Sonntag, 3. April 2016

Als man Telephone noch suchen musste

Auto und Telefon-Anschluss. Was seit den 1970er-Jahren so ziemlich bei jedem Schweizer Haushalt zum Standard wurde, war es in der Zwischenkriegszeit noch längst nicht. Da hatten viele noch kein Telefon.

Wenn man telephonieren musste ging man z.B. auf das PTT-Bureau. Damals gab es beim Staatsbetrieb Post-, Telefonie- und Telegrafie-Dienstleistungen noch aus einer Hand.

Wichtige Amtsstellen, Ärzte, öffentliche Einrichtungen und dergleichen verfügten allerdings bereits vor mehr als 80 Jahren über ein eigenes Telephon, wie man dem Gemeinderatsprotokoll entnehmen kann:

«Dem Gesuche des Polizisten Müller um einen Beitrag im Betrag von Frk. 10.- aus der Gemeindekasse für die Telephoninstallation im Schulhause wurde entsprochen.» (Protokoll vom 7. Mai 1928)

«Lt. Mitteilung der Telephonzentrale ist nun von jetzt an, das Telephon bei Bütler zum Wiesenthal den ganzen Sonntagnachmittag ohne Extraentschädigung offen, dagegen muss der Empfänger eines Telephons dem Ueberbringer Bütler eine Entschädigung von 50 Rp. zahlen.» (Protokoll vom 14. Juni 1930)

Ohne Extra-Entschädigung hiess, dass der vom Restaurant Wiesental aus Telefonierende die auflaufenden Gebühren zu zahlen hatte.

Zu bedenken ist, dass 50 Rappen damals noch ziemlich viel Geld war. Legt man den Landesindex mit Basis 1914=100 zugrunde, dann ergibt sich für 1928/1930 ein Mittelwert von 160, wobei heute mit 1025 gerechnet werden kann. Nimmt man also einen Faktor 9.65, dann erhält man - konservativ gerechnet - in etwa die Höhe der heutigen Entschädigungen. Der Botengang wurde also mit einem Fünfliber verrechnet.

Nicht berücksichtigt ist dabei, dass die Löhne zu damaligen Zeiten wesentlich tiefer lagen als die heutigen. Zumal auf der Landschaft, wo viele Aspekte des täglichen (Über-)Lebens noch auf Selbstversorgung basierten.

Quelle
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934 [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]

Donnerstag, 10. März 2016

Hochwasserzonen-Debakel? Vom Umgang mit seltenen Ereignissen

Im Februar vor 50 Jahren führten die Bäche im Dorf Hochwasser, was sich u.a. an einer Überschwemmung der Stadlerstrasse äusserte (vgl. den Beitrag zum 29. Februar 2016). Nun war das ein relativ harmloser Fall, wie er immer wieder einmal auftritt. So auch nordöstlich des Dorfes, wo der Winzelnbach, der zwischen Wörndel und Ebnet hinunterkommt, ab und zu die Hauptstrasse Basel-Winterthur unter Wasser setzt.

Amtliche Gefahrenkarten ziehen hingegen Ereignisse ganz anderen Kalibers in Betracht. Solche, die sehr selten auftreten, dafür aber umso verheerendere Konsequenzen zeitigen können. Auch wenn Mülibach und Sagibach eingedolt sind und sich schon Jahrzehnte für den durchschnittlichen Einwohner der Gemeinde nicht mehr bemerkbar gemacht haben, so gefährden sie dennoch auch heute noch die Gebiete, die sie schon immer durchflossen haben. Und zwar dann, wenn die Einlassbauwerke verstopft werden und die Wassermassen sich einen neuen Weg suchen, dem Strassenverlauf entlang.

Dierikon kann auch in Weiach liegen

Kann bei uns nicht passieren, denken Sie? Das Unwetter-Drama von Dierikon LU zeigt, wie es auch laufen kann.

Vor weniger als einem Jahr, anfangs Juni 2015, wurden eine Frau und ihre Tochter im Keller eines Mehrfamilienhauses von den Wassermassen überrascht und ertranken (vgl. den Blick-Artikel vom 7. Juni 2015 ). Dierikon liegt im Rontal, demselben Tal, durch das die Bahnlinie von Zug über Rotkreuz nach Luzern führt und wo man etwas weiter südwestlich den langgezogenen Rotsee findet (ideales Gewässer für Ruderregatten).

Die Verhältnisse in Dierikon (mit dem Götzental-Bach, der die Toten auf dem Gewissen hat) sind nicht viel anders als in Weiach. Der Talboden liegt dort fast genau gleich hoch (etwa 400 m ü M) und die höchsten Höhen nur etwa hundert Meter höher als bei uns. Das Einzugsgebiet des Baches ist vergleichbar mit dem des Sagi- oder Mülibaches. Wenn sich nun über Weiach die Himmelsschleusen öffnen und sintflutartige Regenfälle über dem südlichen Gemeindegebiet niedergehen, dann kann so ein Jahrhundertunwetter wie im Luzernischen auch bei uns schnell passiert sein - und die Folgen dürften denen in Dierikon durchaus ähneln.

Gefahrenkarte Rafzerfeld zeigt das Problem

Als ich im selben Sommer 2015 die in öffentlicher Planauflage auf der Gemeindekanzlei Weiach einsehbare, im Auftrag des Kantons Zürich erstellte Gefahrenkarte gesehen habe, da war mir rasch klar, dass es in dieser Angelegenheit noch grössere Probleme geben würde. Genau dort, wo die mit dem blumigen Namen «Rheinblick» vermarktete Überbauung zwischen Bahndamm und Hauptstrasse Nr. 7 geplant ist, zeigt die Gefahrenkarte nämlich einen grossen roten Fleck! Und rot bedeutet in diesem Fall die Gefährdung durch eine Überschwemmung.



Hätten diese Gefahrenkarten schon 2012 vorgelegen, dann wäre der Gemeinde wohl nicht nur Kulturland erhalten geblieben. Nein, sie hätte sich auch noch um Ausgaben in sechs- bis siebenstelliger Höhe drücken können. Die sind nun wohl unausweichlich, denn dort wo der Baulöwe aus Bülach gemäss rechtsgültiger Baubewilligung seine Eigentumsblock-Billigwohnungen hinklotzen darf, liegt eben besagter roter Tolggen. Wegen dem Bahndamm staut sich das Wasser dort am tiefsten Punkt. Und die geplante Tiefgarage der Überbauung würde volllaufen. Wie in Dierikon.

Auch der alte Dorfkern profitiert

Wenn sich nun der Gemeindepräsident gegenüber der Zeitung «Zürcher Unterländer» darüber verärgert zeigt, «dass wir nun wegen eines Worst-Case-Szenarios für ein Ereignis, welches ein Jahrhundert- oder gar Dreijahrhundertunwetter darstellt, vielleicht mehrere Hunderttausend Franken ausgeben müssen», dann muss man sich schon fragen, ob sich die Gemeindeväter (Frauen hat es nach wie vor keine im Gemeinderat) ernsthaft um die Sicherheit ihrer Einwohner kümmern.

Wie das Beispiel Dierikon zeigt, kann ein solches Extremereignis jederzeit eintreten. Und es wird sogar wahrscheinlicher, weil die Extremereignisse aufgrund des Klimawandels nach allen verfügbaren Statistiken im Zunehmen begriffen sind - und sei es nur, weil heutzutage an Orten gebaut wird, wo es unseren Vorfahren nicht im Traum eingefallen wäre, ein Wohnhaus hinzustellen.

Wie man der Gefahrenkarte entnehmen kann würde auch die Chälen und/oder das Oberdorf mit bis zu 25 cm Wasserhöhe überschwemmt, weil die entsprechenden Eindolungen heutigen Ausbaustandards das viele Wasser schlicht nicht würden schlucken können und es sich deshalb den oberirdischen Weg der Strasse entlang suchen wird.

Und wenn man sich die händeringenden Erklärungsversuche des Dieriker Gemeindevorstehers angehört hat, dahingehend, dass man dort eigentlich hätte Massnahmen ergreifen wollen, sie dann aber aus finanziellen Gründen vertagt habe, dann möchte man in Zukunft nicht in der Haut seines Weiacher Pendants stecken, wenn es dereinst in der Rheinblick-Tiefgarage Tote geben sollte. Deshalb: nicht lamentieren, sondern umsetzen.

Quellen

[Veröffentlicht am 28. April 2016]

Montag, 29. Februar 2016

Februarwetter 1966: der Müliweiher überläuft

Zum Zeitpunkt der Niederschrift der Jahreschronik 1966 (d.h. im Sommer 1967) war deren Verfasser Walter Zollinger bereits seit über 5 Jahren pensioniert. Als seit 1919 in der Funktion des Dorfschullehrers mit dem täglichen Leben eng Verbundener ist ihm natürlich auch die Weltsicht der damals noch zahlreichen Landwirte immer vor Augen gestanden. Und so überrascht es nicht, wenn die nach Monaten geordneten Darstellungen über Witterung und Wetter auch immer wieder landwirtschaftliche Bezüge bis hin zu Bauernregeln enthalten. So auch in diesem Abschnitt zum Wetter vor 50 Jahren:

«Februar:
"Scheint an Lichtmess die Sonne heiss,
so kommt noch recht viel Schnee & Eis."

Im Gegensatz zu obigem Drohverslein brachten die ersten Februartage Nebel, Bewölkung und sogar leichten Niederschlag, sodass also nicht mehr zu "viel Schnee und Eis" kommen sollte. Ab dem 4.2. meist am späten Vormittag oder an Nachmittagen leicht sonnig. Dies aber nur während weniger Tage. Am 8. und 9.2. herrscht stürmischer Wind mit scheusslichem Regenwetter. "Der Mühleweiher überläuft, sodass ein richtiger Bach die Mühlewiese herab und über die Landstrasse fliesst und es bei jedem durchfahrenden Auto hochauf spritzt. Der Bach hinter der Mühle und den Oberdorfhäusern rauscht ebenfalls mächtig dahin." Die nächste Zeit bis zum 24. Februar bringt wechselvolles Wetter; bald etwas aufhellend zu kurzen, angenehmen Nachmittagsstunden, bald wieder Hochnebel, wolkig, bedeckt und gar leicht regnerisch, auch hie und da etwas Wind. Es ist nie richtig kalt, fast immer nahe bei 0°. Erst der 25.2. bringt einen Morgenreif, nachher aber auch eine angenehm milden Vor- und Nachmittag, der 27.2. nach Morgennebel einen sehr schönen, warmen Nachmittag: "ein richtiger Frühlingstag", steht in meinem Tagebuch, "Schneeglöcklein, Totenblümchen und Gartenprimeli blühen bereits."

Höchsttemperaturen morgens +9°, mittags +11°, abends +10°
Tiefsttemperaturen morgens -4°, mittags +2°, abends -1 1/2°.
»

Alles in allem also ein ziemlich milder Horner, den die Weiacherinnen und Weiacher da vor einem halben Jahrhundert erleben durften.

Eindeutige geistige Verortung

Aus obiger Beschreibung ersieht man übrigens unschwer, wo der Chronist sich geistig verortet hat. Nämlich vis-à-vis des heutigen Ortsmuseums an seinem physischen Lebensmittelpunkt in der Liegenschaft Müliweg 4 (an dem Punkt, wo die Stadlerstrasse in die lange Gerade bis zum VOLG hinunter übergeht). Von dort aus gesehen verläuft das (heute «Mülibach» genannte) Bächlein nämlich hinter der Mühle. Ab da wird dieser Bach unter den Boden verbannt - und erst nach der Vereinigung mit dem Sagibach und ennet der Hauptstrasse Nr. 7 (westlich des Aussiedler-Hofes Im Eschter) wieder freigelassen.

Von welchem Weiher ist die Rede?

Der Beschreibung des überlaufenden Mühleweihers kann man entnehmen, dass es sich bei dem Mühleweiher, den Zollinger in seinem Chronikeintrag meint, nicht um den handelt, der heute gemeinhin mit diesem Namen bezeichnet wird (auf dem untenstehenden Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung rechts im Bild). Mit dem überlaufenden Weiher kann nur der südwestlich der Stadlerstrasse gelegene, gemäss regierungsrätlicher Bewilligung von 1861 erstellte kleine Weiher (links im Bild; 409 m ü M) gemeint sein.

Dessen Zuleitung verlief früher unter der Stadlerstrasse hindurch und dann noch zu Zeiten des Chronisten Zollinger (vgl. Landeskarten) in einem offenen Kanal. Der Wasserspiegel des Weihers beim Bifig (414 m ü M) und der Verlauf des Mülibachs liegen jeweils deutlich unter dem Strassenniveau. Entweder ist das Wasser also auf der Höhe des heutigen Müliwis-Hofes auf die Strasse geflossen oder (was aufgrund der Schilderung Zollingers wahrscheinlicher ist) über den Überlauf des Weihers in nördlicher Richtung, dort wo heute die neue Bushaltestelle liegt.



Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 2-3. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 28. April 2016]

Sonntag, 28. Februar 2016

Nationalkonservatives Bollwerk im Nordwesten

Bachs, Stadel, Weiach. Die drei nördlichsten Gemeinden des Bezirks Dielsdorf haben sich am heutigen Abstimmungssonntag erneut als Bollwerk nationalkonservativer Grundhaltungen erwiesen.

Durchsetzungsinitiative

Dem Stahlgewitter an Informationen, hochemotionalisierten Meinungen und Propaganda gegen die sogenannte «Durchsetzungsinitiative» (DSI), das in den letzten zwei Monaten über alle medialen Kanäle auf die Stimmberechtigten herniederprasselte zum Trotz: die Weiacher haben mit 62.3% Ja zur DSI gesagt (348 Ja zu 211 Nein).

In dieser Deutlichkeit ist das Resultat auf kommunaler Ebene auch im Zürcher Unterland erstaunlich, wie man auf der Website des Statistischen Amts des Kantons Zürich sehen kann. Bachs, Stadel und Weiach stechen bei dieser Darstellung richtiggehend heraus (Stand um 13:07 MEZ):



Nachtrag: Um 15 Uhr waren auch die Bülacher Stimmzettel ausgezählt. Der Bezirkshauptort ist gleich gefärbt wie Eglisau (rund 40 % der Stimmenden befürworten dort die DSI).

Vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung

Mit über 61% ist die Stimmbeteiligung in Weiach zwar nicht gar so hoch wie vor den Toren der Stadt Zürich in Uitikon (mit fast 80%) oder im Weinländer Truttikon (über 82%). Aber auch das liegt im Rahmen des langjährigen Erfahrungsbereichs. Weiach hat traditionell eine vergleichsweise tiefe Stimmbeteiligung. Und an dieser Stimmabstinenz-Tendenz scheinen auch die in den letzten beiden Jahren neu Zugezogenen nicht viel zu ändern.

Stadt-Land-Graben wird sichtbar

Dass der Stadt-Land-Gegensatz auch in u‪nserer nächster Umgebung offen zutage tritt, sieht man beim Blick über die Grenze: Im Städtchen Kaiserstuhl liegen die Verhältnisse fast genau umgekehrt. Dort wurde die DSI mit 112 gegen 52 Stimmen bachab geschickt: 31.7% Ja. Wenig mehr Ja-Stimmen finden sich auch im ebenso kleinen Städtchen Regensberg: 36.4%.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei der Initiative «Für Ehe und Familie», wo es um die sogenannte «Heiratsstrafe» ging: Regensberg 39.3% Ja, Kaiserstuhl 47.1 % Ja, Weiach 56.7% Ja. Auch hier verläuft ein Graben zwischen konservativem Gedankengut (der Initiativtext hätte die Ehe auf Verfassungsstufe als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert) und eher progressiven Strömungen, die  eine unabhängig vom Zivilstand vorgenommene Individualbesteuerung anstreben.

Sonntag, 31. Januar 2016

Januarwetter 1966: extrem kaltes Intermezzo

Über die Weihnachtstage 1965 gab es in Weiach keine Spur von Schnee - und das Jahresende war insgesamt trüb und unfreundlich, wie Walter Zollinger in seiner Jahreschronik schreibt (vgl. WeiachBlog vom 31. Dezember 2015). Mit diesem Wetterregime ging es vorerst weiter:

«Januar: Die ersten paar Tage des neuen Jahres versprechen noch keine Besserung gegenüber dem Jahresschluss 1965, immer noch zeitweise "miserables" Regenwetter, z.T. mit stürmischen Winden. Erst ab dem 5.1. kommt es besser, kälter (-5° am Morgen), dafür aber einige sonnige Tage. Endlich, mit dem 11.1. zieht der richtige Winter ein: ca. 10 cm Schnee, sodass der Pfadschlitten fahren muss, anhaltende Kälte (-11°, -13°, -15°, -17°), sowie nochmalige Schneefälle & meist tagsüber Hochnebeldecke bis zum 22. Januar. Jetzt steigt die Temperatur auffallend auf 0°, +5° sogar und es setzt Regen ein. "Wohlbekomms -- bei diesen Schneemengen gibt's eine schöne Ordnung auf Strassen und Plätzen!" meldet mein Notizbuch. Die letzten Januartage bleiben unfreundlich oder sogar oftmals regnerisch & die Temperaturen beständig etwas über 0°C., sodass natürlich aller Schnee längst weggewischt worden ist.

Höchsttemperaturen morgens +7°, mittags +10°, abends +8°
Tiefsttemperaturen morgens -17°, mittags -10°, abends -19°

Die M.Z.A. meldet vom Januar (summarisch gesehen): "Im Witterungsablauf erkennen wir drei voneinander sehr verschiedene Abschnitte: einen etwas zu milden Beginn bis zum 8., gefolgt von einem sehr kalten Mittelteil bis etwa zum 20. und ein mildes Schlussdrittel. Die ersten drei Januartage brachten mildes Westwindwetter, wobei anlässlich eines Kaltfrontdurchganges am 1. sogar Gewitter auftraten; Sturmböen erreichten am 1. und 2. Spitzenwerte von 100 Stundenkilometern im Mittelland."
»

Mit der «M.Z.A.» ist die «Meteorologische Zentral-Anstalt» am Zürichberg gemeint, eine Bundesinstitution mit langer Geschichte.
Die heute kurz «MeteoSchweiz» genannte Organisation wurde 1881 als «Schweizerische Meteorologische Zentralanstalt» (MZA) in Zürich gegründet. 1979 erfolgte die Umbenennung zu «Schweizerische Meteorologische Anstalt» (SMA). Und 2000 eine weitere Neubenennung zum heutigen «Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie». Im Jahre 2014 ist dessen Hauptsitz vom Zürichberg ins Operation Center 1 am Flughafen Zürich umgezogen.

Abgesehen von der wirklich bissigen Kälte zwischen dem 11. und 22. Januar war dies - über das Ganze gesehen - ein für weiacherische Verhältnisse doch recht üblicher Januar.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 2. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].
[Veröffentlicht am 13. April 2016]

Donnerstag, 21. Januar 2016

Holzlager muss weg: unzulässiger gesteigerter Gemeingebrauch

Gesteigerter Gemeingebrauch. So sagen Juristen dem Umstand, dass jemand mehr als den üblichen Umfang von einem Gemeingut beansprucht. Also beispielsweise kubikmeterweise Wasser aus einem öffentlichen Gewässer abpumpt, um damit seine Felder zu bewässern. Da und dort eine Spritzkanne aus dem selben Gewässer zu entnehmen, das hingegen fällt noch nicht unter diese Definition (vgl. dazu diese Vorlesungsfolien aus dem Rechtswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich).

Um so einen Fall «nicht mehr bestimmungsgemässer oder gemeinverträglicher» Nutzung öffentlichen Grund und Bodens handelte es sich vor bald 90 Jahren, als der Weiacher Gemeinderat folgendes Geschäft bearbeiten musste:

«Von Wegknecht Meierhofer wurde die Anzeige gemacht, dass Nepfer Albert trotz erfolgter Mahnung immer noch Holz bei seinem Hause auf Gemeindeeigentum abgelagert habe. Wurde beschlossen Nepfer Albert aufzufordern, dass er genanntes Holz innert 10 Tagen auf dem Gemeindegebiet zu entfernen habe.» (Sitzung vom 27. Juli 1929, Geschäft 5)

Nepfer sah das wohl etwas anders. Für ihn war dieses Holzlager wahrscheinlich nur «schlichter Gemeingebrauch» und damit gemeinverträglich.

Quelle
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934, S. 77. [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]

Mittwoch, 20. Januar 2016

Wann wurden die Strassen durchs Dorf geteert?

Für die Ausgabe 2016 der Weiacher Ortsgeschichte (vgl. WeiachBlog vom 4. Januar 2016) habe ich mich vertieft mit den Orts- und Strassennamen beschäftigt. Dabei ist mir im Artikel «Staubplage, Hahnenzins und freilaufende Hühner. Womit sich der Gemeinderat vor acht Jahrzehnten herumschlagen musste» (Weiacher Geschichte(n) Nr. 110; erstmals publiziert vor 7 Jahren) ein Interpretationsfehler aufgefallen. Und zwar in den Abschnitten, wo es um die Strassen geht.

Was ist eine Hauptstrasse?

Mit den «Hauptstrassen durch das Dorf» (wie der Gemeinderat sie vor rund 85 Jahren in seinen Protokollen nennt) sind nicht - wie im Januar 2009 (WG(n) 110, S. 443-445) fälschlicherweise angenommen - die Chälenstrasse und die Oberdorfstrasse gemeint. Darunter verstanden die Weiacher zur damaligen Zeit wohl eher die Staatsstrasse am Gasthof Sternen vorbei (Kaiserstuhler-/Glattfelderstrasse, d.h. die heutige Hauptstrasse Nr. 7) sowie die Stadlerstrasse.

Dass dem so ist, erschliesst sich aus den Gemeinderatsprotokollen selber (vgl. WG(n) 110), heisst es da doch, dass «betr. Linderung der Staubplage die Strassenstrecke von der Linde bis Mühle Funk» mit Sulfitlauge bespritzt werden solle. Die direkte Verbindung zwischen diesen beiden Punkten (Restaurant Linde, Stadlerstr. 16 bis auf die Höhe der Mühle, Müliweg 7) ist die heutige Stadlerstrasse. Die Sulfitlaugen-Methode wurde übrigens bis in die 60er-Jahre hinein praktiziert, wie vom ehemaligen Weiacher Gemeindeschreiber Hans Meier-Forster zu erfahren war (Telefongespräch am 19.1.2016).

Die obgenannten Strassenzüge dienen dem überregionalen Verkehr und werden daher heute komplett durch den Kanton unterhalten (Winterdienst inklusive). Zur damaligen Zeit musste die Gemeinde immerhin noch für den Winterdienst sorgen (vgl. WeiachBlog vom 6. Januar 2016, Absteigerung auf Führen der beiden Pfadschlitten). Für Verbesserungen an diesen Strassen war zwar der Kanton zuständig, zog zur Finanzierung allerdings die Gemeinde mit nicht gerade kleinen Beiträgen heran. So geschehen 1930, als es um die vom Kanton geplante, erstmalige «Theerung» der Strasse zwischen dem Gasthof Sternen und der östlichen Gemeindegrenze (zu Glattfelden hin) ging.

Korrigierte Neuausgabe

Mit der fehlerhaften Interpretation verbundene Zuschreibungen im Artikel 110 sind korrigiert worden. So auch der Zwischentitel «Gemeindestrassen bitte auch teeren!», der jetzt «Stadlerstrasse bitte auch teeren!» lautet. Denn beim Thema Teerung ging es um Strassen, die heute der Kantonshoheit unterliegen.

Die eigentlichen Gemeindestrassen wurden erst Jahrzehnte später geteert. Alt Gemeindeschreiber Meier erinnert sich, dass bei seinem Amtsantritt sowohl die Chälen- wie auch die Oberdorfstrasse zumindest eine solche «Oberteerung» aufwiesen.

Und hier geht es zur korrigierten Version:
Weiacher Geschichte(n) Nr. 110, Ausgabe Januar 2016.

Dienstag, 19. Januar 2016

Beziehungsdelikt am Villenhang? Eine Medien-Analyse

In den letzten rund 50 Stunden ist - wieder einmal - ein medialer Wirbelsturm über die kleine Gemeinde Weiach hinweggefegt. Dutzende von Artikeln und sogar TV-Beiträge! Vom Tessin übers Welschland bis ins Fürstentum Liechtenstein und in den benachbarten Landkreis Waldshut. Und man kann sich denken, was auch diesmal die Ursache war. In solchen Fällen handelt es sich immer um spektakuläre Unglücksfälle und Verbrechen.



So sah der Teaser bei Blick Online aus. Wie es sich dort gehört: mit riesigen Buchstaben und emotionalisierender Schlagzeile.

Nur die Götter wissen mehr

Was sich am frühen Sonntagmorgen, dem 17. Januar 2016 um kurz nach vier Uhr an der Trottenstrasse 46 in Weiach genau abgespielt hat, das wissen die direkt Involvierten und sonst nur noch Gott selbst.

Und deshalb äussert sich WeiachBlog hier auch nur noch zu diesem Sekundäreffekt: den Medien-Wirkungen. Und nicht zum tragischen Ereignis als solchem.

Die forensischen Götter in Weiss glaubten mindestens einige der juristisch relevanten Details eruieren zu können, so dass die Staatsanwaltschaft bereits am Montagnachmittag bekanntgegeben hat, beim Täter handle es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um den Toten.

Verkürzung von Aussagen durch Medienschaffende

Und was machen die Medien daraus? Herausposaunt wurde heute Dienstag bei der Mehrheit, es handle sich um ein Beziehungsdelikt und der Tote sei der Täter gewesen. Punkt. Kein Wort davon, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.

Dieser (ernüchternde) Befund sagt viel darüber aus, wie Aussagen von Mediensprechern von den Adressaten interpretiert werden können. Und vor allem spricht es Bände über die Denkweise der Mehrheit der Medienschaffenden (und letztlich die Konsumgewohnheiten der Medienkonsumenten).

Differenzierungen liest man zwar in der NZZ oder in ein paar der seriöseren Regionalzeitungen. Der «Zürcher Unterländer» beispielsweise betont, diese These sei die «plausibelste Variante», die Untersuchungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen und zitiert zum Schluss Staatsanwalt Matthias Stammbach: «Es werden noch verschiedene Dinge geprüft. Am Schluss werden wir sagen können, ob wir unsere jetzige Version aufrechterhalten können.» Aber selbst der «Unterländer» titelt mit: Ex-Freund schoss auf Frau und richtete sich selbst (18.1.2016, 14:27). Ganz ähnlich die «Limmattaler Zeitung» (18.1.2016, 14:13).

Nach weniger als 5 Stunden ging es los

Doch zurück zum Sonntagmorgen: die offizielle Medienmitteilung der Kantonspolizei Zürich ist schon früh veröffentlicht worden, gemäss Mediendienst der KAPO «kurz vor 9 Uhr»:



Fast zur gleichen Zeit brachte 20 Minuten die Breaking News unter die Leute (vgl. den Zeitstempel, der 08:56 zeigt):



Woher auch immer eine der beiden grossen Pendlerzeitungen des Landes so früh an der Information dran war: die KAPO-News kann man als RSS-Feed abonnieren, was News-Redaktionen natürlich tun.
Um 09:14 stellte der Zürcher Unterländer seinen ersten Artikel zum Thema ein. Und spätestens als die Schweizerische Depeschen-Agentur sich des Themas annahm, war dessen Marsch durch die Medienlandschaft nicht mehr aufzuhalten.

Fischen nach Informationen: Videojournalisten auf der Pirsch

Dann erging sich der auf den Spuren des Grossaufgebots von Polizei und Gerichtsmedizin aufgefahrene Medientross in Spekulationen, wobei dem Blick in der Hitze des Gefechts schon einmal die Rechtschreibung unter das Eis ging (Link zum Artikel):



Das Schweizer Fernsehen brachte bereits in der Mittags-Tagesschau einen kurzen Beitrag:



Und selbst das auf die Ostschweiz spezialisierte Unternehmen TeleTOP (mit Sitz in Winterthur) schickte einen Video-Journalisten vor Ort, der dann nicht nur den an diesem Morgen Dienst habenden Sprecher der Kantonspolizei (vgl. deren Medienmitteilung oben) interviewte...



... sondern gleich auch noch einer Anwohnerin ein paar Statements entlocken konnte:



Am Sonntagabend war der Vorfall dann ziemlich weit oben in den News des Privatsenders:



Natürlich hat auch die Regionalzeitung Zürcher Unterländer dem Ereignis mehrere Teaser und die dazugehörigen Artikel gewidmet. Nachstehend der Hauptartikel vom Sonntag:



In der Gesamtschau wird überdeutlich, wie wichtig Bilder im «Medienzirkus» heutzutage sind. Deshalb sind sie diesem Beitrag in einer sonst für WeiachBlog unüblichen Dichte beigefügt worden.

Sonntag, 17. Januar 2016

Schlitteln auf Verkehrsstrassen verboten

Noch vor einigen Tagen herrschte so etwas wie Dauerherbst (vgl. den Kommentar eines unbekannten Zugreisenden im WeiachBlog vom 31. Dezember). Jetzt scheint aber auch in den tieferen Lagen der «richtige» Winter einzuziehen. Ob die herangeschneite Menge zum Schlitteln reicht, das wird sich weisen.

Gemeinderat greift ein

Immerhin gibt der Schnee den Anlass, ein paar Jahrzehnte zurückzuschauen, wie man dieses von mehrheitlich jungen Bevölkerungsschichten praktizierte winterliche Vergnügen damals behördlicherseite beurteilte. Nämlich so wie auf dem Bild:

«Um Unglück zu verhüten, soll durch den Weibel bekannt macht werden, dass das Schlitten [sic!] auf Verkehrsstrassen verboten sei.» (Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 21. Februar 1931, Traktandum 8)

Bekanntgabe durch den Weibel hiess damals: der gemeinderätliche Erlass wurde öffentlich ausgerufen.

Von irgendwelchen Hängen an der Fasnachtflue oder am Riemli ist bei diesem Verbot also nicht die Rede. Dort überliess der Gemeinderat die Angelegenheit den Grundeigentümern. Sein Machtwort galt nur bezüglich der befahrenen Strassen, auf denen Zusammenstösse entweder schon vorgekommen waren oder man zumindest befürchten musste, es werde dazu kommen.

«Absperren von Strassen und Wegen, Schlittelwege»

Wenn man sich die heute geltenden Vorschriften auf Gemeindeebene anschaut, dann findet man in der Polizeiverordnung aus dem Jahre 2010 (vgl. Link unter Quellen) unter dem gerade genannten Titel von Art. 37 lediglich eine indirekte Regelung:

«Das unberechtigte Sperren von öffentlichen Strassen, Fuss- und Waldwegen ist verboten. Der Gemeinderat kann befristete Ausnahmen bewilligen. Bei anderen Strassen bedarf es zusätzlich der Zustimmung der Eigentümer.» (Art. 37 PolVo Weiach 2010)

Es ist also heute offenbar nicht prinzipiell verboten, auf Gemeindestrassen zu schlitteln. Mangels Schnee ist das zwar seit Jahren kaum mehr ein Thema. Sollte es aber dereinst wieder einmal viel Schnee geben, bleibt es dem Gemeinderat unbenommen, eine Strasse für den Verkehr zu sperren, um dort das Schlitteln zu ermöglichen.

Wahrscheinlich kommt dafür höchstens die obere Sektion der Stockistrasse in Frage. An allen anderen genügend steilen, in Dorfnähe gelegenen Gemeindestrassen wohnen nämlich Anstösser, die (in Ermangelung einer Umfahrungsmöglichkeit) gar keine Freude an einem befristeten Fahrverbot hätten.

Schlittler mit Bauchbinde ist hochoffiziell

Abschliessend sei noch auf die bundesrechtliche Verankerung (und Quelle des obigen Bildes) hingewiesen, nämlich Art. 19 Abs. 4 SSV in der so genannten «Signalisationsverordnung». Dieser Absatz hält fest:

«Das Signal «Skifahren verboten» (2.15.1) untersagt das Fahren mit Skis jeglicher Art, das Signal «Schlitteln verboten» (2.15.2) das Fahren mit Schlitten jeglicher Art. Die Signale sind am Ende der winterlichen Verhältnisse zu entfernen.»

Das Bild oben ist damit hochobrigkeitlich festgelegt. Samt weisser Bauchbinde.

Quellen
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934, S. 161. (Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11)
  • Polizeiverordnung der Gemeinde Weiach vom 16. Juni 2010 (PolVo Weiach 2010).

Montag, 11. Januar 2016

Kantonspolizist schützt seine Informanten

Vor 85 Jahren gab es in Weiach zwar obrigkeitlich verordnete Ladenöffnungszeiten und Vorschriften für die Wirte. Die wurden aber offenbar nicht eingehalten, wie man dem Gemeinderatsprotokoll vom 10. Januar 1931 entnehmen kann:

«Lt. Schreiben von Polizist Müller dat. 6. Januar 1931 seien ihm in letzter Zeit verschiedene Klagen eingegangen, dass die Spezereiläden, Metzgereien, Bäckereien, etc. dem Gesetz betr. die öffentlichen Ruhetage und dem Gesetze betr. dem Ladenschluss an Werktagen allzuwenig Beachtung schenken und diese Gesetzesbestimmungen übertreten, ebenso, dass in den Wirtschaften die Bestimmungen der §§ 54 und 55 des Wirtschaftsgesetzes übertreten werden und ersucht die Behörde die Fehlbaren betr. genannten Uebertretungen zu wahrnen [sic!]. Gestützt auf vorstehendes Schreiben wurde beschlossen, Polizist Müller aufzufordern, dem Gemeinderat zuerst die Beschwerde führenden Personen zu nennen bevor die Verwahr[n]ungen erfolgen sollen.»

Entweder war es um die Glaubwürdigkeit dieses immerhin auf den Staat vereidigten Beamten nicht zum Besten bestellt. Oder der Gemeinderat war schlicht und einfach der Meinung, er müsse um die Identität der Informanten wissen, um eine Verwarnung auszusprechen.

Mit ihrem Ansinnen bissen die Gemeindeväter allerdings bei Müller auf Granit, wie man dem übernächsten Sitzungsprotokoll vom 31. Januar 1931 entnehmen kann:

«Lt Schreiben von Polizist Müller will er trotz Aufforderung die Beschwerdeführer betr. Uebertretung der Ladeninhaber, Bäckereien und Metzgereien sowie der Wirtschaften nicht nennen.»

Nun hätte man ja einfach eine Ermahnung an die Adresse aller Ladeninhaber und Wirte richten können. Aber der Gemeinderat hat die Angelegenheit wohl ad acta gelegt. So viel zum Thema «blinde Justitia».

Quelle
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934, S. 153-154 u. 156. [Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV B 02.11]