WeiachBlog

Freitag, 18. Dezember 2009

Als Seite-1-Girl im «Blick»

«In the future, everyone will be famous for 15 minutes», soll der Pop-Art-Künstler Andy Warhol 1968 prophezeit haben. Gemessen daran, was gewisse Reality-TV-Formate heute aus und mit dem «girl next door» machen, ist diese Zukunft heute Gegenwart.

Kaum zur Freude von traditionalistisch eingestellten Zeitgenossen, die darin - zu Recht oder Unrecht - eine weitere Manifestation von Sodom und Gomorrah sehen. Auch viele längst verstorbene Weiacher Pfarrer (wie Albert Kilchsperger; vgl. die Artikel über den Visitationsbericht) würden sich wohl im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wie Boulevardzeitungen heutzutage mit ihren Schäfchen Quote und Umsatz zu bolzen versuchen.

Gelernte Landwirtin

So gerade gestern, am 17. Dezember, als der «Blick» einer Weiacherin namens Petra ihre Warhol'schen 15 Minuten Berühmtheit zukommen liess: In der Rubrik «Heute bin ich ein Star!» als Blickfang und Pinup-Girl für den voyeuristischen Leser.


Verlinkt ist die entsprechende Seite Petra (28) aus Weiach ZH mit einem Vorher-Foto und etlichen Bildern des Shootings mit halbnackten Tatsachen.

«Petra ist das heutige Seite-1-Girl. Die 28-Jährige steht auf Feuerstühle – und hat heute Geburtstag! Wir gratulieren», posaunt die Seite.

Unter dem Zeitstempel «Aktualisiert um 00:37 17.12.2009» auch ein «Steckbrief» abgedruckt. Und so sieht Berühmtheit im Telegramm-Stil aus:

«Petra (1,64m/56kg) ist gelernte Landwirtin, arbeitet aber als Pöstlerin. Die Singlefrau wohnt zurzeit mit ihrem Vater in einer Wohngemeinschaft. In ihrer Freizeit geht sie am liebsten mit Hund Rocky spazieren. Unser Star des Tages hat heute Geburtstag – wir gratulieren!

Mir gefallen... meine Haare. Sie sind gesund und ich erhalte viele Komplimente dafür.

Weniger schön... ist meine Haut. Sie wird vor allem im Winter viel zu weiss. Dennoch: ins Solarium würde ich nicht, das ist viel zu ungesund.

Bei einem Mann achte ich... auf seine Hände und einen knackigen Hintern.

Männer beneide ich um... sie sind so schön unkompliziert und sie sind immer schnell gut angezogen, dazu brauchts bloss eine Jeans und ein Shirt.

Mein Traum: Die Schweiz erkunden und zwar auf dem Motorrad und mit Rocky. Alle wollen ins Ausland, dabei ist es hier so schön!
».

Offenherzig an der Stallwand

Bei ihrer Herkunft hätte sich Petra durchaus auch für den Bauernkalender, das rustikale Pendant zum Pirelli-Kalender, bewerben können.

Und tatsächlich hat die junge Frau auch schon Vorstösse in die entsprechende Richtung gemacht, wie man dem Tages-Anzeiger Unterland am 29. Mai 2007 entnehmen konnte: «Eine Weiacherin will in den Bauernkalender!» wurde dort mit dem passenden Titel «Offenherzig an der Stallwand!» bekanntgeben. Für den gedruckten Bauernkalender reichte es nicht, jetzt aber für den Blick.

Immerhin sind auch auf der Kalenderwebsite noch ein paar Spuren zu finden: ein Pressebild sowie den erwähnten Artikel aus dem Tages-Anzeiger. Und der ist wenigstens etwas ausführlicher als der Blick-Auftritt.

Präsentation der Köder

Ihre Netze werfen die Boulevard-Macher gezielt in attraktiven Fischgründen aus: «Weiblich, zwischen 18 und 30 Jahren alt» müsse man sein. Den Auserwählten schenke man dann «ein professionelles Foto-Shooting»:

«Eine Hair- und Make-up-Artistin holt das Beste aus dir heraus, du trägst edle Wäsche und der erfahrene Profi-Fotograf Geri Born rückt dich ins beste Licht. Zusammen wird am Schluss ein sexy Bild ausgewählt, das auf der Titelseite des BLICKs gedruckt wird. Nach dem Fototermin erhälst du als Erinnerung die besten Fotos in einer Mappe plus eine CD mit allen Aufnahmen — und 200 Franken als Entschädigung für deinen Aufwand.»

Donnerstag, 17. Dezember 2009

Für Spitex ist die Gemeinde zu klein

Dass es auf dem Land auch schon in früheren Zeiten nicht einfach war, Spitex-Leistungen anbieten zu können, wird im Kirchenvisitationsbericht 1912-1923 von Pfarrer Kilchsperger ebenfalls angesprochen.

Immerhin hatte die Privatinitiative schon damals zur Bildung eines Krankenmobilien-Fonds geführt, wie der letzte Abschnitt zum Punkt 5 zeigt (vgl. erste zwei Abschnitte im Artikel v. gestern):

«Betreff Kranken-Fürsorge geschieht privatim Manches, die Kleinheit der Gemeinde verunmöglichte bis jetzt die Anstellung einer Krankenschwester. Dagegen werden Kranken-Mobilien gegen bescheidene Taxen ausgeliehen u. Neuanschaffungen von der Armenpflege bezahlt.

Pro Juventute u. pro Senectute wird jährlich eine Sammlung veranstaltet und konnten aus beiden Institutionen willkommene Gaben vermittelt werden, z.Z. 5 Unterstützungen für alte Leute.
»

Die Ausleihe von Krankenmobilien ist noch heute ein fester Bestandteil der Spitex, wie man dem Angebot der Spitex-Dienste Stadel-Bachs-Weiach entnehmen kann.

Frühere Artikel zum Thema Visitationsbericht

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Wo ist Malzendingen?

Diesen Ort gibt es nicht, um es gleich zu Beginn zu sagen. Und das, obwohl ich im April 2002 aus einem Brief des Weiachers Konrad Bersinger an das Kommando der Infanterie wie folgt zitiert habe:

«Wihlelm Dietsche, Kübler, seßhaft in Weiach, gebürtig in Malzendingen, Grossherzogthum Baden» hatte ihm seine Ehefrau ausgespannt und lebte seither mit ihr zusammen: «Laut der Klage welche bei dem Wohl. Löb. Bez. Gerichte Regensperg liegt, beweiße ich, daß seit in März 1854 dieße Beklagten mit einander ein Hauß weßen geführt.» (aus: Weiacher Geschichte(n) Nr. 29)

Wenn man nur sich selbst findet

Den Verdacht, dass da etwas nicht stimmen kann, schöpfte ich, als eine Google-Suche nach der im Titel gestellten Frage für «Malzendingen» genau einen einzigen Treffer ergab. Nämlich einen Verweis auf den eigenen, vorstehend gerade zitierten Artikel.

Via andere Suchverfahren getätigte Abklärungen, ob es im ehemaligen Grossherzogtum Baden eine Ortschaft dieses Namens gegeben hat, verliefen im Sande.

Hatte ich mich vor sieben Jahren verlesen? Beim Austausch von nur zwei Buchstaben ergibt sich immerhin der Name «Malterdingen», eine Gemeinde im Breisgau, nahe der französischen Grenze gelegen. Passen könnte das, zumal Malterdingen tatsächlich einmal zum Grossherzogtum Baden gehört hat.

Original überprüfen hilft

Nachdem ich nun aber anhand des Scans des Originalbriefs überprüft habe, ob Bersinger das tatsächlich so geschrieben hat oder ich mich verlesen habe, muss ich hier mitteilen, dass der Fehler allein bei mir liegt.


Die Ortschaft wurde von Bersinger als «Wolpen dingen» bezeichnet (zum Vergrössern Bild anklicken, vgl. zweites Wort in der siebten Textzeile).

Und wenn man etwas auf die Suche geht, dann ist das eine sehr seltene Alternativschreibweise zur Ortschaft Wolpadingen, die seit 1971 zur Gemeinde Dachsberg im Südschwarzwald gehört und in der Nähe der Klosterstadt St. Blasien liegt.

Korrektur auf «Wolpadingen»

Der Kübler Dietsche stammt ziemlich sicher aus diesem Dorf gar nicht so weit von Weiach entfernt. Malzendingen ist wohl Wolpadingen.

Was in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 29: «Ales half dazu daß ich fremde Dienste nahm». Der lange Weg zum Totalverbot (Reislaufen – Teil 2). entsprechend korrigiert ist.

Keine Korrektur ist beim Artikel «Die Flucht in den Söldnerdienst» möglich, der in der Reihe «Geschichte und Geschichten aus dem Unterland» im Tages-Anzeiger Unterland vom 13. März 2009 erschienen ist. Dort steht nun bis in alle Ewigkeit ein fiktives Malzendingen drin. Peinlich.

Dienstag, 15. Dezember 2009

Kirchliche Liebestätigkeit gewachsen

Aus dem Kirchenvisitationsbericht 1912-1923 des Weiacher Pfarrers Kilchsperger ist schon in drei früheren Artikeln von WeiachBlog zitiert worden. Hier nun was er zum Thema Kollekten und Spenden (früher als «Liebessteuern» bezeichnet) zu sagen hatte.

Lieber für auswärtige Bedürftige

«Ad 5. Die kirchl. Liebestätigkeit ist in den letzten Jahren entschieden gewachsen. Im allgemeinen wird für wohltätige Zwecke ausserhalb der Gemeinde lieber gegeben, als für solche innerhalb der Gemeinde.»

Interessant ist, dass Kollekten für Dritte ausserhalb der Gemeinde besser ankommen. Das hat wohl damit zu tun, dass die Bürger bereits mit den Armensteuern belastet wurden und wohl fanden, damit genug getan zu haben - und auch damit, dass man die Verfehlungen der eigenen Armengenössigen sehr wohl kannte, die von fremden aber eher ausblenden konnte.

Protestantische Mission findet Zuspruch

«Besonderer Liebe erfreut sich die Basler Mission, so dass neben der Fünferkollekte noch die Halbbatzenkollekte eingeführt werden konnte, wobei im ersten Anlauf sechzig Geber gewonnen wurden. Die Missions-Sonntagsgottesdienste, sowie die Jahresfeste des Missionsverbandes am Zürcher Rhein fördern den Missionssinn. Daneben wird auch des protst. kirchl. Hülfsvereins gedacht, u. ihm seit etlichen Jahren die Pfingststeuer zu gewiesen.»

Dass die anfangs des 19. Jahrhunderts gegründete Basler Mission grossen Zuspruch erhielt, verwundert angesichts ihrer Wurzeln in pietistischen Kreisen nicht wirklich. Protestantische Basisfrömmigkeit und damit verbundene Missionierung und Evangelisierung haben in Weiach durchaus Tradition, was sich auch an der Verbreitung von protestantischen Freikirchen ablesen lässt.

Frühere Artikel zum Thema Visitationsbericht

Sonntag, 13. Dezember 2009

Weyacher Veteran will St. Helena-Medaille

In den Jahren der von Napoleon Buonaparte diktierten Mediations-Akte (1803-1813) wurde auch der Stand Zürich gezwungen, Frankreich Truppen stellen. Es ist daher durchaus möglich, dass auch den berühmten Russland-Feldzug mitmachen mussten. Von den etwa 10'000 Schweizern in der grande armée kehrten nur noch rund 700 zurück.

Ob Rudolf Baumgartner von Weyach einer dieser Überlebenden war, weiss man nicht. Aber er muss wohl irgendwann zwischen 1792 und 1815 in französischen Heeren Dienst geleistet haben.

Baumgartner bewarb sich nämlich 1855 um einen Anteil an den Napoleonischen Legaten, wie man einem Verzeichnis entnehmen kann, das heute im Staatsarchiv des Kantons Zürich zu finden ist. Er scheint jedoch leer ausgegangen zu sein.

Vom Grossvater gestiftet, vom Enkel dekretiert

Napoleon I., der im Jahre 1821 auf dem Atlantik-Eiland St. Helena starb, bestimmte nämlich testamentarisch die noch lebenden Angehörigen seiner Armeen zu Erben von immerhin 8 Millionen Franc, damals eine beträchtliche Summe.

Weil aber die Zahl der noch Lebenden immerhin bei 405'000 lag, konnte der Einzelne nicht grosse Reichtümer erwarten - nur eine Ehrengabe. Immerhin ein Orden.

Mit der 1857 durch den französischen Kaiser Napoleon III. gestifteten Sankt-Helena-Medaille wurden die noch lebenden Soldaten der Kriege unter Napoleon I. ausgezeichnet.

Die Medaille trägt die Inschrift: «Campagnes de 1792 à 1815. A ses compagnons de gloire sa dernière pensée. Ste. Hélène, 5 Mai 1821».

Quelle

  • StAZH Q I 137a: St. Helena-Medaille und Napoleonische Legate, 1855-1858)

Weiterführende Links

Montag, 7. Dezember 2009

Weiacher Geschichte(n) auf neuer Homesite

Wie Ende Juli bereits mitgeteilt, hat die Besitzerin unseres langjährigen Webhosters Geocities ihre Ankündigung wahrgemacht, den Dienst eingestellt und per 26. Oktober sämtliche Sites gelöscht. Mittlerweile sind sie nicht einmal mehr über Google zu finden.

Die Ersatz-Lösung mit einem Hosting der Artikel auf esnips.com bzw. Scribd.com befriedigt die Nutzer nicht. esnips.com ist wegen seiner Werbelastigkeit und vielen kapazitätsfressenden Multimedia-Anwendungen in der Kritik. Scribd.com hat in jüngerer Zeit die Bedingung eingeführt, dass Nicht-Mitglieder die Dateien nur anschauen, aber nicht downloaden können.

Heimspiel: Lokale Lösung gefunden

Der Weiacher Pfarrer Christian Weber hat den Weiacher Geschichte(n) und weiteren Materialien zur Ortsgeschichte der Gemeinde Weiach nun eine neue Heimat verschafft, die nicht nur werbefrei auftreten kann, sondern auch für die Downloads der PDF-Dateien keine Mitgliedschaft verlangt.

Der neue Webauftritt ist unter dem Domain-Namen der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach angesiedelt:

http://weiachergeschichten.kirche-weiach.ch/

Auf den sechs Reitern ist beinahe alles versammelt, was zuvor unter Geocities zu finden war:
  • die Einstiegseite (vgl. Link oben).
  • das Artikel-Archiv Weiacher Geschichte(n) samt downloadbarem Inhaltsverzeichnis zur Gesamtausgabe.
  • Unter Historia Wiachiana ist das Quellen- und Literaturverzeichnis zur Geschichte von Weiach zu finden. Weiter die Monografien zur Ortsgeschichte von Brandenberger (4. Auflage), sowie ein Link auf WeiachBlog. Weiter wird auf den Reiter Zollinger-Home verwiesen.
  • WeiachWeb listet Websites auf, die Bezug zu Weiach aufweisen, aber nicht vom Autor der Weiacher Geschichte(n) verantwortet werden. Diese Liste ist bei Bedarf noch ausbaubar, z.B. mit dieser Linkliste (WeiachBlog, 5. Mai 2008).
  • Auf Zollinger-Home sind die Zugänge zu den Zollinger'schen Ortsgeschichten (1. und 2. Auflage) zu finden.
  • Und natürlich darf auch die Broschüre zum grossen Jubiläum der Pfarrkirche Weiach nicht fehlen. Unter 300 Jahre Kirche ist die Online-Ausgabe, April 2007 von «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». Weiach, 1706 – 2006. abgelegt.

Herzlichen Dank an die Kirchgemeinde!

Montag, 30. November 2009

Kasualien als gute, fromme Sitte

In den WeiachBlog-Artikeln vom 26. und 27. November war bereits die Rede vom Visitationsbericht des Weiacher Pfarrers Kilchsperger an die vorgesetzte Behörde in Zürich.

Die vierte vom Kirchenrat zur Periode 1912 bis 1923 gestellte Frage betraf die sogenannten Kasualien, d.h. nach Bedarf angesetzte Amtshandlungen des Pfarrers. Gemeint sind besonders die kirchlichen Feiern zur Taufe, Konfirmation, Trauung (Hochzeit) und Beerdigung (Bestattung). Hier die Antworten aus Weiach:

Taufe als öffentliche Zeremonie

«Ad 4. Die Taufe wird hier nur in wenig Fällen unterlassen, u. gewöhnlich findet sie im Beisein der Gemeinde statt.»

Dass die Taufe einen Teil des normalen Sonntagsgottesdienstes darstellt ist in Weiach auch heute noch üblich. Dies im Gegensatz zu stark frequentierten Kasualien-Kirchen (wie z.B. Regensberg), für welche oft eine Trennung eingeführt worden ist, da sich kirchenungewohnte Tauf- und Hochzeitsgesellschaften häufig nicht an die ungeschriebenen Regeln halten (kein Schwatzen und Telefonieren bzw. exzessives Fotografieren im Gottesdienst).

Trinken aus gemeinsamem Kelch

«Die Abendmahlsfeiern werden gut besucht, auch von Seiten der Männer; nur einzelne Besucher der Festgottesdienste verlassen die Kirche vor dem Abendmahl, jedenfalls nicht aus Angst vor dem gemeinsamen Kelch, den wir nicht ohne dringende Notwendigkeit durch Einzelkelche ersetzen würden.»

Die damals gemeinsam genutzten Kelche aus Holz sind heute als Exponate im Weiacher Ortsmuseum zu finden.

Es ist halt Tradition...

«Krankenkommunion wurde schon begehrt u. gerne ausgeführt. Wohl werden Taufe und Abendmahl von Manchen nur als gute, fromme Sitte, gewohnheitsmässig mitgemacht, doch von der Mehrzahl wohl als sinnvolle Handlungen wert gehalten.»

Da besteht wohl kein Unterschied zur heutigen Zeit. Gläubig mögen die Leute ja durchaus sein - was sich aber nicht in fleissigem Kirchgang ausdrückt.

Mitbestimmung für Konfirmanden

«Die Konfirmation ist hier eine von der ganzen Gemeinde besuchte Feier, u. wird mit möglichst einfachen gehaltenem Versprechen gefeiert, wobei den Konfirmanden soweit Freiheit geboten wird, dass in einer der letzten Stunden des Unterrichts das Versprechen zur Prüfung vorgelegt wird, u. später jedes Einzelne befragt wird, ob es von sich aus dem Versprechen zustimme oder nicht.»

Heute eine Selbstverständlichkeit. Dass Kilchsperger dieses Verfahren ausdrücklich erwähnt lässt vermuten, dass es damals durchaus auch anders gehandhabt wurde.

Wenn der Priester die Ehe mitbestimmt

«Grundsätzliche Änderung wird von Seiten der Gemeinde nicht gewünscht.
Die kirchliche Trauung wird nur selten unterlassen, dagegen häufig Trauung am Samstag begehrt.
»

Früher wurde offensichtlich die Hochzeit eher am Sonntag gehalten. Hier zeichnet sich der Trend ab, diese Kasualie zu einem privaten Event zu machen, was heute die Regel ist.

«Mischehen kommen hie u. da vor, gewöhnlich aber behält die katholische Braut die Oberhand, u. wagt der protest. Bräutigam nicht zu protestieren. Allen kirchlich getrauten Ehepaaren wird eine Traubibel verabfolgt.»

Auch hier keine signifikante Änderung. Der religiöse Hoheitsanspruch auf die Kinder einer Mischehe wird von den katholischen Priestern auch heute noch erhoben - und durchgesetzt.

Letztes Geleit

«Die kirchlichen Bestattungen sind Regel - selbst die Angehörigen von Gemeinschaften begehren sie. Auch hier ist eine Ansprache des Pfarrers üblich, worin er die Personalien mit den Gedanken des Textes verbindet u. zu den vielen Anwesenden ein Wort christl. Glaubens u. Hoffens spricht.»

Mit den angesprochenen Gemeinschaften sind v.a. evangelikale Freikirchen wie die Pfingstgemeinden oder die Chrischona-Mission gemeint.

Bereits erschienene Artikel

Sonntag, 29. November 2009

Ländliche Angst vor Überfremdung

An diesem Abstimmungswochenende dominierten zwei emotionsgeladene eidgenössische Vorlagen das Feld: die Minarett-Verbotsinitiative und die Initiative für ein Kriegsmaterial-Exportverbot.

Dass die Minarett-Initiative in Weiach angenommen wurde, überrascht im Vergleich mit den Resultaten ähnlich gelagerter, migrationskritischer Vorlagen der letzten Jahrzehnte wenig. Die Wuchtigkeit des Ja-Anteils von 71.92% kam für mich allerdings schon etwas unerwartet. Sogar die Nachbargemeinden Bachs, Stadel und Glattfelden meldeten tiefere Werte.

Insgesamt haben die Weiacherinnen und Weiacher aber nicht viel anders reagiert als die Bewohner des evangelikalen Bible Belt im Zürcher Oberland oder im ländlichen Weinland - alles traditionell konservative Gebiete, die einer Masseneinwanderung (wie sie im letzten Jahrzehnt stattgefunden hat) überhaupt nichts abgewinnen können.

Den Ja-Stimmenden nun reflexartig Kleinkariertheit oder gar Islamophobie vorzuwerfen, wie dies verschiedene Kommentatoren (ohne Kenntnis der genauen Beweggründe) tun, greift viel zu kurz. Viele fassten ihr Votum an der Urne wohl vor allem als Zeichen auf. Als ein Zeichen des Widerstands gegen die militanten Formen des Islam und den Islamismus.

Kriegsmaterial-Exportverbot wäre Landesverrat

In die Kategorie Selbstbehauptung fällt auch das Verdikt des Stimmbürgers zur Initiative über ein Verbot von Kriegsmaterial-Exporten. Die Weiacher stimmten nicht anders als die Mehrheit der Stimmberechtigten des Kantons und lehnten ein Verbot wuchtig ab. Gerade einmal 18.4% waren dafür. Die übrigen sahen wohl nicht nur die Gefahr für die Arbeitsplätze. Sondern auch die Tatsache, dass die Schweiz im Falle einer kriegerischen Entwicklung in Europa nur mit einer eigenen Rüstungsindustrie eine Chance hat, sich das nötige Material zur Selbstverteidigung zu beschaffen.

Skepsis gegen Flugverkehr

Die Spezialfinanzierung für den Luftverkehr wurde in Weiach um ein Haar abgelehnt. Bei 51.2% Stimmbeteiligung legten 50.56% der Stimmenden ein Ja ein. Nur in den am Ostrand des Kantons gelegenen Gemeinden Schlatt und Sternenberg werden ähnliche Resultate verzeichnet.

Dieses knappe Votum in einer ansonsten schweizweit unbestrittenen Angelegenheit spiegelt das generelle Misstrauen gegen alles, was mit Flugverkehr zu tun hat. Zurückzuführen ist es auf die wiederholten schlechten Erfahrungen mit den Flughafenbehörden in Kloten und dem Zürcher Regierungsrat, welche den Weiachern wie selbstverständlich seit 33 Jahren Tag für Tag eine schwer erträgliche Intervallbelärmung zumuten. Seit 1976 benutzen jedes Jahr Zehntausende von Flugzeugen die über Weiach hinwegführende Anflugschneise 14.

Samstag, 28. November 2009

Kirche Weiach auf Flickr

Seit heute gibt es auch auf Flickr einen Tag «Weiach». Ein Benutzer, der sich «Swissrunner» nennt und wohl tatsächlich Laufsport als Hobby betreibt, hat ihn eingerichtet und auch gleich ein Bild hochgeladen:

Die evangelisch-reformierte Kirche Weiach vor stahlblauem Himmel - aufgenommen an einem sonnigen Herbstnachmittag (wenn man der Kirchenuhr glaubt um 13:50 Uhr - also ein paar Minuten früher)

Neben dem Laufsport gehört offenbar auch das Fotografieren von Kirchen zu den Leidenschaften von Swissrunner. Und lustigerweise hat er unter den bisher 15 Fotos von christlichen Gotteshäusern ausgerechnet die Kirche aufs Netz gestellt, welche derjenigen von Weiach innen wie aussen am ähnlichsten sieht: die Kirche Affoltern.

Sie ist die alte Pfarrkirche der ehemaligen Gemeinde Affoltern bei Zürich, die bis 1934 zum Bezirk Dielsdorf gehörte und im Zuge der 2. Stadterweiterung in die Stadt Zürich eingemeindet wurde.

Weiterführende Literatur zum Vergleich der beiden Kirchen
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006.

Freitag, 27. November 2009

Bibeln wie Hochzeitskleider gebraucht

Der vom Weiacher Pfarrer Albert Kilchsperger (1883-1947) verfasste Visitationsbericht über die Jahre 1912 bis 1923 enthält manch kulturhistorisch interessante Anmerkung (vgl. Einführung im WeiachBlog-Artikel von gestern).

Was man bezüglich Quellenkritik dabei immer im Auge haben muss, ist der Blickwinkel des Verfassers. Hier scheint die besondere Stellung des Pfarrers in der kleinen Landgemeinde durch. Zwar hat er einiges an Befugnissen und Aufgaben verloren, trotzdem wird er als Mitglied der Armenpflege vom Kirchenrat immer noch mit Aufgaben betraut, wie sie seit Jahrhunderten üblich waren.

Die Zeitungen sind schuld

Zum Buch der Bücher stellte der Kirchenrat auch eine Frage (leider liegt uns diese nicht vor), hier die Antwort Kilchspergers:

«Ad 3. Die Bibel wird im Allgemeinen in Ehren gehalten, aber vielfach nur wie ein Hochzeitskleid das man nur selten braucht. Wohl wird jährlich in jede Familie ein Bibellesekalender gebracht, aber es ist Grund zu der unerfreulichen Annahme vorhanden, dass er nur Wenigen Anleitung zu regelmassigem Bibellesen gibt. Die Lektüre der vielen Zeitungen hat auch hier die Bibellektüre stark verdrängt.

Erbauungsbücher, alte Gebetbücher in grossem Druck werden in etlichen Häusern von alten u. kranken Leuten gelesen, u. nicht ungern dem Pfarrer vorgewiesen, wohl als Beweis noch vorhandener Frömmigkeit.

Von den religiösen Blättern sind am meisten verbreitet: Das Appenzeller Sonntagsblatt, der Feierabend u. der Kirchenbote. Ein kirchliches Gemeindeblatt für Weiach-Kaiserstuhl wird nicht herausgegeben.

Eigentliche Hausandachten werden wohl selten gehalten, dafür werden von den Frauen in manchen Familien die täglichen Betrachtungen der christl. Abreisskalender gelesen u. hie u. da ein besonders "träfes Zeddeli" dem Manne vorgelesen.
»

Woraus man unschwer ersehen kann: die religiöse Alltagsversorgung wurde von den Männern an ihre Frauen delegiert. Auch und gerade wenn es dabei ums Lesen ging. Was (ihr) wichtig war, das las sie ihm ja dann vor. Er konnte sich dafür den handfesten, weltlichen Dingen widmen - und die Berichte über Vieh- und Getreidemärkte gründlich studieren.

Quelle

  • Kirchenpflegeprotokoll Weiach, 1924 - S. 405-406.