Mittwoch, 12. August 2015

Datierungsverwirrungen - Stilus novus vs. Stilus vetus

Bei der Durchsicht der aktuellen Zugriffe auf WeiachBlog sind mir zwei Zugriffe auf einen Beitrag vom Januar 2010 aufgefallen. Der Artikel handelt von einem Ehrverletzungsprozess vor dem Dorfgericht zu Weyach, der vor rund 400 Jahren verhandelt wurde.

Damals war das reformierte Zürich kalendermässig anders ausgerichtet als die katholisch geprägte Nachbarschaft. Zwischen 1582 und 1700 stützte sich die Zürcher Obrigkeit noch auf den julianischen Kalender, die katholischen Obervögte des Fürstbistums Konstanz datierten ihre Schriftstücke aber bereits mit dem gregorianischen Zeitmass.

Weyach lag an der Schnittstelle zwischen diesen zwei Herrschaftsbereichen. Mit der Hochgerichtsbarkeit gehörte es zu Zürich, mit den niederen Gerichten zum Fürstbischof. Die Weiacher mussten als erste Gerichtsinstanz - anders als alle anderen Einwohner des Neuamts - ihr Dorfgericht anrufen. Für sie war nicht das Amtsgericht der Obervogtei Neuamt zuständig.

Novus oder vetus? Man muss genau hinschauen

So kommt es, dass man bei Gerichtsakten aus Weiach bei der Datierung immer im Hinterkopf haben muss, dass sie fürstbischöflich - und mithin ab 1582 gregorianisch ist.

In der Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen (SSRQ) wird man im Band Neuamt in der Datierungszeile daran erinnert. Im Falle des einleitend angesprochenen Prozesses mit folgender Notation: «1612 Mai 9, 17 [St. n.] und 16 [St. v.]».


«St. n.» steht für «Stilus novus», also die Datierung im neuen Stil, d.h. nach dem gregorianischen Kalender. «St. v.» steht dagegen für «Stilus vetus» (ab und zu auch «Stilus antiquus» genannt), der Datierung im alten Stil, also nach julianischem Kalender.

Kreuzfalsch umgesetzt

Im Artikel vom 10. Januar 2010 habe ich die beiden Angaben ärgerlicherweise genau übers Kreuz falsch umgesetzt. Standen doch da bis heute die folgenden Sätze:

«Am 9. Mai 1612 nach julianischem Kalender fand vor dem Dorfgericht zu Weiach ...», «Am 17. Mai 1612 tagte das Dorfgericht erneut ...», sowie «Ende Mai 1612 (genau: am 16. Mai nach gregorianischer Zeitrechnung) sahen die Räte der Stadt Zürich ...»

Wenn man weiss, dass 1582 der gregorianische Kalender dadurch eingeführt wurde, dass 10 Tage ausgelassen wurden (auf den 4. Oktober folgte der 15. Oktober), dann merkt man sofort, dass besonders der letzte Satz absoluter Blödsinn ist. Umgekehrt wird ein Schuh draus.

Seit heute ist der Fehler direkt im Artikel korrigiert: Selbstbefriedigung an einem Weidenbaum?; WeiachBlog Nr. 738.

Sonntag, 9. August 2015

Der 1. Weltkrieg stoppte den Vormarsch des Hochdeutschen

In der Deutschschweiz ist der Dualismus zwischen Dialekt und Hochdeutsch weit verbreitet. Der Dialekt wird vor allem gesprochen (daher auch der Begriff «Mundart»). Das Hochdeutsche hingegen - auch als «Standardsprache» bezeichnet - wird vor allem geschrieben (daher der Begriff «Schriftsprache»).

Standards erleichtern zwar die Verständigung...

Dieser Blog ist ein gutes Beispiel. Er handelt von einem kleinen Fleck Erde (knapp 10 Quadratkilometer), von seiner näheren Umgebung und von den Menschen, die mit ihm in irgendeiner Beziehung stehen und gestanden haben. Wenn ich das hier Geschriebene quasi nur für die Eingeborenen vorgesehen hätte, dann könnte ich ihn auch im Zürcher Unterländer Dialekt verfassen.

Das Problem dabei: es gibt keine wirklich allgemein akzeptierte Art und Weise, schweizerdeutsche Dialekte zu schreiben. Wohl gibt es Wörterbücher für so ziemlich alle Varianten hiesiger Dialekte. Die sind aber (anders als Wörterbücher der Standardsprache wie der «Duden» oder der «Wahrig») in der Regel nicht Teil der Ausbildung an den öffentlichen Schulen.

So kommt es, dass einem oft die passenden Buchstaben fehlen, um gewisse Dialektlaute in Schrift umzusetzen. Es muss quasi jede(r) seinen bzw. ihren eigenen Weg finden. Das fördert zwar die Kreativität. Die Schwierigkeiten beim Schreiben treten dann natürlich spiegelbildlich beim Lesen eines von Dritten niedergeschriebenen Dialekttextes auf. Manchmal muss man sich das Vorliegende im Geiste (oder gar laut) vorlesen - dann versteht man auch besser was gemeint ist. Und das geht wohl nicht nur mir so.

Hochdeutsch dient also der besseren Verständigung, sowohl innerhalb des eigenen Landes (z.B. mit den Romands) als auch mit Personen aus anderen deutschsprachigen Regionen.

... aber Sprache transportiert eben auch Identität

Die Wahl der Sprachform hat jedoch nicht nur etwas mit Verständlichkeit zu tun. Sprache muss nicht nur praktische Nützlichkeit aufweisen. Es geht auch um Identität und Selbstbehauptung. Und letzteres dürfte denn auch der tiefere Grund sein dafür, dass man hierzulande eisern am Dialekt festhält - ja ihm sogar noch weitere Verbreitung verschafft und zubilligt. Dialekt ist gerade bei Lokalradios heutzutage Standard - mit Ausnahme der Nachrichtenbulletins. Selbst in den «heiligen» Sendegefässen des Staatsfernsehens SF DRS wird immer mal wieder Dialekt verwendet. Selbst im Printbereich gibt es Ansätze: die Pendlerzeitung «Blick am Abend» lässt alle paar Monate eine Ausgabe in Dialekt schreiben.

Das muss erlaubt sein, schliesslich ist Deutsch auch aufgrund der von vielen Kleinstaaten geprägten Geschichte der deutschsprachigen Landen von Niederösterreich über Sachsen, Vorpommern, Schleswig-Holstein und das Rheinland bis ins Südtirol und Oberwallis eine sogenannt plurizentrische Sprache. Eine Sprache mit vielfältigsten dialektalen Färbungen, wie sie eigentlich ganz natürlich ist (beim Französischen war das früher auch noch viel eher der Fall).

Standardisierung ist ein imperiales Konzept. Eine Vereinheitlichungsmaschine, die grosse Landstriche und Bevölkerungsmassen auf Linie bringen soll. Mit ähnlichen Sprachen können Nationen zusammengezimmert werden, wegen besserer Verständigung und der Schaffung einer neuen Identität. Die gewonnene Schlagkraft kann dann in die Eroberung von Kolonien - oder sonstige Ausdehnung der eigenen Einflusssphäre umgesetzt werden. Standardsprache ist kulturelle Machtentfaltung.

Zerreissprobe Erster Weltkrieg

In der prosperierenden, langen Zeit relativen Friedens von 1871 bis 1912 spürte man in der Schweiz zwar die Muskeln des Deutschen Reichs, fühlte sich aber nicht unmittelbar bedroht. Mit der auf globalen Massstab ausgeweiteten Neuauflage des Konflikts Deutschland - Frankreich stellte sich aber die Frage, ob man nun deutsch sei oder französisch. Oder eben etwas Eigenes.

Die Eliten beidseits des Röstigrabens, die die jeweilige Standardsprache der grossen Hegemonialmächte zur kulturellen Abgrenzung von den niederen Ständen verwendeten, mussten sich entscheiden. Und sie entschieden sich für die Schweiz. Für ein Land mit sprachlichem Erbe aus mindestens drei nationalen Kulturkreisen (Deutschland, Frankreich, Italien) aber eben eigener Identität.

Historischer Zufall?

Die Frage der Journalistin Julia Wartmann von der Limmattaler Zeitung: «Warum wird in der Schweiz überhaupt noch Dialekt gesprochen, während in Deutschland die Standardsprache dominiert?» wurde von der Sprachwissenschaftlerin Ingrid Hove wie folgt beantwortet:

«Die Tatsache, dass in der Schweiz immer noch Mundart gesprochen wird, ist ein historischer Zufall. Im 18. und 19.  Jahrhundert hatte sich das sogenannte Hochdeutsch als Alltagssprache in Deutschland ausgebreitet, und zwar tendenziell von Norden nach Süden. Diese Entwicklung war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sogar in Basel und Zürich angekommen.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs distanzierten sich die Schweizer jedoch bewusst von Deutschland und behielten ihre Dialekte bei. War man vor etwas mehr als hundert Jahren noch davon überzeugt, dass sich die Standardsprache auch in der Schweiz als Alltagssprache durchsetzen würde, ist eine Abwendung vom Schweizerdeutschen heutzutage nicht in Sicht

Wenn man den 1. Weltkrieg als Zufall ansieht, dann ist wohl auch der Entscheid für den Dialekt einer.

Ich glaube allerdings, dass diese Entwicklung angesichts der Grundkonstruktion der Schweiz als eine Art Antithese zum Konzept «sprachlich homogener Nationalstaat» zwingend war. Zur Sicherung seines Überlebens ist unser Land nun einmal auf eine eigene Identität angewiesen. Und die ist letztlich auch eine Frage des eigenen sprachlichen Ausdrucks. Ein mündlicher Aufstand gegen alle Standardisierungsversuche.

Quelle

Samstag, 1. August 2015

Zäune aufrecht erhalten - für gute Nachbarschaft

Wenn es um Zäune geht, dann ist Bruder Niklaus von Flüe, der Schweizer Nationalheilige, ein prominenter Ratgeber. Seine an die Eidgenossen des 15. Jahrhunderts gerichtete Mahnung «Machet den zun nit zu wit» wurde zwar erst vom Chronisten Hans Salat (1537) überliefert. Sie ist aber gemeinsam mit dem ebenso berühmten Zitat: «Mischet Euch nicht in fremde Händel» einer der wirkungsmächtigsten Ratschläge in diesem Lande - und das de facto seit Jahrhunderten.

Auch der diesjährige Festredner an der Weiacher Bundesfeier nimmt dieses Bild vom Zaun, den es aufrecht zu erhalten gilt, auf. Ob Bruder Klaus heute dieselbe Stossrichtung vertreten würde ist offen. Lesen Sie unten, was einer der amtierenden Gemeinderäte von Weiach, Thomas Steinmann, heute zu sagen hatte.

Hinweis: Wie bereits bei seiner 1.-August-Rede 2011 (Titel: «Zuwanderung und Entsolidarisierung machen Sorgen») hat WeiachBlog auf Wunsch und in Absprache mit Steinmann für die zu publizierende Fassung gewisse Anpassungen vorgenommen. Der kursiv gesetzte Text ist von ihm. Die Zwischentitel sind redaktionelles Beiwerk und sollen die Navigation im Text erleichtern.

1. Augustrede 2015
von Thomas Steinmann, Gemeinderat, Weiach

«Geschätzte Weiacherinnen und Weiacher, geschätzte Festbesucher und Helfer!

Die Einladung des Turnvereins Weiach, hier an diesem Geburtstag der Schweiz ein paar Worte an Sie zu richten, erfüllt mich mit grosser Freude.

Gerne möchte ich es darum nicht unterlassen, Ihnen, den Bürgerinnen und Bürger der Schweiz zum 724-jährigen Bestehen, zu gratulieren.

Auch die besten Grüsse des Gemeinderates zu diesem würdigen und traditionsreichen Fest möchte ich Ihnen überbringen und einen grossen Dank aussprechen, dass Sie diesen historischen Anlass mit uns so zahlreich feiern.

Weiach selber feiert seinen 744-jährigen Geburtstag, denn es wurde bereits 20 Jahre vor der Schweizerischen Eidgenossenschaft erstmals urkundlich erwähnt.

Der 1. August wurde 1891 offiziell zum Bundesfeiertag erklärt und das kam so: Die Berner wollten 1891 das 700-jährige Bestehen ihrer Stadt feiern. Sie teilten dem Bundesrat mit, es käme ihnen gelegen, wenn der 600-jährige Geburtstag der Schweizerischen Eidgenossenschaft mit ihrer Feier verbunden werden könnte.

Zugegeben: der 1. August als Datum des Rütlischwurs ist historisch nicht belegt. Im Bundesbrief heisst es lediglich: "Im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August".


Rückblick auf die letzten beiden Jahrzehnte

Dennoch ist der Schweizer Nationalfeiertag seit 1994 gesamtschweizerisch ein arbeitsfreier Tag, nachdem das Schweizer Stimmvolk die Volksinitiative «für einen arbeitsfreien Bundesfeiertag» (die sogenannte «1. August-Initiative») am 26. September 1993 angenommen hatte. Zuvor hatte der Tag lediglich in einigen Kantonen diesen Status.

Seit dem EWR-Nein am 6. Dezember 1992, eine Vorlage, die sowohl am Ständemehr wie am Volksmehr scheiterte, ging es mit der Schweiz nur bergauf.

Dazumal hinterlegte der Bundesrat anfangs 1992 bereits ein EU-Beitritts-Gesuch in Brüssel, weil er nie mit einem Nein gerechnet hatte, sprachen sich doch nicht nur der Bundesrat, sondern auch das Parlament mit allen grossen Parteien für einen Beitritt aus. Jedoch hatten Sie die Rechnung ohne den Souverän gemacht.

Gefühlte Freiheit dank direkter Demokratie

Dieser einschneidende Politikwechsel der Schweizerischen Eidgenossenschaft hat nach meiner Einschätzung nur Positives gebracht:

Heute sind wir das reichste Land auf dieser Erde bei einem durchschnittlichen Bargeld-Vermögen von 146'500 Euro pro Kopf, gefolgt von der USA mit 119'570 Euro pro Kopf und auf dem 3. Platz Belgien mit 78'300 Euro.

Im Weiteren sind wir obendrauf noch das glücklichste Land der Welt, gemäss dem World Happiness Report 2015. Zu dieser Erkenntnis gelangten Forscher, welche die Faktoren Einkommen, Lebenserwartung, soziales Netzwerk und die gefühlte Freiheit mit 158 Ländern verglichen hatten.

Vor allem die gefühlte Freiheit gefällt mir. Dies verdanken wir unserer direkten Demokratie – in der der Souverän die oberste Instanz ist. Oder wenigstens sein sollte.

Jetzt möchte ich in meiner Rede noch auf zwei Punkte eingehen:

1. will ich Ihnen einen geschichtlichen Rückblick auf ein buntes Bouquet von Jubiläen der Schweiz geben; und

2. ein paar politische Denkanstösse zum Thema "Liebe Deinen Nachbarn, reiss aber den Zaun nicht ein", mitgeben.

Vier Jubiläen - mit Wirkung für uns Heutige

Was für geschichtliche Jubiläen nebst dem eigentlichen Geburtstag feiert die Schweiz dieses Jahr noch?

Es sind zusammengezählt 2000 Jahre geschichtliche Ereignisse, welche die Schweizerische Eidgenossenschaft geprägt haben und derer wir in diesem Jahr gedenken: Die Schlacht am Morgarten im Jahr 1315 und die bei Marignano 1515. Dann die Eroberung des Aargaus im Jahre 1415, und der Wiener Kongress  von 1815.

Ich kann mich noch gut an meine Schulzeit zurückerinnern, wie uns der Geschichtslehrer die Jahreszahlen der beiden Schlachten mittels einer Eselsbrücke beigebracht hat. 13 Uhr 15 und 15 Uhr 15! Wir sollten sie uns mittels der Uhrzeit einprägen. Diese Eselsbrücke hat stets funktioniert und ich kann noch heute die Schlachten aufzählen.

Doch was verbirgt sich nun tatsächlich hinter diesen Jahreszahlen und welche Auswirkungen haben sie auf die Eidgenossenschaft?

Morgarten 1315

Über die Schlacht am Morgarten um 1315 wurde schon viel gestritten, vor allem ob sie tatsächlich so stattgefunden hat, wie berichtet wird. Über den eigentlichen Verlauf und den genauen Ort ist wenig bekannt. Klar ist nur: Weil die Schwyzer im Streit um Alpweiden im Jahre 1314 das Kloster Einsiedeln geplündert hatten, zogen sie den Zorn des Schirmvogt des Klosters, des Habsburger Herzogs Leopold, auf sich. So kam es, wie es kommen musste, dass sich die noch junge Eidgenossenschaft erstmals mit Waffengewalt verteidigte.

Hätten die Schwyzer, Urner und Unterwaldner das stolze habsburgische Heer auf offenem Feld gestellt, so hätten sie wohl verloren. Sie nutzen jedoch geschickt das Gelände. Griffen dort an, wo sich der Gegner nicht zum Angriff formieren konnte und trieben das gut gerüstete Heer mit Ross und Mann in die sumpfigen Wiesen am Ägerisee. Dank ihren spezifischen Waffen, den Hellebarden, und dieser Strategie der Überraschung aus dem Hinterhalt, welche für den Adel von dazumal ungehörig war, lebte die Schweizerische Eidgenossenschaft weiter.

Aargau 1415

Um was ging es bei der Eroberung des Aargaus im Jahr 1415? Vorweg: als ehemaliger Aargauer stimmt mich dieses geschichtliche Ereignis schon etwas nachdenklich. Aber da ich jetzt Zürcher bin, stehe ich auf der „Gewinnerseite“.

Zurück zum eigentlichen Hergang: der deutsche König Sigismund forderte die Eidgenossen zum Einmarsch in den damals habsburgischen Aargau auf. Ursache dieser Aktion war der habsburgisch-österreichische Herzog Friedrich IV., der einem der drei damals gleichzeitig amtierenden Päpste, Johannes XXIII., zur Flucht aus der Stadt Konstanz verholfen hatte. Sigismund, der schon lange mit Friedrich IV. Streit hatte, sah dies als Chance, seinem Widersacher zu schaden.

Die Eidgenossen erhielten also sozusagen den Auftrag, den Aargau zu besetzen, obwohl sie erst drei Jahre zuvor einen Friedensvertrag mit Österreich abgeschlossen hatten. Bern zeigte am wenigsten Skrupel und liess sofort Truppen losmarschieren. Zürich und die Innerschweizer Orte zögerten wegen des Friedensvertrages zunächst, zogen aber dann dennoch los, um den Bernern nicht alles überlassen zu müssen.

Noch während des Feldzugs einigte sich König Sigismund mit dem Habsburger. Aber da hatten die Eidgenossen weite Teile des Aargaus schon fest im Griff – und gaben sie nicht mehr her.  Bern behielt die eroberten Gebiete im Unteraargau (daher der Begriff „Berner Aargau“)  und Zürich bekam den heutigen Bezirk Affoltern, besser bekannt als Säuliamt, sowie das nordwestlich davon gelegene Kelleramt zugesprochen. Das ist übrigens heute wieder aargauisch.

Marignano 1515

Was geschah in Marignano im Jahr 1515? Die Schlacht bei Marignano fand am 13. und 14. September 1515 in der italienischen Lombardei statt und war eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Eidgenossen und Frankreich um das Herzogtum Mailand. Die Niederlage bei Marignano beendete die Expansionsbestrebungen der Eidgenossen. Es war die letzte grosse Schlacht, an der die alte Eidgenossenschaft beteiligt war.

In der Schlacht kämpften 22‘000 Eidgenossen gegen 45‘000 Franzosen, Venezianer und Landsknechte und erlitten eine bittere Niederlage - mit rund 10‘000 Verlusten. Die Eidgenossenschaft zahlte einen hohen Blutzoll.

War diese Schlacht die Geburtsstunde unserer heutigen Neutralität? Im 19. Jahrhundert wurde die Niederlage von Marignano jedenfalls als Beginn der schweizerischen Neutralitätspolitik gedeutet. Diese Sichtweise der Schlacht kommt auch in der Aufschrift Ex Clade Salus («Aus der Niederlage das Heil») auf dem Denkmal in Zivido (bei Melegnano) zum Ausdruck.

Und so falsch war das ja wohl nicht, denn seither hat sich die Schweiz aus allen grösseren Konflikten herausgehalten. Kurze Zeit nach dieser blutigen Niederlage spaltete sich das Land in reformierte und katholische Gebiete. Wie wäre das wohl herausgekommen, wenn die Eidgenossen auch danach noch überall in der Grossmachtpolitik mitgemischt hätten, wie noch 1515 in Marignano?

Wiener Kongress 1815

Nun zum letzten geschichtlichen Höhepunkt, den ich in dieser heutigen Feier ansprechen will, dem Wiener Kongress 1815.

Nachdem das französische Kaiserreich mit seinem Anführer Napoleon Bonaparte zerbrach, wurde der sogenannte Wiener Kongress vom 18. September 1814 bis zum 9. Juni 1815 durchgeführt. Ziel dieses Kongresses war es, Europa neu zu ordnen: zahlreiche Grenzen mussten neu festgelegt, neue Staaten gebildet werden. Diesmal aber im Sinne der alten Ordnung – nicht der revolutionären von Napoleon.

Diese Neuordnung betraf auch die heutige Schweiz: Die Schweiz musste das Veltlin, Chiavenna und Bormio sowie die Stadt Mülhausen im Elsass endgültig aufgeben. Als Ausgleich wurden ihr jedoch das ehemalige Fürstbistum Basel, das ehemals österreichische Fricktal, die Herrschaften Rhäzüns und Tarasp sowie einige Gemeinden in der Umgebung von Genf zugesprochen. Der Wiener Kongress anerkannte die inneren und äußeren Grenzen der Schweiz und ihrer Kantone wie auch die Zugehörigkeit des Wallis, des Fürstentums Neuenburg und Genfs als neue Kantone.

Keine der damaligen Grossmächte wollte der anderen die alleinige Kontrolle über die strategisch wichtigen Alpenübergänge zugestehen. So ist letztlich die heutige bewaffnete Neutralität entstanden, welche an diesem Kongress von den beteiligten Parteien bezeugt und kurze Zeit später offiziell anerkannt wurde.

Letztlich hat dieser Wiener Kongress also auch den heutigen Bundesstaat Schweiz ermöglicht, mit der ersten Bundesverfassung von 1848, und so quasi die Schweiz, die wir heute kennen.

Von Zäunen und guter Nachbarschaft

Doch welche Themen beschäftigen mich (oder vielleicht auch Sie?) gerade heute in Europa oder auf der Welt?

Ich habe zuletzt von den Grenzen der Schweiz gesprochen. Erlauben Sie mir darum, das nächste Thema anzusprechen: „Liebe deinen Nachbarn, reiss aber den Zaun nicht ein“.

Ebenso könnte ich aus Schillers „Wihelm Tell“ zitieren: „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.“ Dieses Zitat sagt aus, dass auch friedfertige Menschen durch ihre Umwelt in Streit oder in eine Auseinandersetzung hineingezogen werden können.

Nicht alle sind uns wohlgesonnen

Wir werden immer mehr in die Knechtschaft der restlichen Welt hinein manövriert durch gesetzliche Vorschriften (denken Sie an die Weissgeldpolitik, Steuerabkommen, automatischen Informationsaustausch etc.), durch Mitmachen bei politischen Institutionen (Stichworte: Europäischer Gerichtshof, Menschenrechtskonvention, usw.) oder durch den Ausverkauf unseres Sozialsystems wegen der nicht enden wollenden Zuwanderung in die Schweiz.

Wir Schweizer wollen eigentlich in Frieden leben, doch einige unserer Nachbarn oder sogenannte Freunde suchen immer neue Wege, wie sie der Schweiz schaden können.

Unsere Bundesverfassung ist die oberste Instanz und zeigt uns unsere rechtlichen Grenzen auf. Jedoch werden diese rechtlichen Grenzen von anderen Ländern gar nicht mehr oder nur teilweise akzeptiert und sie versuchen ihre Rechtsprechung bei uns anzuwenden. Dies auch mit bereits grossen Erfolgen – für diese Fremden.

Das ist leider Preis unseres Wohlstandes, den wir zahlen müssen. Die Frage ist nur, wie lange wir noch das zahlen können oder wollen.

Die Friedensnobelpreisträgerin Mutter Teresa sagte einmal: „Es ist leicht, weit entfernte Nachbarn zu lieben. Es ist aber nicht immer leicht, diejenigen zu lieben, die gleich neben uns wohnen.“

Erst in einer Krise sieht man, wer ein guter Nachbarn oder Freund ist.

Versagen der Migrationspolitik

Die Migrationspolitik hat in Europa versagt, weil sie die Flüchtlingsströme aus Eritrea und Somalia und aus den nordafrikanischen Gebieten nicht eindämmen kann. Das Dublin-System hat versagt, weil die südlichen Länder in Europa (Italien, Griechenland, etc.) den grössten Teil der bei ihnen ankommenden Flüchtlinge nicht registrieren und weiterziehen lassen – obwohl sie nach Recht und Gesetz für die Erfassung verantwortlich wären.

Im Kanton Tessin ist die Hölle los, weil tagaus tagein Hunderte in die Schweiz einreisen wollen. In den meisten Kantonen müssen zusätzliche Infrastrukturen errichtet und bestehende erweitert werden. In Deutschland werden Turnhallen gefüllt und in Frankreich leben Flüchtlinge in Zelten unter Brücken in der Hauptstadt oder an den Stränden am Mittelmeer. In Syrien tobt ein Bürgerkrieg, mit 9 Millionen Menschen auf der Flucht - und die politischen Institutionen auf der Welt schauen weg.

Hier geht es, dass die EU wegschaut, weil sie überfordert ist. Bei der Regulierung der Personenfreizügigkeit mit der Schweiz stellt sie sich aber stur. Mit der Zuwanderungsinitiative möchte der Schweizer die Lebensqualität schützen. Doch dies wird vom Nachbarn nicht anerkannt.

Die Uhr läuft und bereits ist seit der Abstimmung über die Zuwanderung in der Schweiz wieder eine Stadt wie St. Gallen gebaut worden – 75'000 neue Einwohner!

Als Vergleich zu einem früheren Erzfeind der Eidgenossen, den Habsburgern: 

  • Österreich hat eine Fläche von 84‘000 km2 und 8.5 Millionen Einwohner.
  • Die Schweiz hat mehr als die Hälfte (41‘000 km2) weniger Fläche, aber 8.2 Millionen Einwohner und somit die doppelte Dichte wie unser Nachbarland, also 200 Menschen pro km2.

Österreich hat seine Grenzen für weitere Flüchtlinge soeben geschlossen! Und wir haben das Gefühl, dass wir bis ins Jahr 2035 eine Bevölkerung von 10.4 Millionen locker wegstecken können?

Helfen - aber am richtigen Ort

Der Druck auf die Schweiz nimmt auch hier immer grössere Dimensionen an. Es kommen immer mehr Menschen mit anderen kulturellen oder religiösen Einstellungen in die Schweiz und das Zusammenleben wird dadurch nicht vereinfacht – im Gegenteil.

Ich will damit nicht sagen, dass die Schweiz nicht helfen sollte. Jedoch muss das in einem gesunden Mass erfolgen.

Das richtige Mittel ist, die Flüchtlinge vor Ort zu betreuen und die Hilfe direkt dort einzubringen.
Aber die Schweiz kann das Versagen anderer nicht im Alleingang bewältigen. Hier ist daher eine Zusammenarbeit mit anderen sinnvoll. Was nützt aber eine Zusammenarbeit mit anderen politischen Organisationen wie der UNO, wenn sie durch Vetos der grössten Nationen, wie den Vereinigten Staaten von Amerika und Russland, ausgebremst werden können? Sobald diese Nationen keinen Vorteil für sich sehen, blockieren Sie die nötige Hilfe, wie einen möglichen Einsatz in diesen betroffenen Gebieten. Die hierher Flüchtenden werden aber dort gebraucht – in ihren Heimatländern. Für den dortigen Wiederaufbau.

Eigene Grenzen aufzeigen. Und sie verteidigen

Umso wichtiger ist es, dass wir stets unsere wohlwollende Diplomatie anwenden, jedoch unsere Zäune klar aufrecht halten, so dass wir uns gegen Fremde oder böse Nachbarn zur Wehr setzen können und unsere oberste Rechtsprechung schützen und verteidigen können.

Eine gute Nachbarschaft funktioniert nur, wenn die Grenzen klar ersichtlich sind. Dieses System fängt unmittelbar bei meinem Nachbar an und hört an den Landesgrenzen auf. Um die Grenzen zu verteidigen kommt im schlimmsten Fall die Armee zu Hilfe – jedenfalls sofern sie nicht ständig mit Reformen beschäftigt oder mit Finanzierungsfragen ausgebremst wird.

Daher erinnere ich Sie, liebe Festbesucher, an den  inoffiziellen Wahlspruch der Schweizerischen Eidgenossenschaft, der im 19. Jahrhundert geprägt wurde: „Unus pro omnibus, omnes pro uno“.  Bekannt aus dem Roman „Die drei Musketiere“ des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas: Einer für alle, alle für einen. Und zu bewundern auf einer Glasmalerei im Bundeshaus.
Schützen wir daher unsere Grenze, unseren Wohlstand, vor allem aber unsere traditionellen Werte und Weltanschauungen in der Schweiz, sodass wir auf unser Land, unsere Kultur und unsere direkte Demokratie weiterhin stolz sein können.

Macht mit! Für unsere direkte Demokratie!

Gehen Sie darum an die kommenden Wahlen im Herbst, wo das neue Parlament gewählt wird! Gehen Sie an die Urne! Leben sie unsere direkte Demokratie, denn nur so können wir unser Land vorantreiben. Sie können selber mit Ihrer Stimme ein Zeichen setzen und für die nächste Generation die richtige Weiche stellen.

Dank an die Helfer im Hintergrund

Nun möchte ich nur noch Danke sagen.  Einen grossen Dank möchte ich dem heutigen Festwirt, dem Turnverein Weiach, aussprechen. Ohne sie fände hier heute keine 1. Augustfeier statt. Sie haben diesen Anlass organisiert und umgesetzt. Dank Ihnen werden wir heute Abend kulinarisch verwöhnt mit Speis und Trank. Danke vielmals.

Diese Mannen werden in nächster Zukunft ein noch grösseres Fest feiern und organisieren können, nämlich das 100- jährige Bestehen ihres Vereins. Dieser würdenträchtige Anlass findet mit einem zweitägigen Fest am 26./27.Mai 2017 statt. Eine Woche vorher findet am 21. Mai 2017 das kantonale Schwingfest ebenfalls unter der Obhut des Turnvereins hier in Weiach statt.

Der Turnverein Weiach lädt Sie jetzt schon für diese Feierlichkeiten ein und wir wünschen uns jetzt schon für diese Festlichkeiten das beste Wetter, heitere Stunden der Gemütlichkeit und rege Beteiligung aus der ganzen Region. Uns ist es auch bewusst, dass es für unsere Dorfvereine und freiwilligen Helfern eine enorme Belastung geben wird. Schon jetzt möchten wir allen Vereinen und freiwilligen Helfern unseren Dank aussprechen, dass sie diese grossen Anlässe unterstützen werden, so dass es ein voller Erfolg wird und bei uns stets in Erinnerung bleibt.

Ebenso danke ich der Männerriege Weiach, welche dieses Jahr die Ehre hat, das 1. Augustfeuer im Gebiet Stocki anzuzünden.

Vielen herzlichen Dank an diese Vereine, dass Sie unseren heutigen traditionellen Bundesfeier-Anlass in Weiach ermöglichen.

Ich wünsche Ihnen, verehrte Festbesucher, heute noch heitere Stunden, mit guten Gesprächen und dem Geniessen des Augustfeuers.

Erhebt die Gläser und trinken wir auf das Wohl der Schweiz. Auf dass Sie so bleibt, wie wir Sie lieben.

Danke für die Aufmerksamkeit.

Wir singen nun gemeinsam die Landeshymne.»

Soweit die für die Publikation aufbereitete Rede von Thomas Steinmann.

Kommentar WeiachBlog: Abgrenzung vom Imperium

Eine Variante seines Plädoyers für die Aufrechterhaltung von Zäunen gibt der Chefredaktor der Weltwoche, Roger Köppel, in seinem Editorial «Ja zur Schweiz» (Die Weltwoche, Ausgabe 31/2015 | Freitag, 31. Juli 2015). Lead: «Der Nationalstaat bleibt der einzige funktionierende Rahmen für Demokratie, Rechtsstaat und Machtkontrolle. Die Schweiz ist zukunftsweisend als eine Verwirklichung der Demokratie

Aus Köppels Text sei hier nur noch folgender Abschnitt zitiert: «Die Schweiz, formulierte der Germanist Karl Schmid, ist ein «schroffes Nein» zum ­europäisch-zentralistischen Verwaltungsstaat. Sie hat sich ihren Platz auf der poli­tischen Landkarte hart und unter Opfern ­erkämpfen müssen. Die militärischen Erfolge im 14. und 15. Jahrhundert von Morgarten bis Sempach und Murten/Nancy legten die Grundlage

Womit wir wieder beim Selbstbehauptungswillen und den aufrechtzuerhaltenden Zäunen wären.

Gerade die Einschätzung des Germanisten Prof. Dr. Karl Schmid sollte uns zu denken geben. Föderalismus hat nämlich viel mit guten Zäunen zu tun. Imperien, wie auch die immer zentralistischere EU eines ist, haben es viel eher mit dem Niederreissen derselben.

Freitag, 31. Juli 2015

Juliwetter 1965: alles zwei Wochen im Rückstand

Auch im Juli 1965 war das wenig vorteilhafte Wetter Gesprächsthema. Im Gegensatz zum Hitzejuli 2015 mit drei extrem heissen und trockenen Wochen präsentierte sich die Lage vor 50 Jahren ziemlich durchzogen. Und vor allem spürten die Landwirte die Auswirkungen der Witterung der Vormonate (vgl. Beitrag zum Mai 1965), wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik berichtet:

«Juli. Am 2.7. schrieb ich: "Der Nachbar zur Linken hat gestern sein letztes Fuder Heu eingebracht, der Nachbar zur Rechten wird morgen fertig mit heuen", während ich letzten Sommer schon am 18.6. berichten konnte, dass die letzten Fuder Heu heimfahren. Also auch da ca. 14 Tage Rückstand gegenüber dem Vorjahr.

Ich zählte für diesen Monat: 7 ganze sonnige Tage, 10 sonnige Vor- oder Nachmittage; bedeckt oder bewölkt waren 6 ganze Tage, 7 Vormittage und 2 Nachmittage, Regen brachten vor allem die Nächte, nämlich 5mal, 1mal vormittags, 2mal nachmittags und einmal den ganzen Tag. Dreimal gab’s Gewitter und 3 Tage bzw. Nachmittage oder am Vormittag wechselten zwischen kurzen Sonnenblicken und raschen Schauern. Winde regierten an 8 Tagen.

Höchsttemperaturen morgens 20°, mittags 27°, abends 25°
Tiefsttemperaturen morgens 9°, mittags 14°, abends 11°
»

Das Eigenzitat bezieht sich auf die Notizhefte Zollingers, in denen er täglich das Wetter und andere Begebenheiten (wie eben die zum letzten Fuder Heu) für spätere Verwendung notierte.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 6-7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].

Sonntag, 26. Juli 2015

Kein Kindergarten am Kindergartenweg?

Im Kanton Zürich gibt es je einen in Embrach, Hochfelden und Dietikon: einen Kindergartenweg. Und einen vierten in Weiach. Speziell an der Weiacher Ausgabe ist, dass man da seit einiger Zeit keinen Kindergarten mehr findet. Beziehungsweise nur den alten Kindergarten. Denn das neue, mit farbigen Borsten aufgemotzte Gebäude - passenderweise «Kindergarten Farbtupf» genannt - steht auf dem Schulhausareal (Lagebezeichnung auf der Website der Primarschulgemeinde: «neben dem Schulhaus Hofwies in Richtung Roter Platz»).

Der alte Kindergarten wurde 1966 an einem seitlichen Stichsträsschen zur Riemlistrasse gebaut. Walter Zollinger schrieb in seiner 1972 erschienenen Monographie Weiach 1271-1971: «Kindergarten an der Riemlistrasse, ein Geschenk der Weiacher Kies AG». Die seit 1962 unter der Führung des Duisburger Haniel-Konzerns aufgebaute Kiesfirma zeigte sich also sehr spendabel. Denn so ein Gebäude war auch vor bald 50 Jahren nicht gratis zu haben.

Erst seit 1992 bestehender Strassenname

Im Rahmen der Neuorganisation der Weiacher Hausnummerierungen (Übergang vom Gebäudeversicherungs- auf das Polizeinummern-Modell) erhielt diese gerade einmal rund 70 Meter lange Stichstrasse im Jahre 1992 den Namen «Kindergartenweg». Das war damals durchaus passend, denn neben dem Kindergarten selber (Kindergartenweg 2) stand an dieser Sackgasse nur noch die Neuapostolische Kirche (ehemals Kindergartenweg 4).

Letztere ist von ihrer Glaubensgemeinschaft geschlossen, verkauft und schliesslich abgerissen worden (vgl. WeiachBlog vom 17. Dezember 2006). Auf dem rund 2800 m2 grossen Grundstück steht nun eine Siedlung mit insgesamt 6 Einfamilienhäusern. Die erhielten die Adressen Kindergartenweg 3 bis 8.

Dasselbe Schicksal wie dem neuapostolischen Gotteshaus könnte auch dem alten Kindergarten blühen. Denn der steht nun ebenfalls zum Verkauf. Für eine grössere Überbauung ist das Gelände viel zu klein (rund 862 m2 auf zudem nicht ganz üblichem Grundriss, vgl. gis.zh.ch; Grundstück 104 Weiach). Zudem wurde erst 2004 durch die Schulgemeinde noch eine grössere Investition getätigt: eine Stützmauer für 60'000 Franken.

Dennoch ist es wahrscheinlich, dass ein Käufer angesichts des wohl nicht mehr ganz über alle Zweifel erhabenen baulichen Zustands des Gebäudes oder anderer Raumbedürfnisse zum Entscheid gelangt, das Objekt abreissen und durch einen Neubau ersetzen zu lassen.

Neubenennung angezeigt

Das wäre dann definitiv der Zeitpunkt, ab dem der Strassenname zur rein historischen Reminiszenz verkommt. Vielleicht sollte man sich jetzt ernsthaft Gedanken zu einer Umbenennung machen.

Für die Neu-Weiacher in den sechs vor wenigen Jahren erstellten Einfamilienhäusern wäre das zwar eine grosse Umstellung (man muss schliesslich sämtliche Drucksachen anpassen - und es gibt zumindest eine dort ansässige Firma, die Y&G International Services GmbH). Aber trotzdem: jedesmal erklären zu müssen, dass man am Kindergartenweg ohne Kindergarten ansässig ist, das ist vielleicht auch nicht wirklich spassig.

Den Namen Kindergartenweg könnte man auf die von der Herzogengasse abzweigende, ebenfalls nur rund 60 Meter lange Sackgasse beim Roten Platz übertragen. Die liegt schliesslich direkt unterhalb des neuen Kindergartens. Da wäre der Strassenname nun passend. Und schliesslich gibt es ja auch schon den «Schulweg», als südliche Umfassung des Schulareals.

Vorschlag: Ehre wem Ehre gebührt!

Anstelle der heutigen Bezeichnung «Kindergartenweg» könnte die Gemeinde den Namen «Albert-Meierhofer-Weg» vergeben.

Warum gerade dieser Name? Nun, Albert Meierhofer-Nauer (1887-1967) war lange Jahre Weiacher Gemeindepräsident: von 1941 bis 1966. Er war massgebend daran beteiligt, dass die Weiacher Kies AG im Hard ihre Tätigkeit aufnehmen konnte. Und schon deshalb ist er nicht ganz unschuldig am Bau des Kindergartens von 1966 (vgl. dazu auch den WeiachBlog-Beitrag vom 14. April 2007: Wer war Albert Meierhofer?).

Es wäre daher schön - und auch passend - wenn man diesen trotz aller Tatkraft bescheidenen, aber für die Gemeinde Weiach sehr bedeutenden Mann mit der Benennung einer kleinen Strasse ehren könnte. Affaire à suivre!

Samstag, 25. Juli 2015

weiachergeschichten.ch - Von der Subdomain zur eigenen Domain

Seit genau einem Jahr, dem 25. Juli 2014, ist das gesamte Angebot der «Weiacher Geschichte(n)» unter der eigenen Domain «weiachergeschichten.ch» erreichbar. Parallel dazu war es auch noch ein paar Monate auf dem ab 2009 genutzten Portal «weiachergeschichten.kirche-weiach.ch» verfügbar.

Landeskirche übernahm Webauftritt der Kirchgemeinde Weiach

Da die Webangebote der Reformierten Kirchgemeinde Weiach seit Jahresbeginn 2015 von der evangelisch-reformierten Landeskirche gehostet und betreut werden, war ein Wechsel auf einen anderen Server unumgänglich. Der Autor hat sich daher bereits im Juli 2014 entschieden, sich den Domainnamen weiachergeschichten.ch zu sichern.

Aus weiachergeschichten.kirche-weiach.ch wurde damit weiachergeschichten.ch - alle anderen Elemente der URL (wie Links zu den einzelnen Beiträgen) haben sich nicht verändert. Denn mein Web-Angebot wird weiterhin vom ehemaligen Weiacher Pfarrer Christian Weber über Wordpress zur Verfügung gestellt. Nur ist es seit einem Jahr auf einem privat finanzierten Serverplatz gehostet. Dafür sei Christian an dieser Stelle wieder einmal herzlich gedankt.

Neuer Ankerplatz

Damit ist nach einer Odyssee über verschiedene Hosting-Plätze ein neuer Ankerplatz erreicht. Und der wird nun hoffentlich auf absehbare Zeit die letzte URL-Veränderung darstellen. Solange Wordpress zur Administrierung verwendet wird, dürfte sich der Aufbau der URL auch nicht mehr ändern. Selbst dann, wenn die Hosting-Plattform gewechselt werden sollte.

Was mit den früheren Plätzen geschah

Rein interessehalber sei hier einmal aufgeführt, was aus den früheren Hosting-Orten geworden ist:
  • geocities.com wurde von Yahoo übernommen und am 26. Oktober 2009 eingestellt. Teile des Angebots des damaligen Webauftritts von Weiacher Geschichte(n) sind unter der privaten Initiative geocities.ws noch abrufbar, namentlich die Artikel bis und mit Nr. 111. WS ist die Toplevel-Domain von Samoa, die hinter geocities.ws stehenden Personen operieren aber von den USA aus.
  • eSnips.com wurde ebenfalls eingestellt. eSnips geriet 2008 in grosse Schwierigkeiten und musste notverkauft werden. Seit spätestens 2013 ist der gesamte Content nicht mehr verfügbar. vgl. http://techcrunch.com/2009/01/05/esnips-a-story-of-hearthache-for-its-founders-investors-employees/
  • scribd.com ist zur Bezahlplattform verkommen. Unter https://de.scribd.com/api-3706933 sind alle vom Autor der Weiacher Geschichte(n) hochgeladenen 144 Dokumente verfügbar. Mit Stand Juni 2015 verbucht Scribd dafür rund 11000 Views, 0 Followers und 13 Likes ;)
[Veröffentlicht am 29. Juli 2015]

Donnerstag, 23. Juli 2015

Das «tiefe Bodenloch» auf dem Leuenchopf

Passend zum Sommerloch wird heute im «Zürcher Unterländer» ein anderes Loch thematisiert. In der Rubrik «Unterland Kurios» beschreibt die Redaktion, welch unterschiedliche Deutungen es im Laufe der Jahre für ein Loch auf dem Weiacher Wörndel, in der Nähe des markanten Leuenchopfs, gegeben hat (vgl. den Artikel «Ein schützenswertes Loch im Boden» vom 23. Juli 2015).

Wo man die Ausgaben 76 und 77 findet

Wieder einmal hat die Namensgleichheit des URL von WeiachBlog (http://weiachergeschichten.blogspot.ch) mit dem zentralen Anlaufpunkt für die Lokalgeschichte (weiachergeschichten.ch) für Verwirrung gesorgt, schreibt doch der ZU:

«Ulrich Brandenberger – er ist der Her­aus­geber des Blogs Weiacher­geschichten.blogspot.ch –, hat sich in den Ausgaben 76 und ­ 77 schon vor Jahren eingehend mit dem Thema befasst und die wesentlichen Informationen dazu zusammengetragen.»

Nachstehend die Originaltitel und Links auf die erwähnten Ausgaben der «Weiacher Geschichte(n)»:

Nr. 76 - Die Helvetier-Hypothese. Wie alt sind die Wallanlagen im Ebnet und auf dem Wörndel? (Teil 1)(erstmals publiziert in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2006; für das Bodenloch siehe S. 261)

Nr. 77 - «Unbekannte Zeitstellung». Wie alt sind die Wallanlagen im Ebnet und auf dem Wörndel? (Teil 2) (erstmals publiziert in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2006; für das Bodenloch siehe S. 264)

Keller et. al.: Wer alles schon über das Bodenloch geschrieben hat

In Nr. 76 sind auf S. 261 die Hinweise auf das Bodenloch zu finden, die über die Jahre in die Literatur Eingang gefunden haben:

«Zwischen dem innern und äußern Wall befindet sich ein Loch, das, nach verschiedenen Anzeichen zu schließen, einem verstürzten Gang angehört.» (Keller-Tarnuzzer, K.: Siebenundzwanzigster Jahresbericht der Schweizerischen Gesellschaft für Urgeschichte, 1935 – S. 76. [Fund J. Wegmann – ausführlicherer Bericht – mittelalterlicher Turm?])

«Hier Loch, Wälle und Graben als deutliche Ueberreste eines Refugiums.» (Hedinger, H.: Wanderatlas der Zürcher Jllustrierten Nr. 10A. Zürich Nord-West. Zürich, 1937 – S. 76-77.)

«Ob das Loch, beziehungsweise der Gang im Refugium Wörndel/Weiach demselben Zweck gedient hat, kann erst eine nähere Untersuchung dieser sonderbaren Erscheinung klären.» (Grossmann, H.: Grenzwehr am Zürcher Rhein. In: 17. Jahrheft des Zürcher Unterländer Museumsvereins 1968/69. Oberweningen, 1970.)

In Nr. 77 ist eine Zeichnung aus Georg Hartmanns Skizzenbuch abgebildet. Dort findet man zwischen den beiden Gräben eine wohl mit dem «tiefen Bodenloch» zu identifizierende Struktur, die Hartmann als «Höhle» bezeichnet hat.

Nicht mehr als separates Objekt auf der KGS-Liste

Das Bodenloch war noch in der 2013 erstellten «B-Liste Kantonal» des Kulturgüterschutzes (KGS) mit der ID 102LOCH00001 aufgeführt, wird aber heute nicht mehr als separates Objekt geführt (wie es im Wikipedia-Artikel «Liste der Kulturgüter in Weiach» noch drinsteht), sondern als Ensemble:

KGS-Nummer: 7741 
Gemeinde: Weiach 
Bezeichnung: Stein, befestigte Gebäuderuine und Wörndel / Leuenkopf, Wallanlage 
Koordinate: 676200 268100 
GIS ZH: http://maps.zh.ch?topic=ArchDenkmalZH&x=676200&y=268100&scale=2000 
Objektart: Bau/Archäologie

(vgl. Bundesamt für Bevölkerungsschutz: KGS-Inventar, B-Objekte Kanton Zürich, Stand 1.1.2015)

«Horde» von Zivilschützern?

Alles in allem stellt der ZU-Artikel die Sachlage so dar, wie sie ist. Offensichtliche Schnitzer sind bei schneller Durchsicht keine auszumachen, abgesehen vom eingangs erwähnten URL-Thema und der ungenauen organisatorischen Verortung von «Hans Schüpbach, stellvertretender Chef des Kulturgüterschutzes». Da hätte man erwähnen können, dass er beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz tätig ist.

Völlig deplatziert ist hingegen der gegen Ende des Beitrags gewählte Ausdruck «Horde» für Angehörige des Zivilschutzes. Klar: der Artikel ist in diesem Schlussabschnitt bewusst etwas überdreht formuliert. Aber so geht es nicht, sorry! Das ist eine Beleidigung von Dienstpflichtigen.

Dienstag, 7. Juli 2015

Handlanger und Serviertochter im Zürichsee ertrunken

Dass Leichen aus dem Zürichsee gezogen werden, ist ja leider keine Seltenheit. Das kam auch vor 100 Jahren bereits vor, zumal damals auch unter der einheimischen Bevölkerung längst nicht jeder schwimmen konnte.

Dem Umstand, dass im Gegensatz zu heute in früheren Zeiten der Persönlichkeitsschutz in den Gazetten noch nicht so ausgeprägt war, verdanken wir die eine oder andere Zeitungsmeldung. So wie diese hier, die heute vor genau 100 Jahren im «Schaffhauser Intelligenzblatt» erschienen ist:

«Unglücksfälle und Verbrechen. — Zürich. 6. Die Leichen der am vergangenen Samstag auf dem Zürichsee ertrunkenen beiden Personen konnten heute nach langem Suchen gehoben werden. Es handelt sich um eine Josefine Walter, von Bütsch, bei Straßburg, geb. 1884, Serviertochter, und um einen Mann namens Baltisser von Weyach, Handlanger von Beruf. Nähere Angaben fehlen.»

Quelle: Schaffhauser Intelligenzblatt, 7. Juli 1915 (http://archiv.shn.ch/)

Im Jahre 1941 wurde das «Intelligenzblatt» in «Schaffhauser Nachrichten» umbenannt, den Titel, unter dem die Tageszeitung bis heute erscheint. Der Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Nationalbibliothek ist die 2013 abgeschlossene, komplette Digitalisierung aller bisher erschienenen rund 700'000 Zeitungsseiten zu verdanken.

[Veröffentlicht am 27. Juli 2015]

Montag, 6. Juli 2015

1. Augustrede 2014? Nationalrat Schibli nicht erreichbar

In den letzten Jahren ist es quasi Tradition geworden, dass WeiachBlog exlusiv die Rede zum 1. August veröffentlicht hat. Wenn es denn eine gab. 2012 fiel die Rede nämlich ganz aus (zu den Gründen vgl. den Artikel «Die ausgefallene 1. August-Rede» vom 3. August 2012).

Im vorigen Jahr, also 2014, ist die Rede zwar gehalten worden. Sie ist aber leider für diesen Blog bis heute nicht verfügbar.

Ein SVP-Politiker hielt die Ansprache

Wie üblich hat sich WeiachBlog schon Wochen vorher darum bemüht, herauszufinden, wer reden wird. Gemäss Auskunft von Anita Bucher von der für den Anlass verantwortlichen Trachtengruppe Wehntal wurde der letztjährige Redner von der Gemeinde organisiert. Es handelte sich um Nationalrat Ernst Schibli, SVP, aus Otelfingen. Da diese Gemeinde im Wehntal liegt macht das durchaus Sinn: man konnte den Namen des die Feier organisierenden Vereins zum Nennwert nehmen.

Schibli (*1952) war vom 26.11.2001 – 4.12.2011 bereits einmal im Nationalrat. Am 5. Mai 2014 hat er erneut im Rat Einsitz genommen (vgl. den NZZ-Artikel Bodenständiger Parteisoldat). Bekannt wurde Schibli in den Medien vor allem dank seinem Geissbock «Zottel», dem SVP-Maskottchen, das einst von Linksaktivisten aus seinem Stall entführt wurde.

Gemäss Register der Interessenbindungen des Nationalrats ist Schibli Mitglied des Verwaltungsrates der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich, sowie Vorstandsmitglied des Zürcher Bauernverbandes. Weiter ist er im Vorstand des Vereins für produzierende Landwirtschaft (VPL) aktiv.

Eine Rede, die wirklich nur eine Rede bleibt

Und diese Aktivitäten sind nun offenbar derart fordernd, dass trotz mehrmaligen schriftlichen Kontaktversuchen (sowohl über die private, wie die Parlaments-E-mail-Adresse) und trotz mehrfachen Telefonanrufen absolut keine Rückmeldung zu erhalten war.

Er hätte ja auch einfach sagen können, er wolle seine Rede nicht veröffentlicht haben. Eine Rede sei eine Rede und keine Schreibe - und deshalb für den Moment und nicht für die Ewigkeit gedacht. Das wäre für mich überhaupt kein Problem gewesen.

Aber gar keine Reaktion? Das ist für einen in der Öffentlichkeit stehenden, auf nationaler Stufe aktiven Politiker doch eher unüblich. Es sei denn man sei ein Parteisoldat.

Und so schliesst WeiachBlog hiermit nach bald einem Jahr das Dossier «Bundesfeier 2014» und macht sich an die Abklärungen für die diesjährige Rede.

Freitag, 3. Juli 2015

Nachtbus Anno 1965

«Schon in den 60er Jahren gab es eine Nachtverbindung ab Zürich nach Weiach. In Glatt­fel­den bestand Anschluss an den letzten Zug. Diese Buslinie wurde aber mangels genügen­der Auslastung nach kurzem Probebetrieb wieder eingestellt.»

Diese kurze Notiz findet man in der dritten und vierten Auflage der Monographie über die Weiacher Ortsgeschichte (begonnen von Zollinger, weitergeführt von Brandenberger).

Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums dieses erstmaligen Nachtbus-Versuchs geht WeiachBlog dessen Geschichte anhand der Jahreschronik 1965 von Walter Zollinger auf den Grund. Dort findet man im Textteil die folgenden Zeilen:

«Da ab dem Maifahrplan 1964 der bisherige an Samstagen verkehrende Spätzug Eglisau-Koblenz aufgehoben wurde, bemühten sich die Ortsbehörden von Kaiserstuhl, Weiach und Zweidlen-Glattfelden, dafür einen Ersatz zu erhalten. Es wurde daher ab 3.7.65. versuchsweise ein Autobus-Spätkurs eingeführt (Fahrplan und Näheres siehe im Anhang). - Allerdings war die Benützung desselben leider so bescheiden, dass die Gemeinderäte obgenannter Gemeinden beschliessen mussten, den Kurs ab Ende 1965 wieder aufzuheben. Kostete doch dieser "Spass" jede der drei Gemeinden etliche hundert Franken.» (G-Ch Weiach 1965, S. 20)

Man lese und staune: Da gab es also einen Spätzug! Leider erwähnt Zollinger nicht, wann der in Eglisau abgefahren ist. Leistungsabbau war bei den SBB also auch damals schon kein Tabu.

Fahrplan und «Kleingedrucktes»

Einzelheiten zu diesem Autobus-Spätkurs sind aus einem der Jahreschronik beigehefteten, separaten Blatt ersichtlich, das der Gemeinderat drucken und verteilen liess:


«Gemeinderat Weiach

Provisorische Einrichtung eines Autospätkurses auf der Strecke Glattfelden-Zweidlen-Weiach-Kaiserstuhl

Fahrplan (Fahrpreis in CHF)
Glattfelden SBB Station ab 00.28,
Glattfelden Post ab 00.35 (-.50)
Glattfelden Aarüti ab 00.38 (-.75)
Glattfelden Zweidlergraben ab 00.40 (-.75)
Glattfelden SBB Station Zweidlen ab 00.44 (1.-)
Weiach Gasthof Sternen ab 00.52 (1.50)
Weiach SBB Station ab 00.54 (1.75)
Kaiserstuhl Rest. Kreuz an 00.56 (1.75)

Allgemeine Bestimmungen

1. Der Autospätkurs verkehrt jeweils nur in der Nacht vom Samstag auf den Sonntag im Anschluss an Zug 3099, vorläufig nur bis 31. Dezember 1965, um Frequenz und Defizit feststellen zu können. Aufhebung oder Fortbestand wird später rechtzeitig publiziert.

2. Die Billete sind im Autokurs zu lösen. Die gewöhnlichen einfachen und Retour-Billete der SBB sind auf dem Autokurs gültig. Auf SBB-Abonnements ist ein Zuschlag von 1.- zu entrichten.

3. Der Autokurs befördert auch Reisende auf dem Rückweg nach Zweidlen und Glattfelden. Retourfahrten ab Kaiserstuhl u. Weiach sind jedoch dem Chauffeur, Herrn Fritz Hürzeler, Glattfelden rechtzeitig anzumelden.

Weiach, den 23. Juni 1965   Der Gemeinderat»

Man kann sich denken, wie es bei diesem Versuchsbetrieb am Ende des Jahres mit dem Defizit aussah. Dieses dürfte nicht gerade klein, die Nachfrage nicht überwältigend gewesen sein. Nachdem die SBB ihren Spätzug gestrichen hatten, war dies nun auch mit dem Autospätkurs der Gemeinden Glattfelden, Weiach und Kaiserstuhl nicht anders.

Lange Zeit danach verliess der letzte Zug, der noch Anschluss bis zur Station Weiach-Kaiserstuhl hatte, Zürich kurz nach 21 Uhr. Man konnte also keinen Kino- oder Theaterbesuch in der Stadt wagen, ohne danach auf ein Taxi oder die eigene Motorisierung angewiesen zu sein.

Mit der Gründung des Zürcher Ver­kehrsverbundes kam Weiach dann endlich wieder zu einer Spätver­bindung: Zürich HB ab 23:37 Uhr.

Erst seit dem 15. Dezember 2002 gibt es am Wochenende Spezialkurse für Nachtschwärmer. Seit damals gibt es das Nachtnetz (vgl. ZVV-Website für den aktuellen Netzplan)



Dem Ausschnitt aus diesem Nachtnetzplan ist zu entnehmen, dass man ab Zürich zuerst mit der SN5 (S-Bahn) nach Oberglatt fahren und dort auf den Nachtbus N51 umsteigen muss. Der fährt aber nicht jede Stunde gleich. In der Nähe der Bezirkshauptorts verzweigt sich die Linie (einmal Richtung Wehntal, einmal Richtung Neerach, Stadel, Weiach, Kaiserstuhl und Bachs). Es lohnt sich also, den Fahrplan zu konsultieren.

Quellen
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1965 – S. 20 u. 44. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965].
  • Brandenberger, U.: Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Online-Ausgabe August 2014 - S. 51

[Veröffentlicht am 29. Juli 2015]