Montag, 18. Januar 2021

Die kleindeutsche Lösung klopfte vor 150 Jahren an die Tür

Waren Sie schon einmal an der Schaffhauser Grenze? Da findet man bis heute hunderte von grossen Grenzsteinen, die allesamt die Jahrzahl 1839 tragen. Dazu die Buchstaben «GB» auf der deutschen und «CS» auf der Schweizer Seite. Der Canton Schaffhausen und das Grossherzogtum Baden markierten damals ihre neu vereinbarten Staatsgrenzen. Beide waren weitgehend unabhängig, gehörten aber je einem Staatenbund an, die beide im Gefolge des Wiener Kongresses 1815 entstanden waren.

1848 trat Schaffhausen dem Schweizer Bundesstaat bei. Das war auch das Jahr, in dem der Deutsche Bund seine Bedeutung faktisch völlig eingebüsst hat (vgl. Wikipedia). Grund: die angestrebte Bundesreform war gescheitert. In den nächsten Jahren zeichnete sich immer mehr ab, dass Preussen, Österreich und die vielen kleineren und mittleren Staaten (wie das Grossherzogtum Baden und das Königreich Bayern) unterschiedliche Interessen verfolgten, was 1866 sogar zum innerdeutschen Krieg führte (vgl. übernächster Abschnitt). 

Vermiedener eidgenössisch-preussischer Krieg

Dazwischen rasselten die Preussen beim Neuenburgerhandel 1856/57 vernehmlich mit dem Säbel, verzichteten dann aber (auch auf Vermittlung durch Napoléon III.) auf eine Intervention. 

Bis dahin war die République et Canton de Neuchâtel nämlich staatsrechtlich noch ein preussisches Fürstentum gewesen. 1848 hatten radikale Demokraten zwar die Republik ausgerufen. Die Royalisten warteten aber nur auf eine günstige Gelegenheit, die sie 1856 gekommen sahen. Der Putsch wurde mit eidgenössischer Hilfe rasch niedergeschlagen, führte aber dazu, dass die Preussen ihre Truppen mobilisierten und gegen die Schweiz ziehen wollten. 

In der Schweiz führte das zu einem unglaublichen Nationalgefühl. Der eidgenössische Generalstab unter General Dufour rechnete damit, dass die Badenser (die nicht gerade preussenfreundlich waren), sich zumindest nicht schweizfeindlich verhalten würden und plante einen Schlagabtausch auf badischem Territorium um die eigene Bevölkerung und Infrastruktur zu schonen! 

Wie es ausgegangen wäre? Dieser Praxistest blieb uns glücklicherweise erspart, denn wie sich kurz darauf zeigte, war mit den Preussen nicht zu spassen: schon 1864 führten sie Krieg gegen Dänemark.

Der Deutsche Bund zerlegt sich

Nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz 1866 (auf die ein Weiacher Gemeinderat bei einem Streit mit dem Regierungsstatthalter Bezug nahm, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 55, S. 147-148) mussten die Habsburger in eine kleindeutsche Lösung einwilligen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Preussen erfuhr einen gewaltigen Machtzuwachs und war die treibende Kraft bei der Gründung des Norddeutschen Bundes von 1867. Im gleichen Jahr sah sich der österreichische Kaiser gezwungen, die k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn entstehen zu lassen, bei der beide Reichsteile gleichberechtigt waren.

Ein Kaiserreich geht unter, ein anderes entsteht

Und bereits am 19. Juli 1870 ging es mit den kriegerischen Ereignissen weiter, diesmal gegen Frankreich unter Kaiser Napoléon III (der übrigens Artillerieoffizier der Schweizer Armee und mit dem grossherzoglich-badischen Herrscherhaus verwandt war). 

An diesem Feldzug beteiligten sich auf deutscher Seite auch die Staaten im Süden, die nicht zum Norddeutschen Bund gehörten, d.h. auch das Grossherzogtum Baden. Bereits am 2. September ging das Kaiserreich unter (weil Napoléon III. bei Sedan in Gefangenschaft kam). Frankreich kämpfte als Republik weiter. 

Auf deutscher Seite einigten sich die beteiligten Fürsten auf einen gesamtdeutschen Bund, der am 1. Januar 1871 zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führte. Und heute vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, (also lange vor Kriegsende am 10. Mai 1871) wurde der preussische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Weiach hatte nun eine Grenze zum Deutschen Reich. Nicht mehr zum Grossherzogtum Baden.

Die Weiacher spürten diese Ereignisse vor allem wirtschaftlich. Mental auch durch die Mobilisierungen der Armee und das prägende Ereignis des Übertritts der Bourbaki-Armee bei Les Verrières, einem schnell zusammengewürfelten Haufen, der froh war, nicht (mehr) kämpfen zu müssen.

Freitag, 15. Januar 2021

Die Weiacher Quarantäne-Baracke von 1720/21

Vor 300 Jahren fand sich die Zürcher Obrigkeit in einer ähnlichen Situation wie die heutige. Eine Seuche war südwestlich des eigenen Gebiets ausgebrochen, die marsilianische Pest (vgl. WeiachBlog Nr. 3 mit Verweisen auf Weiacher Geschichte(n) Nr. 9 und 10). Rund um die Staaten der Eidgenossenschaft griffen die Regenten zu drastischen Handels- und Einreisebeschränkungen. In Zürich musste man befürchten, mit einem «bando» belegt zu werden, wenn man nicht mitzog.

Also erliess die Regierung 1720 in kurzer Abfolge mehrere Mandate (vgl. WeiachBlog Nr. 1510, 1599 und 1606). Und man liess auch konkrete Taten an den Grenzen des eigenen Herrschaftsgebiets folgen. So kam der Grenzort Weiach zu einem sogenannten «Erlufftungshaus». 

Der Weyacher Pfarrer Rudolf Wolf erhielt vom Sanitätsrat (der obrigkeitlichen Gesundheitsbehörde) den Auftrag, zwei ehrliche ortsansässige Männer für den Dienst im Quarantäne-Haus vorzuschlagen. Berücksichtigt wurden schliesslich «Hanns Meyer zugenant Ludj Hanns» und Rudolf Herzog, ein Bäcker, «denen vonhier auff zugegeben worden, ein Ballenbinder, der Melchior Ammann von Hirschlanden».

Beim Bau gab es etliche Probleme. Noch Anfang Dezember beschwerte sich der Verantwortliche, Wände seien undicht und es dringe Wasser ein. Ob und wie dieser Mangel behoben wurde, ist dem Verfasser dieser Zeilen nicht bekannt. Jedenfalls konnte der reguläre Quarantäne-Betrieb bald aufgenommen werden. 

Man hörte, dass der Pest-Ausbruch in Marseille irgendetwas mit dem Textil-Handel zu tun habe. Entsprechend wurden einzuführende Güter insbesondere dieser Warengruppe in Quarantäne gesetzt.

Am 13. Dezember 1720 trafen die ersten 100 Säcke Baumwolle zur «Erlufftung» ein. Sie mussten der Länge nach aufgeschnitten und während drei Wochen gelüftet werden. Darauf sollten die Säcke gekehrt und auf der anderen Seite geöffnet werden. Auch die folgende Lagerungsperiode musste drei Wochen dauern. Sechs Wochen entsprechen rund 40 Tagen, man hat also die Quarantäne (quarante) wörtlich genommen.

Vorsichtshalber erliess man gleich für weitere Warengruppen Vorschriften. Für Seife und Öl durfte die Quarantäne halbiert werden. Die galten offenbar als weniger gefährlich.

Bei der Umsetzung dieser gutgemeinten Vorschriften in die Praxis tauchten nun aber unerwartete Hindernisse auf. Am meisten zu reden gaben die Kosten. 

Pfarrer Wolf schrieb bereits am 15. Januar 1721 (also genau heute vor 300 Jahren) nach Zürich: «Ist wol gut, dass die erste Quarantaine solle vollendet seyn, darmit ein andere komme, und also die entsetzlichen Cösten, die hier und dorten darübergehen, endlichen ein End haben werden.»

Literatur 

  • Ruesch, H.: Das «Erlufftungshaus» in Weiach (1720/21). Eine Studie zur Geschichte der obrigkeitlichen Pestprophylaxe im alten Zürich. In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1980, Zürich 1979 –  S. 123-136.
  • Brandenberger, U.: Mit Mörsern gegen die Pest. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 9. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), August 2000 – S. 9.
  • Brandenberger, U.: Europäisches Handelshemmnis und lokale Einnahmequelle. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 10. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), September 2000 – S. 13-14.
  • Brandenberger, U.: Die Politik in den Zeiten der Vogelgrippe. WeiachBlog Nr. 3 v.  2. November 2005.
  • Brandenberger, U.: COVID-19 und Marsilianische Pest. Ein kleiner Rechtsvergleich. WeiachBlog Nr. 1510 v. 18. Mai 2020.
  • Brandenberger, U.: Vom Leben mit dem zweiten Pest-Mandat, d.d. 9. September 1720. WeiachBlog Nr. 1599 v. 9. Oktober 2020.
  • Brandenberger, U.: Vor 300 Jahren: Zürich sperrt Handels- und Reiseverkehr mit Genf. WeiachBlog Nr. 1606 v. 31. Oktober 2020.

Freitag, 1. Januar 2021

«Wie wenn Spaghetti vom Himmel fallen würden»

Unter den jüngsten WeiachBlog-Artikeln des gerade vergangenen Jahres 2020 handeln mehrere von der Zeit des Zweiten Koalitionskrieges. In dessen erster Phase zog 1799 die Front zwischen den Franzosen und der Koalition aus Österreichern und Russen zweimal über unser Dorf hinweg und hat sich in mehreren Monaten von Einquartierung, Requisitionen und Kontributionen niedergeschlagen. 

Einen dieser Beiträge (WeiachBlog Nr. 1614 mit dem Titel «Vom Weyacherberg kamen die Plünderer haufenweise») hat Daniel Gut, ein in den fleischkäsefarbenen Blöcken am Dammweg wohnhafter Weiacher, auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» wie folgt kommentiert

«Wenn ich solche Sachen lese, bin ich doch sehr froh nicht dazumals gelebt zu haben. Da haben wir es trotz Corona immer noch besser.»

In dieser Krise des westlichen Selbstverständnisses ist es allerdings noch nicht so, dass wir die Auswirkungen der Ereignisse der letzten 12 Monate schon in voller Ausprägung spüren würden. Die Folgen (Wirtschaftszusammenbruch, rapider Bedeutungsverlust des Westens, etc.) kommen in den nächsten Jahren erst noch.

Aber es stimmt schon: kriegerische Ereignisse konventioneller Art, d.h. im scharfen Schuss und mit sichtbaren Truppen fremder Provenienz haben wir 2020 nicht erlebt. 

Von Weiach aus den Bombenangriff erlebt

Anders war das in den späteren Phasen des Zweiten Weltkrieg, über den heute nur ganz wenige Zeitzeugen noch aus eigener, erwachsener Anschauung berichten können (viele der noch lebenden waren damals kleine Kinder).

Am 9. September 1944 griffen US-Jagdflugzeuge fahrende Züge bei Weiach und Rafz an. Und am 9. November 1944 liess eine Bomberstaffel ihre tödliche Fracht auf das NOK-Kraftwerk Eglisau nahe  Rheinsfelden und dem Bahnhof Zweidlen fallen.

Als Augenzeuge erlebt hat diesen letzteren Angriff Hermann Gehring (1925-2014), Landwirt und langjähriger Gemeindeschreiber von Buchberg SH (vgl. Buchberger Nr. 117, 2/2007): 

«Im Sommer 1944 absolvierte Hermann Gehring die RS. Anschliessend musste er in den Aktivdienst in Eglisau einrücken wo er gleichentags nach Weiach verladen wurde. An diesem Tag, am 9. November 1944, wurde das Kraftwerk Eglisau bombardiert (man vermutet, dass dies das Ziel gewesen sei). Die ganze Einheit konnte von Weiach aus zuschauen, wie das amerikanische Geschwader die Bomben herunterliess. „Es war, wie wenn Spaghetti vom Himmel fallen würden! Eine Katastrophe wurde vermieden, weil ein Gewitter über Eglisau tobte. Die Bomben wurden dadurch Richtung Rheinsfelden abgetrieben und verschonten, Gott sei Dank, das Kraftwerk. Von unserer Kompanie war ein Zug im Kraftwerk einquartiert gewesen. Es wäre furchtbar gewesen, wenn die Bomben getroffen hätten.“»

Distanzierte Rezeption?

In der deutschsprachigen Wikipedia steht dazu im Artikel Alliierte Bombenabwürfe auf die Schweiz:

«Am 9. November 1944 warfen US-Bomber 20 Sprengbomben über dem Glattfelder Weiler Rheinsfelden ab. Drei Tote und mehrere Verletzte waren die Folge. Der Eisenbahnviadukt der Linie Winterthur–Koblenz sowie mehrere Wohnhäuser wurden beschädigt. Das bei Rheinsfelden liegende Kraftwerk Eglisau wurde nicht beschädigt.»

Hier wird das Geschehen rein nach den Auswirkungen beschrieben und nicht von den mutmasslichen Intentionen der Angreifer her beleuchtet, wie die Schilderung Gehrings sie deutlich hervorhebt.

Die zeitliche Unmittelbarkeit macht es aus

Ganz anders die – aus der geographischen Distanz, aber offenbar in zeitlicher Unmittelbarkeit – gemachten Aufzeichnungen des Zeitzeugen Arthur Müller (Kriegstagebuch 1943-1945):

«Donnerstag, 9. November 1944: Heute Morgen warfen amerikanische Flieger Bomben auf das Kraftwerk Rheinsfelden bei Eglisau. Das Kraftwerk wurde nicht getroffen, hingegen erhielt die Eisenbahnbrücke der Linie Basel - Winterthur einen Volltreffer. Der Zugverkehr wird für lange Zeit unterbrochen bleiben. Es sind 3 Opfer zu beklagen. Zur gleichen Zeit wurde auch die Strassenbrücke über den Rhein bei Diessenhofen bombardiert.»

Was die Zeitungen 1944 berichtet haben

In der damals täglich erscheinenden Zeitung «Die Tat» wird über das Ereignis am 10. November aus erster Hand informiert. Aufgrund der Pressezensur war der Abdruck der offiziellen Mitteilung des Pressechefs des Territorialkommandos sozusagen Pflicht (s. links der Luftaufnahme):



Darunter sind Berichte aus erster Hand abgedruckt, die nur entstehen, wenn man selber vor Ort war (wie offenbar eine Art Leserreporter, vgl. die Angabe «Privattelephon» als Quelle zum Tat-Augenzeugenbericht. 

Auch Korrespondenten der Zeitung «Der Bund» schafften es dank ihren Presseausweisen, noch am Tag des Angriffs in die Schadenzone zu gelangen. Dort konnten sie mit Anwohnern und Soldaten reden. Und lieferten einen eindrücklichen Bericht ab («Die Bombardierung von Rheinsfelden. Augenzeugenbericht»), der aktuellere Informationen enthielt als das auf derselben Seite abgedruckte Amtliche Bulletin zu diesem Angriff.

Journalisten hatten unter Vorbehalt der Genehmigung durch den Territorialkommandanten auch am folgenden Tag Zutritt. Gaffer hingegen wurden nicht geduldet. So betitelten die «Neuen Zürcher Nachrichten» vom 11. November den entsprechenden Beitrag mit: «Das Gebiet von Rheinsfelden für Schaulustige gesperrt».

Was man da hätte sehen können, wird in exakt vier Jahren öffentlich zugänglich: nämlich die unter der Signatur StAZH N 1102.5, Nr. 14 (Teil 2) im Zürcher Staatsarchiv aufbewahrten Fotoalben der Kantonspolizei Zürich, welche in diesen Novembertagen 1944 zur Dokumentation der Schäden unter der Leitung von Polizei-Oberleutnant Hammer angelegt worden waren. 

Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf Rheinsfelden. Auch die rund einen halben Kilometer glattaufwärts gelegene Spinnerei Letten (heutiges Hotel Riverside) wurde durch den Explosionsdruck beschädigt, wie die «Tat» bereits am 10. November vermeldete. Ebenso wurden in der Nähe der Spinnerei Teile von Eisenbahnschienen gefunden.

Grosse Kaliber abgeworfen. Kein Zufall!

Auch am folgenden Tag, dem Freitag, 10. November, waren die Tat-Journalisten vor Ort. Und da wurde klar, dass der Angriff wohl auch dem Kraftwerk gegolten hätte. Und nicht nur der Brücke:

«Am Freitagmorgen traf auch der amerikanische Militärattaché auf der Unglücksstelle ein. Die Bombentrichter liegen in einer Linie, aus der klar hervorgeht, daß der Angriff nicht der Brücke, sondern dem Werk galt, eine Ansicht, die die anwesenden Herren Amerikaner wohl oder übel bestätigen mußten. Ein bisher ungeklärter glücklicher Zufall verhütete die Katastrophe.
 
Ein Splitter mit der gestanzten Aufschrift "thousand pounds" beweist, daß nicht gerade die kleinsten Kaliber verwendet wurden. Jedenfalls sind diese Bomben zehnmal schwerer gewesen, als jene, die im April über Schaffhausen niederprasselten.

Der Schaden an den Häusern scheint größer zu sein als anfänglich angenommen wurde. [...]
Die äußerlichen Schäden, abgesehen von den Verwüstungen an Bäumen, Feldern und Tieren (Kühe haben vorzeitig verworfen), werden in absehbarer Zeit wiederhergestellt sein. Der Vorschlag der "Tat", der englisch-amerikanischen und deutschen Regierung kleine Pläne mit den Grenzumrissen der Schweiz und eine Erklärung über unser Hoheitsabzeichen zur Verteilung an ihre Piloten zuzustellen, gewinnt angesichts der erneuten krassen und blutigen Neutralitätsverletzung an Aktualität und Dringlichkeit.» (Die Tat, 11. November 1944)

Wie diese Bomben ausgesehen haben könnten, zeigt eine Aufnahme des Museum der US Air Force:


Bild: M65 1,000-lb. Bomb (Source: National Museum of the United States Air Force)

Die dazugehörende Beschreibung dieses Bombentyps: «The M65 1,000-pound general purpose (GP) bomb was typically used against reinforced targets like dams and concrete or steel railroad bridges. The P-47 Thunderbolt could carry two M65s, while the B-26 medium bomber could carry four.»

Bei den P-47 Thunderbolt handelt es sich um einmotorige Jagdbomber. Die B-26 medium bomber hingegen sind zweimotorig und auch eher als Bomber erkennbar.

Da in mehreren Zeitungsmeldungen vom 10. November 1944 die Information zu finden ist, es habe sich um zweimotorige Flugzeuge gehandelt, dürfte die P-47 ausser Betracht fallen.

Man kann also folgende Schlussfolgerungen ziehen: 

1. Falls es sich tatsächlich um M65-Bomben gehandelt hat (was gemäss Beschreibung oben plausibel erscheint), dann wäre auch die Eisenbahnbrücke ein mögliches Ziel gewesen, aber eben eindeutig auch das Kraftwerk und sein Staudamm. Falls

2. dieselben Staffeln sowohl Diessenhofen wie auch Rheinsfelden angegriffen haben, dann könnte die Anzahl Bomben (ca. 20) durchaus mit der Ladekapazität der B-26 übereinstimmen, wenn man von je 7-8 Flugzeugen pro Staffel ausgeht und berücksichtigt, dass sie einen Teil der Ladung bereits an anderer Stelle abgeworfen hatten (z.B. in Friedrichshafen, wo sich u.a. die Dornier-Flugzeugwerke befinden).

Was, wenn der Staudamm beschädigt worden wäre?

Auch aus Weiacher Sicht war es ein Glücksfall, dass die Bomben ihr eigentlich vorgesehenes Ziel verfehlt haben. 

Man stelle sich nur einmal die Folgen vor, wenn sie den Staudamm massiv beschädigt hätten. Die daraus resultierende Flutwelle hätte rheinabwärts durchaus grosse Schäden anrichten können. So am Rheinhof auf Weiacher Boden, aber auch an der Rheinbrücke von Kaiserstuhl. 

Bei Treffern in das Bassin direkt vor dem Stauwehr hätte es auch bei nicht geborstenem Stauwehr ein Overtopping geben können, also ein Überschwappen. 

Dass auch Bomben in den Rhein gefallen sind, ist dem Augenzeugenbericht in der «Tat» vom 10. November zu entnehmen: «Fest steht, daß ein Teil der Bomben etwa 400 m oberhalb des Werkes in den Rhein fielen. Zahlreiche tote Fische, die gegen das Wehr angeschwemmt werden, reden eine deutliche Sprache.»

Und was ist jetzt mit den Spaghetti? 

Da dürfte es sich um einen physikalischen Effekt gehandelt haben, indem die infolge des Unwetters hohe Luftfeuchtigkeit in der Trajektorie hinter der fallenden Bombe auskondensierte, was aus der Entfernung von rund 3.5 bis 4 Kilometern dann wie ein Spaghetti aussah.

Quellen und Literatur

  • Kantonspolizei Zürich: Bombardement auf Rheinsfelden und Glattfelden am 9. November 1944. Tote und Verletzte. Signatur: N 1102.4, Nr. 14 (Teil 1). Schutzfristende: 31.12.2024.
  • Kantonspolizei Zürich: Bombardement auf Rheinsfelden und Glattfelden am 9. November 1944. Fotoalben des Polizeikommandos Zürich in 2 Ausfertigungen. Signatur: N 1102.5, Nr. 14 (Teil 2). Schutzfristende: 31.12.2024.
  • Müller, A.: Tagebuch von Arthur Müller während dem 2. Weltkrieg von 1943 bis 1945. Chronologie der Luftangriffe auf Süddeutschland – S. 15. 
  • Brandenberger, U.: Amerikanische «Luftgangster»? 9. September 1944: US-Luftwaffe beschiesst Güterzüge bei Rafz und Weiach. Weiacher Geschichte(n) Nr. 41. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2003 [Vgl. zu den diplomatischen Verwicklungen wg. den Neutralitätsverletzungen durch die US-Luftwaffe: Gesamtausgabe S. 89]
  • Baur, S.: De „alt“ Schriber vo Buechbärg. Zweiteiliger Beitrag über Hermann Gehring, Buchberger Gemeindeschreiber 1949-1985. In: Buchberger. Offizielles Mitteilungsblatt der Gemeinde Buchberg. Nr. 117, 2/2007 – S. 13. [Beide Teile in einem PDF; Nur die Fundstelle]
  • Meier, B.: Irrtümlicher Bombenangriff der Amerikaner brachte Tod und Verderben in Rheinsfelden. Am 9. November 1944 wurden auch die Menschen in unserer Gemeinde mit dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs konfrontiert. Kurz nach 11 Uhr brach über die Einwohner von Rheinsfelden die Hölle herein. In: Der Glattfelder, Vol. 24:22 (2014) – S. 10-11.

Montag, 7. Dezember 2020

Witamy, Joanna Krauze!

Falls Google Translate etwas taugt, dann ist dieser Titel Polnisch und heisst übersetzt: «Willkommen, Joanna Krauze». 

Wie man heute auf der Website bzw. über den elektronischen Newsletter der Politischen Gemeinde (!) erfahren konnte (vgl. https://www.weiach.ch/short/LG8gnKBD), ist diese junge polnische Pianistin seit 1. Dezember 2020 offiziell Titular-Organistin der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach, d.h. sie ist fix angestellt und erste Wahl bei allen Orgeldiensten.

Lydia Kellenberger nach über 23 Jahren im Ruhestand

Krauze löst die bisherige Stelleninhaberin Lydia Kellenberger ab, die seit November 1997 für die kirchenmusikalische Grundversorgung der Weiacherinnen und Weiacher verantwortlich zeichnete. Lydia wurde am 15. November mit allen Ehren in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet. Für ein Interview, wie es Regula Brandenberger im Herbst 1986 mit ihrem Vorgänger Harlacher geführt hat (vgl. WeiachBlog Nr. 1385), ist Lydia zu bescheiden. Es bleibt daher bei der Laudatio in der Kirche.

Vom Vorsinger zum Publikumsmagneten Frau Pfarrer

Bis Ende 1866 war Kirchenmusik reiner Gesang, geleitet von einem Vorsinger. Dieses Amt wurde lange Zeit qua Regierungserlass durch den Schulmeister bekleidet. Erst nach der Aufhebung dieses Amtszwangs wurde es schwieriger einen Vorsinger zu verpflichten, was 1867 der Anlass zur Beschaffung des ersten in unserer Kirche fix installierten Instruments war: einem Trayser-Harmonium.

In der Anfangszeit wurde dieses auch von der jungen Frau Pfarrer Stünzi gespielt, was nach den Erinnerungen der aus unserem Dorf stammenden US-Schriftstellerin Louise Patteson zu signifikant höheren Zahlen beim Gottesdienstbesuch durch Männer geführt haben soll:

«The first of Frau Pfarrer’s innovations was a harmonium. It resembled a large flat-topped desk, but was really a church organ. Frau Pfarrer played it at both the church and Sunday School services to the great delight of us children. But we were not the only ones who delighted in that organ. Men who had not been inside of a church for years now became regular attendants.» (Vgl. WeiachBlog Nr. 1506 für das Zitat und Quellenangaben).

Richtige Orgeln und lange Amtszeiten

Ab 1930 stand in der Weiacher Kirche dann eine «richtige» Orgel (von der Orgelbaufirma Kuhn am Zürichsee). Dieses Instrument erlebte gerade einmal zwei Titular-Organisten (vgl. WeiachBlog Nr. 1385): 

  • Albert Griesser: 1891-1946
  • Walter Harlacher: 1946-1997

Griesser spielte also bereits seit vielen Jahren auf dem Harmonium. Und Harlacher nach der grossen Restauration in der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre auch auf der neuen Neidhart&Lhôte-Orgel von 1969.

Somit ist Joanna Krauze erst die zweite Person, die von der Kirchgemeinde auf dieses Instrument gewählt worden ist. Was das noch jugendliche Alter betrifft, so erinnert ihre Berufung durchaus an den jungen Walter Harlacher, der 1946 noch häufig mit dem Velo von auswärts anreiste.

Sieht man sich allerdings ihr Palmarès an (vgl. https://www.wcom.org.uk/yeoman/joanna-krauze/) und berücksichtigt überdies den Umstand, dass sie die erste Profi-Musikerin ist, die dieses Amt bekleidet, so ist es eher wenig wahrscheinlich, dass Krauze eine ähnlich lange Zeit unsere Titular-Organistin bleiben wird wie Kellenberger oder gar Harlacher.

Bach als kleine Einführung

Anders als die Kuhn-Orgel steht das Neidhart&Lhôte-Instrument seit 1969 auf der Empore (ähnlich wie das Harmonium von 1872 bis 1929). Von unserer Organistin wird man also wenig sehen. Als kleines Performance-Beispiel sei hier auf ein Youtube-Video verwiesen, das im Rahmen des 10. Internationalen Klavierwettbewerbs Johann Sebastian Bach, Würzburg im März 2019 aufgezeichnet wurde.

Der anlässlich dieses Wettbewerbs Geehrte hat bekanntermassen viele Werke auch für Orgeln geschrieben und sich selber auf vakant gewordene Organistenstellen gemeldet:

«Im Jahre 1720 bewarb sich Johann Sebastian Bach um die Organistenstelle an St. Jacobi. Jedoch erhielt statt seiner Johann Joachim Heitmann die Stelle, weil dieser im Gegensatz zu seinem berühmt gewordenen Mitbewerber in der Lage war, eine hohe Summe Geldes (4000 Mark) an die Kirchenkasse zu entrichten und darüber hinaus die Tochter des Hauptpastors zu ehelichen.

Johann Mattheson überliefert die Strafpredigt von Erdmann Neumeister, dem damaligen Hauptpastor von St. Jacobi: „Er glaube ganz gewiß, wenn auch einer von den bethlehemitischen Engeln vom Himmel käme, der göttlich spielte und wollte Organist zu St. Jacobi werden, hätte aber kein Geld, so möchte er nur wieder davon fliegen“.

Tatsächlich ist belegt, dass Bach an der großen Orgel in der benachbarten Katharinenkirche spielte. Der Zustand der Jacobi-Orgel war vorübergehend nicht sehr gut und Bach reiste vor dem offiziellen Probespiel ab.»  (Quelle: Wikipedia-Artikel über die Orgel der Hamburger Jacobi-Kirche).

Bach soll im September 1720 im Rahmen eines zweistündigen Auftritts in der Katharinenkirche u.a. auch seine Fantasie und Fuge in g-moll BWV 542 erstmals gespielt und die Anwesenden tief beeindruckt haben.

Wir wünschen gute Zusammenarbeit!

Nun, der derzeit amtierende Weiacher Pfarrer Plüss wird wohl keinen Anlass haben, sich über die Art und Weise der Besetzung der hiesigen Organistenstelle zu echauffieren, wie Neumeister anlässlich der Wahl von Heitmann (die wie oben beschrieben nur gegen Geld und weitere Kautelen zustande kam).

Allen Beteiligten (der frisch gewählten Organistin, dem ebenfalls noch jung im Amt stehenden Pfarrer und der Kirchenpflege) wünscht WeiachBlog hiermit gute Zusammenarbeit und ein erbauliches kirchenmusikalisches Leben.

Mittwoch, 2. Dezember 2020

500 Jahre St. Marien Hohentengen? Das Gotteshaus ist viel älter!

Am Sonntag, dem 2. Dezember 1520, also am heutigen Datum vor 500 Jahren, wurde die spätgotische Pfarrkirche St. Marien ennet dem Rhein in Hohentengen feierlich geweiht.

Weil wir heute nicht mehr mit dem julianischen Kalender rechnen, wie die Damaligen, ist erst am 12. Dezember nach gregorianischer Zeitrechnung exakt ein halbes Jahrtausend vergangen. Aber was sind schon 10 Tage auf mehrere Dutzend Generationen?

Es war auf jeden Fall ein grosses Ereignis für die ganze Gegend, war doch diese Kirche schon damals wohl seit mindestens einem halben Jahrtausend das spirituelle Zentrum für eine weitläufige Pfarrei, zu der nicht nur die namensgebende Stadt Kaiserstuhl und Hohentengen selber, sondern auf der linken Rheinseite auch Fisibach, Schwarzwasserstelz und Weiach, sowie auf der rechten Seite Wasterkingen, Hüntwangen, Herdern, Günzgen, Stetten, Oberhoven (Oberhof b. Bühl ennet dem Kalter Wangen?), Oeschingen (Bergöschingen), die Höfe Berchen und Türnen und sogar Küßnach gehört haben. Lienheim soll «wohl nicht sehr lange, mehr vorübergehend» zur Pfarrei Kaiserstuhl gehört haben. Bis zu seiner Abspaltung im Jahre 1421 war ausserdem Glattfelden noch Teil dieser Grosspfarrei. [Angaben nach Wind 1940, S. 18]

Nur den Weihbischof geschickt

Ein wichtiger Tag und doch liess sich der seit 1496 als Fürstbischof von Konstanz regierende Hugo von Hohenlandenberg nicht in Hohentengen blicken. Der aus der Adelsfamilie der Landenberger (mit Stammburg bei Bauma im Tösstal) stammende Hugo hatte offenbar Wichtigeres zu tun.

Er übertrug seinem Generalvikar, Weihbischof Melchior Fattlin (1518-1548 im Amt) die Aufgabe, die weitgehend neu aufgebaute Kirche zu konsekrieren, d.h. dem liturgischen Gebrauch der Gemeinde zu übergeben.

Melchior war der vierte Titularbischof von Ascalon (dem heutigen Ashkelon in Israel), ein Bistum das bereits Jahrhunderte zuvor an die Araber verlorengegangen war. Diese Würde wurde vom Papst rein formal verliehen. Und trotzdem steht dieser Titel natürlich in der Weiheurkunde, die seither im Stadtarchiv Kaiserstuhl aufbewahrt wird (Signatur: StAK Urk 141; vgl. Bild).

Bild: Südkurier, 19. Oktober 2020

Im Standardwerk Aargauer Urkunden Bd. XIII von Paul Kläui ist das Pergament als Nr. 159 auf S. 79 aufgeführt, jedoch bloss als Regest:

«1520 XII. 2. und 3. Der Generalvikar des Bischofs Hugo von Konstanz weiht die Pfarrkirche der Stadt Kaiserstuhl. - Orig. Perg. StAK Urk. 141 S. abgef. - Druck: Welti S. 73 Nr. 57»

Friedrich Emil Welti, der hier erwähnt wird, hat den vollen Wortlaut 1905 publiziert. Wir geben hier nur die ersten Zeilen wieder: 

«Melchior, dei et apostolice sedis gratia episcopus Ascalonensis, reverendi in Christo patris et domini, domini Hugonis, eadem gratia episcopi Constantiensis in pontificalibus vicarius generalis, recognoscimus per presentes, quod anno a natiuitate domini millesimo quingentesimo vicesimo, die vero secunda mensis decembris, insignia pontificalia in diocesi Constantiensi exercentes, ecclesium parrochialem opidi Keiserstuol, extra muros eiusdem situatam, in honore beatissime virginis Marie, unacum tribus altaribus, ...»  Für eine Übersetzung, siehe Wind 1940, S. 15.

Dieser Einleitung folgt eine detaillierte Aufzählung der sechs Altäre, die damals in der Kirche zu finden waren. Die Eckdaten dieser Bestätigung sind aber klar: Diese Baute ist der Gottesmutter Maria geweiht (die älteste Nennung des Patroziniums datiert nicht weiter zurück als 1440, vgl. AU XIII, Nr. 68).

Imposantes Bauwerk

Weiter geht aus der Urkunde klar hervor, dass die Pfarrei eben nach Kaiserstuhl benannt war (und nicht nach dem Standort der Kirche). Die dortige Siedlung nannte man übrigens nach diesem imposanten Kirchenbau «Dengen der hohen khirchen», woraus später Hohentengen wurde.

Wenn man sich das Gebäude anschaut und sich vergegenwärtigt, dass Hohentengen früher wesentlich weniger Einwohner hatte als in die Kirche passen, dann wird klar, dass sie nicht nur für die dort Wohnenden gedacht war, sondern für einen viel weiteren Kreis.

Älterer Vorgängerbau aus dem 11. Jahrhundert?

Wie oben erwähnt, wurde die Kirche nicht nur renoviert, nein, man hat sie praktisch neu gebaut. Was vom alten Gotteshaus übernommen wurde, war nur der Kirchturm. Kein Wunder, denn der ist so solid gebaut, dass er fast für die Ewigkeit taugt. Er wurde, so vermutet Paul Kläui, zweimal aufgestockt. Letztmals 1518 bis 1520, als die Gebäude (und auch der Turm) seine heutige Form und Höhe erhalten haben.

Kläui Grabungen, S. 283

Der romanische, «nördlich des gotischen Chors stehende Turm» hatte einen Chor enthalten, «der zu einem in der Achse der heutigen Kirche, aber rund 9 m nördlicher gelegenen Schiff gehörig war.» (Kläui Grabungen, S. 285)

Die ca. 90 cm dicken Mauern dieses alten Schiffs verschwinden unter den Fundamenten des Chorturms, was Kläui veranlasst hat, die bisher kursierenden These, dass der Kirchturm auf römischen Fundamenten stehe, zu verwerfen. Das alte Schiff war, wie man der Skizze entnehmen kann, nicht breiter als der Turm selber, d.h. nicht mehr als 7 Meter. Aber über 20 Meter lang, also ein langgezogener Schlauch, der im Innern nur deshalb nicht als solcher auffiel, weil der Baukörper durch eine Quermauer unterteilt war. Es gab also eine Vorhalle von ca. 8 Metern Länge und ein Schiff von 16.5 Metern Länge.

Da sich die bei der Ausgrabung nach dem Brand von 1954 freigelegten, innerhalb des gotischen Baus von 1518-1520 liegenden Fundamente der Südmauer der alten Kirche ohne jegliche Fuge über die ganze Länge erstrecken, muss davon ausgegangen werden, dass die heutigen Ausmasse von Anfang an bestanden haben und keine Erweiterung erfolgt ist!

Von den Zähringern gebaut

Was die Datierung des Chorturms betrifft, so nimmt Kläui an, dass er in der ersten Hälfte der Regierungszeit des Bischofs Gebhard III. von Zähringen (im Amt 1084 bis 1110) errichtet worden sei und begründet das wie folgt:

«Das späte 11. Jahrhundert war die Zeit, in der die Zähringer sich um die Erfassung des Schwarzwaldes bemühten. Sie zeichnet sich in der Gründung von St. Georgen (1084), der Verlegung des Klosters Weilheim unter Teck nach St. Peter und in der Förderung von St. Blasien ab. Die Errichtung eines starken, möglicherweise auch wehrhaften Kirchturms in Hohentengen würde sich zwangslos einfügen in die Tätigkeit der Häupter der kirchlichen Reformpartei in Schwaben, Herzog Berchtolds II. von Zähringen und seines Bruders Gebhard, des Bischofs von Konstanz. Zieht man noch die enge Verbindung Herzog Berchtolds mit dem Reformkloster Allerheiligen in Schaffhausen in Betracht, so zeichnet sich überdies eine Linie ab, die die Frage erlaubt, ob nicht in baulicher Hinsicht direkte Beziehungen zwischen Hohentengen und Illnau zu suchen sind, denn Graf Adelbert von Mörsburg aus dem Hause Nellenburg, um 1100 Vogt von Allerheiligen, war auch Besitzer der Kirche Illnau.» (Kläui Grabungen, S. 289)

Karolingische Kirche aus dem 8. od. 9. Jahrhundert

Wie alt das zum Zeitpunkt des Turmbaus bereits vorhandene Schiff mitsamt Chor ist? Kläui nimmt – wieder in Analogie zu den Grabungsergebnissen von 1954 in Illnau sowie ebensolchen aus dem st. gallischen Eschenbach – an, dass es sich um eine karolingische Kirche aus dem 8. oder 9. Jahrhundert handeln dürfte. Also ein Steinbau, der zur Zeit Bischof Gebhards bereits ein Alter von zwei- bis dreihundert Jahren aufwies (Kläui Grabungen, S. 289) [Korrektur am 3.12.2020].

Wie ähnlich sich die Baupläne der beiden Kirchen von Hohentengen und Illnau (heute reformierte Kirche) sind, zeigt die nachstehende Skizze aus einer Publikation des Zürcher Denkmalpflegers Drack:

Auch bei der Illnauer Kirche liegt der mit massiven Mauern errichtete Chorturm im Osten, woran sich im Westen ein exakt in der Flucht der Turmmauern aufgeführtes Schiff anschliesst.

Mitfinanziert und doch kaum genutzt

Und die Weiacher? Die haben den Bau des grossen spätgotischen Neubaus ennet dem Rhein, dessen aufgestockter Turm auch vom Dorf aus nicht zu übersehen ist, mitfinanziert. Sie waren damals ja auch noch brave Katholiken. 

Zufälligerweise exakt in dieser Bauzeit, 1519, trat in Zürich bekanntlich Zwingli sein Amt als Leutpriester am Grossmünster an. Die nachfolgenden turbulenten Jahre der Reformation haben die Weiacher von ihrer Mutterpfarrei und der alten Kirche abgetrennt. Das dürfte sie sehr geschmerzt haben, wurden doch in dieser Kirche auch die von ihnen gestifteten Jahrzeiten für ihre verstorbenen Vorfahren zelebriert.

Quellen

Samstag, 28. November 2020

Vom Weyacherberg kamen die Plünderer haufenweise

Vor fast genau hundert Jahren, 1921, hat Emil Bolleter ein Büchlein mit dem aus unserer heutigen Sicht etwas verwirrenden Titelbestandteil «(Fisibach, jetzt Bachs, Kanton Zürich)» veröffentlicht: die erste zwischen harte Buchdeckel gefasste Monographie über die Bachser Ortsgeschichte. 

Als Ober-Fyßibach oder Fisibachs wurde nämlich früher Alt-Bachs bezeichnet, der westliche Teil des zürcherischen Bachs, als Unter-Visibach das früher zur Grafschaft Baden gehörende, heute aargauische Fisibach.

Auch Bolleter äussert sich, wie schon 1863 der Glattfelder Näf (vgl. einleitende Abschnitte von WeiachBlog Nr. 1613) zu den französischen Soldaten – und zwar im Kapitel «Das Bachsertal im Kriegsjahre 1799». Dieses geben wir nachstehend im vollen Wortlaut wieder, weil es das Verhalten derselben Truppe schildert, die aufgrund ihres Lagerplatzes auch Weiach heimgesucht haben dürfte. 

Von wo das 13. Regiment stammte

Es handelt sich um Angehörige des «13. Regiments der fränkischen Armee», gemeint ist ein Régiment d'infanterie. Dabei dürfte es sich um die 13ième demi-brigade (Halbbrigade) gehandelt haben, denn diesen Namen hatte der Nationalkonvent im Februar 1793 den Regimentern verpasst, um die Erinnerung an die royale Tradition zu tilgen (später wieder rückgängig gemacht). 

Die chasseurs à pied waren damals die normalen Fusssoldaten der leichten Halbbrigaden, die jeweils aus einem Profi-Bataillon der alten königlichen Armee und zwei neu aufgestellten Bataillonen von Wehrpflichtigen bestanden (sogenanntes «Amalgame militaire»). Einen Unterschied zwischen diesen Einheiten sah man anhand der Uniformen offenbar nicht, da diese einheitlich blau waren.

Die Angehörigen dieser 13ième demi-brigade de première formation (insgesamt ca. 2500 Mann) kamen zu zwei Dritteln aus der Gironde, dürften also aus der Gegend um Bordeaux stammen.

Tyrannig, so daß man kaum mehr des Lebens sicher war

Hier nun Bolleters Wortlaut zu dieser Plünderungsphase von Ende Oktober bis etwa Mitte November 1799. Unterbrochen dort, wo Anmerkungen zwingend sind:

«Im Jahre 1799 fochten die Österreicher und Russen ihren Kampf mit den Franzosen auf Schweizerboden aus. Der ganze nördliche Teil des Kantons Zürich wurde dabei hart mitgenommen. Wohl hatten sich die Österreicher in der ersten Schlacht bei Zürich (4. u. 5. Juni) in den Besitz der Stadt gesetzt; aber nach der zweiten (25. u. 26. September) mußten die Russen, welche die Österreicher inzwischen abgelöst hatten, fliehen und wurden von den Franzosen verfolgt. Über einen Monat blieben die letzteren an der Rheinlinie liegen, wobei die besetzten Dörfer viel Ungemach zu erdulden hatten.»

Es war einiges mehr als ein Monat, denn dem erwähnten Verband folgten weitere nach. Die Frontlinie am Rhein hatte von Ende September 1799 bis Ende April 1800 Bestand.

«Auch Bachs litt sehr. Die Jäger des 13. Regiments der fränkischen Armee hatten vom 23. bis 25. Oktober im Weyacherberg zwischen Bachs und Weyach ein Lager aufgeschlagen und kamen nun haufenweise in das Dorf und die umliegenden Höfe, um Wein, Brot, Fleisch, Fäsen [hier wohl gemeint: Dinkel oder Korn], Haber, Heu, Stroh, Geschirr usw. zu holen. Vom 25. bis 29. Oktober waren 135 Mann im Dorfe Bachs selbst einquartiert, nachher bis in den November hinein 60, die alle die Bewohner sehr bedrängten, besonders an Wein, "obgleich keiner mehr vorhanden war". Offiziere und Soldaten waren sehr "tyrannig, so daß man kaum mehr des Lebens sicher war"; der Aufforderung des Kommandanten, bis zum zweitfolgenden Tage 400 Rationen Fäsen, 6 Säcke Hafer, 1 Flasche Branntwein, 50 Hufeisen zu liefern, folgte die Drohung, das Dorf würde bei Nichtgehorsam ausgeraubt werden. 

Auch der Pfarrer hatte sehr zu leiden; die Offiziere quartierten sich, da sonst keine bequeme Unterkunft vorhanden, kurzerhand im Pfarrhause ein. Am 12. Dezember klagt Pfarrer Zimmermann in einem Briefe an die "Bürger Administratoren" darüber, wie arg es mitgenommen worden sei, nicht nur seien die 30 Mütt Kernen seiner Besoldung ausgeblieben, sondern auch die 10 Eimer Wein, "was sich ungleich schwerer vermissen lasse, zumal dieses Quantum für den Hausgebrauch niemals hinlänglich sei".»

Der nächste Abschnitt betrifft den Weiler Im Thal, der unter dem alten Stadtstaat noch zum Neuamt gehört hatte (der Rest von Bachs zur Herrschaft Regensberg):

«Bitteres hatte auch der Talmüller Ulrich Ott zu erdulden: er wurde nicht nur mißhandelt, sondern man stahl ihm auch 14 Saum Wein [1 Saum = ca. 150 Liter], 130 Viertel Fäsen [über 3000 Liter], 13 Mütt Kernen [ca. 1300 Liter], 25 neue Säcke, 80 Pfund [ca. 36 kg] dürres Schweinefleisch, 15 Maß Butter und Schmalz, 20 Pfund [ca. 9 kg] Salz, 15 Zentner Heu, ferner Brot, Hühner, hölzernes und gläsernes Geschirr, im ganzen für 856 fl. [Gulden] 

Zu alledem mußten die Bachser das Verlangte dem Heere zu- und nachführen, nicht nur in die nähere Umgebung, sondern bis nach Bülach, Glattfelden, Winterthur, Reckingen.» [gemeint: Rekingen, Kt. AG]

Gerade angesichts dieses letzten Satzes ist nicht ganz klar, ob es sich bei all diesen Zahlen nur um den Beginn dieses üblen Winters 1799/1800 gehandelt hat (mit der 13. Halbbrigade), oder um mehrere Plünderungsereignisse. Spätestens Mitte November war nämlich bereits der nächste Verband vor Ort. Da schlug die 67. Halbbrigade ihr Hauptquartier in Weiach auf.

Finanzielle Bezifferung des grossen Schadens

«Der Schaden durch Plünderung in den Häusern wurde auf 8200, derjenige durch Verheerung beim Lagern [gefällte Bäume] auf 3570 Fr. geschätzt, nach heutigem Geldwerte das Vielfache. 78 Haushaltungen waren arg mitgenommen worden.

Unsäglich war das Elend, welches das Kriegsjahr 1799 über unsere Gegend gebracht hatte. Über die Notlage einer Gemeinde (Rümlang) erschien eine eigene Broschüre, betitelt: "Getreue Darstellung des verarmten, unglücklichen Zustandes der Dorfgemeine Rümlang im Kanton Zürich". Das Elend des Dorfes wird hier in ergreifenden Zügen geschildert. Freuen wir uns, daß aus der trostlosen Lage der damaligen Zeit langsam eine schönere Zukunft heranwuchs!»

Die genannte Zahl von 11770 Franken hat umgerechnet mit dem SWISTOVAL-Tool der Uni Bern je nach verwendetem Index einen heutigen Wert zwischen 127'500 (Konsumentenpreisindex KPI) und 1.357 Mio. Franken (Historischer Lohn-Index HLI). Ob es sich dabei um den Gesamtschaden über eine längere Periode oder nur um den Schaden durch das von ihm genannte 13. Regiment gehandelt hat, geht aus Bolleters Text nicht hervor.

Quelle
  • Bolleter, E.: Geschichte eines Dorfes (Fisibach, jetzt Bachs, Kanton Zürich). Zürich 1921 – S. 228-229.

Freitag, 27. November 2020

General Raffzahn, oder: Wie Plünderer produziert werden.

Der Glattfelder Pfarrer Arnold Näf beschreibt in der 1863 veröffentlichten Monographie über die Geschichte seiner Gemeinde auch die Kriegszeit von 1799/1800. Er erwähnt ausführlich die Plünderungen beider Kriegsparteien und streift die Gefahr für Leib und Leben nur am Rande: 

«Einem Manne wurde von einem Kaiserlichen der Kopf zerspalten, weil er nicht ohne Weiteres das verlangte Geld hergab. Sonst werden die Kaiserlichen und Russen im Allgemeinen als freundliche Leute geschildert, während die Franzosen als härter und rücksichtsloser galten.» (Näf, S. 51/52)

Mit den Kaiserlichen sind die Soldaten der Habsburgermonarchie gemeint (meist pauschal als «Österreicher» bezeichnet, obwohl auch Verbände ungarischer und anderer Nationalität zum Einsatz kamen). Beim Sammelbegriff «Russen» ist es ähnlich. Darunter sind Angehörige aller möglichen Völkerschaften des Zarenreichs zu verstehen, einschliesslich sehr fremdländisch aussehende, wie die westmongolischen Kalmücken.

Der Beitrag Nr. 1612 vom letzten Sonntag hätte auch den Titel «Wie die Weiacher die Franzosen hassen lernten» tragen können. 

Nachstehend werden weitere Erklärungen für das Phänomen geliefert, dass der eingangs geschilderte Angriff eines Österreichers (der leicht tödlich geendet haben kann und von dem wir nicht wissen, ob er vor ein Kriegsgericht kam) in der Retrospektive offenbar nicht allzu sehr ins Gewicht fiel.

Unterschiedliche Logistik- und Finanzierungs-Konzepte

Ja, auch die Russen haben alles, was ihrer Ansicht nach essbar war, aus Gärten und vom Feld geplündert, so z.B. in der Gemeinde Eglisau: «sie kochten in ihren Töpfen unreife Trauben, Nüsse, Aepfel, Bohnen, Unschlitt, u.s.w. durch einander» (Näf, S. 51). Da scheint es mit dem Nachschub nicht geklappt zu haben. 

Anders bei den Kaiserlichen: «Während die Oesterreicher Lebensmittel aus Schwaben und Tirol hatten kommen lassen, nährten sich die 95'000 Franzosen, die jetzt in der Schweiz standen, ganz vom Raub», notiert Nägele 1979 (Separatdruck, S. 8).

Wer dafür verantwortlich war, kann man aus erster Hand erfahren. Aus Briefen, die C.N. Morin, ein französischer Zivilist, der zum Hauptquartier der Armée de l'Helvétie abkommandiert worden war, 1799 aus der Schweiz an seine Kontaktpersonen nahe der Pariser Machtzentrale geschrieben hat.

Diese Briefe stammen aus der Autographen-Sammlung des Genfers Henri Fatio und wurden 1930 von Schlumberger-Fischer in der Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde veröffentlicht. 

Sie machen deutlich, dass der erwähnte räuberische Ansatz zur Versorgung der Truppen von den Machthabern in Paris zumindest in Kauf genommen, wenn nicht gar explizit angeordnet worden ist, schreibt Schlumberger-Vischer doch einleitend:

«Les troupes françaises ne s'étaient point bornées à prêter leur aide pour l'institution du nouveau régime.» [Gemeint: die Regierung der jungen Helvetischen Republik]. «Leurs généraux et leurs commissaires recevaient bientôt les ordres de remplir les caisses vides de l'armée par l'imposition de contributions fort lourdes, d'autant plus pénibles que par cette longue occupation le pays se voyait arriver à la fin de ses ressources.» (Schlumberger-Vischer, S. 96)

Herr Morin fragt sich: Sachverhaltsirrtum oder bewusste Täuschung?

Morin, geboren 1768 in Lyon, war offiziell Sekretär von Masséna, im Geheimen aber so etwas wie ein Kriegskommissär mit besonderem Aufgabenportefeuille, der insbesondere dort zum Einsatz kam, wo sich die finanztechnischen Probleme der Revolutionsarmee häuften, so schon 1797/98 als «liquidateur des dépenses arrierées de la guerre» (Schlumberger-Vischer, S. 99).

Er regt sich einem Schreiben von Mitte Juli 1799 darüber auf, dass den französischen Armeen in Helvetien zwar eine Kreditlinie von 900'000 Franc zugesichert worden sei, diese aber alsbald verpuffe, da die Ausgaben um ein Vielfaches höher seien. Keines der Probleme sei gelöst, im Gegenteil. Damit sei die Armée de l'Helvétie keineswegs aus der Krise heraus. Genau das würde aber in Paris behauptet und geglaubt. Und er fragt sich «Se trompe-t-on où veut-on tromper»?


Bild: Transkript des Briefs vom 18. Juli 1799 (Schlumberger-Vischer, S. 130)

Die dringend benötigten finanziellen Mittel waren in keiner Art und Weise gesichert: «Ils ne sont nulle part.» Und Morin spricht offen von einem Systemversagen (défaut de sistème) auf höchster Ebene in Paris, wobei er nur die Auswirkungen auf dem Territorium der Helvetischen Republik anspricht: 

«Comment veut-on compter sur une armée qui est entre la vie et la mort? comment veut-on que le pays ne souffre pas, lorsqu'il est surchargé de troupes qui manquent de tout?»

Schaut halt selber! Wird schon irgendwie gehen.

Und das hat einer geschrieben, der damals wirklich direkt an der Quelle sass. Mit unmittelbarem Zugang zu den obersten Heerführern, namentlich André Masséna, dem Mastermind der Helvetien-Operation, der zu diesem Zeitpunkt noch etliche Wochen von seinem grössten militärischen Coup entfernt war, der Zweiten Schlacht von Zürich am 25./26. September.

Die Ratlosigkeit, die aus Morins Zeilen spricht, ist geradezu mit Händen zu greifen. Mitte Juli waren die Franzosen seit Monaten nur noch im Krebsgang. Und dass die Front seit Anfang Juni mehr oder weniger eingefroren war, das war vor allem der Passivität ihrer Gegenspieler geschuldet, die sich nicht auf ein offensives Vorgehen einigen konnten. In der Innerschweiz flackerten Aufstände auf. Viele weitere Gegenden der noch besetzten Gebiete Helvetiens warteten nur darauf, gegen die Franzosen loszuschlagen, sodass sie auch dort mit der Aufstandsbekämpfung gebunden gewesen wären. Aber die obersten Entscheidungsträger in Wien und Moskau haben diesen Trumpf aus der Hand gegeben.

Malheureux que je suis!

Masséna selber fürchtete gegen Ende Mai kurz, es sei alles verloren, als er mitten in der Nacht mit der Nachricht aufgeweckt wurde, die Koalition hätte zwischen Koblenz und Kaiserstuhl an mehreren Stellen den Flussübergang über den Rhein geschafft (vgl. den Brief Morins vom 25. Mai 1799, S. 118). 

Masséna habe das für eine Falschmeldung gehalten, so Morin: «Ma ligne du Rhin est gardée, l'ennemi n'a pu passe sans se battre, et si l'on se battait j'en serais instruit.» Es stellte sich heraus, dass französische Generalstabsoffiziere den Zusammenfluss von Reuss und Aare mit dem von Aare und Rhein verwechselt hatten, was am 23. Mai zu einem Rückzug von der Rheinlinie geführt habe. Masséna reagierte heftig: 

«Malheureux que je suis, s'écrie le général, si l'ennemi a un camp de 8 à 10,000 sur ce point [d.h. am Unterlauf der Aare], la Suisse est perdue, je suis déshonoré, et on pourra à juste titre m'accuser d'avoir vendu la Suisse... après cette exclamation bien naturelle dans la circonstance, il reprend son sangfroid et donne des ordres pour attaquer l'ennemi.»

Dann begann die Gegenoperation: «Le général Tharreau était chargé de culbuter l'ennemi par Coblentz et Zurzach, le général en Chef [d.h. Masséna selber] devait l'attaquer en flanc par Kaysertoul» (gemeint: Kaiserstuhl). Tharreau musste also die Gegner zurückstossen, Masséna nahm sie aus der Flanke in die Zange. Nur 12 Stunden nach dem Alarm, so Morin, sei das südliche Rheinufer wieder fest in französischer Hand und 500 Kaiserliche gefangengenommen gewesen. 

Der peinliche Fehler mit der Verwechslung der beiden Zusammenflüsse wurde in der Meldung an die Regierung in Paris tunlichst verschwiegen. Keiner der Beteiligten wollte riskieren, abgesetzt zu werden, was einem höheren Stabsoffizier (vom Brigadier an aufwärts) auch heute noch von einem Moment auf den anderen passieren kann, wenn die politisch Verantwortlichen das Vertrauen in ihn verloren haben.

Auf des Messers Schneide

Wären die Kaiserlichen tatsächlich mit Macht ins Wasserschloss der Schweiz vorgedrungen und hätten sie sich auch auf einem westlichen Brückenkopf auf der anderen Seite der Aare festsetzen können (z.B. bei Döttingen, woran sie tatsächlich gescheitert sind), dann hätte dies die Armée de l'Helvétie in grösste Schwierigkeiten gebracht, ja das Ende der Revolution in Frankreich überhaupt bedeuten können, zumal es auch General Lecourbe im Südosten der Schweiz sehr schlecht lief. Wo die Nachschublogistik in einem Alpental nicht funktioniert und man die lokale Bevölkerung nicht mehr weiter auspressen kann, weil die auch nichts mehr hat, da verhungert einem auch leicht die eigene Truppe.

Und wohlverstanden: das war im ersten Halbjahr 1799. Der sogenannte «Hungerwinter 1799/1800» (vgl. Leuthold in WeiachBlog Nr. 1612) stand den Soldaten und den Einheimischen da noch bevor.

Vom 7. Juni bis 25. September lag die Front auf einer Linie von der Albiskette, quer durch den heutigen Westteil der Stadt Zürich (Albisrieden war in französischer Hand, die Altstadt in der der Koalition), und entlang der Limmat und Aare bis zum Rhein. Östlich dieser Linie hatten auf dem Gebiet der Schweiz die Österreicher, ab 1. September die Russen das Sagen. Und deren Schwäche nutzte General Masséna (Späterer Übername: «L'enfant chéri de la victoire») mit strategischem Geschick, guter Planung und taktischer Überrumpelung innert wenigen Tagen aus.

Wenn sich die Russen und die Österreicher im Sommer 1799 nicht zerstritten hätten, dann wäre die Armee Massénas mit hoher Wahrscheinlichkeit erledigt gewesen. Dank den Erfolgen Soults bei der Aufstandbekämpfung und Lecourbes Eroberung des Gotthards im August wendete sich aber das Blatt. Dann glang Masséna bei Dietikon auch noch der Übergang über die Limmat (eine militärische Glanzleistung die auf dem Arc de triomphe in Paris verewigt ist). Ein Scheinangriff bei Zürich verwirrte die Koalition. Und kurz darauf wurden die Russen unter Korsakow überrumpelt und flüchteten überstürzt über den Rhein. Damit rollte die Front Ende September 1799 erneut über Weiach hinweg. 

Diese Zweite Schlacht bei Zürich (Vgl. das Gemälde Le général Masséna à la bataille de Zurich, le 25 septembre 1799, par François Bouchot) sprengte letztlich die Koalition, indem die Russen nach diesem und dem Suworow'schen Debakel in den Alpen aus dieser austraten und die Preussen sich ihr nicht anschlossen. Das hat die französische Revolutionsregierung gerettet.

Die Plünderung als staatl. genehmigter Modus operandi

«Masséna gilt bis heute als einer der fähigsten Heerführer Napoleons. Überschattet wird dieses Andenken nur durch die Beutegier des Marschalls, der die von ihm besetzten Gebiete systematisch ausplündern ließ, um sich zu bereichern. Neben Marschall Nicolas Jean-de-Dieu Soult zählt Masséna daher zu den größten Plünderern der Napoleonischen Kriege» So eine Passage im Wikipedia-Artikel über Masséna, die ein Anonymus am 18. Mai 2007 eingestellt hat.

Wann Masséna auch privat angefangen hat, sich als General Raffzahn zu gebärden, das ist nicht ganz klar. Es dürfte sich aber eher um seine Zeit in Süditalien gehandelt haben. Bei General Soult (1799 ebenfalls in der Schweiz im Einsatz) weiss man, dass er seine beträchtliche Gemäldesammlung zusammengestohlen hat (wohl u.a. in Spanien). Was auch immer man von der militärischen Genialität dieser Heerführer sagen mag: Die von ihnen geduldeten Kriegsverbrechen und der Umstand, dass sie als Kleptomanen in Uniform auch in die eigene Tasche gewirtschaftet haben, all das lastet schwer auf ihrem Ruf.

Aber – und das haben vorstehende Abschnitte und insbesondere die Briefe Morins deutlich gezeigt – solche Typen sind immer auch ein Produkt des Systems, das ihr Emporkommen ermöglicht hat. Wer seine Leute nicht anständig alimentiert, der muss sich nicht wundern. In Paris waren die nämlich kein Haar besser. Wer den von ihnen eingesetzten Generälen an der Front einfach zu verstehen gibt: «Make it happen! Wie, ist uns letztlich egal. Wird schon irgendwie gehen – auch ohne die nötigen Mittel, oder?», der macht sich mitschuldig.

Irgendwie kommt einem das doch sehr bekannt vor. Die Parallelen zu gewissen Bereichen des heutigen Gesundheitswesens sind erkennbar. Resultat sind Zynismus und schliesslich desertierende Einsatzkräfte (Pflexit). Und am Schluss wird dann wieder gefragt, wie das bloss so weit kommen konnte.

Quellen

  • Näf, A.: Geschichte der Kirchgemeinde Glattfelden mit Hinweisungen auf die Umgebung. Scheuchzer, Bülach 1863. Neuauflage: Verkehrs- und Verschönerungsverein 8192 Glattfelden 1985 – S. 51-52.
  • Schlumberger-Fischer, E.: Lettres de Morin, secrétaire de Masséna, an 7 de la République. In: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde. Bd. 29 (1930) – S. 95-145.
  • Nägele, H.: Die entscheidenden Kämpfe gegen Napoleon im Rheintal. In: Unser Rheintal, 36. Jg., 1979 – S. 57-59. Zitiert nach Separatdruck in der Reihe Texte zur Dorfgeschichte von Untervaz.

Sonntag, 22. November 2020

Weiacher durch französische Soldaten ermordet?

«Der Kanton Baden 1798-1803». So lautet kurz und knapp der Titel der Dissertation von Rolf Leuthold aus dem Jahre 1933. Auf 245 Seiten rollt der Autor die Geschichte dieses helvetischen Verwaltungsbezirks von Frankreichs Gnaden auf. Dieser ging mit der von Napoleon zur Ablösung des gescheiterten Einheitsstaat-Experiments «Helvetische Republik» diktierten Mediationsakte von 1803 im erweiterten Kanton Aargau auf, nachdem bereits 1801 und 1802 beschlossen worden war, ihn aufzulösen (vgl. den Artikel im e-HLS: Baden (AG, Kanton)).

Auf Seite 85 dieses Werks findet man die Passage «Weiacher durch einen Soldaten getötet.» Das lässt natürlich aufhorchen. Was ist da passiert? Einige Gedanken zur Franzosenzeit im Zweiten Koalitionskrieg 1799/1800.

Enttäuschte Hoffnungen bei den Schweizern...

Schon die Alte Eidgenossenschaft war zu grossen Teilen faktisch ein Klientelstaatenbund des französischen Königreichs. Mit der Helvetischen Republik nahm diese Verbindung mit Frankreich eine noch stärker spürbare Form an. Es gab einen Bündnisvertrag und viele Errungenschaften der Französischen Revolution (gute und schlechte) kamen auch in Helvetien zur Anwendung. 

Die französischen Truppen hatten nach der Eroberung der Alten Eidgenossenschaft 1798 die Staatsschätze von Bern und Zürich abgezügelt. Das hätten die Schweizer allenfalls noch verkraften können (auch wenn es unvorstellbare Reichtümer gewesen sein müssen, die da verloren gingen; der Staat Bern hätte beispielsweise in den letzten 200 Jahren keine Steuern erheben müssen!). 

Dass aber sämtliche Hoffnungen auf bessere Zeiten durch die brutalen Härten der Kriegsjahre zunichtegemacht wurden, das nahmen die Untertanen der jungen Helvetischen Republik ihrer Obrigkeit und den Franzosen sehr übel. Auch, wenn viele Hiesige letztlich Opfer der eigenen Naivität geworden waren und sich das nicht eingestehen wollten.

Besonders schön zeigt sich das Problem anhand einer von Leuthold zitierten Eingabe der Munizipalität Albisrieden (also des Gemeinderates) vom Sommer 1799 an die Verwaltungskammer des Kantons Baden (Kantonsverwaltung), die interessanterweise in bestem Französisch abgefasst ist. Albisrieden (das Teil des zürcherischen Distrikts Mettmenstetten war) gehörte kriegsbedingt ein paar Monate zum Kanton Baden, da es den Kontakt zur Zürcher Verwaltung ennet der Frontlinie verloren hatte:

«Nous avouons franchement que les Français font voir des vues toutes contraires au traité d’alliance qui parle presqu’à toutes les pages d’un amour fraternel, d’amitié loyale, d’un traitement honnête… A nos remontrances, à nos plaintes, à nos prières portées aux généraux, aux officiers français, il ne suit d’autre réponse que: Voilà les malheurs de la guerre! Accompagnés alors de leurs plaisanteries malplacées et de leur rires nous pouvons retourner dans nos chaumières, exposés de nouveau à tous les excès.» (Fn-156: EA. 1196, 37. [EA: Eidgenössisches Archiv (Helvetik) Bern])

... resignativer Zynismus bei den Franzosen

Der Gemeinderat von Albisrieden vor den Toren der Stadt Zürich beklagt sich also darüber, dass das Verhalten der französischen Offiziere bis hinauf zu den Generalsrängen so gar nicht zu den schönen Worten und Versprechungen der Revolutionsrhetorik passen wolle. Dass sie auf all ihre Klagen nichts anderes als Achselzucken und den fatalistischen Hinweis: «Das ist halt das Unglück des Krieges» zu hören bekämen, gepaart mit deplatzierten Witzen und Gelächter. So sassen die Albisrieder also in ihren Strohdachhäusern und sahen sich weiterhin den fortgesetzten Übergriffen der französischen Soldaten schutzlos ausgeliefert.

Dass die fremden Offiziere nur noch mit einem Achselzucken reagierten, ist leicht erklärbar, wenn man sich in deren Lage versetzt. 

Für die Mehrheit der in Uniformen gesteckten Franzosen waren bereits die vergangenen zehn Jahre seit der Revolution eine einzige Abfolge von schrecklichen Erlebnissen und Nachrichten. Das war eine Zeit voller Gewalt und Entbehrung, hervorgegangen aus den wirtschaftlichen Problemen des bankrotten Feudalstaats, die in der eigentlichen Revolution von 1789 mündeten, den Jahren des Terrors der Jakobiner, dem Aufstand in der Vendée (unter vielen anderen) und das alles verflochten mit dem Versuch der Koalition der Fürsten, das Rad der Geschichte wieder zurückzudrehen (Erster Koalitionskrieg, 1792-1797). Die Antwort darauf war französischerseits ab 1793 die Levée en masse, also die Generalmobilmachung aller nur irgendwie verfügbaren Männer als Wehrpflichtige, sowie der Revolutionsexport, um den Konflikt ins operative oder sogar strategische Vorfeld zu tragen. In den Zweiten Koalitionskrieg (1799-1800) wurde auch das Gebiet der heutigen Schweiz hineingezogen.

Logistikprobleme pur!

Militärische Operationen dieser Grössenordnung verschlingen enorme Mittel, das war damals nicht anders als heute. Anders war vor allem, dass die Logistik sich auf Rüstungsgüter beschränken musste und nicht auch noch für Lebens- und Futtermittelnachschub ausreichte, was die Truppen letztlich dazu verdammte, sich unmittelbar aus den Vorräten des Gebietes zu bedienen, in dem sie sich gerade aufhielten. 

Man kann sich die Probleme am besten anhand der Ersten Schlacht bei Zürich (4.-7. Juni 1799) vorstellen. Die Stadt hatte damals (nach einer Volkszählung der Helvetischen Republik von 1800) rund 10'000 Einwohner, der ganze Kanton Zürich rund 180'000 Einwohner. In Stadtnähe lagerten 30'000 Franzosen und 40'000 Österreicher bzw. Russen. Ein temporärer Bevölkerungszuwachs von rund 40 Prozent. Bei der Zweiten Schlacht um Zürich (25./26. September 1799) waren es sogar noch mehr: 75'000 Franzosen und 60'000 Österreicher bzw. Russen (75 Prozent)! Darauf war die Lebensmittelversorgungsinfrastruktur der damaligen Schweiz nicht ansatzweise vorbereitet.

Und nun versetze man sich in die Stimmungslage eines durchschnittlichen Soldaten. Fern der Heimat in irgendeinem Dreckkaff zu sitzen. Nicht zu wissen, wann man die Heimat wiedersehen wird und ob überhaupt. Und dabei selber von der eigenen Regierung und Heeresleitung auch nicht gerade pfleglich gehalten werden. Da bleiben einem zum Selbstschutz nur noch Zynismus und schlechte Witze angesichts von Klagen der Zivilbevölkerung.

Winning hearts and minds? Forget it!

Das Ziel von Stabilitätsoperationen heutiger Prägung ist es, die Herzen der Zivilbevölkerung zu gewinnen. Denn nur dann hat man als Armee im fremden Gebiet die volle Handlungsfreiheit. An so etwas war 1799 nicht ansatzweise zu denken, wie man auch der Dissertation von Leuthold entnehmen kann:

«Im Hungerwinter 1799/1800 hielt sich im Distrikt Zurzach die 67. Halbbrigade auf [eine Halbbrigade umfasste rund 2500 Mann]; sie hinterließ einen denkbar schlechten Ruf. Mannschaft und Offiziere steckten unter derselben Decke, nahmen mit Gewalt weg, was sie nicht sonst erhielten. Beschwerden bei höhern Kommandanten nützten nichts. Sie waren Partei und Richter zugleich. Über Mißhandlungen häuften sich die Klagen. Gewöhnlich unterließ man es in den Dörfern, sofort einen „procès verbal“ aufzunehmen, ohne den später von vornherein nichts mehr zu machen war.»

Chef der helvetischen Zivilverwaltung in diesem uns benachbarten Distrikt war ein Unterstatthalter namens Welti (ein in dieser Gegend bekannter Familienname).

Die zu diesem Abschnitt gehörende Fussnote 157 lautet: «KAA. M.F. Einzig aus Oberendingen sind uns 3 Procès verbaux erhalten; Unterstatthalter Welti berichtet darüber an die Verwaltungskammer: Der 77jährige Greis Werder wurde mit seiner Frau aus dem Bett geworfen und mißhandelt. (Werder starb kurze Zeit darauf.) Dem Agenten [d.h. Direktunterstellten des Unterstatthalters in der Gemeinde Oberendingen] wird, da er zu wenig Wein auftischt, der Rest der Mahlzeit ins Gesicht geworfen usw. 

Ein einziger Fall von Ermordung eines Zivilisten durch französisches Militär ist uns bekannt: In Fisibach wurde Franz Jos. Weiacher durch einen Soldaten getötet. Mangels rechtsgültiger Zeugen wurde dieser vom französischen Militärgericht freigesprochen. Welti, der auch für diesen Fall die nötige Sühne wünschte, bekam die verlangten Akten nicht zur Einsicht und konnte deshalb auch keine weitern Schritte unternehmen. Ferner wurde in Besenbüren ein gewisser Jos. Leonz Etterli von französischen Soldaten verwundet.»

«Dem Regierungsstatthalter [d.h. dem Chef der Kantonsverwaltung in Baden] schrieb Welti in dieser Angelegenheit am 21. Januar 1800: „Ich weiß wohl, es braucht rechtmäßige Beweise, und hierzu ist unser Volk zu dumm.“ Mit größter Selbstlosigkeit setzte sich Welti für die Bevölkerung und deren Beschwerden ein und scheute sich nicht, mit den verantwortlichen Kommandanten zu verhandeln. Der Erfolg war – aus seinen Berichten zu schließen – sehr gering.»

Wie der Fall des Fisibachers zeigt, gab es zwar durchaus eine Militärjustiz. Ob die Verantwortlichen allerdings wirklich durchgreifen wollten, wenn es nicht gerade Tote gab, darf bezweifelt werden. Es ist einfacher, der eigenen Truppe das Plündern quasi zu erlauben, wenn man schon selber nicht für adäquaten Nachschub sorgen kann. 

Deshalb ist es kein Wunder, dass die Franzosen verhasst waren. Nicht nur im Kanton Baden. Und, dass sie deshalb auch in den Monographien über die Geschichte von Weiach alles andere als gut wegkommen.

Quelle
  • Leuthold, R.: Der Kanton Baden 1798-1803. Abhandlung zur Erlangung der Doktorwürde der philosophischen Fakultät I der Universität Zürich. Sauerländer Aarau, 1933. In: Argovia, Jahresschrift der historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Bd. XLVI (1934) – S. 1-243. Hier: S. 84-85.
    Ausgabe A: Diss. Phil. I. Univ. Zürich; Aarau, 1933; Kollation: II, 245 S.
    Ausgabe B: Separatabdruck aus Argovia; Aarau, 1934; Kollation: IV, 244 S.

Samstag, 14. November 2020

Tot schweigen gilt nicht. Zum 30. Jahrestag des Absturzes

14. November 1990 – 20:11:18 MEZ. Exakt dreissig Jahre ist es nun her. In dieser Sekunde ist die DC-9 der Alitalia im Gebiet Surgen in den Haggenberg gerast. 46 Menschen mussten in diesem fatalen Moment das Leben lassen.

Heute vor fünf Jahren habe ich geschrieben, die Weiacherinnen und Weiacher wollten die Vergangenheit ruhen lassen (vgl. WeiachBlog Nr. 1244). Aber verdrängen geht nicht. Für uns nicht. Und für die betroffenen Angehörigen erst recht nicht. Am 14. November kommt das wieder hoch. Es ist wie bei 9/11. Jede(r) weiss, was er zu diesem Zeitpunkt gerade gemacht hat.

Solche Erinnerungen bleiben im Gedächtnis, nisten sich im Unterbewussten ein. So wie die Traumata des Absturzes vom 4. September 1963 in Dürrenäsch (Flug SR 306), wo eine ganze Generation aus der Gemeinde Humlikon ums Leben kam. Die haben auch nach 50 und mehr Jahren ihre Ausläufer in die Gegenwart, vgl. dazu den eindrücklichen Film des Schweizer Fernsehens aus dem Jahre 2013.

Die Humliker hat's getroffen, die Stadler dafür verschont

Was in der SRF-Doku nicht erwähnt wird, ist der Umstand, dass an diesem 4. September nicht nur die Landwirtschaftliche Genossenschaft Humlikon den Versuchsanlagen der Dr. R. Maag AG in Coppet VD (nahe der Stadt Genf) einen Besuch abstatten wollte. Auch der Landwirtschaftliche Kreisverein, dem Stadler und auch einige Weiacher angehörten, hatte an diesem Tag einen Besuch am selben Ort geplant und wollte eigentlich auch mit der Swissair nach Genf fliegen. Da ihnen aber die Humliker beim Buchen der Plätze in der Unglücks-Caravelle zuvorgekommen waren, blieb ihnen nur die Variante, mit drei Cars ans Westende des Genfersees zu reisen (Quellen: Elsbeth Ziörjen-Baumgartner und Hans Meier, alt Gemeindeschreiber). Das Schicksal oder die göttliche Vorsehung hat die Weichen so gestellt, dass nicht unsere Nachbargemeinde getroffen wurde, sondern eine kleine Gemeinde im Weinland.

Zu tief geflogen und doch genügend hoch

Wir wissen nicht, aus welchem Grund die Maschine nur 300 und nicht 450 Meter unter dem Gleitpfad geflogen ist. Wäre letzteres der Fall gewesen, dann hätte es auch in unserem Dorf Tote und Verletzte geben können (vgl. WeiachBlog Nr. 1610 von gestern Freitag). So sind die 46 Opfer des Unglücks alle Auswärtige, die aber für immer mit unseren Annalen verbunden sind, denn ihre Namen sind samt und sonders im Weiacher Zivilstandsregister eingetragen. Aus 11 Nationen stammten sie, sagt der damals für die Registerführung verantwortliche Hans Meier (85) im Gespräch mit WeiachBlog. Er erinnere sich gut an die Kontakte in alle Welt, die mit dem Austausch der erforderlichen Formalien verbunden waren.


Das Denkmal, das an die Gefallenen erinnert. 
Mit 46 Kerzen, die von Deborah Meier zum 30. Jahrestag in der Landi und m Volg gekauft
und dort hinauf getragen worden sind. [Foto: D. Meier]

Denkmal-Pflege: Gemeinschaftsaktion Stadel/Weiach

Im Vorfeld des 30. Jahrestags haben sich die beiden Gemeinden Stadel und Weiach je hälftig an der Pflege des Denkmals und seines Umfelds beteiligt. So wurde der Bewuchs entfernt, ein neues Holzkreuz eingesetzt sowie die Inschriften auf dem Stein vom Moos befreit. Auf Ende November wird noch eine Sitzbank aus Eichenholz dazukommen (Quelle: Gemeinderat Weiach, Thomas Steinmann). 

Das sind sehr schöne Gesten von offizieller Seite. Die Gemeinde hätte den Jahrestag allerdings auch kaum vergessen können. Denn im Vorfeld gab es dem Vernehmen nach etliche Anrufe: Der scheidende Präsident der Ortsmuseumskommission, Daniel Bryner, hat WeiachBlog erzählt, dass ihn in den letzten Tagen mehrere von der Gemeindeverwaltung vermittelte Telefonanrufe erreicht hätten, wo Angehörige der Absturzopfer den Ort des Unglücks bzw. den Gedenkstein gesucht und nicht gefunden haben. Eine Anruferin habe gefragt, ob die Gemeinde einen Gedenkanlass organisiere. Nein, gedacht wird im Stillen.

Erinnerungskultur spiegelt Unternehmenskultur

Auffallend ist, wie unterschiedlich Fluggesellschaften mit ihren «Gefallenen» (Fliegende Besatzung und Passagiere) umgehen. Die Alitalia hat sich (soweit ersichtlich) nie wirklich um den Absturzort auf unserem Gemeindegebiet gekümmert – auch nicht nach Abschluss der Gerichtsverhandlungen, in welchen es um die Schuldfrage ging. Und: Das Denkmal wurde von den Hinterbliebenen errichtet. 

Anders die heutige Swiss: 1963 war es die damalige Swissair, die den oben erwähnten Absturz zu bewältigen hatte, bei den Abstürzen von 2000 bei Nassenwil und 2001 bei Bassersdorf die Swissair-Tochter Crossair. Die Swiss zeichnet heute noch für den Unterhalt verantwortlich (zumindest für das Denkmal auf dem Gebiet von Niederhasli, wie die Gemeindeverwaltung WeiachBlog gegenüber erklärte). In Nassenwil will man die Toten nun (20 Jahre nach dem Absturz) ruhen lassen (vgl. Tele-Züri-Beitrag v. 10. Januar 2020). 

Ob das eine angemessene Erinnerungskultur ist, das mögen dazu Berufenere beurteilen. Aber es wäre schon gut, wenn die Gemeindeverwaltungen von Weiach und Stadel einen Handzettel mit einer Wegbeschreibung bereithalten würden. Das wird umso wichtiger, je älter die Angehörigen der Opfer werden. Denn auf Weiacher Gebiet herrscht auf Waldstrassen Fahrverbot. Und auch von der nächstgelegenen Ortschaft Raat aus sind doch etliche Meter bis zum Denkmal am Haggenberg zurückzulegen. 

Freitag, 13. November 2020

Nur 150 Meter tiefer und die DC-9 hätte den Wingert gestreift!

Der Wingert (Flurname für Alter Weingarten, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 111) ist ein Ausläufer des Sanzenbergs, dem westlichen Hügelzug von den dreien, die das alte Dorfzentrum von Weiach schützend umgeben. Der Schutz gegen Wetterfronten ist schon seit Jahrtausenden bekannt. Seit bald 50 Jahren schützt der Sanzenberg aber auch gegen Flugzeuge. Wie das?

Wenn wir aus Anlass des 30. Jahrestags des Absturzes der Alitalia-Maschine (vgl. WeiachBlog Nr. 15 v. 14. November 2005) an unserem südlichen Hausberg, dem Haggenberg, eine Risikoanalyse für die eigene Bevölkerung wagen, dann wird schnell klar, weshalb.

Der Gleitpfad ...

Der Wingert liegt wie ein Riegel unter der Anflugschneise, was man durch das Verlängern der 1976 eröffneten Piste 14 (Blindlandepiste) bis nach Kaiserstuhl sieht (mit den offiziellen Landeskarten z.B. auf map.geo.admin.ch). 

Die Daten von swissALTI3D/DHM25 der Swisstopo ergeben dann für den Anflugpfad auf diese Piste ein Höhenprofil wie das untenstehende (mit dem Wingert als erstem Hügel von rechts, beim roten Doppelpfeil):Auf der Abszisse (x-Achse) ist die Entfernung vom südlichen Pistenende abgetragen, auf der Ordinate (y-Achse) die Höhe im Metern über Meer. Der Gleitpfad, wie ihn die Systeme des Flughafens vorgeben, ist als oberste schwarze Linie eingetragen. Fliegt man exakt auf diesem Pfad, dann führt er das Luftfahrzeug an die nördliche Pistenschwelle (dort wo die Linie auf den roten Boden trifft; die Piste 14 ist ca. 3.2 km lang).

... und seine systematische Unterschreitung

Die mittlere schwarze Linie zeigt den Pfad, den die DC-9 der Alitalia am 14. November 1990 kurz nach 20 Uhr genommen hat, sie liegt um 300 Meter zu tief, was unweigerlich dazu führt, dass das Auftreffen auf den Boden bereits am Haggenberg erfolgt (siehe den rosa-violetten Doppelpfeil). Hätte die als zentrale Ursache identifizierte Fehlfunktion am ILS-Instrument des Captains die Piloten zu einem noch 200 Meter tieferen Anflugpfad verleitet, dann wäre die Maschine an der Frankenhalde zerschellt, d.h. am Nordwesthang des Wingert.

Der schlimmste anzunehmende Fall

Bei sonst gleichen Bedingungen wie im Bericht der Flugunfall-Untersuchungskommission beschrieben wäre der worst case aus Weiacher Sicht an diesem Abend vor 30 Jahren dann eingetreten, wenn die Piloten um ziemlich genau 150 Meter tiefer, d.h. 450 Meter unter dem Gleitpfad geflogen wären. Wenn  ihre DC-9 dann die Südkante des Wingert gestreift hätte (Situation mit dem roten Doppelpfeil), dann wäre die Unglücksmaschine auseinandergebrochen und die Trümmerteile hätten sich den physikalischen Gesetzen folgend mit Geschwindigkeiten um die 300 km/h in Richtung Süden über dem Dorfkern verteilt. Die Mehrzahl davon im Bereich des Quartiers Chälen.

Was das bedeutet hätte, kann man sich ausmalen, so man es denn will. Es hätte Tote und Verletzte auch unter der Dorfbevölkerung geben können. An mehreren Orten wären Dächer und Hauswände von Trümmern durchschlagen worden, Treibstoffreste und andere Ursachen hätten an vielen Stellen Brände entfacht. Kurz: ein Inferno, das zu schrecklich ist, um es sich vorstellen zu wollen. 

Kein Wunder also, dass die damals damit Konfrontierten das Ereignis in der Tendenz eher verdrängen möchten (vgl. WeiachBlog Nr. 1244). Ändern kann man daran ja nichts. Und vor allem: es könnte jederzeit wieder so etwas passieren. 

Wie ein Tweet vom 18. November 2017 nahelegt, hatten vor drei Jahren anscheinend auch Piloten der portugiesischen Fluggesellschaft TAP die Hügel um Weiach herum nicht auf der Rechnung. Da nützt dann unter Umständen auch die neue Befeuerung auf dem Stadlerberg wenig. Die Risiken bleiben.

Das Protokoll der letzten Sekunden

Wie man dem Schlussbericht der Eidg. Flugunfall-Untersuchungskommission entnehmen kann, liefen die letzten ca. 25 Sekunden des Fluges AZ-404 über Weiacher Gebiet wie nachstehend skizziert ab. Ein Abbild der bei den Piloten herrschenden totalen Verwirrung über die Anzeigen ihrer Instrumente:

«Bei 6,25 NM Final unterhielten sich die Piloten wie folgt: "- dies ergibt für mich keinen Sinn -" "- für mich auch nicht -". 2 Sekunden nach dieser Unterhaltung rief der PIC: "Zieh, zieh, zieh, zieh!" Gleichzeitig war das Ausschalten des Autopiloten zu hören. Position: ca. 500 ft/AGL über Weiach, resp. ca. 350 ft QFE. Zwei Sekunden später sagte der COPI "go around", was vom PIC mit "Nein, nein, nein,... packe den Glide" erwidert wurde. Gleichzeitig registrierte der DFDR eine Pitchänderung von -2° (AND) auf +5,4° (ANU). Der Schub wurde gleichzeitig von 1,3 auf 1,7 EPR erhöht. Die Sinkgeschwindigkeit flachte von 1100 ft/min. auf 190 ft/min. ab. Nach 11 Sekunden (Pitch pendelte bei +1° ANU) fragte der PIC: "Kannst Du sie halten?", was mit einem "Ja" des COPI quittiert wurde. Eine Sekunde nach der Antwort des COPI war die Warnung des Radiohöhenmessers (pip, pip, pip) zu hören, welche bei 200 ft/ AGL anspricht. Der PIC sagte währenddessen: "Warte, versuchen wir ...". Um 19.11.18 Uhr schlug das Flugzeug an der Nordflanke des Stadlerbergs in einer Höhe von 1660 ft QNH auf. Koordinaten der Unfallstelle: 675 900 / 266 600 (= E 008° 26' 51 "/N 47° 32' 50"). Höhe: ca. 510 m/M.»

Über Weiach hatte die DC-9 gemäss Bericht eine Geschwindigkeit von 150 kt über Grund. 150 Knoten bei 1.852 km pro nautischer Meile entsprechen 277 km/h, also ca. 75 m/s.

6.25 NM Final (d.h. 6.25 nautische Meilen à 1852 Meter oder 11.575 km vor der Pistenschwelle) ist ungefähr dort, wo sich die Frankenhalde befindet, also der Nordabhang des Sanzenberg-Ausläufers Wingert oberhalb der Ebene des Hasli.

150 Meter weiter oder 23 Sekunden vor dem Auftreffen am Haggenberg war das Flugzeug direkt über dem Hügelausläufer des Sanzenbergs, genannt Wingert. Dort erfolgte die Aufforderung «Zieh, zieh, zieh, zieh» des PIC (Pilot in command, d.h. der Captain) an den Copiloten (COPI), die Nase des Flugzeugs anzuheben. 

Weitere 150 Meter in Richtung Süden, d.h. in etwa über dem westlichen Teil der Neurebenstrasse leitete der Copilot (COPI) das Durchstart-Manöver (go around) ein.

Der im Bericht erwähnte «Pitch» ist die relative Lage des Flugzeugs in der Y-Achse. Die Gradangabe zeigt  auf, ob die Nase über oder unter der Flugebene liegt. Beim Go-Around ging die Nase also hoch und die Sinkrate verringerte sich massiv. Nur, das reichte leider nicht. Denn diesen Durchstart-Versuch, der das Unglück abgewendet hätte, verhinderte der Captain mit dem Befehl, wieder den Gleitweg «zu packen».

Go around wäre die Rettung gewesen

Das Durchstart-Manöver hörten die Weiacherinnen und Weiacher als kurzes Aufheulen der Triebwerke. Daran erinnern sich noch viele.

Bis zu diesem Zeitpunkt sank die Maschine mit jeder Sekunde um 5.5 Meter ab, danach nur noch mit 1 m/s, die beiden Piloten wähnten sich ja immer noch auf dem Gleitweg.

Selbst wenn das Flugzeug in den nun folgenden rund 18 Sekunden nicht mehr abgesunken wäre: Diese rund 20 Meter hätten es auch nicht retten können. Nur das Durchstarten. 

Aus diesem Grund verlangen die Regeln nun, dass ein Go Around – einmal ausgelöst – von niemandem mehr abgebrochen werden darf. Auch nicht vom Captain!

Quelle

  • Schlussbericht der Eidgenössischen Flugunfall-Untersuchungskommission über den Unfall des Flugzeuges DC-9-32, ALITALIA, Flugnr. AZ 404, I-ATJA am Stadlerberg, Weiach/ZH, vom 14. November 1990. Nr. 1990/57 - S. 11   https://www.sust.admin.ch/inhalte/AV-berichte/1457.pdf