Sonntag, 30. Juni 2019

Am Sonntag in Eglisau «bym wyn gewesen»

Dass die Untertanen auf dem Land zu Zeiten des Ancien Régime Ende des 17. Jahrhunderts für sonntägliche Wirtshausbesuche gebüsst wurden, war auf WeiachBlog und in den Weiacher Geschichte(n) bereits Thema. Der Neuamts-Obervogt notierte die Bussen in seiner Rechnung 1692/93 (vgl. WeiachBlog Nr. 163, Link in den Quellen).

Auch im Kirchgemeindearchiv von Eglisau findet sich im Protokollband von 1683 ein Hinweis auf eine solche Übertretung eines Weiachers und die dazugehörende Busse, die ihm aufgebrummt wurde.

Den 19. tag maii a[nno] 1683 ward stillstand gehalten auf dem rathhaus.

Gerichtsbehörde war in diesem Fall der Stillstand, also die Kirchenpflege unter Vorsitz des Pfarrers, die sich 1683 insgesamt an sechs Tagen mit Verfehlungen in ihrem Sprengel auseinandersetzte. Im Mai standen insgesamt 9 Verfahren auf der Tagesordnung. Darunter das hier:

«Marx Keiser, Othmar Wirth, Heinrich Wirth küfer, item Heinrich Wirth wächter, Heinrich Gantner Caspar Husers schuhmachers knecht von Weyach, umb das sy am sontag bym wyn gewesen, wurdend in oberkeitliche buß erkennt und jeder per 10 ß sitzgelt angelegt

Das wären für diese fünf Schluckspechte dann also 50 Schillinge Gerichtsgebühr in die Kasse der Pflege.

Die Busse der hohen Obrigkeit (d.h. dem Landvogt auf dem Schloss am südlichen Brückenkopf auf der Seglinger Seite) erwartete die fünf erst noch. Aufzeichnungen dazu müssten sich – sofern noch vorhanden – im Bestand StAZH C III 6 (Landvogtei Eglisau) befinden.

Quellen

  • Staatsarchiv des Kantons Zürich (Hrsg.): Zürcher Stillstandsprotokolle des 17. Jahrhunderts online. Eglisau (Stillstand): Jahresprotokoll 1683. Signatur: StAZH TAI 1.328; ERKGA Eglisau IV A 1 a  S. 49.
  • Brandenberger, U.: Bussgeld für sonntägliche Wirtshausbesuche. WeiachBlog Nr. 163 v. 16. April 2006

Donnerstag, 27. Juni 2019

Mit der Ruhe des Landlebens ist es vorbei

Das Landleben wird - besonders von Städtern, deren es in diesem Land und weltweit immer mehr gibt - zuweilen arg romantisch verklärt. Ruhig sei es da, gute Luft habe es da. Grüne, schöne Landschaften. Befeuert werden die Vorstellungen noch durch Werbespots der Grossverteiler von glücklichen Hühnern, Kühen, etc.

Fakt ist aber: das Land ist nur noch wegen der Raumplanungsgesetzgebung und ihren Zonenplänen an gewissen Rückzugsorten tatsächlich noch Land. Zum Beispiel in Bachs (dank Schutzverordnung für das Bachsertal) und, wenn auch in wesentlich geringerem Masse, in Weiach.

Neuzuzüger scheinen das zuweilen zu vergessen. In ihrer Realität kollidieren die idealisierten Vorstellungen öfter mit dem landwirtschaftlichen courant normal. Immissionen aller Art, neben Lärm auch Gerüche der unangenehmen Art, gehören aber nun einmal zum Land. Da hat die Landwirtschaft ihr Reservat.

Reden nützt nichts...

Es gibt in Weiach nur noch wenige Bauern, die von ihrer Profession leben - man kann sie bald an einer Hand abzählen. Und deshalb prallen auch und gerade in Weiach an den Schnittstellen Welten aufeinander.

Dieser Kulturkampf zwischen Städter und Landei äussert sich dann in O-Tönen wie diesem:

«Wenn wir normale landwirtschaftliche Arbeiten verrichten müssen, wie Heuen oder Stroh abladen, rufen die Neuzuzüger auch mal die Polizei wegen Lärmbelästigung», sagt der Einwohner eines alteingesessenen Bauerngeschlechts. «Sie nehmen ihre Hundehaufen nicht zusammen, und unsere Tiere bekommen Koliken. Sie böllern an Silvester und am 1. August ohne Rücksichtnahme auf unsere Tiere Raketen ab – die Reste sammeln wir dann auf den Weiden zusammen. Reden nützt nichts.» (Blick, 26. Januar 2019, vgl. Quellen unten)

Die Alteingesessenen haben ihre liebe Mühe mit den vielen Neuzuzügern der letzten Jahre. Denn diese überflügeln in ihrer schieren Masse all die kulturellen Eigenheiten, die Alt-Weiach früher noch ausgemacht haben.

Die Wahl des weltweit als Manager tätigen Paul Willi zum Gemeindepräsidenten war wohl ein letztes Aufbäumen dieser alten Strukturen. Mit dem Antritt von Stefan Arnold im Präsidentenamt haben definitiv die Neu-Weiacher das Szepter übernommen.

Auch in den 50er-Jahren schon ein Thema

Dass auch vor vielen Jahrzehnten schon eine romantische Verklärung des Dorflebens festzustellen ist - wenn auch vor allem bei Heimatverbundenen - das sieht man in der allerersten Jahreschronik von Walter Zollinger. Da schrieb er:

«Der zunehmende Motorfahrzeugverkehr beginnt auch auf unsern Strassen zur Plage zu werden. An schönen Sonntagen ist es kaum mehr ohne Gefahr möglich, mit der Familie auf einer der beiden Landstrassen Zürich-Basel oder Winterthur-Basel zu spazieren. Und an den Werktagen sind es die Lastwagen-Ungeheuer aller Art und die landw. Traktoren, die einem die Strasse verleiden. In unserm kleinen Bauerndorf gibt es ja auch schon nahezu drei Dutzend solche Traktoren oder Motormäher. Herrlich für die "Langschläfer", wenn diese Vehikel morgens 5 Uhr schon mit ihrem Geratter zum Futter holen ausrücken! Die früher so hochgelobte "Ruhe des Landlebens" ist gänzlich vorüber.» (G-Ch Weiach 1952)

So ergeht es dem Dorflehrer, der nicht auch noch landwirtschaftlich tätig sein muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Und der damals noch ein Exot war im Bauerndorf Weiach. Da kann man sich derlei Kulturkritik locker leisten. Zumal sich die «Dorfgenossen» das Geschriebene ja sowie frühestens 25 Jahre nach der Ablieferung an die Zentralbibliothek ansehen konnten (in diesem Fall nach 1979, vgl. Quellen).

Quellen

Montag, 17. Juni 2019

Die älteste erhaltene Erwähnung: StAZH C II 2, Nr. 79 e

Die älteste erhaltene Erwähnung von Wiach, die mit ziemlicher Sicherheit die heutige Ortschaft Weiach betrifft, ist in einem Urbar der Fraumünsterabtei enthalten, das zwischen 1265 und 1287 erstellt wurde (vgl. WeiachBlog Nr. 453 sowie Nr. 1283, s. Literatur unten).

Die Quellenangabe im «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich» (Nr. 1459 in Bd. IV auf S. 165) lautet: «Einträge eines Zinsrodels der Abtei auf Pergament, aus dem 13. Jahrhundert, St. A. Z. Abtei nr. 79e.».

Es handelt sich also bei diesem Dokument auf Pergament – entgegen der in vielen Unterlagen verwendeten Bezeichnung – nicht um eine Urkunde (vgl. WeiachBlog Nr. 1379, s. Literatur unten).

Zum Fond «Abtei Fraumünster (Damenstift)» mit Signatur: C II 2 vermerkt der Online-Archivkatalog des StAZH: «Fondsgeschichte: [...] Die Urkunden C II 2 wurden 1978 aus 11 Sammelschachteln in Einzelbehältnisse umgebettet. Dabei wurden insgesamt 456 Stücke (davon 402 Pergamente) mit 370 Siegeln (352 Wachssiegel, 4 Bleibullen, Rest Papiersiegel) gezählt.» Weitere Urkunden der Fraumünsterabtei befinden sich im Stadtarchiv Zürich.

Das erste Bild des Originals

Bislang waren lediglich die Einträge im «Urkundenbuch» bekannt. Wie das Original aussieht, war nicht bekannt.

Am 18. Dezember 2018 durfte der WeiachBlog-Autor eines dieser Stücke aus dem Fraumünsterabtei-Fonds (das mit der Signatur «StAZH C II 2, Nr. 79 e») im Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH) im Original betrachten. Natürlich ordnungsgemäss mit weissen Stoffhandschuhen ausgerüstet – um das Pergament zu schützen.


Bild: Die Pergamentrolle in ihrer Umverpackung. Wiachiana-Verlag, 18.12.2018.

Gut geschützt in seiner Umverpackung haben wir hier ein ellenlanges Rodel, vorne und hinten beschrieben. Auf der Hinterseite findet man die älteste erhaltene Nennung des Ortsnamens Wiach.

Nachstehend erstmals ein Bild des Original (Wiach ganz links unten im roten Kasten):

Bild: Wiachiana-Verlag, 18.12.2018 (schlechte Qualität aufgrund Wellung des Originals und der Auflösung der Handykamera).

Der leider etwas verschwommene Text lautet:
«Iohannes dictus Brotpeko de Cheiserstůl I den. de bonis suis
in Wiâch, que comparavit a Ia. dicto Gêbi

Und von anderer Hand auf der zweiten Zeile dahinter notiert: «In domo liamum unum». Was dieser Zusatzeintrag bedeuten könnte, entzieht sich meiner Kenntnis zur Zeit noch.

Literatur
  • Brandenberger, U.: Ein alter NZZ-Artikel unter der Lupe. WeiachBlog Nr. 453 v. 11. Mai 2007. [Vierter Absatz (1271: Wer hat wem verkauft?)]
  • Brandenberger, U.: Anmerkungen ins Exemplar der Nationalbibliothek geschrieben. WeiachBlog Nr. 1283 v. 6. Juni 2016.
  • Brandenberger, U.: Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde. WeiachBlog Nr. 1379 v. 2. November 2018. [Zweiter Absatz (Ein Urbar im Urkundenbuch)]