Mittwoch, 30. November 2016

Novemberwetter 1966: Ist dieser Winter ein Geck?

Walter Zollinger war sich punkto Beurteilung des Novembers vor 50 Jahren ziemlich sicher:

«November. Er verdient den Namen "Wintermonat", wenigstens was die Kälte anbetrifft, wohl. Ein einzigesmal zeigt das Thermometer am Morgen über +5°, nämlich am 10.11. mit +8°; sonst immer unter 5°C, meist um 0° und darunter. Aber auch Schnee fällt schon beizeiten, am 4.11. vor- und nachmittags, nachdem es vorher nachts leicht geregnet hatte. So kommt einem der Spruch in den Sinn:

"Fällt der Schnee in' Dreck,
so bleibt der ganze Winter ein Geck!"

Er bleibt, da es so kalt ist, zwar etliche Tage liegen. Mittags allerdings, wenn das Thermometer etwa über 0° steigt, gibt's dann eben wieder Nasschnee draus. Der Monat zeichnet sich ferner durch viele Hochnebeltage aus (12), auch ist's oft bedeckt oder stark bewölkt; Regen fällt sieben Mal, Schnee viermal. Etliche Morgen sind neblig bis in den späten Vormittag hinein. Eigentlich sonnige Tage sind selten, etwa an fünf Nachmittagen scheint die Sonne und hie und da noch schnell gegen Abend.

Höchsttemperaturen morgens +4° (1x+8°) mittags +9° (1x 14°) Föhn! abends +6° (1x +8°)
Tiefsttemperaturen morgens -5° mittags -2° abends -5°.
»

Dass im Herbst in Weiach - bedingt durch die Lage am Rhein - häufig Bodennebel auftritt, ist sattsam bekannt. Das muss man den Weycherinnen und Weychern nicht erklären. Es würde etwas fehlen ohne die dicke, feuchtkalte Nebelsuppe.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 7. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

Montag, 28. November 2016

In der Ehe-Frage kein SVP-Dorf

Punkto schlechter Stimmbeteiligung bestätigte sich in der Gemeinde Weiach das schlechte Resultat vom letzten September (vgl. WeiachBlog Nr. 1314). Am gestrigen Abstimmungssonntag war bei der nationalen Vorlage lediglich eine Beteiligung von 37.57% festzustellen, bei den kantonalen eine noch tiefere.

Was für die nationale Vorlage immerhin eine Platzierung einige Ränge weiter vom Schwanz weg ergibt als noch vor zwei Monaten. Der Trend bestätigt sich dennoch: Nur die Auslandschweizer/-innen mit Bürgerort im Kanton Zürich, sowie die Gemeinden Oberglatt, Opfikon, Kloten und Schlieren (gleiche Reihenfolge wie am 25.9. übrigens), gefolgt vom Kreis 1 der Stadt Zürich, Rümlang, Dietikon, Dällikon, Höri, Rorbas, Regensdorf und Oetwil a.S. liegen noch hinter Weiach.

Gemäss http://www.wahlen-abstimmungen.zh.ch sind die Zahlen für Weiach:

  • Atomausstiegsinitiative: 34.92% Ja
  • Umsetzung Kulturlandinitiative im PBG: 31.83% Ja
  • Eheschutz-Initiative: 24.70% Ja

Die ersten beiden Resultate sind keine Überraschung. Weiach liegt sowohl im kantonalen Mainstream als auch auf der Linie der Parolen der stärksten Partei (SVP).

Ganz anders sieht das bei der kantonalen Volksinitiative «Schutz der Ehe» aus. Sie sah eine Definition des Ehebegriffs in der Kantonsverfassung vor. Die Ehe sollte demnach eine «auf Dauer angelegte und gesetzlich geregelte Lebensgemeinschaft von Mann und Frau» sein.

Die SVP gab dafür die Ja-Parole aus (nicht nur die für solche Vorlagen übliche Verdächtige, die EDU). Viele SVP-Stammwähler hielten in Weiach der sonst alles dominierenden Sünneli-Partei in diesem Punkt nicht die Stange. Und zwar sehr deutlich.

Mittwoch, 23. November 2016

Nachdenken über die Nach-Kies-Zeit

Zurückzublicken - im Sinne von identitätsstiftender Geschichtsbetrachtung - ist den Weiacher Gemeindevätern nicht so wichtig. Das sei vor allem teuer und stosse auf zu wenig Interesse, hat der Gemeinderat kürzlich befunden.

Deshalb gibt es bis auf Weiteres keine Neuauflage der Ortsgeschichte (erstmals 1972, dann 1984, letztmals 2003 und seit 2011 vergriffen). Auch die vielen Neuzuzüger werden im besten Fall auf den Webauftritt der Ortsmuseumskommission aufmerksam und stossen so auf die aktuelle, als Ausgabe August 2016 online publizierte Monographie Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes.

Nein, der Gemeinderat macht sich Gedanken zur Zukunft! Eine Zukunft, die in absehbarer Zeit in der Post-Kies-Ära mündet. Dann nämlich, wenn die 1962 operativ gewordene Weiacher Kies AG definitiv den Betrieb einstellt. Wenn die Einkünfte aus dem Kiesgeld für immer versiegen.

Was soll dann aus der Gemeinde werden? Eine Schlafsiedlung für die Agglomeration Zürich umgeben von Naturschutzgebieten und ein paar Bauern «pour la galérie»? Oder soll es auch wieder Industrieansiedlungen geben? Und wenn ja: welcher Art? Will man allenfalls sogar aktiv versuchen, den Oberflächenstandort für das Tiefen-Endlager auf das eigene Gemeindegebiet zu ziehen (vgl. WeiachBlog Nr. 656 vom 2. November 2008: Beyond Kieswerk – ein radioaktives Tiefenlager?)?

In der November-Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW) hat der Gemeinderat nun bekanntgegeben, dass man sich die kommunale Prospektivplanung eine ansehnliche Summe kosten lassen will:



Quelle
  • Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2016 - S. 5

Montag, 7. November 2016

Wasserrohrbrüche an der Büelstrasse - Aktualität vs. Transparenz

Am 3. November hat die Gemeindeverwaltung Weiach den nachstehenden Beitrag mit dem Titel «Diverse Wasserrohrbrüche an der Büelstrasse» unter der Rubrik «Aktuelles» veröffentlicht (vgl. auch WeiachTweet Nr. 132 vom 4.11.2016, 13:19:

«Erneut kam es an der Büelstrasse zu einem Wasserrohrbruch. Insgesamt bereits der Vierte!

Das Problem bzw. die Ursache ist bekannt: Im betroffenen Abschnitt, handelt es sich um Leitungen, welche leider nicht die versprochene Lebensdauer überstehen und Jahre früher undicht werden (Materialschwäche). Dementsprechend war dieser Leitungsabschnitt auch noch nicht für eine Erneuerung im Fokus.

Weiteres Vorgehen:
Da es sich doch um ca. 210m Leitungslänge handelt und somit auch mit hohem Aufwand und Kosten verbunden ist, werden mehrere Lösungsvarianten angeschaut. Auch die Abhängigkeiten, wie die Kanalisation, Strom-, Telefon-, TV-Leitungen, usw. müssen bei dieser Grösse mitberücksichtigt werden.
Klar ist jedoch, dass dies kein Schnellschuss werden soll und die Leitungen nicht heute ausgetauscht werden.

Wir bitten bei den betroffenen Anwohnern um Verständnis. Uns ist klar, dass dies keine angenehme Situation ist uns es ist auch nicht in unserem Sinne, dies unnötig hinauszuzögern.

Der Gemeinderat Weiach
»

Offen und geradeheraus

Diese bemerkenswert offene Kommunikation fand ich wirklich erfrischend. Wird doch zeitnah zum Ereignis (Wasserrohrbruch Nr. 4) informiert. Und dazu der Weg über das Internet-Portal der politischen Gemeinde gewählt.

Das ist einerseits sinnvoll, denn die nächste Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach erscheint erst Anfang Dezember. Wirft aber andererseits Fragen auf. Immerhin handelt es sich bereits um den vierten Vorfall. Der Gemeinderat kennt das Problem also wohl schon seit einiger Zeit und hätte demzufolge auch schon in einer früheren Ausgabe der MGW informieren können, welche Massnahmen ins Auge gefasst werden. Denn offensichtlich schläft die fünfköpfige Exekutive in dieser Sache ja nicht. Nur wissen die Anwohner dazu anscheinend nicht genug. Sonst hätte man obigen Text nicht letzte Woche online zu stellen brauchen.

Schluss mit Rohrbruch-Glasnost?

Gross war meine Überraschung, dass die Meldung mit oben zitierten gemeinderätlichen Zeilen bereits wenige Stunden später, am Sonntag, 6. November, spurlos von der Gemeindewebseite verschwunden ist.

Was WeiachTweet zur Frage veranlasste, ob die Gemeinde mit Transparenz ein Problem habe (Nr. 141). Es ist ja schon vorgekommen, dass eine ganze Ausgabe der MGW spurlos von der Website gelöscht wurde (vgl. MGW Juni 2015 vom Netz getilgt, WeiachBlog Nr. 1214; Hintergrund war vor anderthalb Jahren eine Personalie der Gemeindeverwaltung, vgl. WeiachBlog Nr. 1216)

Aktuell, weil Verkehrsbehinderung

Auf telefonische Rückfrage von WeiachBlog zeigte sich der Gemeindeschreiber überrascht: die Gemeindeverwaltung habe die Rubrik Aktuelles gewählt, da es um eine kurzfristige Verkehrsbehinderung infolge eines Wasserrohrbruchs gegangen sei. Deshalb sei die Meldung auch kurz danach wieder gelöscht worden. Von mangelnder Transparenz könne keine Rede sein.

Ich glaube ihm das. Nur: solch übereifrige Löschaktionen werfen halt schon Fragen auf. Zumal der Inhalt (siehe oben) ja noch einige Wochen bis Monate aktuell bleibt. Und er deshalb ebenso wie der gleichentags veröffentlichte Hinweis zum weiteren Ablauf in der Tempo-30-Angelegenheit (der nach wie vor online ist) keine tagesaktuelle Eintagsfliege darstellt.

Umgang mit den Kommunikations-Instrumenten will abgesprochen sein

Fazit: Guter Ansatz, aber mangelhafte Umsetzung. Gemeinderat und Verwaltung sollten die Kommunikationsabläufe unter die Lupe nehmen. Möglicherweise reicht schon eine Regieanweisung des Auftraggebenden an die Webredaktorin, wie lange der Beitrag unter Aktuelles stehenbleiben soll - befristet mit Ablaufdatum oder unbefristet.

Nachtrag vom 7. November, 22:00

Der WeiachTweet-Eintrag Nr. 142, der auf diesen Artikel hinweist, ist in seiner Zuspitzung schärfer als der Artikel-Titel. Was den Gemeindepräsidenten dazu bewogen hat, sein Dementi gleich Twitter anzuvertrauen:

Stefan Arnold bestätigt damit im Wesentlichen, was auch Gemeindeschreiber Wunderli betont hat. Nur leider bewirkt der «Handlingsfehler» auch jetzt noch, dass mit dem Text auf der Gemeindewebsite eben auch die damit verbundene Transparenz ins Nirwana entschwunden ist.

Für den Handling-Fehler mag die Webredaktorin verantwortlich sein. Für den Eindruck, der dadurch entsteht, liegt die Verwantwortung aber beim Gemeinderat.

Nachtrag vom 8. November, 13:30

Mittlerweile ist der eingangs zitierte Beitrag wieder online. Sogar auf dem bisherigen Listenplatz - nur mit neuer Adresse (https://www.weiach.ch/page/70/news/198). Wiederherstellen von aus der Rubrik Aktuelles gelöschten Beiträgen geht mit dem von der Gemeinde verwendeten System offenbar nicht. Aber sei's drum. Das Transparenzversprechen wurde eingelöst! Danke an alle Beteiligten.

Viel Erfolg beim Erneuern der schadhaften Leitung, wünscht WeiachBlog.

Samstag, 29. Oktober 2016

Die Uniformenweihe oder: Manufacturing consent

Im gestern publizierten Artikel (WeiachBlog Nr. 1318) wurde dargelegt, wie die Finanzflüsse des neuen wirtschaftlichen Elefanten auf Gemeindegebiet anfangs der 1960er-Jahre die Mehrheitsverhältnisse in den massgebenden Gremien und Versammlungen beeinflussten.

Fast 60% aller Einnahmen der politischen Gemeinde Weiach für das Jahr 1963 stammten aus dem Kiesgeschäft, dazu kamen Einnahmen der Armengemeinde (heute wäre das die Sozialhilfe). Schon allein dieser Umstand führt dazu, dass Mahner und Kritiker einen ungemein schweren Stand hatten.

Der Betreiber der Weiacher Kies AG, der im Bergbau des Ruhrgebiets grossgewordene Haniel-Konzern aus Duisburg, hatte aber noch weitere Instrumente im Köcher, mittels deren er sich die Zustimmung erkaufte. Es brauchte dazu nicht einmal die Beeinflussung über die Massenmedien, wie sie von Herman und Chomsky 1988 beschrieben wurde - und worauf der Titel dieses Beitrags anspielt. In diesem lokalen Mikrokosmos ging das wesentlich einfacher, sozusagen unter dem Radar und viel subtiler, wie man Zollingers Jahreschronik 1963 unter der Rubrik «Vereine und Genossenschaften» entnehmen kann:

«28./29. Sept.: Diese Tage verdienen ganz besondere Erwähnung: durch die Freigebigkeit der "Weiacher Kies A.G." war es unserer Dorfmusik möglich geworden, eigene, schmucke Uniformen anzuschaffen. In einer grossen Abendunterhaltung am Samstag wurden diese eingeweiht und mit einem Marschmusikdefilee und Festkonzert am Sonntagnachmittag weiter geehrt. Festhütte und Budenstadt fehlten selbstverständlich dabei nicht. (Nähere Beschreibung des Anlasses im Anhang).» (G-Ch Weiach 1963, S. 18)



Jede(r) in Weiach wusste, wer der Dorfmusik die Neueinkleidung ermöglicht hatte. Auswärtige konnten das nur wissen, wenn sie die Lokalpresse (s. Zeitungsausschnitt im Hintergrund oben) aufmerksam gelesen hatten. Und gerade deshalb wirkte die Spende jedes Mal, wenn die Musikanten die Uniform anzogen und damit öffentlich auftraten, in sozusagen homöpathischer Dosis weiter. Das funktionierte umso besser, weil auf diesen Uniformen natürlich nicht das Logo des Sponsors prangte (wie das bei Sportlern heute gang und gäbe ist) und man daran die implizite Interessenbindung eben gerade nicht ablesen konnte.

Die vielen individuellen Nutzniesser taten dazu ein übriges, wie man an anderer Stelle in derselben Jahreschronik 1963 sieht: «Gottfried Nauer am Bach verkauft sein Bauerngewerbe samt Haus an die Kies A.G. Weiach, behält aber vorläufig noch das Wohnrecht.» (G-Ch Weiach 1963, S. 22). Bei diesem Handel profitierte nicht nur Nauer am Bach. Auch die Gemeinde hatte etwas davon, und zwar dank der Handänderungssteuer.

Ebenfalls ein schlauer Schachzug des Haniel-Konzerns war die Einbindung der Gemeinde in den Verwaltungsrat der Weiacher Kies AG.

All diese Umstände haben dazu geführt, dass es in der Gemeinde praktisch unmöglich war (und immer noch ist), am Kiesabbau im Allgemeinen oder an der Weiacher Kies AG im Besonderen substantielle Kritik zu üben, ohne massive Anfeindung in Kauf nehmen zu müssen.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 18, 22 und 39-41 (unpaginierter Anhang). [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

Freitag, 28. Oktober 2016

«Und das Unheil schreitet fort». Kritik Zollingers an der Kiesausbeutung

Wie WeiachTweet Nr. 102 vom 18. Oktober 2016 meldet, sind die Bachelor-Studierenden des Studiengangs Umweltnaturwissenschaften im Wintersemester 2016/17 auf die Weiacher Kiesgrube angesetzt worden.

Die Fallstudie wird im Rahmen des Faches «Umweltproblemlösen I» durchgeführt und umfasst auch historische Betrachtungen zum Kiesabbau. Bei ihren Recherchen ist eine auf die historischen Aspekte fokussierte Studierendengruppe auf die Weiacher Geschichte(n) und den WeiachBlog gestossen.

Als Ergänzung zu den bereits publizierten Beiträgen zum Weiacher Kiesabbau (http://weiachergeschichten.ch/kies) habe ich noch etwas in den unveröffentlichten Unterlagen gekramt. Eine besonders interessante Quelle sind auch zu diesem Thema die Jahreschroniken von Walter Zollinger. Da diese nach der Ablieferung an die Zentralbibliothek Zürich erst einmal für 25 Jahre unter Verschluss gekommen sind, hat sich Zollinger nicht gescheut, auch seine persönliche Meinung dezidiert kundzutun.

Die Gegner können nur noch die Faust im Sack machen

Wie war die Stimmung in Weiach kurze Zeit nach der Betriebsaufnahme des ersten Kiesabbaus im industriellen Massstab in unserem Land?

Kurz gefasst: die Opposition dürfte die Faust im Sack gemacht haben. Der Grund dafür ist die Art und Weise wie traditionell über Gemeindeangelegenheiten abgestimmt wurde (und häufig auch heute noch wird). Nämlich in der Gemeindeversammlung mit offenem Handmehr. Da muss man zu seiner Entscheidung stehen (können). Und wer will schon öffentlich ein solch lukratives Projekt torpedieren und damit einem Nachbarn und der Gemeinde Schaden zufügen? Immerhin war (und ist) das durch den Kiesabbau fliessende Geld für die Landeigentümer (darunter auch die Gemeinde) hochwillkommen. Deutliche Hinweise zu diesem Thema gibt der WeiachBlog-Beitrag Nr. 963, Jahreschronik 1961: Gelddenken und das neue Kieswerk.

Die Ergebnisse der Gemeinderechnung waren jedenfalls eindrücklich, wie Zollinger in der Jahreschronik 1963 rapportiert: «Erstmals genoss nun das Gemeindegut die ihm zukommenden Einnahmen aus dem Vollbetrieb der "Weiacher Kies A.G.", nämlich den ansehnlichen Betrag von Fr. 339'061.90, sodass, zusammen mit dem Vorschlag aus den Waldungen (Fr. 59'874.95), den Einnahmen aus den Grundsteuern (Fr. 25'000.-), aus Gebühren und Bussen (Fr. 15'504.75) und den Staatsbeiträgen sowie der Personalsteuer (Fr. 45'000 rd.) wiederum sämtliche finanziellen Verpflichtungen im ordentlichen, wie im a.o. Verkehr getilgt werden konnten. Darüber hinaus reichte es erst noch zu Einlagen von zusammen Fr. 58'504.- in den Steuerausgleichsfonds sowie in den Fonds für a.o. Ausgaben.

Immerhin ist zu erwarten, dass diese Fonds in den nächsten Jahren weitgehend wieder "abgebaut" werden könnten. Die in Aussicht genommenen Arbeiten an der dringend nötig gewordenen Grundwasserfassung am Rhein werden bestimmt hohe Summe verschlingen. Ohne die nun hoffentlich regelmässig fliessenden Einnahmen aus der Weiacher Kiesi, wie sie im Volk einfach geheissen wird, wäre an solch ein Projekt gar nicht zu denken, oder dann nur mit gewaltiger Steuererhöhung.
» (G-Ch Weiach 1963, S.11-12)

Angesichts dieses finanziellen Mannas, das da dank der «Kiesi» sozusagen vom Himmel fiel, verwundert es nicht, dass kritische Stimmen einen äusserst schweren Stand hatten. Zollinger selber war einer dieser Kritiker und hat über eine Gemeindeversammlung im Sommer 1963 die nachstehenden Zeilen verfasst:

«In der Gemeindeversammlung vom 15. Juni wurden folgende Anträge mit 50:38 Stimmen (bei 17 Stimmenthaltungen) gutgeheissen:

a. Antrag des Gemeinderates und der Armenpflege betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht zwischen der Polit. Gemeinde Weiach und der Armenpflege mit der Firma "Weiacher Kies A.G." zu Lasten von ca. 620 Aren Armenland im Hard (südlich der Bahnlinie).

b. Antrag betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht betr. Genehmigung des Vertrages über Kies- und Sandausbeutungsrecht zwischen der Politischen Gemeinde Weiach und der Firma "Weiacher Kies A.G." zu Lasten von ca. 460 Aren Acker im Hard (anschliessend an Armenland).

In der Diskussion wurde ausgiebig geredet; denn diese Erweiterung des Kiesausbeutungsrechtes oberhalb die Bahnlinie war sehr umstritten. Leider konnte diese, wie das obgenannte Abstimmungsergebnis zeigt, nicht abgewehrt werden. Die Anhänger bzw. Nutzniesser der Kies A.G. (z.T. Arbeitnehmer, z.T. Landbesitzer im Bereich der Kiesi) sind bereits zu zahlreich geworden. "Und das Unheil schreitet fort", muss man wohl dazu sagen; denn kaum 14 Tage nach diesen Beschlüssen begann bereits der vermehrte Wegtransport von Kies und Sand ----- per Lastwagen! 50, 60 solch schwere Kerle rasseln nun seither während 5 Wochentagen beständig dorfauf und -ab zum grossen Aerger auch vieler Ja-Stimmer vom 15.6.; heute sähe das Abstimmungsresultat vielleicht schon etwas anders aus. ("Ja, wenn wir das gewusst hätten".).

Zwei, allerdings nur mündlich vom Tisch des Vorsitzenden aus gemachte Aussprüche vom 15.4.61 (erster Vertrag), sind damit nicht inne gehalten worden. Es hiess damals, dass man kein Land oberhalb der Bahnlinie für das Kieswerk benötigen werde und dass sozusagen alles Material per Bahn weggeführt werde und die Strassen deshalb nur für Transporte in die nähere Umgebung, also minim, benützt werden müssten. Und jetzt?! Ich gebe zu, ich war auch einer der Neinstimmer am 15.6.63. und bereue es nicht. Nur schade, dass nicht mehr Mitbürger die kommende Gefahr einsehen wollten, die Gefahr nämlich, dass so unsere "Land-Dorf-Ruhe" gestört und noch mehr unser liebes schönes Ackergebiet im Hard nach und nach zerstört werden wird.
» (G-Ch Weiach 1963, S.12-13)

Risiken und Nebenwirkungen des offenen Handmehrs

Mit dem Vorsitzenden ist wohl der damals amtierende Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer gemeint, der sich stark für das Kieswerk-Projekt eingesetzt hat. Mit Blick auf die relativ grosse Anzahl an Stimmenthaltungen kann man sich fragen, was wohl gewesen wäre, hätte die Gemeinde zum Schicksalsthema «Kieswerk» eine geheime Urnenabstimmung durchgeführt. Wenn diese 17 Enthaltungen alle von Männern kamen (das Frauenstimmrecht gab es noch nicht), die es sich entweder nicht leisten konnten oder wollten, öffentlich zu ihrer ablehnenden Haltung zu stehen, dann wären diese beiden Geschäfte wohl nicht bewilligt worden.

Interessant ist einerseits, wie stark sich die unterschiedlichen Meinungen im Resultat der Abstimmung niedergeschlagen haben - zumal in einer Gemeinde, in der Vorlagen häufig «mit offensichtlichem Mehr» durchgewunken werden, so dass es der Präsident oft gar nicht für nötig hält, ein Gegenmehr oder gar Enthaltungen explizit ermitteln zu lassen. In den Protokollen sieht das dann fast so aus, als hätte es keine Gegenstimmen gegeben.

Andererseits ist es bemerkenswert, wie schnell mündlich gemachte Zusagen auch von Gemeindepolitikern zu Makulatur werden, wenn es die wirtschaftlichen Interessen gebieten. Das zeigt die Zollinger'sche Bemerkung über die «Aussprüche» vom 15. April 1961 sehr deutlich (vgl. zu dieser Abstimmung den WeiachBlog-Beitrag Nr. 979 vom 4. Februar 2011: Vertrag über die Kiesausbeutung genehmigt.)

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1963 – S. 11-13. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1963].

Sonntag, 25. September 2016

Unterirdisch tiefe Stimmbeteiligung in Weiach

Am heutigen Abstimmungssonntag liegen die Abstimmenden der Gemeinde Weiach für einmal voll im Mainstream. Jedenfalls was ihre Voten zu den Vorlagen betrifft. Das eigentlich Interessante sind nicht die Resultate (Pro Nachrichtendienstgesetz und Contra alle anderen Vorlagen), nein, das ist die Stimmbeteiligung.

Man muss es einfach einmal festhalten: Nur die Auslandschweizer/-innen mit Bürgerort im Kanton Zürich, sowie die Gemeinden Oberglatt, Opfikon, Kloten und Schlieren weisen noch tiefere Beteiligungen auf. Und verhindern, dass Weiach als Schlusslaterne dasteht.

Lediglich 324 der 957 in Weiach Stimmberechtigten (knapp über ein Drittel) haben entweder ihr Couvert eingereicht oder am Abstimmungstag selber die Zettel eingeworfen. Der Rest glänzt durch Desinteresse, demonstrative Stimmabstinenz, Läck-mer-doch oder was auch immer.

Braucht es da noch etliche Bundesfeier-Appelle im Stile von Béatrice Wertli (vgl. WeiachBlog Nr. 1291) - oder sind die Weiacher einfach strukturell stimmfaul? Bleibt nur noch die Frage: Waren die Beteiligungswerte schon immer so tief?

Nachtrag vom 26.9.2016

Wie heute von alt Gemeindeschreiber Hans Meier zu erfahren war sei die Stimmbeteiligung in früheren Zeiten nicht so schlecht gewesen, dass sich Weiach auf den hintersten Rängen der Wahlkreise im Kanton Zürich habe finden lassen.

Sonntag, 18. September 2016

Waldwirtschaft im Wandel der Zeit

Wer heute die Ausstellung im Ortsmuseum Weiach verpasst hat, der hat am kommenden Sonntag nochmals die Gelegenheit am Müliweg 1 vorbeizuschauen. Es lohnt sich!

Denn die kuratierende Ortsmuseumskommission bringt jedes Jahr ein Thema aufs Tapet, das für die Vergangenheit der Gemeinde von Bedeutung war - und es im diesjährigen Fall auch für die Gegenwart ist: die Bewirtschaftung der Waldflächen nämlich.


Bereits im Jahre 1567 erhielt Weiach eine Holzordnung, erlassen von den Obrigkeiten zu Zürich um den Bestand und die Qualität des Waldes zu erhalten. Diese holzigen Rechtsvorschriften wurden 1596 Teil der ersten Gemeindeordnung (vgl. WeiachBlog Nr. 879).

Ein passenderes Thema könnte man für Weiach kaum wählen. Denn 461 ha, also fast die Hälfte des Gemeindegebiets von 9.57 Quadratkilometern, sind private und öffentliche Waldungen.

Förster hatten früher viele Gegner

Ein grosser Anteil dieser Flächen ist in Gemeindebesitz, was auch die fixe Anstellung eines Försters im Vollpensum rechtfertigt. Alexander Good ist zwar nebenbei auch noch Gemeindepolizist - aber im Hauptamt eben doch ein «Hölziger».

Die Amtsvorgänger Goods waren teilweise derart unbeliebt bei den Weiachern, dass sie tätliche Angriffe befürchten mussten und einige Förster daher von der Obrigkeit das Recht erhielten sich zu bewaffnen.

Aber davon wird in der Ausstellung wohl kaum die Rede sein. Es gibt ja auch noch handfeste Objekte aus der alten Zeit, wo man den Bäumen noch ohne Motorsägen und Holzvollernter zu Leibe gerückt ist.

Sonntag, 11. September 2016

Die ersten «Gvätterlischüler»

An diesem Wochenende vor genau 50 Jahren wurde der erste Weiacher Kindergarten feierlich eingeweiht. Das Gebäude am heutigen Kindergartenweg 2 wird von Walter Zollinger in seiner 1972 publizierten Monographie «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» mit folgenden Worten erwähnt:

«Auch der Kindergarten an der Riemlistrasse, ein Geschenk der Weiacher Kies AG, sowie die Teilhaberschaft am Bau des Oberstufenschulhauses in Stadel brachten dem Schulgut vermehrte finanzielle Belastung.» (1. Aufl. - S. 77)

Man ersieht daraus, dass die kurze Stichstrasse ihren Namen erst später erhalten hat, nämlich 1992 als es um die Einführung der Polizeinummern für alle Gebäude in der Gemeinde ging. Und weil sich die Weiacherinnen und Weiacher als Adressaten der Zollinger'schen Schrift natürlich noch gut an die Einweihung erinnern konnten, hat der Autor diese im blauen Büchlein auch weggelassen.

Ein wohlgelungenes Dorffestchen für den neuen Kindergarten

In seiner für 25 Jahre in den Gewölben der Zentralbibliothek unter Verschluss gehaltenen Jahreschronik 1966 fand dieses Ereignis allerdings sehr wohl Erwähnung. Zollinger nimmt in den vorangehenden Zeilen Bezug auf die Einweihung des Oberstufenschulhauses (vgl. WeiachBlog Nr. 1308) und schreibt deshalb:

«In Weiach selber gestaltete sich 8 Tage später (10./11.9.) die Einweihung des Kindergartens im Riemli zu einem wohlgelungenen Dorffestchen, an dem neben den Schülern der 1.-6. Kl. wiederum sämtliche Ortsvereine mitwirkten. Ueber die Veranstaltung ist ein Filmband augenommen worden, es befindet sich im Besitze von Herrn Dir. Schmid von der Kies A.G., durfte aber seither bei internen Anlässen der Bevölkerung schon mehrmals gezeigt werden. Zur ersten Kindergärtnerin wählte die Schulpflege auf Beginn des Wintersemesters Frl. Barbara Stadelmann, Schwester unserer Nähschullehrerin Susi Stadelmann und bereits am 22. Dezember wurden die Mütter der ersten "Gvätterlischüler" (Jahrgänge 1958 und 1959) zur ersten Weihnachtsfeier eingeladen. Ueber den Schulbetrieb im Kindergarten wacht eine Kommission aus drei Frauen: Rosa Baumgartner-Thut, Ruth Schaller-Roggenstein, Josefa Bersinger-Aufdermaur.» (G-Ch Weiach 1966, S. 17)

Begleitet wird dieser Text von zwei Fotos des neuen Gebäudes, von denen eines hier wiedergegeben sei:

Wie sich das «Dorffestchen» inhaltlich präsentiert hat, zeigt das der Jahreschronik beigelegte und im Exemplar der Zentralbibliothek gebundene Programmblatt:


Kindergarten-Einweihung Weiach
Samstag und Sonntag, den 10./11. Sept. 1966

Programme:

Samstag, den 10. September 1966

13.45 Uhr Konzert der Dorfmusik Weiach b. Gasthof Sternen
Besammlung der Schüler beim Schulhaus
Besammlung der Kinder (Jahrg. 1960+1961) in der Chelle (Haus Kölliker).
14.00 Uhr Einweihungsfeier beim Kindergarten. Uebergabeakt, umrahmt von Musikvorträgen, Kinderchören, Gedichten. Glockengeläute.
Anschliessend freie Besichtigung.
16.00 Uhr Festzug vom Kindergarten zum Festplatz (Baugeschäft Griesser).
ca. 17.00 Uhr Ballonwettfliegen. Kindertanz.
ca. 18.00 Uhr Ende des Kinderfestes.
20.00 Uhr Abendunterhaltung in der Festhalle.
Bunte Darbietung der Ortsvereine:
Musik- und Liedervorträge, Volkstanz, Reigen, Freiübungen, Barrenturnen usw.
Anschliessend an das Programm TANZ bis 2.00 Uhr mit dem Orchester "Manila".

Sonntag, den 11. September 1966

12.00-14.00 Uhr Besichtigung des Kindergartens.
13.00 Uhr Beginn der Kinderwettspiele. Start b. Kindergarten.
14.00 Uhr Konzert der Dorfmusik in der Festhalle.
16.00-19.00 Uhr Tanz mit dem Duo "Schacher".
17.00 Uhr Rangverlesen der Kinderwettspiele.
20.00-24.00 Uhr TANZ und gemütliches Beisammensein in der Festhalle.

Die Festwirtschaft ist in Betrieb am Samstag: 15 - 02 Uhr, am Sonntag: 13 - 24 Uhr.
Das Festbändeli für Erwachsene zu Fr. 1.-- ist für beide Tage gültig und berechtigt zum freien Zutritt zu allen Veranstaltungen und Tanz.
Die Veranstalter hoffen, dass die Kindergarten-Einweihung mit Beteiligung der ganzen Bevölkerung zu einem frohen Gemeindefest wird.
Wir laden dazu alle Einwohner freundlich ein.

Schulpflege und Ortsvereine.


Ein weiteres, der Jahreschronik beigelegtes Blatt gibt die Details zur samstäglichen Abendunterhaltung preis:

Kindergarten - Einweihung in Weiach
I0. September I966
Abendunterhaltung um 20.00 Uhr
Programm:
I. Dorfmusik
2. Turnverein, Freiübungen
3. Damenturnverein, Freiübung
4. Kirchenchor
5. Volkstanz
6. Turnverein, Barren-Kür
7. Männerchor
8. Damenturnverein, Reigen
9. Dorfmusik

Mittlerweile verkauft und dem Abbruch geweiht

Nachdem die Schulgemeinde Weiach noch 2004 in eine Stützmauer beim Kindergarten 60'000 Franken investiert hat (vgl. WeiachBlog Nr. 44), war das einstige Geschenk schon wenige Jahre später zum Dispo-Bestand verkommen. Warum hat dieser Blog am 12. Oktober 2010 erklärt:

«Seit Beginn des Schuljahres 2010/11 logiert im Alten Schulhaus neu neben der Gemeinde-Bibliothek auch der Kindergarten. Damit wird die Strassenbezeichnung «Kindergartenweg» für die von der Riemlistrasse abzweigende Sackgasse, an der neben dem mittlerweile verwaisten Kindergarten-Gebäude auch die dem Abbruch geweihte ehemalige Neuapostolische Kirche steht, quasi zur historischen Reminiszenz.» (WeiachBlog Nr. 928)

Und wie man den MGW, Augustausgabe 2016, auf Seite 4 entnehmen kann, hat für das oben im Bild gezeigte erste Kindergartengebäude auch bald das letzte Stündchen geschlagen:


Nachdem sich etliche Neuzuzüger in den Bauten, die auf dem Gelände der abgebrochenen Neuapostolischen Kirche (Kindergartenweg 4) erstellt worden sind, bereits an die Adresse Kindergartenweg gewöhnt haben - und dies bald auch die Bewohner der Reiheneinfamilienhäuser, die anstelle des ersten Kindergartens geplant sind, tun werden, wird die Umsetzung des Vorschlag einer Umbenennung noch unwahrscheinlicher (vgl. WeiachBlog Nr. 1226 vom 26. Juli 2015). Die historische Reminiszenz findet künftig nur noch in der Erinnerung statt.

[Veröffentlicht am 19. September 2016 um 00:46 Uhr]

Samstag, 10. September 2016

Ein «krieg und misshelli» um die Klotener Güter in Wiach

Eines der ältesten Dokumente in deutscher Sprache, in dem es direkt um Weiacher Belange geht, wurde im Februar 1309 geschrieben (UBZH Nr. 2960). Diesen Text hat WeiachBlog unter dem 9. September erstmalig elektronisch publiziert (vgl. WeiachBlog Nr. 1309).

Die Herren von Kloten im Ausverkauf

Es ging um einen Verkauf von landwirtschaftlichen Gütern auf dem Gebiet von Weiach an das Kloster Oetenbach. Verkäufer war gemäss Originaltext ein «Růdolf von Kloton», im Regest der UBZH-Edition «Rudolf Kloter» genannt.

Schon in der Fussnote zum Originalnamen äussern die Bearbeiter aber indirekt die Vermutung, es handle sich bei dieser Person um einen Angehörigen des Adels («Ein Heinrich von Kloten, doch wohl vom Zürcher Rittergeschlecht, war Zeuge des Verkaufs des Hofes Weyach durch Lütold von Regensberg ans Kloster Oetenbach; vgl. oben V nr. 1798.»).

Die Urkunde Nr. 2960 hält fest, dass dieser «Růdolf» freies Eigen in Wiach besass. Er bestätigt vor Zeugen, dass «dui vorgenanden gueter sin frie eigen» gewesen seien. Der Umstand, dass die Stadtherrin von Zürich, Äbtissin Elisabeth von Matzingen, den Verkauf ratifiziert und die neuen Besitzer mit dem Gut belehnt hat, spricht ebenfalls für einen Adeligen.

Ein weiteres Beweisstück stellt die Urkunde UBZH Nr. 2902 dar: Hermann und Johannes von Kloten verkauften 1307 den Hof Nieder-Fisibach an das Kloster Rüti (UBZH VIII, 181). Niederfisibach ist das heutige Fisibach AG, als Oberfisibach wurde früher das heutige Bachs ZH bezeichnet.

Wie man dem Beitrag Kloten, von im Historischen Lexikon der Schweiz entnehmen kann, ist es schwierig zu sagen, welcher Familie der genannte Rudolf angehörte.

Immerhin wird die Annahme bestärkt, dass es sich um lokal bestens vernetzte Ministerialadlige handelte, wenn man im HLS-Beitrag liest: «Einen Zweig der Fam. bildeten vor 1300 die ritteradligen Meier von Rümlang. Ab Mitte des 13. Jh. lassen sich Beziehungen mit den Frh. von Regensberg bezüglich Lehen und Gefolgschaft nachweisen.» Da diese Herren von Kloten zudem im kyburgischen Gebiet tätig waren, mussten sie sich spätestens ab 1264 an die Vorstellungen der Habsburger anpassen - denn zu diesem Zeitpunkt starben die Kyburger im Mannesstamme aus und das Haus Habsburg sicherte sich nach einer Auseinandersetzung mit den Savoyern die Kontrolle über das Gebiet.

Welcher der beiden Linien, Habsburg-Österreich oder Habsburg-Laufenburg, die Herren von Kloten dabei Gefolgschaft leisteten, scheint von den in diesen Jahren zuweilen je nach Kriegsglück wechselnden Umständen abhängig gewesen zu sein. Verständlich: man musste sich als Ministerialadliger ja irgend das Überleben sichern.

Inwieweit die Verkäufe etwas mit den Aufräumaktionen nach der Ermordung des Habsburger-Königs Albrecht am 1. Mai 1308 (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 102) zu tun haben, ist schwer zu sagen.

Verkauf fürs Seelenheil und rascher Tod

Jedenfalls scheint Rudolf von Kloten im Jahre 1309 alt, krank oder gar beides gewesen zu sein. Denn offenbar wollte er sich auf dem Klostergelände ein kleines Haus bauen, hat aber kurz nach dem Verkauf an das Kloster das Zeitliche gesegnet.

Wir wissen das, weil noch im selben Jahr zwei seiner Brüder dem Konvent zu Oetenbach die ehemaligen Klotener Güter in Weiach streitig machten - und die Frage der Besitzrechte offenbar einen heftigen Streit entfacht hatte. Die streitenden Parteien kamen schliesslich überein, je zwei Schiedsleute abzuordnen und beriefen «Růdolf von Hapspurch» als Vorsitzenden, der einen allenfalls nötigen Stichentscheid zu fällen hatte.

Der Entscheid des Schiedsgerichts ist (wie die Urkunde von 1309) in Band 8 des Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich (UBZH VIII, 281-282) als Nr. 3016 abgedruckt. Die Editoren haben dem Schriftstück das folgende Regest als Titel vorangestellt:

«Graf Rudolf von Habsburg als Obmann und 4 Schiedsrichter entscheiden im Streit zwischen dem Kloster Oetenbach und den Brüdern Johannes und Hartmann von Kloten über die von ihrem verstorbenen Bruder Rudolf von Kloten vergabten und verkauften Güter zu Weiach und eine Hofstatt am Oetenbach.»

Das Pergament ist auf den 31. Januar 1310 datiert. Es wurde in der Stadt Zürich besiegelt und hat folgenden Wortlaut, den WeiachBlog im Volltext aus dem (bislang nicht in digitaler Form verfügbaren) Urkundenbuch übernimmt:

«Allen, die disen brief sehent alt hoerent lesen, kuinden wir grave Růdolf von Hapspurch [Fn-281.1], meister Ůlrich Wolfleipsch, chuster Zuirich, her Hartman von Baldegge, her // Heinr. von Ruimlanch ritter unt Jacob von Slatte, daz ein krieg unt mishelli waz zewischen Johans und Hartman gebrůdern von Chloten [Fn-281.2] einhalp unt dien geist//lichen swestern, der priorin unt dem convent der swestern des klosters Oetenbach, daz inrent der ringmûr Zuirich lît, anderthalp umb daz nachgeschriben // gůt, so Růdolf selig von Kloten, der vorgenanden Johans unt Hartmans gebrůder verlassen het. Disui sache wart von der priorin unt dem convent an Oetenbach an uins, meister Ůlrich den chuster unt hern Hartman von Baldeg, gesezzet unt ze Johans unt Hartmans wegen von Kloten an uins, hern Heinrich von Ruimlanch unt Jacoben von Slatte, unt wurden wir grave Růdolf von Habspurch ze gemeinem man von beiden teiln genomen; unt hant beide teil gelopt bi ir truiwe an es eides stat, stête zu haben, swaz wir sprechen unt ûsreden umb dise sache. Also han wir gehoert die ansprach und die vorderunge Johans unt Hartmans von Kloten umb daz cimber, so Růdolf selig von Kloten ir brůder bûte an Oetenbach uf des klosters hofstat [Fn-281.3], unt umb diese nachgeschriben ligende gůter ze Wiach: die Hofwisen, ein aker, heist der alt Wingart [Fn-281.4], ein gůt, da Johans kint von Ruiminchon uf sizzent, ein gůt, het Johans der Bůchnegger, und daz gůt zu Ruiwenhusen [Fn-281.5], (dui gueter die gebrůder) [Fn-a] sprachen, daz Růdolf selig ir gebrůder verlassen hette. Wir horten ouch die antwurt der priorinne unt des conventes, die sprachen, daz Růdolf selig von Kloten dui vorgenanden ligende gůter inen zu kouffen hette gegeben umb ein unt sechzeg march silbers Zuirich [Fn-281.6] gewicht, unt daz er des silbers gewert wurde unt daz er inen dui gueter vertigot fuir recht erb mit uinser frowen hant der ebthischin [S. 282] Zuirich [Fn-282.1]. Si hant ouch gesprochen, do sich Růdolf selig von Chloten beneinde [Fn-282.2] dem gozhûs an Oetenbach, do lopt er ein hûs ze buwen uf ir hofstat, da er inne solte wesen, die wile er lebte, unt daz dazselb hus oder zimber nach sinem tode solte des chlosters sin [Fn-282.3]. Hierumb han wir uins ervarn als schideluit unt minneklich tegedinger unt sprechen mit urteilt, daz Johans unt Hartman gebrůder von Kloten sich enzihen sun aller der vorderunge unt ansprach, so siu hatten unt han mochten an die vorgenanden priorin unt den convent umb alles daz gůt, als siu siu ansprachen von Růdolfs seligen wegen ir brůders, unt sun das tůn an der priorinne hant ze ir unt ir conventes wegen unt sun swerren ze dien heiligen, daz si [Fn-282.4] darumb niemer muegen an geistlichem noch an weltlichem gerichte. Do wir dis ûsgeretten, do volfůrten die vorgenanden gebrůder daz mit geluibde unt mit eiden. Darnach retten wir ûs unt hiessen die priorin unt den convent geben dien vorgenanden gebrůdern zwelf march silbers Zuirich gewicht; daz hant ouch siu getan, unt lobent beide teil willeklich stete ze haben uinsern scheit; als vorgeschriben ist. Unt ze einem offennen urkuinde alles, so vorgeschriben ist, geben wir grave Růdolf von Habspurch unt die schideluit disen brief besigelt offenlich mit uinsern ingesigeln. Wir . . priorin unt der convent des vorgenanden klosters an Oetenbach unt wir Johans und Hartman von Kloten gebrůder verjehen offenlich, swaz vorgeschriben ist, daz daz war ist unt geschehen ist, als vorgeschriben stat, unt loben es stete ze haben unt binden ouch darzů uinser nachkomen unt uinser erben. Unt des ze einem offennen urkuinde henken wir dui priorin uinser ingesigel an disen brief, under daz wir der convent uins binden. Unt wir Johans und Hartman die vorgenanden henken ouch uinser ingesigel an disen brief offenliche. Diz geschach Zuirich, unt wart ouch dir brief gegeben, do man von gottes geburt zalte truicehenhundert jar unt darnach in dem cehenden jare an dem samstag vor uinser frowen liechtmes; unt waren da zegegen: her Růd. von Beggenhoven, her Johans von Clarus, her Johans von Esche, ritter.»

Ein salomonischer Entscheid?

Sehr ausführlich und doppelt genäht kommt dieses Dokument daher - und es hängen nicht weniger als 7 Siegel dran: die aller Beteiligten. Der Fall war insbesondere bezogen auf die Güter zu Weiach wohl sonnenklar. Dafür dürfte schon die Urkunde von 1309 gesorgt haben. Der Wille des Verstorbenen ging ja klar daraus hervor.

Die beiden Klotener Adeligen mussten bei den Heiligen schwören, das Kloster Oetenbach nie wieder wegen der Weiacher Güter vor Gericht zu ziehen oder anderweitig zu behelligen. Im Gegenzug aber mussten auch die Priorin und die Schwestern des Konvents sozusagen in den sauren Apfel beissen. Sie mussten sich nämlich verpflichten den Brüdern des Rudolf 12 Mark Silber zu bezahlen. Also im Endeffekt 20% Aufschlag auf den Kaufpreis. Ob es sich dabei um den Ausgleich eines entgangenen Erbanteils gehandelt hat oder etwas anderes, wird in der Urkunde nicht erwähnt. Sie enthält keine Erwägungen und ist eher ein Ergebnisprotokoll.

Angaben zur Urkunde und zu den 7 Siegeln

«Original: Perg. 22/36 cm. St.A.Z. Oetenbach nr. 173» Die heute aktuelle Signatur dürfte StAZH C II 11, Nr. 173 lauten.

«7 Sigel; von einem weiteren hängt an 5. Stelle nur ein Pergamentstreifen mit dem Namen "Slatte" auf dem Falz, wie auch bei den übrigen Sigeln.
1. verkehrt angehängt mit Rückseite nach vorn, des Grafen Rudolf von Habsburg; vgl. Sigelabb. VII nr. 2
2. wohlerhalten, () 50/35 mm. Geistlicher mit einem Schlüssel eine Thür öffnend (ähnlich dem des Vorgängers, Sigelabb. VII nr. 69). † + S'MAGRI + VLR. + WOLFLEIPSCH + THESAUR + ECCE + THUR.
3. wohlerhalten, O 48 mm. Helm mit Frauenkopf und zwei Flügeln. † S ° HARTMANNI ° MILITIS DE BALDEGGE. (Die Wappenrolle nr. 281 zeigt auch 2 Flügel, aber ein Schirmbrett statt Kopf.)
4. wohlerhalten, Heinrichs von Rümlang; vgl. Sigelabb. VI nr. 42
5. wohlerhalten, der Priorin von Oetenbach, vgl. Sigelabb. III nr. 45
6. wohlerhalten, O 36 mm. Schild mit Eberkopf (ähnlich den schildförmigen Sigeln der Brüder von Kloten in Sigelabb. VI nr. 80-83); auf jeder Seite des Schildes 3 Blätter. † + S' + IOHANNIS + DE + KLOTEN +
7. beschädigt, O 37 mm. Schild auf Eberkopf, auf jeder Seite des Schildes 3 Blätter. † + S' HA . . MANI + DE + KLOTEN +
»

Anmerkungen der Editoren

Fn-a: «Auf Rasur, von gleicher Hand.»
Fn-281.1: «Jüngere Linie, Habsburg-Rapperswil, wie das Sigel zeigt.»
Fn-281.2: «Joh. und Hartmann nebst ihrem jetzt verstorbenen Bruder Rudolf von Kloten kamen 1289 vor (vgl. oben VI nr. 2064) und gehören nach den Sigeln dem Zürcher Rittergeschlecht von Kloten an.»
Fn-281.3: «Es könnte sich fragen, ob hier eine Hofstatt am alten Oetenbach beim Zürichhorn gemeint ist, oder eine beim neuen Kloster innerhalb der Ringmauer; wahrscheinlich doch letzteres, da dort viele Hofstätten im Besitz der Pfung und Biberli vorkamen; vgl. Stadtplan VI nr. 70; doch wurde 1261 auch am alten Oetenbach eine Hofstatt an das Kloster vergabt; vgl. oben III nr. 1139 und 1140.»
Fn-281.4: «Der Siegfried-Atlas 26 hat den Flurnamen "Wingert" westlich von Weiach, nicht aber eine Hofwiese. Der Hof Weiach gehörte dem Bischof von Konstanz; vgl. oben VI nr. 2323. Diese von Rudolf von Kloten verkauften Güter zu Weiach verlieh die Aebtissin von Zürich schon am 13. Februar 1309 an Oetenbach; vgl. oben nr. 2960.»
Fn-281.5: «Rauhausen, Waldname südlich von Weiach.»
Fn-281.6: «Diese Summe entspricht der Urkunde von 1309 und bezieht sich nur auf diese Güter, nicht auf die Hofstatt am Oetenbach.»
Fn-282.1: «Eben diese Fertigung, d.h. hier Verleihung, enthält die Urkunde nr. 2960.»
Fn-282.2: «"beneimen" nach Lexer = bestimmen, festsetzen; hier wohl verpflichten, den Verkauf nicht anzufechten.»
Fn-282.3: «Davon steht in jener Urkunde nichts, doch muss es bald nachher, vor Rudolfs Tod, geschehen sein.»
Fn-282.4: «Hier ist wohl "sie" ausgefallen; der Sinn ist, dass sie sie darum niemals bemühen oder beunruhigen.»

Um welchen Habsburger geht es da?

Am 31. Januar 1310 war also Rudolf von Habsburg in Zürich. Es handelt sich wohl um den damals 39-jährigen Rudolf III. von Habsburg-Laufenburg (geb. 1270, gest. 1315). Der war nämlich seit 1296 mit Elisabeth von Rapperswil (gest. 1309) verheiratet gewesen, was das Rapperswiler Siegel erklärt (vgl. Fussnote 1 zu S. 281 oben). Ausserdem war er seit dem Tod seines Vaters im Jahre 1271 formal (ab 1288 auch tatsächlich) Landgraf im Klettgau, ab 1305 Landgraf im Zürichgau. Mithin war Rudolf III. also als Inhaber der Hochgerichtsbarkeit zuständig für die Region, in der die strittigen Güter lagen.

Derselben Ansicht bezüglich Zuordnung der Person sind die Verfasser der Regesten zu den Grafen von Habsburg-Laufenburg. Gleich im Anschluss an die Angaben zu den Siegeln wird im UBZH der folgende Verweis gegeben: «Regest: Argovia X p. 171 nr. 267». Band X der Argovia erschien 1879 und ist in digitaler Form auf der Website e-periodica.ch der ETH-Bibliothek verfügbar, die oben notierte Fundstelle unter: http://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=arg-001:1879:10::393 - und die gehört zum Kapitel «Graf Rudolf III. und Elisabeth von Rapperswil», denen die Urkunde von 1310 zugeordnet wird.

Quelle
  • Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, 13 Bde, Zürich 1888-1957, Hrsg. von einer Commission der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich; bearb. von J. Escher und P. Schweizer, Paul Kläui, Werner Schnyder – Band 8, A°1909 – VIII, 281-282 – Nr. 3016

Freitag, 9. September 2016

Wie das Kloster Oetenbach in Weiach zu Grundbesitz kam

Im Herbst 2009 hat die Ortsmuseumskommission die Nennung eines «alten Wingartens» in einer 700-jährigen Urkunde zum Anlass genommen, eine Ausstellung über Weinbau im Ortsmuseum Weiach zu organisieren (vgl. die Sonderausgabe 2009 der Weiacher Geschichte(n) mit dem Titel «Nasser Zehnten und der Schatz des Hunnenkönigs. Weinbau in Weiach – seit 700 Jahren?»).

UBZH - bis heute nicht vollständig digitalisiert

Die Urkunde, um die es hier geht, liegt im Staatsarchiv des Kantons Zürich. Sie wurde - passenderweise im Jahre 1909 - im sogenannten «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich» (UBZH) im vollen Wortlaut veröffentlicht. Die 13 Bände dieses Grossunternehmens der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich sind leider bis heute nur zu Teilen digitalisiert worden (Bd. 1 von der Schweizerischen Nationalbibliothek, Bde. 1-4 von der Bayerischen Staatsbibliothek), so dass man weiterhin auf die gedruckten Ausgaben angewiesen ist.

Auch Band 8 des UBZH gehört bislang nicht zu den digitalisierten Folianten. Und genau da drin findet man die Weiacher «Weinbau-Urkunde». Ich habe mich deshalb entschlossen, nachstehend den Volltext wiederzugeben.

Eine Äbtissin als Notarin und Urkundsperson

Worum geht es in dieser Urkunde? Das UBZH gibt im Kurzregest, das als Titel dient, die folgende Inhaltsangabe: «Aebtissin Elisabeth von Zürich verleiht dem Kloster Oetenbach von Rudolf Kloter verkaufte Güter zu Weyach», und datiert das Schriftstück auf den 13. Februar 1309. An diesem Tag erschien also Rudolf von Kloten in der Fraumünsterabtei innerhalb der Zürcher Stadtmauern und liess sich in Anwesenheit von ehrbaren Männern (Zeugen) den Verkauf seiner Güter zu Weyach an den Konvent Oetenbach beurkunden. Das liest sich dann wie folgt:

[S. 229] «Wir Elysabeth von gotz gnaden ebtischen des gotzhus Zuirich kuinden allen, die disen brief sehent // oder hoerent lesin, das fuir uins kam Růdolf von Kloton [Fn-5] und offenlich verjach, das er ze [S. 230] kouffene // hat gegeben den eberen [Fn-a] frowen der .. priorin und dem convente von Oettenbach sinui eigenne // gueter z'Wiach [Fn-b] und heissent dui: Hofwise, ein aker heisset der alte Wingarte, [Fn-1] und das gůt, da Johans kint von Ruimikon [Fn-2] uf sitzent, ein gůt, hat Johans der Bůchenegger, und das gůt ze Ruiwenhusen [Fn-3], umb eine und sechtzig march loetigis silbers, genger und gêber Zuirich gewicht. Und ouch er ist des silbers gewert nach siner vergicht alleklichen und wil ouch wer sin, swa man sin bedarf, fuir sich und sin erben, an geislichem gerichte und an weltlichem, das dui vorgenanden gueter sin frie eigen waren, und gab uf duiselben gueter mit namen frilich an uinser hant an uinsers gotzhus stat mit allem dem rechte und ehaftigi, so darzů gehoeren mag, mit dem gedinge das wir dui vorseiten gueter lihen zu rechtem erbe den vorgeschriben frouwen der .. priorin und dem convente von Oettenbach. Und duir sine bêtte do lihen wir dui vorgenanden gueter ze rechtem erbe den vorseiten frowen der .. priorin und dem convente von Oettenbach zu rechtem erbe umb einen jaerlichen zins zweier Zuiricher pfenninge uins und uinserm gotzhus zu gebenne zu des heiligen kruizes tult ze herbest. Und das dis alles war si und veste belibe und duir Růdolfs bêtte von Kloton so geben wir disen brief besigilt mit uinserm ingesigel ze einem waren uirkuinde offenlichen aller der vorseiten dingen. Dis geschach Zuirich, und dirre brief wart gegeben an dem donrstage ze mittem Rêdmanode, do von gotz geburt waren druizehenhundert jar, in dem nuinden jare danach, da zegegin waren: meister Ůlrich Wolfleibsch, kuster Zuirich, her Chůnr. von Sant Gallen, uiser [Fn-c] kaplan, her Johans Fuitzchi, ritter, her Hartman der Saler, Heinrich der Schuippher, burger Zuirich, meister Heinr., der blidenmeister [Fn-4] und ander erber luite.»

Kommentare der Editoren

Zum Apparat der Textedition gehören die oben inserierten Fussnoten, die nachstehend im Wortlaut wiedergegeben und im weiteren Verlauf des Beitrags teils kommentiert werden:

(p. 229) Fn-5: «Ein Heinrich von Kloten, doch wohl vom Zürcher Rittergeschlecht, war Zeuge des Verkaufs des Hofes Weyach durch Lütold von Regensberg ans Kloster Oetenbach; vgl. oben V nr. 1798.»

(p. 230) Fn-a: «Sic, statt "erberen".»
(p. 230) Fn-b: «Eigentlich "Zwiach" geschrieben.»
(p. 230) Fn-c: «Sic.»

(p. 230) Fn-1: «Der Flurname "Wingert" kommt jetzt noch westlich von Weyach vor; vgl. Siegfried-Atlas nr. 26.»
(p. 230) Fn-2: «Rümikon, Pf. Schneisingen, Kt. Aargau.»
(p. 230) Fn-3: «Rauhausen, Flurname im Wald südlich von Weyach.»
(p. 230) Fn-4: «Von blide = Steinschleudermaschine, vgl. Zürcher Stadtbücher I p. 369 und Richtebrief im Archiv f. Schweizergesch. V p. 184»

Angaben zur Urkunde und zum Siegel

«Original: Perg. 15/21 cm. St.A.Z. Oetenbach nr. 168». Es handelt sich also um ein Pergamentdokument, dessen heutige Signatur «StAZH C II 11 Nr. 168» lauten dürfte.

Zum Siegel der Äbtissin äussern sich die Bearbeiter ausführlicher: «Sigel beschädigt, abhangend.», heisst es da. Das Siegel zeigt «Felix und Regula, die Köpfe auf den Händen tragend, über ihnen ein Engel mit einem Tuch, unter ihnen eine betende Nonne.» Auch einen Text findet man, der jedoch wegen der Beschädigung nicht voll lesbar ist: «† S' ELISABETH DEI GRA . . . . TISSE MON . . . . . CEN» (Elisabeth von Gottes Gnaden Äbtissin des Klosters...), sowie ein «leerer Eindruck auf der Rückseite; vgl. G. v. Wyss Sigeltafel I nr. 11, Elisabeth von Matzingen seit 1308, vgl. oben nr. 2951».

Einer der ersten deutschen Texte

Bemerkenswert ist, dass es sich um einen der ersten Texte mit Weiach-Bezug handelt, der in deutscher Sprache verfasst wurde. Die Urkunde von 1295 beispielsweise - und auch die älteste erhaltene Nennung des Ortsnamens von 1271 - sind in mittelalterlichem Latein abgefasst.

Freies Eigen für 61 Mark Silber verkauft

Die verwendeten Wortformeln entsprechen dem damaligen Standard. Die Ausstellerin der Urkunde wendet sich an den Leser (oder den Zuhörer) und erklärt ihm das Rechtsgeschäft. Der Konvent Oetenbach erwarb freies Eigen des Rudolf von Kloten zum Preis von 61 Mark Silber, was dieser vor der Urkundsperson und den Zeugen öffentlich zu Protokoll gab. Das war wichtig, denn es kam damals immer wieder vor, dass jemand Rechte an einem Grundstück oder an Leibeigenen behauptete, die ihm gar nicht gehörten - dass dem so war zeigen u.a. die Habsburger Urbare (vgl. WeiachBlog Nr. 1307 über die Ussidelinge zu Weyach).

Wieviel Geld waren 61 Mark Silber? Zum einen handelt es sich um eine Recheneinheit und ihre Grösse hing davon ab, wer das Gewicht definierte. Deshalb wird das in der Urkunde auch explizit erwähnt. Der Kaufpreis belief sich auf «eine und sechtzig march loetigis silbers, genger und gêber Zuirich gewicht».

Der Artikel Mark (Gewicht) im Historischen Lexikon der Schweiz gibt dazu folgenden Hinweis: «Nur für wenige münzprägende Orte sind verlässl. Angaben über die genauen Gewichte verfügbar. Die Zürcher M. soll 237,1 g gewogen haben und ist wohl auf die Nürnberger M. zurückzuführen.» Demnach also rund 14.4 kg Feinsilber, was zum aktuellen Marktpreis rund CHF 8600 ergeben würde.

Hofwiese und Rauhausen

Für die Ortsgeschichte von Weiach ist nun interessant, was da neben dem alten Wingarten an Ortsnamen genannt wird. Einen Wingert gibt es bis heute (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 111).

Zum einen ist da die «Hofwiese», die von den Bearbeitern des UBZH auf der Karte nicht gefunden wurde, jedoch jedem in Weiach Ortskundigen ein Begriff ist. So heisst heute die Schulanlage mitten im Dorf. Dort - zwischen Oberdorf, Bühl und Chälen - befindet sich die Hofwiese. Weiter ist von einem Gut zu Rauhausen die Rede (vgl. zu Standort und Name: Weiacher Geschichte(n) Nr. 53).

Quelle
  • Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, 13 Bde, Zürich 1888-1957, Hrsg. von einer Commission der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich; bearb. von J. Escher und P. Schweizer, Paul Kläui, Werner Schnyder - Band 8, A°1909 - VIII, 229-230 - Nr. 2960

[Veröffentlicht am 10.9.2019 um 00:51]

Sonntag, 4. September 2016

Das Oberstufenschulhaus Stadel feiert den 50sten

An diesem Wochenende jährt sich zum fünfzigsten Mal die Einweihung der (aus heutiger Sicht) ersten Etappe des Oberstufenschulhauses bei Schüpfheim in der Gemeinde Stadel.

Auf dem nachfolgenden, von Osten her aufgenommenen Luftbild (Quelle: Website der OS Stadel) habe ich den ältesten Teil rot eingefärbt. Später kamen der gelb gefärbte Annex, dann westlich davon die «blaue Banane» und schliesslich (nicht eingefärbt) eine Verlängerung des blauen Trakts hinzu:


Klare Geschlechtertrennung beim Handwerklichen

Walter Zollinger hat in seiner Jahreschronik 1966 einen Zeitungsausschnitt eingeklebt (ohne Angabe von Quelle und Datum, wie bei ihm leider üblich), der den nachstehenden Text enthält:

«Das im Bau befindliche neue Oberstufen-Schulhaus - Projektverfasser ist das Architekturbüro Knecht & Habegger, Bülach - bildet eine Erweiterung der bestehenden zentralen Schulhausanlage (Primar- und Sekundarschule). Das Gebäude enthält unter anderm fünf Klassenzimmer, einen Handarbeitsraum für Mädchen, einen Metallbearbeitungsraum für Knaben, einen Schüleraufenthaltsraum mit Küche, ein Lehrer- und Sitzungszimmer, eine gedeckte Pausenhalle sowie einen Singsaal für etwa 170 Personen (mit Bühne). Die gesamten Baukosten sind auf 2 239 000 Franken veranschlagt worden. Im zugesicherten Staatsbeitrag sind die Auslagen für das Lehrschwimmbad mitberücksichtigt worden. Gegenwärtig ist die Oberstufen-Schulpflege mit der Prüfung der Frage beschäftigt, ob und wie das kleine Hallenbad auch der Oeffentlichkeit zur Benützung freigegeben werden kann.» (G-Ch Weiach 1966 - S. 16a)

Auch für die Öffentlichkeit nutzbar

Für die letztere Frage von 1966 gibt es auf der heutigen Website der Oberstufe Stadel eine klare Antwort: Es kann freigeben werden.

«Nebst der üblichen Infrastruktur einer Schule, bestehend aus Klassenzimmern, Gruppenräumen, Werkstätten etc. verfügt die Oberstufenschule Stadel über Einrichtungen und Räumlichkeiten, welche sie auch vermietet.
Dazu gehören …
… ein Lehrschwimmbecken mit Hubboden, welche eine Einstellung der Wassertiefe von 30 cm bis 2 m erlaubt,
… der Aufenthaltsraum,
… zwei Schulküchen mit je vier Kochinseln,
… der Singsaal
und die Turnhalle.
» (Quelle: https://www.oberstufe-stadel.ch/ueber-uns/x/ )

Einweihung mit Festpredigt vor vollen Rängen

Zur Einweihung vor 50 Jahren schreibt Walter Zollinger in seiner Jahreschronik 1966: «Am 3./4. September konnte das neue Oberstufenschulhaus des Kreises Stadel-Neerach-Bachs-Weiach eingeweiht werden. Es halfen bei der Abendunterhaltung am Samstag, wie bei der Hauptaufführung am Sonntagnachmittag auch unsere Weiacher Vereine (Dorfmusik, Kirchenchor, Männerchor, Trachtengruppe) tüchtig mit. Herr Pfr. Wyss aus Weiach hielt die Festpredigt am Vormittag in der geräumigen und dennoch vollbesetzten Festhütte. Die Oberstufenschüler aller Kreisgemeinden führten ein von Sekundarlehrer Denzler zusammengestelltes, die Besonderheit jeder Einzelgemeinde hervorhebendes Festspiel auf.» (G-Ch Weiach 1966 - S. 17)

Für die Festpredigt war Pfr. Robert Wyss (1962-1981 Pfarrer in Weiach, vgl. WeiachBlog Nr. 1166) sozusagen der logische Kandidat. Am 6. Februar 1962 war er nämlich als Weiacher Vertreter in die Oberstufenschulpflege gewählt worden (G-Ch Weiach 1966 - S. 17).

Samstag, 3. September 2016

Die Ussidelinge zu Weyach. Habsburgisches Urbar nach RQNA.

Vom sogenannten Habsburgischen Urbar war auf WeiachBlog bereits zweimal die Rede, vor über 10 Jahren (Nr. 17 über die Edition Pfeiffer von 1850) und vor wenigen Tagen (Nr. 1302 über eine Fussnote in Fegers Textausgabe des Konstanzer Urbars von 1943).

In diesem Urbar hat das Haus Habsburg-Österreich im Rahmen der Territorialisierung versucht, auch in den Gebieten der Vorlande (Elsass, Schwaben und heutige Eidgenossenschaft) möglichst alle seine Rechtsansprüche schriftlich festzuhalten.

Bereits Feger bezieht sich auf die 1904 von Maag, Schweizer und Glättli herausgegebene Edition mit Kommentarband, die auch von Weibel in der Rechtsquellensammlung Neuamt (RQNA; 1996 erschienen) referenziert wird - und zwar gleich in Quelle Nr. 1, von ihm betitelt mit:

Rechte und Einkünfte der Herrschaft Habsburg-Österreich in der nachmaligen Vogtei Neuamt

Zum habsburgischen Amt Kloten (dem «Officium Kloton») wurde unter anderem auch Neerach gezählt: «J[tem] ze Nerrach ist ein meyerhof, der der heirschaft eigen ist;» und weiter: «Dui heirschaft hat ze Nerrach twing und ban und richtet von gewonheit dube und vrevel.» Mit «dube und frevel» ist die Blutgerichtsbarkeit, also die hohe Gerichtsbarkeit gemeint. (vgl. RQNA S. 501)

Diesen herrschaftlichen Hof mit Hoch- und Niedergericht zu Neerach betrachtete die habsburgische Verwaltung als eine Art untergeordnetes Zentrum, dem weitere Orte wie Oberhasli und sog. «ussidelinge» (Aussiedler) in der Umgebung zugeordnet wurden:

«Die lute desselben dorfes [Obern Hasla] und ander ussidelinge, die gesessen sint ze Adlinkon, ze Watta, ze beiden Affoltron, von Metmen Hasla, und von Katzenruiti, ze Buchse, ze Tellinkon, ze Titinkon, ze Nassenwiler, ze Dielsdorf, ze Obern Steynimur, ze Nidern Steynimur, ze Sunninkon, ze Obern Weningen, ze Weyach, ze Willach, ze Rode und ze Stadeln und anderswa hant gegeben ze sture bi dem meisten xxxiij phunt und ij schill[ing], bi dem minsten xxij phunt und xij schill[ing] pfenning.» (RQNA Nr. 1 - S. 1-2)

In all diesen bis auf den heutigen Tag bestehenden Siedlungen («Willach» soll Windlach, «Rode» soll Raat sein) gab es also Personen, von denen Habsburg-Österreich behauptete, sie hätten Steuern bezahlt. Wann und aus welchem Anlass die Zahlungen erfolgten und an wen die Summen gingen, wird nicht erwähnt. Ob ein Anspruch von Habsburg auch durchgesetzt werden konnte, ist nicht bewiesen.

Dissertation Bärtschi wirft neues Licht auf das Habsburgische Urbar

Um besser zu verstehen, was es mit diesem Habsburgischen Urbar (HU) auf sich hat, sei hier eine neuere Dissertation enpfohlen. Marianne Bärtschi nennt das Urbar 2008 im Titel ihres Werks einen «Traditionscodex» und schreibt in der Einleitung:

«Leider ist jedoch bis heute nicht geklärt, wie und warum es überhaupt entstand, welche Funktion es innerhalb des habsburgischen Verwaltungsapparates erfüllte und weshalb es Jahrhunderte lang immer wieder unverändert abgeschrieben wurde. Ausserdem wird vermutet, dass es kaum die tatsächlichen Herrschaftsverhältnisse widerspiegelt, sondern hauptsächlich die unsicheren und strittigen Ansprüche der Habsburger verzeichnet.» (Bärtschi - S. 8)

Und weiter unten: «Mittelalterliches Schriftgut ist häufig mehrdimensional zu deuten, und meist weist gerade der Inhalt auf die falsche Fährte. So werden im Habsburger Urbar zwar die Verpflichtungen der Untertanen gegenüber ihrer Herrschaft und deren Rechte festgehalten, ob diese jedoch eingehalten und akzeptiert wurden, steht dadurch noch längst nicht fest.» (Bärtschi - S. 13)

Das von Weibel zitierte Verzeichnis wurde auf Pergament geschrieben und hat die Form eines Rodels «von 2,3 m Länge und 23 bis 24 cm Breite.». Also eine Schriftrolle. Das Zürcher Staatsarchiv hat diese Urkunde mit der Signatur C I Nr. 3288a katalogisiert.

Wie kommt Weibel auf das Erstellungsjahr 1307?

Im Original ist diese Urkunde Nr. 3288a nicht datiert. Weibel gibt in Klammern dennoch eine Datierung auf 1307 - und begründet dies in Fussnote 1 (RQNA S. 2) mit: «Gemäss Paul Schweizer, Das Habsburgische Urbar, Kommentarband, QSG 15/2 S. 510 f.»

Hier kommt Bärtschi wieder das Verdienst zu, zwischen Transkriptions- und Interpretationsleistung der Editoren Maag, Schweizer und Glättli klar zu differenzieren:

«Abgesehen davon, dass der erste Band der Edition die Vorstellung eines zusammenhängenden Schriftstückes suggeriert, das in planvoller Absicht zu Beginn des 14. Jahrhunderts hergestellt wurde, was nicht stimmt, darf man dem Bearbeiter Maag kaum Vorwürfe bezüglich der inhaltlichen Präzision und der buchstabengetreuen Wiedergabe der Texte machen. Abweichungen zu den Originalen begegnen höchst selten und wenn, dann sind sie in geringfügiger Weise formaler Art. Darüber hinaus bietet der äusserst ausführliche Anmerkungsapparat trotz seiner unterdessen zumeist etwas veralteten Quellenangaben nach wie vor eine Fülle von Zusatzinformationen, die für die Beschäftigung mit dem Urbar ungeheuer hilfreich sind. Wer also das Habsburgische Urbar lesen und sehen möchte, was da so alles drin steht, der braucht sich nicht die Mühe zu machen, sich mit den „Originalen” auseinanderzusetzen. Knifflig wird es erst, wenn man die Angaben des Urbars für eigene Forschungszwecke verwenden will. In diesem Fall muss man jeden einzelnen Eintrag darauf hin befragen, aus welcher Zeit er eigentlich stammt und warum er ins Urbar aufgenommen wurde.». (Bärtschi - S. 23)

Für die später zürcherische Ämter betreffenden Urbar-Teile (wie es das «Officium Kloton» darstellt) ist es durchaus möglich, dass sie erst einige Jahre nach 1307 verfasst wurden, z.B. um 1313, d.h. also nach - und nicht kurz vor dem Tode von König Albrecht I. (vgl. Bärtschi, S. 63ff).

Der Ortsname Weiach erscheint übrigens im Habsburgischen Urbar gleich in mehreren der früher gebräuchlichen Formen: Weyach, Wiach und Wyach. Die Wiach- und Wyach-Fundstellen werden in späteren Beiträgen behandelt.

Weiterführende Literatur
  • Maag/Schweizer/Glättli (Hrsg.): Das Habsburgische Urbar. Quellen zur Schweizer Geschichte. Bände 14, 15/1, 15/2. Basel, 1904.
  • Weibel, Thomas: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt; Aarau, 1996. (Volltext vgl. https://www.ssrq-sds-fds.ch/online/ZH_NF_II_1/ZH_NF_II_1.pdf)
  • Bärtschi, Marianne: Das Habsburger Urbar. Vom Urbar-Rodel zum Traditionscodex. Zürich, 2008 (StAZH Bibliothek; Signatur: Bb 18): http://opac.nebis.ch/ediss/20080381_002029127.pdf

[Veröffentlicht am 4. September 2016 um 01:02]

Freitag, 2. September 2016

Wenn's mit dem Stammhalter erst am Lebensabend klappt

Im Berner Intelligenzblatt (vgl. zum Begriff WeiachBlog Nr. 1151) war am Donnerstag, den 26. Juli 1900 auf Seite 2 diese kleine Notiz aus Weiach zu lesen - eingerahmt von zwei weiteren Kurznachrichten aus dem Kanton Zürich:


«Vaterfreuden in späten Tagen. In Weiach ist ein 80jähriger Greis zum erstenmal Vater eines gesunden Knaben geworden. Der glückliche Vater hat sich letztes Jahr in zweiter Ehe mit einem 20jährigen Mädchen verheiratet.»

Dieser Fall scheint schon ziemlich ungewöhnlich gewesen zu sein. Ob sich der Nachrichtenwert der Kurzmeldung aus dem erstmaligen Reproduktionserfolg eines 80-jährigen ergab, oder ob die Tatsache, dass ein Mann dieses Alters der Zeugung noch fähig sei, als ungewöhnlich genug beurteilt wurde - das ist dem Autoren des WeiachBlog unbekannt.

Der Umstand, dass immerhin 60 Jahre zwischen den Ehepartnern lagen, dürfte für sich allein wohl noch keine Schlagzeilen gemacht haben. Solche Verbindungen gab es wohl schon immer.

Und vielleicht haben ja auch einige gedacht: Mater certa, pater incerta. Will heissen: ob das Kind wirklich vom 80jährigen war?

Mittwoch, 31. August 2016

Augustwetter 1966: die Frucht beginnt auszuwachsen

«Ganz "unflätig" benommen», habe sich dieser Monat. So charakterisierte Walter Zollinger in seiner Jahreschronik den Juli 1966 (vgl. WeiachBlog vom 30.7.2016).

Die Charakterisierung bezog sich darauf, dass kaum je lange Hochdruckperioden zu verzeichnen waren - und viel Regen fiel. Im August ging es gleich in diesem Stil weiter, was man daran sieht, dass die Wetteraufzeichnungen mit dem Pegelstand eingeleitet werden:

« August. Wasserstand des Rheins bei Rheinfelden am 1.8.:
Langjähriges Mittel 1462 m3/s
Tatsächliche Wasserführung 1677 m3/s

Sechszehn Mal fiel wiederum während eines Teils der Nacht oder des Tages Regen, namentlich im ersten Monatsdrittel. Unterm 9.8. steht in meinem Notizheft: "Endlich wieder einmal ein richtiger Sommertag! Es wäre bitter nötig für die Landwirtschaft. Die Frucht beginnt auszuwachsen, wo sie noch auf dem Felde steht." Unsere Weiacher Bauern sind zwar grossteils, dank der Maschinen und weil sie die günstigen Tage zwischen dem 25. und 31. Juli rege ausnützten, ziemlich nach mit den Erntearbeiten. Aber am 28.8. z.B. haben wir wieder etwas geheizt; denn die Temperaturen waren gar nicht sommerlich; 13, 14, 15, 16° sind doch gar wenig für den August, nicht? - Vereinzelt allerdings gab's auch einige Tage mit 28 & 29° am Mittag.

Höchsttemperaturen morgens 18°, mittags 28°, abends 20°
Tiefsttemperaturen morgens 5°, mittags 13°, abends 10°.

Der 14.8. soll besonders erwähnt werden als der vom Morgen an wärmste Tag dieses Monats, aber auch als einziger:
morgens 24°, mittags 29°, abends 23°.

Dieser "Sommermonat" hat demnach bestimmt nicht viel Gutes ausgerichtet. Die Altvordern prägten hiefür den treffenden Spruch:

"Je dichter der Regen an Hundstagen,
umso dünner die Frucht auf den Erntewagen!"
»

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als wäre auch das Jahr 2016 aus landwirtschaftlicher Sicht ein wenig erfreuliches - wie sein «Cousin» vor 50 Jahren. Meteoschweiz sieht das im Klimabulletin zum August 2016 etwas anders: eine sonnige und heisse Monatsmitte und ein ebensolches Monatsende werden attestiert. Das stimmt auch. Allerdings ist es schon nicht so üblich, das letzte Emd erst gegen Ende August einbringen zu können.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1966 – S. 6. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1966].

Montag, 29. August 2016

Die Historika-Orientierungstafel - eine Ansammlung von Fehlern

Vor der Ostfassade des VOLG zu Weiach (Stadlerstrasse 4) ist eine grossformatige Informationstafel angebracht. Nach Aussagen mehrerer Gewährsleute vor Ort ist sie schon vor Monaten montiert worden. Entdeckt habe ich sie allerdings erst vor kurzem. So sieht die Tafel aus (Bilddatei ab der von der Historika AG am 8. August zugesandten pdf-Datei erstellt):


Es gibt tausende solcher Tafeln

Aufgebaut sind diese Tafeln, von denen es nach Eigenwerbung der Urheberin in der ganzen Schweiz mittlerweile rund 6000 gibt, allesamt nach demselben Muster: in der Mitte Angaben zur Geschichte der Gemeinde, allenfalls ein Foto, sowie ein Ortsplan, rechts und links flankiert von Werbebannern des lokalen und regionalen Gewerbes. Unten rechts auf der Tafel findet man die Eigenwerbung der Urheberin Historika AG, einer Werbetechnik-Firma mit Domizil in Oberuzwil SG. Und entsprechend werbefinanziert sind diese Tafeln denn auch.

Daran wäre an und für sich nichts zu bemängeln. Wäre! Denn diese Tafel ist für die produzierende Firma wahrlich kein Ruhmesblatt.

Abgekupfertes Bild mit falscher Legende

Schon kurze Zeit nach der Erstmontage haben einige Weiacherinnen und Weiacher moniert, die Legende passe überhaupt nicht zum gezeigten Foto. Und das völlig zu Recht. Urteilen Sie selbst:


Das Bild zeigt den Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses (in dem seit 2008 die Caffè-Bar Lounge Chamäleon eingemietet ist) und wird als «Ortsmuseum Weiach» bezeichnet! Letzteres befindet sich allerdings etliche hundert Meter weiter südöstlich am Müliweg 1. Wo dieser kapitale Bock seinen Ursprung hat, wird klar, wenn man die Quelle kennt.

Die Aufnahme findet man nämlich in der Online-Enzyklopädie Wikipedia, vgl. hier. Das Bild wurde vom Wikipedianer «Roland_zh» am 15. September 2011 aufgenommen und am folgenden Tag mit der Titelbezeichnung «Weiach_-_Heimatmuseum» in die Wikipedia eingestellt, ursprünglich gar mit der komplett kreuzfalschen Bezeichnung «{{Information |Description= ''Gottfried-Keller-Strasse'' in Glattfelden ({{Switzerland}})»!

Ein Plakat führt in die Irre

Wenn man das Original-Bild in Wikimedia Commons analysiert, sieht man auch, wie der Irrtum entstanden ist. Nämlich durch das grosse Plakat, das auf diesem Bild links der Haupteingangs-Türe des Baumgartner-Jucker-Speichers hängt. Die «Wirtshaustafel» des «Chamäleon» rechts der Türe geht daneben ja auch völlig unter.
Im Februar 2013 habe ich den Irrtum von Roland_zh, dies sei das Ortsmuseum («re-cat, no "house", it's a museum»), in den Wikimedia Commons korrigiert: «Das ist NICHT das Ortsmuseum Weiach! Gruss, Weiacher Geschichte(n)». Seither steht in der Dateibeschreibung: «Speicher des Baumgartner-Jucker-Hauses, Büelstrasse 18 in Weiach (Switzerland)».

Trotzdem hält sich der Irrtum hartnäckig. Einerseits weil der Dateiname der gleiche geblieben ist - und weil natürlich das grosse Werbeplakat für die Ortsmuseums-Ausstellung Herbst 2011 auf dem Bild weiterhin an der Fassade prangt.

Klare Lizenz-Verletzung

Die geschilderten Umstände exkulpieren die Historika AG aber nur teilweise. Denn auch wenn ihr die Nutzung für ihre Informationstafel unter der bei diesem Bild angegebenen Lizenz «Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported» erlaubt ist, so hätte die Firma doch zumindest den Autor des Bildes und die Herkunft offenlegen müssen (das findet man auf der Tafel nämlich nicht). Eine der Bedingungen dieser Lizenz ist diese hier:


Die Nennung des Urhebers zu unterlassen kommt meines Erachtens einem Diebstahl gleich, zumal wenn man bedenkt, dass es sich um eine kommerzielle Verwertung handelt. Kurz: das geht gar nicht.

Gemäss Mitteilung von alt Gemeindeschreiber Hans Meier vom 11. August ist diese Aufnahme auf der Historika-Tafel mittlerweile durch eine von der Kirche ersetzt worden - offenbar von Osten her aufgenommen. Da ich diese Aufnahme bislang nicht gesehen habe, kann ich auch nicht sagen, ob diesmal die Urheberrechte gewahrt bleiben. Immerhin entfällt damit der offensichtliche Lizenzverstoss durch die Historika AG für das Wikipedia-Bild «Heimatmuseum» (das den Baumgartner-Jucker-Speicher zeigt).

Ein Fall zum Fremdschämen

Weniger offensichtlich sind die Irrtümer, die sich auf dem Ortsplan versammelt haben. Die sind - gemäss Mitteilung Hans Meier vom 11. August - nach wie vor auf der Historika-Tafel zu finden.

Da gibt es sage und schreibe 14 Fehler!!! So viele hat jedenfalls der Autor des WeiachBlog binnen weniger Minuten gefunden.

Fangen wir einmal mit den Abschreibfehlern an. Die allein sind schon fast Legion:
  • Da gibt es doch tatsächlich einen «Fiedhofweg» auf dem Plan. Richtig wäre «Friedhofweg», so wie im Strassenverzeichnis unter der Karte aufgeführt.
  • Weiter findet man einen «Damaststeig», statt korrekt «Damaststieg» (noch grandioser ist nur die Schreibweise im Strassenverzeichnis, dort heisst der Fussweg «Damasteig»!!)
  • Sowohl auf dem Plan wie im Strassenverzeichnis gibt es zudem die «Büechlihausstrasse (mit Häusern hat das nichts zu tun, dafür mit einem Holzschlag!). Richtig geschrieben hiesse es «Büechlihaustrasse».
  • Bei den Flurnamen sieht es auch nicht besser aus. Da gibt es gemäss Historika den Namen «Turgauer», statt korrekt «Turgäuer» (schon klar, dass Ostschweizer es mit dem Thurgau haben, aber der ist hier nicht gemeint).
  • Weiter der Flurname «Buchhalden» statt korrekt «Buhalden» (auch da: er hat nichts mit Buchen zu tun); die «Buhaldenstrasse» ist dagegen richtig, sowohl im Strassenverzeichnis wie auf der Karte.
  • Ebenfalls verschrieben der Flurname «Lötten», korrekt wäre «Lätten».
  • Dito: «Winzeltal»! Richtig wäre «Winzental». (Auf dem östlich des Dorfes gelegenen Plateau des Stein gibt es eine Flur namens «Winzeln» - die liegt aber ausserhalb des Planausschnitts).
Eine Qualitätskontrolle, die diesen Namen verdient, müsste solche Fehler eigentlich finden. Entweder gibt es die bei der Historika AG nicht - oder sie lag im Tiefschlaf, als es um die Prüfung der Daten zur Tafel für Weiach ging.

Neben den rein orthographischen Fehlern sind auch noch kartographische Unsauberkeiten festzustellen:
  • Die «Riemlistrasse» ist erst in ihrem oberen Verlauf angeschrieben, dort wo sie das bebaute Gebiet längst verlassen hat - für Ortsunkundige ist das völlig unbrauchbar.
  • Der Flurname «Riemli» ist am falschen Ort, N Bunker West statt korrekt NW Neurebenstr.
  • Die Bezeichnung «Vorder Berg» ist so auf dem Plan platziert (bei gleichzeitigem Fehlen des «Hinder Berg»), dass man meint, das Haus Buckley und die Häusergruppe Hinder Berg seien zusammen das (ehemalige) benannte Gebiet Vorder Berg.
  • Weiter kommt der Flurname «Chürzi» gleich doppelt vor, einmal korrekt platziert (Planquadrat B-4) und einmal falsch (Planquadrat A-5, wo eigentlich der Name «Wasen» angezeigt werden müsste).
  • Und schliesslich ist der Flurname «See» dort eingezeichnet, wo heute die Strasse «Im See» liegt (Planquadrat B-2), nicht an den eigentlich korrekten Stellen W (A-2) und NW (B-1) des Neubauquartiers «Im See»!
Auch bei den öffentlichen Einrichtungen hatte die Historika AG alles andere als ein glückliches Händchen:
  • Vom Friedhof ist nur der neue Teil eingezeichnet, der alte Friedhofsteil existiert auf dem Historika-Plan schlicht nicht.
  • Für Belustigung sorgt auch, dass eine «ARA» (Abwasserreinigungsanlage) unter «Öffentliche Gebäude und Anlagen» einen eigenen Eintrag mit der Nr. 1 erhalten hat, obwohl sie seit April 2006 keine ARA mehr ist.
  • Was die Bezeichnung des «Pfarramt evang.-ref.» (Nr. 5, d.h. das Pfarrhaus) soll, nachdem wir seit drei Jahren keinen residenten Pfarrer mehr haben, erschliesst sich auch nicht. Dafür wird dann die Pfarrscheune weggelassen, die heute als Kirchgemeindehaus genutzt wird.
  • Die Krönung ist schliesslich Nr. 9, welche als «Schulhaus» bezeichnet wird. Bei diesem Gebäude handelt es sich aber lediglich um die Mehrzweckhalle der Schulanlage Hofwies.
Auch die Gemeinde trägt ihren Teil zum Desaster bei
    Vom bildumrahmenden Text oberhalb des Plan war noch gar nicht die Rede. Diesen hat die Historika AG von der Gemeindewebsite übernommen. Dafür, dass dieser Text nicht nachgeführt war, kann sie nichts (mittlerweile ist er es - nach Intervention von WeiachBlog). Da sind zwei Fehler zu nennen:
    • Bevölkerungszahl viel zu tief (statt «gut 1000» müsste da «knapp 1450» und eine Angabe «Stand: Juli 2016» stehen)
    • Fläche Gemeindebann zu hoch: «964 ha» ist die veraltete Angabe nach Zollinger, korrekt ist «957 ha».
    Die Gemeinde muss sich allerdings auch selber an der Nase nehmen. Auf Anfrage von WeiachBlog, ob die Gemeindeverwaltung der Historika AG ein Gut-zum-Druck gegeben habe, oder vorgängig wenigstens einen Abzug gesehen hätte, antwortete der amtierende Gemeindeschreiber am 9.8.2016, für eine fremde, kommerzielle Publikation habe die Gemeinde keinen Support geben wollen (die Historika AG hat also um Durchsicht gebeten).

    Das mag rein rechtlich korrekt sein, sachlich aber ist es falsch, weil nun seit Monaten ein Plan vor dem VOLG hängt, der dem Jahre früher an der Haltestelle «Weiach, Gemeindehaus» montierten (und nach wie vor dort platzierten) Plan in vielen Punkten widerspricht. Was sollen Ortsunkundige denn nun für korrekt halten?

    Mehr auswärtige Unternehmen als einheimische

    Ärgerlich ist schlussendlich, dass von den 23 Firmenwerbungsporträts auf der Tafel gerade einmal 7 solche von in Weiach domizilierten Unternehmen sind! Der Rest kommt aus anderen Unterländer Gemeinden, eines gar aus Kloten! Und das unter dem Titel «Weiach». Weit entfernt von beliebigen Internetseiten, welche beispielsweise das Riverside (bei Rheinsfelden, Gde. Glattfelden) als Weiacher Hotel verkaufen wollen, sind wir da nicht mehr.

    Dass bei diesem rein kommerziellen Teil mehr Weiacher Firmen porträtiert werden, kann nicht erwartet werden, so viel ist klar.

    Umso mehr muss man die auf dem Plan auftauchenden, völlig inakzeptablen Abstrusitäten rügen. Wie oben erwähnt: ein Fall zum Fremdschämen. Man kann nur hoffen, dass die Weiacher Tafel ein Ausrutscher ist - und die Historika AG bei den vielen hundert anderen Info-Tafeln sauber gearbeitet hat. Vielleicht haben da ja auch die Gemeindeverwaltungen Nachhilfe geleistet.

    Wie auch immer sich die Angelegenheit darstellt - für WeiachBlog ist es une affaire à suivre.

    Sonntag, 28. August 2016

    Warum die Postfachanlage auf Gemeindeland steht

    Heute vor sieben Jahren publizierte das Amtsblatt des Kantons Zürich das folgende Gesuch einer Tochter der Schweizerischen Post:

    «035/207112. 8187 Weiach. Infra Post AG, Region Ost, Pfingstweidstrasse 60b, 8080 Zürich: Aufstellen einer Postfachanlage, Büelstrasse beim Friedhofparkplatz, AV-Kat.-Nr. 163 (Kernzone A KA).»

    Tönt völlig unspektakulär, nicht wahr? Wenn wir uns in die Zeit zurückversetzen, als dieses Gesuch publiziert wurde, dann erinnern wir uns, dass im Jahre 2009 auch die Poststelle am Bachweg 2 geschlossen wurde. Seither gibt es in der Gemeinde nur noch die Postagentur im VOLG-Laden an der Stadlerstrasse 4.

    Am Bachweg 2 gab es Postfächer, wie sie früher bei jeder richtigen Poststelle zu finden waren. Von innen legten die Briefträger die Post der Kunden hinein, von aussen holte man die Post ab. Funktionierte alles bestens. Warum also wollte die Infra Post AG den seit 1995 genutzten Standort nicht beibehalten? Warum waren die gerade einmal 14 Jahre alten Fächer nicht mehr gut genug?

    «Service public» für den Service public

    Das Postgesetz mag erklären, weshalb die Post auf die Idee gekommen ist, den Standort zwischen dem Alten Gemeindehaus und dem neuen Gemeindehaus als Standort der Postfachanlage auszuwählen:

    Art. 16 PG (Stand 28.8.2009): «Die Post kann für das Aufstellen von Briefkästen, Wertzeichenautomaten und anderen zur Erfüllung des Universaldienstes erforderlichen Einrichtungen den im Gemeingebrauch stehenden Boden unentgeltlich benützen.»

    Auf diese Weise muss der Post-Konzern dem früheren Posthalter-Ehepaar Junker für die Postfächer und den Beschickungsraum dahinter keine Miete mehr bezahlen. Schlauer Schachzug! Was die Briefträger von der neuen Anlage halten, das interessierte in Bern wohl wenig.

    Die Infra Post SA mit Sitz in Bern wurde am 16. Juni 2008 ins Handelsregister eingetragen und gab dort folgenden Geschäftszweck an: «Die Gesellschaft bezweckt die Erbringung von Dienstleistungen im Bereich des Facility Management sowie diverser technischer Dienstleistungen. Dazu gehören sämtliche Leistungen, welche für die Vermarktung, die Bewirtschaftung und den Betrieb einer Immobilie und/oder deren technischen Anlagen nötig oder hilfreich sein können.»

    Dieser Schachzug war vor allem für die Profitabilität der Post hilfreich. Heute heisst die Tochter Infra Post übrigens «Post Immobilien Management und Services AG».

    Anmerkung zur Parzelle 163

    Wenn man heute im Katasterplan nachsieht, dann findet man das Grundstück Nr. 163 nicht mehr. Nach dem Kauf des Baumgartner-Jucker-Hauses hat die Gemeinde das gesamte Gebiet zu einer grossen Parzelle 1433 (4142 m2, Zone mit öffentlichen Bauten) fusionieren lassen. Zur selben Zeit ist auch das Areal mit Mehrzweckhalle, altem und neuem Schulhaus sowie dem Kindergarten Farbtupf zu einer einzigen grossen Parzelle 1432 (13690 m2) zusammengelegt worden.

    Anmerkung zum aktuellen Postgesetz

    Die oben aufgeführte Bestimmung lautet zwar leicht anders, am Grundgehalt ändert das aber in diesem Fall nichts. Man findet sie heute als Art. 17 Abs. 2 PG: «Die Post kann für das Aufstellen öffentlicher Briefeinwürfe und anderer für die Grundversorgung erforderlicher Einrichtungen den im Gemeingebrauch stehenden Boden unentgeltlich nutzen.»

    In der Fassung, die der Bundesrat den Räten vorlegte (vgl. BBl 2009 5254) war das noch Art. 16 Abs. 2 PG.

    Quelle
    • Amtsblatt des Kantons Zürich, Freitag, 28. August 2009, Seite 956, Nr. 35

    Samstag, 27. August 2016

    Klingenberger spielen die habsburgische Karte

    Zu Beginn des 14. Jahrhundert zeichnete sich die Territorialisierung immer deutlicher ab. Kleinere Adelsgeschlechter kämpften mit Bedeutungsverlust und standen vor der Frage, wie es in Zukunft weitergehen sollte. An den Freiherren von Regensberg und den Freiherren von Klingenberg kann man die unterschiedlichen Strategien sehen, die als Antwort auf dieses Problem verfolgt wurden.

    Wachse oder weiche

    Die Regensberger waren im 13. Jahrhundert mit ihrem Versuch gescheitert, ihre Macht zu konsolidieren. Die Gründung des Städtchens Kaiserstuhl im Jahre 1254 (ein Joint-Venture u.a. mit den Herren von Wart) und etliche weitere Aktivitäten waren nur mässig erfolgreich. 1267/68 verloren die Regensberger gegen eine Koalition, welche Graf Rudolf von Habsburg mit der Stadt Zürich gebildet hatte (sog. Regensberger Fehde). In der Folge mussten sie ihren Besitz sukzessive liquidieren. Profiteure waren: Habsburg, Zürich und das Fürstbistum Konstanz.

    Sich an die Erfolgreichen hängen

    Anders machten es die Freiherren von Klingenberg, die aus dem Gebiet des heutigen Kantons Thurgau stammen. Sie waren zuerst in Diensten des Bischofs von Konstanz, dann der Grafen von Kyburg und nach deren Aussterben, von deren Rechtsnachfolgern, den Habsburgern. Einen Machthöhepunkt erlebten sie am Übergang zum 14. Jahrhundert.

    Ein cleverer Jurist

    Heinrich von Klingenberg, den wir im Artikel WeiachBlog Nr. 1295 kennengelernt haben, wurde 1240 geboren, studierte in Italien und schloss als Doktor der Jurisprudenz ab. Dann trat er in die Dienste des ersten Habsburgers auf dem deutschen Königsthron, Rudolf I. und wurde Kanzler. Heinrich war also ein Mann mit Macht und Einfluss, einer mit besten Verbindungen, der nach dem nassauischen Zwischenspiel auf dem Königsthron (1292-1298) ein Parteigänger des 15 Jahre jüngeren Königs Albrecht (1308 ermordet, vgl. Weiacher Geschichten(n) Nr. 102) wurde.

    Nach dem Tod von Rudolf im Jahre 1291 musste sich Heinrich ein neues Betätigungsfeld suchen und fand dieses 1293 als Fürstbischof von Konstanz. Auf diesem Posten verfolgte er in vieler Hinsicht ähnliche Strategien wie die Habsburger. Macht und Einfluss über Territorien sichern war nur die eine Seite. Die schriftliche Niederlegung der Machtverhältnisse war die andere.

    So kaufte Heinrich von Klingenberg den Regensbergern 1294 das Städtchen Kaiserstuhl ab, und konnte sich 1295 auch die Niedergerichtsrechte über Weiach sichern (Freiherr von Wart war ein Parteigänger der Regensberger). Und Heinrich liess auch das erste Urbar des Fürstbistums Konstanz erstellen. Fast zur gleichen Zeit erstellten die Habsburger ebenfalls Verzeichnisse über alle ihre Rechte, das sogenannte Habsburgische Urbar (HU), begonnen 1303, fertiggestellt 1307. Manche dieser Rechte wurden gleich von beiden, Fürstbistum wie Haus Habsburg, beansprucht.

    Das Konstanzer Urbar

    Otto Feger gelang es mitten im Zweiten Weltkrieg sein Buch über das Konstanzer Bistumsurbar von 1302/03 zu veröffentlichen. Wer das 1943 gedruckte Werk in die Hand nimmt, stellt fest, wie sich die Mangellage des Kriegs auswirkte: das Papier ist extrem brüchig, da für dessen Herstellung viel Holzschliff und wenig Haderlumpen verwendet wurden.

    Unter dem Punkt «B. Herrschaft Kaiserstuhl» vermerkt das Urbar: «Isti sunt census et redditus in Kayserstůl»: «5. Item in Wiach [Fn-6] 1 mod. avene nomine advocatie de quodam bono, quod pertinet monasterio in Vare.»

    Die Fussnote 6 zu Wiach lautet: «Weiach, Bez. Dielsdorf, Kant. Zürich. 1295 bestätigt Bischof Heinrich von Klingenberg die Schenkung von Zwing und Bann des Meierhofs und des Dorfes Weiach durch Jakob von Wart an das Bistum (REC. II 2930). Ein Habsburger Revokationsrodel des 14. Jahrhunderts (Urbar II 351) führt aus: "item dominus episcopus Constantiensis occupat in prejudicium domini advocatiam in bonis ac hominibus curie in Wyach, monasterio sti Blasii pertinentis." Warum diese Rechte, die das Hochstift bis zu seiner Aufhebung ausübte, im Urbar nicht berücksichtigt sind, läßt sich nicht feststellen.»

    Ist das etwa eine Rücksichtnahme unter Geschäftspartnern? Als Bischof von Konstanz konnte Heinrich jedenfalls nicht die habsburgische Karte spielen. Aber sein Bruder Ulrich war habsburgisch-österreichischer Vogt im heute süddeutschen Raum (Mengen und Sigmaringen).

    Quellen
    • Feger, Otto: Das älteste Urbar des Bistums Konstanz, angelegt unter Bischof Heinrich von Klingenberg. Untersuchungen und Textausgabe. Quellen und Forschungen zur Siedlungs- und Volkstumsgeschichte der Oberrheinlande. 3. Band. Karlsruhe, 1943 - S. 75ff.
    • REC: Regesta episcoporum Constantiensium. Regesten zur Geschichte der Bischöfe von Konstanz (Bd. 1-5). Badische Historische Kommission [Hrsg.]. - Innsbruck, 1895-1931.