Dienstag, 1. Januar 2019

Jahrzehntelange Kontinuität auf dem Orgelbänkli

Im Jahre 1969 wurde die aktuelle Orgel auf der Empore der evangelisch-reformierten Kirche Weiach, ein Instrument der neuenburgischen Orgelmanufaktur Neidhart & Lhôte, eingeweiht. Aus Anlass des 50-jährigen Jubiläums unserer Orgel wird WeiachBlog 2019 diverse Artikel zur Orgel und den Personen veröffentlichen, die mit ihr zu tun hatten und haben.

Es gibt wenige Ämter, die in Weiach in den letzten 125 Jahren mit einer derartigen zeitlichen Ausdauer ausgeübt wurden, wie gerade das des Organisten. Gerade einmal 3 (!) Amtsinhaber gab es in dieser langen Zeit:
  • Albert Griesser 1891-1946 (Jahrzahlen erschlossen aus Maurer 1966)
  • Walter Harlacher 1946-1997 (Jahrzahlen aus Gesprächen mit Willi Baumgartner-Thut und Claire Griesser erschlossen)
  • Lydia Kellenberger 1997-2019 (amtierend)
Mit Walter Harlacher, der im September 1996 (vgl. MGW 09/1996, S. 20) für 50 Jahre treue Dienste geehrt wurde, hat die damalige Kirchenpflegerin Regula Brandenberger zum 40sten Dienstjubiläum im September 1986 ein Interview geführt. Es enthält auch Informationen zur Orgel sowie ein paar Anekdötchen des Kirchenmusikers Harlacher.

Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach.

R.B. - Erinnern Sie sich, wann Sie zum ersten Male in Weiach Orgel gespielt haben?

W.H. - Ja, das war am 1. oder 2. Juni 1946.
[Was stimmen kann: der 2. Juni 1946 war ein Sonntag; gemäss http://www.ewigerkalender.de/]

R.B. - Bei welchem kirchlichen Anlass war das?

W.H. - Bei einem gewöhnlichen Gottesdienst.

R.B. - Haben Sie vorher in der Kirche geübt?

W.H. - Ja, ich war damals mit meiner zukünftigen Braut (sie 17 1/2, ich 19) von Schöfflisdorf per Velo zum damaligen Kirchenpflegepräsidenten, Herrn Zollinger gefahren, um mich vorzustellen, und anschliessend habe ich zum ersten Mal auf der Orgel geübt.

R.B. - Wie sind Sie zum Orgelspiel gekommen?

W.H. - Mein Vater war 30 Jahre lang Organist in Schöfflisdorf. Bereits mit 7 Jahren durfte ich in Niederweningen bei Frau Schultheiss Klavier spielen lernen. Vater nahm mich aber auch oft mit in die Kirche und liess mich Choräle und Choralvorspiele ausprobieren. Im Krieg bat mich dann unser Kirchenpflegepräsident, doch den Vater bei Bedarf zu vertreten.

R.B. - Orgelspielen ist Ihr Nebenamt, Ihr Hobby. Welches ist denn Ihr Brotberuf?

W.H. - Ich habe bei meinem Vater das Handwerk des Sattler/Tapezierers erlernt. Eigentlich hätte ich Lehrer werden wollen. Eine ledige Tante hatte den grössten Teil meiner musikalischen Ausbildung bezahlt: Im Konservatorium zB Harmonielehre und Komposition bei Ernst Hörler und Heinrich Funk, an der Musikakademie eine Ausbildung zum Blasmusikdirigenten. (Mit 20 Jahren habe ich die Blasmusik Niederhasli übernommen und 19 Jahre lang geleitet. Im ganzen habe ich 36 Jahre lang Blasmusiken dirigiert.)

Da ich in meinem erlernten Beruf nicht glücklich war, besuchte ich in Zürich eine kaufmännische Abendschule und wechselte 1963 zur Firma Elco, wo ich heute noch arbeite, als Geschäftsführer.

Mein Traumberuf wäre aber Kapellmeister gewesen. Heute würde ich mich nicht mehr von meinem Ziel abbringen lassen, denn damals hiess es, Musiker sei eine gar zu unsichere Existenz.

R.B. - Sie üben zuhause. Wie lange pro Woche?

W.H. - Eine halbe bis eine ganze Stunde pro Tag, oder einen ganzen Samstagnachmittag.

R.B. - Auf welcher Art Instrument spielen Sie zuhause?

W.H. - Auf zwei elektronischen Orgeln: eine speziell für geistliche Musik; eine grosse Konzertorgel, die alle möglichen Stile, Mixturen und Klangfarben erlaubt. [Und] auf einem Klavier.

R.B. - Hatten Sie nie den Wunsch nach einer schönen, alten Toggenburger Hausorgel?

W.H. - Doch, sehr. Das ist ein ganz riesiger Wunsch! Und auch einen Flügel wünsche ich mir, einen 2.80 m langen mindestens ...

R.B. - Ich nehme an, unsere Orgel hier wurde bei der letzten Kirchenrenovation 1968 auch revidiert.

W.H. - Ja, sie wurde 1969 gebaut. Die alte Orgel aus dem Jahre 1930 stand vorne im Chor[,] stammte von Orgelbauer Kuhn aus Männedorf. Sie hatte nur verzinkte Pfeifen.

Architekt Hintermann aus Zürich liess sich von Jakob Kobelt beraten. Da die Orgelbauer Metzler (in Dietikon) und Kuhn (in Männedorf) Lieferfristen von 7 und 8 Jahren hatten, entschloss man sich für ein Instrument des Orgelbauers Neidhardt aus St. Martin, Kt. Neuenburg. Entsprechende Orgeln hat es in Windisch und Mettmenstetten. Sie sind grösser, haben mehr Register, sind aber auch zweimanualig (dh zwei Tastaturen übereinander). Ich durfte jene Orgeln ausprobieren, hatte aber eigentlich keinen Einfluss auf den Entscheid.

Die Weiacher Orgel hat folgenden, guten und geschickten Aufbau:
- Hauptwerk als Brustwerk, mit eingebautem Spieltisch
- in die Empore eingebautes Rückpositiv
- hinter dem Brustwerk separat aufgestelltes Pedalwerk.

R.B. - Hat diese Orgel bestimmte Vorzüge, oder auch Nachteile, Eigenheiten?

W.H. - Sie ist sehr gut disponiert, sie hat eine klare Führung in hohen Tonlagen, keine Verzögerungsmechanik. Sie gehe fast zu leicht, sagt Jakob Kobelt. Hingegen sind die Mixturen zu stark, zu wenig differenzierbar. Der Klang wird zu dünn und es fehlt ihm an Wärme.

R.B. - Haben Sie einen ganz speziellen, vergleichweise "einfachen" Verbesserungswunsch für diese Orgel - irgend etwas, das Sie schon lange stört?

W.H. - Das Trompetenregister ist zu laut und zu scharf, man kann es nur gekop[p]elt, also nie allein für einen strahlenden Cantus firmus einsetzen. Man müsste es umintonieren, gewissermassen umstimmen, und das wäre kein gar so gewaltiges Unterfangen.

R.B. - Erinnern Sie sich an die erste Hochzeit, bei der Sie gespielt haben, vielleicht sogar an den Namen des Paares?

W.H. - Das war am 17. August 1946: Edwin Baltisser (Weiach) und Lina Fröhlich (Neerach).

R.B. - Könnten Sie überschlagsweise sagen, wievielen heute hier wohnenden Weiachern Sie zur Hochzeit gespielt haben?

W.H. - Nein! Das sind gar zu viele! Einzelne weiss ich schon noch. Da sind eben gar viele, denen ich zur Taufe, zur Konfirmation und zur Hochzeit gespielt habe! - Bei wenigen sogar auch schon zur Abdankung.

R.B. - Wieviele Pfarrer haben Sie miterlebt in diesen 40 Jahren?

W.H. - Pfr. Hauser, Pfr. Ryhiner, dann Pfr. Schäppi (Verweser), der unseren jüngsten Sohn getauft hat vor gut 24 Jahren, Pfr. Wyss, Pfr. Bär (Verweser) und jetzt Pfr. Koelliker.

R.B. - Haben Sie zu diesen Amtszeiten irgend eine besondere Erinnerung?

W.H. - Pfr. Weiss von Bachs
[sic!] ist mir in Erinnerung als kauziger Naturmensch, ich kannte ihn etwas besser, weil er hin und wieder meine Fahrdienste brauchte. Bei unseren jetzigen Pfarrersleuten schätze ich, dass sie allezeit ain [sic!] offenes Haus haben.

R.B. - Wieviele Sigristen, wieviele Kirchenpflegepräsidenten waren es?

W.H. - Sigristen: Robert Meierhofer, Albert Erb, Ernst Baltisser, Werner Attinger.
- Kirchenpflegepräsidenten: Walter Zollinger, Rudolf Meierhofer (alte Post), Emil Maurer (Station), Hans Griesser, Ruth Hauser, Rosa Baumgartner[-Thut].

R.B. - Erzählen Sie doch einige Begebenheiten aus Ihrer langen Organistenzeit!

W.H. - Da wäre einiges zu erzählen vom Weg hierher, jeweils am Sonntagmorgen! Von Schöfflisdorf her fuhr ich jeweils mit dem 6.45 Uhr-Zug bis Oberglatt, von dort nach Büli. Dort musste ich immer eine ganze Stunde warten auf den Weiacher Zug und habe im Wartsaal oft düstere und traurige Existenzen angetroffen. Oft fuhr ich aber auch mit dem Velo, später mit dem Töffli, und bin unzählige Male jammervoll verregnet worden. In solchen Fällen pflegte ich meinen nassen Kittel hinten in der Kirche, bei der Heizung unter der Empore aufzuhängen. Da kam es oft vor, dass die Läutbuben (die damals mit dem Mei[e]rhofer Robert in den Turm stiegen und beim Läuten halfen) mir aus meiner Jackentasche Zigaretten filzten und im Turm oben rauchten. Ein späterer Kirchenpfleger war auch dabei!

R.B. - Gibt es bestimmte Sonntage, Festtage im Kirchenjahr, die Ihnen besonders am Herzen liegen?

W.H. - Ja: alle Abensmahlgottesdienste [sic!] und Weihnachten.

R.B. - Eine Frage nun, den Kirchengesang betreffend: Empfinden Sie unsere Form des Gemeindegesanges als bemühend und "renovationsbedürftig", oder ist Ihnen wohl in unserer jetzigen Praxis?

W.H. - Es ist mir soweit durchaus wohl. Ich bin aber immer aufgeschlossen für Anderes, Neues. Beispielsweise würde ich gerne bei der Begleitung der Kirchenlieder die Registerfarben bei den einzelnen Versen varieren [sic!], ich weiss aber nicht, ob das bei den Kirchgängern zu grosses Befremden auslösen könnte.

R.B. - Gab es Zeiten, da Ihr Orgelamt Ihnen zur Last wurde? Im Krieg etwa?

W.H. - Ja, am Anfang meiner beruflichen Karriere, vor allem, weil ich damals noch kein eigenes Instrument hatte zum Ueben und es in Wettingen äusserst schwierig war, Uebungszeit an einer Orgel zu bekommen. Hingegen im Krieg war das Orgelamt keine Belastung - im Gegenteil. Probleme gab es aber etwa an Weihnachten.

R.B. - Womit wir bei Ihrer Familie wären. Wieviele Kinder haben Sie?

W.H. - Vier: Zuerst eine Tochter (Coiffeuse), dann einen Sohn (Förster), dann eine Tochter (Sekretärin) und wieder einen Sohn (Gartenbauer).

R.B. - Seit 40 Jahren lebt nun Ihre Frau mit dem klar profilierten Hobby ihres Gatten, "immer" lebten Ihre Kinder mit Vaters Orgeln. Gab das nicht oft Engpässe und Schwierigkeiten?

W.H. - Doch, ab und zu schon. Am schwierigsten war es immer an Weihnachten: Früher war am zweiten Weihnachtstag auch noch Gottesdienst, und so war ich oft beide Weihnachtstage eigentlich nicht zuhause.

R.B. - Könnten Sie sich eine andere Art von Amt vorstellen, das Sie ebenso treu über so viele Jahre hätten ausüben können?

W.H. - Ja: Chorrepetitor, dh einen Chor bei den Proben begleiten auf dem Klavier. Das ist übrigens etwas, das ich gerne tun möchte in den nächsten Jahren: ich denke nicht, dass ich in der ständig zunehmend härteren Arbeitswelt ausharren werde bis 65. Ich möchte mich vorher teilweise zurückziehen und mehr Zeit haben für mein Hobby.

R.B. - Wir gratulieren Ihnen (und uns!) ganz herzlich zu Ihrem seltenen Dienstjubiläum! Wir wünschen Ihnen recht gute Gesundheit, und viel Freude für die musikalischen Aufgaben, die Sie in den nächsten Jahren vermehrt übernehmen möchten. Wir wünschen uns, dass wir weiterhin auch zu Ihren musikalischen Aufgaben zählen werden.

Vielen Dank für Ihre langjährige Arbeit und die ausdauernde, gar nicht selbstverständliche Diensttreue!

Pfarramt und Kirchenpflege


Quellen
  • Maurer, E.: Eine neue Orgel für die Kirche Weiach. Weiach, 1966 - S. 8
  • Unter uns... Seltenes Dienstjubiläum. Seit 40 Jahren amtet Herr Walter Harlacher (geb. 1927) als Organist in der Kirche Weiach. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Oktober 1986 - S. 30-34.

Donnerstag, 27. Dezember 2018

In memoriam Mauro Lenisa

Heute um 14:30 beginnt in der evangelisch-reformierten Kirche Weiach der Trauergottesdienst für den am 17. Dezember verstorbenen Mauro Lenisa statt, vgl. WeiachTweet Nr. 1939:




Der Redaktor des WeiachBlog spricht der Trauerfamilie auf diesem Weg sein Beileid aus.

Im Gedenken an unseren ehemaligen Gemeindepräsidenten wird an dieser Stelle ein von Mauro verfasster Artikel eingerückt. Er zeigt beispielhaft auf, welche Ziele er zusammen mit seinen Gemeinderatskollegen während seiner Amtszeit von 1982 bis 1990 verfolgt hat.

Heute würde man das Nachstehende wohl ein «Leitbild» nennen. Früher nannte man das noch ganz bescheiden «Ziele». Der Sinn und Zweck bleibt aber der gleiche. Möge das damals Gesäte auch in unseren Tagen Frucht tragen.

Weiach – eine Dorfgemeinschaft verwirklicht sich

Von Gemeindepräsident Mauro Lenisa

Im Lauf der jüngsten Geschichte hat die Gemeinde Weiach verschiedene Zeitabschnitte erlebt, welche die Behörden vor jeweils unterschiedlich gelagerte Aufgaben stellten. Die sechziger und der Beginn der siebziger Jahre waren durch den Ausbau der Infrastruktur geprägt. In der Folgezeit standen der Neubau des Schulhauses und die kommunale Richtplanung zuoberst auf der behördlichen Traktandenliste.

Dieser Zeitabschnitt wurde zu Beginn der Amtszeit der jetzigen Behörde abgeschlossen. Der Gemeinderat setzte sich für die laufende Amtsperiode zum Ziel,
- die Dorfbevölkerung offen über die Belange der Gemeindepolitik zu orientieren und damit zur aktiven Teilnahme zu motivieren;
- bestehende, starre Richtlinien zu hinterfragen und zu überdenken;
- die persönlichen Kontakte und den Gedankenaustausch zu intensivieren;
- ganz allgemein das Wohlbefinden der Dorfbevölkerung zu steigern.

Offenheit in Politik und Information

Um diesem Anliegen gerecht zu werden, benötigten die Behörden ein Werkzeug. Es wurde in Form des «Mitteilungsblattes für die Gemeinde Weiach» geschaffen. Im monatlichen Rhythmus wird aus der Arbeit der Behörden berichtet. Mit persönlichen Artikeln einzelner Behördemitglieder wird auch über die Hintergründe einzelner Entscheide informiert. Die Tatsache, dass sich Leser mit Stellungnahmen zu aktuellen Problemen äussern, zeigt, dass das Mitteilungsblatt beliebt und unentbehrlich geworden ist.

Anstrengungen im Natur- und Landschaftsschutz

Der Beschluss der Grundeigentümer, die Güterzusammenlegung durchzuführen, bedeutete für die Weiacher Landwirte einen Lichtblick, ermöglicht sie doch für die Betriebe eine Planung auf lange Zeit. Güterzusammenlegungen sind aber nicht nur mit eitel Freude verbunden. Vielerorts wurde bei ihrer Durchführung der Forderungen von Natur- und Landschaftsschutz wenig Beachtung geschenkt. Den Behörden ist es ein grosses Anliegen, gemeinsam mit der Meliorationsgenossenschaft und den Grundeigentümern zu zeigen, dass eine Erhöhung der Effizienz und Produktivität in der Landwirtschaft ohne Zerstörung unserer Umwelt erreicht werden kann.

Ziel: Wohlbefinden

Wohlbefinden in einem Dorf kann mit Zusammengehörigkeitsgefühl umschrieben werden. Hier werden Gefühle und Verhalten angesprochen -  nicht Zahlen und Kurven. Zu erkennen, dass ein Gespräch oft der Frustration und Enttäuschung vorbeugen kann, ist Voraussetzung. Eine Güterzusammenlegung ohne gegenseitiges Vertrauen und ohne Gesprächswillen, z.B. zwischen Grundeigentümer und Pächter, ist kaum denkbar. Wir Weiacher scheinen dies verstanden zu haben.

Das hübsch renovierte «alte Schulhaus» brachte Platz für die Schul- und Gemeindebibliothek. Mit viel Elan versucht die neukonstituierte Bibliothekskommission, das Interesse für Kunst und Literatur zu wecken. Die übrigen Räume werden den Dorfvereinen zur Verfügung gestellt. Der warme Kachelofen lädt geradezu zu Kaffee und Kuchen ein!

In der neu erstellten Schulanlage bemühen sich zur Zeit 47 Schülerinnen und Schüler der Primarschule ums ABC. Die Schule wird in Doppelklassen geführt. Als Unikum ist zu erwähnen, dass die fünfte Klasse lediglich von einem Knaben und einem Mädchen besucht wird. Das besonders gute Verhältnis zwischen Eltern, Lehrerinnen, Schülern und Schulbehörde ermöglicht eine optimale Führung des Schulbetriebes. Die Sekundarschule, Realschul- und Oberschulstufe besuchen die Weiacher Schüler in Stadel. Leider führt der Radweg noch nicht bis ins Dorf, so dass die Schüler auf ihrem Schulweg die Hauptstrasse benützen müssen. Die Weiterführung des Radweges ist dringend notwendig.

Die Bautätigkeit hat zwar nicht abgenommen, sich aber doch eher auf Umbauten verlagert. Viele schön herausgeputzte Riegelbauten schmücken das Dorf, und die Neubauten fügen sich gut ins Dorfbild ein. Eine rege Tätigkeit hat sich in Form von Sanierungen in bezug auf das Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsnetz entwickelt. Die Müllbeseitigung ist in Weiach geregelt. Die Gesundheitsbehörde hat dieses Problem seit Jahren erkannt und hat auch Lösungen dazu gefunden.

Es liegt nun an jedem einzelnen, auch danach zu leben und zu handeln.

Quelle

Unpaginierte Beilage zu: Neues Bülacher Tagblatt, Mittwoch, 18. April 1984.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Im Wappen zwei Zacken zugelegt

Auf Anfrage einer Journalistin des Zürcher Unterländers habe ich in meinen ortshistorischen Unterlagen gegraben. Die Dame war auf der Suche nach einer Sonderbeilage des Neuen Bülacher Tagblatts: «Weiach – lebendiges Dorf in der nordwestlichen Ecke des Zürcher Unterlandes», erschienen am Mittwoch, 18. April 1984, die in der Schweizer Mediendatenbank (für Nicht-Medienschaffende unter der Marke Swissdox verfügbar) nicht enthalten ist. Ich konnte ihr den gewünschten Beitrag zur Verfügung stellen.

Ein Fehler des NBT?

So weit, so gut. Nur habe ich dann noch den nachstehenden Kasten mit dem Titel «Das Gemeindewappen» kurz überflogen und dachte mir: «Moment mal, was schreiben die denn da? Das stimmt doch nicht!» Was genau da nicht stimmt, davon handelt dieser Beitrag.


«Die älteste Darstellung des Wappens von Weiach wird im Dekanatsalbum des Pfarrkapitels Regensberg von 1719 überliefert. Es zeigt im von Silber und Blau schräggeteilten Schild einen achtstrahligen Stern. Dieser ist von Gold und Schwarz facettiert und steht in keinem bestimmten Verhältnis zum Zürcher Schild. Auf der 1843 gegossenen Kirchenglocke fehlt die Schrägteilung; es wurde lediglich ein sechsstrahliger Stern abgebildet. Die gleiche Darstellung, einen sechsstrahligen goldenen Stern auf blauem Grund, wählte man als Verzierung für die 1860 angeschaffte Fahne des Gesangsvereins Weiach. Die Wappentafel von Krauer brachte wieder den Zürcher Schild und den achtstrahligen Stern, diesmal in verwechselten Farben. Nach diesem Vorbild wurde offensichtlich das Gemeindewappen auf der Schützenfahne von 1902 gestaltet. Die Wappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft hielt an der Version von Krauer fest. Der Gemeinderat Weiach erklärte sich am 28. November 1931 mit dem ihm eingereichten Entwurf ohne Facettierung einverstanden. Das Wappen geht wohl auf die alte Taverne «Zum Sternen» zurück.»

Lesern der Monographie «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» kann dieser Abschnitt bekannt vorkommen. Er ist dort zu grossen Teilen in Anhang 5 abgedruckt.

Mit Ausnahme des letzten Satzes stammt der gesamte Text dieses Kastens von Dr. h.c. Peter Ziegler  aus seinem Standardwerk «Die Gemeindewappen des Kantons Zürich» (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 49 / 142. Neujahrsblatt; Zürich, 1977 – S. 106). Der letzte Satz ist leicht umgeschrieben aus Walter Zollingers «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» (1972; 1984 in 2. Auflage erschienen – S. 10) übernommen.

Hatte der Stern acht Zacken? Oder doch sechs?

Folgt man Ziegler, ist der Fall klar: die älteste erhaltene Darstellung zeige einen achtzackigen Wappenstern, der lediglich von den Einheimischen auf sechs Zacken reduziert, von Krauer dann aber wieder richtig dargestellt worden sei, nur «diesmal» halt in verwechselten Farben (d.h. gespiegelt am Zürcher Schild).

Nun ist Ziegler nicht nur in Wädenswil und am oberen Zürichsee seit Jahrzehnten eine unumstrittene Kapazität in historischer Lokalforschung. Er hat auch viel zur Geschichtsschreibung des Kantons Zürich beigetragen, ist Autor der Schulbuch-Reihe «Zeiten – Menschen – Kulturen».

Zitate einer solchen Koryphäe nimmt man als Hobbyhistoriker deshalb erst einmal für bare Münze. Bis... ja bis man auf dem indirekten Weg über das NBT auf eine Ungereimtheit stösst. Und zwar geht es um die Frage, ob die «Ursprungsform» des Weiacher Wappenstern acht oder nicht doch nur sechs Zacken (auch Strahlen genannt) aufweist. Es sei vorweggenommen, die richtige Antwort lautet «6» und Ziegler hat einen Bock geschossen.

Zieglers Fehler

Wenn man sich die aktuelle Fassung des Anhangs 5 in der dieses Jahr erschienenen 6. Auflage von «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» vornimmt (vgl. Bild unten), dann muss man in der Tat schon fast Tomaten auf den Augen haben, um die offensichtliche Diskrepanz zwischen Zieglers Aussage, der Weiacher Stern im Dekanatsalbums sei achtstrahlig (roter Kasten) und dem Original auf Blatt 98 des besagten Albums (weisser Pfeil auf die Abb. 36), wo der Stern eindeutig lediglich sechsstrahlig ist, zu übersehen:

Die älteste erhaltene Überlieferung gibt also dem Weiacher Wappenstern sechs Zacken, dito viele aus dem 19. Jahrhundert überlieferte lokale Objekte (Glocken, Fahnen, etc.). Das Standardwerk liegt falsch und die Journalisten des NBT sind freizusprechen.

Krauer hat doch obsiegt

Warum also hat der Weiacher Wappenstern heute acht Zacken und nicht sechs? Das haben wir Krauer zu verdanken, einem findigen Unternehmer, der um 1860 eine sogenannte Wappentafel auf den Markt warf.

Johannes Krauer war Lithograph. Und nicht unbedingt Heraldiker. So könnte es zu erklären sein, dass er nichts dabei fand, die implizit gegebene Blasonierung (also die Beschreibung der verbindlichen Elemente des Wappens - und nicht nur eine «Version», wie Ziegler das nennt) gleich in zwei Punkten eigenmächtig abzuändern, konkret: aus sechs Zacken acht zu machen und die Schrägteilung auch im Stern zu spiegeln.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Krauer oder die von ihm Beauftragten das Dekanatsalbum gekannt haben, denn er übernimmt die dort gegebene Facettierung, eine Unterteilung der Fläche des Wappensterns, die einen 3D-Effekt ergibt:


Dank der vom Zeichner des Dekanatsalbums begangenen heraldischen Todsünde «Metall auf Metall» (goldener Stern auf silbernem Hintergrund) und seiner in den 1920ern doch schon seit einigen Jahren verbreiteten achtzackigen Version (Beispiel: Weiacher Schützenfahne von 1902) hat im Verlauf der Arbeiten der Gemeindewappenkommission zwischen den zwei Weltkriegen dennoch die Krauer'sche Blasonierung obsiegt, unser Wappen also definitiv zwei Zacken zugelegt:


Links im Bild die Weiacher Wappenpostkarte, aus einer Abfolge von Serien, die von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (AGZ) zwischen 1926 und 1936 herausgegeben wurde, eine neue Serie jeweils dann, wenn wieder fünf durch die zuständige Gemeindebehörde genehmigte Wappen vorlagen (vgl. Ziegler 1977 – S. 17). Man sieht, dass aufgrund des Neigungswinkels der Schrägteilung die Zacken nicht im rechten Winkel zur Papierachse stehen.

Rechts die Darstellung, wie man sie im Gemeindewappenbuch von 1977 auf S. 106 findet. In diesem ab 1969 laufenden Projekt wurde die geschwungene Oberkante begradigt, was dann zur Folge hatte, dass der Neigungwinkel steiler gestellt werden musste. Nur so konnte man den schräggeteilten Stern ins Lot stellen. Nicht geklärt ist, ob diese Version von Walter Käch (im Dezember 1970 verstorben) oder seinem Nachfolger, Heraldiker Fritz Brunner gezeichnet worden ist.

Weiterführende Links
  • Antiquarische Gesellschaft in Zürich (Hrsg.): Wappenkarte Weiach. Ansichtskarte: Strichklischee; 14 x 9,3 cm. Aus der AGZ-Wappenkarten-Serie, Zürich 1926-1936. Karte Weiach nach November 1931 (Annahmeschreiben Gemeinderat vom 28. November 1931) erschienen.
  • Korthals, M.: 75 Jahre Gemeindewappen-Kommission – Was Gemeinden im Schilde führen. In: Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2001.
  • Brandenberger, U.: Dorfzeichen, Wappen und Logo. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 84. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2006 – S. 11-15, (Gesamtausgabe 2017 – S. 303-307).
  • Brandenberger, U.: 75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 85. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Dezember 2006 – S. 14-21, (Gesamtausgabe 2017 – S. 308-315).
  • Dbachmann (Hauptautor): Wikipedia-Artikel Zürcher Gemeindewappen
  • Weiacher Wappen im Heraldry Wiki

Dienstag, 25. Dezember 2018

Beim Läuten Kopf und Kragen riskiert


Der Weiacher Sigrist riskierte Kopf und Kragen. Er gab alles für das Wohlergehen seiner Gemeinde. Das muss man zumindest glauben, wenn man den folgenden Beitrag im Lägern-Boten vom Samstag, 29. April 1865 liest:

«Als am Montag zu Weiach anläßlich eines in einer Waldung ausgebrochenen Brandes der Sigrist die S[t]urmglocke läutete, rieß [sic!] der Zugriemen entzwei und der Sigrist that in Folge dessen einen so unglücklichen Fall rücklings, daß er ein Bein brach. Der Brand ist bald gelöscht worden und hat keinen großen Schaden angerichtet.»

Der Brand und der damit einhergehende Unfall ereigneten sich also am 24. April. 

Bezeichnend ist, dass diese Kurzmeldung kein Wort über mangelnden Unterhalt des Zugriemens verliert. Es ist ja offensichtlich, dass die Kirchgemeinde da am falschen Ort gespart hatte. Auf Kosten ihres Angestellen. Auch darüber, wie es dem Verunfallten danach gesundheitlich erging, schweigt sich die Kurzmeldung unter der Rubrik Lokales leider aus. 

Zu hoffen ist, dass der Sigrist keine bleibenden Schäden davongetragen hat oder gar gestorben ist. Bei komplizierten Brüchen kam das damals häufiger vor; denn ein ausgebautes Gesundheitswesen und medizinische Wunderwaffen wie Antibiotika gab es noch nicht.

Quelle

 Lägern-Bote No. 17, Regensberg, Samstag den 29. April 1865 – S. 2.

Montag, 24. Dezember 2018

Kuhgespanne in älterer Fassung des Dorfgedichts

Ja, Weiach hat ein Dorfgedicht - mindestens eines! So muss man das wohl nennen, wenn ein paar Verse lokalpatriotischen Inhalts für Wert erachtet werden, über Jahrzehnte in den Schubladen unterschiedlicher Gemeindebürger zu schlummern.

Das Dorfgedicht, um das es hier geht, wurde unter dem Titel «Es Dörfli» 2008 in den Gemeindemitteilungen abgedruckt (vgl. den mit Kommentar versehenen Text in WeiachBlog Nr. 651 vom 23. September 2008).

Solche spontan eingesandten (und veröffentlichten) volkstümlichen Beiträge haben im 21. Jahrhundert Seltenheitswert. In den Anfangszeiten der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» sind sie hingegen regelmässig zu finden. Die Redaktion (das Ehepaar Mauro und Ursula Lenisa) hat die oft handschriftlichen Zuschriften nicht selten im Original drucken lassen. So auch diese hier vom Mai 1988:

Wer den nachstehenden von Schenkel eingereichten, mit Schreibmaschine getippten Text mit dem 2008 publizierten vergleicht, erkennt die bis auf die Orthographie über weite Strecken identischen Inhalte. Ein Kommentar folgt im Anschluss:

Oises Dörfli ano 1920

1.
Es git es Dörfli, sisch z'underscht im Land,
E herzigs Nestli mit Züri verwandt.
J gsenes vormer wies artig da lit,
von Obstbäume beschattet zur Summerszit.

2.
Jm Mai doch erst wie schön isches im Mai.
Jm Blühet muesch es go g'schaue Juhei.
Jm Herbst na wenn Zwigli hanget voll Frücht.
Und alles amene prächtige Garte glicht
Und usem Garte chömed die herrliche Grücht

3.
Es Chirchli staht da, s'isch tusig nett
Jm Büehl ene luegets vom Türmli det
Es lueget fründli uf d'Hüser uf d'Lüt
Wie gester so sorgets für alli na Hüt.

4.
Von "Hofwiese" grüesst es heimeligs Hus
Fast Tägli springt d’Jungmannschaft i und us
S'wird [nöd] nu läse und schriebe drinn g'lehrt
Au d'Wisheit fürs Läbe wo so vill isch wert

5.
Jm Dorf obe chlapperet d'Mühli am Bach
Sie lauft mit der Zit verstaht ihres Fach.
Sie Mahlt und sortiert s'Mehl schmackhaft und zart
Us Cherne, usem Hasli und usem Hard.

6.
Witer une flüsst s'Bächli wieder in Teich
Es müend halt d'Wasserchreft usgnutzt sii zWeich.
E Werchstatt tribts na scho vili Jahr
Ja früener het mer det Tröschet sogar.

7.
Zur Sagi hindere gats Källe-n-uf
Am Holz fehlts nannig wos brucht für de Bruef
Me bringts vo de Bleiki, vom Sanzeberg
Vom Jsebüheli isch grad so begehrt.

8.
De Bedme i, muess mer wämmer per Bahn
Z'Visite, oder uf Züri will ga
Js Holzwerk, oder i Schäftliastält
Js Rhistedtli oder Kaiserstuhl wenns eim gfallt

9.
Gascht am Rhjhof une vorbj
Stoht es Wasserrad im Rhj
Wils elektrisch zoge is Land
Stoht sie jetzt im Ruhestand

10.
Und prachtvolli Wiese hets, Ackerland
Das ghört ja zum löbliche Buurestand
S'hett herliche Wald, nachli Rebe und Chlee
Vill Geisse und hühner, feiss Säu und schöns Veh

11.
S'isch gsuecht das fin Tafelobst wos da git
Die chreftig Milch bis i Stadt ie beliebt
D'Herdöpfel glichfals was meistens guet grat
Und s'Uebrig wo d'Landwirtschaft stellt parad

12.
Jm Früehlig natürli lockt d’Fasnachtflueh
Ganz bsunders s’Jungvolk gern zuenere ue
De Blick ufs Rafzerfeld uf de lieb Rhj
Uf Brugg und de Römer-turm ziehts eim hi

13.
Am Sunntig drum öppe wen d’Sunne lacht
Wird e sone gfreuts Türli i d’Höchi gmacht
S'wird gsunge und g'juchzet und gmüetli ta
S'wott Strüssli vo Maie e jedes na ha

14.
Dur d’wuche dur puurets vom Berg bis an Rhj
Potz wüeschte Fahne wie henkets da i
Mit Chüegspann fahrets über Land
Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland

15.
Obwohl ei gross Werch am andere folgt
So werdet im Summer vill Beeri gholt
Jm Stocki, im Schwendi, im Büechlihau
Und sinds derbi z'friede im Weiachergau

16.
Bim heiga wird gsunge und g'johled derbj
Dass es tönt bis äne an Rhj
Heubeerirolle - Chrätte hämer volle
Und Buschle i der Hand und es Mul es ischt e Schand

17.
Drum wämers nu grad eso mache wie sie
Und wöisched mer Gottessägä na dri
Und leged mer alles i sini Hand
Eusers so liebi W e i a c h e r l a n d .

Kommentar Anno 2018

Strophen 9, 11 und 16 nach der Fassung Schenkel (s. oben) sind in der Fassung Wagner (vgl. WeiachBlog Nr. 651) nicht enthalten. Möglich - ja wahrscheinlich - ist es, dass sie direkt von Schenkel stammen, erwähnt er doch in seinem handschriftlichen Kommentar selber, er habe das Gedicht «erweitert».

In Strophe 9 bringt Schenkel die Sprache auf das Wasserrad im Rhein beim Rhihof, welches gemäss Lagerbuch der Gebäudeversicherung 1912 einem Hochwasser zum Opfer gefallen ist (möglicherweise bereits 1910; vgl. Wasserrad beim Rheinhof weggeschwemmt, WeiachBlog Nr. 859 vom 15. Juni 2010; Bild des Wasserrads: vgl. http://doi.org/10.3932/ethz-a-000131290; im Mai 1925 postalisch gelaufen). Schenkel sagt im Gedicht einerseits, dieses Rad habe noch in den 1920ern bestanden und sei letztlich der Elektrifizierung zum Opfer gefallen, bzw. deswegen ausser Betrieb gesetzt worden (die Elektrizitätsgenossenschaft Weiach gibt es seit 1912). Vielleicht handelt es sich um ein nicht mehr versichertes Nachfolgeobjekt.

Mit der «Brugg» (bei Wagner nicht erwähnt) ist in Strophe 12 die Kaiserstuhler Rheinbrücke gemeint. «Römerturm» ist der (irreführende) volkstümliche Name des mittelalterlichen Oberen Turms, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen des Städtchens.

Es dürfte auch so sein, dass es sich bei der Schenkelschen Vorlage tatsächlich um einen älteren Text handelt. Wo nämlich an entsprechender Stelle (Strophe 14) bei Schenkel steht: «Mit Chüegspann fahrets über Land. Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland» ist bei Wagner dieser Passus durch: «Scho mängi Aarbet muess eläktrisch gaa. Mit Raat und Taat gänd d’Eltere naa.» ersetzt worden.

An dieser Modernisierung widerspiegelt sich indirekt der technologische Wandel, der bereits in den 1950er-Jahren Kuhgespanne zu einer aussterbenden Kuriosität gemacht hatte (darüber hat Walter Zollinger in seinen Jahreschronik 1959 geschrieben, vgl. WeiachBlog Nr. 680 vom 1. Oktober 2009).

Noch in den 1920er-Jahren aber, wo Schenkel die Entstehungszeit des Dorfgedichts ansetzt, dürften angesichts der damals noch vorherrschenden kleinbäuerlichen Strukturen vorgespannte Kühe gang und gäbe gewesen sein. So wie schon Mitte des 19. Jahrhunderts, wie es in der sog. Ortsbeschreibung 1850/51 zum Ausdruck kommt:

«Unter allen Hausthieren sind die armen Kühe am meisten zu bedauern, die Pflug und Wagen der kleinen Landwirthe allein schleppen und zugleich die ganze Haushaltung sammt denen, die draussen harren, mit hinreichender Milch versehen sollten, was den guten und willigen Thieren um die schwere Zeit ein etwas bedenkliches Aussehen gibt.» (Ortsbeschreibung Weiach, Abschnitt VII Viehzucht von Hans Heinrich Willi, Vieharzt)

In Schenkels Strophe 15, 3. Zeile, wird der Flurname «Büechlihau» erwähnt. Bei Wagner steht an selbiger Stelle (wohl verschrieben) «Büechli au», was so natürlich keinen Sinn macht. «Stocki» und «Schwendi» sind gleichfalls dorfnahe Waldstücke. Eine sinnentstellende Auslassung kennt auch die Fassung Schenkel in Strophe 4. Die fehlende Negation ist deshalb in eckigen Klammern ergänzt.

Auch die Strophe 16 wirkt schon vom Dramaturgischen her wie nachträglich eingebaut. Denn da kommt schon wieder Gesang und - diesmal gar: «Gejohle» vor.

Damit bleibt mir an Heiligabend nur noch eins übrig: mich dem in Strophe 17 geäusserten Wunsch nach Gottes Segen anzuschliessen.

Quelle

Schenkel, Joh.: Oises Dörfli ano 1920. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 1988 - S. 4-5.

Sonntag, 4. November 2018

Warum liegt der «Sternen» an der Stadlerstrasse?

Warum trägt der ehemalige Gasthof Sternen (Assekuranznummer 603) die Adresse Stadlerstrasse 2 und nicht das Riegelhaus rechterhand des Beginns der Chälenstrasse (Assekuranznummer 460), dessen Hauseingang eindeutig auf der Seite der Stadlerstrasse liegt, das aber nichtsdestotrotz die Adresse Chälenstrasse 2 trägt?

Betrachtet man die heutige Situation mit dem grossen asphaltierten Platz, dann kann man genauso auf die Idee kommen, der «Sternen» liege an der Kaiserstuhlerstrasse. Sie führt von der Parzellenbezeichnung 74 auf dem Plan der Amtlichen Vermessung aus nach Westen (nach Osten verläuft von dort aus die Glattfelderstrasse):

Bild: Amtliche Vermessung Kanton Zürich, 2016 (Stand am 23. Mai 2016)

Stützt man sich hingegen auf alte Karten, die den Zustand vor dem Ausbau der Sternenkreuzung (Mitte der 1970er-Jahre) zeigen, dann könnte der «Sternen» auch an der Kaiserstuhlerstrasse liegen. Ohne Ausbau der Kreuzung trüge das Gebäude seit 1992 wohl die Adresse Kaiserstuhlerstrasse 1.

Gehen wir auf eine Zeitreise. Und sehen uns zuerst die Situation wenige Jahre nach dem 1830 erfolgten Bau des «Sternen» an. Die Vorlage für die sog. Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte), ist eine detailgenaue kolorierte Tuschzeichnung (StAZH PLAN A 8.24), die in den 1840ern erstellt wurde:


Grün punktiert dargestellt sind Baumgärten, bzw. Hausgärten, rot Häuser in denen Menschen leben, schwarz reine Ökonomie- und Gewerbebauten, sowie öffentliche Bauten, wie Gemeindewaschhäuschen.

Etwas weniger übersichtlich und detailreich als die Zeichnung das Resultat im Druck auf der Wild-Karte ab 1850:


Im Topographischen Atlas der Schweiz, genannt Siegfried-Karte, der ab 1870 entstanden ist, zeigt sich die Situation des Jahres 1880:


Der Baumgarten auf der gegenüberliegenden Strassenseite des «Sternen» existiert nach wie vor. Auf der den Zustand von 1930 abbildenden Siegfriedkarte wurde er einer neuen Linienführung der Hauptstrasse geopfert. Neu ist da ein Dreieck eingezeichnet, das allerdings auf der Landeskarte nicht mehr existiert:

Siegfriedkarte 1930

Landeskarte L+T, zw. 1956 und 1961

Inflation der Nummer 2

Gehen wir zurück zum eingangs gezeigten Katasterplan, auf dem es rund um die Sternenkreuzung eine wahre Inflation der Gebäudenummer 2 gibt. Im Uhrzeigersinn beginnend im Osten haben wir da die Glattfelderstrasse 2, dann den Bachweg 2, die Büelstrasse 2, die Chälenstrasse 2 und die Stadlerstrasse 2 (eben den ehemaligen «Sternen»). Merkwürdigerweise gibt es auf diesem Plan von 2016 die Adresse Bachweg 2 scheinbar gleich doppelt.


Eine Parzelle, zwei Strassennamen

Auf den Karten ist der Fall klar: die in der Verlängerung der Chälenstrasse liegende Strasse nach Nordosten, welche Stadlerstrasse und Glattfelderstrasse verbindet, ist eine topologische Einheit und bildet auch eine Parzelle, die Nr. 1475. Für die amtlichen Vermesser war deshalb klar, dass der Bachweg direkt in die Stadlerstrasse mündet. Das tat er aber in der Realität nie. Dort wo auf dem Vermessungsplan «Bachweg» prangt, hat die Gemeinde eine Strassentafel mit der Bezeichnung «Büelstrasse» angebracht.

Der Vermessungsplan enthält gleich noch einen weiteren Fehler. Der Hauseingang des Gebäudes mit der Assekuranznummer 220 (Büelstr. 2) liegt nicht auf der Gebäudeseite, wo er sich tatsächlich befindet. Ruft man auf dem GIS des Kantons das Gebäuderegister auf, dann liegt der Hauseingang des Gebäudes Büelstr. 2 dort, wo sich der rote Kreis befindet. Wenn nun der Bachweg schon an der Stadlerstrasse begänne und nicht erst nach der Verengung nachdem die Rechtskurve Richtung Oberdorf passiert ist, dann müsste dieses Gebäude die Adresse Bachweg 2 tragen, die ehemalige Post die Adresse Bachweg 4.

Da muss das Ingenieur- und Vermessungsbüro Landolt, das den Plan für Weiach führt, über die Bücher. Und wo sie schon dabei sind, wäre auch eine klare Abgrenzung zwischen Kaiserstuhlerstrasse und Glattfelderstrasse sinnvoll. Denn aufgrund der Grenzen der Parzelle 74 kann man analog zum soeben geschilderten Problem auf die Idee kommen, die Glattfelderstrasse beginne erst auf der Höhe der Einmündung des Bachwegs, nicht dort wo die Stadlerstrasse auf die Hauptstrasse stösst.

Nachtrag vom 7. November 2018

Wie man aktuell auf maps.zh.ch (dem GIS des Kantons Zürich) sehen kann, ist die Abgrenzung zwischen Bachweg und Büelstrasse mittlerweile an die Realität angepasst worden. Die Parzelle 1475 wird jetzt durch einen Strich dort unterteilt, wo der Strassenname ändert. So zumindest im Plan der Amtlichen Vermessung (http://maps.zh.ch/s/fgguu8i8). Auf dem sog. «Übersichtsplan» (http://maps.zh.ch/s/gprtyms9) ist die Darstellung wie gehabt irreführend.

Andere Situationen, bei denen Parzellengrenzen in die Irre führen, stehen noch im Plan der Amtlichen Vermessung. So die oben erwähnte Situation auf der Sternenkreuzung. Oder die Abgrenzung zwischen Seerenstrasse und Dörndlihag. Nur dank dem als Bauprojekt eingetragenen Haus Dörndlihag 2 kommt man auf die Idee, dass die Seerenstrasse nicht die gesamte Parzelle 1206 umfasst: http://maps.zh.ch/s/tjmz3x83 - da hätte man doch die Abgrenzung zwischen den Parzellen 1205 und 1206 gleich an der richtigen Stelle machen können. Oder stehen die nicht beide im Gemeindeeigentum?

Und um die im Titel dieses Artikels gestellte Frage abschliessend zu beantworten: die Adresse des «Sternen» kann seit der umfassenden Sanierung der Kaiserstuhlerstrasse gar nicht mehr anders lauten als «Stadlerstrasse 2». Man sieht das an einem kleinen Detail, der nun entlang der gesamten Nordflanke durchgezogenen Insel zwischen Strasse und Trottoir/Radweg (im Mai 2016 war die noch nicht durchgehend, vgl. erstes Bild oben). Damit ist eine Zufahrt auf den Platz vor dem «Sternen» mit Motorfahrzeugen nur noch über die Stadlerstrasse möglich.

Freitag, 2. November 2018

Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde

Auf der Website der politischen Gemeinde wendet sich der Präsident an die Weycherinnen und Weycher und fordert sie dazu auf, einen Beitrag an die 750-Jahr-Feier des Jahre 2021 zu leisten (vgl. Screenshot).



Falsche Fährte

Einleitend schreibt Stefan Arnold: «In einer Urkunde aus dem Jahre 1271 wird Weiach erstmals erwähnt.» In diesem Satz sind gleich zwei Quellen für Fehlinterpretationen enthalten.

(1) Dass es sich bei der «erstmaligen Erwähnung» eigentlich um die «älteste erhalten gebliebene Nennung» des Ortsnamens handelt, habe ich bereits mehrfach angemerkt (vgl. dazu u.a. Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 6. Aufl., S. 20).

(2) Auch auf die Frage, ob es sich bei dem sozusagen als Weiacher «Geburtsurkunde» gehandelten Dokument tatsächlich um eine Urkunde im eigentlichen Sinn handelt, bin ich schon eingegangen: «Ebensolche Vorsicht muss man walten lassen, wenn es um die Frage geht, ob es sich bei dieser Erstnennung überhaupt um eine Urkunde gehandelt hat.» (vgl. WeiachBlog Nr. 453, 11. Mai 2007 mit Ergänzungen von 2016 und 2017).

Dem Gemeindepräsidenten kann man keinen Vorwurf machen, denn fast alle Quellen, die die Jahrzahl 1271 nennen, stossen in dieser Angelegenheit ins gleiche Horn, so dass natürlich auch im geschichtlichen Porträt auf der Website der Politischen Gemeinde (Porträt -» Geschichte) der Satz: «Erstmals wurde Weiach 1271 urkundlich erwähnt.» zu finden ist.

In diesem Beitrag zeige ich die Überlieferungsgeschichte auf und erläutere, weshalb die Bezeichnung «Urkunde» auf die falsche Fährte führt und folgerichtig vermieden werden sollte.

Ein Urbar im Urkundenbuch

Am Anfang der Missverständnisse steht das «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich», herausgegeben von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich zwischen 1888 und 1957, konkret dessen Band 4, erschienen zwischen 1896 und 1898. Auf S. 165 wird unter Nr. 1459 auszugsweise aus einem Einnahmenverzeichnis der Fraumünsterabtei Zürich zitiert, das heute unter der Signatur «StAZH C II 2. Nr. 79 e» im Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH) aufbewahrt wird: «Iohannes dictus Brotpeko de Cheiserstůl I den. de bonis suis in Wiâch, que comparavit a Ia. dicto Gêbi.» (vgl. die roten Kasten)




Ein Einnahmenverzeichnis wird auch als Urbar bezeichnet. Der Name leitet sich vom althochdeutschen «urberan» bzw. dem mittelhochdeutschen «erbern» (hervorbringen, Ertrag bringen bzw. ertragbringendes Grundstück) ab (vgl. Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel Urbare, Stand: 14. Januar 2014). Urbare entfalten zwar Rechtskraft und die Informationen darin wurden in der Regel von den Bewirtschaftern der fraglichen Grundstücke auch unter Eid erhoben. Es handelt sich jedoch technisch gesehen um Akten, also Verwaltungsschriftgut.

Eine Urkunde hingegen zeichnet sich in der Regel durch eine bestimmte (oft formelhafte) Sprache aus, sie nennt die Beteiligten und den geregelten Gegenstand in der gebotenen Ausführlichkeit (damit jedem Dritten klar ist, worum es sich handelt und worüber die Beteiligten sich verständigt haben). «Zentraler Bestandteil der Urkunden», so Anne-Marie Dubler im Historischen Lexikon der Schweiz sei «die Beglaubigung (z.B. durch ein Siegel oder eine Unterschrift), welche ihnen erst rechtl. Beweiskraft verleihen. Durch diese unterscheiden sich die Urkunden von anderen Quellengattungen wie Akten, Briefen oder persönl. Aufzeichnungen.» (e-HLS, Artikel Urkunden, Stand: 14. Januar 2014).

Selbst wenn man die Definition des Duden für den Begriff Urkunde heranzieht, wird diese als «[amtliches] Schriftstück, durch das etwas beglaubigt oder bestätigt wird; Dokument mit Rechtskraft» bezeichnet.

Dem Urbar-Eintrag zu Wiach, einer simplen Notiz in einem Verzeichnis der Fraumünsterabtei, geht der Beglaubigungscharakter vollständig ab. Bei diesem Einnahmenverzeichnis handelt es sich daher ganz eindeutig NICHT um eine Urkunde.

Nur leider wurde 1896 ein Ausschnitt aus diesem Urbar ausgerechnet im Zürcher Urkundenbuch aufgenommen. Womit - verständlicherweise - die Annahme, es handle sich auch bei diesem Dokument um eine Urkunde, naheliegend war (und ist).

Ab den 60er-Jahren verbreitete Legende

In Heimatbüchern, die sich (ausschliesslich oder unter anderen) der Gemeinde Weiach widmen, wird die Legende von der Urkunde, in der Weiach erstmals erwähnt sei, seit den 1960ern verbreitet.

1962 steht in Band V der sogenannten Bezirkschroniken des Kantons Zürich (bearbeitet von Paul Nussberger und Eugen Schneiter) noch der einfache Vermerk: «1271 wird das Dorf Wiach genannt».

Der damalige langjährige Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer hat im September 1963 in seinem ortskundlichen Abschnitt im Buch «WEIACHER KIES (red. von E. Mühlheim, Stäfa 1963) mit dem Satz «In alten Urkunden wird das Dorf Weiach erstmals 1271 genannt» sozusagen den Startschuss gegeben. Von da an ist die Urkunde treuer Begleiter der Jahrzahl.

Emil Maurer sekundiert in seiner Monographie «Die Kirche zu Weiach» (mutmasslich 1965 publiziert) mit: «Der Ortsname «Wiach» wird erstmals im Jahre 1271 urkundlich erwähnt.»

In seiner Bundesfeieransprache vom 1. August 1971 verfestigte (gemäss Redemanuskript) alt Lehrer Walter Zollinger die Urkundenlegende mit der Formulierung: «Der Name Weiachs oder wie er vor alten Zeiten lautete, Wîach, tritt soweit bis jetzt bekannt ist, erstmals in einem Kaufbrief aus dem Jahre 1271 auf.» - Ähnlich äussert sich Zollinger in der 1. Auflage seiner 1972 erschienenen Monographie Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach: «Erstmals findet sich der Name Weiachs in einem lateinisch verfassten Kaufbrief aus dieser Zeit, nämlich im Februar 1271, erwähnt.»

Nur der Schatten einer Urkunde

Ein Kaufbrief ist eine Urkunde, da besteht kein Zweifel. Die Überlieferung im Einnahmenverzeichnis der Fraumünsterabtei nimmt Bezug auf einen (im 13. Jahrhundert wohl vorhandenen) Kaufvertrag zwischen Johannes, «genannt Brotbeck von Cheiserstuol (Käufer) und Jacobus, genannt Gebi (Verkäufer).

Wir stellen also fest: Die älteste noch vorhandene Erwähnung des Ortsnamens Wiach findet sich in einer Aktennotiz zu einer Urkunde. Die Existenz der Urkunde selber kann nur vermutet werden. Es ist fast so wie im berühmten Höhlengleichnis aus der klassischen griechischen Philosophie. Wir Heutigen können nur den Schatten von etwas sehen, das eine Urkunde sein könnte. Der Schatten ist der Eintrag im Einnahmenverzeichnis. Das Objekt, das den Schatten geworfen hat können wir nur erahnen. Meierhofer-Nauer, Maurer und Zollinger erwecken mit ihrer Formulierung den Eindruck, das schattenwerfende Objekt als Kaufbrief identifizieren zu können. Man könnte fast meinen, das Dokument liege sozusagen mit Brief und Siegel vor uns. Das tut es aber nicht.

Da wir die Originalurkunde nicht kennen (und letztlich nicht einmal wissen, ob es sie je gegeben hat) ist es auch nicht möglich festzustellen, auf welches Jahr die Eigentumsübertragung zwischen Johannes dem Bäcker aus Kaiserstuhl und Jacobus genannt Gebi genau gefallen ist. Fand sie noch Anno 1270 statt? Wenn der Eintrag im Urbar im Februar 1271 erfolgte, dann kann es sehr wohl sein, dass die Transaktion, welche ihn veranlasst hat, Monate zuvor erfolgt ist. Vielleicht auch erst nachdem die Abtei versucht hatte, den (jährlichen) Denar von Jacobus (oder seinen Nachkommen) einzuziehen und bei dieser Gelegenheit mit dem Eigentumsübergang konfrontiert wurde.

Die Kanonisierung der Legende

In den Adelsstand des Faktischen erhoben wurde die Legende von der Urkunde durch Hilmar Höber in der NZZ: «Der Name Weiach wurde erstmals im Jahre 1271 in einer Urkunde erwähnt.» (Höber, H.: 700 Jahre Weiach. In: Neue Zürcher Zeitung, Freitag, 15. Oktober 1971, Mittagausgabe Nr. 481 – S. 21., vgl. WeiachBlog Nr. 453)

Damit war der Weg vorgespurt. Es ist völlig klar, warum alt Gemeindeschreiber Hans Meier für seinen Beitrag in dem zum Jubiläum 125 Jahre Verein Zürcherischer Gemeinderatsschreiber und Verwaltungsbeamter (VZGV) 1981 publizierten Büchlein «Die Gemeinden im Kanton Zürich» auf S. 269 den Satz «1271 ist Weiach erstmals urkundlich erwähnt.» formulierte, der fortan erst recht zum Selbstläufer wurde.

Und die Geschichts-Seite unter der Rubrik Porträt auf der Gemeindewebsite? Die wurde - leicht überarbeitet - zu weiten Teilen direkt aus dem VZGV-Büchlein übernommen. Auch die Passage mit der urkundlichen Erwähnung (vgl. das Zitat im Abschnitt «Falsche Fährte» oben)

Bescheidenheit hat auch Vorteile

Die «erstmalige Erwähnung» des Namens Wiach findet man also nicht in einem Kaufbrief oder einem anderen erhalten gebliebenen Dokument, das mit Siegeln versehen den Rang einer Urkunde für sich beanspruchen kann. Sondern in einem bescheidenen, leicht zu übersehenden Verwaltungsvermerk.

Eine solche Geburtsurkunde ist dem Charakter der immer auf ihre Eigenständigkeit bedachten Dorfgemeinde auch viel angemessener als jede noch so pompöse Urkunde. Nicht aufzufallen um von den Mächtigen in Ruhe gelassen zu werden. Das hat für die Weiacher in vielen Jahrhunderten weit besser funktioniert als jeder von Königen und Kaisern ausgestellte Freibrief. Solche Dokumente wurden ja auch gern gefälscht - einfach weil man damit einen Machtanspruch untermauern wollte, wie der Vatikan weiland mit der Konstantinischen Schenkung.

Fazit: Wie wäre es mit der neuen Formulierung: «Die älteste erhalten gebliebene Erwähnung von Weiach in einem Einkünfteverzeichnis der Fraumünsterabtei fällt auf das Jahr 1271.»?

Donnerstag, 1. November 2018

750 Jahre Weiach?

Die Website der Politischen Gemeinde Weiach führt seit kurzem eine neue Rubrik in ihrer horizontalen Zugangsleiste: «750 Jahr Feier» (vgl. Screenshot)


Der Gemeinderat hat also entschieden: 2021 es gibt (wieder einmal) ein grosses Dorffest. Die letzten Feste fanden 2012 aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach und der ersten Stromlieferung (24. Dezember 1912) sowie 2017 mit dem Kantonalen Schwingfest zur Feier «100 Jahre Turnverein Weiach» statt.

Der Anlass diesmal: «Im Jahr 2021 wird Weiach 750 Jahre alt.» (vgl. den am 31. Oktober publizierten Aufruf an Kandidaten für das Organisationskomitee)

Bei Kaiserstuhl korrekt...

Unser Nachbarstädtchen Kaiserstuhl feierte 2005 sein 750-Jahr-Jubiläum. Nicht ganz zufällig, denn die Gründung der Stadt lässt sich zwar nicht auf den Tag genau bestimmen. Aber doch auf wenige Jahre. Die Gründung muss kurz vor 1255 erfolgt sein. Denn in diesem Jahr wurde Lütold VI. von Regensberg von einem Gericht dazu verpflichtet, das Kloster St. Blasien für zwei Jahre lang zu Unrecht von dessen Häusern bei Kaiserstuhl bezogene Abgaben zu entschädigen. 1254 hatte Freiherr Rudolf von Kaiserstuhl fast seinen gesamten Streubesitz an das Kloster Wettingen verkauft. Der Erlös dürfte sein Einsatz bei der Stadtgründung gewesen sein (vgl. 750 Jahre Nachbarschaft. Aus der gemeinsamen Geschichte von Kaiserstuhl und Weiach, 1255-2005. Weiacher Geschichte(n) Nr. 70. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2005, S. 15-19).

... bei Weiach nicht

Und Weiach? Wurde Weiach tatsächlich um 1271 gegründet? Nein. Diese Dorfgemeinschaft ist mit Sicherheit wesentlich älter. Wie alt, darüber kann man nur spekulieren. Folgt man der herrschenden Lehrmeinung unter Namensforschern, dann leitet sich der Ortsname von einem gallorömischen Personennamen ab. Veius, Vedius oder Veidius soll der Mann geheissen haben, der Weiach seinen Namen gab. Und weil ab spätestens dem Jahre 600 die Alamannen in grösseren Gruppen in unserer Gegend sesshaft wurden, müsste Weiach damals bereits existiert haben und mithin mindestens 1400 Jahre alt sein.

Nur gibt es halt keinen schriftlichen Beleg (mehr), der älter ist als der Eintrag in einem Zinsrodel (d.h. Einnahmenverzeichnis) der Fraumünsterabtei Zürich. Der Eintrag selber - mit der Ortsnamensnennung «in Wiâch» - trägt zwar kein Datum, befindet sich aber zwischen datierten Notizen zu anderen Zinsverpflichtungen, was eine Datierung auf Februar 1271 zulässig macht. Denn es geht darin um den Übergang der Zinsverpflichtung auf eine andere Person, die der Abtei gehörende Grundstücke in Weiach gekauft hatte.

Wenn die Freiherren von Wart nicht in Ungnade gefallen wären

Massgebend waren in Weiach zu dieser Zeit die Freiherren von Wart. Deren Aufzeichnungen zu Weiach - sofern zu dessen Erwerb durch das Geschlecht je schriftliche Urkunden existiert haben - dürften 1308/09 der Rache der Habsburger zum Opfer gefallen sein. Einer der drei Mörder von König Albrecht (einem Habsburger) war nämlich ein von Wart, worauf das ganze Geschlecht in Sippenhaft genommen wurde (vgl. Habsburger-König Albrecht ermordet! Welche Rolle die Freiherren von Wart dabei vor 700 Jahren spielten. Weiacher Geschichte(n) Nr. 102. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 2008, S. 9-14.) Wären die Urkunden derer von Wart überliefert, dann sähe die Sache vielleicht anders aus. Und die 750-Jahr-Feier wäre bereits Geschichte.

So aber ist bereits die älteste erhaltene Erwähnung des Ortsnamens Wiach untrennbar mit Kaiserstuhl verbunden. Denn der neue Eigentümer, der nun der Abtei zinsen musste, war ein in Kaiserstuhl ansässiger Bäckermeister.

Samstag, 1. September 2018

«Das Haus wird auf diese Weise immer lebendig sein»

Pünktlich per Mitternacht, 1. September, ist auf der Gemeindewebsite die neueste Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW) elektronisch veröffentlicht worden (in die Briefkästen wird die gedruckte Ausgabe jeweils schon vor Monatsbeginn verteilt).

Auf S. 18 ist die Ausstellung «50 Jahre Ortsmuseum Weiach» angekündigt: auf den 16. & 23. September, jeweils von 11:00 bis 17:00. Ein halbes Jahrhundert ist unser Ortsmuseum alt. Aber das Museumskonzept ist seit eh und je dasselbe. Und: es ist immer noch mit Leben erfüllt. Das Zitat im Titel dieses Beitrags stammt aus einem Artikel des Neuen Bülacher Tagblatts (NBT) von Anfang Oktober 1968, vgl. den WeiachTweet Nr. 1711 (unten).
Unverändertes Grundkonzept seit Jahrzehnten

Vergleicht man das heutige Museumskonzept mit dem damals von der Gründungsgruppe der Ortsmuseumskommission unter der Leitung von Walter Zollinger entwickelten (und im NBT dokumentierten), dann ist offensichtlich, dass es funktioniert.

Es mögen ja jeweils nicht gerade massenhaft Besucher an den Müliweg 1 kommen (das würde das bescheidene Haus auch massiv überfordern). Die wechselnden Ausstellungen locken aber zuverlässig - teils mehrmals im Jahr - Menschen an, die sich für die Art und Weise interessieren, wie die einfachen Weiacherinnen und Weiacher noch vor wenigen Jahrzehnten gelebt haben.

Die überwiegende Mehrheit der Einwohner von Weiach lebte über Jahrhunderte hinweg bescheiden, so wie die Geschwister Liebert, die sich als Damenschneiderin und Kleinbauer durchschlugen. Und insofern bildet gerade das «Liebert-Haus» die Lebensrealität früherer Tage sehr gut ab. Besser als ein eindrücklicher Riegelbau, der Wohlstand ausstrahlt und für die dörfliche Oberschicht stünde (wie es das Weierbach-Hus in Eglisau darstellt).

NBT-Artikel bildet Intention der Gründer ab

Nachstehend nun der volle Wortlaut des Artikels im Neuen Bülacher Tagblatt:

«Als im Jahre 1966 die Gemeinde Weiach das alte Haus neben der Mühle kaufte, das schon seit Generationen der Familie Liebert gehört hatte, und dessen Hauptteil wahrscheinlich im ausgehenden 18. Jahrhundert gebaut wurde (spätere Bewohner haben es erweitert), beschloss der Gemeinderat, die Räume im Parterre für das schon lange geplante Ortsmuseum zur Verfügung zu stellen und die Räume im 1. Stock zu einer Wohnung auszubauen. Unterdessen allerdings haben sich die Pläne etwas geändert. Im Parterre ist das Ortsmuseum mit viel Geschick eingerichtet worden, in den oberen Räumen aber wurde Platz für die «Galerie Liebert» geschaffen.

Mit der Galerie möchte die Ortsmuseumskommission und der Gemeinderat das Ortsmuseum beleben, und zwar auf die Art, dass in den beiden Galerie-Räumen immer wieder etwas Neues gezeigt wird und dass dadurch Besucher ins Haus kommen, die das Museum betrachten, das ja auch immer neue Stücke erhält und ausstellt. Die Gefahr, dass man das Ortsmuseum einmal ansieht und dann Jahre vergehen, bis man es wieder besucht, obwohl viel Interessantes zu sehen wäre, ist durch die wechselnden Ausstellungen, seien es gemeindeinterne Ausstellungen oder auch Kunstausstellungen, gebannt. Das Haus wird auf diese Weise immer lebendig sein und kann sehr gut eine Art dörfliches Kulturzentrum werden.

Das Ortsmuseum - wohnliche Räume

Der erste Eindruck, den der Besucher vom Ortsmuseum erhält, ist der von Wohnlichkeit. Man tritt von der Strasse direkt in die Küche, die so eingerichtet ist, als ob immer noch jemand in diesem Hause lebe. Der alte Ofen mit seinen Pfannen, der gedeckte kleine Tisch, die Rebschürze über dem Stuhl und das Gestell mit dem irdenen Geschirr - alles ist echt und lebendig. Auch die Stube nebenan mit dem alten grünen Kachelofen und der gemütlichen Ofenbank vermittelt diesen Eindruck. Auf dem ovalen Tisch steht noch das Arbeitskörbchen mit der Lismete, daneben liegt eine alte Bibel und die Lesebrille. Es ist als ob der Bewohner das Zimmer nur für kurze Zeit verlassen hätte. In der Küchenkammer hängen an der Wand alte Uniformen, ein Kinderbett und ein hohes altes Bett, ein Fussschemel und Waschgeschirr lassen das Schlafzimmer vor dem Beschauer erstehen.

Alt Lehrer W. Zollinger, der 43 Jahre in Weiach unterrichtet hat und der sehr mit dem Dorf verbunden ist, hat das Haus mit viel Sorgfalt eingerichtet. Er hat darauf geachtet, dass die Schätze, die er und die anderen Mitglieder der Ortsmuseumskommission schon gesammelt haben, ehe überhaupt sicher war, ob es möglich sei, ein Ortsmuseum einzurichten, mit Verständnis und Liebe geordnet und ausgestellt wurden [sic!].

Im schmalen Verbindungsgang zur Scheune hängen alte Fruchtsäcke, ist ein Tüchel aus Föhrenholz (alte Wasserleitung) zu sehen und hängt altes bäuerliches Arbeitsgeschirr. Im Zimmer hinter der Stube kann man alte Weiacher Ziegel sehen. Der älteste trägt die Jahrzahl 1688 und viele von ihnen sind verziert. Die alten Kaufurkunden des «Liebert-Hauses" wurden zusammengestellt und Windlichter der Feuerwehr aus den Jahren 1864 und 1900 zeugen von vergangener Romantik.

Jedes Stück im Museum wurde beschriftet und man kann aus dem Text klar ersehen, woher das Stück kommt, wie alt es ist und was es ist.

Jedes Möbelstück und jeder Gegenstand im Museum stammt aus Weiach, und man hofft, dass im Laufe der Jahre noch mehr zusammengetragen wird, so dass sich der heutige Dorfbewohner ein klares Bild über die Vergangenheit seiner engeren Heimat machen kann.

Obwohl das Ortsmuseum schon vor einiger Zeit seine Türen für den Besucher geöffnet hatte, wurde immer noch fleissig in Fronarbeit am Ausbau der "Galerie Liebert" gearbeitet. Am kommenden Samstag wird sie mit der

Ausstellung des Malers Fritz Schmid, Bachenbülach

eröffnet. Fritz Schmid, der Bachenbülacher Maler und Lehrer, kennt zwei grosse Themen in seinem künstlerischen Schaffen: das Unterland und den Lötschberg. In Weiach zeigt er sowohl Walliser Bilder als auch Bilder mit Unterländer Motiven. Reizvoll sind die Landschaften des Neeracher Ried. Die Dörfer, eingebettet in die Landschaft, haben den Maler immer wieder inspiriert. So ist in Weiach ein fröhliches Bild von Hochfelden mit einem leuchtenden Rapsfeld zu sehen und Weiach selber hat das Motiv zu einem in warmen Farben gehaltenen Bild des Dorfes mit der Kirche gegeben.

Neben Oelbildern zeigt Fritz Schmid noch Zeichnungen vor allem aus Weiachs Umgebung, in denen das festgehalten ist, was die Schönheit des Unterlandes ausmacht.

Die Ausstellung ist Samstag, 5., 12. und 19. Oktober, von 14-17 Uhr, geöffnet, und Sonntag, 6., 13. und 20. Oktober, von 10-12 Uhr und von 14-17 Uhr. -f.
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Man mag sich fragen, was Windlichter der Feuerwehr mit Romantik zu tun haben sollen - es sei denn, man würde an «Pyromantik» denken.

Zum Baujahr des Hauptteils liegen heute auch andere Erkenntnisse vor - man geht tendentiell von der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus, nicht von der Zeit um die französische Revolution herum (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 63 zur Baugeschichte).

Ansonsten gibt der Artikel ein anschauliches Bild vom damaligen Zustand kurz nach der Eröffnung. Interessant ist insbesondere, dass damals schon entschieden war, den oberen Stock nicht zur Mietwohnung auszubauen - und so das ganze Gebäude als Museum zu nutzen. Ein Entscheid, der mit Sicherheit ebenfalls wesentlich zum Erfolg beigetragen hat. Eine reine Chronikstube im Erdgeschoss wäre wohl nicht so gut angekommen. Die drei Räume im Obergeschoss und der Estrich hingegen werden als Ausstellungsflächen Jahr für Jahr in neuer Weise genutzt.

Wenn man die aktuelle rasend schnelle Entwicklung Weiachs zur verstädternden Agglomerationsgemeinde mit vielen Schlafwaben, hoher Fluktuation und hohem Ausländeranteil vor Augen hat, dann wird der Bezug zu den alten Wurzeln noch wichtiger als zuvor.

Das Museumskonzept kann wohl noch Jahrzehnte beibehalten werden. «Auf die nächsten 50 Jahre!», kann man da nur sagen.

Quelle
  • Altes und Modernes im Ortsmuseum Weiach, dem «Liebert-Haus». Ausstellung Fritz Schmid in der «Galerie Liebert». In: Neues Bülacher Tagblatt, Nr. 232, 5. Oktober 1968.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Wie liefert man 28 3/4 Eier? Partizipationsscheine anno dazumal

Am 14. Februar 1610 tauschte «Heinerich Werdmüller der elter, burger zu Zurich» seine zwei Grund- und Bodenzinse von 5 Mütt ein Viertel Kernen, ein Fasnachthuhn, zwei Herbsthühner und 60 Eier vom Hof, genannt «des Pfiffers güetter» zu Weyach, und von vier Mütt minder drei Mässli Kernen, 9½ Viertel Haber, 19 Zürcher Schilling, zwei Herbsthühner, ein Fastnachthuhn und 28¾ Eier vom Meierhof zu Weyach mit Schultheiss und Rat von Kaiserstuhl gegen eine andere Kernengült. (Vgl. Aargauer Urkunden, Band XIII, Die Urkunden des Stadtarchivs Kaiserstuhl, Nr. 368.)

Hinweis auf eine Teilung?

Da ging es also um einen Handel mit Partizipationsscheinen zwischen einem Wohlhabenden aus der Stadt Zürich und der Stadt Kaiserstuhl als Gemeinde. Denn eine Gült war eine Schuldverschreibung, d.h. ein Wertpapier, das untrennbar mit dem Grundstück, auf das es ausgestellt wurde, verbunden war - und nicht etwa mit dem jeweiligen Eigentümer oder Pächter (Vgl. Brandenberger, U.: Eine Gült wechselt die Hand. Der Bauernhof der Familie Ringli – vor 600 Jahren eine Kapitalanlage. Weiacher Geschichte(n) 112. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2009 – S. 10-12.).

Was hat es mit dieser seltsamen Zahl 28 ¾ auf sich? Die Stückelung von Partizipationsscheinen kann bekanntlich frei gewählt werden. Und diese Zahl könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich  bei dieser auf dem «Meierhof zu Weyach» lastenden Kernengült um eine von vier gleichlautenden Gülten gehandelt hat. Die zweimalige Verdoppelung ergibt nämlich eine gerade Zahl: 115 Eier.

Je nachdem wie alt die Gült zu diesem Zeitpunkt bereits war, entsprach dieser Viertel vielleicht tatsächlich noch einem der vier Bauernhöfe zu dem der einstige Meierhof aufgeteilt wurde. Oder bereits mehreren solcher Wirtschaftseinheiten. Den Rechteinhabern konnte das egal sein, denn das Inkasso war nicht ihr Problem.

Das Problem des Tragers

Für das Einkassieren des Coupons, also des in der Gült erwähnten Zinses, wandte sich der jeweilige Inhaber der Gült an den sogenannten Trager. Der war für's Einkassieren der fälligen Erträge zuständig (und haftbar). Damit lösten die Grundherren das Problem, dass immer häufiger ehemals grosse Einheiten (mit oder ohne ihr Einverständnis) durch Erbteilung zerstückelt wurden. In diesem Fall musste der Trager dann eben 4 x 28 ¾ Eier (oder deren Gegenwert) einsammeln.

Und wie soll man nun die in der zweiten Gült genannten ¾ eines Eies abliefern? Aus dieser Schwierigkeit ergibt sich, dass diese Eier zumindest entsprechend monetarisiert bzw. in andere Sachwerte umgerechnet wurden. Je näher wir unserer heutigen Zeit kommen, wurden die Zinsen solcher Gülten jeweils in eine Geldschuld umgewandelt.

Mütt, Viertel, Mässli?

Wer sich mit der Frage befassen will, welche Grössenordnung die obgenannten Getreidehohlmasse Mütt, Viertel und Mässli hatten, der sei auf das Historische Lexikon der Schweiz (e-HLS) und dort auf die Artikel von Anne-Marie Dubler verwiesen, so z.B. Dubler, A.-M.: Artikel Mässli. Historisches Lexikon der Schweiz (Stand 29.10.2009).

Da Masse, Gewichte und Geldeinheiten vor 1877 eine höchst lokal geprägte Angelegenheit waren und daher bspw. ein Mütt je nach Zeitraum und Landesgegend sehr unterschiedlich viel fassen konnte, müssen alle Umrechnungsergebnisse mit grösster Vorsicht behandelt werden. Gerade bei solchen Wertpapier-Tauschgeschäften mit Gülten wie dem von 1610, wo Erstellungsjahr und Ausstellungsort der Gülten nicht genannt sind, kann man lediglich von Bandbreiten ausgehen, vgl. dazu Wiachiana Dokumentation Nr. 2: Masse und Gewichte im alten Weiach.

[Veröffentlicht am 8. November 2018 um 10:59 MEZ]