich denkende Geschäftsleute, als dass sie wirklich bereit waren, bis zum Letzten zu gehen. So bildete sich im 16. Jahrhundert eine seltsame Art von Toleranz heraus. Offiziell war man knallhart. Und tolerierte die Täufer doch, solange sie sich als Untergrundkirche organisierten und nicht offen gegen den Staat stellten.

Natürlich musste man dem Machtmonopol des Staates dennoch hin und wieder Nachachtung verschaffen, um die religiösen Fanatiker zu beruhigen. So im Frühling 1554, als wieder einmal eine Strafaktion angesetzt wurde. Die hatte Ratskollege Bachofen, Obervogt im Neuamt, für angezeigt gehalten, weil es in Schüpfheim (Gemeinde Stadel) und in den Thalhöfen (Gemeinde Bachs) Täufer gebe. Auch für die Täufer auf dem Gemeindegebiet von Weiach wurde es damit brenzlig (vgl. WeiachBlog Nr. 1056).

Knallharte Zwangsmassnahmen zwecks Machtdemonstration

Der im Ratsmanual notierte Auftrag an den Obervogt des Neuamts lautet wie folgt:

«"Als Vogt Bachoffen von wegen ettlicher täüfferen im nüwen Ampt" (zu Schüpfen und im Thal) "anzeig gethan. Ist jm beuolchen. Das er nach ein mal uff sy ein spech machen. und wo die betretten fengklichen angenommen und hargefürt werden. Wo aber sy nit zegriffen. Solle er durch die Weibel der Töuferen hab und gut alles jnn haft und verpot legen lassen. Und danenthin den fründen anzeigen. Das sy jre gefründten zur gehorsame. Und das sy harin" (in das Land zurück) "und ze kilchen gangind. vermanen. Dann wo sy das nit thun. würde er jnen all jr hab und gut nemen. Und so sy dann gehorsame thund soll er den costen deßhalb uszgangen von jnen jnziechen. wo nit demnach all jr hab und gut zu myner (herren) handen ziechen. und darinn gwalt han und bescheidenlich faren. Deßglychen auch die so sy beherberget stroffen und büßen." Zürch. RMan. 1. März 1554. Spätere Beschlüsse jedoch (11. April. 23. Mai) verschoben die Gütereinziehung wieder.»

Der Obervogt sollte also die Täufer in den genannten Siedlungen überwachen und (sofern greifbar) verhaften lassen. Wo das nicht möglich war, weil sie über die Grenze ins Ausland ausgewichen waren, hatte er deren Häuser und Landbesitz durch den Weibel vorsorglich beschlagnahmen zu lassen. 

Via die Verwandten und Freunde wurde dann Druck ausgeübt: Wenn die Taufgesinnten nicht zurückkämen und sich weigerten, wieder gehorsam den regulären Gottesdienst zu besuchen, dann werde der Staat die in Arrest gelegten Besitztümer einziehen. [Diese Konfiskation wurde sonst nur gegen hingerichtete Straftäter exekutiert!]. Auch die vor Ort Verbliebenen wurden darauf aufmerksam gemacht, dass bestraft werde, wer Täufern Unterschlupf gewähre.

Standhafte Täufer

Wer der Aufforderung nachkam, musste laut dem Auftrag an den Obervogt lediglich die Kosten der Strafaktion übernehmen. Soweit der Text aus dem Ratsmanual, der einem Werk aus dem 19. Jahrhundert entnommen ist. Dessen Autor, Ferdinand Meyer, stellte in späteren Einträgen der Ratsmanuale fest, dass die radikale Einziehung der gesamten Lebensgrundlagen dann doch nicht sofort umgesetzt wurde. Implizit kann das nur bedeuten, dass etliche der Taufgesinnten an ihrem Glauben festhielten und Bürgermeister und Rat dennoch beschlossen, eine gewisse Toleranz walten zu lassen.

Quellen und Literatur 
  • StAZH B II 86 (Ratsmanuale des Natalrats des Stadtschreibers, 1554) od. 
    StAZH B II 87 (Ratsmanuale des Natalrats des Unterschreibers, 1554) 
  • Meyer, F.: Die evangelische Gemeinde in Locarno, ihre Auswanderung nach Zürich und ihre weitern Schicksale. Ein Beitrag zur Geschichte der Schweiz im sechszehnten Jahrhundert. Nach bisher meist unbenutzten handschriftlichen Quellen. Verlag S. Höhr, Zürich 1836 – Erster Band, Fn-88, S. 299-300.
  • Guggenbühl, H.: Stadel. Raat, Schüpfheim, Stadel und Windlach. Entwicklung einer Gemeinde. Stadel bei Niederglatt 1994 – S. 192 (Randtext Wiedertäufer).
  • Brandenberger, U.: Täuferinnen aus Weiach vom Weibel verzeigt. WeiachBlog Nr. 1056, 13. Dezember 2011.
  • Scheidegger, Ch.: Reformierte und Täufer in Zürich zwischen Konsens und tödlichem Konflikt. Ein Beitrag zur Toleranzforschung. In: Selderhuis, H.J. et al. (Hrsg.): Reformed Majorities in Early Modern Europe. Refo500 Academic Studies (R5AS) - Band 23. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015 – S. 341-362.

Freitag, 5. April 2024

Wär nöd gnau luegt oder kä Zyt het, dä het gha?

In der Öffentlichkeitsarbeit der Gemeinde Weiach ist immer mal wieder der Wurm drin. Da könnte man eine ganze Reihe von Kommunikationspannen aufführen, vor allem bei zukunft8187.ch, wo die Zeit Mitte September letzten Jahres stehengeblieben ist. Hier soll's aber um das jüngste Beispiel gehen: das MGW April 2024.

Wenn Sie die aktuelle Nummer des Mitteilungsblatts durchgeblättert haben, dann mussten Sie schon ziemlich aufmerksam sein, um das «grosse Anliegen» des Gemeinderates und der Schulpflege nicht zu übersehen. Kleiner Tipp: Es versteckt sich auf Seite 4 (vgl. Bild unten).

«Steganographie» à la Weych

Und? Haben Sie die Ankündigung der Info-Veranstaltung vom 11. April gefunden? Nicht? Dann sind Sie nicht allein.

Ernüchterndes Fazit: Die Behörden wollen informieren, verstecken die Ankündigung (Text s. Zitat unten) aber geradezu meisterhaft, indem sie optisch so eingebettet wird, dass sie gegenüber einem Regeltermin (Treffen mit dem Gemeindepräsidenten!) regelrecht untergeht?

Die Kernbotschaft lautet:

«Dem Gemeinderat und der Schulpflege ist es ein grosses Anliegen, die Bevölkerung laufend über die neuesten Erkenntnisse zu informieren. Deshalb wird am

Donnerstag, 11. April 2024, 19.30 Uhr im Gemeindesaal

eine weitere Informationsveranstaltung stattfinden. Dabei werden als Haupttraktanden das Projekt neue Asylantenunterkunft inkl. Kosten und Finanzierung sowie der Schulraumbedarf 2024/2025 vorgestellt. Alle Interessierten sind herzlich zu diesem Anlass mit anschliessendem Apéro eingeladen.»

Angesichts des gerade erläuterten Versteckspiels wirkt die Botschaft vom grossen Anliegen im besseren Fall wie unfreiwilliger Humor. Wie sie im schlechtern Fall ankommt, sei der Beurteilung des geneigten Lesers überlassen.

Sie dabei erwischen, wenn sie etwas (wieder) gut machen

Nun soll man die Gemeinde aber auch loben. Dann nämlich, wenn sie selber darauf kommen. Wenn ihnen der Totalausfall der Bewerbung ihres Anlasses doch noch halbwegs rechtzeitig auffällt. Und  gegen Ende der nachösterlichen Woche Korrekturmassnahmen wie diese hier in die Wege geleitet werden:


Jetzt muss nur noch sichergestellt werden, dass auch diejenigen Personen, die nicht per Zufall auf der Gemeindewebsite landen, davon erfahren. Zum Beispiel die, die den Newsletter abonniert haben.

Diese Newsletter-Informierten haben zwar zuverlässig vom alljährlichen Sirenentest, der Fundgegenstände-Sammlung im Gemeindehaus oder dem jüngsten Bauvorhaben, einer In-Dach-Solaranlage an der Bergstrasse 7, erfahren. Aber kein Tönlein von der kommenden Informationsveranstaltung vernommen. Da besteht definitiv Nachbesserungsbedarf.

Ceterum censeo...

Hinzu kommt: Es gibt mit Sicherheit etliche Personen, die an den Inhalten interessiert wären, aber an diesem Abend verhindert sind. Beispielsweise, weil sie Schicht arbeiten. 

Gilt für diesen Kreis weiterhin «Wer kä Zyt het, dä het gha?» Geht man so mit Stimmberechtigten und Steuerzahlern um? Zustände wie im Alten Rom zu Zeiten der Völkerwanderung?

Im Sinne von Cato d.Ä., aber nicht mit der bellizistischen Verve seines Originalzitats, wiederhole ich deshalb zum Abschluss des Beitrags ein schon früher geäussertes Anliegen:

Im Übrigen beantrage ich, dass die Gemeinde ihre Informationsveranstaltungen auf Video aufnehmen und den Stimmberechtigten dauerhaft elektronisch zur Verfügung stellen muss.

Mittwoch, 3. April 2024

Ein Tag Gefängnis für Eisenbahngefährdung

Um die vorletzte Jahrhundertwende herum war es noch der Bundesrat selber, der die Strafverfolgung bei Gefährdungen des Eisenbahnverkehrs unter sich hatte. Denn das Eisenbahnwesen war praktisch seit Gründung des Bundesstaates eine auf dessen Ebene gehobene Regelungsmaterie.

Alles geht über den Bundesratstisch

Die eigentliche Strafverfolgungstätigkeit delegierte der Bund aber in der Regel umgehend nach unten, wo das Verfahren dann von dem für den Begehungsort zuständigen Gericht geführt wurde.

So fungierte der Zürcher Regierungsrat laut seinem Protokoll am 7. Mai 1894 als Durchlaufstation, indem er den Strafantrag auf dem Dienstweg weiterreichte:

«Präsidialverfügungen.  Die vom Bundesrathe zu hierseitiger Beurtheilung anhergesandten Akten betreffend eine am 14. Dezember 1893 in Weiach-Kaiserstuhl stattgehabte Eisenbahngefährdung gehen an die Justiz- und Polizeidirektion zur Erledigung.»  (Signatur: StAZH MM 3.8 RRB 1894/0800)

Bezirksgericht Dielsdorf fällt das Urteil

Nach erfolgter gerichtlicher Beurteilung ging das Geschäft auf demselben Weg wieder nach oben, was sich kurz darauf im Protokoll des Bundesrates niederschlug (BRB 1894 2811):

«EJPD  Randanträge v. 3. ds. [diesen Monats; d.h. Juli 1894]

Folgende Urteile in Eisenbahngefährdungsangelegenheiten gehen ad acta:

1.) Urteil des Bezirksgerichts Dielsdorf vom 6. vorigen Monats [6.6.1894], eingesandt von der zürcherischen Justiz- und Polizeidirektion, wonach der der Eisenbahngefährdung in Weiach (Prot. vom 2. Mai No. 1773) angeklagte Albert Theiler in eine Strafe von 1 Tag Gefängnis und 10 fr. Geldbuße verfällt worden ist.»  (Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#8358*)

Ein Betriebsunfall der Nordostbahn

Theiler war wohl ein Angestellter der Schweizerischen Nordostbahn oder eines für diese tätigen Unternehmens. Denn das referenzierte Protokoll vom 2. Mai 1894 (BRB 1894 1773) nimmt Bezug auf einen Betriebsunfall. Ein N.O.B.-Zug Winterthur–Koblenz war bei seiner Ausfahrt aus der Station Weiach-Kaiserstuhl auf einen auf dem Aussfahrtsgleis stehenden, mit Eisenbahnschienen beladenen Rollwagen geprallt (Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#8333*; vgl. Bild der Protokollseite).

Dienstag, 2. April 2024

In der Kürze liegt die Würze? Gepfefferter Irrtum auch!

Der Mitte Dezember letzten Jahres erschienene Kunstdenkmälerband über den Bezirk Dielsdorf (und damit auch über die Gemeinde Weiach, vgl. WeiachBlog Nr. 2021) liefert einen aktuellen, auf hohem Niveau zusammengestellten Überblick zur Baukultur im westlichen Zürcher Unterland.

Als mit der Ortshistorie etwas näher Befasster habe ich die Weiach betreffenden Seiten besonders aufmerksam durchgesehen und komme leider nicht umhin, noch zusätzliche Korrigenda anzubringen (als die schon Anfang Januar platzierten, vgl. WeiachBlog Nr. 2027). Das ist umso eher erforderlich, als ich selber (bzw. eine von mir verantwortete Publikation) den Irrtum mit verursacht habe.

Lebensverlängerung für die Weinschenke Zur Post

Im Kapitel Ortsgestalt und Bauten hat Anika Kerstan die folgenden Zeilen eingefügt:


Die mit der Geschichte der Liegenschaft «Alte Post» Vertrauten (Foto im Bild unten links auf einer Postkarte als Vignette eingefügt) haben den Lapsus natürlich sofort erkannt: 

«Bis 1971 beherbergte das Haus zudem die Weinschenke Zur Post.⁷⁵»

Ein derart langes Leben war dem Wirtschaftsbetrieb in der Post dann doch nicht beschieden, würde es doch um Jahrzehnte über die Verlegung des Postlokals in die Liegenschaft Kipfer (Stadlerstrasse 17) – wenige Meter die Strasse hinunter – hinausreichen.

Schon 1911 war Schluss mit Wirten

Nein, wie einem auf den 5. Oktober 1991 datierten Einzelblatt der letzten Posthalter aus der Meierhofer-Dynastie hervorgeht, war bereits sechzig Jahre früher Schluss mit der Bewirtung von Gästen:

«In der "alten Post" wurde nebst Landwirtschaft bis zum Jahre 1911 auch eine Wirtschaft geführt.» 

Und wie kommt es dann, dass sich Frau Kerstan mit der Jahreszahl derart vertan hat? Die Antwort findet man in der Anmerkung 75, wo auf die Seite 61 der zum Zeitpunkt des Beginns ihrer Datenerhebung auf unserem Gemeindegebiet aktuellen Fassung der ortsgeschichtlichen Monografie verwiesen wird, vgl. dort die Fussnote 219 (Abb. unten):


Fehlinterpretation einer Fussnote

Um die Seitenzahl nicht über 108 anwachsen zu lassen, hat die 6. Auflage das Erfordernis einzuhalten, dass manche Hinweise sozusagen in stenographischer Form daherkommen. Diese ist, wie sich jetzt zeigt, etwas gar zu knapp geraten. 

Denn die Hinweise auf das Jahr 1971 (beide in Klammern; s. oben) zu den Standorten der «Brauerei» und der «Post» waren lediglich als Verweise auf den Sachstand der 1. Auflage von Walter Zollinger (publiziert an Ostern 1972) gedacht, aus der sich diese Ortsgeschichte über die Jahre hinweg durch Fortschreibung entwickelt hat. 

Mit einer Umwandlung in eine private Nutzung (wie sie im Lauftext für den «Sternen» für 1991 explizit genannt wird) hat das nichts zu tun. Wurde aber so interpretiert.

Der Lauftext der 6. Auflage ist übrigens bereits ab V6.56 (Januar 2023) auf S. 61 wie folgt um den Hinweis auf die 1911 beendete Zusatzfunktion ergänzt worden:


Die 1. Auflage hätte den Irrtum aufdecken können

Den ursprünglichen Zollinger'schen Originaltext zeigt der nachstehende Ausschnitt:


Die beiden Auflagen (1. u. 2.) von Zollinger sind zwar im Literaturverzeichnis des Kunstdenkmälerbandes Nr. 146 aufgeführt, wurden für dieses Detail jedoch nicht konsultiert. 

Deshalb steht nun für alle Ewigkeit ein allzu langes «Wirtschaftwunder» – in gedruckter Form zwischen harten Buchdeckel gepresst – in Bibliotheken im Regal.

Quellen und Literatur

  • Meierhofer, W. & T.: Poststelle Weiach im Rückblick. Einzelblatt, 5. Oktober 1991.
  • Kerstan, A.: Ortsgestalt und Bauten. Bauten mit öffentlicher Funktion. In: Crottet, R.; Kerstan, A.; Zwyssig, Ph.:  Der Bezirk Dielsdorf. Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Neue Ausgabe VII. (zugl.: Die Kunstdenkmäler der Schweiz (KdS), Bd. 146.) Bern 2023 – S. 484.