Mittwoch, 24. August 2016

Wenn das Weyacher Kieswerk zum Aargau gehört

«Humoristische Darstellung» und «Autobiografie». Diese Schlagworte hat der Katalog Swissbib aus der GND, der Gemeinsamen Normdatei der Bibliotheken, Archive, etc. ausgewählt.

Charakterisiert wird damit das jüngste Buch des nach Brandenburg ausgewanderten Moderators Dieter Moor, erschienen im April 2015 im Rowohlt Taschenbuch Verlag. Moor hat seinen Vornamen vor etwas mehr als drei Jahren auf Max geändert, der - glaubt man der Süddeutschen Zeitung - vorerst noch als Künstlername dienen soll.


Jugendlicher Ich-Erzähler

Moor schreibt aus dem Blickwinkel eines Buben, der in der kleinen Gemeinde Mellikon (200 Einwohner) im Studenland aufwächst, wenige Kilometer rheinabwärts von Weiach aus (Rümikon-Mellikon ist die nächste Haltestelle nach Kaiserstuhl AG). Eine Kindheit in der Nordostecke des Aargaus also. Und der geht für den jungen Ich-Erzähler weit über die politischen Grenzen hinaus, wie man diesem Auszug entnehmen kann:

«Gut, der Aargau hat halt wirklich keine Berge, das stimmt schon. Aber dafür die schönen Hügel vom Jura, im Jura waren früher die Dinosaurier. Und wir haben den größten Eisenbahnknotenpunkt der Schweiz, in Olten, und die größte Kavalleriekaserne, in Aarau, und die größte Schuhfabrik, die Bally. Und die vielen Wasserkraftwerke an der Aare. Und die Habsburgerburg, wo die Habsburger herkommen, gegen die der Wilhelm Tell gekämpft hat, und das große Betonwerk und die Weyacher Kiesgrube mit dem berühmten Weyacher Kies und das Schloss Hallwyl und neben dran noch eine echte Pfahlbauersiedlung.

All diese Schönheiten vom Aargau und noch viele mehr hat der Vatti mit dem Fauweh auf den Besuchen bei den Kunden kennengelernt. Aber eben nur vom Aargau. Der ist zwar ziemlich riesig, aber die Schweiz ist eben noch riesiger, und da hat es noch viel mehr Schönheiten.
»

Da schreibt einer mit Insiderwissen

Der Bahnhof Olten und die Schuhfabrik Bally liegen im Kanton Solothurn, die Weiacher Kies AG im Kanton Zürich. Das weiss der Dieter Moor natürlich - darf man mindestens annehmen. Als Melliker hat er sicher auch die Block-Züge der Weiacher Kies vorbeiziehen sehen, wenn sie auf der dort vorbeiführenden Bahnlinie verschoben wurden. Mit der grössten Betonfabrik ist wohl die Holderbank Cement und Beton zwischen Möriken-Wildegg und Holderbank AG.

Interessant ist, dass Moor explizit die von den Einheimischen verwendete Mundart-Schreibweise «Weyacher» (mit «y»!) gewählt hat. Diese Feinheiten wären einem nicht Landeskundigen entgangen - gerade das «y» ist sozusagen ein Beweis, dass er im östlichen Studenland grossgeworden ist. Sein Vater war Versicherungsvertreter und hat wohl auch Kunden in Weyach gehabt. Vielleicht sogar die Weiacher Kies AG selber.

5468 Weyach

Was die Zuteilung von Weyach zum Aargau betrifft: Diese Forderung hat der Autor dieses Blogs in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 40 bereits mehr als ein Jahrzehnt früher gestellt - und den Kantonswechsel auch textlich und heraldisch vorgenommen: im Titel des Artikels (Weyach mit «y»), mit Studenländer Postleitzahl (Fisibach hat 5467, Kaiserstuhl 5466) und einem von zürcherischen Einflüssen gesäuberten Gemeindewappen (nämlich das alte mit sechszackigem Stern).

Für das jugendliche literarische Ich des zum bio-dynamischen Landwirt gewordenen Aargauers Moor ist der Kantonswechsel von Weiach bereits (humoristische) Realität - und wenn es nur ein aargauisiertes Kieswerk ist.

Quelle und Literatur

Dienstag, 23. August 2016

Fussballspielen und unnötiges Velofahren wird bestraft

Gemeindepolitiker aller Couleur pflegen im Rückblick auf frühere Zeiten vor allem eines zu beklagen: den immer kleiner werdenden Gestaltungsspielraum. Es ist sicher so, dass die Regelungsdichte vor Jahrzehnten noch kleiner war als gegenwärtig. Ein Gemeinderat musste sich aber dafür auch mit der ganzen Bandbreite an Problemen herumschlagen, die in einem Dorf eben vorkommen. Und durfte sich erlauben, eigene Regelungen zu erlassen. So wie an der Gemeinderatssitzung vom 27. Juni 1931:


Nach Verlesung und Genehmigung des Protokolls der vorgängigen Sitzung behandelte der Rat als Traktandum Nr. 2 eine Übertretung mehrerer Artikel des Konkordats betreffend den Verkehr mit Motorfahrzeugen - Vorläufer des Strassenverkehrsgesetzes (SVG) vom 19. Dezember 1958 - und sprach eine Busse aus.

Kurze Frist für die Einberufung einer Gemeindeversammlung

Als dritten Punkt der Tagesordnung beschlossen die Gemeinderäte die Anberaumung einer Gemeindeversammlung zur Abnahme der Jahresrechnungen und Wahl eines neuen Försters auf den 12. Juli (!).

Beim vierten Traktandum wird klar, dass der Gemeinderat diese Versammlung nutzen wollte, um Remedur schaffen:

«In der nächsten Gemeindeversammlung soll bekanntgegeben werden, dass der Gemeinderat in Zukunft das Fussballspielen auf öffentlichen Strassen und Plätzen, sowie das unsinnige und unnötige Velofahren von schulpflichtigen Kindern be[s]trafen werde.»

Welche Vorfälle die oberste Gemeindeexekutive zu diesem Schritt bewogen haben mögen? Das steht im Protokoll leider nicht.

Bemerkenswert ist, dass damals Velos noch ausschliesslich als seriöse Fortbewegungsmittel für Erwachsene galten. Kaum jemand hatte ein Automobil.

Ebenso bemerkenswert: spielende Kinder auf der Strasse störten trotz dieser - aus heutiger Sicht idyllisch wirkenden - Verhältnisse mit langsamem Verkehr (in vielen Fällen noch von Kühen gezogene Fuhrwerke, Pferde konnten sich nur die wenigen Wohlhabenden leisten).

Fussball gespielt - mitten auf der Chälenstrasse

Wie rigoros die neuen Verbote durchgesetzt wurden ist bislang nicht bekannt. Der Verfasser dieses Blogs erinnert sich jedenfalls, dass in seiner Jugendzeit in den 1970er-Jahren an Sommerabenden mitten auf der mittlerweile asphaltierten Chälenstrasse spontan Fussball gespielt wurde. Für die durchfahrenden Autos haben wir dann halt jeweils temporär das Spielfeld geräumt. Nach dem Bau all der neuen Wohnblöcke an der heute «Im Bruchli» benannten Sackgasse sind solche Freizeitvergnügen heute undenkbar.

Aber wer weiss: wenn es schon im Oberdorf möglich ist, eine 30er-Zone einzurichten, weshalb dann nicht auch in der Chälen? Vielleicht sogar eine «Begegnungszone» (vgl. Bild aus der Signalisationsverordnung (SSV))?


Zu dieser Begegnungszone steht in Art. 22b Abs. 1 SSV:

«Das Signal «Begegnungszone» (2.59.5) kennzeichnet Strassen in Wohn- oder Geschäftsbereichen, auf denen die Fussgänger und Benützer von fahrzeugähnlichen Geräten die ganze Verkehrsfläche benützen dürfen. Sie sind gegenüber den Fahrzeugführern vortrittsberechtigt, dürfen jedoch die Fahrzeuge nicht unnötig behindern.»

Das entspricht ziemlich genau der strassenfussballfreundlichen Situation vor rund 40 Jahren. Bleibt aber wohl Utopie.

Quelle
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934, S. 171-172. [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]

Sonntag, 21. August 2016

Auch Grünfuttersilos brauchen eine Baubewilligung

Gestern war auf diesem Blog die Rede von einem Arbeitsunfall im Heustock. Heu und Emd - und zwar im Freien getrocknet und dann in den Stock eingebracht - ist die traditionelle Art der Futtergewinnung für den Winter.

Vor einem halben Jahrhundert hielt die neue Technik der Silierung Einzug in die Weiacher Landwirtschaft. Es wurden sogenannte Grünfuttersilos gebaut. So viele, dass es sogar dem Chronisten Zollinger auffiel, der in der Ausgabe 1966 solche Silos in einem Fall im Text vermerkte...

«Für 1966 sind nur vier grössere Bauvorhaben zu verzeichnen:»
(...)
«Otto Meier-Brandstätter, Bergstrasse
Umbau z.T. Neuerstellen von Scheune und Stallungen, Silos


... und als Beleg dazu gleich zwei Ausschnitte aus Zeitungen einklebte:



Man sieht, dass da offensichtlich noch nachträglich Baugesuche für bereits erstellte Silos eingefordert wurden.

Ein weiteres interessantes Detail ist die unterschiedliche Strassenbezeichnung der Liegenschaft Meier-Brandstätter. Die heutige Bergstrasse (auch von Zollinger so genannt) beginnt genau bei dieser Liegenschaft, vis-à-vis der Alten Post. Und vor dem Bau der Stadlerstrasse war diese Verbindung über den Berg die alte Zürichstrasse.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 24, 24a u. 25. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

Samstag, 20. August 2016

Heusonde führt zu Rippenbruch

Heusonden sind nützliche Helfer, wenn es darum geht eine Überhitzung des Heustocks frühzeitig festzustellen und damit einen Brand noch rechtzeitig zu verhüten (vgl. Wikipedia-Artikel «Heusonde»).

Vor einem halben Jahrhundert konnte einem ein solches Gerät aber auch einen körperlichen Schaden bescheren, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1966 zu einem Vorfall vom 2. Juni schreibt:

«Ernst Bersinger Gemeinderat erleidet bei der Untersuchung seines Heustockes mit der Heusonde einen Rippenbruch, weil die Sonde plötzlich nachgab und ihm mit Wucht in die Brust stösst.»

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 24. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

Donnerstag, 18. August 2016

Was bedeutet «site prope Kaiserstůl» wirklich?

«Bischof Heinrich von Constanz ratifiziert den Verkauf der zum Hof Weyach gehörigen Gerichtsbarkeit durch Jakob von Wart an den Bischof selbst». So wird in Band VI des Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich (UBZ, vgl. WeiachBlog Nr. 508) aus dem Jahre 1903 ein am 8. Februar 1295 abgeschlossenes Rechtsgeschäft im Titel umschrieben.

Zwei Rechtsbezirke

Entgegen dieser Bezeichnung geht es nicht nur um den «Hof», sondern offenbar um zwei separat bezeichnete Rechtsbereiche: das Dorf Weiach selber und den Meierhof gleichen Namens, wie der lateinische Wortlaut vermuten lässt:

«Noverint universi tam posteri quam presentes, quod ego pure ac liberaliter omne ius michi competens in iurisdicione // et districtu curie villicatus dicte Wiach, site prope Kaiserstůl, et in villa Wiach, que iurisdicio getwinch et ban wlgariter appellatur, trado, dono et confero venerabili patri H. dei gratia Constantiensi episcopo nomine et vice ecclesie sue Constantiensis» (UBZ N° 2323; VI, 289)

Dieser zentrale Textabschnitt gibt die Willenserklärung des Freiherrn Jakob von Wart wieder: Kund und zu wissen sei allen, sowohl den (damals) Lebenden wie der Nachwelt, dass er aus freien Stücken alle seine gerichtsherrlichen Rechte, die der Volksmund Twing und Bann nenne, dem ehrwürdigen Vater Heinrich, von Gottes Gnaden Konstanzer Bischof, verkaufe, schenke und übertrage. Der Bischof wird als im Namen und für das Gut der Konstanzer Kirche handelnd bezeichnet.

Wie in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 52 erläutert, geht es dabei um zwei separat genannte Bereiche, eine «curia villicatus» genannt Wiach, die bei Kaiserstuhl liege und um das Dorf Wiach. So sieht es Konrad Wanner in seiner Dissertation aus dem Jahre 1984.

«situm in» ...

Nur wenige Jahre zuvor, am 19. Juni 1279, war ein Grundstückhandel zwischen zwei Kaiserstuhlern betreffend ein «predium dictum Kolun» [nach einer anderen Fassung: «Kelun»], «situm in villa Wyach» Gegenstand einer Urkunde, deren Inhalt heute nur noch in mehreren Abschriften überliefert ist.

Interessanterweise wird die Chälen in dieser Urkunde rechtlich nicht vom Dorf unterschieden dargestellt, sie ist «situm in», das heisst im Dorf gelegen. Ist die Unterscheidung von Meierhof (curia villicatus) und Dorf (villa) - wie in der Urkunde von 1295 - nur eine, die bei einer Übertragung der gerichtsherrrlichen Rechte verdeutlichen soll, dass eben wirklich beide rechtlichen Entitäten gemeint sind und nicht später unterstellt werden kann, es sei nur das Dorf gemeint, nicht aber der Meierhof?

Wanner 1984 ist der Meinung, bei dieser «curia villicatus» handle es sich um die Chälen. Er amalgamiert sozusagen zwei Urkunden (die Namensnennung «Kolun» bzw. «Kelun» von 1279 und die rechtliche Qualifizierung von 1295) und zwar mit der folgenden Erklärung: «Der Dorfteil "Kelen" war im Hochmittelalter, wie sein überlieferter Name sagt (und die Bezeichnung "curia villicatus" in der Urkunde von 1295 noch deutlicher macht), eine Fronhofsiedlung.»

... versus «site prope»

Man kann sich auch die Frage stellen, was die am 8. Februar 1295 beteiligten Parteien (Freiherr Jakob von Wart und Bischof Heinrich II. von Klingenberg) unter dem Begriff «site prope Kaiserstůl» verstanden haben. Das Adverb «prope» an sich ist klar. Es bedeutet «nahe» bzw. «in der Nähe von». Aber was heisst das jetzt konkret?

Lag der Meierhof zwischen Dorf und Städtchen?

Wenn damit gemeint war, dass Weiach (und damit beide genannten Örtlichkeiten: Meierhof und Dorf) nahe Kaiserstuhl liege, so wie man heute noch manchmal «Weiach bei Kaiserstuhl» liest - und damit Lesern, die zwar vom Städtchen schon gehört haben, aber Weiach geographisch nicht einordnen könnten, helfen will - dann würde Wanner mit seiner Einschätzung, der Meierhof sei mit der Chälen identisch, recht behalten.

Wenn damit allerdings zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass der Meierhof wirklich in unmittelbarer Nachbarschaft zu Kaiserstuhl gelegen war, das Dorf Weiach (relativ zum Meierhof) aber nicht, dann könnte dieser Meierhof sein Zentrum nicht in der heutigen Chälen gehabt haben, sondern müsste zwischen dem heutigen Dorfkern und Kaiserstuhl gelegen haben: im Raum See-Winkel-Bedmen.

Dieses Gebiet war ja auch eine eigene Zelg, die sogenannte Stadtzelg, weil sie vom Dorf aus gesehen gegen das Städtchen lag. Und just diese Zelg sei - nach Angaben des Weiacher Pfarrers Konrad Hirzel von 1850 - «am längsten in Kultur u. liefert in der Regel den reichsten Ertrag», das heisst, dass dies das beste Land war und es eine Erinnerung daran gab, dass dort früher als an anderen Orten auf Gemeindegebiet bereits Landwirtschaft betrieben wurde.

Das Gebiet der früheren Stadtzelg (oder Teile davon) könnte also durchaus die landwirtschaftliche Nutzfläche dieses alten Meierhofs sein, der 1295 seinen Auftritt in einer Urkunde erhielt. Wanner meint allerdings, dass die von der Sonne eher verwöhnten Hänge im Osten (d.h. die Dorfteile Oberdorf und Büel) älter seien.

Zweifel an Wanners Zuordnung

In Weiacher Geschichte(n) Nr. 51-54 habe ich vor 12 Jahren die Deutung von Wanner 1984 übernommen. Daran sind aber durchaus Zweifel angebracht.

Ausser der Gleichsetzung des heutigen Ortsteils Chälen (früher Kelen, Chelle, o.ä. genannt) mit dem Meierhof bringt Wanner meines Erachtens keine weiteren hieb- und stichfesten Beweise für den Standort des Betriebszentrums. Ihm reicht der Umstand, dass eine «villicatio» ins Deutsche übertragen als «Kelnhof» bzeichnet wird, verbunden damit, dass der Ortnamen Kelen heute eine bestimmte Häusergruppe im Westen des Ortes bezeichnet, völlig aus, um einen Charakter des Dorfteils Kelen als abgeschlossenen Herrenhof (eben diesen Meierhof) festzustellen (vgl. S. 158).

Verwiesen sei auch auf die Anmerkung 5 zum Kapitel über Weiach (S. 339): «ZUB VI, Nr. 2323 (1295): "ius michi competens in iurisdicione (!) et districtu curie villicatus dicte Wiach site prope Kaiserstuol (Ortsteil Kelen!) et in villa Wiach (Ortsteil Dorf!), que iurisdicio (!) getwinch et ban wlgariter appellatur".»

Für Wanner ist es offensichtlich keine Frage, welchen heutigen Ortsteilen die beiden 1295 genannten Rechtsbezirke zuzuordnen sind.

Einen einigermassen sicheren Nachweis dürfte man erst dann erhalten, wenn die Besitzverhältnisse über Jahrhunderte hinweg mittels urkundlichen, notariellen, gerichtlichen und anderen schriftlichen Beweisstücken zurückverfolgt und auf der Landkarte verortet werden können. Das ist ein aufwändiges Puzzlespiel - ohne jede Garantie, dass man alle Teilchen noch zur Verfügung hat.

Nachtrag: Die Sicht des Kanzlisten

Einmal abgesehen von diesem gerade genannten Desiderat, das neben vielen Erkenntnissen wohl auch viele weitere Fragen aufwerfen dürfte, ist es sicher hilfreich, die Urkunde von 1295 auch mit den Hilfsmitteln der Diplomatik zu beleuchten.

Bischof Heinrich war seit 1293 im Amt und hatte bereits im darauffolgenden Jahr 1294 die Stadt Kaiserstuhl gekauft. Die Transaktion mit Jakob von Wart steht in diesem Zusammenhang und den landesherrlichen Arrondierungsbemühungen des Klingenbergers.

Ein solcher machtpolitischer Umstand war der bischöflichen Kanzlei in Konstanz natürlich wohlbekannt. Und so wäre es denn auch kein Wunder, wenn der Einschub «site prope Kaiserstůl» durch den Schreibenden lediglich als sozusagen interner Verweis für die Lage des neu erworbenen Rechts gedient haben sollte. Und nicht als etwas, was seitens der handelnden Subjekte (Freiherr und Bischof) als entscheidende Information empfunden worden wäre.

Interessanterweise sind bei diesem Rechtsgeschäft auch keine Zeugen genannt, so wie das sonst üblich gewesen ist. Die Angelegenheit erscheint fast wie eine Privatabmachung zwischen von Wart und von Klingenberg.

Quellen

Mittwoch, 17. August 2016

Chamäleon-Spycher und Näpferhüsli

Auf der Twitter-Seite von WeiachBlog habe ich die Frage gestellt, welche Gebäude auf den neu im Header gezeigten Fotos abgebildet sind:


Dieser Beitrag trägt die Nummer 1294 und deshalb folgt hier nun die Auflösung.


Vom Waschhaus zur Caffè-Bar

Die Photographie links ist mindestens 50 Jahre alt und zeigt den Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses, der nach Angaben der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich aus dem Jahre 1821 stammt (vgl. WeiachBlog Nr. 623).

Das Photo wurde von Zollinger ins Typoskript seiner Jahreschronik 1963 (Bildquelle: G-Ch Weiach 1963 - S. 26) eingeklebt, welche gemäss den Angaben des Chronisten (S. 26) im November 1964 vollendet war.


Neben dem Photo hat der Chronist vermerkt: «Waschhäuschen zugl. Spycher b. d. Kirche». Und gemäss den Lagerbüchern der kantonalen Gebäudeversicherung war das 1834 tatsächlich ein «Waschhaus» sowie eine «Schütte» - Zollingers Angaben sind also historisch korrekt, was die ursprünglich von den Bauherren angestrebte Funktion betrifft.

Das Gebäude gehört heute der Gemeinde Weiach und beherbergt seit Ende August 2008 die Chamäleon Caffè-Bar Lounge (vgl. WeiachBlog Nr. 643 zur Eröffnung).

Das untenstehende Bild zeigt den renovierten Speicher. Es wurde vor der Eröffnung des Chamäleon aufgenommen und erstmals Ende Juli 2008 im WeiachBlog Nr. 623 (Titel: «Untere und obere Amtsrichters. Von Häusern und ihren Menschen») veröffentlicht.


Das Näpferhüsli - dort wo einst eine Ziegelei stand

Auch der Aufnahmezeitpunkt der Photographie in der Mitte des Headers ist nur per Terminus ante quem festlegbar. Weil die Zollinger'sche Jahreschronik 1964 (Bildquelle: G-Ch Weiach 1964 - S. 13) gemäss den Angaben im Dokument selber (S. 27) im September 1965 abgeschlossen wurde, kann das Foto nicht später entstanden sein:


Der Standort des Photographen war auf der Wiese, wo sich heute der grosse Spielplatz befindet. Rechts ausserhalb des Bildes steht das Alte Gemeindehaus.

Im November 2006 habe ich dazu vermerkt: «Das kleine Haus der Frau Nepfer (s' Näpferhüsli) auf dem Platz zwischen dem Alten Gemeindehaus und der Abzweigung Luppenstrasse steht schon seit mehr als 20 Jahren nicht mehr. Dort hat die Gemeinde 1985 ein modernes Mehrfamilienhaus errichten lassen.» (WeiachBlog Nr. 319).

Mittlerweile ist das Näpferhüsli also schon seit mehr als 30 Jahren aus dem Dorfbild verschwunden. Tempus fugit.

Dienstag, 16. August 2016

Tweets über WeiachBlog

Es ist schon geraume Zeit her, dass sich der Autor dieses Blogs den Namen @WeiachBlog auf Twitter gesichert hat - gemäss dem Kurznachrichtendienst war das im November 2014. Nun hat auch WeiachBlog seine ersten Tweets abgesetzt:


Bislang habe ich darauf verzichtet, auch dort noch aktiv zu sein - man soll sich ja nicht verzetteln. Nachdem nun aber seit diesem Jahr auch reale Personen - und nicht nur Spam-Accounts diesem Twitter-Account folgen (d.h. seine Nachrichten abonniert haben) und auch mit dem @-Operator auf den bislang schlafenden Account verwiesen wird, sieht das jetzt schon etwas anders aus.

In der Kürze liegt die Würze

Zwar trägt Microbloggen (wie der Gattungsbegriff für solche Dienste wie Twitter lautet) immerhin das Bloggen im Namen - die Nutzungsart ist jedoch eine ziemlich verschiedene. Denn auf einem Microblogging-Dienst muss man sich der Kürze befleissigen. In der Regel hat man nur grad 140 Zeichen zur Verfügung. So viele passen in ein SMS. Deswegen wird ein Tweet manchmal auch Status genannt, weil manche Leute auf diese Weise mitteilen, was sie gerade tun. Oder was sie interessant finden und mit anderen teilen möchten. Letzteres tut man vorzugsweise mit Weblinks auf andere Seiten - zu mehr reicht der Platz nicht.

Verweise auf WeiachBlog-Beiträge 2009-2016

Gemäss der auf Twitter verfügbaren Suchmaschine (Abfrage von heute 16. August) gab es seit 2009 immerhin elf Tweets (also Twitter-Nachrichten), die auf WeiachBlog-Beiträge verlinkt haben. Sie nutzen ausnahmslos einen Weblink-Verkürzungsdienst, wie bit.ly oder tinyurl.com:

  • lindsay l. ‏@lindsay_l0han · 18. Dez. 2009 WeiachBlog: Als Seite-1-Girl im «Blick»: «In the future, everyone will be famous for 15 minutes», soll der Pop-.. http://bit.ly/5qL14t
  • Michael Schmidt ‏@mschmidt29 · 3. Jan. 2010 WeiachBlog: Arbeitslosigkeit warf keine verheerenden Wellen: Von freien Samstagnachmittag verspürt man hier nicht ... http://bit.ly/8ywrva
  • bauernhof ‏@bauernhof · 27. Jan. 2010 WeiachBlog: Fast ein halbes Jahrhundert in der Schulpflege: Frau Elise Schenkel, Rhyschenkels genannt, weil sie mi... http://bit.ly/daY62Q
  • Kreuzberg Tweets ‏@xberg · 4. Feb. 2010 Google-Blogs: WeiachBlog: Ex-DDR-Parteiorgan erwähnt Weiach - http://tinyurl.com/ye4ushb
  • Ulrich ‏@Ulrich5 · 28. Feb. 2010 WeiachBlog: Kredit für die Verbreiterung des Pausenplatzes http://bit.ly/99hVBU
  • erziehung ‏@erziehung · 8. Juni 2010 WeiachBlog: Paternitätsklage 1868: Zu Kinderalimenten verdonnert: Das Kind bleibt bis zu seinem zurückgelegten zwö... http://bit.ly/9PKUGT
  • Chirs White ‏@top_schluessel · 5. Feb. 2011 WeiachBlog: Zu erwartender Reichtum ermöglicht weitere ...: Zu erwartender Reichtum ermöglicht weitere Infrastru... http://bit.ly/dGa1uS  
  • Steffi Schubert ‏@bkforschung · 28. März 2011 WeiachBlog: Märzwetter 1961: Pfirsichbäumchen mit Tüchern geschützt: Peak Oil lässt grüssen. Quellen. Zoll... http://tinyurl.com/4p8meh2
  • Prof. Dr. Seis ‏@seismologie · 28. Apr. 2011 WeiachBlog: «Ziemlich heftiger Erdbebenstoss»: Da im Bereich der Erdbeben-Intensität im Allgemeinen ein Sprachve... http://bit.ly/jCewUv
  • Happy Horse ‏@Mr_Happy_Horse · 4. Aug. 2011 Pferdezäune - professionell aufgezogen (WeiachBlog): Wer die Entwicklung in den letzten Jahren v... http://bit.ly/pbWmVk
  • beatrice wertli ‏@bwertli · 15. Aug. 2016 Wortwörtlich mit Kommentar: #1August Ansprache: http://bit.ly/2aUlA2t. Vielen Dank @WeiachBlog und @StefanArnold19
 

Montag, 15. August 2016

Ortsgeschichte mit Fadenheftung und Leinen-Einband

Es gibt bislang erst eine Monographie, die sich ausschliesslich mit der Geschichte von Weiach befasst und die mit harten Buchdeckeln versehen das Licht der Welt erblickt hat: die im Volksmund nach ihrem Rückentitel «Chronik» genannte Schrift von Walter Zollinger.

Eine Spezialität dieses Werks ist das Fehlen jeglicher Angaben zum Erscheinungsjahr. Nur das Vorwort ist datiert. Und zwar mit «Dielsdorf, an Ostern 1971» - dem letzten Wohnort des Autors.

Hat Zollinger auf diesen Zeitpunkt seine Arbeiten am Manuskript der «Chronik» abgeschlossen - oder soll die Angabe tatsächlich auf den Publikationszeitpunkt hinweisen, wobei irrtümlicherweise die Jahrzahl 1971 nicht auf 1972 geändert wurde?

Zwei Auflagen im 20. Jh, zwei im 21.

Dass die 1. Auflage - entgegen den Einträgen in vielen Bibliothekskatalogen - erst 1972 publiziert wurde, habe ich bereits in einem der ersten Beiträge dieses Blogs nachgewiesen (vgl. An Ostern 1972 veröffentlicht – nicht 1971, WeiachBlog Nr. 19 vom 19. November 2005).

Für das Erscheinungsjahr der 2. Auflage (1984) habe ich mich bislang auf die Angaben von alt Gemeindeschreiber Hans Meier gestützt. Er erinnert sich noch an viele Details mit einer Genauigkeit, die in Staunen versetzt. Ich hatte also keinen Anlass, die Jahrzahl in Frage zu stellen.

Wo die ersten beiden Auflagen noch textgleich sind, handelt es sich bei den Auflagen Nr. 3 und 4 um Überarbeitungen, die auf dem ursprünglichen Text Zollingers und seiner Kapitelstruktur aufbauen. Die Redaktion hat der Autor der Weiacher Geschichte(n), Ulrich Brandenberger, besorgt. Die 3. Auflage wurde 2003 von der Gemeinde Weiach in Druck gegeben. Die 4. Auflage ist eine Nachführung der 3. Auflage, die seit 2004 neuere Entwicklungen und Erkenntnisse aufnimmt. Sie entspricht der 3. Auflage in Kapitelstruktur und Seitenzahl, wird jedoch lediglich online veröffentlicht (Bezeichnung: «Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach», Online-Ausgabe [Monat Jahr]»).

Was steht über Zollingers «Chronik» in den Protokollen?

Nachdem die Nationalbibliothek, die alle Printerzeugnisse mit Schweizbezug sammelt, sich mit dem Gedanken trägt, neben der in ihren Beständen schon vorhandenen 1. und 3. Auflage auch die zweite Auflage antiquarisch zu beschaffen, wollte ich auch für die Publikationsjahrzahl 1984 einen schriftlichen Nachweis vorlegen können.

Wo fände man den besser als durch einen Blick in die Gemeinderatsprotokolle? Denn die drei ersten Auflagen wurden mit Steuergeldern gedruckt. Deshalb muss auch ein formeller Beschluss der Gemeinde vorliegen. Da es sich bei den Druckkosten nicht um eine sehr grosse Ausgabe handelt, liegt die Annahme nahe, dass dieses Geschäft nicht der Gemeindeversammlung vorgelegt werden musste.

1. Auflage: Teurere Ausführung genehmigt

Und so ist es auch. Fündig wird man im Gemeinderatsprotokoll vom 2. November 1971 bei der Laufnummer 173, Rubrik 13.10. Unter dem Titel «Gemeindeverwaltung, Gemeindechronik. Auftrag zur Drucklegung.» steht:


«W. Zollinger, Dielsdorf, übermittelt eine Offerte der Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, für den Druck der Chronik Weiach. W. Zollinger empfiehlt Fadenheftung und Leinen-Einband. Die Ausführung in Karton oder gar nur brochiert käme wohl billiger, doch würden solche Hefte sehr bald zerfallen und unansehnlich werden. Die Kosten für 500 Ex. belaufen sich auf ca. Fr. 6'870.-- (Richtpreis).
 
Der Gemeinderat beschliesst:
1. Für die Drucklegung der Chronik "Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach" wird ein Kredit von rund Fr. 6'870.-- bewilligt.
2. Mit dem Druck wird die Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung: Fadenheftung und Leinen-Deckeneinband.»

Dieser Beschluss zeigt, dass Zollingers Wort damals im Gemeinderat Gewicht hatte. Die Gemeinde konnte sich die Ausgabe allerdings auch leisten - dank Kiesgeld.

Wie lautet der korrekte Titel?

Interessant ist die Titelangabe: «1271-1971» gehörte für Zollinger offensichtlich nicht zum Titel. Auch der zweitletzte Abschnitt des Vorworts zeigt, was Zollinger als Titel verstanden hat: «So ist «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach», trotz der etwas bescheideneren Gestaltung, doch eine historisch getreue Zusammenstellung der erwähnenswerten Geschehnisse aus Frühzeit, Mittelalter, neuer und neuester Zeit geworden.»

«700 Jahre Weiach» als Katalysator

Zollinger hat nicht unbedingt erwartet, dass seine Schrift «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» in Druck gegeben würde. So schreibt er im letzten Abschnitt seines Vorworts: «Dass diese nun sogar herausgegeben werden darf, ist der Aufgeschlossenheit des Gemeinderates Weiach zu verdanken. Wenn er damit aber auch der gesamten Einwohnerschaft eine kleine Freude bereiten kann, dann würde dies den Verfasser selber am allermeisten freuen.»

Damit wird indirekt bestätigt, dass der Gemeinderat und nicht die Gemeindeversammlung entschieden hat. Und weiter wird darauf hingewiesen, dass das Büchlein an alle Haushaltungen abgegeben werden sollte. Davon steht im Gemeinderatsbeschluss zwar nichts - man muss es aber aufgrund des Umstandes, dass die Auflage von 500 Exemplaren bereits nach spätestens 12 Jahren vergriffen war, annehmen.

Wann die Idee für das Buch «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» entstanden ist, lässt sich anhand der vorliegenden Angaben nicht genau rekonstruieren. Wir wissen immerhin, dass der Autor die Bundesfeier 1971 zum Anlass genommen hat, einen Vortrag zum Thema «700 Jahre Weiach» zu halten (vgl. WeiachBlog Nr. 449 vom 7. Mai 2007). Er ist als 14-seitiges Skript erhalten geblieben. Ob der Vortragstext dem Buch Pate gestanden hat oder umgekehrt, dies könnte man allenfalls mittels genauer Textanalyse eruieren.

In Würdigung der Umstände und insbesondere des letzten Abschnitts des Vorworts tendiere ich zur Ansicht, dass die Angabe «an Ostern 1971» bezüglich der Jahrzahl ein Irrtum ist und eigentlich Ostern 1972 gemeint war - nämlich der Erscheinungszeitpunkt.

2. Auflage: Alles wie gehabt - bis auf ein paar neue Bilder

Auch zur zweiten Auflage gibt es einen Gemeinderatsbeschluss. Und Hans Meier erinnert sich richtig: das war 1984. Das Gemeinderatsprotokoll vom 29. Mai 1984 führt den Entscheid mit der Laufnummer 96 in Rubrik 13.10. unter dem Titel «Gemeindechronik. Nachdruck Dorfchronik 1271 – 1971.»:


«Im Jahre 1971 liess der Gemeinderat 500 Ex. der von W. Zollinger verfassten Chronik Weiach 1271 – 1971 drucken. Der Vorrat ist nun erschöpft. Es empfiehlt sich, das beliebte Bändchen, das an die neuzuziehenden Familien und an die Jungbürger gratis abgegeben wird, neu drucken zu lassen. Für den Druck von 500 Ex. liegen folgende Offerten vor:
 
- Akeret AG, Dielsdorf Fr. 6'335.--
- Swissair, einfachere Ausführung Fr. 3'150.--
- Orell Füssli, Zürich Fr. 5'976.--
- bbj-Druck AG, Dübendorf Fr. 7'550.--
 
Die Akeret AG, welche schon die 1. Auflage druckte, erklärt sich bereit, die Arbeit für Fr. 5'700.-- auszuführen, dazu für jede weitere Seite Fr. 46.--. Es ist vorgesehen, die Broschüre um einige Seiten zu ergänzen und aufzulockern (Illustrationen H. Rutschmann, Plan, Fotos von einst und jetzt).
 
Der Gemeinderat beschliesst:
1. Für den Nachdruck der Dorfchronik Weiach wird ein Kredit von ca. Fr. 6'000.- bewilligt. Auflage: 500 Exemplare.
2. Mit dem Druck wird die Druckerei Akeret AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung wie bisherige Chronik.»

An diesem Beschluss sind zwei Dinge interessant. Einerseits der Titel, bei dem nun (im Gegensatz zum Beschluss von 1971 - und Zollingers Titel-Bezeichnung) die Jahrzahlen und die Bezeichnung «Chronik» zu prägenden Elementen werden. Andererseits die explizite Erwähnung derjenigen zusätzlichen Seiten, welche den Unterschied zur 1. Auflage ausmachen.

Nachdem der Gemeinderat den Beschluss, eine 2. Auflage drucken zu lassen, bereits Ende Mai 1984 gefällt hat, darf man annehmen, dass 1984 auch das Publikationsjahr ist.

An wen wurden die Bücher verteilt?

Die 1. Auflage wurde kurz vor Ostern 1972 ausgeliefert. Und sie war - trotz vergleichsweise hoher Auflage - nach wenig mehr als einem Jahrzehnt bereits vergriffen. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass nicht nur jeder Haushalt im Erscheinungsjahr ein Exemplar erhielt, sondern ab 1972 auch jeder Jungbürger und jede Jungbürgerin jeweils anlässlich der feierlichen Aufnahme ins Stimmrecht eines in die Hand gedrückt bekam. So kam der Autor des WeiachBlog auch zu seinem Exemplar der 2. Auflage.

Berechnen wir nun, wieviele Exemplare pro Jahr im Schnitt abgegeben wurden, so kommen wir auf folgende Zahlen:
  • Erste Auflage 1972: 500 / 12 Jahre (1972 bis 1984), d.h. 41 pro Jahr
  • Zweite Auflage 1984: 500 / 20 Jahre (1984 bis 2003), d.h. 25 pro Jahr
Bei Annahme ungefähr gleicher Jahres-Rate ab 1972 wie ab 1984 kommt man auf eine Erstausstattungsmenge von um die 200 Exemplaren für die im Frühjahr 1972 bestehenden Haushalte. Berücksichtigen muss man auch, dass Zollinger wohl einige Autorenexemplare zu seiner Verfügung erhalten hat. Der Rest ging an Neuzuzüger und Jungbürger, so wie auch fast die gesamte 2. Auflage

Von der 3. Auflage 2003 wurden lediglich 100 Stück gedruckt. Sie war nach spätestens 8 Jahren vergriffen, d.h. abzüglich Autorenexemplaren ergibt dies eine Jahresrate von 11-12 Exemplaren.

Fazit: Viel weniger Exemplare trotz massiv mehr Zuzügern. Neuzuzüger und Jungbürger erhalten die Gemeindegeschichte offensichtlich nicht mehr automatisch ausgehändigt.

Nachtrag vom 16. August

Gregor Trachsel, Gemeindepräsident von 2002 bis 2010, hat auf Anfrage bestätigt, dass in seiner Amtszeit der Brauch, ein Exemplar der «Chronik» an Neuzuzüger und Jungbürger abzugeben nicht mehr gepflegt wurde. Mangels vorrätiger Exemplare ist man also vom Push- zum Pullprinzip übergegangen. Will sagen: Wer nicht fragt, erhält auch nichts.

Sonntag, 14. August 2016

Mehr «Vereinsmeierei»! Ansprache zur Bundesfeier von Béatrice Wertli

Aussergewöhnlich. Mit diesem Prädikat kann man die diesjährige Ansprache zum 1. August in Weiach am besten charakterisieren. Sie ist es gleich in mehrfacher Hinsicht.

Frauenpower

Zum einen stand - wohl erst zum zweiten Mal - eine Frau am Rednerpult. Politikerinnen sind in Weiach so selten wie Einhörner. Es gibt sie schlicht nicht. Zumindest im Gemeinderat hat noch nie eine Frau Einsitz genommen. Frauen gibt es nur in der Kirchenpflege oder der Schulpflege.

CVP

Zum zweiten ist die Festrednerin für eine Partei tätig, welche in hiesiger Gemeinde gemessen an den Wahlresultaten eine verschwindend kleine Rolle spielt. Und die ist in den letzten Jahren sogar noch kleiner geworden, zumindest wenn die Resultate der Nationalratswahlen herangezogen werden: 2003 waren es 4.5%, 2007 4.7%, 2011 3.7% und 2015 erfolgte ein Einbruch auf lediglich 2.0%.

Bundesbern

Drittens ist der Umstand ungewöhnlich, dass ein schweizweit bekannter Chefbeamter der Bundesverwaltung den Anlass mit seiner Anwesenheit beehrt. Stefan Meierhans, der Ehemann der Festrednerin, führt als «Monsieur Prix» zwar nur ein ganz kleines «Bundesamt» (25 Mitarbeiter), seine Medienpräsenz ist dafür umso grösser.

Social Media

Viertens ist es für Weiach ein Novum, dass Personen des öffentlichen Lebens über einen Anlass in Echtzeit twittern und gegenseitig aufeinander Bezug nehmen. Einige Muster dieser öffentlichen Konversation auf Social Media sowie Bilder, die via Twitter gepostet wurden illustrieren diesen Beitrag.

Originalton

Und fünftens ist es für WeiachBlog das erste Mal, dass die abgedruckten Reden dem tatsächlich Gesprochenen entsprechen. Bislang habe ich die mir von den Rednern zugesandten Texte (auf Wunsch redigiert) abgedruckt. Auch wenn da schwarz auf weiss «Es gilt das gesprochene Wort» drüberstand (wie bei Regierungsrat Kägi im Jahre 2007). Dem Umstand, dass ich selbst zugegen war und die Erlaubnis für Tonaufnahmen erhalten habe, ist es geschuldet, dass diese unten abgedruckten Reden des Gemeindepräsidenten und der Festrednerin ein wortgetreues Transkript sind - lediglich allfällige Äähs wurden weggelassen. Bei Frau Wertli entspricht alles dem Originalton.

Nun aber medias in res! Es sei lediglich noch darauf hingewiesen, dass auch dieses Jahr die Reden im Dialekt gehalten, zwecks grösserer Reichweite und besserer Lesbarkeit aber in Hochdeutsch transkribiert wurden. Bemerkungen in eckigen Klammern beziehen sich auf Reaktionen aus dem Publikum. Auf Zwischentitel als redaktionelle Zugaben von WeiachBlog wurde verzichtet, dafür wurden aus Sicht der Redaktion prägende Sätze und Stichworte fett gesetzt.


Es folgt die Kurzansprache des Gemeindepräsidenten (rechts im Bild):

«Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Geschätzte Einwohnerinnen und Einwohner! Liebe Gäste!

Ganz speziell willkommen heissen möchte ich Frau Beatrice Wertli, Generalsekretärin CVP Schweiz und Herr Stefan Meierhans, Eidgenössischer Preisüberwacher.

Als Gemeindepräsident heisse ich Sie ganz herzlich willkommen zur 1.-August-Feier.

Sie, liebe Anwesende, haben sich heute Abend hier zusammengefunden, um zusammen den Geburtstag der Schweiz zu feiern. Wir besinnen uns auf das, was uns eint, nämlich Schweizer zu sein oder in der Schweiz zuhause zu sein. Ganz unabhängig davon, was das für jeden von uns persönlich genau bedeuten mag. Wir besinnen uns heute Abend auf das was uns einigt und nicht das, was uns trennt, sei es politisch, sei es beruflich, sei es in der Art und Weise wie wir das Leben leben. Es freut mich sehr, dass wir heute Abend Gelegenheit haben, uns gemeinsam Gedanken zu den Werten zu machen, Werte, die unser Vaterland seit mehr als 7 Jahrhunderten zusammenhalten. Wir feiern heute den 1. August, den Nationalfeiertag der Schweiz, wir denken an unsere Heimat, an das Gründungsjahr der Alten Eidgenossenschaft im 1291, die allerdings noch keine Demokratie gewesen ist, sondern unterteilt in Herrschaft und Untertanengebiet, wo nicht alle Menschen in Freiheit gelebt haben. Freiheit und Demokratie kann leider auch im Jahre 2016 noch nicht weltweit erlebt werden.

Sicher gibt es Dutzende Gründe warum sie heute da sind. Sie geniessen die vertraute Gesellschaft und den feierlichen Anlass, sie schätzen die Tradition oder sind sogar Mitglied in einem der zahlreichen Vereine im Dorf. Oder sie sind einfach nur neugierig wie diese Feier heute hier abläuft und besuchen sie zum ersten Mal. Vielleicht sind Sie sogar extra wegen der Gastrednerin gekommen.

Je vielfältiger die Antworten auch ausfallen, desto offensichtlicher ist es, dass da Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen und Meinungen zusammenfinden, um friedlich den 1. August zu feiern. Auf das können und sollten wir stolz sein. Diese Vielfalt ist typisch für unser Land. Ich finde es eine schöne Tradition, dass unsere Gemeinde jedes Jahr Rednerinnen und Redner mit unterschiedlichsten Hintergründen und Meinungen zu uns einlädt und es erfüllt mich mit Stolz, dass wir heute in diesem Jahr mit Béatrice Wertli die Generalsekretärin der CVP Schweiz in Weiach begrüssen dürfen.
»


«Bevor wir aber Béatrice Wertli ganz offiziell begrüssen und ihr das Wort übergeben, lassen Sie mich noch zwei, drei Sachen zum weiteren Programm sagen. Direkt im Anschluss an meine kurze Ansprache singen wir gemeinsam die Nationalhymne. Nach der Nationalhymne – es ist übrigens die alte Version, also keine Angst, Sie singen nicht die neuste Version – freuen wir uns auf den Auftritt unserer Gastrednerin.

Nach der Ansprache unserer Gastrednerin Béatrice Wertli wird uns die Band Country Stew musikalisch unterhalten und um zehn Uhr wird das Höhenfeuer entfacht. Für diejenigen, die Feuerwerk mitgebracht haben noch eine Bitte seitens der Organisatoren. Es ist auf der Wiese unten zulässig, Feuerwerk zu zünden, es hat auch extra ein Brett, auf dem Vulkane gezündet werden können. Wir appellieren einfach an die entsprechende Sicherheit und Sorgfalt im Umgang mit dem Feuerwerk.

Nun wünsche ich, liebe Festgemeinde, einen ganz schönen Abend, geselliges Beisammensein und ganz viele gute Gespräche. Besten Dank!
»


Dem Applaus für die einleitenden Worte folgte programmgemäss die Nationalhymne. Auch der herkömmliche Text ist den meisten nicht geläufig, so dass es gut war, dass die vier Strophen auf den Tischen gedruckt bereitlagen (vgl. WeiachBlog-Beitrag vom 1. August mit dem Bild von Stefan Meierhans im Nachtrag).

Gemeindepräsident Arnold: «Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, heissen Sie nun mit mir Béatrice Wertli im schönen Züri-Unterland ganz herzlich willkommen!» [Applaus]

Festansprache von Béatrice Wertli, Generalsekretärin CVP Schweiz

«Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident, lieber Stefan,
liebe Mitglieder der Gemeindsbehörden,
liebe Weiacher, meine Damen und Herren, liebe Kinder!

Habe ich noch selten erlebt, so einen Tanz zur Schweizer Nationalhymne, habt ihr super gemacht. Ich habe selber zwei Kinder, die sind sechs und sieben Jahre alt und hätten wohl etwa dasselbe gemacht heute Abend – schön, dass ich heute hier sein darf.

1985 war es – im Hallenbad Telli in Aarau. Ein 8-jähriges blondes Mädchen stand am Bassin-Rand und schaute denen zu, die im Bassin schwammen. Lange hat es zugeschaut und plötzlich den langen Mann der am Bassinrand stand, gefragt: "Was muss ich machen, damit ich da mitschwimmen darf?" Und der lange Mann sagte: "Spring einmal hinein und schwimm zwei Längen – dann wollen wir schauen". Das habe ich getan. Denn das blonde Mädchen war ich. Und seither war ich Aarefischli, ein Mitglied des Schwimmclubs Aarefisch. Was hat der Schwimmclub Aarefisch mit meiner Einladung heute Abend nach Weiach zu tun? Gehen wir dem einmal auf den Grund.

Nach sechs Jahren im Schwimmclub Aarefisch – unterdessen war ich etwa 15 Jahre alt – habe ich gemerkt, dass ich im Schwimmen zwar motiviert, aber leistungsmässig eher durchschnittlich geblieben war. Also habe ich neue Sachen gesucht und einen neuer Sport hat sich damals wie eine Welle in die Schweiz und sogar bis nach Aarau ausgebreitet: und zwar Triathlon. Man hat das am Anfang den Sport der Spinner genannt. Das sind nämlich die, welche zuerst Schwimmen gehen, dann auf ein Velo sitzen – immer noch im Badkleid – und nachher noch umherrennen, wohl weil sie kalt hatten. Schwimmen, Radfahren, Laufen. Und diese drei Bewegungsarten kannte ich alle und so habe ich 1991 an meinem ersten Triathlon mitgemacht. Es war ein "Plausch-Triathlon" in Aarau, organisiert von "Aarau eusi gsund Stadt". Ich lieh mir das Velo eines Kollegen aus, weil ich kein eigenes hatte, machte den Plauschtriathlon mit und dachte mir: "Jetzt machst Du gleich noch einen!" Weil es so toll war, startete deshalb bei den Jugend-Schweizermeisterschaften in Spiez. Dort gewann ich prompt eine Medaille - was nicht so schwierig war, da wir nur etwa drei waren in meiner Kategorie
[Heiterkeit]. Ich habe danach stolz den Titel als Schweizer Meisterin in der Jugendkategorie Triathlon getragen. Und der dritte Triathlon, den ich dann gemacht habe in meinem Leben, waren die Jugend-Europameisterschaften in Holland. Ich musste wieder ein Velo ausleihen, das war dann nicht mehr so gross wie das bei den Schweizermeisterschaften, dafür war das Badekleid der Schweizer Nationalmannschaft viel zu gross. Ich musste das dann hinten mit einer Sicherheitsnadel zusammenstecken, was bei Frauen etwas problematisch ist, wenn es zu gross ist, aber es hat irgendwie geklappt. Jedenfalls wurde ich Teil der Junioren-Nationalmannschaft bei SwissTri, habe tolle Typen kennengelernt, Frauen, Männer und einer von den Jungs war der "Nöldi". Ein Typ, der mich beeindruckte, weil er bereits einen eigenen Sponsor hatte, und zwar "Stimorol" (dä Chätschgummi).

Und dieser "Nöldi" von damals ist heute Euer Gemeindepräsident, Stefan Arnold.
[Heiterkeit] So haben wir uns kennengelernt, beide im Badkleid, aber eben aus sportlichen Gründen. Wir haben dann zusammen viele Laufkilometer absolviert; ich durfte damals ins Trainingslager der Junioren mit nach Bagnoles, wo wir ganz viel trainiert haben – auch [Heiterkeit] – und so habe ich den Stefan Arnold kennengelernt.

Vielen Dank, Nöldi, für die Einladung. Schön, dass wir nach all den Jahren wieder eine neue Disziplin entdeckt haben, die uns zusammengeführt hat. Heute machen wir einen Vierkampf: Familie – Beruf – Sport – Politik. Danke Weiach, für die Einladung zum 1. August (ihr wisst nicht worauf ihr euch da eingelassen habt), zur Geburtstagsfeier unseres Landes, unserer Schweiz.



Und was ist unsere Schweiz?

Die Schweiz ist ein Erfolgsmodell. Uns geht es in diesem Land gut. Es gibt unzählige Statistiken, welche dies immer wieder belegen. Wir haben Lebensqualität, wir haben eine ganz tiefe Arbeitslosigkeit, wir haben gutes Einkommen, wir haben Sicherheit, die Schweiz ist wirtschaftlich erfolgreich.

Die Schweiz ist gescheit! Wir haben ein gutes Bildungssystem, bei uns können alle in die Schule. Und alle, die in die Schule gegangen sind, können sich weiterbilden –nach der Lehre und während der Lehre. Wir haben einen guten Arbeitsmarkt, wo die Leute auch eine Arbeit finden.

Die Schweiz ist sicher – und das ist gerade in der heutigen Zeit ein ganz, ganz wichtiger Wert, wo sich viele Menschen unsicher fühlen. Wir sind einerseits sicher gegen äussere Feinde, aber auch abgesichert gegen die sozialen Risiken: Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter. Die innere und äussere Sicherheit sind eine der Grundlagen für das Wohlbefinden unserer Bevölkerung.

Und ich kann ihnen sagen, ich habe heute eine Tour gemacht von Aarau, wo meine Eltern wohnen und unsere Kinder heute Abend sind, bin von Aarau hierher gefahren. Wir haben uns irgendwie durch dieses Baden durchgemurkst – und sind ganz woanders durchgekommen, als wir gedacht haben – sind dann über Land gefahren und ich habe zu meinem Mann immer wieder gesagt: "Lueg, das isch der Aargau". Der Aargau hat einen schlechteren Ruf als was er ist – zumindest im Kanton Zürich.
[Heiterkeit] – Für viele, die die Schweiz nicht kennen oder die das erste Mal in der Schweiz sind ist das fast wie ein Film, es ist fast nicht wahr – und für uns ist das der Alltag. Die Sicherheit, die Schönheit, überall ist es grün – und dann komme ich nach Weiach und alle Leute mit denen ich im Dorf heute Abend bis jetzt zu tun hatte, sind sehr freundlich gewesen mit mir – bis jetzt [Heiterkeit] – das ist das Gefühl, das uns die Schweiz gibt.

Die Schweiz ist demokratisch! Unsere direkte Demokratie ist einmalig. Wie nirgends auf der Welt können wir Stimmbürger und Stimmbürgerinnen mitentscheiden, wie es laufen soll mit unserem Land. Und ich habe früher im Ausland gearbeitet bei Internationalen Organisationen, habe Freunde gehabt aus dem Ausland, England, Australien, und wenn ich denen jeweils erklärt habe, worüber wir hier abstimmen, haben die gedacht, wir sind nicht ganz normal: "Möchten Sie mehr Kehrichtsackgebühren zahlen, Ja oder Nein?" - "Wollen Sie sechs Wochen Ferien oder fünf? Ja oder Nein?" - Bis hin zu komplizierten Fragen, die zum Teil selbst diejenigen, die sie geschrieben haben, offenbar nicht ganz verstehen
[Heiterkeit] - Wir werden sehr viel gefragt, was wir meinen.

Fakt ist, dass sich meistens weniger als die Hälfte derjenigen Leute, die abstimmen könnten in unserem Land, auch wirklich bis zur Urne bewegen oder eine Briefmarke finden in der Schublade. Es gehen meines Erachtens zu wenige Leute abstimmen!!! Zu wenige Leute beteiligen sich dort, wo ganz, ganz ein wichtiger Wert unserer Schweiz zu finden ist. Warum ist das so? Ist es Bequemlichkeit? So schwierig es ja nicht, man bekommt die Unterlagen ja nach Hause geschickt, man muss es nicht einmal bestellen, dieses Couvert.

Tatsache ist, dass wir ein Milizsystem haben, dass also – das habe ich grad vorhin diskutieren dürfen mit Ihren Behördenmitgliedern – dass diejenigen Leute bei uns Politik machen, die noch im wirklichen Leben stehen mit dem anderen Fuss, vielleicht ausgenommen Regierungsräte und Bundesräte, das ist klar, dass die hauptberuflich Politik machen sollen. Aber sonst haben wir ein Milizsystem, das heisst, die Leute haben einen Beruf, kommen aus dem Leben und machen daneben Politik.

Unsere Exekutiven (Gemeinderat, Regierungsrat, Bundesrat), die müssen das umsetzen, was das Volk beschliesst und das heisst – ich schaue jetzt mal zu diesen Exekutivmitgliedern hinüber – auch oft, Kompromisse zu finden, man muss sich am Schluss irgendwo einig sein, über Parteigrenzen hinweg, über andere Grenzen hinweg. Und das ist anspruchsvoll, es verlangt einen grossen Einsatz, das ist ganz ein wichtiger Wert und wir dürfen stolz sein, dass uns das immer und immer wieder gelingt.

Wir müssen wachsam sein, kritisch sein, damit wir nicht stehenbleiben, müssen aber auch sehen, was sich weiterentwickelt, was gut ist und was nicht. Das heisst aber nicht, dass wir die Schweiz und alles wir in der Schweiz haben, schlechtreden dürfen. Und in dem Job in dem ich tätig bin fällt mir häufig auf, dass das Leute immer wieder machen, dass sie das Schlechte suchen, dass sie schauen wo sind Gefahren, ob das dann wirklich Gefahren sind oder nicht, ob das wirklich die grössten Probleme sind oder nicht. Auf komplizierte Fragen mit ganz simplen Antworten kommen und so auch ein Klima schüren in der Schweiz, das ich nicht gut finde.

Stolz sein heisst nicht, dass man gleichzeitig Angst machen muss! Wir können es uns nämlich nicht leisten, dass wir die Schweiz schlecht reden und dass wir uns noch weitere Sorgen machen als die, die wir schon haben. Die grössten Herausforderungen sind meines Erachtens in unserem Landes und unserer Gesellschaft und von uns allen sind die, dass wir die Renten sichern können, dass wir auch morgen noch wissen, dass die Altersvorsorge sicher ist, dass wir die Migration und die Herausforderungen, die sie bringt, bewältigen können, Arbeitsplätze sichern können und auch unseren Platz in Europa festigen können. Wir wollen nicht in die Europäische Union, wir wollen ein eigenständiges Land, aber wir müssen wissen wo unser Land ist.

Dann müssen wir ein wenig neu verhandeln. Wir haben die Einwanderungsinitiative angenommen, was uns jetzt vor Herausforderungen stellt, aber wir dürfen es uns nicht verspielen mit Europa. Stolz auf das Land sein, das wir sind, aber auch wissen, dass wir angewiesen sind auf die anderen Länder und auf das Ausland. Weil sonst haben wir eine Unsicherheit, eine Rechtsunsicherheit, die auch kleine Unternehmen und die grossen betrifft. Jeden zweiten Franken verdienen wir im Ausland und müssen deshalb ein gutes Verhältnis haben. Ich bin der Meinung, wir müssen die bilaterale Situation, die Bilateralen Verträge weiterhin sichern, damit wir Arbeitsplätze und den Wohlstand im Land bewahren können. Und wir dürfen nicht zulassen, dass man die Schweiz schlechtredet – nicht von aussen und auch nicht von innen.

Wir leben nämlich wirklich in einem der schönsten Länder dieses Planeten – ich habe es vorhin erwähnt, die schöne Fahrt hierher nach Weiach aber auch nach Mürren im Berner Oberland, wo wir unsere Ferienwohnung haben – ich weiss nicht, wie viele Fotos pro Tag geknipst werden von irgendwelchen Leuten die dorthin kommen und dieses Land anschauen, fast wie wenn es eine Spieldose wäre – aber es ist eben echt. Und es ist gut. Wir leben in einem der schönsten Länder auf diesem Planet, aber wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Kindern, den kommenden Generationen, dass dieses Land so schön bleibt, wie es ist.

Herausforderungen müssen wir meistern, ich habe es erwähnt: Altersvorsorge sichern, Arbeitsplätze sichern, Migration und ihre Herausforderungen.

Migration und die Herausforderungen die sie bringt, die fordert uns. Das ist das Thema Nummer 1 auf dem Sorgenbarometer – seit Jahren! Wir haben Sportler und Models mit Namen Džemaili, Xhaka, Wawrinka, Tchoumitcheva und haben uns irgendwie an diese Namen gewöhnt. In unseren Gemeinden, in den Schulen, am Arbeitsplatz und im Freizeitbereich braucht es aber noch Anstrengungen, damit diejenigen, die es nötig haben, bei ihrer Integration unterstützt werden können.

Gleichzeitig müssen wir in der Integration aber auch klare Forderungen stellen: die Sprache müssen alle beherrschen, die Werte leben und unsere Kultur kennen, bis zur 1. August-Feier in Weiach. Den Handschlag zu verweigern ist ein "No Go" und zur Schulpflicht gehört auch, dass man am Schwimmunterricht teilnimmt und ins Skilager geht. Das sind unsere Werte! Wir bieten viel, wir dürfen etwas fordern – und wir sollen die unterstützen, die da auch mitmachen wollen.

Es gibt wahrscheinlich kein Wundermittel, keine Sofort-Medizin wie man diese Integration, die Migration bewältigen kann.

Es gibt aber ein Instrument, welches viele von diesen Herausforderungen anpackt und positiv beeinflusst. Es gibt nämlich noch einen wichtigen, weiteren Faktor von diesem Erfolgsmodell Schweiz:

Die Schweiz ist ein Vereinsland! Ein Land mit einem enormen Kapital an gesellschaftlichem Engagement! Das wird oft vergessen. Es ist der Trumpf-Buur, den wir stärken müssen und noch viel häufiger spielen müssen.

Als ich gesehen habe, wie viele Vereine in Weiach engagiert sind, die auch heute Abend mitgeholfen haben, dass diese Feier so toll unterwegs ist – es klappt bis zum letzten Detail, habe ich echt Freude gehabt.

Die Schweiz ist ein Vereinsland. Und das ist ganz viel wert. Es gehört nämlich zu unserer Kultur. Es gehört auch zu Weiach: vom Turnverein zur Pfadi, über den Schützenverein zum Singkreis – das ist Tradition, das sind Werte, das ist meine Schweiz.

Das sage ich als eine, die im Schwimmclub Aarefisch hat gross werden dürfen, und im Blauring Aarau erlebt hat, was eben Vereinsleben ist. Es ist ein Kapital, das wir haben und es ist Gold wert – tonnenweise Gold wert. Wisst Ihr wie viel Wert eigentlich dieses gesellschaftliche Freiwilligen-Engagement in der Schweiz hat? Es sind 20 Milliarden Franken pro Jahr, weil jeder und jede von uns praktisch seinen Beitrag leistet in einem Verein, in einer Partei, in einem Pflegeheim, in der Familie. Das Freiwilligen-Engagement ist etwas vom Wichtigsten, das unser Land besitzt.

Aber – insgesamt ist dieses Freiwilligen-Engagement in den letzten Jahre zurückgegangen und vor allem bei der Generation der 18- bis 35-jährigen. Das ist eine Tatsache und das ist etwas was mir selber Sorgen macht. Einerseits weil ich selber in Vereinen gross werden durfte, aber auch darum weil ich in meinem Job, in der Parteiarbeit natürlich darauf angewiesen bin, dass sich Leute engagieren in der Politik. Die Mitwirkung in der Partei, das gesellschaftliche Engagement speziell in der Partei war für mich immer die Möglichkeit, dort etwas zu bewirken wo die Rahmenbedingungen ungenügend sind, seien das Familienangebote in der Stadt, Sicherung, Sicherheit auf dem Schulweg oder Sportinfrastruktur; Politik fängt vor der Haustüre an und ich kann mir manchmal gar nicht erklären warum sich die Leute nicht darum reissen, mitzumachen. Es muss nicht zwingend in meiner Partei sei, das wäre natürlich der Idealfall
[Heiterkeit]. Aber wie vorhin jemand an meinem Tisch gesagt hat: "Mich ärgern die, die sagen: mich stört das, wir haben keinen Nachtbus in mein Dorf, man sollte den Verkehr, die Quartierstrasse verkehrsberuhigen und wir zahlen zu hohe Abfallsackgebühren – und dann nichts machen!". Das sind genau die Fragen, die man, indem man sich engagiert, eben auch lösen kann. Das wäre jetzt Engagement in einer Partei. Also grundsätzlich ist Engagement in einem Verein deshalb gut für die, die mitmachen aber auch für die ganze Gemeinschaft.

Es ist aber auch so, dass viele Vereine Mühe haben, eben Nachwuchs zu generieren, vor allem in der Agglomeration und den Städten. In der Generation der 18- bis 35-Jährigen, der sogenannten Generation Y, hapert es. Und ich glaube, es ist ein bisschen das Phänomen einer Gesellschaft in der man sich nicht mehr verpflichten will, die sogenannte "No-commitment-Generation": "Ich bin ein bisschen dabei, aber nicht richtig"! Und diesen Trend, den müssen wir umkehren. Wir müssen irgendwie die Jungen wieder wegbringen vom Pokémon und vom iPhone
[Heiterkeit] und hin in einen anderen Bereich und es muss auch nicht zwingend nur die Partei sein – aber auch. Unsere Vereinskultur, das Freiwilligen-Engagement, das Engagement für unsere Gesellschaft heisst Integration, heisst Gesundheitsprävention, heisst Gewaltprävention – gerade in Zeiten, wo Sicherheit ein grosses und ein wichtiges Thema ist. Wo sind unsere Leute, wo finden wir uns zusammen?

Und ich glaube es gibt drei Wege, die wir beschreiten müssen, um eben den Trend umzukehren, und das gesellschaftliche und Freiwilligen-Engagement in der Schweiz hochleben zu lassen und zu stärken.

Das erste ist: Vereine stärken! Das setzt meistens an bei der Infrastruktur. In der Stadt Bern zum Beispiel haben wir zu wenig Wasser, zu wenig Rasen und zu wenig Eis, so dass die kleinen Hockeyspieler bereits am Morgen um halb sieben trainieren gehen müssen, weil sie sonst keinen Platz haben auf dem Eis. Also: geben wir den Vereinen die notwendige Infrastruktur, die sie brauchen. Das ist eine Frage, die die Gemeinden lösen können.

Das zweite – und ich glaube das ist ein ganz wichtiger Punkt – Akzeptanz schaffen in der Arbeitswelt. Ich habe auf jeden Fall noch nie ein Stelleninserat gelesen, wo drin gestanden ist: „Manager gesucht mit gesellschaftlichem Engagement“. Ich glaube in der Arbeitswelt wird wirklich erwartet, dass man 150% da ist und Gas gibt für die Firma und den Job bei dem man ist. Viele von uns sind schon sehr gefordert, wenn wir versuchen, Arbeit im Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen. Zusätzliches Engagement liegt dann einfach nicht mehr drin. Auf jeden Fall habe ich schon sehr oft erfahren, dass, wenn wir Kandidatinnen und Kandidaten gesucht haben oder auch Leute, die eine Charge im Verein übernehmen würden, dass sie abgesagt haben – und zwar nicht, weil es sie nicht interessiert hätte – sondern schlicht aus Mangel an Zeit.

Aber wir haben ein Milizsystem und wir sind ein Vereinsland. Und die Firmen und Arbeitgeber in der Schweiz müssen sich dazu bekennen und wissen, dass sie damit einen Beitrag leisten zur Zukunft unseres Landes – auch zur wirtschaftlichen Zukunft unseres Landes! Freiwilliges Engagement sollte eigentlich eine Zusatzqualifikation sein im Arbeitsleben.

Und das Dritte, der dritte Punkt ist: Es braucht Vorbilder, auf englisch: role models. Der Chef, der selber noch in der Turnhalle steht und die Handball-Juniorinnen trainiert; eine Vorgesetzte, die im Elternrat sitzt oder der leitende Angestellte, der für den Kantonsrat kandidiert – sie alle! Das sind Vorbilder und haben eine Wirkung auf die anderen Mitarbeitenden und auf die Firmenkultur.

Und das ist unser Auftrag! Und ich weiss, dass da drin ganz viele solche Vorbilder sitzen, die selber in einem Verein tätig sind und die am Abend statt die Füsse hochzulagern eben noch in die Turnhalle gehen, oder noch einmal die Kasse anschauen, weil sie verantwortlich sind für die Finanzen eines Vereins: Ihr macht das super! Und das ist die Schweiz. Und das müssen wir stärken. Das ist unser Auftrag – das wünsche ich mir zum 1. August, und zwar sozusagen als Geburtstagsgeschenk für unsere Schweiz.

Stärken wir unsere Schweiz als Vereinsland: Vereinsmeierei als neuer Slogan für unsere Schweiz! Und interessant ist, wenn man ins Bundeshaus hineinkommt, man oben das Motto sieht, beim Wappen, dort steht: "Einer für alle, alle für einen." – Dieser Slogan, das ist das was man lebt in einem Verein und ich glaube, den können wir stärken und den müssen wir stärken.

In diesem Sinne danke ich euch allen, liebe Weiacherinnen, liebe Weiacher, lieber Nöldi speziell, für die Einladung und die Gelegenheit, dass ich hier in Weiach sein darf. Ich habe einen Zipfel der Schweiz kennengelernt, den ich glaub erst einmal gesehen habe, als ich mich mit dem Velo verfahren hatte
[Heiterkeit]. Das kann ich eigentlich für sämtliche Gebiete hier sagen.

Sie, ihr, ich – wir alle zusammen, wir können tagtäglich etwas für das Erfolgsmodell Schweiz tun, wir können es stärken und wir können es weitertragen! Vielen, vielen Dank für Euer Engagement, das ihr tagtäglich leistet! Danke für die Einladung – einen superschönen Abend, ich komme gern wieder. Merci villmol!
» [Applaus]

Ein Pocket-Böögg als Präsent

Gemeindepräsident Arnold: «So, geschätzte Gäste, ich bin froh, dass jetzt alle wissen, dass wir uns in Badehosen kennengelernt haben. [Heiterkeit] Spass beiseite – ich möchte an dieser Stelle Béatrice Wertli ganz herzlich danken, dass sie heute vorbeigekommen ist. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine Person aus der Politik, aus Bundesbern, nach Weiach reist und die Ansprache hält.

Wir würden gern zwei Präsente übergeben, das erste ist ein Blumenstrauss
[Applaus] – und dann haben wir noch etwas Zweites – und zwar ist das ein sogenannter Pocket-Böögg. Zu einem Traditionsanlass gehört auch ein Traditionsgeschenk und das ist ein Böögg, den man – wir kennen ihn vom Sechseläuten auf dem Sechseläutenplatz – den kann man zuhause auf der Terrasse aufbauen, den kann man auch anzünden und dann «chlöpft» er am Schluss [Heiterkeit]. Es soll ihr einfach ein bisschen Zürich mitgegeben werden auf den Heimweg nach Bern.» [Heiterkeit, Applaus]


«Das wäre es gewesen von Seiten Ansprachen – ich übergebe gern der Musik, danke vielmals und einen ganz schönen Abend –– Entschuldigung, ich habe noch etwas. Jetzt wollte ich es etwas schnell machen, tut mir leid.

Also, den ersten Dank habe ich ausgesprochen. Der zweite Dank ist das, was Béatrice Wertli auch schon bereits erwähnt hat, mit den Vereinen. Ich möchte auch ganz herzlich der Männerriege danken für die Organisation des heutigen Anlasses. Ohne einen solchen Verein wären wir nicht in der Lage ein solch schönes Fest zu feiern. Also ganz herzlichen Dank für's Organisieren.[Applaus] Ebenfalls danken möchte ich allen die ich jetzt namentlich nicht erwähnen konnte. Es gibt immer wieder ganz viele nebst den Vereinen, die hinter den Kulissen auch ihren Beitrag leisten, auch denen ganz herzlichen Dank.

So, das ist es jetzt wirklich gewesen von meiner Seite. Ich wünsche Ihnen einen ganz schönen Abend, geniesst es und habt gute Gespräche miteinander. Danke vielmal für's Vorbeikommen!»

Kommentar zur Rede von Béatrice Wertli

Die Rednerin hat sich wirklich gut geschlagen. Sie hat ihren persönlichen Werdegang, ihre berufliche Praxis und ihre Lebenserfahrungen zu einer staatsmännischen Rede verwoben.

Die Ansprache kommt ganz ohne gelehrte Verweise aus. So ist zum Beispiel das Motto unter der Bundeshauskuppel in lateinischer Sprache geschrieben - und bevorzugt damit in unserem offiziell viersprachigen Land keine Sprachgruppe. Das kann man erwähnen. Muss man aber nicht - es wirkt wohl besser an einem solchen Anlass. Das sind ja nicht alles Hobby-Historiker.

Mit den persönlichen Bezügen und etlichen gut verpackten Seitenhieben ist es ihr auch gelungen, spontane Heiterkeit zu erzeugen, was bei einer staatstragenden Rede nicht unbedingt Standard ist. Der Hinweis auf Abstimmungen zu «komplizierten Fragen, die zum Teil selbst diejenigen, die sie geschrieben haben, offenbar nicht ganz verstehen» nimmt Bezug auf politische Ereignisse der jüngeren Zeit und ist wohl auf die eidgenössische Volksabstimmung zum Bedingungslosen Grundeinkommen gemünzt, wo sich der Wortführer der Initianten selber wenig überzeugt von der Vorlage gezeigt hat. Die Lacher, die Wertli geerntet hat, sprechen für die Qualität der Rede.

Die staatstragende Grundhaltung zeigt sich vor allem im gut verpackten Grundthema der Rede - mit dem postulierten neuen Motto von der Rednerin selber scherzhaft «Vereinsmeierei» genannt. Die Forderung, dies solle der neue Slogan der Schweiz werden, ist zwar fast Wasser in den Rhein getragen. Und trotzdem muss man immer wieder auf diese Grundlage unserer Willensnation hinweisen. Wertli hat am eigenen Beispiel aufgezeigt, wie Vereine wirken. Nämlich durch ihre Menschen vernetzende, den Diskurs tragende Institutionen.

Natürlich sind nicht alle Vereine staatstragend in diesem Sinne. Aber es ist auch aus historischer Sicht richtig, darauf hinzuweisen, dass es ohne die Tätigkeit vieler Vereine in diesem Land nicht dazu gekommen wäre, dass die Schweiz heute das ist, was sie ist. Ohne die Schützengesellschaften und ihre das Zusammengehörigkeitsgefühl fördernden Schützenfeste - um nur ein Beispiel zu nennen - hätte der lockere Staatenbund an mehreren historischen Bruchstellen eine andere Richtung eingeschlagen. Ja, es gäbe die Schweiz womöglich überhaupt nicht mehr.

Auch die Nationalhymne mit dem Text des reformierten Zürchers Leonhard Widmer zu einer Melodie eines römisch-katholischen Urners (Alberik Zwyssig) wäre ohne einen Verein (den «Unterhaltungszirkel zur Biene») wohl nie entstanden. Der 1840 entstandene Urtext des Schweizerpsalms ist Ausdruck der Sehnsucht nach einem geeinten Land, die kurz vor der - nach einem Bürgerkrieg erfolgten - Gründung des Bundesstaates seine Wortform gefunden hat (Details vgl. Wikipedia-Artikel zu Leonhard Widmer).

Zum Abschluss sei noch erwähnt, dass dieser WeiachBlog-Beitrag die Nr. 1291 trägt - passend zum offiziell immer wieder erwähnten «Gründungsjahr» der Eidgenossenschaft.

Ansprachen früherer Jahre
  • Regierungsrat Markus Kägi zum 1. August 2007
  • EVP-Bezirkspräsident Daniel Elsener zum 1. August 2008
  • Kantonsrätin Barbara Steinemann zum 1. August 2009
  • Gemeindepräsident Paul Willi zum 1. August 2010
  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2011
  • 2012er-Rede ausgefallen (vorgesehen war NR Natalie Rickli)
  • Heinz Eberhard, VRP Weiacher Kies AG zum 1. August 2013
  • Nationalrat Ernst Schibli zum 1. August 2014
  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2015



  • Nachtrag vom 15. August 2016

    Wenige Stunden nach Veröffentlichung folgt - wie könnte es anders sein bei einer Social-Media-versierten Politikerin - der Tweet zu diesem Beitrag, vgl. https://twitter.com/bwertli/status/765192899202023424

    Montag, 1. August 2016

    Schweizerpsalm! Gesungen wird der alte, bekannte Text

    Hymnen sind hochemotionale Angelegenheiten. Sie transportieren Kultur, Identität, Selbstverständnis und oft auch Selbstbehauptungswillen. Wenn man im Emmental gemeinsam die Hymne singt, dann ist das nicht etwa der Schweizerpsalm, nein, es ist der «Trueberbueb». Höchstens am Bundesfeiertag wird die Nationalhymne intoniert.

    Gegen Fremdherrschaft

    Über Jahrzehnte der Existenz des Bundesstaates war unsere Nationalhymne ein Dokument der nationalen Wiederauferstehung. «Rufst Du, mein Vaterland» wurde mit derselben Melodie wie die englische, die liechtensteinische und die deutsche Kaiserhymne intoniert. Der Text aber ist genuin schweizerisch. Er stammt aus dem Jahre 1811, verfasst vom Berner Johann Rudolf Wyss. Hymne und Text stehen für den Widerstand gegen die napoleonische Fremdherrschaft, die ja damals noch keineswegs Geschichte war. Erst die Völkerschlacht zu Leipzig Mitte Oktober 1813, wo die Koalition aus Preussen, Österreich, Russland und Schweden gegen Napoleon und dessen Vasallen die Oberhand errang, brachte die Wende.

    Der Schweizerpsalm kommt auf

    Mit zunehmenden internationalen Kontakten, aus Anlass derer die Nationalhymnen gespielt wurden, ergab sich das Bedürfnis nach Differenzierung, so dass ab 1961 der Schweizerpsalm in Gebrauch kam. Offiziell wurde das allerdings erst Jahre später, denn für solche kulturellen Dinge fehlte dem Bund damals noch die Verfassungskompetenz. «1981 erklärt der Bundesrat den Schweizer Psalm definitiv zur offiziellen Hymne der Schweizerischen Eidgenossenschaft. In Gebrauch war sie provisorisch schon seit 1961.», schreibt der Bundesrat auf einer Seite zu seiner Geschichte. Auch danach galt diese Hymne aber nur für die Armee und die diplomatischen Vertretungen als bindend. Es wäre einer Gemeinde nach wie vor nicht verboten, das alte «Rufst Du, mein Vaterland» zu verwenden.

    Bislang unbekannt ist, welche Hymne seit 1961 an den Bundesfeiern in der Gemeinde Weiach gesungen wurde, d.h. ob und wenn ja, wie lange die Weiacher noch am althergebrachten «Rufst Du, mein Vaterland» festgehalten haben. Dazu habe ich in den Zollinger'schen Jahreschroniken bislang nichts gefunden.

    An der Weiacher Bundesfeier heute Abend wird jedenfalls der Schweizerpsalm gesungen, wie man den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Ausgabe August 2016, S. 16 entnehmen kann:


    Weiacher Wurzeln der Interpretation auf offizieller Website

    Auf der offiziellen Seite des Bundes zur Schweizer Landeshymne ist übrigens nicht nur der Text zu finden. Da gibt es auch Instrumental- und Vokal-Interpretationen zum Download.

    Die Vokal-Version hat einen Weiach-Bezug. Die Interpreten, die Basler Madrigalisten, wurden 1978 von Fritz Näf, einem Weiacher, gegründet und standen bis 2013 unter seiner vollamtlichen Leitung. Hören Sie hier die 1. Strophe der Landeshymne, gesungen von den Basler Madrigalisten unter Fritz Näf.

    SVP-Politiker droht mit Boykott des neuen Textes

    Wie der Blick gestern berichtete, will der streitbare Berner SVP-Nationalrat Erich Hess sichtbar dagegen protestieren, dass an der Stadtberner Bundesfeier auch die neue Schweizerstrophe gesungen wird.

    Dieser neue Text ist aus einem Wettbewerb der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft (SGG) hervorgegangen. Dazu Blick: «Seit Jahren versucht die Rütli-Gesellschaft SGG die Schweizer Hymne moderner umzuschreiben.» Die SGG findet, 35 Jahre Schweizerpsalm seien genug und liefert dazu - wieder laut Blick - folgende Begründung: «In unserer religionsneutralen Gesellschaft ist es problematisch, einen Psalm, also einen religiösen Text, als Landeshymne zu haben.»

    Sie will deshalb den folgenden Text offizialisiert wissen:

    «Weisses Kreuz auf rotem Grund,
    unser Zeichen für den Bund:
    Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
    Offen für die Welt, in der wir leben,
    woll'n wir nach Gerechtigkeit streben.
    Frei, wer seine Freiheit nützt,
    stark ein Volk, das Schwache stützt.
    Weisses Kreuz auf rotem Grund,
    singen alle wie aus einem Mund.
    »

    Neu soll die Hymne nur noch diese eine Strophe umfassen – wie bisher in jeder Landessprache: deutsch, französisch, italienisch und rätoromanisch (wohl in Rumantsch Grischun).

    Ein neuer Kulturkampf

    Nun ist Weiach eine SVP-Hochburg. Und so verwundert es überhaupt nicht, dass der mit viel Geld beworbene SGG-Vorschlag, auch oder nur den neuen Hymnentext zu verwenden, von den Behörden nicht aufgenommen wurde. Vielleicht auch deshalb, weil hinter der Neuerung eine Art neuer Kulturkampf vermutet wird: die Entfernung des Glaubens aus der Hymne mit dem Verweis, Gott sei ja schon in der Präambel der Verfassung erwähnt.

    Bezeichnend ist die folgende Passage aus dem FAQ auf der Projektseite CHymne.ch:

    «Frage 6: Die Schweiz ist eine christliche Nation. Der Text der heutigen Hymne – der Schweizerpsalm – bezieht sich explizit auf Gott und passt darum zur Schweiz. Soll der neue Text der Weg sein, Gott aus der Hymne zu kippen?

    Antwort: Erstens trifft die Tatsache, die Schweiz sei eine christliche Nation, trotz ihrer christlichen Wurzeln und einer christlichen Mehrheitsbevölkerung nicht zu.

    Zweitens baut der neue Hymnentext auf dem Geist der Präambel der neuen Schweizer Verfassung auf. Die Präambel beginnt bekanntlich mit den Worten „Im Namen Gottes, des Allmächtigen“. Der Autor des neuen Hymne-Vorschlags, der Zürcher Werner Widmer, ist persönlich religiös. Gleichzeitig hält er als Staatsbürger und Christ fest, dass die Nationalhymne eines religiös neutralen Staates kein Glaubensbekenntnis sein könne. Und er zitiert das Matthäus-Evangelium: «Nicht wer mich dauernd ‘Herr’ nennt, wird in Gottes Reich kommen, sondern wer meinen Willen tut» (Mt 7,21). Gott dürfe laut Widmer kein frommes Etikett sein. Die Werte, die in der Verfassungs-Präambel und im neuen Hymne-Text stehen, sind zutiefst vom Christentum geprägt.
    »

    Diese Begründung ist einigermassen seltsam. Denn konsequenterweise müsste die SGG dann anstreben, die einleitende Formel der Bundesverfassung («Im Namen Gottes des Allmächtigen!») aus der Präambel zu streichen. Denn damit werden ja alle Nichtgläubigen diskriminiert, oder nicht? Warum also diese Zwängerei mit einem neuen Text?

    Selbst der Bundesrat sieht die Notwendigkeit nicht

    Wie man der Parlamentswebsite entnehmen kann, sieht auch der Bundesrat nicht, wozu nun eine neue Hymne her muss. In seiner Antwort auf die Interpellation: Wie stellt sich der Bundesrat zu den Plänen zur Abschaffung der heutigen Schweizer Landeshymne? eines SVP-Politikers erwähnt er seine früheren Antworten auf Motionen der SP-Nationalrätin Kiener-Nellen aus den Jahren 2004 und 2008:

    «Der Bundesrat beantragte in beiden Fällen die Ablehnung der Motion. Er anerkannte zwar, dass der Text der Landeshymne einem Teil der Bürgerinnen und Bürger nicht mehr zeitgemäss erscheinen mag. Die heutige Landeshymne brauche aber den Vergleich mit zeitgenössischen Schöpfungen nicht zu scheuen und sei dank ihrer Bekanntheit eine würdige Landeshymne. Ausserdem dürfte es kaum möglich sein, mit einer Neuschöpfung auf allgemeine Akzeptanz zu stossen. Es gebe daher keinen Grund, die Hymne zu ändern.»

    Nachtrag vom 3. August 2016

    Preisüberwacher Stefan Meierhans ist offenbar auch eher für den alten Text, jedenfalls nach diesem Tweet zu schliessen: