Freitag, 15. Dezember 2017

Landwirtschaftliche Genossenschaft Weiach, 1901-2012

Um das Jahr 1912 herum seien nicht nur die Elektrizitätsgenossenschaft Weiach gegründet worden, sondern auch die Landwirtschaftliche Genossenschaft (LGW) und die Milchgenossenschaft Weiach (MG Weiach). So beschreibt Walter Zollinger auf S. 69 in seinem 1972 erschienenen blauen Büchlein «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» die Entstehungszeit der Genossenschaften, welche Weiach im 20. Jahrhundert geprägt haben. So ganz falsch liegt der Dorfchronist zwar nicht. Aber doch um ein Jahrzehnt daneben.

Recherchiert man nämlich etwas im Internet, dann findet man die private Website von Jürg Zimmermann, der eine historische Aufarbeitung zur Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft Hinwil und Umgebung vorgenommen hat. Eines der Nebenprodukte: das Verzeichnis Landwirtschaftlicher Genossenschaften Kt. Zürich auf dem Stand Juli 2016.

Gegründet im März 1901

Als Nr. 36 findet man da die Landi Weiach-Siglistorf mit Sitz in Weiach, Handelsregisternummer CHE-105.752.220. Ins Register eingetragen wurde diese Genossenschaft bereits am 22. April 1901 - und aus dem Register gelöscht am 2. August 2012. Zimmermann beruft sich auf Handelsregister-Angaben. Und im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) wird man unter diesen Daten tatsächlich fündig!



«22. April. Unter der Firma Landw. Genossenschaft Weiach und mit Sitz in Weiach, hat sich am 10. März 1901 eine Genossenschaft gebildet, welche bezweckt, das materielle Wohl ihrer Mitglieder zu heben und zu fördern durch möglichst billige Beschaffung notwendiger Lebensbedürfnisse, An- und Verkauf landwirtschaftlicher Hülfsmittel, vorteilhafte Verwertung der eigenen Produkte und durch Belehrung und Aufmunterung mittelst Veranstaltung von Vorträgen und Kursen. Die Mitgliedschaft wird erworben durch schriftliche Anmeldung, Aufnahmebeschluss der Genossenschaftsversammlung und Unterzeichnung der Statuten. Bis zum Abschluss der 1. Jahresrechnung ist der Eintritt frei; später kann die Generalversammlung nach Massgabe des Genossenschaftsvermögens ein Eintrittsgeld festsetzen. Einer der Erben eines verstorbenen Mitgliedes hat freien Eintritt innert Jahresfrist vom Todestage des letztern an. Der Austritt kann auf das Ende eines Geschäftsjahres nach vorheriger schriftlicher vierteljährlicher Kündigung stattfinden; die Mitgliedschaft erlischt ferner infolge Todes oder Ausschlusses durch den Vorstand bezw. die Generalversammlung. Jedes Mitglied ist verpflichtet, seinen Bedarf an den vorhandenen Waren von der Genossenschaft zu beziehen. Die Generalversammlung beschliesst über allfällig von den Mitgliedern zu leistende Jahresbeiträge und setzt deren Höhe fest. Für die Verbindlichkeiten der Genossenschaft haften deren Mitglieder persönlich und solidarisch, sofern das Genossenschaftsvermögen nicht hinreicht. Von dem aus dem Geschäftsbetriebe sich ergebenden Gewinn sollen 40% zur Bildung eines Reservefonds verwendet und 60% den Mitgliedern, sofern deren Warenbezug mindestens Fr. 30 per Jahr beträgt, zugeteilt werden. Organe der Genossenschaft sind: die Generalversammlung, der Vorstand von fünf Mitgliedern und die Rechnungsrevisoren. Namens der Genossenschaft führen der Präsident oder der Vicepräsident je mit dem Aktuar zu zweien kollektiv und der Verwalter einzeln die rechtsverbindliche Unterschrift. Mitglieder des Vorstandes sind: Heinrich Meier, zur Station, von Freienstein, Präsident; Albert Meierhofer, alt Weibels, Vicepräsident; Rudolf Meierhofer. Wagner, Aktuar; Heinrich Bersinger, Wegknecht, Verwalter, und Johannes Schenkel, Wirt, Beisitzer; letztere vier von und alle in Weiach. Geschäftslokal: Im Oberdorf Nr. 38.»

Beim Geschäftslokal Im Oberdorf Nr. 38 (nach dem damals gültigen Gebäudeassekuranz-Nummernplan von 1895) handelt es sich um das Haus Alte Post-Strasse 4, das heute im Besitz von Hans und Hanni Rutschmann ist. (Quelle: Gebäudenummernkonkordanz der Gemeinde Weiach, 2002)

Die darauffolgenden Jahrzehnte haben punkto Namen und Tätigkeitsgebiet nicht viel geändert (vgl. auch WeiachBlog Nr. 1320). Gegen Ende des 20. Jahrhunderts folgen dann aber tiefgreifende Änderungen.

Fusion mit der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft Siglistorf, 1990

Im Schweizerischen Handelsamtsblatt (SHAB) findet man heraus (Moneyhouse.ch, unterster Eintrag: SHAB 1990183/1990 - 20.09.1990), dass mit Statutenänderung am Tag des Falls der Berliner Mauer (9.11.1989) und am 15.2.1990 sich die Landwirtschaftliche Genossenschaft Weiach in Landi Weiach-Siglistorf umbenannt habe.

Das Wirtschaftsgebiet Landi Weiach-Siglistorf umfasste gemäss dieser Handelsamtsblatt-Mitteilung die Ortschaften «Weiach, Fisibach, Kaiserstuhl, Zweidlen, Rümikon, Mellikon, Siglistorf und Umgebung.». Aus der bislang auf die Gemeinde konzentrierten Landi Weiach wurde eine kantonsübergreifende Organisation - die aber ihren Sitz nach wie vor in Weiach hatte: «Die Generalversammlung vom 15.2.1990 hat die Fusion mit der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft Siglistorf, in Siglistorf, beschlossen. Aktiven und Passiven der Landwirtschaftlichen Konsumgenossenschaft Siglistorf gemäss Fusionsbilanz per 31.12.1989 gehen im Sinne von Art.914 OR an die Landi Weiach-Siglistorf über.».

Der Zweck der Genossenschaft unterschied sich aber nicht markant von dem Jahrzehnte früher festgelegten: «Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse ihrer Mitglieder, insbesondere durch eine preisgünstige, fristgerechte und kontinuierliche Vermittlung eines bedarfsgerechten Sortimentes qualitativ hochwertiger Artikel des land- und hauswirtschaftlichen Bedarfs, eine zielgerichtete Beschaffung und Vermarktung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, die Durchführung von Kursen, Vorträgen, kulturellen und geselligen Anlässen, die Mitgliedschaft beim Verband ostschweizerischer landwirtschaftlicher Genossenschaften (VOLG), Winterthur.» Hier sieht man die enge Verbindung zwischen Volg und Landi, die auf kommunaler Ebene sichtbar wird. Kein Wunder wurden die beiden Unternehmen dauernd miteinander verwechselt. Heute ist das dank unterschiedlichem Marktauftritt wohl anders.

Auflösung der Landi Weiach-Siglistorf, 2012

Letztlich erwies sich das Wirtschaftsgebiet wohl doch als zu klein. Und so verschwand - wie im Schweizerischen Handelsamtsblatt am 7. August 2012 vermeldet - die Landi Weiach aus den Registern: «LANDI Weiach-Siglistorf, Genossenschaft, in Weiach, CH-020.5.900.861-9, Genossenschaft (SHAB Nr. 81 vom 28.04.2010, S. 27, Publ. 5606516). Aktiven und Passiven (Fremdkapital) gehen infolge Fusion auf die LANDI SURB, Genossenschaft (CH-020.5.900.936-2), in Schleinikon, über. Die Genossenschaft wird gelöscht.»

Die Landi SURB (ehemals Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft Wehntal-Steinmaur) hat ein ausgedehntes Wirtschaftsgebiet, das sich wirklich durch das ganze Surbtal bis ennet der Aare erstreckt. Vom Wehntal bis nach Böttstein und Würenlingen, denn neben der Landi-Siglistorf hat die Landi Surb auch noch die Landwirtschaftliche Konsumgenossenschaft Würenlingen und die Volg Konsumgenossenschaft Böttstein übernommen.

Heute erinnert in den SHAB-Mitteilungen zur Landi Surb an Weiacher Zeiten nur noch ein in Weiach wohnhafter leitender Angestellter: «Wiesendanger, Daniel, von Niederweningen, in Weiach, Mitglied der Verwaltung». (SHAB, 24.01.2017)

Sonntag, 5. November 2017

Unser Vater, der du bist in den Himmeln!

Am heutigen Reformationssonntag erinnert man sich landauf, landab an die Rückbesinnung auf die biblischen Grundlagen des Glaubens, die unter anderem mit dem berühmt-berüchtigten Anschlag der 95 Thesen durch Martin Luther an der Schlosskirche zu Wittenberg Fahrt aufgenommen hat.

Ob dieser symbolische Akt wirklich passiert ist - und dazu noch exakt am 31. Oktober (wohl julianischer Zeitrechnung, d.h. der 10. November nach gregorianischer Zählung), darüber streiten sich die Gelehrten. Entscheidender war wohl das Vorhandensein einer Kombination aus tiefsitzenden Missständen in der römisch-katholischen Kirche (Stichwort: Ämterkauf und Ablasshandel), geistigem Aufbruch der Eliten mit dem Humanismus der Renaissance (z.B. durch Erasmus von Rotterdam), weitverbreiteten sozialen und wirtschaftlichen Problemen grosser Bevölkerungskreise und der seit Gutenberg verfügbaren Kulturtechnik des Drucks mit beweglichen Lettern (Buchdruck). All das zusammen hat erst den grossen, über Jahre stattfindenden geistig-gesellschaftlichen Umbruch bewirkt.

Gewisse Traditionen sind in den vergangenen fünfhundert Jahren in der durch Zwingli und Bullinger massgeblich geprägten Zürcher Kirche in fester, fast unveränderter Form überliefert worden. Dazu gehört eines der wohl den meisten Reformierten bekannten Elemente des Gottesdienstes, das Vaterunser.

Wenigen Reformierten mögen die reformatorischen Grundprinzipien sola scriptura, sola fide, sola gratia, solus Christus bekannt sein.


Mit den Jubiläums-Beutelsuppen die dieser Tage (beispielsweise heute in Langnau im Emmental) an die Gläubigen verteilt werden, mag das für kurze Zeit ändern.

Das Gebet am Schluss jedes Gottesdienstes aber kennt jede(r):

«Unser Vater der du bist in den Himmeln!
Geheiligt werde dein Namme.
Zukomme dein Reich.
Dein Wille geschehe auf Erde, wie im Himmel.
Gieb uns heut unser tägliches Brod.
Und vergieb uns unsere Schulden, wie auch
wir vergeben unsern Schuldnern,
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern
erlöse uns von dem Bösen!
Denn dein ist das Reich und die Kraft und
die Herrlichkeit in Ewigkeit, Amen.
»

So hat Walter Zollinger am 9. April 1964 den Text aus der Schulhaus-Weiherede von Pfr. Burkhard transkribiert. Diese Fassung des Vaterunsers steht am Schluss des Weihgottesdienstes für das Alte Schulhaus, der am 24. November 1836 stattfand - und man sieht kaum Änderungen im Vergleich zur heute üblichen Form des Gebets. Kein Wunder, bei einer derart zentralen Textstelle aus der Bergpredigt.

Quelle
  • Gebete + Rede bei der Einweihung des neuen Schulhauses den 24. Novbr. 1836. [Turmkugeldokument Nr. 6 - Signatur: OM Weiach KTD 6]; Abschrift des Originals von Walter Zollinger, fertiggestellt 9. April 1969

Montag, 11. September 2017

Habent sua fata libelli

Bücher haben ihre eigenen Schicksale. Dieses berühmte Zitat des wohl aus dem heutigen Maghreb stammenden römischen Grammatikers Terentianus Maurus (Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr.) trifft auch auf die von Walter Zollinger an Ostern 1972 erstmals herausgegebene Ortsgeschichte mit Fadenheftung und Leinen-Einband zu (vgl. WeiachBlog Nr. 1292 vom 15. August 2016).

Denn jede(r) Lesende macht im Kopf eine ganz eigene Geschichte daraus, je nach Erfahrungshintergrund. Die Inhalte machen sich sozusagen selbstständig. Sie wachsen über das hinaus, was der Autor sich gedacht und vorgestellt hat. Deshalb ist es nicht ganz verkehrt, bei Büchern von Kindern zu reden. Die werden auch von Fremdeinflüssen geprägt - zum Teil noch bevor sie überhaupt den Uterus verlassen haben und geboren wurden. Vater und/oder Mutter haben da über kurz oder lang nur noch bedingt etwas zu sagen.

«Vergangenheit» oder doch «Geschichte»?

Die erwähnte Monographie zur Ortsgeschichte von Weiach macht da keine Ausnahme. Das 1972 publizierte Werk trägt den Titel «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Und ist - allerdings nur auf dem Umschlag - mit dem Zusatz «Weiach 1271-1971» versehen. Schon vor der Geburt machten sich Einflüsse aus der Umgebung bemerkbar. Dass der Titel aus Sicht Zollingers ursprünglich «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» hätte lauten sollen, sieht man dem Vorwort der 1. Auflage an, das Zollinger vor der Drucklegung offensichtlich anzupassen vergessen hat. Da steht nämlich:

«So ist «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach», trotz der etwas bescheideneren Gestaltung, doch eine historisch getreue Zusammenstellung der erwähnenswerten Geschehnisse aus Frühzeit, Mittelalter, neuer und neuester Zeit geworden.»

Unklar ist, wer letztlich entschieden hat, den Titel auf «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» zu ändern, so wie er dann auch gedruckt wurde. Das kann ein Entscheid des Gemeinderates ohne Konsultation des Autors gewesen sein, ein gemeinsamer Entschluss, aber auch ein Vorschlag, der von Zollinger allein eingebracht worden ist. [Vgl. Nachtrag vom 14. Januar 2019 am Schluss des Beitrags].

Ab der 3. Auflage hat dessen Bearbeiter den Begriff der «Geschichte» wieder in den Haupttitel befördert: «Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes».

Umschlagtitel, Rückentitel und Titelei

Dass sich das geneigte Publikum die ihm passende Titelbezeichnung sozusagen aussuchen konnte, hängt auch damit zusammen, dass auf Umschlag, Buchrücken und dem eigentlichen Titel im Innern (der Titelei) je unterschiedliche Bezeichnungen stehen. Umschlagtitel: «WEIACH 1271-1971». Rückentitel: «WALTER ZOLLINGER CHRONIK WEIACH». Und im Innern: «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Damit war es sozusagen dem Zufall überlassen, was als eigentlicher Titel empfunden wurde.

Aus dem Rückentitel wurde über die Jahre der gebräuchliche Titel, was auch im Protokoll seinen Niederschlag fand. Lautete der Gemeinderatsbeschluss für die 1. Auflage noch: «Für die Drucklegung der Chronik "Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach" wird ein Kredit von rund Fr. 6'870.-- bewilligt.» (Gemeinderatsprotokoll, 2. November 1971) mit dem Wort «Chronik» als Gattungsbegriff, so ist «Chronik» mit den Jahren zum eigentlichen Titel avanciert, wie man am Beschluss zum Druck der 2. Auflage sieht: «Im Jahre 1971 liess der Gemeinderat 500 Ex. der von W. Zollinger verfassten Chronik Weiach 1271 – 1971 drucken.» (Gemeinderatsprotokoll, 29. Mai 1984). Der 1972 vorgesehene Haupttitel «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» musste dem Sprachgebrauch und der Rezeption der Hauptzielgruppe weichen. Die spricht nämlich von Zollingers «Chronik».

Dennoch ist für die 3. bis 5. Auflage der Untertitel «Fünfte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach»» gewählt worden, weil die Schweizer Bibliothekskataloge (vgl. Swissbib.ch) sich auf die Titelbezeichnung «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1271-1971» geeinigt haben. Darauf, den Begriff der «Chronik» in den Titel zu setzen, wurde bewusst verzichtet, weil die Ereignisse eben nicht ausschliesslich in zeitlicher Reihenfolge geordnet dargestellt werden, was das Charakteristikum einer Chronik ist.

«Vergangenheit» oder «Geschichte»? Nachtrag vom 14. Januar 2019

Teil der Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum des Ortsmuseums Weiach (September 2018) war das in den Beständen des Museums erhalten gebliebene, dem Verfasser dieser Zeilen aber bislang unbekannte Typoskript mit handschriftlichen Korrekturvermerken, das dem Setzer in Dielsdorf für das 1972 gedruckte Werk zugrundelag. Das Titelblatt weist das Werk mit dem Titel «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» aus. Im Vorwort des Verfassers steht die Formulierung «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach».

Es ist also nach wie vor nicht klar, ob Zollinger die Änderung des Titels auf eigene Initiative vorgenommen hat, oder ob ihn Dritte dazu gebracht haben. Zu vermuten ist, dass das Typoskript vor der Drucklegung nicht professionell lektoriert worden ist. Ein Lektorat hätte die Diskrepanz zwischen Vorwort und Titel bemerken müssen.

Sonntag, 6. August 2017

«Die Menschen sind das Besondere an der Schweiz!»

Der Festredner an der diesjährigen Bundesfeier in Weiach war ein SVP-Politiker - entsprechend den politischen Mehrheitsverhältnissen in der Gemeinde eine wenig verwunderliche Wahl. Getroffen hat sie Gemeinderat Michael Bärtsch, der seit Jahrzehnten in der Gastrobranche tätig ist:
Wer die Zürcher Gastronomie-Szene kennt, dem ist Kantonsrat Ernst Bachmann ein Begriff. Bachmann ist seit 1992 Präsident des Wirteverbandes der Stadt Zürich, ab 1998 auch von Gastro Zürich, dem kantonalen Wirteverband. Und seit 2001 fungiert er auch als Vizepräsident von GastroSuisse, dem nationalen Branchenverband.

Ein Patron alter Schule

Bachmann ist aber auch ein Patron alter Schule und seit über 40 Jahren Wirt in Zürich-Wollishofen. Seit 2009 führt er als Gastgeber des Traditionshaus Restaurant Muggenbühl (www.muggenbuehl.ch), das über der Allmend Brunau thront - und kauft auch regelmässig selber auf den Märkten regionale Landesprodukte ein. Mangelnde Bodenständigkeit kann man ihm also nicht vorwerfen. Und damit ist er sozusagen der ideale Redner für einen solchen Anlass in einer immer noch grundsätzlich konservativ gepolten Gemeinde.

Mit Ernst Bachmann hat sich bereits der neunte Festredner bereit erklärt, seine Ansprache via WeiachBlog für die Nachwelt festhalten zu lassen. Er hat mir - was heute selten ist - eine Kopie seines mit handschriftlichen Änderungen versehenen Redemanuskripts per A-Post zukommenlassen, begleitet von einem handgeschriebenen Brief (!).
Über die Entstehung seiner Rede heisst es da: «Ich habe immer wieder Aenderungen gemacht aber Sie haben nun das Exemplar so wie ich gesprochen habe.» - Man braucht also nicht einmal den sonst üblichen Disclaimer «Es gilt das gesprochene Wort» hinzuzusetzen.

Die Redaktion des WeiachBlog hat Bachmanns Rede tel quel übernommen, lediglich Satzzeichen und Orthographie sind - wo nötig - den heutigen Gepflogenheiten angepasst und Zwischentitel gesetzt worden. Ansonsten lesen Sie nachstehend den Originaltext.

Was macht uns einzigartig?

«Sehr geehrter Herr Gemeindepräsident,
sehr geehrte Herren Gemeinderäte und Behördenmitglieder,
sehr geehrte Damen und Herren der verschiedensten Vereine,
liebe Weycherinnen und Weycher und Gäste!

Sie werden sich fragen, warum kommt da einer aus der Stadt zu Ihnen nach Weiach als Festredner. Zu verdanken haben Sie das Ihrem netten Gemeinderat Michael Bärtsch. Er hat mich so nett gefragt, dass ich ihm spontan zusagte und daran habe ich mich gehalten - und zwar gerne. Und ich bedanke mich bei allen von ganzem Herzen für diese Einladung in Ihr schönes Weiach zu kommen.

Wenn Sie jetzt aber eine SVP-Hardliner-Ansprache erwarten, werden Sie vielleicht enttäuscht sein. Alles was auf dieser Welt geschieht, entnehmen Sie täglich den Medien, ob es stimmt oder nicht. Und es ist heute schon Schnee von gestern.

Ob Herr Trump nach nur 10 Tagen seinen Stabschef entlässt, Frau Bundesrätin Leuthard ihren möglichen Rücktritt bekannt gibt oder die Schweizerische Nationalbank nach Milliarden-Verlusten jetzt Milliardengewinn bekannt gibt - über all das will ich mich nicht äussern.

Ich bin gekommen, um mit Ihnen heute Abend den 726. Geburtstag unseres Vaterlands zu feiern. Traditionell feiern wir das landauf, landab mit Festansprachen, Feuerwerk, Bratwurst und Cervelat. Das ist alles schön, aber noch lange nicht alles. Wir wollen aber auch diesen Geburtstag feiern mit allen Menschen - egal woher sie kommen -, die sich in unserer Gesellschaft zu Hause fühlen und auch zu unserem Wohlstand beitragen.

Wir feiern unser einzigartiges und wunderschönes Land. Aber - und auch diese Frage muss heute erlaubt sein - was macht unser Land wirklich aus? Sie, die Sie so nah an der Grenze leben, bemerken sicher jeden Tag die grossen und kleinen Unterschiede. (Mit dem Flughafen haben Sie ja schliesslich auch die internationale Anbindung direkt vor der Tür). Sie leben nur ein paar hundert Meter vom Ausland entfernt. Haben Sie sich nie gefragt, was der Unterschied zwischen dem südlichen und dem nördlichen Rheinufer ist?

Sicher, wir haben viele Berge, aber Österreich hat die auch. Dass unsere etwas höher und schöner sind, versteht sich von selbst. Sie zum Beispiel haben den mächtigen Stadlerberg mit ganzen 615 Metern überm Meer.

Vom Stadlersee, hier in der Nähe, bis zum Genfersee auf der anderen Seite des Landes haben wir viel zu bieten, aber ein Meer wie die Italiener, die Deutschen, die Franzosen haben wir nicht.
Wir haben sehr gute Weine, aber die Franzosen haben das auch - und mehr Auswahl. Das Weiacher Fluetröpfli und der Weissherbst sind bis nach Zürich bekannt. Die Liechtensteiner haben einen Fürsten und ich habe sogar gehört, dass deutsche Würste unseren Würsten das Wasser reichen können.

Was also, ist das Besondere an der Schweiz?

Sie, liebe Landsleute, liebe Weycherinnen und Weycher! Sie machen unser Land zu dem, was es ist. Ohne Sie wären wir nur ein Landstrich zwischen anderen Ländern. Doch Sie machen mit Ihrem Engagement und Ihrer Beteiligung die Schweiz einzigartig und grossartig:

Ihnen haben wir unsere Strassen und Tunnel, Schienen und Brücken zu verdanken. Ihre Qualitätsarbeit ist überall ein Markenzeichen! Dank Ihnen brummt unsere Wirtschaft und es geht uns gut. Ihr Fleiss und Ihr Einsatz hat den Wohlstand geschaffen, in dem wir heute leben. Und Sie sorgen auch dafür, dass unsere Kinder und Enkelkinder in Wohlstand und Sicherheit leben können. Mit Ihrer Arbeit schaffen Sie jeden Tag ein Stück Zukunft für die Schweiz.

Von (vermeintlich) hohen Stimmbeteiligungen

Aber auch Ihre Stimme macht unser Land aus. Und was für eine Stimme Sie, liebe Weiacherinnen und Weiacher haben! Sie sprechen sich beständig und laut für eine neutrale und eigenständige Schweiz aus:

1920: Nein zum Völkerbund
1986: Nein zum UNO-Beitritt
1992: Nein zum Währungsfonds
1992: Nein zum EWR
und 2000: Nein zu den Bilateralen Verträgen

Und jedes Mal haben Sie, das sage ich mit grossem Respekt, eine überdurchschnittlich hohe Stimmbeteiligung gehabt. Auch wenn Frau Wertli letztes Jahr an dieser Stelle zu Recht angemahnt hat, dass es immer mehr sein könnten, besonders bei wichtigen Abstimmungen. Bei diesen wichtigen Abstimmungen haben Sie, liebe Weiacher, sich besonders stark beteiligt. Vielleicht liegt das daran, dass Sie die Grenze direkt vor Augen haben und deshalb wissen, was wir alle an unserem Land haben.

Auf jeden Fall ist das Abstimmen, und da schliesse ich mich Frau Wertli wieder an, entscheidend für unsere Demokratie. Aber nicht nur das, sondern auch das Diskutieren und sich Informieren. Jeder, ob links oder rechts, der mit mir zum Beispiel über Einwanderung oder andere politische Themen diskutiert, stärkt unsere Demokratie und hilft unserem Land. Es ist der Einsatz für das Ganze, das sich Einbringen und verantwortlich Fühlen, das unsere Demokratie am Laufen hält.

Nur unsere Stärke und unsere Neutralität sichern unsere Demokratie! Und um unsere Demokratie beneidet uns die ganze Welt!

Unsere direkte Demokratie kommt ohne Ihr Engagement nicht aus. Direkte Demokratie heisst eben nicht nur vier Mal im Jahr den Abstimmungszettel einwerfen (auch wenn das, nebenbei bemerkt, vielen ja schon zu viel ist). Demokratie heisst mitgestalten und sich engagieren.

Das persönliche Engagement macht den Unterschied

Sie haben einen ehemaligen Bewohner, der sich besonders engagiert. Herr Ulrich Brandenberger. Seine Weiacher Geschichte(n) geben einen spannenden und interessanten Einblick in die Vergangenheit Ihres schönen Dorfes: Von Kriegen und Hexenprozessen über Kirchengeschichte bis zur Kinderärztin Marie Meierhofer geben sie Auskunft. Da findet man sogar heraus, was eine "Liebessteuer" ist. Und wenn Sie sich jetzt wundern, was die "Liebessteuer" ist, sollten besser Sie die Weiacher Geschichte(n) lesen. Selbst im fernen (und doch so nahen) Zürich wurden seine Geschichten fleissig gelesen.

Mit seinen Geschichten gibt er diesem Dorf Charakter. Mit seinem WeiachBlog vollzieht er den Schritt von der Vergangenheit in die Gegenwart. Und wie ich höre, twittert er das Dorf nun auch in die Zukunft.

Sein Engagement und sein Einsatz für die Tradition, die Geschichte und die Bekanntheit von Weiach sind vorbildlich und - so komme ich wieder auf den 1. August - urschweizerisch. 

Das Schweizervolk liebt die Freiheit und die Selbstbestimmtheit. Aber der Einsatz für die Gemeinschaft ist das, was unser Land zusammenhält: Mitbürger, die ihre Zeit für Vereine opfern, die sich [..] der freiwilligen Feuerwehr anschliessen, die im Zivilschutz arbeiten und die, die in der Armee ihre Pflicht tun. Diese Mitbürger leisten jeden Tag einen wertvollen Dienst für ihre Nachbarn, ihre Kollegen und ihre Landsleute. So wie heute die Schützengesellschaft Weiach, die für das heutige Fest für die Organisation verantwortlich ist.


Auch die Politik in unserem Land fusst auf dem Milizsystem. Selbst wenn man gerne auf die Politik schimpft, ich ziehe den Hut vor jedem, der sich hier einbringt - mit einer Initiative oder für ein Amt. In diesem Sinne möchte ich auch Ihnen danken, geschätzte Mitglieder des Gemeinderats, für Ihren Einsatz für die Gemeinde. Auch wenn die kommunale Politik manchmal mühsam ist und nur selten jemand "Danke" sagt, ich finde, heute haben Sie einen Applaus verdient. Bitte einen Applaus für alle Ihre Kommunal-Politiker!

Noch ein Wort zu Ihrem Engagement: An Ihrem dreifachen Einsatz in Privatleben, Geschäftsleben und für die Gemeinschaft können sich manche Politiker in Bern ein Vorbild nehmen. Nur wer, wie Sie, mit beiden Füssen fest im Leben steht und bodenständig bleibt, kann gute Politik für unsere Zukunft machen.

Liebe Weycherinnen und Weycher, Ihr Gemeinderat und alle Vereinsmitglieder sind nur zwei Beispiele für Einsatz. Jeder von Ihnen macht es auf seine Weise und mit seinen Mitteln möglich, dass wir heute zusammen kommen. Und so feiern wir heute eben nicht nur den Geburtstag unseres schönen Landes, sondern auch Sie! Denn Sie machen den Unterschied aus: Zwischen all den anderen Ländern und unserer schönen Schweiz. Sie sind also das, was die Schweiz so einzigartig und so liebenswert macht. Und ich kann Ihnen aus ganzem Herzen sagen, ich bin stolz auf unser Land und ich bin stolz auf Sie, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.

In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen und uns allen zu diesem Land: zu seinen Bergen und Tälern, zu seinen Flüssen und Seen, zu seinen Wäldern und Weinbergen. Vor allem gratuliere ich unserem Land zu seiner Demokratie, zu seinem Milizsystem und zu seinen Bürgern. Und nicht zuletzt zu seiner Bratwurst und Cervelat.

Ich wünsche Ihnen weiterhin einen schönen 1. August und en Guete, ein schönes Singen und ein schönes Feuerwerk!




Kommentar zur Rede von Kantonsrat Bachmann

Es ist eine hübsche Pointe, dass bei einem Wirt die Würste einen zentralen Platz in der Festrede einnehmen - schon das Cabaret Rotstift wusste schliesslich, wie wichtig die als Lebensgrundlage des Gastgewerbes sind (vgl. den Sketch Die Wettervorhersage).

Aber Spass beiseite: die Weiacherin Deborah Meier, die «ihr Kaff» gern hart kritisiert, lobte am 2. August auf ihrer Website den Festredner Bachmann, er sei «trotz seiner rechtsgerichteten Partei überraschend-erfrischend liberal» herübergekommen. Aus der Feder dieser jungen Frau (27), die mit der SVP das Heu in keiner Weise auf der gleichen Bühne hat, ist das ein dickes Lob. Gratuliere, Herr Kantonsrat!

Und wo wir schon bei den Frauen sind: die sind dem Herrn Kantonsrat bereits bei der Begrüssung aufgefallen: «ich vermisse hier die Frauen» steht in Bachmanns Manuskript als Randnotiz. Wieder ein Auswärtiger, der feststellt, dass Frauen in der hohen Kommunalpolitik der Politischen Gemeinde Weiach so selten sind wie Einhörner - sprich: es gibt sie schlicht nicht.

En passant erwähnt: Trump habe, so Bachmann, «nach nur 10 Tagen seinen Stabschef» entlassen. Gemeint war natürlich der Kommunikationschef des Weissen Hauses, Anthony Scaramucci.

Weiter lobt Bachmann die Weiacher wegen ihrer hohen Stimmbeteiligung über den grünen Klee. Damit ist es allerdings in Tat und Wahrheit nicht so weit her - vor allem wenn man den Quervergleich mit anderen Gemeinden nicht scheut. Weiach kann sich in letzter Zeit gar Ambitionen auf die rote Laterne machen, so unterirdisch tief ist die Stimmbeteiligung mittlerweile (vgl. WeiachBlog, 25. September 2016).

Auch nicht ganz geheuer ist dem Verfasser dieses Kommentars die Lobeshymne Bachmanns auf sein Engagement. Es stimmt zwar, dass da viel Arbeit drinsteckt, in den Geschichte(n), den Blogbeiträgen und den Tweets. Aber im Vergleich zu Gemeinderäten, die amtsbedingt über Jahre hinweg viel Fremdbestimmtes auf die Nase gedrückt bekommen, ist der selbstgewählte Posten eines inoffiziellen Ortshistorikers dann doch wesentlich angenehmer, weil alle Aktivitäten rein von Freude und Interesse angetrieben sind. Und sie allenfalls einer Selbstverpflichtung unterliegen. Mehr nicht.

Den Seitenhieb auf Parlamentarier in National- und Ständerat, die nicht Amt und Geschäftsleben kombinieren (wie beispielsweise Balthasar Glättli, de facto ein Berufspolitiker, der nie im Geschäftsleben angekommen ist) - also keine echten Milizpolitiker sind - den kann sich Bachmann erlauben. Er lebt das Milizprinzip schliesslich selber in Reinkultur. Und das auch noch deutlich jenseits des offiziellen AHV-Alters.

Liefere statt lafere! Vielen Dank, Herr Bachmann!

Zu den Ansprachen früherer Jahre

Freitag, 2. Juni 2017

Chälen, Chelen? Eine Tour durch den Kanton Zürich

Der Name «Chälen» (früher auch «Kellen» oder «Chelle» genannt) für den Kernbereich des westlichen Teil des Weiacher Dorfkerns gibt für Einheimische wie Fremde Rätsel auf.

Swissnames liefert eine Fülle von anderen Fundorten

Woher der Name wirklich stammt, ist umstritten. Einzigartig - wie man vielleicht anzunehmen geneigt wäre - ist er aber keineswegs. Nach Swissnames (Dienst verfügbar auf dem GIS des Kantons Zürich: maps.zh.ch) gibt es allein im Kanton Zürich folgende Flurbezeichnungen:
  • Im nahe gelegenen Wehntal findet man in der Gemeinde Otelfingen: «Chelen», «Chelenflue» und «Chelenhalden», weiter auch einen «Chelenbach» und einen «Chellenboden»  am Lägernsüdhang direkt an der Kantonsgrenze;
  • in Schöfflisdorf ist eine Waldlichtung am Lägern-Nordhang (südlichstes Gebiet der Gemeinde) als Chälen benannt;
  • Die «Oberi Chelen» (Gde Hirzel) liegt mitten im Siedlungsgebiet, aber nicht als Flurname auf Karte (kein Wunder: 500 Meter zu weit östlich platzierter Pointer);
  • Eine «Chellen» gibt es auch östlich Winterthur in Bertschikon (zwischen Gündlikon und Liebensberg gleich nördlich der A1) sowie in Zumikon (an der Grenze zur Gemeinde Maur, südwestlich Ebmatingen). In Ebmatingen gibt es zudem eine «Chalenstrasse»;
  • Eine «Chälen» und einen «Chälenberg» gibt es in Schlatt ZH (Westlich Waltenstein-Berg an der Grenze zur Stadt Winterthur: nach Süden ausgerichteter Kessel);
  • Eine weitere «Chälen» findet sich in auf der südlichen Moräne des Zürichsees, in Hirzel.  Als Chälen wird ein gegenüber der Hochebene in einem nach Süden sich öffnenden Kessel gelegenes Gebiet beidseits der Strasse von Hirzel nach Sihlbrugg verstanden, ca. 1 km westlich des Ortskerns von Hirzel. Westlich liegt die Häusergruppe «Chelen», östlich die Häusergruppe «Oberi Chelen», weiter gibt es da ein «Oberes Chelenholz» sowie das «Chelengüetli»;
  • In Seegräben ist die «Chälen» ein scharf eingeschnittenes Waldgebiet das von den Fabrikgebäuden bei der Station Aathal hinauf zum Südwestquartier der Ortschaft Seegräben führt und beim Kindergarten einmündet;
  • In Turbenthal steht der Flurname für ein stark gekammertes Waldgelände südlich von Oberhofen (Ortschaft an der Strasse Turbenthal-Bichelsee TG).
Für Weiach wird «Chälen» gar zweimal gelistet: 2 Pointer auf der Liegenschaft Zelglistrasse 6, was sich daraus erklärt, dass die Bezeichnung für das stark überbaute Gebiet auf der Landeskarte westlich davon platziert wurde, mit dem Schluss-n auf Höhe ebendieser Liegenschaft.

Auch in anderen Kantonen häufig

Eine Chälenstrasse wie in Weiach gibt es in 4654 Lostorf SO, eine Chällenstrasse in 8852 Altendorf SZ, einen Chällenweg in 6016 Hellbühl LU (Stadt Luzern). Und in 6318 Walchwil ZG sowie 9403 Goldach SG gibt es eine Chellenstrasse.

[Veröffentlicht am 3. Januar 2019 um 00:20 MEZ]

Montag, 1. Mai 2017

Inventar über den Inhalt des Turmknopfs, Mai 1967

Im Zuge der Renovation eines Kirchturms wird traditionellerweise auch der Turmknopf vom Dachreiter geholt und geöffnet. So war das auch bei der letzten grossen Restauration der evangelisch-reformierten Kirche Weiach.

Die Kugel wurde am 25. April 1967 abmontiert, der Inhalt am 1. Mai 1967 - also heute vor 50 Jahren - inventiert. Und zwar durch Walter Zollinger, der einige Zitate aus den Turmkugeldokumenten in seiner Monographie «1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» an Ostern 1972 erstmals (für die Nachwelt nachvollziehbar) in den Kontext stellte.

Im Sinne eines Vorabdrucks der in Vorbereitung stehenden vollständigen Text-Edition der «Weiacher Turmkugeldokumente» in der Reihe «Wiachiana Fontes» (Bd. 1 bis 3) soll hier die von Zollinger eigenhändig erstellte Inventarliste präsentiert werden:


A. Schriftliche Dokumente

N° 1 von 1659 durch Pfr. Hs. Rud. Erny
Text stark verrostet, z. kl. Teil defekt, daher allerlei unleserlich geworden.

N° 2 von 1706 durch Pfr. Heinrich Brennwald
Bewilligung des Kirchenbaues, zieml. genaue Beschreibung davon, Handwerker, Stillstände & weitere Behörden, sogar Schulmeister ist genannt.

N° 3 von 1763 durch Pfr. Hartmann Escher
nach 57 Jahren erste Kirchturm-Reparatur;
a. neu beschindeln: Michel & Lorenz Schwarz
b. gerüsten & decken: Meister Felix Volkart

N° 4 von 1763, Beigabe v. Hch. Volkart Nöschikon, Mahler
Solly deoglorya. sonst fast unleserlich

N° 5 von 1820 durch Pfr. Joh. Hch. Burkhard
wieder nach 57 Jahren, Kirchturm beschindeln [?] Jakob Thomann v. Ranggenschweil (Schwarzwald). Teuerung & Beigaben über 1817.

N° 6 von 1836 durch Pfr. Burkhard (wie oben)
Gebete, Lieder & Weiherede zum Neubau des jetzt noch benützten Schulhauses (30 Seiten)

N° 7 von 1850 durch Pfr. Konr. Hirzel u.a.
Ortsbeschreibung von Weiach (65 Seiten!!)
Allgemeiner Teil: Umfang & Bodenbeschaffenheit, Gelände & Wasserleitung, Bevölkerung, Strassen & Wege.
Spezieller Teil: Feldbau – Wiesenbau – Obstbau – Weinbau – Waldbau – Viehzucht – Dungstätten & Dünger – Technische Gewerbe & übrige, in das Gebiet der Landwirtschaft ge-hörende Versuche
(Verfasser sind: Pfr. Hirzel, Prsdt. Baumgartner, Schulpfleger Baumgartner, Hs. Hch. Willi Vieharzt.)

N° 8 von 1855 durch Pfr. Conrad Hirzel & Schreiber Jakob Morf, Lehrer.
Teilweise neue Beschindelung, Anstrich des Kirchturms, Erstellen einer neuen Zeittafel Nord-seite & der bisherigen aus Eisenblech, Vergoldung der Knöpfe, Anbringung einer Balance & Neubemalen der Fahne, etc.
Wichtige Stelle: Standort des alten Kirchleins, etc.

N° 9 von 1863 durch Pfr. Ludwig Schweizer
Vertrag [?] Baumeister Knabenhans i. Seefeld. Blitzableitung, Wetterfahne, Stern & Knöpfe, Schindel-Ergänzung, Malarbeiten, Buge im Innern neu verklammern, Dachreparatur. 1250 Fr.

N° 10 von 1878 durch Pfr. Johann Stünzi
Vertrag mit Josef Kaiser v. Ballenberg (Schwarzwald)
Helm reinigen, Schindelbeschläge ausbessern, Anstrich [?] „gut abgekochtem Leinöl“, Fahnenstange streichen, bisher vergoldete Turmteile frisch vergolden, auch Zeiger.

N° 11 von 1886 durch Pfr. Johann Stünzi
Vertrag mit Hochbauflaschner Gyr St. Gallen. Eindecken des Turms mit neuen, gestanzten Kupferschindeln 150 x 85 mm, 4 kg Blechgewicht per m2, Sprengung 50 mm, Kupferstiften [?] 25 mm Länge, je 2.


B. Münzen und Medaillen

1. von 1820: Medaillon von Zürich, d = 77 mm
„Andenken von der Grossen Theurung im Jahre 1817.“
Ringsum angeordnet wie Blütenblätter geformte rote Papierblätter mit aufgedruckten Angaben zu den Preisen der wichtigsten Lebensmittel (16).

2. von 1855 (vermutlich) Münzen.
17 Päcklein mit Münzen verschiedener Kantone und 17 Einzelmünzen, zieml. abgewetzte


C. Büchse, 1855 erstellt für diese Dokumente

26 cm hoch, 11,5 cm Durchmesser



Und heute?

Darüber, was heute im Turmknopf enthalten ist, gibt der Artikel Zeitmaschine Kirchturmkugel (WeiachBlog Nr. 229, 21. Juni 2006) Auskunft.

Der volle Wortlaut des nach der Restaurierung in die Turmkugel gelegten Dokuments der Kirchenpflege ist in der Monographie «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. (Autor Ulrich Brandenberger, Weiach 2006, Online-Ausgabe 2007) auf den Seiten 57-60 abgedruckt (nicht ab S. 58, wie im Inhaltsverzeichnis irrtümlich angegeben).

[Veröffentlicht am 5. November 2018 um 12:25 MEZ]

Sonntag, 30. April 2017

Bürgerort entscheidet über anzuwendendes Erbrecht

Das sogenannte «alte Harkommen» war im Mittelalter und der Neuzeit bis zum Ende des Ancien Régime ein sehr wichtiges Kriterium wenn es darum ging das geltende Recht zu eruieren. Da kam es nicht so sehr darauf an, welcher Staat gerade die Oberhoheit über ein bestimmtes Gebiet (z.B. das der Gemeinde Weyach) hatte. Sondern auf die - teils über Jahrhunderte gewachsene Rechtstradition.

So bezog beispielsweise die Stadt Zürich in der Stadt Kaiserstuhl bei bestimmten Kategorien von Verstorbenen die Erbschaftsteuer. Und nicht etwa die Grafschaft Baden oder der Fürstbischof von Konstanz. Und das obwohl die Zürcher weder die hohe noch die niedere Gerichtsbarkeit über Kaiserstuhl innehatten.

Aus diesem Umstand leitet Naumann ab, dass vor der Stadtgründung ein Teil von Kaiserstuhl (der östlich der Hauptgasse gelegene) noch zur Grafschaft Kyburg gehört habe. Das wäre in der Tat eine plausible Begründung für das Recht der Zürcher auf den Steuerbezug. Denn die waren erst ab 1424 die Hochgerichtsherren der Grafschaft Kyburg, wogegen die Eidgenossen bereits 1415 in den Besitz der Grafschaft Baden und damit der Stadt Kaiserstuhl gelangt waren.

Einfluss über das Dorfgericht

In einem anderen Erbrechtsthema hat das Recht der Stadt Kaiserstuhl Wirkungen auf Zürcher Staatsgebiet entfaltet. Weyach gehörte seit der Gründung des Städtchens Kaiserstuhl zu dessen direktem Einzugsgebiet, war wirtschaftlich eng mit ihm verflochten und es gab etliche Kaiserstuhler, die auf Weiacher Gebiet über Grundbesitz verfügten.

Darüber hinaus war das Fürstbistum Konstanz ab 1295 immer mindestens zur Hälfte (ab 1605 vollständig) Inhaber der Niederen Gerichtsbarkeit über Weiach. Damit hatte der Fürstbischof auch die Kontrolle über das Dorfgericht. Dessen Vorsitzender (genannt «Stabhalter») war in der Regel ein Kaiserstuhler Bürger.

Welches Erbrecht gilt für die Witwe Waser?

Und so verwundert es nicht im Geringsten, dass in Weiach (als offenbar einziger Zürcher Gemeinde) das Kaiserstuhler Erbrecht in Gebrauch war. Dass dem wirklich so war, überliefert der Fürsprecher (Rechtsanwalt) Dr. Jakob Pestalutz im zweiten Band seiner «Vollständigen Sammlung der Statute des Eidsgenößischen Cantons Zürich».

Das Kapitel XVII umfasst das «Erbrecht der Stadt Kaiserstuhl d.d. 23sten Juli 1680». Nach Ingress und Präambel folgt auf den Seiten 6-24 in 19 Artikeln was im Städtchen Gültigkeit hatte. Auch die 1687 durch den Fürstbischof von Konstanz erfolgte, offizielle Bestätigung des Kaiserstuhler Erbrechts (vgl. S. 24) hat Pestalutz für seine Sammlung transkribiert.

Am Schluss des Kapitels (S. 26-27) erklärt er dem geneigten Leser schliesslich, was ein Kaiserstuhler Erlass in einer Zürcher Gesetzessammlung verloren hat:

«Das Erbrecht der Stadt Kaiserstuhl mußte darum in diese Sammlung aufgenommen werden, weil dasselbe in der angränzenden Zürcherischen Gemeinde Weyach recipirt ist, was sich aus dem vom H. Obergerichte am 15. Februar 1833 beurtheilten Processe des Schleifer Rudolf Waser von Zürich und Streitgenossen gegen Frau Salomea Waser, geb. Weißhaupt von Weyach, ergab. Die hierauf bezügliche Erwägung dieses Urtheils lautet wörtlich folgendermaßen: "7) daß aus dem Berichte des Gemeindrathes von Weyach, in Verbindung mit den darin angeführten Beyspielen, an deren Wahrheit zu zweifeln keine irgend zureichenden Gründe vorhanden sind, zur Ueberzeugung des Richters hervorgeht, daß das Erbrecht von Kaiserstuhl das in Weyach geltende sey."; und wurde daher der fragliche das Erbrecht der Wittwe an dem Vermögen ihres verstorbenen Mannes betreffende Proceß nicht nach den Bestimmungen des Erbrechtes der Stadt Zürich, sondern nach denjenigen des Erbrechtes der Stadt Kaiserstuhl entschieden.»

So ungewohnt das nun tönt, so gibt es doch gerade auch heute vermehrt ähnliche Fragestellungen. Wie dabei vorzugehen ist, regelt das Bundesgesetz über das Internationale Privatrecht (IPRG) vom 18. Dezember 1987 im Kapitel 6 über das Erbrecht (Art. 86-96).

Quellen
  • Vollständige Sammlung der Statute des Eidsgenößischen Cantons Zürich mit Ausnahme der bereits gedruckten "Saz- und Ordnungen Eines Frey-Loblichen Stadt-Gerichts von A°. 1715, und des Erbrechts der Stadt Zürich von A°. 1716." Von Dr. Jakob Pestaluz, Zürich. Band 2, Zürich 1839.
  • Naumann, Helmut: Der Kaiserstuhler Efaden. In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins, 1967, S. 213-236. Hier: S. 217 u. 219.
  • Brandenberger, Ulrich: Grenzen der Stadt Kaiserstuhl gestern und heute. Vortrag vor der Generalversammlung Pro Kaiserstuhl, 26. Februar 2016 - S. 30-31.

[Veröffentlicht am 2. Januar 2019 um 03:15 MEZ]

Sonntag, 9. April 2017

Der Pfarrer erhielt gleich drei Wasserhahnen

Im Artikel Weiacher Geschichte(n) Nr. 37, publiziert in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach im Dezember 2002, wurde als Beispiel für die im 19. Jahrhundert noch ausreichende Assekuranznummerierung der Gebäude auf Gemeindegebiet folgende Gegebenheit kolportiert:

«Als es 1876 um die Finanzierung der ersten Haus- und Löschwasserversorgung ging, wollte man das «Staatsgebäude No. 46» nicht anschliessen «insofern nicht für das letztere entsprechender Ersatz geleistet wird». Bei diesem Gebäude handelte es sich um – das Pfarrhaus! Unbekannt ist mir derzeit, ob der Kanton für den Anschluss bezahlt hat und falls nicht, ob die Weiacher ihren Pfarrherrn, Johannes Stünzi, tatsächlich haben auf dem Trockenen sitzen lassen.»

Der erste Teil der damals formulierten Fragen kann mittlerweile beantwortet werden. Wie man einem Regierungsratsbeschluss aus dem Mai 1877 unter dem Titel «Pfrundlokalität Weiach; Wasserversorgung.» entnehmen kann, wurden die behördlichen Abklärungen in geradezu rekordverdächtiger Zeit von weniger als einem Monat entscheidreif vorangetrieben.

«Die Direktion der öffentlichen Arbeiten berichtet:

Da die Gemeinde Weiach damit beschäftigt ist, im Laufe dieses Frühjahres eine Wasserversorgung zu Haus- & Löschzwecken einzuführen, sucht Hr. Pfarrer Stünzi daselbst mit Zuschrift vom 24. April darum nach, es möchte auch in dortiger Pfrundlokalität die Wasserversorgung eingerichtet werden.
Da nun einerseits die ziemliche Entfernung des zunächst gelegenen Brunnens vom Pfarr- und Waschhause in jeder Hinsicht eine solche Einrichtung als wünschenswerth erscheinen läßt, anderseits der von dem Uebernehmer der ganzen Anlage, Hr. Ingenieur Weinmann in Winterthur, für den die Pfrundlokalität treffenden Theil der Einrichtung verlangte Preis von Frk. 250
// [p.390] verhältnißmäßig gering erscheint, – wobei ein Hahn in der Küche, einer im Waschhaus und einer im Keller sammt aller nöthigen Zubehör [sic!], Zuleitung, Hauptabstellhahn, Grabarbeit u.s.w. inbegriffen wäre – so erscheint es geboten, diesen Anlaß zu benutzen.
Ein allfälliger Wasserzins wäre durch den jeweiligen Nutznießer zu tragen.

Der Regierungsrath,
nach Einsicht eines Antrages der Direktion der öffentlichen Arbeiten,
beschließt:
1. Herr Ingenieur Weinmann in Winterthur wird beauftragt, in Verbindung mit der Wasserversorgung in der Gemeinde Weiach, dieselbe auch in dortiger Pfrundlokalität im Sinne des Berichtes der Direktion einzurichten um den von ihm anerbotenen Preis von Frk. 250.
2. Der jeweilige Nutznießer der Pfrundlokalität hat einen allfälligen Wasserzins zu bestreiten.
3. Mittheilung an die Direktion der öffentlichen Arbeiten zur Vollziehung.
»

Pfarrer Stünzi wurde also nicht auf dem Trockenen sitzengelassen. Über den zweiten Teil der eingangs stehenden Frage mussten sich weder er noch die Weiacher Gedanken machen. Und wir tun es nun auch nicht mehr.

Quelle

[Veröffentlicht am 4. November 2018 um 20:08 MEZ]

Montag, 20. März 2017

Klares Votum: Kirchgemeinde Weiach bleibt selbstständig

Sollen die evangelisch-reformierten Kirchgemeinden Bachs, Stadel und Weiach zur Kirchgemeinde Stadlerberg fusionieren? Am 11. März veröffentlichte der Zürcher Unterländer einen Artikel zur wohl wichtigsten kirchlichen Abstimmung in Weiach seit Jahrzehnten: Vor Abstimmungssonntag flammt Kritik auf. Darin wurde offengelegt, dass die Rechnungsprüfungskommission Weiach unter dem Präsidium von Karin Klose (frühere Präsidentin der Weiacher Kirchenpflege!) die Fusion ablehnt, eine Position, die bis dahin nicht öffentlich bekannt war.

Auch der WeiachTweet (Twitter-Auftritt des Wiachiana-Verlags, der u.a. den WeiachBlog herausgibt) beteiligte sich aktiv an der Debatte. Und hat kräftig gegen die Fusion die Trommel gerührt. Zusammenarbeit JA - Fusion NEIN heisst der Titel der Zusammenfassung der Tweets, die sich mit dem Fusionprozess befassen und die auch dokumentieren, mit welch fragwürdigen Mitteln teilweise versucht wurde, die Stimmung zugunsten der Fusion zu manipulieren.

Flammende Rede und ätzende Gegenposition

Noch kurz vor der Abstimmung, am 14. März abends, versuchte die Weiacher Kirchenpflege für die Fusion eine letzte Lanze zu brechen. Sekundiert wurde sie durch eine frühere Präsidentin der Pflege: Rösli Baumgartner. Sie hielt eine flammende Rede. Man müsse jetzt einfach Vertrauen haben und es gehe doch um die Sache und den Glauben etc. Die Gegenposition wurde von Volker Klose (Vater von Karin Klose, RPK-Präsidentin) vertreten, der zuspitzend meinte, man könne ja dann schliesslich die Bänke aus der Kirche räumen, Asylanten einquartieren und oben ein Minarett aufsetzen. Das sei Panikmache, wurde er getadelt. Die Aussprache kann also nur als sehr emotionsgeladen bezeichnet werden.

Solche Diskussionen hätte es eigentlich vor einem Jahr gebraucht. Aber das wollten einflussreiche Kräfte offensichtlich nicht. Damit war es völlig unklar, wie die Abstimmung ausgehen würde. Zu viel hing davon ab, wieviele Befürworter bzw. Gegner der Fusion am Sonntag in die Kirche kommen und wie viele der Unentschlossenen den Mut haben würden, in offenem Handmehr für ein Ja oder ein Nein einzustehen. Denn erstaunlicherweise verlangt die Kirchgemeindeordnung nur für Wahlen das geheime Verfahren. Und nur dieses ermöglicht auch eine briefliche Abstimmung, in der sich die grosse Zahl der an Gemeindeversammlungen in der Regel Abwesenden zu den Vorlagen äussern könnte.

Fusion wuchtig bachab geschickt

Allen Druckversuchen seitens der Abgesandten des Kirchenrates (der in Zürich residierenden Exekutive der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich) zum Trotz, wider alle Schalmeienklänge der Fusionsturbos (die vor allem in Stadel ansässig sind) und gegen die fast geschlossene Phalanx der Weiacher Kirchenpflege: die gestern Sonntag, 19. März in der Kirche Weiach anwesenden Stimmbürgerinnen und Stimmbürger haben die Fusion von Weiach mit Bachs und Stadel zur «Kirchgemeinde Stadlerberg» wuchtig bachab geschickt. Mit 55 Nein- gegen 8 Ja-Stimmen.

Der Zürcher Unterländer (@ZUnterland) twitterte dazu noch selbigen Tages (um 15:42 Uhr) lakonisch: «Die reformierte Kirche Weiach bleibt vorerst eigenständig. Die Abstimmung in der Kirche war kurz, aber chaotisch.» Zu diesem Eindruck gelangten auch andere Anwesende. Die Kirchenpflegepräsidentin habe einen alles andere als souveränen Eindruck gemacht, vgl. u.a. WeiachTweet Nr. 590 (Retweet):


Diese Verfahrensfrage wurde nach dem klaren Votum der Rechnungsprüfungskommission auf Ablehnung der Fusion gestellt. Und sie zeigt exemplarisch, dass für die Kirchenpflegepräsidentin eigentlich nur eine diskussionslose Annahme in Frage gekommen wäre. Einen Plan B gab es offenbar nicht. Aber genau DEN wird man nun entwickeln müssen. Ob die offensichtlich amtsmüden Mitglieder der Kirchenpflege (Brunner, Kuster und Schenkel) dazu willens und in der Lage sind, darf bezweifelt werden.

[Veröffentlicht am 4. Januar 2019 um 02:15 MEZ]

Mittwoch, 1. März 2017

Hart erkämpfte Eigenständigkeit unserer Kirchgemeinde aufgeben?

«Unabhängigkeit aufgeben? Kritische Gedanken zur geplanten Kirchgemeindefusion Bachs-Stadel-Weiach», lautet der Titel eines fünfseitigen Beitrags des Autors der «Weiacher Geschichte(n)» (und des WeiachBlog) zu den Kirchgemeindeversammlungen vom 19. März 2017, der Abstimmung über den Zusammenschluss der evangelisch-reformierten Kirchgemeinden Bachs, Stadel und Weiach zu einer Kirchgemeinde Stadlerberg.

Der Artikel hätte - als Replik zu den Aussagen der offiziellen Kirchenvertreter in der Februar-Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach - im selben Publikationsorgan erscheinen sollen.

Die Politische Gemeinde zieht den Schwanz ein

Dazu kam es aber nicht. Am 23. Februar teilte mir die Gemeinde mit:

«Es wurde beschlossen, dass der Beitrag leider nicht über das Mitteilungsblatt der Politischen Gemeinde publiziert werden kann. Gemäss Reglement des Mitteilungsblattes ist geregelt, dass politische Beiträge mit nicht neutralem Inhalt, politische Wahl- und Abstimmungsempfehlungen sowie auch  offene Briefe oder Lesebriefe nicht publiziert werden. Ihr Beitrag ist keine Abstimmungsempfehlung, jedoch in gewissen Punkten kritisch gegenüber dem Zusammenschluss.

Die Gemeinde publiziert die Einladung sowie den Antrag der Kirche an die Einwohner, hat jedoch politisch mit der Abstimmung keine Verbindung. Zusammen mit dem Mitteilungsblatt wird jedoch eine Broschüre der reformierten Kirche zu der Abstimmung publiziert. Ich werde noch heute Nachmittag mit der Präsidentin der Kirchenpflege Kontakt aufnehmen und Ihr den Vorschlag machen, Ihren Beitrag über die Broschüre der reformierten Kirche zu publizieren


Die angerufene Bestimmung ist Ziff 7c des Reglements für das Mitteilungsblatt Weiach.

Dass die Kirchenpflege an einer solchen Gegenposition kein Interesse hatte und daher auch keinen Gegenpositionen Raum geben wollte, war zu erwarten.

In meiner Antwort vom selben Tag (23. Februar 2017) habe ich meinen Standpunkt erläutert und auch meinem Befremden über den Entscheid Ausdruck verliehen:

«Die Gemeinde hat nichts dabei gefunden, noch in der Februar-Ausgabe der MGW, die mehrheitlich von Stadlern verfassten «Infos und Gedanken zum Zusammenschluss» zu publizieren. Gerade die eklatanten Unterschiede zwischen den dort behaupteten Inhalten des Fusionsvertrags (u.a. die Wahlkreis-Behauptung) und dem tatsächlichen Wortlaut des Zusammenschlussvertrags haben mich bewogen, diesen Beitrag überhaupt zu schreiben.

Sollte die Politische Gemeinde Weiach gleichzeitig mit der Ablehnung meines Beitrags entschieden haben, den Beitrag von Pfrn. Wildbolz mit dem Titel "Gedanken der Pfarrerin zum geplanten Zusammenschluss im Blick auf Weiach" zur Publikation in den MGW zuzulassen, so würde dies einen eklatanten Verstoss gegen das Gebot der Neutralität darstellen.

Die Pfarrerin behauptet in ihrer Darstellung, die Finanzen seien fix zugesichert, was der Formulierung im Zusammenschlussvertrag so nicht entnommen werden kann:

«Die unterschiedlichen Finanzlagen der Kirchgemeinden und die erst in Planung begriffene Renovation der Kirche Weiach, wurden als Knackpunkt erwähnt. Geld für die Erneuerung wird im Zusammenschlussvertrag zugesichert (auf Seite 5, Art. 15 Grundsatz, Pkt.4: Es ist vorgesehen, die entstehenden Renovationskosten dem Eigenkapital der neuen Kirchgemeinde zu entnehmen.) Diese Zusicherung ermöglicht es den Mitgliedern der Kirchgemeinde Weiach einem Zusammenschluss jetzt zuzustimmen, auch wenn die Renovation nicht mehr vor der Fusion fertig geplant und realisiert werden kann.»
[Volltext, vgl. WeiachTweet Nr. 469 vom 25. Februar 2017]

Ich sehe nach wie vor nicht, weshalb die politische Gemeinde Pro-Beiträge durchgehen lässt (vgl. Februar), nun aber bei einer direkten Replik auf dieselben - und einer Contra-Ausrichtung den Schwanz einzieht.»

Es ist offensichtlich, dass die Politische Gemeinde sich in dieser Angelegenheit nicht die Finger verbrennen wollte. Die einseitigen Darstellungen der Kirchenpflege in ihrem offiziellen Publikationsorgan hat sie nicht verhindert - vielleicht auch nicht verhindern können. Wohl aber die sichere Kontroverse, hätte sie den eingangs zitierten Beitrag in der März-Ausgabe abgedruckt. Der Gemeinderat wollte wohl den Vorwurf verhindern, über seinen eigenen Kommunikationskanal weiteres Öl ins Feuer gegossen zu haben.

Kampagne auf Twitter

Dem zuständigen Gemeinderat ist zugute zu halten, dass er zur Publikation des von ihm abgelehnten Beitrags ermunterte. Und das trotz der auf dem WeiachTweet mit Verve geführten Kampagne gegen das Fusionsvorhaben. Die war nämlich klar und eindeutig auf Contra-Kurs, was nur schon die beiden nachstehenden Tweets zeigen:


(WeiachTweet Nr. 176 vom 21. November 2016, 14:55 MEZ)


(WeiachTweet Nr. 177 vom 21. November 2016, 15:07 MEZ)

Warum Verrat an den Vorfahren? Weil die Vorfahren seit 1591 grosse Opfer - auch finanzieller Art - gebracht haben um einen bei ihnen wohnhaften Pfarrer zugeteilt zu bekommen: 64 Prozent der Lohnkosten ihres Pfarrers mussten die Weiacher aus eigenen Mitteln bezahlen.

Den eigenen Pfarrer liess man sich einiges kosten!

In seiner «Chronik des Jahres 1965» hat Walter Zollinger die Einleitung den Anfängen der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach gewidmet (vgl. den Hinweis in WeiachBlog Nr. 682).

«Aus Anlass des Kirchgemeindebeschlusses v. 25.11.65., eine Restauration unseres Kirchleins durchzuführen, gebe ich im Nachfolgenden einige Notizen über die Errichtung der selbständigen Pfarrei Weiach anno 1591. Die Angaben sind zur Hauptsache den Aufzeichnungen von Pfr. E. Wipf (1904 bis 1908 in Weiach) entnommen:

Seit der Reformation wurden von Zürich aus jeweilen Prädikanten hieher gesandt, die aber nur gelegentliche sonntägliche Predigten hielten. Das Pfarrverzeichnis enthält zwischen 1520 u. 1590 rund 60 verschiedene Namen. Darum ging schon 1540 die nachfolgende Klage nach Zürich: „zuo Wyach ist ein erbar gross Volck, gehörend über Rhyn zur Kilchen gen Dengen und diewyl dieselben am Babschtumb sind, sy wie ein Herd, die kein Hirt hat und zerstreut ist, mangelnd des Wort Gottes und der Sakramenten; dann sy von Stadel und Glattfelden eben wyt gelegen sind“.

Der Rat zu Zürich war aber offenbar der Ansicht, dass Weiach doch am besten nach Stadel zugehörig erklärt würde. Dorthin kam regelmässig ein Kaplan aus Bülach, um die Neugläubigen "mit Wort und Sakrament" zu versehen. Auf diese Zumutung hin schrieben aber die Weiacher ziemlich bestimmt und drohend: "ee giengend (mir) nach Kayserstuhl und achtend nüt der waarenn Leer," d.h. also, eher würden sie wieder den katholischen Gottesdienst im näher gelegenen Städtchen besuchen. –


Daraufhin, wohl um ein Abspringen zur alten Lehre zu verhüten, sandte Zürich nun jeden Sonntag einen Prädikanten nach Wyach, der "das lautere, reine Evangelium nach dem Vorbilde Zwinglis" predigen musste. Aber auch das war immer noch keine befriedigende Lösung, zumal die allwöchentliche Kinderlehre dennoch der Kaplan von Stadel halten sollte, was dieser selber auch bald als "zu beschwerlich" ablehnte. Zeitweise hatte sogar der Schulmeister von Eglisau auszuhelfen. Damals waren diese ja verpflichtet, etwa anstelle des Pfarrers die Samstags- oder Sonntagnachmittagspredigten und Unterweisungen zu halten. 

All' dies behagte unsern Weiachern einfach nicht und sie gaben wohl nicht nach mit Aufbegehren und Drängen, bis sie zur eigenen Pfarrei erhoben wurden.

Aber erst am 23. Januar 1591 wurde durch Ratsbeschluss auf "einer lieben getreuwen Gmeind Wyach im Neuampt untertänig Bitten, Ansuchen und Erbieten" Weiach zu einer selbständigen Pfarrei erklärt.

Viel zu beraten und viel zu schreiben gab die Beschaffung der Besoldung des Pfarrers. Davon einiges aus dem Pfrundbuch von Weyach: schon am 25. Wynmonat des Vorjahres wurde durch eine anwesende Kommission ausgemacht, was jeder Einwohner „gemäss synem Zug“ zu zahlen habe. Es wurde bestimmt:

"die so mit zweyen Zügen zu buwen habend (2 Bewohner)
    je 4 pfund 5 batzen,
demnach die so mit eynem Zug zu buwen (11 Bewohner)
    je 2 pfund 8 batzen,
die, so ein halben Zug habend (4 Bewohner)
    je 1 pfund 10 batzen,
die so allein acher, matten und Räben habend, weder
mit halbem noch ganzen Zug zu buwen (48 Bewohner)
    je 1 pfund 5 bis 6 batzen."


Dazu kam noch ein gewisser Anteil des kleinen Zehntens und des Weinzehntens. Den grössern Teil davon beanspruchte allerdings immer noch der Bischof von Konstanz, weil ja Weiach früher zum Kilchsprengel Hohenthengen gehört hatte. An baar erhielt der Pfarrer von der Gemeinde noch 40 Gulden, sowie 60 vom Obmannamt zu Zürich ausbezahlt.

Erster Prädikant zu Weiach anno 1520 war: Niklaus Ländi,
erster Pfarrer, 1591 bis 1609, ein Hans Felix Schörrli.
»

Es dauerte also ein halbes Jahrhundert, bis die Weiacher endlich einen vor Ort wohnhaften Pfarrer zugestanden erhielten. Und den teilte ihnen die Obrigkeit zu Zürich auch nur deshalb zu, weil sie selber finanzielle Opfer zu bringen bereit waren. Auch diese für Weiach beträchtlichen Mittel ermöglichten dem Pfarrer nur ein bescheidenes Auskommen. Weiach blieb über Jahrhunderte eine wenig einträgliche Pfarrstelle.

Wieviel war 1591 ein Batzen?

Gemäss Historischem Lexikon der Schweiz war der Batzen in der Eidgenossenschaft und Süddeutschland verbreitet und im täglichen Zahlungsverkehr beliebt (vgl. den Artikel Batzen).

Gemäss Moritz John Elsas (vgl. Quellen) galt der Gulden nach der «Reichsmünzordnung von 1559» 15 Batzen: «Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts bürgert sich der Batzen bei den Bauamtsrechnungen immer mehr ein, vor allem bei Lohnzahlungen. Der Batzen war für jene Zeit eine sehr praktische Einheit, da er es ermöglichte, die Taler- und Guldenwährung mühelos ineinander überzuführen (...) Der Batzen war eine groschenartige Silbermünze, die im 15. Jahrhundert zuerst in Bern geprägt und dann im 16. Jahrhundert in Süddeutschland viel nachgeahmt wurde.»

Die Währungsrechnungseinheit 1 Gulden entsprach damals in der Regel etwa 2 Pfund, eine Umrechnung, die nach obiger Aufstellung im Pfrundbuch entweder nicht ganz aufgehen kann oder aber die tatsächlich zu entrichtende Steuer in zu bezahlenden Münzen aufführt.

Quellen
  • Elsas, Moritz John: Umriss einer Geschichte der Preise und Löhne in Deutschland. Vom ausgehenden Mittelalter bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Leiden, 1936-1949. Bd. 1, S. 130
  • Zollinger, W.: Jahreschronik Weiach 1965 - S. 1-2. Original: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1965.
  • Brandenberger, U. et al.: Beitrag WeiachBlog für MGW 03/2017. E-mail-Korrespondenz mit der Politischen Gemeinde Weiach zwischen dem 20. und 24. Februar 2017

[Veröffentlicht am 3. Januar 2019 um 13:50 MEZ]

Dienstag, 28. Februar 2017

Wie Weyach unversehens an zwei Landstraßen kam

Weiach liegt etwas abgelegen. Abseits der grossen Strassen. Das war über Jahrhunderte so. Auch im Mittelalter, als die Handelsgüter entweder auf dem Rhein oder dann von Schaffhausen kommend durch das Rafzerfeld bei Kaiserstuhl über den Fluss und weiter Richtung Baden transportiert wurden.

Die heutige Hauptstrasse Nr. 7, die nach Westen Richtung Zurzach und nach Osten Richtung Glattfelden und über die Wagenbreche, Embrach und Pfungen nach Winterthur führt, war eine eher schlecht unterhaltene Verbindung untergeordneter Bedeutung.

Mit der liberalen Revolution und der wirtschaftlichen Entwicklungswelle machte sich die Zürcher Regierung ab 1831 daran, das Strassennetz auszubauen. Der Betreiber der ehaften Taverne zum Sternen war seiner Zeit voraus als er seinen Gasthof 1830 mit obrigkeitlicher Bewilligung von der Verzweigung Oberdorfstrasse/Winkelstrasse an die neue Hauptverbindungsachse (heute: Hauptstrasse 7, Winterthur-Koblenz-Basel) verlegte.

So kam es, dass Weiach auf obrigkeitlichen Beschluss ab dem 5. Dezember 1833 gleich an zwei Strassen lag, die man zu Landstrassen aufklassierte. Und mit entsprechenden Staatsmitteln auszubauen gedachte.

Der «Beschluß betreffend die Bezeichnung derjenigen Straßenzüge, welche in die Claße der Landstraßen erhoben werden sollen.» führt die beiden Verbindungen wie folgt auf:

«7.) Von Winterthur über Wülflingen, Rorbas und Glattfelden nach Weyach, wo aber in dem Banne von Wülflingen noch die zweckmäßige Richtung auszumitteln ist.

8.) Von der Eglisauer Hauptstraße bey Seebach durch den Bann von Rümlang nach Weyach. Indeß soll sowohl die Einmündung von der Hauptstraße her, als die ganze Richtung von Seebach bis nahe an Weyach, noch einer sorgfältigen Untersuchung unterworfen werden.
»

Diese Untersuchung wurde dann wirklich sorgfältig durchgeführt. Sie dauerte ein ganzes Jahrzehnt. Auf den Tag genau zehn Jahre nach dem obigen Beschluss hielt der Regierungsrat fest, eine Landstrasse von Seebach Richtung Weyach (die heutige RVS 566) sei kein wirkliches Bedürfnis:



Quelle und weitere Beiträge


[Veröffentlicht am 19. September 2018 um 11:08 MESZ]

Mittwoch, 1. Februar 2017

Aufruf zur Mitarbeit am Ortsmuseum Weiach

Am 13. Juli 1968 öffnete das Weiacher Ortsmuseum im Lieberthaus zum ersten Mal seine Türen für interessierte Besucher.

Im Hinblick auf das im kommenden Jahr zu begehende Jubiläum publiziert WeiachBlog in loser Folge Dokumente, welche über die Entstehung Auskunft geben.

Damit soll Einblick vermittelt werden in Museumskonzept und Sammlungstätigkeit - letztlich auch in die Gedankenwelt der Gründerväter und ihre tieferen Beweggründe.

Denn diese Gedanken haben über die gesamte Zeit hinweg prägend gewirkt. Nicht zuletzt auch dadurch, dass es in einem halben Jahrhundert gerade einmal drei Präsidenten der Ortsmuseums-Kommission gegeben hat: Walter Zollinger, Hans Rutschmann und Daniel Bryner.

Ihnen und den (vor allem weiblichen) Mitgliedern der Kommission ist es zu verdanken, dass das Ortsmuseum Weiach mit seinen mittlerweile 48 Ausstellungen das geworden und geblieben ist, was es damals sein wollte und noch heute bestrebt ist zu sein: ein Ort, an dem man in die im bäuerlichen Weiach verankerte Lebenswelt eintauchen kann - anhand von Gegenständen und Dokumenten, die diese verschwundene Welt exemplarisch vermitteln und begreifbar machen.



Besonders viel über die Motivation der Gründer verrät ein im Februar 1967 in alle Haushaltungen verteilter «Aufruf zur Mitarbeit». Nachstehend wird der volle Wortlaut dieses dreiseitigen Dokuments wiedergegeben (das Bild oben zeigt die Seite 1):

Ortsmuseum Weiach.

1. Rundschreiben - Aufruf an die Bevölkerung


Eine Heimat zu besitzen war seit jeher der Stolz der Schweizer. Wenn wir heute hören, dass uns diese Heimat ganz langsam verlorengeht, so blicken wir solch düstere Propheten ungläubig an und lassen uns in unserem Geniessen der guten Konjunktur nicht stören. Die Heimat geht uns aber wirklich verloren, wenn wir uns nicht um sie kümmern, wenn es uns gleichgültig ist, wo wir wohnen, woher wir kommen, ja sogar wohin wir gehen. Den Zusammenhang mit der engeren Heimat, der Gemeinde, zu fördern, ist der Sinn des Ortsmuseums.

Liebe Dorfgenossen!

Die heutige Zeit ist gekennzeichnet durch die fortlaufenden Veränderungen in Technik, Wirtschaft und Kultur. Alles ist ständig im Fluss.

Altes vergeht - Neues entsteht.

Was vor wenigen Jahren unsere Grossmütter und Grossväter noch täglich in Gebrauch hatten, steht heute schon vielmals ungenützt, veraltet, irgendwo abseits gestellt, wird von Ecke zu Ecke geschupft, liegt uns oft überall im Wege. Unsere Kinder müssen bei vielem bereits fragen: "Was isch au das?" - "Zu was chame das bruche?" Und sie stehn staunend davor. Es nähert sich die grosse Gefahr, dass in kurzer Zeit vieles, was unsern Vätern und Müttern noch teuer war, in Vergessenheit gerät oder gar vernichtet wird.

Mit der Schaffung des Ortsmuseums, in dem von der Gemeinde anerkennenswerter Weise erworbenen Hause Liebert, ist uns nun glücklicherweise die Gelegenheit gegeben, solche Zeugen aus vergangenen Zeiten zu sammeln und unsern Kindern und Kindeskindern als interessantes Erinnerungsgut an die Lebensgewohnheiten unserer Vorfahren zu erhalten. Bereits ist ein bescheidener Stock solchen Sammelgutes in aller Stille zusammengetragen worden und harrt der Einordnung. Noch aber fehlt allerhand und sollte aus den versteckten, verstaubten Winden herabgeholt werden. Wir hoffen zuversichtlich, dass alle, die Sinn und Verständnis für unser ortsgeschichtliches Bestreben zeigen wollen, solche Gegenstände dem erstehenden Ortsmuseum gerne zur Verfügung halten werden.

Was kommt denn überhaupt in Frage?
Was eignet sich zur Aufnahme im Ortsmuseum?

Alle Gegenstände, die mit dem Leben und Wirken unserer Vorfahren in Haus und Hof, in Scheune und Stall, auf dem Felde oder in der Werkstatt zusammenhängen.

Dazu einige Beispiele:

Geräte und Werkzeuge aus Gewerbe, Land- und Forstwirtschaft, des Rebbaues von einst, der Viehhaltung, sodann Küchengeräte, Petrollampen, alte Laternen, Fruchtsäcke mit Jahrzahl und Namen, altehrwürdige Möbelstücke aus Stube und Kammer, Spinnrad und Flachsrätsche, Trachtenstücke, alte Uniformen, Waffen, Feuerwehrgeräte.

Aber auch schriftliche und bildliche Dokumente aus früheren Jahren, die bestimmte Persönlichkeiten, Gebäude oder besonders erwähnenswerte Ereignisse betreffen, Pläne, alte Gesangbücher und Bibeln sind sehr willkommen.

Wir sind auf die Spendefreudigkeit der ganzen Ortsbevölkerung, besonders aber der Bürgerfamilien, die schon seit Generationen im selben Hause wohnen, angewiesen. Melden Sie bitte die vorhandenen Gegenstände bei einem Mitglied der Ortsmuseums-Kommission oder auf der Gemeinderatskanzlei. Wir sind gerne bereit, die Sachen zu besichtigen und zu registrieren. Sobald die Räume dazu hergerichtet sind, können die Museumsgüter abgeliefert oder bei Ihnen abgeholt werden.

Wir danken im voraus für alle Ihre Mitarbeit.

Weiach, im Februar 1967

Die Ortsmuseums-Kommission

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Mitglieder dieser Kommission sind:

Walter Zollinger, a. Lehrer, Präsident
Emil Maurer, Stationsvorstand
Hans Meier, Gemeinderatsschreiber
Hans Rutschmann, Briefträger
Paul Stalder, Gemeindeförster.



Quelle

  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966; abgeschlossen im August 1967].

[Veröffentlicht am 11. Dezember 2017 um 22:33 MEZ]

Dienstag, 31. Januar 2017

Neue Strassennamen führen zu Adressänderungen

Wenn eine Gemeinde wächst, dann braucht sie neue Strassennamen - und sei es, dass man bislang namenlosen Verbindungsweglein nun einen offiziellen, per Beschilderung (oder gar nur auf dem Plan wie beim Seerenweg) öffentlich gemachten Namen verpasst. In Weiach war und ist das nicht anders.

Im Prinzip ist die Vorgehensweise ja einfach. Strasse benennen, fertig. Aber wie immer steckt der Teufel im Detail. Und betroffen sind teils langjährig Ansässige. Zwei typische Fälle, wie sie auf Gemeindegebiet mehrfach auftreten, wollen wir hier näher betrachten.

Der Fall «Dorfweg»

Im Strassenverzeichnis der Gemeinde Weiach wird seit dem 2. Juni 2009 (mittlerweile also seit mehr als 7 Jahren) eine Strasse mit dem Namen «Dorfweg» geführt. Dieser reine Fussweg bildet die Parzelle 159 und verläuft zwischen der Stadlerstrasse und der Büelstrasse. Halt eben mitten durch's Dorf - so kann man sich die Entstehung dieses Allerweltsnamens erklären. Oder dadurch, dass man vom Büel aus über diesen Weg ins Dorf gelangt? Wie auch immer, der Weg heisst jetzt halt so.



Nun sind die Häuser zwischen diesen Strassenzügen ziemlich ineinander verschachtelt (wie man auf dem obigen Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung sieht) und die Grundstücksgrundrisse sind es daher natürlich auch:

Gebäude Nr. 234 - Erstellung 1845 - Parzelle 156; Adresse: Stadlerstrasse 1
Gebäude Nr. 224 - Erstellung 1829 - Parzelle 157; Adresse: Büelstrasse 6
Gebäude Nr. 373 - Erstellung 1878 - Parzelle 158; Adresse Stadlerstrasse 3

Das Haus Meierhofer-Järventaus (Stadlerstrasse 3) mit seiner aufs Trottoir vorspringenden Treppe trägt also nicht etwa die Bezeichnung Stadlerstrasse 1. Nein, diese Adresse gehört dem Haus Nr. 234. Und dies, obwohl sich nur der Garageneingang auf der Seite Stadlerstrasse befindet. Der eigentliche Hauseingang (roter Ring) liegt am Dorfweg, weswegen die Adresse Dorfweg 1 lauten müsste.

[Anmerkung: Diese Änderung ist mittlerweile vollzogen.]

Der Fall «Rebweg»

Ein weiteres - auf die gleiche Art und Weise entstandenes - Adressierungsproblem stellt der Fall Oberdorfstrasse 13 dar. Hier ist es die Parzelle 296, die den «Rebweg» bildet. So benannt, weil man von der Oberdorfstrasse aus ins ehemalige Rebberggebiet an der Fasnachtflue gelangt. Der Rebweg zweigt zwischen den Häusern Oberdorfstr. 11 und 15 ab und mündet zwischen den Gebäuden Trottenstrasse 11 und 13.

Man ahnt, dass damit hier ein Problem analog dem beim Dorfweg kreiert wurde. Nach den Richtlinien des Kantons und des Bundes müsste nun die Oberdorfstrasse 13 eigentlich zum Rebweg 1 umfirmiert werden (ungerade Zahl, da links vom Verlauf von der Ortsmitte aus).

[Anmerkung: Diese Änderung ist nach wie vor nicht vollzogen. Obwohl es hier sogar ein Gebäude «Rebweg 2» gibt (Nr. 279 auf Parzelle 298).]

















[Veröffentlicht am 18. September 2018 um 23:05 MESZ]

Mittwoch, 18. Januar 2017

Eine Winteraufnahme kommt zu Wort

Angeblich sagt ein Bild ja mehr als tausend Worte. Das mag sein. Gilt aber nur dann, wenn man das Bild zu lesen versteht, wenn es sozusagen zu einem spricht. Zum Beispiel, weil man das darauf Abgebildete und dessen Geschichte kennt. So wie bei dieser Winteraufnahme:


Bei diesem Standbild (Minute 08:55) aus dem 1. Teil des sogenannten Ackerknecht-Films über Weiach in den 50er- und 60er-Jahren gibt die von den späteren Bearbeitern erstellte Einblendung eine klare zeitliche Verortung.

Im betreffenden Winter gab es in Weiach also Schnee, was nicht immer der Fall war und ist. Wohl deshalb hat der Filmer, Lehrer Kurt Ackerknecht, vom Fenster seiner Wohnung aus das Sujet festgehalten. Dieses Fenster befand sich im oberen Stockwerk der Liegenschaft Alte Poststr. 4. Die Blickrichtung geht nach Nordnordwest.


Dass Lehrer Ackerknecht in besagtem Winter dort wohnte, hat Hans Rutschmann gegenüber WeiachBlog am 11.1.17 am Telefon bestätigt. Er sei kurz darauf, als seine Familie zu gross wurde, von Bülach nach Weiach in sein heutiges Haus gezügelt, das seinem Schwiegervater gehörte. Ackerknecht habe halt einfach eine andere Wohnung suchen müssen.

Die fand er dann im Frühling 1958 auch, wie im Artikel «50 Jahre Tankstelle an der Sternenkreuzung» (WeiachBlog Nr. 585) nachzulesen ist: bei seinem Schwiegervater.

Im Zentrum des Standbildes, an der Verzweigung Oberdorfstrasse/Winkelstrasse, steht die Liegenschaft Oberdorfstrasse 7, die in den wesentlichen Bauteilen aus dem Jahre 1801 stammt (gemäss Gebäudeversicherung des Kantons Zürich) und bis 1829 der Standort des «Sternen» war, dem einzigen obrigkeitlich bewilligten Gasthaus in Weiach.