Sonntag, 6. August 2017

«Die Menschen sind das Besondere an der Schweiz!»

Der Festredner an der diesjährigen Bundesfeier in Weiach war ein SVP-Politiker - entsprechend den politischen Mehrheitsverhältnissen in der Gemeinde eine wenig verwunderliche Wahl. Getroffen hat sie Gemeinderat Michael Bärtsch, der seit Jahrzehnten in der Gastrobranche tätig ist:
Wer die Zürcher Gastronomie-Szene kennt, dem ist Kantonsrat Ernst Bachmann ein Begriff. Bachmann ist seit 1992 Präsident des Wirteverbandes der Stadt Zürich, ab 1998 auch von Gastro Zürich, dem kantonalen Wirteverband. Und seit 2001 fungiert er auch als Vizepräsident von GastroSuisse, dem nationalen Branchenverband.

Ein Patron alter Schule

Bachmann ist aber auch ein Patron alter Schule und seit über 40 Jahren Wirt in Zürich-Wollishofen. Seit 2009 führt er als Gastgeber des Traditionshaus Restaurant Muggenbühl (www.muggenbuehl.ch), das über der Allmend Brunau thront - und kauft auch regelmässig selber auf den Märkten regionale Landesprodukte ein. Mangelnde Bodenständigkeit kann man ihm also nicht vorwerfen. Und damit ist er sozusagen der ideale Redner für einen solchen Anlass in einer immer noch grundsätzlich konservativ gepolten Gemeinde.

Mit Ernst Bachmann hat sich bereits der neunte Festredner bereit erklärt, seine Ansprache via WeiachBlog für die Nachwelt festhalten zu lassen. Er hat mir - was heute selten ist - eine Kopie seiner mit handschriftlichen Änderungen versehenen Redemanuskripts per A-Post zukommenlassen, begleitet von einem handgeschriebenen Brief (!).
Über die Entstehung seiner Rede heisst es da: «Ich habe immer wieder Aenderungen gemacht aber Sie haben nun das Exemplar so wie ich gesprochen habe.» - Man braucht also nicht einmal den sonst üblichen Disclaimer «Es gilt das gesprochene Wort» hinzuzusetzen.

Die Redaktion des WeiachBlog hat Bachmanns Rede tel quel übernommen, lediglich Satzzeichen und Orthographie sind - wo nötig - den heutigen Gepflogenheiten angepasst und Zwischentitel gesetzt worden. Ansonsten lesen Sie nachstehend den Originaltext.

Was macht uns einzigartig?

«Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident,
sehr geehrte Herren Gemeinderäte und Behördenmitglieder,
sehr geehrte Damen und Herren der verschiedensten Vereine,
liebe Weycherinnen und Weycher und Gäste!

Sie werden sich fragen, warum kommt da einer aus der Stadt zu Ihnen nach Weiach als Festredner. Zu verdanken haben Sie das Ihrem netten Gemeinderat Michael Bärtsch. Er hat mich so nett gefragt, dass ich ihm spontan zusagte und daran habe ich mich gehalten - und zwar gerne. Und ich bedanke mich bei allen von ganzem Herzen für diese Einladung in Ihr schönes Weiach zu kommen.

Wenn Sie jetzt aber eine SVP-Hardliner-Ansprache erwarten, werden Sie vielleicht enttäuscht sein. Alles was auf dieser Welt geschieht, entnehmen Sie täglich den Medien, ob es stimmt oder nicht. Und es ist heute schon Schnee von gestern.

Ob Herr Trump nach nur 10 Tagen seinen Stabschef entlässt, Frau Bundesrätin Leuthard ihren möglichen Rücktritt bekannt gibt oder die Schweizerische Nationalbank nach Milliarden-Verlusten jetzt Milliardengewinn bekannt gibt - über all das will ich mich nicht äussern.

Ich bin gekommen, um mit Ihnen heute Abend den 726. Geburtstag unseres Vaterlands zu feiern. Traditionell feiern wir das landauf, landab mit Festansprachen, Feuerwerk, Bratwurst und Cervelat. Das ist alles schön, aber noch lange nicht alles. Wir wollen aber auch diesen Geburtstag feiern mit allen Menschen - egal woher sie kommen -, die sich in unserer Gesellschaft zu Hause fühlen und auch zu unserem Wohlstand beitragen.

Wir feiern unser einzigartiges und wunderschönes Land. Aber - und auch diese Frage muss heute erlaubt sein - was macht unser Land wirklich aus? Sie, die Sie so nah an der Grenze leben, bemerken sicher jeden Tag die grossen und kleinen Unterschiede. (Mit dem Flughafen haben Sie ja schliesslich auch die internationale Anbindung direkt vor der Tür). Sie leben nur ein paar hundert Meter vom Ausland entfernt. Haben Sie sich nie gefragt, was der Unterschied zwischen dem südlichen und dem nördlichen Rheinufer ist?

Sicher, wir haben viele Berge, aber Österreich hat die auch. Dass unsere etwas höher und schöner sind, versteht sich von selbst. Sie zum Beispiel haben den mächtigen Stadlerberg mit ganzen 615 Metern überm Meer.

Vom Stadlersee, hier in der Nähe, bis zum Genfersee auf der anderen Seite des Landes haben wir viel zu bieten, aber ein Meer wie die Italiener, die Deutschen, die Franzosen haben wir nicht.
Wir haben sehr gute Weine, aber die Franzosen haben das auch - und mehr Auswahl. Das Weiacher Fluetröpfli und der Weissherbst sind bis nach Zürich bekannt. Die Liechtensteiner haben einen Fürsten und ich habe sogar gehört, dass deutsche Würste unseren Würsten das Wasser reichen können.

Was also, ist das Besondere an der Schweiz?

Sie, liebe Landsleute, liebe Weycherinnen und Weycher! Sie machen unser Land zu dem, was es ist. Ohne Sie wären wir nur ein Landstrich zwischen anderen Ländern. Doch Sie machen mit Ihrem Engagement und Ihrer Beteiligung die Schweiz einzigartig und grossartig:

Ihnen haben wir unsere Strassen und Tunnel, Schienen und Brücken zu verdanken. Ihre Qualitätsarbeit ist überall ein Markenzeichen! Dank Ihnen brummt unsere Wirtschaft und es geht uns gut. Ihr Fleiss und Ihr Einsatz hat den Wohlstand geschaffen, in dem wir heute leben. Und Sie sorgen auch dafür, dass unsere Kinder und Enkelkinder in Wohlstand und Sicherheit leben können. Mit Ihrer Arbeit schaffen Sie jeden Tag ein Stück Zukunft für die Schweiz.

Von (vermeintlich) hohen Stimmbeteiligungen

Aber auch Ihre Stimme macht unser Land aus. Und was für eine Stimme Sie, liebe Weiacherinnen und Weiacher haben! Sie sprechen sich beständig und laut für eine neutrale und eigenständige Schweiz aus:

1920: Nein zum Völkerbund
1986: Nein zum UNO-Beitritt
1992: Nein zum Währungsfonds
1992: Nein zum EWR
und 2000: Nein zu den Bilateralen Verträgen

Und jedes Mal haben Sie, das sage ich mit grossem Respekt, eine überdurchschnittlich hohe Stimmbeteiligung gehabt. Auch wenn Frau Wertli letztes Jahr an dieser Stelle zu Recht angemahnt hat, dass es immer mehr sein könnten, besonders bei wichtigen Abstimmungen. Bei diesen wichtigen Abstimmungen haben Sie, liebe Weiacher, sich besonders stark beteiligt. Vielleicht liegt das daran, dass Sie die Grenze direkt vor Augen haben und deshalb wissen, was wir alle an unserem Land haben.

Auf jeden Fall ist das Abstimmen, und da schliesse ich mich Frau Wertli wieder an, entscheidend für unsere Demokratie. Aber nicht nur das, sondern auch das Diskutieren und sich Informieren. Jeder, ob links oder rechts, der mit mir zum Beispiel über Einwanderung oder andere politische Themen diskutiert, stärkt unsere Demokratie und hilft unserem Land. Es ist der Einsatz für das Ganze, das sich Einbringen und verantwortlich Fühlen, das unsere Demokratie am Laufen hält.

Nur unsere Stärke und unsere Neutralität sichern unsere Demokratie! Und um unsere Demokratie beneidet uns die ganze Welt!

Unsere direkte Demokratie kommt ohne Ihr Engagement nicht aus. Direkte Demokratie heisst eben nicht nur vier Mal im Jahr den Abstimmungszettel einwerfen (auch wenn das, nebenbei bemerkt, vielen ja schon zu viel ist). Demokratie heisst mitgestalten und sich engagieren.

Das persönliche Engagement macht den Unterschied

Sie haben einen ehemaligen Bewohner, der sich besonders engagiert. Herr Ulrich Brandenberger. Seine Weiacher Geschichte(n) geben einen spannenden und interessanten Einblick in die Vergangenheit Ihres schönen Dorfes: Von Kriegen und Hexenprozessen über Kirchengeschichte bis zur Kinderärztin Marie Meierhofer geben sie Auskunft. Da findet man sogar heraus, was eine "Liebessteuer" ist. Und wenn Sie sich jetzt wundern, was die "Liebessteuer" ist, sollten besser Sie die Weiacher Geschichte(n) lesen. Selbst im fernen (und doch so nahen) Zürich wurden seine Geschichten fleissig gelesen.

Mit seinen Geschichten gibt er diesem Dorf Charakter. Mit seinem WeiachBlog vollzieht er den Schritt von der Vergangenheit in die Gegenwart. Und wie ich höre, twittert er das Dorf nun auch in die Zukunft.

Sein Engagement und sein Einsatz für die Tradition, die Geschichte und die Bekanntheit von Weiach sind vorbildlich und - so komme ich wieder auf den 1. August - urschweizerisch. 

Das Schweizervolk liebt die Freiheit und die Selbstbestimmtheit. Aber der Einsatz für die Gemeinschaft ist das, was unser Land zusammenhält: Mitbürger, die ihre Zeit für Vereine opfern, die sich [..] der freiwilligen Feuerwehr anschliessen, die im Zivilschutz arbeiten und die, die in der Armee ihre Pflicht tun. Diese Mitbürger leisten jeden Tag einen wertvollen Dienst für ihre Nachbarn, ihre Kollegen und ihre Landsleute. So wie heute die Schützengesellschaft Weiach, die für das heutige Fest für die Organisation verantwortlich ist.


Auch die Politik in unserem Land fusst auf dem Milizsystem. Selbst wenn man gerne auf die Politik schimpft, ich ziehe den Hut vor jedem, der sich hier einbringt - mit einer Initiative oder für ein Amt. In diesem Sinne möchte ich auch Ihnen danken, geschätzte Mitglieder des Gemeinderats, für Ihren Einsatz für die Gemeinde. Auch wenn die kommunale Politik manchmal mühsam ist und nur selten jemand "Danke" sagt, ich finde, heute haben Sie einen Applaus verdient. Bitte einen Applaus für alle Ihre Kommunal-Politiker!

Noch ein Wort zu Ihrem Engagement: An Ihrem dreifachen Einsatz in Privatleben, Geschäftsleben und für die Gemeinschaft können sich manche Politiker in Bern ein Vorbild nehmen. Nur wer, wie Sie, mit beiden Füssen fest im Leben steht und bodenständig bleibt, kann gute Politik für unsere Zukunft machen.

Liebe Weycherinnen und Weycher, Ihr Gemeinderat und alle Vereinsmitglieder sind nur zwei Beispiele für Einsatz. Jeder von Ihnen macht es auf seine Weise und mit seinen Mitteln möglich, dass wir heute zusammen kommen. Und so feiern wir heute eben nicht nur den Geburtstag unseres schönen Landes, sondern auch Sie! Denn Sie machen den Unterschied aus: Zwischen all den anderen Ländern und unserer schönen Schweiz. Sie sind also das, was die Schweiz so einzigartig und so liebenswert macht. Und ich kann Ihnen aus ganzem Herzen sagen, ich bin stolz auf unser Land und ich bin stolz auf Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen und uns allen zu diesem Land: zu seinen Bergen und Tälern, zu seinen Flüssen und Seen, zu seinen Wäldern und Weinbergen. Vor allem gratuliere ich unserem Land zu seiner Demokratie, zu seinem Milizsystem und zu seinen Bürgern. Und nicht zuletzt zu seiner Bratwurst und Cervelat.

Ich wünsche Ihnen weiterhin einen schönen 1. August und en Guete, ein schönes Singen und ein schönes Feuerwerk!




Kommentar zur Rede von Kantonsrat Bachmann

Es ist eine hübsche Pointe, dass bei einem Wirt die Würste einen zentralen Platz in der Festrede einnehmen - schon das Cabaret Rotstift wusste schliesslich, wie wichtig die als Lebensgrundlage des Gastgewerbes sind (vgl. den Sketch Die Wettervorhersage).

Aber Spass beiseite: die Weiacherin Deborah Meier, die «ihr Kaff» gern hart kritisiert, lobte am 2. August auf ihrer Website den Festredner Bachmann, er sei «trotz seiner rechtsgerichteten Partei überraschend-erfrischend liberal» herübergekommen. Aus der Feder dieser jungen Frau (27), die mit der SVP das Heu in keiner Weise auf der gleichen Bühne hat, ist das ein dickes Lob. Gratuliere, Herr Kantonsrat!

Und wo wir schon bei den Frauen sind: die sind dem Herrn Kantonsrat bereits bei der Begrüssung aufgefallen: «ich vermisse hier die Frauen» steht in Bachmanns Manuskript als Randnotiz. Wieder ein Auswärtiger, der feststellt, dass Frauen in der hohen Kommunalpolitik der Politischen Gemeinde Weiach so selten sind wie Einhörner - sprich: es gibt sie schlicht nicht.

En passant erwähnt: Trump habe, so Bachmann, «nach nur 10 Tagen seinen Stabschef» entlassen. Gemeint war natürlich der Kommunikationschef des Weissen Hauses, Anthony Scaramucci.

Weiter lobt Bachmann die Weiacher wegen ihrer hohen Stimmbeteiligung über den grünen Klee. Damit ist es allerdings in Tat und Wahrheit nicht so weit her - vor allem wenn man den Quervergleich mit anderen Gemeinden nicht scheut. Weiach kann sich in letzter Zeit gar Ambitionen auf die rote Laterne machen, so unterirdisch tief ist die Stimmbeteiligung mittlerweile (vgl. WeiachBlog, 25. September 2016).

Auch nicht ganz geheuer ist dem Verfasser dieses Kommentars die Lobeshymne Bachmanns auf sein Engagement. Es stimmt zwar, dass da viel Arbeit drinsteckt, in den Geschichte(n), den Blogbeiträgen und den Tweets. Aber im Vergleich zu Gemeinderäten, die amtsbedingt über Jahre hinweg viel Fremdbestimmtes auf die Nase gedrückt bekommen, ist der selbstgewählte Posten eines inoffiziellen Ortshistorikers dann doch wesentlich angenehmer, weil alle Aktivitäten rein von Freude und Interesse angetrieben sind. Und sie allenfalls einer Selbstverpflichtung unterliegen. Mehr nicht.

Den Seitenhieb auf Parlamentarier in National- und Ständerat, die nicht Amt und Geschäftsleben kombinieren (wie beispielsweise Balthasar Glättli, de facto ein Berufspolitiker, der nie im Geschäftsleben angekommen ist) - also keine echten Milizpolitiker sind - den kann sich Bachmann erlauben. Er lebt das Milizprinzip schliesslich selber in Reinkultur. Und das auch noch deutlich jenseits des offiziellen AHV-Alters.

Liefere statt lafere! Vielen Dank, Herr Bachmann!

Zu den Ansprachen früherer Jahre

  • Regierungsrat Markus Kägi zum 1. August 2007

  • EVP-Bezirkspräsident Daniel Elsener zum 1. August 2008

  • Kantonsrätin Barbara Steinemann zum 1. August 2009

  • Gemeindepräsident Paul Willi zum 1. August 2010

  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2011

  • 2012er-Rede ausgefallen (vorgesehen war NR Natalie Rickli)

  • Heinz Eberhard, VRP Weiacher Kies AG zum 1. August 2013

  • Nationalrat Ernst Schibli zum 1. August 2014

  • Gemeinderat Thomas Steinmann zum 1. August 2015

  • CVP-Generalsekretärin Béatrice Wertli zum 1. August 2016

  • Mittwoch, 18. Januar 2017

    Eine Winteraufnahme kommt zu Wort

    Angeblich sagt ein Bild ja mehr als tausend Worte. Das mag sein. Gilt aber nur dann, wenn man das Bild zu lesen versteht, wenn es sozusagen zu einem spricht. Zum Beispiel, weil man das darauf Abgebildete und dessen Geschichte kennt. So wie bei dieser Winteraufnahme:


    Bei diesem Standbild (Minute 08:55) aus dem 1. Teil des sogenannten Ackerknecht-Films über Weiach in den 50er- und 60er-Jahren gibt die von den späteren Bearbeitern erstellte Einblendung eine klare zeitliche Verortung.

    Im betreffenden Winter gab es in Weiach also Schnee, was nicht immer der Fall war und ist. Wohl deshalb hat der Filmer, Lehrer Kurt Ackerknecht, vom Fenster seiner Wohnung aus das Sujet festgehalten. Dieses Fenster befand sich im oberen Stockwerk der Liegenschaft Alte Poststr. 4. Die Blickrichtung geht nach Nordnordwest.


    Dass Lehrer Ackerknecht in besagtem Winter dort wohnte, hat Hans Rutschmann gegenüber WeiachBlog am 11.1.17 am Telefon bestätigt. Er sei kurz darauf, als seine Familie zu gross wurde, von Bülach nach Weiach in sein heutiges Haus gezügelt, das seinem Schwiegervater gehörte. Ackerknecht habe halt einfach eine andere Wohnung suchen müssen.

    Die fand er dann im Frühling 1958 auch, wie im Artikel «50 Jahre Tankstelle an der Sternenkreuzung» (WeiachBlog Nr. 585) nachzulesen ist: bei seinem Schwiegervater.

    Im Zentrum des Standbildes, an der Verzweigung Oberdorfstrasse/Winkelstrasse, steht die Liegenschaft Oberdorfstrasse 7, die in den wesentlichen Bauteilen aus dem Jahre 1801 stammt (gemäss Gebäudeversicherung des Kantons Zürich) und bis 1829 der Standort des «Sternen» war, dem einzigen obrigkeitlich bewilligten Gasthaus in Weiach.

    Mittwoch, 30. November 2016

    Novemberwetter 1966: Ist dieser Winter ein Geck?

    Walter Zollinger war sich punkto Beurteilung des Novembers vor 50 Jahren ziemlich sicher:

    «November. Er verdient den Namen "Wintermonat", wenigstens was die Kälte anbetrifft, wohl. Ein einzigesmal zeigt das Thermometer am Morgen über +5°, nämlich am 10.11. mit +8°; sonst immer unter 5°C, meist um 0° und darunter. Aber auch Schnee fällt schon beizeiten, am 4.11. vor- und nachmittags, nachdem es vorher nachts leicht geregnet hatte. So kommt einem der Spruch in den Sinn:

    "Fällt der Schnee in' Dreck,
    so bleibt der ganze Winter ein Geck!"

    Er bleibt, da es so kalt ist, zwar etliche Tage liegen. Mittags allerdings, wenn das Thermometer etwa über 0° steigt, gibt's dann eben wieder Nasschnee draus. Der Monat zeichnet sich ferner durch viele Hochnebeltage aus (12), auch ist's oft bedeckt oder stark bewölkt; Regen fällt sieben Mal, Schnee viermal. Etliche Morgen sind neblig bis in den späten Vormittag hinein. Eigentlich sonnige Tage sind selten, etwa an fünf Nachmittagen scheint die Sonne und hie und da noch schnell gegen Abend.

    Höchsttemperaturen morgens +4° (1x+8°) mittags +9° (1x 14°) Föhn! abends +6° (1x +8°)
    Tiefsttemperaturen morgens -5° mittags -2° abends -5°.
    »

    Dass im Herbst in Weiach - bedingt durch die Lage am Rhein - häufig Bodennebel auftritt, ist sattsam bekannt. Das muss man den Weycherinnen und Weychern nicht erklären. Es würde etwas fehlen ohne die dicke, feuchtkalte Nebelsuppe.

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

    Montag, 28. November 2016

    In der Ehe-Frage kein SVP-Dorf

    Punkto schlechter Stimmbeteiligung bestätigte sich in der Gemeinde Weiach das schlechte Resultat vom letzten September (vgl. WeiachBlog Nr. 1314). Am gestrigen Abstimmungssonntag war bei der nationalen Vorlage lediglich eine Beteiligung von 37.57% festzustellen, bei den kantonalen eine noch tiefere.

    Was für die nationale Vorlage immerhin eine Platzierung einige Ränge weiter vom Schwanz weg ergibt als noch vor zwei Monaten. Der Trend bestätigt sich dennoch: Nur die Auslandschweizer/-innen mit Bürgerort im Kanton Zürich, sowie die Gemeinden Oberglatt, Opfikon, Kloten und Schlieren (gleiche Reihenfolge wie am 25.9. übrigens), gefolgt vom Kreis 1 der Stadt Zürich, Rümlang, Dietikon, Dällikon, Höri, Rorbas, Regensdorf und Oetwil a.S. liegen noch hinter Weiach.

    Gemäss http://www.wahlen-abstimmungen.zh.ch sind die Zahlen für Weiach:

    • Atomausstiegsinitiative: 34.92% Ja
    • Umsetzung Kulturlandinitiative im PBG: 31.83% Ja
    • Eheschutz-Initiative: 24.70% Ja

    Die ersten beiden Resultate sind keine Überraschung. Weiach liegt sowohl im kantonalen Mainstream als auch auf der Linie der Parolen der stärksten Partei (SVP).

    Ganz anders sieht das bei der kantonalen Volksinitiative «Schutz der Ehe» aus. Sie sah eine Definition des Ehebegriffs in der Kantonsverfassung vor. Die Ehe sollte demnach eine «auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau» sein.

    Die SVP gab dafür die Ja-Parole aus (nicht nur die für solche Vorlagen übliche Verdächtige, die EDU). Viele SVP-Stammwähler hielten in Weiach der sonst alles dominierenden Sünneli-Partei in diesem Punkt nicht die Stange. Und zwar sehr deutlich.

    Mittwoch, 23. November 2016

    Nachdenken über die Nach-Kies-Zeit

    Zurückzublicken - im Sinne von identitätsstiftender Geschichtsbetrachtung - ist den Weiacher Gemeindevätern nicht so wichtig. Das sei vor allem teuer und stosse auf zu wenig Interesse, hat der Gemeinderat kürzlich befunden.

    Deshalb gibt es bis auf Weiteres keine Neuauflage der Ortsgeschichte (erstmals 1972, dann 1984, letztmals 2003 und seit 2011 vergriffen). Auch die vielen Neuzuzüger werden im besten Fall auf den Webauftritt der Ortsmuseumskommission aufmerksam und stossen so auf die aktuelle, als Ausgabe August 2016 online publizierte Monographie Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes.

    Nein, der Gemeinderat macht sich Gedanken zur Zukunft! Eine Zukunft, die in absehbarer Zeit in der Post-Kies-Ära mündet. Dann nämlich, wenn die 1962 operativ gewordene Weiacher Kies AG definitiv den Betrieb einstellt. Wenn die Einkünfte aus dem Kiesgeld für immer versiegen.

    Was soll dann aus der Gemeinde werden? Eine Schlafsiedlung für die Agglomeration Zürich umgeben von Naturschutzgebieten und ein paar Bauern «pour la galérie»? Oder soll es auch wieder Industrieansiedlungen geben? Und wenn ja: welcher Art? Will man allenfalls sogar aktiv versuchen, den Oberflächenstandort für das Tiefen-Endlager auf das eigene Gemeindegebiet zu ziehen (vgl. WeiachBlog Nr. 656 vom 2. November 2008: Beyond Kieswerk – ein radioaktives Tiefenlager?)?

    In der November-Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW) hat der Gemeinderat nun bekanntgegeben, dass man sich die kommunale Prospektivplanung eine ansehnliche Summe kosten lassen will:



    Quelle
    • Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2016 - S. 5

    Montag, 7. November 2016

    Wasserrohrbrüche an der Büelstrasse - Aktualität vs. Transparenz

    Am 3. November hat die Gemeindeverwaltung Weiach den nachstehenden Beitrag mit dem Titel «Diverse Wasserrohrbrüche an der Büelstrasse» unter der Rubrik «Aktuelles» veröffentlicht (vgl. auch WeiachTweet Nr. 132 vom 4.11.2016, 13:19:

    «Erneut kam es an der Büelstrasse zu einem Wasserrohrbruch. Insgesamt bereits der Vierte!

    Das Problem bzw. die Ursache ist bekannt: Im betroffenen Abschnitt, handelt es sich um Leitungen, welche leider nicht die versprochene Lebensdauer überstehen und Jahre früher undicht werden (Materialschwäche). Dementsprechend war dieser Leitungsabschnitt auch noch nicht für eine Erneuerung im Fokus.

    Weiteres Vorgehen:
    Da es sich doch um ca. 210m Leitungslänge handelt und somit auch mit hohem Aufwand und Kosten verbunden ist, werden mehrere Lösungsvarianten angeschaut. Auch die Abhängigkeiten, wie die Kanalisation, Strom-, Telefon-, TV-Leitungen, usw. müssen bei dieser Grösse mitberücksichtigt werden.
    Klar ist jedoch, dass dies kein Schnellschuss werden soll und die Leitungen nicht heute ausgetauscht werden.

    Wir bitten bei den betroffenen Anwohnern um Verständnis. Uns ist klar, dass dies keine angenehme Situation ist uns es ist auch nicht in unserem Sinne, dies unnötig hinauszuzögern.

    Der Gemeinderat Weiach
    »

    Offen und geradeheraus

    Diese bemerkenswert offene Kommunikation fand ich wirklich erfrischend. Wird doch zeitnah zum Ereignis (Wasserrohrbruch Nr. 4) informiert. Und dazu der Weg über das Internet-Portal der politischen Gemeinde gewählt.

    Das ist einerseits sinnvoll, denn die nächste Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach erscheint erst Anfang Dezember. Wirft aber andererseits Fragen auf. Immerhin handelt es sich bereits um den vierten Vorfall. Der Gemeinderat kennt das Problem also wohl schon seit einiger Zeit und hätte demzufolge auch schon in einer früheren Ausgabe der MGW informieren können, welche Massnahmen ins Auge gefasst werden. Denn offensichtlich schläft die fünfköpfige Exekutive in dieser Sache ja nicht. Nur wissen die Anwohner dazu anscheinend nicht genug. Sonst hätte man obigen Text nicht letzte Woche online zu stellen brauchen.

    Schluss mit Rohrbruch-Glasnost?

    Gross war meine Überraschung, dass die Meldung mit oben zitierten gemeinderätlichen Zeilen bereits wenige Stunden später, am Sonntag, 6. November, spurlos von der Gemeindewebseite verschwunden ist.

    Was WeiachTweet zur Frage veranlasste, ob die Gemeinde mit Transparenz ein Problem habe (Nr. 141). Es ist ja schon vorgekommen, dass eine ganze Ausgabe der MGW spurlos von der Website gelöscht wurde (vgl. MGW Juni 2015 vom Netz getilgt, WeiachBlog Nr. 1214; Hintergrund war vor anderthalb Jahren eine Personalie der Gemeindeverwaltung, vgl. WeiachBlog Nr. 1216)

    Aktuell, weil Verkehrsbehinderung

    Auf telefonische Rückfrage von WeiachBlog zeigte sich der Gemeindeschreiber überrascht: die Gemeindeverwaltung habe die Rubrik Aktuelles gewählt, da es um eine kurzfristige Verkehrsbehinderung infolge eines Wasserrohrbruchs gegangen sei. Deshalb sei die Meldung auch kurz danach wieder gelöscht worden. Von mangelnder Transparenz könne keine Rede sein.

    Ich glaube ihm das. Nur: solch übereifrige Löschaktionen werfen halt schon Fragen auf. Zumal der Inhalt (siehe oben) ja noch einige Wochen bis Monate aktuell bleibt. Und er deshalb ebenso wie der gleichentags veröffentlichte Hinweis zum weiteren Ablauf in der Tempo-30-Angelegenheit (der nach wie vor online ist) keine tagesaktuelle Eintagsfliege darstellt.

    Umgang mit den Kommunikations-Instrumenten will abgesprochen sein

    Fazit: Guter Ansatz, aber mangelhafte Umsetzung. Gemeinderat und Verwaltung sollten die Kommunikationsabläufe unter die Lupe nehmen. Möglicherweise reicht schon eine Regieanweisung des Auftraggebenden an die Webredaktorin, wie lange der Beitrag unter Aktuelles stehenbleiben soll - befristet mit Ablaufdatum oder unbefristet.

    Nachtrag vom 7. November, 22:00

    Der WeiachTweet-Eintrag Nr. 142, der auf diesen Artikel hinweist, ist in seiner Zuspitzung schärfer als der Artikel-Titel. Was den Gemeindepräsidenten dazu bewogen hat, sein Dementi gleich Twitter anzuvertrauen:

    Stefan Arnold bestätigt damit im Wesentlichen, was auch Gemeindeschreiber Wunderli betont hat. Nur leider bewirkt der «Handlingsfehler» auch jetzt noch, dass mit dem Text auf der Gemeindewebsite eben auch die damit verbundene Transparenz ins Nirwana entschwunden ist.

    Für den Handling-Fehler mag die Webredaktorin verantwortlich sein. Für den Eindruck, der dadurch entsteht, liegt die Verwantwortung aber beim Gemeinderat.

    Nachtrag vom 8. November, 13:30

    Mittlerweile ist der eingangs zitierte Beitrag wieder online. Sogar auf dem bisherigen Listenplatz - nur mit neuer Adresse (https://www.weiach.ch/page/70/news/198). Wiederherstellen von aus der Rubrik Aktuelles gelöschten Beiträgen geht mit dem von der Gemeinde verwendeten System offenbar nicht. Aber sei's drum. Das Transparenzversprechen wurde eingelöst! Danke an alle Beteiligten.

    Viel Erfolg beim Erneuern der schadhaften Leitung, wünscht WeiachBlog.

    Samstag, 29. Oktober 2016

    Die Uniformenweihe oder: Manufacturing consent

    Im gestern publizierten Artikel (WeiachBlog Nr. 1318) wurde dargelegt, wie die Finanzflüsse des neuen wirtschaftlichen Elefanten auf Gemeindegebiet anfangs der 1960er-Jahre die Mehrheitsverhältnisse in den massgebenden Gremien und Versammlungen beeinflussten.

    Fast 60% aller Einnahmen der politischen Gemeinde Weiach für das Jahr 1963 stammten aus dem Kiesgeschäft, dazu kamen Einnahmen der Armengemeinde (heute wäre das die Sozialhilfe). Schon allein dieser Umstand führt dazu, dass Mahner und Kritiker einen ungemein schweren Stand hatten.

    Der Betreiber der Weiacher Kies AG, der im Bergbau des Ruhrgebiets grossgewordene Haniel-Konzern aus Duisburg, hatte aber noch weitere Instrumente im Köcher, mittels deren er sich die Zustimmung erkaufte. Es brauchte dazu nicht einmal die Beeinflussung über die Massenmedien, wie sie von Herman und Chomsky 1988 beschrieben wurde - und worauf der Titel dieses Beitrags anspielt. In diesem lokalen Mikrokosmos ging das wesentlich einfacher, sozusagen unter dem Radar und viel subtiler, wie man Zollingers Jahreschronik 1963 unter der Rubrik «Vereine und Genossenschaften» entnehmen kann:

    «28./29. Sept.: Diese Tage verdienen ganz besondere Erwähnung: durch die Freigebigkeit der "Weiacher Kies A.G." war es unserer Dorfmusik möglich geworden, eigene, schmucke Uniformen anzuschaffen. In einer grossen Abendunterhaltung am Samstag wurden diese eingeweiht und mit einem Marschmusikdefilee und Festkonzert am Sonntagnachmittag weiter geehrt. Festhütte und Budenstadt fehlten selbstverständlich dabei nicht. (Nähere Beschreibung des Anlasses im Anhang).» (G-Ch Weiach 1963, S. 18)



    Jede(r) in Weiach wusste, wer der Dorfmusik die Neueinkleidung ermöglicht hatte. Auswärtige konnten das nur wissen, wenn sie die Lokalpresse (s. Zeitungsausschnitt im Hintergrund oben) aufmerksam gelesen hatten. Und gerade deshalb wirkte die Spende jedes Mal, wenn die Musikanten die Uniform anzogen und damit öffentlich auftraten, in sozusagen homöpathischer Dosis weiter. Das funktionierte umso besser, weil auf diesen Uniformen natürlich nicht das Logo des Sponsors prangte (wie das bei Sportlern heute gang und gäbe ist) und man daran die implizite Interessenbindung eben gerade nicht ablesen konnte.

    Die vielen individuellen Nutzniesser taten dazu ein übriges, wie man an anderer Stelle in derselben Jahreschronik 1963 sieht: «Gottfried Nauer am Bach verkauft sein Bauerngewerbe samt Haus an die Kies A.G. Weiach, behält aber vorläufig noch das Wohnrecht.» (G-Ch Weiach 1963, S. 22). Bei diesem Handel profitierte nicht nur Nauer am Bach. Auch die Gemeinde hatte etwas davon, und zwar dank der Handänderungssteuer.

    Ebenfalls ein schlauer Schachzug des Haniel-Konzerns war die Einbindung der Gemeinde in den Verwaltungsrat der Weiacher Kies AG.

    All diese Umstände haben dazu geführt, dass es in der Gemeinde praktisch unmöglich war (und immer noch ist), am Kiesabbau im Allgemeinen oder an der Weiacher Kies AG im Besonderen substantielle Kritik zu üben, ohne massive Anfeindung in Kauf nehmen zu müssen.

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 18, 22 und 39-41 (unpaginierter Anhang). [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

    Freitag, 28. Oktober 2016

    «Und das Unheil schreitet fort». Kritik Zollingers an der Kiesausbeutung

    Wie WeiachTweet Nr. 102 vom 18. Oktober 2016 meldet, sind die Bachelor-Studierenden des Studiengangs Umweltnaturwissenschaften im Wintersemester 2016/17 auf die Weiacher Kiesgrube angesetzt worden.

    Die Fallstudie wird im Rahmen des Faches «Umweltproblemlösen I» durchgeführt und umfasst auch historische Betrachtungen zum Kiesabbau. Bei ihren Recherchen ist eine auf die historischen Aspekte fokussierte Studierendengruppe auf die Weiacher Geschichte(n) und den WeiachBlog gestossen.

    Als Ergänzung zu den bereits publizierten Beiträgen zum Weiacher Kiesabbau (http://weiachergeschichten.ch/kies) habe ich noch etwas in den unveröffentlichten Unterlagen gekramt. Eine besonders interessante Quelle sind auch zu diesem Thema die Jahreschroniken von Walter Zollinger. Da diese nach der Ablieferung an die Zentralbibliothek Zürich erst einmal für 25 Jahre unter Verschluss gekommen sind, hat sich Zollinger nicht gescheut, auch seine persönliche Meinung dezidiert kundzutun.

    Die Gegner können nur noch die Faust im Sack machen

    Wie war die Stimmung in Weiach kurze Zeit nach der Betriebsaufnahme des ersten Kiesabbaus im industriellen Massstab in unserem Land?

    Kurz gefasst: die Opposition dürfte die Faust im Sack gemacht haben. Der Grund dafür ist die Art und Weise wie traditionell über Gemeindeangelegenheiten abgestimmt wurde (und häufig auch heute noch wird). Nämlich in der Gemeindeversammlung mit offenem Handmehr. Da muss man zu seiner Entscheidung stehen (können). Und wer will schon öffentlich ein solch lukratives Projekt torpedieren und damit einem Nachbarn und der Gemeinde Schaden zufügen? Immerhin war (und ist) das durch den Kiesabbau fliessende Geld für die Landeigentümer (darunter auch die Gemeinde) hochwillkommen. Deutliche Hinweise zu diesem Thema gibt der WeiachBlog-Beitrag Nr. 963, Jahreschronik 1961: Gelddenken und das neue Kieswerk.

    Die Ergebnisse der Gemeinderechnung waren jedenfalls eindrücklich, wie Zollinger in der Jahreschronik 1963 rapportiert: «Erstmals genoss nun das Gemeindegut die ihm zukommenden Einnahmen aus dem Vollbetrieb der "Weiacher Kies A.G.", nämlich den ansehnlichen Betrag von Fr. 339'061.90, sodass, zusammen mit dem Vorschlag aus den Waldungen (Fr. 59'874.95), den Einnahmen aus den Grundsteuern (Fr. 25'000.-), aus Gebühren und Bussen (Fr. 15'504.75) und den Staatsbeiträgen sowie der Personalsteuer (Fr. 45'000 rd.) wiederum sämtliche finanziellen Verpflichtungen im ordentlichen, wie im a.o. Verkehr getilgt werden konnten. Darüber hinaus reichte es erst noch zu Einlagen von zusammen Fr. 58'504.- in den Steuerausgleichsfonds sowie in den Fonds für a.o. Ausgaben.

    Immerhin ist zu erwarten, dass diese Fonds in den nächsten Jahren weitgehend wieder "abgebaut" werden könnten. Die in Aussicht genommenen Arbeiten an der dringend nötig gewordenen Grundwasserfassung am Rhein werden bestimmt hohe Summe verschlingen. Ohne die nun hoffentlich regelmässig fliessenden Einnahmen aus der Weiacher Kiesi, wie sie im Volk einfach geheissen wird, wäre an solch ein Projekt gar nicht zu denken, oder dann nur mit gewaltiger Steuererhöhung.
    » (G-Ch Weiach 1963, S.11-12)

    Angesichts dieses finanziellen Mannas, das da dank der «Kiesi» sozusagen vom Himmel fiel, verwundert es nicht, dass kritische Stimmen einen äusserst schweren Stand hatten. Zollinger selber war einer dieser Kritiker und hat über eine Gemeindeversammlung im Sommer 1963 die nachstehenden Zeilen verfasst:

    «In der Gemeindeversammlung vom 15. Juni wurden folgende Anträge mit 50:38 Stimmen (bei 17 Stimmenthaltungen) gutgeheissen:

    a. Antrag des Gemeinderates und der Armenpflege betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht zwischen der Polit. Gemeinde Weiach und der Armenpflege mit der Firma "Weiacher Kies A.G." zu Lasten von ca. 620 Aren Armenland im Hard (südlich der Bahnlinie).

    b. Antrag betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht zwischen der Politischen Gemeinde Weiach und der Firma "Weiacher Kies A.G." zu Lasten von ca. 460 Aren Acker im Hard (anschliessend an Armenland).

    In der Diskussion wurde ausgiebig geredet; denn diese Erweiterung des Kiesausbeutungsrechtes oberhalb die Bahnlinie war sehr umstritten. Leider konnte diese, wie das obgenannte Abstimmungsergebnis zeigt, nicht abgewehrt werden. Die Anhänger bzw. Nutzniesser der Kies A.G. (z.T. Arbeitnehmer, z.T. Landbesitzer im Bereich der Kiesi) sind bereits zu zahlreich geworden. "Und das Unheil schreitet fort", muss man wohl dazu sagen; denn kaum 14 Tage nach diesen Beschlüssen begann bereits der vermehrte Wegtransport von Kies und Sand ----- per Lastwagen! 50, 60 solch schwere Kerle rasseln nun seither während 5 Wochentagen beständig dorfauf und -ab zum grossen Aerger auch vieler Ja-Stimmer vom 15.6.; heute sähe das Abstimmungsresultat vielleicht schon etwas anders aus. ("Ja, wenn wir das gewusst hätten".).

    Zwei, allerdings nur mündlich vom Tisch des Vorsitzenden aus gemachte Aussprüche vom 15.4.61 (erster Vertrag), sind damit nicht inne gehalten worden. Es hiess damals, dass man kein Land oberhalb der Bahnlinie für das Kieswerk benötigen werde und dass sozusagen alles Material per Bahn weggeführt werde und die Strassen deshalb nur für Transporte in die nähere Umgebung, also minim, benützt werden müssten. Und jetzt?! Ich gebe zu, ich war auch einer der Neinstimmer am 15.6.63. und bereue es nicht. Nur schade, dass nicht mehr Mitbürger die kommende Gefahr einsehen wollten, die Gefahr nämlich, dass so unsere "Land-Dorf-Ruhe" gestört und noch mehr unser liebes schönes Ackergebiet im Hard nach und nach zerstört werden wird.
    » (G-Ch Weiach 1963, S.12-13)

    Risiken und Nebenwirkungen des offenen Handmehrs

    Mit dem Vorsitzenden ist wohl der damals amtierende Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer gemeint, der sich stark für das Kieswerk-Projekt eingesetzt hat. Mit Blick auf die relativ grosse Anzahl an Stimmenthaltungen kann man sich fragen, was wohl gewesen wäre, hätte die Gemeinde zum Schicksalsthema «Kieswerk» eine geheime Urnenabstimmung durchgeführt. Wenn diese 17 Enthaltungen alle von Männern kamen (das Frauenstimmrecht gab es noch nicht), die es sich entweder nicht leisten konnten oder wollten, öffentlich zu ihrer ablehnenden Haltung zu stehen, dann wären diese beiden Geschäfte wohl nicht bewilligt worden.

    Interessant ist einerseits, wie stark sich die unterschiedlichen Meinungen im Resultat der Abstimmung niedergeschlagen haben - zumal in einer Gemeinde, in der Vorlagen häufig «mit offensichtlichem Mehr» durchgewunken werden, so dass es der Präsident oft gar nicht für nötig hält, ein Gegenmehr oder gar Enthaltungen explizit ermitteln zu lassen. In den Protokollen sieht das dann fast so aus, als hätte es keine Gegenstimmen gegeben.

    Andererseits ist es bemerkenswert, wie schnell mündlich gemachte Zusagen auch von Gemeindepolitikern zu Makulatur werden, wenn es die wirtschaftlichen Interessen gebieten. Das zeigt die Zollinger'sche Bemerkung über die «Aussprüche» vom 15. April 1961 sehr deutlich (vgl. zu dieser Abstimmung den WeiachBlog-Beitrag Nr. 979 vom 4. Februar 2011: Vertrag über die Kiesausbeutung genehmigt.)

    Quelle
    • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 11-13. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

    Sonntag, 25. September 2016

    Unterirdisch tiefe Stimmbeteiligung in Weiach

    Am heutigen Abstimmungssonntag liegen die Abstimmenden der Gemeinde Weiach für einmal voll im Mainstream. Jedenfalls was ihre Voten zu den Vorlagen betrifft. Das eigentlich Interessante sind nicht die Resultate (Pro Nachrichtendienstgesetz und Contra alle anderen Vorlagen), nein, das ist die Stimmbeteiligung.

    Man muss es einfach einmal festhalten: Nur die Auslandschweizer/-innen mit Bürgerort im Kanton Zürich, sowie die Gemeinden Oberglatt, Opfikon, Kloten und Schlieren weisen noch tiefere Beteiligungen auf. Und verhindern, dass Weiach als Schlusslaterne dasteht.

    Lediglich 324 der 957 in Weiach Stimmberechtigten (knapp über ein Drittel) haben entweder ihr Couvert eingereicht oder am Abstimmungstag selber die Zettel eingeworfen. Der Rest glänzt durch Desinteresse, demonstrative Stimmabstinenz, Läck-mer-doch oder was auch immer.

    Braucht es da noch etliche Bundesfeier-Appelle im Stile von Béatrice Wertli (vgl. WeiachBlog Nr. 1291) - oder sind die Weiacher einfach strukturell stimmfaul? Bleibt nur noch die Frage: Waren die Beteiligungswerte schon immer so tief?

    Nachtrag vom 26.9.2016

    Wie heute von alt Gemeindeschreiber Hans Meier zu erfahren war sei die Stimmbeteiligung in früheren Zeiten nicht so schlecht gewesen, dass sich Weiach auf den hintersten Rängen der Wahlkreise im Kanton Zürich habe finden lassen.

    Sonntag, 18. September 2016

    Waldwirtschaft im Wandel der Zeit

    Wer heute die Ausstellung im Ortsmuseum Weiach verpasst hat, der hat am kommenden Sonntag nochmals die Gelegenheit am Müliweg 1 vorbeizuschauen. Es lohnt sich!

    Denn die kuratierende Ortsmuseumskommission bringt jedes Jahr ein Thema aufs Tapet, das für die Vergangenheit der Gemeinde von Bedeutung war - und es im diesjährigen Fall auch für die Gegenwart ist: die Bewirtschaftung der Waldflächen nämlich.


    Bereits im Jahre 1567 erhielt Weiach eine Holzordnung, erlassen von den Obrigkeiten zu Zürich um den Bestand und die Qualität des Waldes zu erhalten. Diese holzigen Rechtsvorschriften wurden 1596 Teil der ersten Gemeindeordnung (vgl. WeiachBlog Nr. 879).

    Ein passenderes Thema könnte man für Weiach kaum wählen. Denn 461 ha, also fast die Hälfte des Gemeindegebiets von 9.57 Quadratkilometern, sind private und öffentliche Waldungen.

    Förster hatten früher viele Gegner

    Ein grosser Anteil dieser Flächen ist in Gemeindebesitz, was auch die fixe Anstellung eines Försters im Vollpensum rechtfertigt. Alexander Good ist zwar nebenbei auch noch Gemeindepolizist - aber im Hauptamt eben doch ein «Hölziger».

    Die Amtsvorgänger Goods waren teilweise derart unbeliebt bei den Weiachern, dass sie tätliche Angriffe befürchten mussten und einige Förster daher von der Obrigkeit das Recht erhielten sich zu bewaffnen.

    Aber davon wird in der Ausstellung wohl kaum die Rede sein. Es gibt ja auch noch handfeste Objekte aus der alten Zeit, wo man den Bäumen noch ohne Motorsägen und Holzvollernter zu Leibe gerückt ist.