Sonntag, 16. Februar 2020

Zu Höhe und Besatzung der römischen Wachttürme am Hochrhein

«In spätrömischer Zeit, die oft als „Epoche der Völkerwanderung“ gilt, wurde die Provinz Maxima Sequanorum geschaffen. Auf ihrem Gebiet finden sich zahlreiche Mauern von Befestigungen, zum einen im Norden am Oberrhein sowie am Hochrhein zwischen Basel und Bodensee, zum anderen auch südlich von dieser Linie. Schon seit dem 18. Jahrhundert hat man die spätrömischen Ruinen von Wachtürmen, Kastellen und Stadtmauern archäologisch untersucht. Oft sind sie restauriert worden. Sie gelten als interessant, finden sich in den Inventaren der Denkmalpflege, sind Ausflugsziele und werden für Besuche empfohlen. Doch: Was haben die Römer mit ihnen bezweckt? Was ist ihre geschichtliche Bedeutung?»

Soweit der Klappentext zu einem Werk, das Ende April 2020 erscheinen wird. Es trägt den Titel: «Mauern gegen Migration?» und befasst sich mit der Strategie und dem Festungsbau der spätrömischen Epoche auf Basis von schriftlichen und archäologischen Quellen.

Einer der Autoren dieses Buches, Peter-Andrew Schwarz, Professor für Archäologie der römischen Provinzen an der Universität Basel, hat bereits letztes Jahr einen Fachartikel veröffentlicht, der sich mit den römischen Wachttürmen am Hochrhein befasst. Um die darin präsentierten Erkenntnisse geht es im Folgenden.

Zwei dieser über 50 Türme zwischen Basel und Stein am Rhein befinden sich ja bekanntlich auf Weiacher Gemeindegebiet: ein grösserer, schlecht erhaltener in Leeberen, östlich der Einmündung des Dorfbachs in den Rhein (Nr. 35) und ein gut erhaltener, unter eidg. Denkmalschutz stehender kleinerer im Hardwald, nordöstlich des Kiesabbaugebiets (Nr. 36).

In den bisherigen Beiträgen auf WeiachBlog und in den Weiacher Geschichte(n) sind zwei Themen nicht behandelt worden, nämlich die Fragen: «Wie hoch ragten diese Türme auf?» sowie «Woher kamen die Soldaten, die darauf Wache schoben?».

Hauptquartier in Besançon

Die Wachmannschaften gehörten zu den Grenztruppen, den sogenannten Limitanei. Kommandiert wurden sie vom Heerführer der zuständigen Provinz, in diesem Fall von Maxima Sequanorum, das Gebiet der Sequaner mit ihrer Hauptstadt Vesontio (heute Besançon), sowie das der Rauriker und der Helvetier umfassend. Im Westen ist das die spätere Franche-Comté und im Osten ein Grossteil der heutigen Schweiz. Mit einer Ost-Grenze, die sich vom westlichen Rand des Bodensee aus über den östlichen Zürichsee bis an die Grimsel hinzog.


Chef der Limitanei, die auf den Weiacher Wachttürmen standen, war somit der Dux provinciae Sequanicae, einer von zwölf Grenztruppen-Generälen (Dux limitis) im Weströmischen Reich (ab der Reichsteilung von 395).

Germanen bewachten die Grenze

Man darf annehmen, dass es sich bei diesem Dux bereits um einen Nicht-Römer gehandelt hat, also einen Barbaren, der in der Militärhierarchie aufgestiegen war. Auch die ihm unterstellten Grenzeinheiten rekrutierten sich wohl mehrheitlich aus Angehörigen von Germanenstämmen.

Professor Schwarz schliesst dies aus sogenannt «archäo(zoo)logischem Fundmaterial», das aus den militärischen Anlagen am Hochrhein-Limes stammt. Darin spiegle sich «die zunehmende,
auch in den Schriftquellen erwähnte ‚Germanisierung‘ der spätantiken Grenztruppen (limitanei), etwa durch die Anwerbung von germanischen Söldnern wider.» (Schwarz, S. 42) Diese Germanen gehörten ziemlich sicher nicht zu den Alamannen, sondern waren Angehörige anderer Stämme.

Beim Rheinauer Wachtturm wurden beispielsweise nicht nur Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Keramik aus römischer Produktion, sondern auch Objekte gefunden, die «offensichtlich aus einem nicht-römischen, also germanischen Kontext stammen.»

Überdies habe man bei einem Wachtturm auf Gemeindegebiet von Möhlin Pferdeknochen gefunden. Das könne «für nicht-römische Ernährungsgewohnheiten der dortigen Besatzung sprechen», denn unter Germanen sei der Verzehr von Pferdefleisch nicht tabu gewesen, wie das bei den Römern der Fall war. Ob es sich bei diesen Knochen wirklich um Speiseabfälle handelt, ist allerdings noch nicht gesichert. Für weitere Nachforschungen erweist es sich als Glücksfall, dass der Wachtturm Sulz-Rheinsulz erst 1987 entdeckt worden ist, weshalb man dort auch auf Material aus Abfallgruben im Bereich der Uferböschung zurückgreifen kann. Wenn darunter auch Pferdeknochen mit Bearbeitungsspuren von Metzgerutensilien o.ä. gefunden werden, dann würde dies die Germanenthese stärken.

Geordneter Abzug nach wenigen Jahren

Die Verteidigung der Rheingrenze wurde im Winter 401/402 aufgegeben, nachdem der Heerführer Stilicho die dort stationierten Einheiten zum Kampf gegen die in Italien eingefallenen Westgoten unter Alarich abgezogen hatte.

Diese in den schriftlichen Quellen angegebene Zeitenwende zeigt sich gemäss Schwarz auch archäologisch, nämlich im «Aussetzen des Fundniederschlags an der Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert, zumindest in den Wachttürmen und kleineren Anlagen». Dass dort kaum ganz erhaltene Objekte gefunden werden könnten, spreche für eine planmässig ablaufende Räumung. Einzelne Brandhorizonte legten zudem nahe, dass möglicherweise «eine gezielte Zerstörung einzelner Anlagen durch die abziehenden Besatzungen» stattgefunden habe. (Schwarz, S. 42/43)

Mit anderen Worten: diese Wachttürme (gebaut unter Valentinian in den Jahren zwischen 369 und 375) waren nur ein gutes Vierteljahrhundert in Gebrauch.

Mit Sichtfeldanalysen und Palynologie zur Turmhöhe

Der römische Historiker Ammianus Marcellinus habe in seiner Beschreibung des Hochrhein-Limes Valentinians «mit „günstigen und geeigneten Stellen“ offensichtlich Standorte» bezeichnen wollen, «welche das Kriterium „Sichtverbindung zum nächsten rheinabwärts beziehungsweise rheinaufwärts gelegenen Wachtturm“ erfüllten.», schreibt Schwarz (S. 35).

Auf die Frage, wie weit solche Stellen entlang des Rheins auseinanderliegen und wo demnach (neben den bereits entdeckten) auch noch bislang unbekannte Wachttürme stehen müssten, hat Professor Schwarz einen seiner Studenten angesetzt (vgl. Callierotti 2014):

«Sichtfeldanalysen im Aargauer Abschnitt des Hochrhein-Limes haben gezeigt, dass zwischen
4 und 8 m hohe Wachttürmen [sic!] ausreichten, um die Sichtverbindung sicherzustellen, zumal es nach den palynologischen Untersuchungen in der Spätantike kaum noch nennenswerte Waldbestände gegeben haben kann.» (Schwarz 2019 – S. 35)

Das ist nun eine sehr interessante Verbindung von geodätischen und vermessungstechnischen Methoden mit solchen der Archäobotanik, denn Palynologie ist die Wissenschaft der Pollenanalyse.

Diese Pollen, die man vor allem in Seesedimenten wie Jahrringe geschichtet finden kann, zeigen für eine bestimmte Epoche, welche Baumarten in welcher Häufigkeit vorzufinden waren. Und offenbar war das Rheinufer in der Spätantike über weite Strecken so weit abgeholzt, dass auch relativ kleine Türme ausreichten, um über das allenfalls noch vorhandene Gestrüpp hinauszuragen.

Quellen und Literatur

Donnerstag, 13. Februar 2020

Brandgefährliches Garnsechten

Wenn Sie sich in Bülach etwas auskennen, dann ist Ihnen der Gewässername «Sechtbach» sicher schon aufgefallen. Was es mit dem im Kanton Zürich und der Ostschweiz geläufigen Begriff «sechten» auf sich hat, das erklärt der Bülacher Ortshistoriker Peter Bertschinger in seinem Flurnamenbuch:

«Ein Sechthaus war früher ein Waschhaus: Kochendes Wasser wurde auf Buchenasche geleert, woraus eine Lauge entstand, mit welcher die Wäsche (hier im Stadtbach) gewaschen wurde, vgl. Beschreibung durch Kuno Moser im Neujahrsblatt 1999, S. 63f. Sechten heisst somit eine Flüssigkeit durch ein Tuch oder Sieb durchlaufen lassen. Gesechtet wurde auch das Garn bevor es zum Weber gelangte. Es wurde in einer mit Asche durchmischten Lauge gewaschen (Garnwäsche). Wegen Brandgefahr fand dies ausserhalb der Häuser bzw. Stadtmauer statt.» (Bertschinger 2012 – S. 88, vgl. Quellen und Literatur unten)

Bertschinger verweist in diesem Sechtbach-Eintrag u.a. auch auf die Dissertation von Thomas Meier aus dem Jahre 1986. Meier schreibt zu diesem Thema:

«Bevor das Garn zum Weber gelangte, wurde es "gesechtet", d.h. in einer Aschen- und eventuell mit Leim durchmischten Lauge gewaschen. Wegen Brandgefahr war diese "Garnwäsche" im Haus ebenfalls verboten [Fn-21].» (Meier 1986 – S. 372).

Fussnote 21 lautet: «Vgl. B VII 42.6 (22.3.[17]03: "keine wöschen in Heüseren machen noch in dem Dorf das retschen gestatten"; 42.8 (18.8.[17]18); vgl. auch B VII 31.16 (8.4.[17]77: Brandausbruch infolge verbotenen Sechtens im Haus!).»

Obrigkeitlich verboten – und doch immer wieder gemacht

Hinter den beiden erstgenannten Signaturangaben verbergen sich Weiacher Entscheide. StAZH B VII 42.6 ist das fürstbischöflich-konstanzische Gerichtsprotokoll des Dorfgerichts Weiach für November 1697 bis Februar 1709. Die Signatur StAZH B VII 42.8 umfasst den Zeitraum Dezember 1717 bis Juni 1732. Bei StAZH B VII 31.16 handelt es sich um das Verhandlungsprotokoll der Landvogtei Regensberg von 1771 bis 1783.

Sowohl die hohe Obrigkeit (der Stadtstaat Zürich), wie auch die niederen Gerichtsherren (für Weiach: das Fürstbistum Konstanz) haben das Waschen und Sechten in Wohnhäusern verboten.

Schon im 17. Jahrhundert hat der fürstbischöfliche Obervogt, der im Schloss Rötteln am nördlichen Rheinufer bei Kaiserstuhl residierte, nachweislich versucht, das Problem in den Griff zu bekommen. Im Rechtsquellenband Neuamt findet man die Satzungen und Ordnungen, die den in Weiach am sogenannten Jahrgericht Anwesenden Jahr für Jahr vorgelesen wurden, so am 13. Mai 1670 die nachstehende Weisung:

«6. Jst dem dorffmeier undt geschwornen überlasßen worden, einige anstalth undt ordnung wegen desß weidtgangß, egerten, hagens, holzens, abtheilung der wasser khörj, waschen, versorgung deß feüwres, öfen, caminen undt anderm mehr, waß zue erhaltung dess gemeinen nutzens nothwendig ist oder sein mag, jedoch alles auff ratification undt güetheissen g[nädiger] obrigkheit zue machen etc.» (StAZH B VII 42.3 S. 30 f.; RQNA Nr. 193c Bemerkungen 1 – S. 436)

Der Obervogt überliess es also den Gemeinderäten, entsprechende Vorkehrungen zu treffen, behielt sich aber ein Vetorecht vor. Etwa ein halbes Jahrhundert später, «den 18ten augustj 1718», waren die am Jahrgericht verlesenen Anweisungen «under jhro gestreng herren obervogt che[v]allier von Schnorpff» (dem aus der Aristokratie der Stadt Baden im Aargau stammenden damaligen fürstbischöflichen Obervogt) schon wesentlich konkreter:

«Wirdt allßo denen geschwornen richtern und sambtlicher gemaindt vor gehalten und à 9 lib. straff verbotten:  [1.] Erstlich daß mann keine wöschen in denen haüseren machen solle.»
(RQNA Nr. 193c – S. 434-435)

Dennoch kam es immer wieder zu Bränden, die auf genau diese Tätigkeit zurückgeführt werden konnten – auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zu den Ursachen kommen wir im Abschnitt Gemeindewaschhäuser sind nicht Standard.

Die Brandassekuranz-Kommission wird eingeschaltet

Seit 1808 gab es im Kanton Zürich der Mediationszeit (1803-1814) ein Gesetz, das die Gebäudeversicherung gegen Brandschäden auf staatlicher Ebene regelte und für obligatorisch erklärte. Damit wurde der Grundstein für eine höchst erfolgreiche Kooperation zwischen einem Monopol-Versicherungsträger, der Brandschutzinspektion sowie dem kommunalen Feuerwehrwesen gelegt (vgl. die drei Bereiche auf der GVZ-Website).

1810 kam es in Weiach zu mindestens zwei Grossbränden. Einer ereignete sich Mitte März, ein weiterer Mitte November. Und beide Fälle fanden ihren Niederschlag in den Protokollen des Zürcher Regierungsrats (vgl. für den letzteren: Bukjogglis verlieren ihre irdischen Güter, November 1810. WeiachBlog Nr. 1358 v. 1. Januar 2018).

In diesem Beitrag steht nun das Brandunglück zu Weyach vom 16. März 1810 im Zentrum. Dem Regierungsratsprotokoll vom 22. März 1810 ist zu entnehmen:

«Die von Herren Bezirksstatthalter Angst mit seiner Zuschrift vom 18ten d. M. eingekommene vorläufige, sehr bedauerliche Anzeige, von einem, Freytags den 16ten d. M. in dem Haus des Heinrich Bersinger, Keßler-Hansen zu Weyach, entstandenen Brandunglük, in Folge deßen zwey Häuser abgebrannt sind, – wird in Gewärtigung des dießfälligen umständlicheren Berichts der Brand-Aßecuranz-Commißion, – ad acta gelegt.» (StAZH MM 1.32 RRB 1810/0338, Original: S. 121)

Die Kantonsverwaltung arbeitet auch am Wochenende

Bezirksstatthalter Angst hat also am Wochenende gearbeitet. Er war wohl am Samstag in Weiach und hat am Sonntag seinen Bericht abgeschickt, der bereits am Donnerstag darauf im Regierungsrat behandelt wurde. Auch die oben genannte Commißion arbeitete sehr schnell. Am darauffolgenden Montag (!), dem 26. März, also nur zehn Tage nach dem Brand, lag bereits der Bericht an den Regierungsrat vor (Antrag der Brand-Aßecuranz-Commißion, wegen des gefährlichen Garnsechtens in Privathäuseren), der beim Adressaten wiederum drei Tage später, am 29. März 1810 traktandiert und behandelt wurde:

«Da, laut dem Berichte der Brand-Aßecuranz-Commißion vom 26sten dieß, die am 16ten dieß zu Weyach in Flamme gerathenen Gebäude, nämlich No 72. für fl. 800. gewerthet, – ein Wohnhaus sammt Scheune und Bestallung, dem Heinrich Bersinger und Jörg Baumgartner von Weyach zugehörend; und No 73. für fl. 500. gewerthet, das Eigenthumm von Heinrich Meyer, Ludis, jünger, von da, – ganz eingeäscheret sind, – so wird die Brandaßecuranz-Commißion den genannten Eigenthümmeren ihren Schaden nach den vorerwähnten ganzen Schatzungen vergüten, und die Finanzcommißion wird begwältiget, jeder der drey brandbeschädigten Haushaltungen die Obrigkeitliche Brandsteuer an Frucht und Geld abzureichen.

Sowie zu Glattfelden wird auch hier die Entstehung des Brandes dem Sechten von Garn zugeschrieben, welches die Frau des Heinrich Bersinger vornahm, und wobey ein Träm [Balken] in der Mauer sich entzündet haben muß, den brandbeschädigten Eigenthümmeren aber nichts zur Last gelegt werden kann.

Indeßen lehrt auch dieses bedauerliche Ereigniß, wie gefährlich das Garnsechten in den Privathäuseren sey, und wie nöthig es wäre, daß die Polizeyverordnungen, in Folge welcher selbiges in besonderen, gemeinschaftlichen Waschhäuseren vorgenohmen werden sollte, nicht nur da, wo sie wirklich existieren, streng gehandhabet, sondern daß sie auch überall eingeführt würden; weßwegen dieser Gegenstand, nach dem sorgfältigen Antrag der Brand-Aßecuranz-Commißion, der Justiz- und Polizey-Commißion zu sorgfältiger Berathung überwiesen wird.

Gegenwärtiger Beschluß wird der Justiz- und Polizey-Commißion, der Brandaßecuranz-Commißion, unter Verdankung ihres Berichts und Gutachtens, und dem Herren Bezirksstatthalter Angst zugestellt.» (StAZH MM 1.32 RRB 1810/0366, Original: S. 148-150)

Gemeindewaschhäuser sind nicht Standard

Den Eigentümern könne nichts zur Last gelegt werden, schreibt die Comission. Dass Heinrich Bersinger seiner Frau nicht verboten hat, im Haus Garn zu sechten, also auch nicht. Das kontrastiert seltsam mit den Vorschriften aus dem 18. Jahrhundert, wonach ebendies Jahr für Jahr strafbewehrt verboten wurde.

Die Erklärung findet man in den Dorfgerichtsprotokollen zum 21. August 1775, wo (anlässlich des Jahrgerichts) den Richtern und der ganzen Gemeinde «folgende puncten vorgeleßen und à 9 lib. buß zu halten eingebotten» wurden:

«16. Die weiber sollen keine wöschen in den haüßeren machen [Fn-d], den hanff oder werch nicht in öfen dörren und nicht im dorff retschen.» (StAZH B VII 42.12, Heft Nr. 590 fol. 1 und 2; RQNA Nr. 193c, Bemerkungen 3, S. 437)

Die Fussnote d gibt eine Randnotiz wieder: «NB. haben keine wöschhäuser.» (RQNA Nr. 193 – S. 439)

Irgendwo muss man ja waschen können und wenn in einer Gemeinde zu wenige öffentliche Waschhäuser zur Verfügung stehen, dann kann man diesen Umstand einem einfachen Bürger auch nicht zum persönlichen Vorwurf machen.

So ist denn auch die gewundene Forderung der Brandassekuranz-Kommission zu verstehen. Sie verlangt nichts weniger, als dass eine ausreichende Anzahl an Gemeindewaschhäusern überall zum Standard werden müsse.

In Weiach gab es offenbar zu wenige Waschhäuser

Nun ist es ja keineswegs so, dass es in Weyach damals keine solchen Gebäude gegeben hätte. Sowohl Private wie auch der Staat (Pfarrhaus) und die Gemeinde hatten Waschhäuser in Betrieb. Zwei noch heute stehende Gebäude sind (nach mit Vorsicht zu geniessenden Angaben der kantonalen Gebäudeversicherung) sogar schon im 18. Jahrhundert erstellt worden, so das Gemeindewaschhaus im Büel vis-à-vis des Friedhofs (Assek-Nr. 238; gemäss GVZ von 1764) und das Gemeindewaschhaus im Oberdorf (Assek-Nr. 278; gemäss GVZ von 1783; vor kurzem an Private verkauft).

In den ärmeren Wohngegenden – namentlich der Chälen – dürfte es hingegen nicht nur 1775, sondern auch noch 1810 an Waschhäusern gemangelt haben, was die Nachsicht der Kommission erklären würde.

Von den Waschhäuschen in der Chälen ist dem Autoren dieser Zeilen punkto Erstellungsjahren gar nichts bekannt. Zollinger erwähnt in einer seiner Jahreschroniken lediglich den Abbruch derselben in den frühen 1960er-Jahren. Eines davon war das Waschhaus untere Chälen (Assek-Nr. 464 n. System 1955), das vor dem Haus Chälenstr. 6 an der Einmündung Riemlistrasse stand. Es trug ursprünglich die Assekuranznummer 48C (vgl. WeiachBlog Nr. 1137 v. 12. Mai 2013).

Abgebrannte Häuser standen in der Chälen

Der Weiacher Gebäudenummernkonkordanz kann entnommen werden, dass die Nr. 72 in Chälen, die Nr. 73 hingegen auf dem Höhberg stand. Wie passt das mit dem Brandereignis zusammen?

Bei Nr. 72 steht interessanterweise nichts davon im ältesten Lagerbuch der Brandassekuranz, dass das Gebäude 1810 abgebrannt sei.

Bei Nr. 73 hingegen wird der Brand von 1810 erwähnt. Dann folgt eine durchgezogene Linie und darunter ein Neueintrag mit der Bezeichnung Im Homberg und anderem Eigentümer. Da es damals zwei Höhberg (oder eben Homberg) gab, einen beim Stocki und einen an der heutigen Bergstrasse, stellt sich die Frage, um welchen Standort es sich hier handelt. Die Nummernkonkordanzen zeigen, dass die Nr. 73 im Jahre 1895 zur Nr. 167 wurde und es ab 1955 dafür keine Entsprechung mehr gibt. Die Nr. 166 (nach System 1895) ist das Wohnhaus des heutigen Höbrig-Hofs (Assek-Nr. 80 nach System 1955). Demzufolge wurde die Nr. 73 also in relativer Nähe zur Chälen wiederverwendet.

Es ist wahrscheinlich so, dass das Gebäude von Heinrich Meyer Ludis jünger nicht wieder aufgebaut wurde, jedenfalls nicht mit der Nummer 73.

Ein Waschhausrecht für jede Familie?

Wie ging es nun weiter? Hat der Kanton mit dem Brandschutz Ernst gemacht? Wir erinnern uns, dass der Kleine Rat am 29. März beschlossen hatte, den Antrag auf eine Art Waschhaus-Obligatorium der Justiz- und Polizey-Commißion zu sorgfältiger Berathung zu überweisen. Diese nahm sich dann auch einige Monate Zeit, was kaum verwundert, denn die Baukosten für eine solch effektive Brandschutzmassnahme sind natürlich exorbitant.

Was dann am 30. Oktober 1810 beschlossen wurde, hat mehr mit Realpolitik in Zeiten real leerer Kassen zu tun als mit einem Subventionsprogramm für den Bau von Gemeindewaschhäusern:

«Bey den zum Bedauern der Regierung im Lauf dieses Jahres sich gezeigten vielen Brandunglücken, hat es sich ergeben, daß die Entstehung mehrerer dieser Feuersbrünste hauptsächlich dem schlechten Zustande der Feuerstätte und dem Waschen und Sechten von Garn in Privathäusern zuzuschreiben war. Die Regierung findet sich dadurch veranlaßet, den sämmtlichen Bezirks- und Unterstatthaltern aufzutragen, successiv Ausschüsse von allen Gemeindräthen ihrer respectiven Bezirksabtheilungen vor sich zu bescheiden, sie auf die schrecklichen Gefahren der Außerachtlassung der nöthigen Feuerpolizey aufmerksam zu machen, und ihnen zu Handen der Gemeindräthe ernstlich und bey ihrer persönlichen Verantwortlichkeit anzubefehlen, daß sie jährlich zwey Mahl die genaueste Visitation aller Feuerstätte in dem Umfange ihrer respectiven Gemeinden vornehmen, und in der Zwischenzeit sorgfältig darauf wachen, daß alles daran mangelhaft befundene ordentlich verbessert und in gehörigen Stand gesetzt werde, vorzüglich aber, daß sie genau darauf halten, daß in solchen Häusern, wo die Küchen, Rauchfänge, Aschenbehälter u. d. gl. nicht in ganz guter Ordnung sind, oder sonst nicht sicher gestellt werden können, durchaus weder Waschen noch Garnsechten gehalten, sondern Bedacht darauf genohmen werde, daß solche nur an sichern oder eigens dazu eingerichteten Orten vorgenohmen werden.» (StAZH OS AF 4 (S. 405-406))

Fazit: Die Obrigkeit hat das Problem erkannt und einen sinnvollen Lösungsweg skizziert. Dann aber doch die seit Jahrhunderten geübte Praxis wieder ausgegraben: Die Gemeinderäte sollen es richten. Und wenigstens dafür sorgen, dass bei schadhaften Installationen zum Garnsechten auf ein Waschhaus ausgewichen werde. Der Bau von Waschhäusern war und blieb Gemeindeangelegenheit. Und wo das Geld fehlte, da fehlten dann halt auch die öffentlichen Waschhäuser.

Quellen und Literatur
  • Brandunglück zu Weyach. 22. März 1810. Protokoll des Kleinen Rats des Kantons Zürich. Signatur: StAZH MM 1.32 RRB 1810/0338
  • Brand zu Weyach. Antrag der Brand-Aßecuranz-Commißion, wegen des gefährlichen Garnsechtens in Privathäuseren. 29. März 1810. StAZH MM 1.32 RRB 1810/0366
  • Circulare an alle Bezirks- und Unterstatthalter vom 30sten Octobris 1810, wegen der Feuerpolizey überhaupt, und wegen dem Waschen und Garnsechten insbesondere. 30. Oktober 1810. In: Officielle Sammlung der von dem Grossen Rathe des Cantons Zürich gegebenen Gesetze und gemachten Verordnungen, und der von dem Kleinen Rath emanierten allgemeinen Landes- und Polizey-Verordnungen. Band 4. Signatur: StAZH OS AF 4 (S. 405-406)
  • Meier, Th.: Handwerk, Hauswerk, Heimarbeit. Nichtagrarische Tätigkeiten und Erwerbsformen in einem traditionellen Ackerbaugebiet des 18. Jahrhunderts (Zürcher Unterland). Zürich 1986 – S. 372. (PDF, 36.3 MB)
  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil. Rechte der Landschaft. Erster Band. Das Neuamt. Aarau 1996 – Nr. 193 Dorfgericht. (Links auf das Digitalisat im Lauftext)
  • Brandenberger, U.: Gebäudenummernkonkordanz der Gemeinde Weiach: 1809–1895–1955–1992. Elektronisches Spreadsheet. Unveröffentlicht. Weiach/Trub 2002ff.
  • Bertschinger, P.: Bülach und seine Flurnamen. Flur- und Strassennamen der Gemeinde Bülach Stand Herbst 2012. Neujahrsblatt Nr. 45 der Lesegesellschaft Bülach – S. 87-88.

Sonntag, 2. Februar 2020

Zollingers Jahreschroniken – eine aussergewöhnliche Leistung

Von Walter Zollinger (1896-1986) kennen die meisten seit längerem mit Weiach Verbundenen nur sein 1972 erstmals publiziertes blaues Büchlein (vgl. Quellenangaben unten). Diese erste zwischen harte Buchdeckel gepresste Ortsgeschichte wurde dank geschicktem Marketing Zollingers in jede Haushaltung verteilt und nicht zuletzt dadurch zum Weiacher Standardwerk des 20. Jahrhunderts.

Fast unbekannt hingegen sind die sogenannten Jahreschroniken, die er in seinem gedruckten Werk an mehreren Stellen erwähnt. So im Lauftext des blauen Büchleins auf S. 74: «die seit 1952 vom Verfasser dieser Arbeit zusammengestellten, ziemlich ausführlich gehaltenen jährlichen Dorfchroniken».

Die dazu gehörende Anmerkung 83 lautet: «Die Originale derselben werden in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt, die Doppel liegen vorläufig noch beim Verfasser.» Ob diese Doppel noch im Besitze der Erben Zollingers sind, ist nicht bekannt. Teil des Archiv des Ortsmuseums sind sie jedenfalls nicht (Mdl. Mitteilung des heutigen Präsidenten der Ortsmuseumskommission Weiach).

Siehe Handschriften-Abteilung der Zentralbibliothek Zürich

Anmerkung 81 erwähnt die «vom Verfasser zusammengestellten Jahreschroniken 1952 bis 1967» und gibt damit den Umfang bekannt, der auch tatsächlich am von ihm angegebenen Ort zu finden ist. Die Originale der Zollingerschen Typoskripte sind Teil der Handschriftensammlung der Zentralbibliothek Zürich (vgl. WeiachBlog Nr. 761).

Der Umstand, dass die Katalogisierer der ZB für diese Art von Chroniken gleich eine eigene Signatur G-Ch [Gemeindename] [Jahrzahl] geschaffen haben, deutet darauf hin, dass auch von anderen Gemeinden als nur von Weiach solche Jahreschroniken existieren.

Gagliardi/Forrer erwähnen im Abschnitt Zürcherische Gemeindechroniken (S. 19-20) ihres 1982 publizierten Handschriften-Katalog (vgl. Quellen unten) immerhin 78 Gemeinden, darunter solche, die heute aufgrund von Fusionen verschwunden sind.

Zollinger ist einer von wenigen mit Kontinuität

Bei vielen sind nur wenige Jahrgänge Teil der Sammlung, wobei der oder die Bearbeiter oft bereits nach zwei oder drei Jahren das Handtuch geworfen haben. Nur für wenige Gemeinden gibt es lückenlose Serien über Jahrzehnte hinweg.

Unsere Nachbargemeinden glänzen in der Liste nach Gagliardi/Forrer durch Abwesenheit, einzig aus Glattfelden ist für 1918 eine Gemeindechronik in der Zentralbibliothek abgeliefert worden.

Man darf daher festhalten, dass Zollinger eine ausserordentliche Leistung erbracht hat, zumal wenn man bedenkt, dass die lediglich 20 Gemeinden, die eine längere ununterbrochene Zeitreihe als Weiach zustande gebracht haben (mehr als 16 Jahreschroniken), in diesem Zeitraum eine wesentlich grössere Einwohnerzahl aufgewiesen haben – vom kleinen Städtchen Regensberg einmal abgesehen (Bild: Gagliardi/Forrer, S. 20 oben).

Gemeindechroniken als aussterbende Textgattung

Der Katalog von Gagliardi/Forrer ist nun auch schon mehrere Jahrzehnte alt. Welche Anzahl an Bänden mit der Signatur G Ch [Gemeindename] [Jahrzahl] gibt es heute? Eine Suche im NEBIS-Katalog ergibt:

Bülach 54 (zwischen 1901 und 2006), Rafz 53 (zwischen 1902 und 1967), Zollikon 26, Männedorf 18, Dinhard 18, Weiach 16, Andelfingen 13, Regensberg 13.

Daneben sind aus dem Unterland wenige  kleinere Bestände zu finden, wie das oben erwähnte Glattfelden, aber auch Niederhasli (1901-1903) oder Rorbas (1901-1906).

Was nicht bedeuten muss, dass es im Unterland keine Jahreschroniken von Gemeinden gäbe. Diese sind heute nämlich oft Teil von separaten Publikationen, meist Jahrbüchern, die in Form von Neujahrsblättern o.ä. herausgegeben werden.

Daher erscheinen sie auch nicht unter dem Gattungsbegriff Gemeindechronik in der G-Ch-Sammlung der ZB. Dort wären solche Jahreschroniken nämlich 25 Jahre unter Verschluss.

Das ursprüngliche Konzept der Initiative von Kirchenhistoriker Emil Egli und Lokalhistoriker Emil Stauber aus der Übergangszeit vom 19. ins 20. Jahrhundert hat seine Kraft somit längst an neue Generationen übertragen.

Quellen
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271-1971. 1. Aufl. 1972, 2. Aufl. 1984.
  • Gagliardi, E.; Forrer, L.: Katalog der Handschriften der Zentralbibliothek Zürich, Band II: Neuere Handschriften seit 1500 (Ältere schweizergeschichtliche inbegriffen). Zürich, 1982. S. 19-20.
  • An Ostern 1972 veröffentlicht – nicht 1971. WeiachBlog Nr. 19 v. 19. November 2005.
  • Die Zollingerschen Jahreschroniken in der ZB. WeiachBlog  Nr. 761 v. 2. Februar 2010.
  • Über Sinn und Zweck kommunaler Jahreschroniken. WeiachBlog Nr. 1160 v. 27. März 2014.
  • Eine 1. August-Rede als Publikationshelfer. WeiachBlog Nr. 1352 v. 28. Oktober 2017.
  • Erste oder zweite Auflage der «Chronik Weiach»? WeiachBlog Nr. 1365 v. 30. April 2018.

Samstag, 1. Februar 2020

Von Bombeli und Bambeli

Kennen Sie die beiden Weiacher Sumpflandschaften namens «Maas» (auch «Mas» geschrieben)? Die eine liegt im Tälchen gegen Bachs (dem Sagibachtal), die andere rechts oberhalb der Strasse gegen Raat. Auf Karten findet man teilweise auch die Bezeichnung «Moos».

Ausgesprochen wird dieser Name im ursprünglichen lokalen Dialekt nicht mit einem reinen Hinterzungenvokal a, sondern eher mit einer Mischung aus a und o, einer Art dunklem O. Deshalb kippt bei der Transkription in das im Alltag bei uns übliche lateinische Alphabet die Schreibweise zwischen a und o hin und her, je nach Einschätzung des Schreibers, was nun dominiere. (Das Internationale Phonetische Alphabet ist ja nicht sehr weit verbreitet).

Einen ähnlichen Effekt darf man beim Familiennamen Bombeli vermuten. «Bombeli» ist gemäss Familiennamenbuch der Schweiz ein Name, der vor 1800 nur in Weiach verbürgert war, im späteren 19. Jahrhundert dann auch in Zürich.

Älteste Nennung 1607

In einer Schreibweise ohne zweites «b» ist der Name bereits am Beginn des 17. Jahrhunderts nachweisbar: Wirt Ulrich Bommelj klagte 1607 gegen eine Raater Besenbeiz (Rechtsquellen Neuamt Nr. 146). Und ein Ulrich Bomelj war 1612 einer der Dorfrichter im Exhibitionismus-Prozess (Rechtsquellen Neuamt Nr. 190, vgl. WeiachBlog Nr. 738).

In einer zürcherischen Zeitung aus dem späten 19. Jahrhundert taucht der Familienname aber tatsächlich auch mit «a» geschrieben auf, obwohl die Schreibweise ab 1876 mit der Einführung der staatlichen Zivilstandsbücher «eingefroren» wurde:

«Konkursanzeige. Gegen Albert Bambeli, Alberten sel. Sohn von Weiach, Dienstknecht, an der Kirchgasse, Meilen, Grundeigenthümer in Weiach, ist in Folge durchgeführten Rechtstriebes Konkurs eröffnet worden. Die Eingabefrist geht am 11. November 1886 zu Ende, die Bedenkzeit dauert vom 26. November bis am 6. Dezember 1886, die Versteigerung der Aktiven erfolgt am 2. Dezember und die Konkursverhandlung findet Dienstags den 21. Dezember 1886, Vormittags 9 Uhr, im Gerichtshause zu Meilen statt. Alles laut Amtsblatt 81. Meilen, den 7. Oktober 1886. Notariatskanzlei Meilen: A. Schreiber, Landschreiber.»  (Zürcherische Freitagszeitung, Nummer 42, 15. Oktober 1886)

Den Namen Bombeli findet man heutzutage nur noch selten. Mit ganzen 4 Einträgen in aktuellen Schweizer Telefonverzeichnissen.

Mittwoch, 29. Januar 2020

Ein Sack des Johannes Meier, Ludihansen

Mit Namen und Adresse bedruckte Stoffsäcke für gedroschenes Getreide. Sie machen einen schönen Teil der Dauerausstellung des Weiacher Ortsmuseums aus.

Für den Müller (in Weiach stand die Mühle am oberen Ende des Oberdorfs) war dann klar, von wem der Auftrag kam. Wie beispielsweise bei diesem Exemplar mit dem Text «Johannes Meier. Ludihansen. N° 49. in Weiach. 1878.»:

Bild: Wiachiana-Verlag, 2005

Wo der einstige Eigentümer dieses Leinensackes gewohnt hat, kann man dank der gleichzeitig vermerkten Jahrzahl anhand der Assekuranznummer eruieren (Quelle: Gebäudenummernkonkordanz der Gemeinde Weiach vom Sommer 2002). Das fragliche Gebäude trägt heute die Adresse «Luppenstr. 6» (Polizeinummerierung nach System 1992). Die dazugehörige Nummer der Gebäudeversicherung ist «356» nach dem noch heute geltenden System 1955, «85» nach System 1895, sowie «49» nach System 1809, das wohl noch einige Jahre älter ist.

Nach dem Lagerbuch vom Anfang des 19. Jahrhunderts stand dieses Haus Nr. 49 «Im Bühl», d.h. in der Nähe der Kirche. Dazu passt, dass im Turmkugeldokument Nr. 9 vom 19. Juli 1863, verfasst von Pfr. Ludwig Schweizer, ein «Johannes Meier, Ludihansen» als Sigrist genannt wird.

Bleibt nur noch die Frage: Gab der Müller jeweils diesen Sack gefüllt mit dem im Auftrag gemahlenen Mehl wieder zurück?

Sonntag, 26. Januar 2020

Frauenverein Weiach schon in den 1870er-Jahren gegründet

«Den Frauenverein Weiach gibt es seit 1928». So steht es auf einer der Webseiten der Gemeinde Weiach, auf der sich im Dorf tätige Vereine kurz vorstellen und für ihre Aktivitäten werben dürfen.

Nun ist das allerdings mit den Gründungsdaten so eine Sache. Denn dieser Verein (oder wenn man so will: die Vereinsidee) ist ein echtes Überlebenstalent, wie wir in diesem Beitrag noch sehen werden.

Seit den Recherchen für den Artikel Weiacher Geschichte(n) Nr. 59 vom Oktober 2004 ist klar, dass dieser Frauenverein bereits wesentlich früher schon Aktivitäten entfaltet hat.

Statuten von 1908 und ein Sparheft von 1901

Die Statuten vom November 1929, die sozusagen den Startschuss für den Verein in seinem heutigen Gewand gegeben haben, wurden nämlich mit den folgenden Worten angebahnt:

«Ferner wurde die Anregung gemacht, der Frauenverein möchte zu einem Wohltätigkeitsverein
umgestaltet werden. Wie die Sache organisiert werden sollte, möchte der Verein in der am folgenden Sonntag stattfindenden Versammlung beschliessen.»  (Protokoll vom 23. Oktober 1929)

Es gab den Verein also bereits. Und hervorgegangen ist er – nach den Protokollen zu schliessen, die sich noch heute im Besitz des Frauenvereins Weiach befinden – aus dem «Frauenverein der Arbeitschule Weiach», von dem noch Statuten vom Mai 1908 vorliegen.

Auch diesen Verein, dem die Aufsicht über die Handarbeitslehrerin oblag, gab es damals bereits einige Jahre. Dies beweist das Sparheft N° 6711 der Bezirkssparkasse Dielsdorf, das am 9. April 1901 für die «Tit. Frauenkommission der Arbeitschule Weiach» lautend auf deren Quästorin «Bertha Meierhofer-Meierhofer, Schneiderin» eröffnet worden ist und danach während einem Dreivierteljahrhundert treue Dienste leistete (vgl. WG(n) Nr. 59, Gesamtausgabe S. 164).

Retrodigitalisierungen der Nationalbibliothek decken ältere Spur auf

Seit einigen Jahren werden nun zunehmend Dokumente aus früheren Jahrzehnten und Jahrhunderten mit elektronischen Mitteln der Forschung zugänglich gemacht. Wo man früher einen versteckten Hinweis auf ein Weiacher Thema höchstens per Zufall nach tagelangem Lesen gefunden hätte, da reicht heute – Retrodigitalisierung sei Dank – eine simple Suchanfrage.


Fündig wird man bezüglich Weiach in der Bibliographie der schweizerischen Landeskunde; Faszikel V, 10f, erschienen in Bern 1910-1912. Die Autoren Ernst und Hans Anderegg haben sich in diesem Band «Armenwesen und Wohltätigkeit» vorgenommen. Gemäss seinen Angaben ist die Materialsammlung «Abgeschlossen Ende 1900». Auf Seite 558 findet man folgenden Eintrag:

«Frauenverein, Weiach. Hülfsleistung an Arme, unterstützungsbedürftige Kranke und Wöchnerinnen; Weihnachtsbescheerungen ärmerer Arbeitsschülerinnen, etc. Gegründet in den 1870er Jahren; eingegangen.
Rechnungen des Frauenvereins für arme Kranke von Weiach. Nicht gedruckt.»

Die Grundlage dieser Notizen sind also von Hand geschriebene Rechnungsabschlüsse eines «Frauenvereins für arme Kranke von Weiach». Dessen Tätigkeitsgebiete decken sich in vielen Punkten mit denen der in Weiacher Geschichte(n) Nr. 59 beschriebenen Vereine.

Gibt es eine Kontinuität von den 1870ern bis heute?

Wie, wo und durch wen die Andereggs vor 1900 Einblick in diese Abrechnungen erhalten haben und was sie dazu veranlasst hat, den von ihnen beschriebenen Verein als «eingegangen» zu bezeichnen, das entzieht sich der Kenntnis des Autors dieser Zeilen.

Es ist wohl keine allzu gewagte These, wenn hier postuliert wird, dass es doch eine (wie auch immer geartete) Kontinuität gegeben haben dürfte, welche über den Wechsel ins 20. Jahrhundert hinweg eine Verbindung zum Sparbuch von 1901 ergibt.

In diesem Sinne würde der Frauenverein Weiach im Jahre 2020 also bereits mindestens das 140-, wenn nicht gar 150-jährige Bestehen feiern können.

Der in den 1870ern gegründete Frauenverein war im Unterland in diesen Jahren keineswegs eine Einzelerscheinung, wie man der Bibliographie Andereggs ebenfalls entnehmen kann:

Gründungen ähnlicher Vereine in der Nachbarschaft erfolgten in Glattfelden im Jahre 1860, in Regensberg in den 1860er Jahren, in Dielsdorf 1878 und in Windlach 1889, um nur einige zu nennen.

Überalterungssorgen im 21. Jahrhundert

Wie WeiachBlog von der Präsidentin, Martha Müller Bollier, am 10. Dezember 2019 telefonisch erfahren hat, zählte der Verein zwar immerhin noch 31 Mitglieder (gemäss Website der Gemeinde: 33). Allerdings seien «fast alle 60 und älter». Überspitzt gesagt: der Verein stirbt langsam aus.

Warum das so ist, zeigt sich, wenn man den Vereinszweck mit dem vieler anderer Frauenvereine in der Umgebung vergleicht. In Weiach wurden die statutarischen Bestimmungen nicht auf Programmpunkte und Themen ausgedehnt, die jüngere Frauen ansprechen und bei ihnen auf aktives Interesse stossen, insbesondere Kinderhütedienst, etc. Dieser Bereich «Kinder» wurde in den letzten Jahren durch das F.O.R.U.M Weiach (gegr. 2007, vgl. WeiachBlog Nr. 552) und heute durch den Familienverein Weiach (gegr. 2019) abgedeckt.

Man sieht an diesen drei Vereinen deutlich, welche Bedeutung persönliche Bekanntschaften haben. Die Gründergeneration des F.O.R.U.M ist mittlerweile in einem Alter, in dem bei vielen die Kinder bereits ausgeflogen sind. Da liegt dann das Thema Kinderhütedienst verständlicherweise nicht mehr so nah wie bei der Gründung. In die Lücke ist die Neugründung Familienverein Weiach vorgestossen (vgl. auch WeiachTweet Nr. 2474, 2475, 2476 und 2477 vom 2. Oktober 2019).

So oder ähnlich kann man sich auch die Geschichte der verschiedenen Frauenvereine in Weiach von 1870 bis 1930 vorstellen. Als Abfolge von Aktivitäten von sich folgenden Generationen von Frauen, die altersspezifische Interessenbereiche abdecken. Das wäre dann eine Ergänzung zur oben formulierten These.

Was passiert, wenn der Gemeindesaal zugeht?

Aktuell wird in der Gemeinde ja ein Bauvorhaben der Superlative diskutiert: der Abriss der Mehrzweckhalle von 1976 und Erstellung eines nagelneuen Ersatzbaus. Abriss aber heisst: es gibt dann für einige Zeit weder Gemeindesaal noch Turnhalle!

Präsidentin Müller Bollier macht sich grosse Sorgen, dass der Frauenverein bei ersatzlosem Wegfall des Gemeindesaals (voraussichtliche Bauzeit: ca. zwei Jahre) untergehen wird. Denn für die wesentlichen Eckpfeiler seines Tätigkeitsprogramms DONNeCUCINA, Senioren-Essen sowie Suppen- und Wähentag ist ein Saal mit angeschlossener Küche ein absolutes Muss. So etwas gibt es seit der Betriebsschliessung des Gasthofs Sternen kein zweites Mal in Weiach.

Da sind also kreative Lösungen gefragt, will die Gemeinde keine Kollateralschäden riskieren. Ein gemeindefinanzierter Taxidienst nach Kaiserstuhl ins Schulhaus Blöleboden? Eine Kooperation mit dem Familienverein? Wer weiss...

Samstag, 25. Januar 2020

Bereits 1704 wurde Weiach in den Memorabilia Tigurina erwähnt

In den Weiacher Geschichte(n) Nr. 6 (Gesamtausgabe S. 8) wird behauptet, Weiach werde erst in der dritten Auflage der Memorabilia Tigurina von 1742 erstmals erwähnt.

Das stimmt nicht ganz. Korrekt ist, dass Weiach erst in der dritten Auflage ein eigenes Lemma, d.h. ein separates Schlagwort mit Artikel, zuteil wurde. Erwähnung findet der Ortsname Weyach aber bereits in der ersten Auflage von 1704:


Dem damaligen Zeitgeist entsprechend ist der Titel dieses Werks derart ellenlang, dass man ihn heutzutage gar nicht vollständig verwenden kann, ohne geschwätzig zu wirken. Denn eigentlich handelt es sich bei dieser Art von Titel um eine Art kurze Inhaltsangabe, die dem Leser erläutert, was ihn im Innern erwartet.

Weyach findet man in der ersten Auflage im «Verzeichnuß Aller Kirchen- und Schuldieneren welche einem Ehrwürdigen Synodo zu Zürich einverleibet», das nach den «Nammen der Pfründe» geordnet ist:


Die «Nammen der ersten unn dißmal lebenden Herren» sind für Weiach: «Niclaus Länden / 1540.» sowie «Heinrich Brennwald. 1693.»  Als «Collatores» wird «Zürich» genannt. Gemeint: der kleine Rat der Stadt Zürich (heute wäre das der Regierungsrat des Kantons Zürich) besass das Recht den Pfarrer einzusetzen.

Mit diesem Eintrag ist erwiesen, dass Bluntschli, der Herausgeber der Memorabilia Tigurina, bereits ab der ersten Ausgabe Niklaus Ländi als ersten Pfarrer von Weiach mit dem Jahr 1540 aufführt. Andere Autoren vermerken andere erste Jahre für den ersten reformierten Pfarrer, der für Weiach zuständig war (vgl. WeiachBlog Nr. 959).

Diese Korrektur verdanken wir ganz wesentlich dem Umstand, dass in den letzten rund 20 Jahren verschiedenste Retrodigitalisierungsprojekte Fahrt aufgenommen haben. Dadurch ist der Volltext auch von über 300 Jahren alten Büchern nach frei wählbaren Stichworten elektronisch durchsuchbar. Seither sind wir von der Arbeit der damaligen Verfasser unabhängiger geworden. Liegt eine digitalisierte Fassung vor, ist man nicht mehr darauf angewiesen, dass Stichwortverzeichnisse (und in Lexika wie den Memorabilia Tigurina zusätzlich die Lemmata und entsprechende Verweise) so umfassend wie möglich gestaltet sind.

Donnerstag, 23. Januar 2020

Eine Petrollampe setzte alles in Brand

Gestern war die Rede vom ehemaligen Kleinbauernhaus Siegenthaler, das bis Mitte Juni 1927 an der Verzweigung Zelglistrasse/Stockistrasse stand, vgl. WeiachBlog Nr. 1467.

E-Newspaperarchives.ch

Heute als Ergänzung zu diesem Beitrag die Reaktion der Printmedien auf dieses Brandunglück. Zumindest derjenigen Erzeugnisse, die auf dem aktuell umfassendsten Retrodigitalisierungsportal für Schweizer Zeitungen, e-newspaperarchives.ch zu finden sind (für Suchergebnis hier klicken).


Aktuell dort verfügbar sind fünf Pressemeldungen, allesamt kurz und knapp, zwei aus deutschsprachigen, drei aus welschen Zeitungen. Vier am 18. Juni erschienen, eine am 25. Juni (der Graubündner General-Anzeiger erschien nur 1x wöchentlich):

[1]  Unter der Rubrik Unfälle und Verbrechen schrieb das Oberländer Tagblatt (heute: Thuner Tagblatt) unter dem Titel In die Tenne gefallen:

«Donnerstag nacht wollte in Weiach der Fabrikarbeiter Robert Siegenthaler unter dem Dachfirst seiner Scheune, die an das Wohnhaus angebaut ist, den Haspel für einen Heuaufzug befestigen. Dabei stürzte er, mitsamt der Petrollaterne, die er in der Dunkelheit zur Arbeit benutzen mußte, in die Tenne hinunter, wo er bewußtlos liegen blieb. Die Laterne explodierte und entzündete sofort alles Brennbare in der Umgebung. Siegenthaler konnte von den Angehörigen noch rechtzeitig dem Feuer entrissen werden, das rasch um sich griff und das zu 13,500 Fr. versicherte Haus vollständig einäscherte. Außer dem Vieh konnte nichts in Sicherheit gebracht werden.» (Oberländer Tagblatt, Band 51, Nummer 140, 18. Juni 1927, S. 4)

[2]  La Liberté aus Fribourg schrieb unter der Rubrik Suisse und dem Titel Incendie:
  
«A Weiach (Zurich), un certain Siegenthaler voulut fixer un treuil au toit de sa grange. Il fit une chute, entraînant la lanterne à pétrole qu'il employait pour son travail, et tomba sur l'aire de la grange, où il resta sans connaissance. La lanterne fit explosion. Le feu s'étendit rapidement. Siegenthaler a pu être sauvé à temps par les membres de sa famille. En peu de temps, la maison était la proie des flammes.» (La Liberté, 18. Juni 1927, S. 3)

[3]  Le Jura aus Porrentruy reihte die Meldung unter ZURICH ein und titelte: Accident et incendie:

«La nuit dernière, à Weiach, M. Siegenthaler, ouvrier de fabrique, voulut fixer un treuil au toit de sa grange adossée à la maison d'habitation. II fit une chute, entraînant la lanterne à pétrole qu'il employait pendant qu'il exécutait son travail, tomba sur l'aire de la grange où il resta sans connaissance. La lanterne fit explosion. Le feu s’étendit rapidement. Siegenthaler a pu être sauvé à temps par les membres de sa famille. En peu de temps, la maison, assurée pour une somme de 13,500 fr., était la proie des flammes. Seul le bétail a pu être sauvé.» (Le Jura, Band 77, Nummer 72, 18. Juni 1927, S. 2)

[4]  Als drittes welsches Printprodukt titelte die sozialistische Tageszeitung La Sentinelle: Sauvé à temps und servierte ihrer Leserschaft was folgt:

«La nuit dernière, à Weiach, près de Bulach, M. Siegenthaler, ouvrier de fabrique, voulut fixer un treuil au toit de sa grange adossée à la maison d'habitation. Il fit une chute entraînant la lanterne à pétrole quil employait pendant qu'il exécutait son travail, tomba sur l'aire de la grange où il resta sans connaissance. La lanterne fit explosion. Le feu s'étendit rapidement. Siegenthaler a pu être sauvé à temps par les membres de sa famille. En peu de temps, la maison, assurée pour une somme de 13,500 francs, était la proie des flammes. Seul le bétail a pu être sauvé.» (La Sentinelle. Quotidien socialiste (La Chaux-de-Fonds), 18. Juni 1927, S. 8)

[5]  Für den Graubündner General-Anzeiger, der jeweils am Samstag erschien, war die Meldung vom Freitag, 17. Juni wohl zu spät, weshalb sie erst am übernächsten Samstag, 25. Juni publiziert wurde:

«Zürich . — Viel Unheil auf einmal. Als der Fabrikarbeiter Robert Siegenthaler in Weiach unter dem Dachfirst seiner an das Wohnhaus angebauten Scheune einen Haspel für einen Heuaufzug befestigen wollte, glitschte er mit der Petrollaterne aus und fiel in die Tenne hinunter, wo er bewußtlos liegen blieb. Die Laterne explodierte und entfachte einen Brand, aus dem der Verunglückte von feinen Angehörigen noch rechtzeitig gerettet werden konnte. Das Haus wurde vollständig eingeäschert. Das Mobiliar blieb in den Flammen.» (Graubündner General-Anzeiger, 25. Juni 1927, S. 3)

Interessant ist einerseits, wie besonders die Westschweizer Zeitungen, die über den Weiacher Brand berichtet haben, schon damals offensichtlich auf eine Agenturmeldung zurückgegriffen haben, anders sind die fast textgleichen Artikel, die alle am selben Tag erschienen sind, nicht zu erklären.

Andererseits ist es auch bemerkenswert, wie sowohl Zeitungen mit Arbeitern als Hauptzielgruppe (La Sentinelle aus der Stadt La Chaux-de-Fonds) aber auch solche mit eher bäuerlich-ländlichem Publikum (wie Le Jura aus der Ajoje) das Thema des verunglückten Kleinbauern mit Fabrikarbeiterjob aufgenommen haben.

In Grossstädten wie Zürich war dieser Unglücksfall kein Thema, zumindest nicht in der NZZ. Kein Wunder, was interessieren deren Leser die Probleme von Menschen mit der Erwerbskombination Kleinbauer/Fabrikarbeiter.

Weitere Zeitungsartikel

In weiteren Portalen ausserhalb von e-newspaperarchives.ch, aber über deren Plattformen-Linkliste erreichbar, sind Beiträge zum Brandfall Siegenthaler in fünf weiteren Zeitungen:

Frei verfügbar: Journal d'Yverdon (Feuille d'Avis d'Yverdon, du district de Grandson et du Nord vaudois), L'Express (Neuchâtel), Gazette de Lausanne und Journal de Genève. Hinter Paywall: Schaffhauser Nachrichten.

Mittwoch, 22. Januar 2020

Haus Nr. 72 wird im Sternen zu Weiach öffentlich versteigert

Die Lagerbücher der kantonalen Brandassecuranz (heute unter dem Namen Gebäudeversicherung des Kantons Zürich, kurz: GVZ, bekannt) waren ja eigentlich vor allem dazu gedacht, die Versicherungssummen und Änderungen im Baubestand für die assekurierten Häuser zu verzeichnen. Eine unverzichtbare Hilfe beim Inkasso der Prämien und bei Schadenfällen.

Heutzutage haben die alten Folianten aber noch eine ganz andere Funktion. In Verbindung mit Amtlichen Bekanntmachungen in alten Zeitungen kann man die eine oder andere Hausgeschichte zuweilen mit einem weiteren Mosaikstein komplettieren.

Versteigerung eines Heimets, 4. Dezember 1854

So wie mit dieser Versteigerungsankündigung in der Freitagszeitung, u.a. betreffend das «Wohngebäude No. 72» in Weiach:

«Aus Auftrag des löbl. Bezirksgerichtes Regensberg und unter Ratifikationsvorbehalt desselben werden Montags den 4. Dezember 1854, Nachmittags 3 Uhr, im Sternen zu Weiach auf öffentlicher Gant verkauft: die Pfände eines 450 fl. a. W. haltenden Schuldbriefes, d. d. 23. Oktober 1849, auf den gegenwärtig unbekannt abwesenden Hs. Ulrich Meierhofer, Schuster, in Weiach, zu Gunsten des dortigen Schulgutes, bestehend in dem Wohngebäude No. 72, 3 Vierling Rebland, 6 Mäßli Wiesen, 7 Mäßli Ackerland, 2 Mäßli Holz und Boden. Niederglatt, den 24. November 1854. Notariatskanzlei Neuamt: Landschreiber Bänninger.»  (Züricherische Freitagszeitung, Nummer 48, 1. Dezember 1854, S. 4)

Abgebrannt am 16. Juni 1927

Aus der Gebäudenummernkonkordanz der Gemeinde Weiach (einem Zusammenzug verschiedener Information aus diesen alten Lagerbüchern) geht hervor, dass die nach System 1809 mit der N° 72 versehene Baute ab 1895 die Nr. 136 trug und «In Kellen» stand. Stand, denn dieses Bauernhaus ist abgebrannt.

In der sechsten, erweiterten Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach», die seit 2003 unter Titel «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» erscheint (Ausgabe V6.20, Dezember 2019. 108 S.; pdf, 2.88 MB) ist auf Seite 69 zu lesen:

«Am 16. Juni 1927 traf das Unglück ein Wohnhaus mit Scheune, Stall und Schweinestallanbau, das Kleinbauernhaus des Robert Siegenthaler an der Stockistrasse; es stand nördlich der Abzweigung in die Zelglistrasse, gegenüber dem «Chalet» (Stockistrasse 8). Da dieses Gebäude nicht wiederaufgebaut wurde, wird diese Wiese «der Brandplatz» genannt.»

Und in der dazugehörigen Fussnote 242:

«Zollinger schrieb in der 1. Auflage 1972, dieses Haus habe «gegenüber dem Brunnen beim Schopf Rüdlinger gestanden», also auf Parzelle Nr. 206. Dass es eher «schräg gegenüber» heissen müsste und eigentlich Parzelle Nr. 349 gemeint ist, hat U. Brandenberger vom zum Zeitpunkt des Brandes zweijährigen Sohn des Besitzers, Walter Siegenthaler-Rüdlinger (1925-2015, ehemals wohnhaft Chälenstrasse 22), mitgeteilt erhalten (Persönl. Gespräch, 31.8.2002). Siegenthalers Aussage wird durch die Schräg-Luftaufnahme LBS_MH01-004532 bestätigt (Walter Mittelholzer, 1925: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000296424).»

Davor noch aus der Luft fotografiert, 1925

Dank der Luftaufnahme von Swissair-Mitgründer und Flugpionier Walter Mittelholzer haben wir noch einen letzten Bildbeweis für die Existenz dieses im Dezember 1854 versteigerten Hauses (Blickrichtung nach Südwesten):


Im roten Rahmen sieht man unten das abgebrannte Haus, oben das heute noch stehende Gebäude Zelglistrasse 6.


Derselbe rote Rahmen auf die Erstausgabe der Siegfriedkarte 1:25'000 gelegt, die gemäss maps.zh.ch um 1880 entstanden ist. Zum Vergleich: Auf der Siegfriedkarte 1930 fehlt das Gebäude Nr. 72.

Sonntag, 19. Januar 2020

Das Weiacher Pfarrhaus in der gedruckten Literatur – ein Überblick

In WeiachBlog Nr. 1464 wird erklärt, weshalb das heutige Weiacher Pfarrhaus nicht im Jahre 1591 gebaut worden sein kann, bzw. wie zwei verschiedene Häuser miteinander verwechselt wurden.

Nun kursieren ja noch weitere Baujahrdaten: 1564, 1658 und 1707. Was ist an denen dran? In welches Jahrhundert werden die Wehrbauten von verschiedenen Autoren eingeordnet, welchem Anlass werden sie zugeordnet?  Sehen die Autoren die martialische Mauer mit Schiessscharten als Teil des gesamten heutigen Kirchenbezirks, oder schreiben sie auch schon dem heutigen Pfarrhaus für sich allein eine solche Mauer zu?

In diesem Beitrag sollen zu Dokumentationszwecken sämtliche aktuell bekannten Fundstellen aus der Literatur zu Weiacher Pfarrhäusern in chronologischer Folge aufgeführt werden. Am Schluss wird im Fazit ein Resümee gezogen.

1) Ausgangspunkt Vogel, 1845

Da wäre als erster der in früheren Artikeln bereits mehrfach genannte und zitierte Friedrich Vogel, «Sekretair des Bau-Departements» mit «Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich von den ältesten Zeiten bis 1820», erschienen in Zürich 1845 bzw. 1857:

«Das Pfarrhaus wurde 1591 erbaut, und war, da man es bei Kriegszeiten als einen Vertheidigungspunkt betrachtete, mit festen Mauern umschlossen.» (Vogel, S. 818)

Abgesehen vom Baujahr wird hier die Ummauerung hervorgehoben, die insofern bemerkenswert ist, als alle anderen Gebäude in Weiach auch im 18. Jahrhundert nur Holzzäune oder Hecken als Begrenzung aufgewiesen haben dürften.

Aus der Wortwahl («umschlossen») kann man auch den Schluss ziehen, es habe früher um das heutige Pfarrhaus herum eine Ringmauer gegeben. In der tatsächlich anzutreffenden Bausituation stellt das Pfarrhaus jedoch einen von vier verstärkten Eckpunkten dar, welche durch Mauern miteinander verbunden wurden.

Vogel weist richtigerweise auf den Wehrcharakter hin, der allerdings erst mit dem Bau der Kirche und der Schiessscharten (in Umfassungsmauern und der Nordostmauer der Pfarrscheune noch heute erkennbar) für den Beginn des 18. Jahrhunderts mit Quellen aus dieser Zeit verknüpft ist: das Konzept stammt (durch Primärquellen im Zusammenhang mit dem Bau der Bachser Kirche indirekt belegt) von Festungsingenieur Hans Caspar Werdmüller.

Dass das heutige Pfarrhaus im Gründungsjahr der selbständigen Pfarrei erbaut worden sei, behaupten in der Folge viele, teils namhafte Autoren:

2) Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, 1878

Der letzte Artikel einer heimatkundlichen Serie des Volksfreunds (ab 1957: Neues Bülacher Tagblatt) über die Gemeinden des Zürcher Unterlands kopiert paraphrasierend die Formulierung von Vogel, lässt jedoch das Baujahr weg. Sie ist damit nach heutigem Kenntnisstand korrekter:

«Das Pfarrhaus, mit festen Mauern umschlossen, betrachtete man in Kriegszeiten als einen Vertheidigungspunkt.» (BDV, 16. März 1878, S. 2)

3) Wirz' Etat des Zürcher Ministeriums, 1890

Auch Kaspar Wirz übernimmt in seinem Werk «Etat des Zürcher Ministeriums von der Reformation bis zur Gegenwart. Aus gedruckten und ungedruckten Quellen zusammengestellt und nach Kirchgemeinden geordnet», das 1890 in Zürich erschienen ist, tel quel die Position Vogels:

«Von der Zeit der Reformation bis 1591 war Weiach eine Filiale, die von Zürich aus besorgt, dann aber auf Bitten der Gemeinde zur Pfarrei erhoben wurde. Die Kollatur gehörte dem Rathe. Das 1591 erstellte Pfarrhaus wurde mit festen Mauern umgeben, um für Kriegszeiten als Vertheidungspunkt verwendet zu werden.» (Wirz, S. 196)

4) Nur eine Fluchtburg: Geographisches Lexikon der Schweiz, 1910

Der 1910 in Neuenburg erschienene sechste Band des Geographischen Lexikons der Schweiz beschränkt sich auf die Fluchtburgfunktion und lässt den Verteidigungscharakter unter den Tisch fallen. Auch hier wird kein Baujahr genannt:

«Das Pfarrhaus wurde mit festen Mauern umgeben, damit es in kriegerischen Zeiten zum Schutz diene.» (GLS, Bd. 6, S. 592)

5) Dändliker lanciert die «Kappelerkriege-Hypothese», 1910

Während Vogel und Wirz keine bestimmte Zeit für die Erstellung der «festen Mauern» angeben, legt sich Karl Dändliker auf eine bestimmte Ursache fest: die religiösen Spannungen. Diese begannen mit dem Wirken der Reformatoren (in Zürich Zwingli ab 1519).

Dändliker erwähnt als Zürcher Reaktion auf die mit dem Goldenen oder Borromäischen Bund von 1586 verstärkte Bedrohung durch die katholische Seite beispielhaft den Bau des Weiacher Pfarrhauses im Büel:

«Daher [aufgrund des Goldenen Bundes und der damit drohenden Wiederholung der Kappelerkriege 1529 und 1531] wurde z.B. 1591 das neu erbaute Pfarrhaus in Weiach befestigt, weil es als ein militärischer Stützpunkt (gegen die Grafschaft Baden und Kaiserstuhl) angesehen wurde.» (Dändliker, Geschichte der Stadt und des Kantons Zürich, Bd. II, S. 384, Fussnote **)

Für ausführliche Zitate zu dieser Kappelerkriege-Hypothese und eine Einordnung Dändlikers in die Historiographie, siehe den vorangehenden Blogeintrag: WeiachBlog Nr. 1465.

Mit dieser Steilvorlage hat Professor Dändliker die herrschende Lehrmeinung für die nächsten sechs Jahrzehnte vorgegeben.

Anmerkung: Dändliker bezeichnet das Städtchen Kaiserstuhl sozusagen als feindliche Bastion, der man fortifikatorisch etwas entgegensetzen musste. Diese Formulierung, die von späteren Publikationen immer wieder verwendet wird, bildet das eigentliche Verhältnis zwischen Weiach und dem Städtchen jedoch nicht korrekt ab.

Das Einvernehmen mit den Kaiserstuhlern war in der Regel gut bis sehr gut (was sich beispielsweise beim Blinden Lärmen von 1703 gezeigt hat, vgl. die Zeugenaussage von Maag in Weiacher Geschichte(n) Nr. 56, S. 151). Religiöse Meinungsverschiedenheiten interessierten die lokalen Führungseliten nicht wirklich, für sie stand das gegenseitige wirtschaftliche Auskommen im Vordergrund.

6) Wettsteins Heimatkunde, 1913

Otto Wettstein verzichtet in seiner Heimatkunde des Kantons Zürich von 1913 auf Baujahr-Angaben, nimmt dann jedoch einen historisch problematischen Bezug auf die militärstrategischen Überlegungen seiner Zeit:

«Unter der Herrschaft Zürichs wurde das Pfarrhaus Weiach mit festen Mauern umgeben, um in Kriegszeiten zum Schutze zu dienen, mündet doch das Tal in die militärisch wichtige Rheinlinie.»
(Wettstein, 1913, S. 196-197)

Im Gegensatz zu militärstrategischen Überlegungen, die mit den Napoleonischen Kriegen gang und gäbe wurden, war es zu Zeiten des Ancien Régime für den Zürcher Stadtstaat eher unüblich, den Rhein als Verteidigungslinie zu sehen.

7) Das HBLS bringt das Baujahr 1707 ins Spiel, 1934

Das Historisch-biographische Lexikon der Schweiz (HBLS) von 1934 erwähnt im Artikel über Weiach: «Das Pfarrhaus, 1591 erbaut, war mit festen Mauern und Torbogen umgeben, sollte es doch im Jahrh. des Kappelerkrieges bei der Spannung zwischen Katholiken und Reformierten als militär. Stützpunkt gegen die Grafschaft Baden und Kaiserstuhl dienen.» (HBLS, Bd. 7, S. 434)

Auf welche Quellen sich diese Interpretation abstützt, wird leider nicht erwähnt, weder in Dändlikers Standardwerk noch im HBLS.

Im selben HBLS-Artikel weiter unten wird zudem ein völlig neues Baudatum eingebracht: «Schwere Feuersbrünste 1647 und 1658. Bei der letzteren verbrannte auch das Pfarrhaus (1707 neu erbaut).»

1707? Man würde gerne wissen, auf welche Quelle sich dieses Baudatum stützt. Implizit wird damit nämlich behauptet, dass das heutige Pfarrhaus ein Wiederaufbau an der Stelle eines 1658 verbrannten Vorgängerbaues war. 

Fragt sich nur, wo die Pfarrer dann während eines halben Jahrhunderts gewohnt haben. Und wo sie standesgemäss die Obervögte nach der Huldigungszeremonie bewirtet und für eine Nacht einquartiert haben sollen (vgl. WeiachBlog Nr. 1458).

8) Hedingers Pfarrhaus-plus-Kirche-These, 1937

In Weiterentwicklung der Vorlage von Vogel, aber interessanterweise ohne die Sichtweise des HBLS aufzunehmen, hat Heinrich Hedinger im Wanderatlas der Zürcher Jllustrierten Nr. 10A. Zürich Nord-West auch die Kirche ins Baugeschehen Ende des 16. Jahrhunderts aufgenommen!

«Pfarrhaus von 1591. Damals auch Kirchenbau und Einrichtung der ganzen Anlage zu einem militärischen Stützpunkt, daher Friedhofmauern mit noch sichtbaren Schießscharten.»

Nach dieser Lesart, die er später (z.B. im Heimatbuch über das Zürcher Unterland von 1971, vgl. unten Quelle 21) nicht mehr vertritt, ist die Kirche im Bühl bereits 1591 gebaut worden. Diese Ansicht ist nur von wenigen Autoren weiterverwendet worden, so 1964 in der Zeitung Volksrecht und durch Baldinger 1967/69 (vgl. WeiachBlog Nr. 1459, Abschnitte 16a und 17a, ganz am Schluss des Beitrags), die die Kausalkette aber umgekehrt darstellen und (zumindest in der Formulierung des Volksrechts) dadurch das Baujahr des Pfarrhauses offenlassen.

9) Hermann Fietz setzt auf Dändliker, 1943

Mit dem Architekten Hermann Fietz und seinem Band II der Reihe Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich über die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen, beginnt eine lange Reihe von Dändliker-Jüngern (zumindest bezüglich dessen «Kappelerkriege-Hypothese»):

«Das Pfarrhaus war 1591 erbaut worden und war mit festen Mauern umgeben, da es als militärischer Stützpunkt gegen die Grafschaft Baden und gegen Kaiserstuhl dienen sollte.» (Fietz, II, 144)

10) Paul Kläui folgt ebenfalls Dändliker, 1944

Auch Paul Kläui, eine unangefochtene Kapazität der Zürcher Geschichtsschreibung und für sorgfältige Quellenarbeit bekannt, übernimmt 1944 in der Chronik der Bezirke Bülach, Dielsdorf und Pfäffikon die Ansichten von Dändliker: 

«In diesem Jahr [1591, dem der Errichtung der selbstständigen Pfarrei] wurde ein Pfarrhaus erbaut und mit festen Mauern umgeben, da es in der Zeit der konfessionellen Spannung als militärischer Stützpunkt gegen Kaiserstuhl und die Grafschaft Baden dienen sollte.» 

Man sieht: auch sonst seriöse Historiker prüfen nicht jede Jahrzahl nach, was in diesem Fall in den Zürcher Ratsmanualen allerdings nicht schwierig gewesen wäre. Die Formulierung «ein Pfarrhaus» würde immerhin noch die Hintertüre öffnen, dass damit die Befestigung des ersten Pfarrhauses in der Chälen gemeint gewesen sein könnte. Daran dachte Kläui aber wohl nicht.

11)-15) Dändlikers These breiter Konsens bis 1971

Angesichts dieser von Autoritäten gegebenen Vorlagen war die 1591er-These bis anfangs der 1970er-Jahre sozusagen in Stein gemeisselt:

In «Heimatkundliches aus dem Zürcher Unterland» vertritt alt Postdirektor Emil Rüd 1945 dieselbe Ansicht: «Das damals [1591] erbaute Pfarrhaus war mit festen Mauern mit einem Torbogen umgeben und diente zugleich als militärischer Stützpunkt gegen allfällige Angriffe von Kaiserstuhl-Hohentengen her.» Das neue Element mit dem Torbogen zeigt, dass er die Literatur gelesen hat (v.a. auch die über den Abbruch des Tores im Jahr 1838, vgl. Memorabilia Tigurina von 1841).

Das Heimatbuch «Kanton Zürich» (Band I) aus dem Jahre 1948 von Paul Kläui, Emanuel Dejung und Werner Ganz kopiert 1:1 die Version von 1944: «In diesem Jahr [1591] wurde ein Pfarrhaus erbaut und mit festen Mauern umgeben, da es in der Zeit der konfessionellen Spannung als militärischer Stützpunkt gegen Kaiserstuhl und die Grafschaft Baden dienen sollte.»

Das «Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952», erschienen 1953, an dem Emanuel Dejung ebenfalls beteiligt war, notiert unter dem Eintrag von Pfarrer Johann Rudolf Erni (1637 bis 1659 Pfr. in Weiach): «dort entstand im Jahre 1658 eine große Feuersbrunst, bei der auch das Pfarrhaus abbrannte.» Und unter dem Stichwort «Baugeschichte» steht: «Bau einer neuen Kirche 1705, eines Pfarrhauses 1591.»

Marcel Hintermann schliesst sich dem in «Rund um Kaiserstuhl. Kaiserstuhl, Fisibach, Bachs, Weiach, Hohentengen, Herdern, Günzgen, Stetten, Lienheim» (erschienen im Selbstverlag, Oberglatt 1955) selbstverständlich an: «Das Pfarrhaus stammt aus dem Jahre 1591.» (Weiach: S. 40-44)

Auch Johann Jakob Ess setzt in seinem von der Zürcherischen Arbeitsgemeinschaft für Wanderwege ZAW im NZZ-Verlag herausgegebenen Führer Auf Wanderwegen im Zürcher Unterland, Rafzerfeld und Weinland auf die herrschende Lehrmeinung (1. Aufl., 1958; 2. Aufl., 1964): «Pfarrhaus von 1591.»

16) Nussberger/Schneiter auf den Spuren Hedingers, 1962

Die Neuausgabe des Heimatbuchs «Kanton Zürich. Heimatgeschichte und Wirtschaft. Neu bearbeitet und weitergeführt von Paul Nussberger und Eugen Schneiter. Bezirkschroniken des Kantons Zürich. Band V. Pfäffikon Bülach Dielsdorf» aus dem Jahre 1962 bringt gegenüber 1944 neben stilistischen Änderungen auch eine inhaltliche, wenn auch möglicherweise unbeabsichtigt: 

«Im gleichen Jahre (1591) baute man das Pfarrhaus, das mitsamt der Kirche und dem Kirchhof mit einer Mauer umgeben wurde. Man wollte dadurch eine Art militärischen Stützpunkt anlegen, und zwar zum Schutze des zürcherischen Gebiets gegen allfällige, im Gefolge religiöser Spannungen mögliche Angriffe aus der Gegend von Kaiserstuhl.» 

Die Formulierung des ersten Satzes erweckt den Eindruck, es sei 1591 ein Pfarrhaus gebaut worden und die (anscheinend bereits bestehenden Elemente) Kirche und Friedhof seien damals mit der Wehrmauer umgeben worden. Eine Interpretation, die sozusagen auf den Spuren von Hedinger 1937 wandelt. Und bemerkenswert angesichts des Umstandes, dass der Autor der 1944er Bezirkschroniken, Paul Kläui († 18. Juli 1964), zu diesem Zeitpunkt noch unter den Lebenden war.

Überdies erscheint der Begriff «militärischer Stützpunkt» – am Höhepunkt des Kalten Krieges – doch etwas dick aufgetragen.

17) Meierhofer-Nauer, 1963

Der damalige Weiacher Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer schrieb im Vorwort des Weiacher-Kies-Buches von 1963: «Das Pfarrhaus, 1591 erbaut, war mit festen Mauern und Torbogen umgeben. Es sollte als Stützpunkt gegen die Grafschaft Baden und gegen Kaiserstuhl dienen (Reformationskriege)». Er übernimmt damit die Ansichten des HBLS von 1934.

18) Volksrecht, 1964

Ein in der Zeitung Volksrecht erschienener Artikel über Weiach enthält eine Mischung aus Dändliker (vgl. oben Abschnitt 5) und Hedinger (vgl. oben Abschnitt 8):

«Als die Gemeinde im Jahre 1591 eine eigene Kirche erhielt, musste das Pfarrhaus fast wie eine Burg ausgebaut werden, weil seit den Kappeler Kriegen (1529 bis 1531) immer noch Ausfälle aus der Grafschaft Baden befürchtet wurden.»

Man kann die Formulierung so deuten, dass sich der Autor nicht auf ein Baujahr 1591 für das Pfarrhaus festlegt.

19) Maurer, 1965

Emil Maurer steht in seinem 1965 von der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde herausgegebenen Broschüre «Die Kirche zu Weiach» noch in der alten Tradition, hat also den Hinweis von Staatsarchivar Largiadèr auf das Ratsmanual 1591 (damals wohl noch im Pfarrarchiv liegend) nicht gekannt

«In den Zeiten der Konfessionskriege diente Weiach als Sammelplatz der Unterländer Truppen, da Zürich diesem «unserem Lande gefährlichen Pass» besondere Aufmerksamkeit schenkte. Daher wurde auch das Pfarrhaus befestigt.» (S. 7) und etwas weiter hinten: «[1591] wurde das Pfarrhaus erbaut und mit einer Mauer umgeben. Man wollte damit einen militärischen Stützpunkt anlegen zum Schutze des zürcherischen Gebietes gegen allfällige, im Gefolge der religiösen Spannungen möglichen Angriffe aus der Gegend von Kaiserstuhl.» (Maurer 1965, S. 8)

20) Baldinger 1967 u. 1969

Die Zeitung Die Tat vom 19. Januar 1967 war das erste von vier Presseerzeugnissen, das einen Artikel von Ernst Baldinger über Weiach unter dem völlig irreführenden Titel «Als Weiach die Badener fürchtete» veröffentlichte:

«Als Weiach 1591 seine erste Kirche bauen konnte, musste das Pfarrhaus fast burgartig angelegt und befestigt werden, weil seit den Kappelerkriegen von 1529 und 1531 noch immer Ausfälle aus der altgläubigen Grafschaft Baden befürchtet wurden.» (Die Tat, 19.1.1967, S. 4)

Im Gegensatz zur ähnlich gelagerten Passage im Volksrecht (vgl. oben Abschnitt 18) vermittelt Baldinger durch seine Formulierung den Eindruck, Pfarrhaus und Kirche seien samt Befestigung 1591 erbaut worden.

21) Hedinger 1971

Die zweite Fundstelle in der Heinrich Hedinger sich in gedruckter Form zu Weiach äussert (zur ersten vgl. oben Abschnitt 8) ist das Büchlein Das Zürcher Unterland (Reihe Schweizer Heimatbücher, Nr. 153. Verlag Paul Haupt, Bern 1971):

«Erst 1591 erfolgte die Einrichtung einer eigenen Kirchgemeinde. Damals wurde der Friedhof zu einem militärischen Stützpunkt ausgestaltet.»

Das Pfarrhaus erwähnt Hedinger gar nicht mehr. Lediglich den Friedhof. Allerdings in falschem zeitlichen Zusammenhang. Der Friedhof lag zu dieser Zeit – archäologisch nachgewiesen (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 120) – noch an seinem früheren Standort, bei der 1705 abgebrochenen Kirche im Oberdorf.

22) Zollinger findet Largiadèrs Hinweis und schwenkt um

Erst Walter Zollinger setzt 1972 in seiner Monographie «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1271-1971» all diesen (voneinander abgeschriebenen) Datierungen etwas entgegen, wenn auch fast unmerklich, nämlich dadurch, dass er erwähnt, es habe sich 1591 um den Ankauf eines bestehenden Hauses gehandelt.

Unklar ist, ob Zollinger annahm, beim damals erworbenen Pfarrhaus handle es sich um das heutige – oder ob er schon geahnt hat, dass sie nicht identisch sein können. Dazu äussert er sich nämlich überhaupt nicht:

«Erst am 23. Januar 1591, wohl auf wiederholtes Drängen hin, wurde durch Ratsbeschluss und «auf einer lieben, getreuen Gmeind Wyach im Neuampt unttertänig Bitten, Ansuchen und Erbieten...» Weiach zu einer selbständigen Pfarrei erhoben. Hans Felix Schörrli war deren erster Pfarrer. Es wurde ihm «ein kürzlich angekauftes Haus mit Umgelände als Pfrundlokalität» angewiesen. In einem Ratsmandat vom 17. März 1591 heisst es dazu: «Der Kauf um Mathys Schöüblis Haus zu Weyach, den neuen Pfarrer darein zu setzen, wird bestätigt. Es soll nach und nach dieses Haus, was die Notdurft erfordert, erbaut und verbessert und dem Prädikanten etwas Zinses daran jährlich zu geben auferlegt werden.»» (Zollinger 1972, S. 30)

Mit dem «Ratsmandat» ist das Ratsmanual (d.h. das Beschlussprotokoll von Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich) gemeint, entsprechend einem heutigen Regierungsratsbeschluss (RRB). Die zum letzten Zitat gehörende Anmerkung 37 lautet: «Wiederum nach Pfr. E. Wipf (im Pfarrarchiv Weiach).» Verwiesen wird damit auf die wohl von Pfr. Kilchsperger dem Dossier Wipf beigelegte Mitteilung Largiadèrs von 1934.

Nachwirkungen Dändlikers bis 1992

Mit Zollingers impliziter Falsifizierung von Dändlikers «Kappelerkriege-Hypothese» war die Mär vom Baujahr 1591 zumindest schwer angeschlagen, wenn nicht bereits erledigt. Aufgrund der schieren Menge an Publikationen der obgenannten teils renommierten Autoren wird sie natürlich auch danach noch über Jahre hinweg kolportiert.

23)  Kunstführer durch die Schweiz, 1975

So beispielsweise im Kunstführer durch die Schweiz, 6., durchges. Aufl., 1975 – Bd. 1, S. 845:

«Als militärischer Stützpunkt gegen die Grafschaft Baden und gegen Kaiserstuhl unter Einbeziehung des Pfarrhauses von 1591 und des Friedhofes vollständig neuerb. 1705-06 von Hans Casp. Werdmüller»

Diese Formulierung lässt den Schluss zu, dass der Friedhof bereits vor 1705 in der Nähe des Pfarrhauses lag, was nachweislich nicht der Fall ist.

24) VZGV-Jubiläumsschrift, 1981/1990 

Auch der Weiacher Gemeindeschreiber Hans Meier hat 1981 in seinem Beitrag für «Die Gemeinden im Kanton Zürich» (Jubiläumsbroschüre des Vereins Zürcherischer Gemeinderatsschreiber und Verwaltungsbeamter) eine Anleihe bei Dändliker gemacht. Man kann zumindest auf die Idee kommen, der Ausbau des Friedhofs zum militärischen Stützpunkt sei schon zu Zeiten der Kappeler-Kriege erfolgt, nicht erst 1705/06 im Vorfeld des Zweiten Villmergerkriegs:

«Mit der Grafschaft Kyburg kam Weiach 1424 zu Zürich. In den folgenden Zeiten der Konfessionskriege diente es als Sammelplatz der Unterländer Truppen. Deshalb wurde der Friedhof bei der Kirche zu einem militärischen Stützpunkt ausgebaut und auch das Pfarrhaus befestigt.» (Meier VZGV, 1./2. Aufl. 1981, 3. Aufl. 1990)

Der letzte Satzteil erweckt überdies den Eindruck, das Pfarrhaus sei separat zum Friedhof befestigt worden, wo es in Wahrheit integraler Teil der Gesamtanlage ist.

25) Wehrkirchen-Buch aus deutschem Verlag, 1983

Karl Kolb hat in seinem Werk Wehrkirchen in Europa. Eine Bild-Dokumentation, erschienen im Echter Verlag, Würzburg 1983, die Weiacher Kirche erwähnt:

«In Weiach ZH wurde sogar die alte Kirche abgerissen und 200 Meter weiter an einer taktisch günstigeren Stelle eine neue von dem Züricher Festungingenieur Hans Caspar Werdmüller errichtet. Zusammen mit dem Pfarrhaus von 1591 und dem Friedhof entstand so ein Fort. Von dieser Kirchenfestung des 18. Jahrhunderts zeugen noch die Schießscharten in der hohen Friedhofsmauer.» (Kolb 1983, S. 133)

Auch hier wieder die Interpretation, das Pfarrhaus sei bereits 1591 als solches erbaut worden. Vgl. dazu meine Besprechung dieses Buches aus dem Jahre 2006 in WeiachBlog Nr. 296.

26) Ein vierter Wanderführer, 1986

Nach Hedinger 1937 (vgl. oben Abschnitt 8) und Ess 1958 und 1964 (vgl. oben Abschnitt 11-15) legte Gottfried Bär 1986 eine fünfte, überarbeitete Auflage unter demselben Titel Auf Wanderwegen im Zürcher Unterland, Rafzerfeld und Weinland vor:

«Sehr bewegt ist die Geschichte des Ortes im Mittelalter. Später wurde er zum Truppensammelplatz, wovon noch heute die 1705/06 erstellte Wehranlage, die Friedhofmauer mit Schiessscharten, zeugt. Zu gleicher Zeit wurde die Kirche erbaut und mit dem Pfarrhaus von 1591 mit in die Anlage einbezogen.» (Bär, 5. Aufl., 1986)

Nicht nur die Mauer selber, sondern auch die in den Ecken derselben stehenden Gebäude (mit Ausnahme des 1857 erstellten Alten Gemeindehauses) weisen Schiessscharten auf. Bei der Pfarrscheune sind sie heute noch zu sehen. Immerhin hat Bär hier eine Formulierung gewählt, die die zeitlichen Verhältnisse korrekt darstellt. Einzige Ausnahme: das damals schon seit fast anderthalb Jahrzehnten überholte Baudatum 1591 für das Pfarrhaus.

27) Weiacher Schulklasse ignoriert Zollingers Chronik, 1989

Die jüngste Publikation, die noch das Baujahr 1591 für das Pfarrhaus kolportiert, ist in dem vom Pestalozzianum 1992 in Zürich herausgegebenen Band «Panorama Kanton Zürich. Schulklassen sehen ihre Gemeinde» (Hrsg.: Ch. Doelker) enthalten. Unter der Rubrik «H  Was wir auch noch zeigen wollten: Aussergewöhnliches, anders als anderswo.» steht da auf S. 199 unter dem Titel «Schiessscharten in der Friedhofmauer» u.a. folgender Text:

«Die neue Kirche von Weiach wurde 1706 aus militärischen Gründen neben dem Pfarrhaus von 1591 erbaut. Die Friedhofmauer mit ihren Schiessscharten diente zusammen mit der Kirche, dem Pfarrhaus und dem Pfarrschopf als "Burg".»

Auch die Weiacher 5./6. Klasse des Jahrgangs 1989 unter dem Lehrer Claudio Bernasconi von der dieser Beitrag stammt, hat das Pfarrhaus noch mit dem von Vogel eingebrachten Baujahr belegt. Das Baujahr der Kirche und die aus dem Textzusammenhang hervorgehende Einordnung der Wehranlage am Beginn des 18. Jahrhunderts hingegen folgen den heutigen Erkenntnissen. Dass die Pfarrscheune explizit als Teil der Fortifikation genannt wird zeichnet diese Wortmeldung besonders aus.

Allerdings muss man leider festhalten, dass Zollingers Chronik (vgl. oben Abschnitt 22) offensichtlich nicht gelesen und rezipiert worden ist. Ja, man muss sogar annehmen, dass kein Exemplar in der Schulbibliothek auflag. Wahrscheinlich in der Meinung, dass 1972 ja jeder Weiacher Haushaltung ein Exemplar zugestellt worden sei, bzw. der Gemeindeschreiber den Neuzuzügern bei der Aushändigung des Schriftenempfangsscheins eins in die Hand gedrückt habe.

28) Kantonale Denkmalpflege auf HBLS-Pfaden, 1995

Nach 1992 scheint keine Publikation mehr das Baujahr 1591 zu verwenden (vgl. den Nachtrag am Schluss dieses Beitrags). Dafür wurde nun das Ersatzjahr aus dem Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz herangezogen, wie man am Bericht der Zürcher Denkmalpflege für die Jahre 1983 bis 1986 sieht (publiziert im Jahre 1995):

«WEIACH - BÜELSTRASSE 17
Reformiertes Pfarrhaus Vers. Nr. 245
Das Weiacher Pfarrhaus dürfte zu Beginn des 18. Jh. als dreigeschossiger Massivbau neu erstellt worden sein. 1838 wurde der nordöstlichen Traufseite ein zweigeschossiger Anbau in Mischbauweise angegliedert, welcher unter anderem zur Unterbringung des Aborts diente; gleichzeitig erfolgte ein Waschhausneubau. 1983 Fassaden‑ und Dachrenovation. 1987 trat der Kanton die Liegenschaft an die reformierte Kirchgemeinde Weiach ab.

Literatur: Kdm Kt. ZH, Bd. 2, S. 144; ‑ W. Zollinger, Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271‑1971, Weiach 1971, S. 30.» 

(ZÜRCHER DENKMALPFLEGE: 11. BERICHT 1983‑1986. Kanton Zürich und von der kantonalen Denkmalpflege betreute Objekte in den Städten Winterthur und Zürich, S. 196)

Man sieht, dass die Fachexperten Zollingers 1972 publizierte Erkenntnisse sehr wohl rezipiert haben, jedoch in Ermangelung besserer Daten einstweilen eine vorsichtige Annäherung an die vom HBLS 1934 genannte Bauzeit vorgenommen haben.

29) Kunstführer durch den Kanton Zürich, 2008

Die aktuellste Ausgabe des Kunstführers durch die Schweiz (Bd. 1 von 2005) erwähnt das Weiacher Pfarrhaus nicht mehr. Wohl aber der davon abgeleitete, 2008 publizierte Kunstführer durch den Kanton Zürich. Dort findet man auf S. 249 die folgenden Zeilen zum Pfarrhaus:

«BÜHLSTRASSE Nr. 17, ref. Pfarrhaus. Erb. 1564d als Wohnhaus, seit 1594 Pfarrhaus; Umbauten 18./19. Jh.; Aussenrenov. 1997.»

Hier wird erstmals in der gedruckten Literatur eine Datierung des Pfarrhauses vor der Einrichtung der selbstständigen Pfarrei vorgenommen! Eine dendrochronologische Analyse des Dachstuhls hatte inzwischen 1564d ergeben, d.h. ein Baujahr zwischen 1564 und 1566, wenn man von der früher üblichen Praxis ausgeht, frisches oder erst vor kurzem dem Wald entnommenes Holz zu verbauen.

Warum in diesem Kunstführer die Strassenbezeichnung auf hochdeutsch umgepolt werden musste, ist völlig unverständlich. Zumal der am Kunstführer durch den Kanton Zürich beteiligte Roland Böhmer bei der Kantonalen Denkmalpflege tätig ist (1995 hat die gleiche Behörde das nämlich noch richtig hinbekommen; vgl. vorstehenden Abschnitt 28).

Fazit

Eingangs habe ich die Baujahrdaten 1564, 1658 und 1707 erwähnt. Nach aktuellem Stand der Erkenntnisse ist aufgrund einer Dendrodatierung des Dachstuhls das älteste der genannten Jahre anzunehmen. Es bleibt zu hoffen, dass der Kunstführer durch den Kanton Zürich zumindest bezüglich des Baujahrs des heutigen Pfarrhauses breite Rezeption findet. Das seit Vogel 1845 kursierende, nachweislich falsche Baujahr 1591 muss nun wirklich nicht weiter durch die Literatur geistern.

Gleiches gilt für die zeitliche Einordnung der Wehrbauten. Die Einordnung an den Beginn des 18. Jahrhunderts hatte lange Jahre Konkurrenz durch die Kappelerkriege-Hypothese Dändlikers, der auch gleich den Anlass dafür präsentierte. Nach heutiger Lesart war der Anlass 1705 die (nach Ansicht des damaligen Pfarrers) zu kleine Kirche im Oberdorf.

Und so kann man nun mutmassen, dass dort entweder der Platz für eine grössere Kirche nicht verfügbar war, oder man unabhängig davon den Wunsch hatte, die Kirche neben dem bereits bestehenden Pfarrhaus im Büel platziert zu sehen. Zu welchem Zeitpunkt der Entscheid für die fortifikatorischen Elemente getroffen wurde (nach der Wahl des Bauplatzes oder schon vorher), ist eine offene Frage.

Die martialische Mauer mit Schiessscharten, die heute noch die Besonderheit des Weiacher Kirchenbezirks ausmacht, wird von etlichen Autoren (auch aufgrund von Dändlikers Hypothese) dem heutigen Pfarrhaus schon für das ausgehende 16. Jahrhundert zugeschrieben. Auch das ist nach wie vor eine offene Frage, wie dieses «mit festen Mauern umschlossen» (Vogel 1845) konkret ausgesehen hat.

Hinweis: Die Diskussion der Frage, ab wann das Gebäude Büelstrasse 17 tatsächlich zum Pfarrhaus wurde, bereits 1594 (wie vom Kunstführer durch den Kanton Zürich behauptet), oder erst später, ist einem kommenden WeiachBlog-Beitrag vorbehalten.

Nachtrag vom 19. Januar 2020, 17:30

Der vorstehende Beitrag bespricht die gedruckte Literatur. Der Vollständigkeit halber sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass der Autor dieser Zeilen selber im Jahre 2000 das heutige Pfarrhaus mit dem 1591 angekauften verwechselt hat:

«Das Pfarrhaus kam 1591 in den Besitz der Zürcher Regierung und wahrscheinlich gehörte schon eine Scheune dazu.» (Weiacher Geschichte(n) Nr. 4, Gesamtausgabe S. 6. Publiziert in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), März 2000).

Einige Jahre später war dann klar, dass es zwei Pfarrhäuser gegeben haben muss:

«Das Pfarrhaus wurde im Jahre 1591 von der Zürcher Regierung gekauft, um den ersten in Weiach ansässigen Pfarrer dort einzuquartieren. Man plante, das Haus nach und nach zu renovieren. Das heutige Pfarrhaus ist also entweder älter (es gibt Dachbalken von 1564!) oder doch erst aus den Jahren 1706/07. Um 1650 soll es nämlich einmal abgebrannt sein. Die Frage des Alters dieses Hauses ist aber nach wie vor ein ungelöstes Rätsel.» (Weiacher Geschichte(n) Nr. 89, Gesamtausgabe S. 330. Publiziert in Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), April 2007).