Dienstag, 22. Mai 2018

Gemeindepräsident Lenisa im Interview, Mai 1983

In den ersten Jahren der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» (MGW) erschien «Unter uns», eine Interviewserie mit Personen des öffentlichen Interesses aus unserem Dorf (vgl. den Einführungsartikel WeiachBlog Nr. 784 vom 5. März 2010).

Dem letzten Interview (mit dem in Weiach stationierten Kantonspolizisten, erschienen am 6. März 2010) folgt nachstehend das erste Interview der Reihe.

Befragt wurde Mauro Lenisa, der Begründer der MGW und erste Gemeindepräsident von Weiach, der nicht von Geburt weg Gemeindebürger war. Lenisa wurde damit quasi zum Trendsetter, denn seit seiner Amtszeit ist das Präsidentenamt bis auf eine Ausnahme (Paul Willi) immer von Hierhergezogenen bekleidet worden, die gleich ihm bei Amtsantritt das Bürgerrecht erhielten.

Lesen Sie, was die Lokalpolitik damals vor 35 Jahren umgetrieben hat:

UNTER UNS...

In lockerer Folge wird auf dieser Seite berichtet werden aus unserer Gemeinde.

Heute z.B. über
Herrn Mauro Lenisa
Gemeindepräsident

23. Mai 1983
R. Brandenberger

R.B. - Herr Lenisa, wie kommt jemand mit Berner Mundart und einem italienischen oder romanischen Namen in eine Zürcher Gemeinde?

M.L. - Ich bin Berner Bürger und dort aufgewachsen - daher das Berndeutsch. ich kann aber auch Zürichdeutsch, wenn es gewünscht wird! Die Herkunft meines Namens wird noch von der Heraldischen Gesellschaft abgeklärt; das Wappen weist eher nach Norditalien. - In Bern machte ich den Abschluss als Elektroniker, kam dann nach Zürich zur Swissair und absolvierte noch das Abendtechnikum. Anstatt eines kleineren älteren Heimwesens mit Umschwung fanden wir hier schliesslich Bauland und eine neue Heimat. Nach Amtsantritt habe ich noch das Weiacher Bürgerrecht bekommen und bin sehr stolz darauf!

R.B. - Seit etwas mehr als einem Jahr sind Sie nun Gemeindepräsident. Würden Sie immer noch Ja sagen, wenn man sie nochmals anfragen würde, oder müssten Sie sich geraume Bedenkzeit erbitten?

M.L. - Ich würde ganz sicher wieder Ja sagen. Dieses Amt ist etwas vom Interessantesten und Erlebnisreichsten, was ich schon je getan habe. Es ist anregend der vielen Bereiche wegen, mit denen ich mich jetzt beschäftigen muss.

R.B. - Danke! Das hört man heutzutage nicht oft. Und für uns ist es ein grosser Vorteil!

M.L. - Ich weiss nicht...

R.B. - Doch, sicher! Eine positive Einstellung und Freude an der Arbeit beeinflusst doch immer deren Qualität und Ergebnis! -- Betrachten Sie die Tatsache, dass Sie im Dorf relativ "neu" sind, als Vorteil oder als Nachteil?

M.L. - Als Vorteil. Ich bin weniger an gewisse Randbedingungen gebunden. Bedürfnisse kann ich aus der Gemeinde heraushören, aber im Gemeinderat doch so entscheiden, wie ich es für richtig halte. Beispiel: hätte ich auch eigenes Land, wäre die Melioration für mich auch schwieriger. Ich kann auch Dinge aufgreifen, die für die Leute im Dorf längst selbstverständlich geworden sind, an die sie deshalb gar nicht mehr denken.

R.B. - In letzter Zeit denke ich oft, hätte ich doch nur besser gelernt auf der Schreibmaschine zu schreiben. Bringt Sie Ihre jetzige Situation auch auf ähnliche Gedanken?

M.L. - Das Maschinenschreiben ist für mich gottlob kein Problem, denn erstens habe ich eine Frau, die es gut kann, und zweitens eine Kanzlei, die sofort alles zackig erledigt. Als politischer "Nicht-Profi" kann ich natürlich nicht auf allen Gebieten "in" sein; dafür gibt es aber Kurse, z.B. über Nutzungsplanung und Bauwesen, über die Finanzen. Keine Kurse existieren über Melioration, dafür sehr viel Literatur. Der kantonale Gemeindepräsidentenverband organisiert sehr aktiv in eigener Regie Kurse ganz verschiedener Art, z.B. über das Leiten komplizierter Gemeindeversammlungen.

R.B. - Besteht vom Staat her ein Angebot an Kurs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Gemeindeväter und Gemeinderäte?

M.L. - Eigentlich nicht; Zürich hat zwei Schulen, ferner die Handelshochschule St. Gallen (für finanzielle Belange), die regelmässig ihr Angebot präsentieren.

R.B. - Sind Sie der Ansicht, unsere staatsbürgerliche Ausbildung im Laufe verschiedener Schulen (inkl. RS) sei genügend?

M.L. - Nein, eindeutig nicht. Da Sie die RS erwähnen: Gerade dort liesse sich in dieser Hinsicht viel mehr bieten. Zu diesem Thema habe ich schon viel Material gesammelt und habe vor, künftig im Gemeindeblatt periodisch zu informieren über verschiedene staatsbürgerliche Einrichtungen.

R.B. - Wahrscheinlich ist es fast unmöglich, Ihre zeitliche Belastung durch die Gemeinde genau anzugeben. Wie liesse sich das umschreiben?

M.L. - Da sind zunächst die fixen Daten: Jeden 2. Dienstag Gemeinderatsitzung, mit Protokoll, Beschlüssen und Anträgen, dazu meist jede Woche am Montag Vorbereitungssitzung (ohne Protokoll und Beschlüsse) zur Information, Diskussion und Meinungsbildung. Ferner Kommissionsarbeiten und -sitzungen. Also: tägliches Arbeitspensum 3-4 Std. Ich achte darauf, nach Möglichkeit den Freitagabend frei zu haben. Samstag- und Sonntagmorgen sind meistens für Büroarbeiten, nachmittags frei; es sei denn, ich sei beansprucht von behördlichen Anlässen.

R.B. - Könnten Sie sich vorstellen, dass allenfalls [Ihre] Kinder unter Ihrem Amt zu leiden hätten? Und Ihre Frau?

M.L. - Ich glaube nicht, dass meine Frau unter dem Amt zu leiden hat - so schlimm ist es noch nicht! Ich glaube, auch die Kinder müssten es nicht, da ich ja mittags meistens heimkomme und abends erst an Sitzungen muss, wenn die Kinder ohnehin ins Bett müssen.

R.B. - Wenn Sie Zeit haben für sich, für ein Hobby - für welches dann?

M.L. - Da sind zunächst einmal verschiedene Hausvaterpflichten, z.B. Gartenarbeiten. Dann bin ich Mitglied des Schiessvereins; ich gehe auch ab und zu fischen. Neben Weiterbildung bleibt auch etwa Zeit für ein Konzert (klassische Musik). Walter Minder und ich haben schon an Quartalskonzerte in der Kirche gedacht, bei denen man z.B. Musikstudenten Konzertmöglichkeiten anbieten könnte. Bedenken habe ich etwas vom Interesse her; versuchen können wir es ja trotzdem einmal!

R.B. - Wieder zurück zu den Amtsgeschäften: Von mir aus gesehen dürften die Nagra, die Melioration und der Zonenplan Ihre grössten Sorgen sein. Und von Ihnen aus?

M.L. - Von mir aus auch. Der Prioritätenplan sieht so aus: 1. Nagra, 2. Melioration, 3. Nutzungsplan. 

Die Melioration ist nun gerade an erster Stelle, da die beschlussfassende Versammlung unmittelbar bevorsteht. Beim Nutzungsplan sind zuerst die Probleme der zukünftigen Landwirte zu überdenken, vor allem jener Jungbauern, die in der Kernzone wohnen, oder Landwirtschaftlich genutztes Land innerhalb der Bauzone besitzen, und deshalb durch das Erbrecht, beim Generationenwechsel, die Gefahr des Aufgebens des Betriebes besteht.

Bei der Nagra ist das Hauptproblem, dass so schnell wie möglich wieder alles abgeräumt und normalisiert wird. (D.h. bis auf jene 1-2 m2, wo die Uni und die ETH noch ihre Messungen vornehmen wollen).

R.B. - Besteht ein Zeitplan?

M.L. -  Jawohl. Da die Granitschichten ca. 500 m tiefer liegen, geht die Bohrung schneller voran. Da wir bereits gut die Hälfte der Bohrung erreicht haben, könnte sie vermutlich im September fertig sein.

R.B. - Dann wird sofort abgeräumt?

M.L. - Ich hoffe es; das muss an der nächsten Sitzung der Aufsichtskommission abgeklärt werden. Das Bohrwerk kommt ohnehin sofort weg, da es andernorts wieder gebraucht wird.

R.B. - Sie sagten, Aufsichtsbehörde. Wie setzt sich diese zusammen?

M.L. - Sie ist vom Bundesrat bestimmt worden und wird auch von ihm beaufsichtigt. Sie besteht aus Vertretern der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen, Bundesamt für Energiewirtschaft, Sektion Grundwasserschutz Bundesamt für Umweltschutz, Eidg. Fachkommission für die Nutzung geothermischer Energie Institut für Geophysik ETH Hönggerberg, Sektion III der Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft, Leiter der Abteilung für Energiewirtschaft und öffentlicher Verkehr, Direktion der Volkswirtschaft des Kantons Zürich und dem Gemeinderat K. Griesser und ich. Weitere Teilnehmer werden nach Bedarf eingeladen. Diese Sitzungen sind in der Regel monatlich.
Im September wird der Gemeinderat nach Bern reisen. Wir konntenmit Herrn Bundesrat Schlumpf ein Treffen vereinbaren. Unter Anderem werden wir auch das Thema Energiepolitik anschneiden.

R.B. - Das tönt tatsächlich beruhigend: sozusagen postwendend Antwort aus dem Bundeshaus! -- Zum Schluss noch einige kleinere Fragen: Es ist bedauerlich und beschämend, dass seinerzeit versäumt wurde, unseren alten Presi öffentlich, mit allen Ehren zu verabschieden und ihm wenigstens symbolisch für die vielen Jahre treuer, grosser Arbeit zu danken. Ich erinnere mich nämlich, dass es seinerzeit binnen Stunden möglich war beispielsweise, für einen kaum flüggen Sportler ein Freudenfest zu organisieren... Das heisst nichts gegen den Sportler!

M.L. - Der Gemeinderat hat die Arbeit des alten Präsidenten gewürdigt und ihm jenes Bild geschenkt als anerkennendes Andenken, das er sich schon lange gewünscht hatte.

R.B. - Werden die beiden kleinen Weiher links und rechts der Raater Strasse tatsächlich trockengelegt? Und der Radweg bis hinauf nach Raat?

M.L. - Beide Weiher sind in Privatbesitz. Aus Haftpflichtgründen (Schadenforderungen) hat der Besitzer das Wasserrecht löschen lassen. Den unteren kleineren Weiher möchte der Gemeinderat auf alle Fälle erhalten. Es muss nun erst der Meliorationsentscheid abgewartet werden. ev. könnte die Gemeinde beide Mühliweiher erwerben und sanieren, aber das gäbe eine teure, umfangreiche Aktion. 

Ähnlich liegt das Problem beim Sagiweiher; eine Kommission klärt nun die Möglichkeiten ab, damit der Weiher ev. auch öffentlich zugänglich gemacht werden könnte. Diese Kommission stellt dann einen Antrag an den Gemeinderat. 

Aus Kostengründen wurde seinerzeit auch von einer Sanierung des alten Schwimmbades abgesehen; ich sähe jedoch die Möglichkeit, dass die geplante Schwimmbadanlage unter der Turnhalle entweder zu einem Saale und das Becken zu einem Zivilschutzraum (Lagerraum für Notverpflegung, Trinkwasser, Kommandozentrale) oder aber zum Sommer-Hallenschwimmbad würde, wenn die Fensterfront geöffnet und die Wiese davor benützt werden könnte.

Was den Radweg entlang der Stadlerstrasse betrifft, so wurde dieser anlässlich der Richtplanung festgelegt. Die Projektierung ist Sache des Kantons, ebenfalls der Landerwerb. Eine elegante Lösung wäre via Melioration, da hier auf Realersatz plädiert werden könnte!

R.B. - Welches war in Ihrem Amte bisher das schönste Erlebnis?

M.L. - Die Einweihung des Krankenheims in Dielsdorf: sie hat mich sehr gefreut und beeindruckt. Vor allem jene alten Frauen (z.T. in Rollstühlen), die zusammen noch ein Liedlein gesungen haben! - erfreulich ist auch immer wieder der Kontakt im Dorfe, obwohl meist Probleme dazu Anlass geben. - Schön und sehr eindrücklich war jener Besuch im grossen Gemeindewald mit dem Ober- und Gemeindeförster und die Feststellung, dass unser Förster sozusagen jeden Baum kennt und von ihm etwas zu berichten weiss! Einziger Nachteil: unser Wald ist überaltert. Das z.T. da oft die Besitzer jener Waldparzellen auch zur älteren Generation zählen und somit ihren Besitz unmöglich noch pflegen können. Bestünde hier nicht die Möglichkeit, dass Einwohner ohne Waldbesitz (aber Brennholz brauchen) bei jenen älteren Waldbesitzern Holz kaufen und holen würden? Dann wäre allen 3en geholfen: dem Wald, dem Besitzer, und jenem, der Brennholz braucht! Me müessti eifach rede mitenand...

R.B. - ... und im Gemeindeblatt kommt eine entsprechende Anregung! - 

M.L. - Damit wären wir auch beim schlechten Erlebnis: die schlechte Stimmbeteiligung. Beim letzten Wahlbericht habe ich oben eine persönliche "Widmung" angebracht; ich weiss nur nicht, ob sie auch beachtet wurde ...

R.B. - Sie würden also sagen, grössere Stimmbeteiligung sei Ihr grösster Wunsch an unsere Gemeinde?

M.L. - Ja, sicher, rede mitenand, guter Dorfgeist, und aktivere Stimmbeteiligung! - 

Quelle
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Mauro Lenisa, Gemeindepräsident. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juni 1983 – S. 29-32.

Mittwoch, 7. März 2018

Der Hut des Stationsvorstandes

Die Kultur der Eisenbahn hierzulande hat sich in den letzten 50 Jahren radikal verändert.

Hin zu einem unpersönlichen, fast schon rund um die Uhr aufrechterhaltenen, auf Stunden, halbe und gar Viertelstunden getakteten S-Bahn-und-Bus-System, das nur noch Haltestellen, aber sonst keine Fixpunkte mehr kennt.

Wie fundamental der Wandel über uns gekommen ist, erkennt man am «Lied vo de Bahnhöf» von Mani Matter (1936-1972), dem leider viel zu früh verstorbenen Chansonnier und Barden der Nation. Gemäss dem Katalog des Schweizerischen Literaturarchivs (Teil der Nationalbibliothek) ist es vor 1966 entstanden.

Der Text ist simpel und tiefgründig zugleich (typisch Mani Matter eben). Er atmet das Warten richtiggehend:

«Das isch ds lied / vo de bahnhöf wo dr zug / geng scho abgfahren-isch / oder no nid isch cho / und es stöh / lüt im rägemantel dert und tüe waaarte / Und ds Gepäck / hei si abgsteut und zwöi chind / luegen am outomat / ob nid doch dert no meh / usechöm / aus die caramel wo si / scho hei gässe / Und dr bahnhofvorstand telefoniert / d'mütze hanget ar wand / und im wartsaal isch gheizt / sitzt e maa / won e stumpe roukt wo schtinkt / und list ds Amtsblatt / Mängisch lütet / e gloggen und en ar-/ beyter mit schwarze händ / stellt e weyche me weis / nid für was / dänk für d'güeterwäge wo / vor em Schopf stöh / Und dr bahnhofvorstand / leit d'mützen a / s'fahrt e schnällzug verby / und es luftet no gäng / wäretdäm / as dr vorstand scho sy huet / wieder abziet // Das isch ds lied / vo de bahnhöf wo dr zug / geng scho abgfahren isch / oder no nid isch choooooo...»


Auch die Station Weiach-Kaiserstuhl (Bild: Lesegesellschaft Bülach, 1977) war einst ein solcher Bahnhof. Mit Bahnhofvorständen, die man kannte, die auch öffentliche Ämter in der Gemeinde übernahmen. Wie Emil Maurer als Präsident der evangelisch-reformierten Kirchenpflege. Oder Armin Stäuble in der Schützengesellschaft.

Und der Vorstand war nicht allein, da gab es immer mehrere Mitarbeiter auf der Station - einige hatten schwarze Hände. Die Glocke, die ab und zu läutete, fehlte natürlich auch nicht.

Kurzum: die Station war bedient, sauber und aufgeräumt. Und beheizt. Beheizte Wartsäle - was für ein Luxus längst vergangener Tage. Oder gar: verrauchte Wartsäle! Damals hatten sich Nichtraucher anzupassen.

Besonders hübsch: die Matter'sche Schilderung der Amtsinsignie des Bahnhofvorstands, seines Hutes. Der Hut trug die Rangabzeichen, ablesbar war der Rang an der Anzahl der Streifen.

Beliebt waren diese Hüte nicht gerade - waren ihre Träger im Hausinnern, hingen sie an der Wand. Draussen (und erst recht um dem Schnellzug die Referenz zu erweisen) gehörte der Hut aber auf den Kopf.

Vor 50 Jahren sowieso. Das Videostandbild zeigt den Diensthabenden der Station Weiach-Kaiserstuhl im Sommer 1959. Filmaufnahmen von Lehrer Kurt Ackerknecht: https://youtu.be/AuRamuAA9aw?t=483

Sonntag, 4. März 2018

Weiach sagt «Nein, aber». Der No Billag-Extremwert.

Mit einer hauchdünnen Mehrheit von nur rund 3600 Stimmen (bei fast 2.3 Mio eingelangten Stimmzetteln) wurde die Änderung des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (RTVG) am 14. Juni 2015 angenommen. Der Kanton Zürich lehnte die Vorlage damals ab (47.93% Ja). Und die Weiacher fielen mit ihren 38.64% Ja-Anteil nicht wirklich aus dem Rahmen.

Wieder einmal mit kantonsweitem Extremwert

Wie sieht es nun mit der seit Monaten heftigst debattierten No-Billag-Initiative aus? Seit heute 15:56 ist nun auch offiziell: Weiach ist im Kantonsvergleich wieder einmal für einen Extremwert gut. Diesmal als Gemeinde mit dem höchsten Ja-Anteil für die No-Billag-Initiative.

Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren sagten in Weiach immerhin 45.49% - allerdings bei einer Stimmbeteiligung von tiefen 45.02%.

Die Billag-kritische Haltung konzentriert sich im übrigen auf einige Agglomerationsgebiete wie Schlieren, Schwamendingen, Opfikon oder Oberglatt, sowie ein paar der traditionell konservativ geprägten Gemeinden im Weinland und im Tösstal. Das monatelange Stahlgewitter der Initiativgegner hat seine Wirkung auch in diesen Gebieten nicht verfehlt.

Trend zu tiefer Stimmbeteiligung hält an

Die tiefe Stimmbeteiligung wurde schon angesprochen. Die Weiacher sind zwar kantonsweit auch diesmal nicht das Gebiet mit der roten Schlusslaterne. Aber die vergleichsweise lustlose Beteiligung von 45.02% (bei der No-Billag-Initiative) kontrastiert doch ziemlich auffällig mit denen der Nachbargemeinden: Bachs 62.41%, Stadel 51.11%, Glattfelden 51.29%, Fisibach 60.31%, Kaiserstuhl 59.07% - das steuerfussmässig spitzenplatzierte Neerach eifert mit 57.59% eher den Vorbildern am Zürichsee nach.

Dass die Gemeinde Weiach sicher kein bäuerlich geprägtes Dorf mehr ist (wie Bachs), das liegt bei einem Blick auf die Bauentwicklung und die damit einhergehende Bevölkerungsexplosion auf der Hand. Aber dass man sich auf einem Niveau mit Agglomerationswüsten wie Oberglatt und Schlieren wiederfindet? Bedenklich.

Montag, 1. Januar 2018

Bukjogglis verlieren ihre irdischen Güter, November 1810

Dass es die im Dezember 1808 durch den Grossen Rat des Cantons Zürich (Kantonsrat) beschlossene, obligatorische kantonale Gebäudeversicherung dringend brauchte, davon musste man die Weyacher nicht erst überzeugen. Allein schon der Grossbrand von 1805 und seine verheerenden Folgen für die 12 Bewohner des abgebrannten Strohdachhauses waren Anschauungsunterricht genug (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 73).

Ab dem 1. Mai 1809 wurden dem Gesetz zufolge «alle und jede Gebäude, es seyen Häuser, Scheunen, Stadel, Stallungen, Trotten, Farb- oder Waschhäuser, Werkstätte[n], auch Kirchen und Pfarrhäuser der Brandversicherungs-Anstalt einverleibt werden, und davon einzig ausgenommen seyn, die Pulvermühlen, Pulvermagazine, Glas- und Ziegelbrennereyen, ferner alle abgelegen stehende Gebäude, deren Schatzungswerth unter 100 fl. ist.» (Memorabilia Tigurina 1820, Artikel «Brand-Assekuranz» S. 35-36, vgl. auch Weiacher Geschichte(n) Nr. 109, S. 436)

Ein Exempel statuieren?

Im Jahre 1810 ereigneten sich in der Gemeinde mindestens zwei Grossbrände. Einer schon im Frühling: «am 16. März verbrannten 2 Häuser, für welche 1300 Gulden vergütet wurden.» (Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 5. Auflage - S. 49). Ein zweiter am 19. November. Ausgelöst wurde dieser Brand durch einen Kienspan, den ein fünfjähriger Bub in einer dunklen Kammer angezündet hatte, um etwas sehen zu können - wobei er das dort liegende Stroh entzündete (vgl. die Schilderung von V. Rothenbühler in WeiachBlog Nr. 950)

Die Gebäudeversicherung wollte an diesem Fünfjährigen ein Exempel statuieren und verlangte, ihm vor versammeltem Stillstand (Kirchenpflege und Sittenbehörde in einem) und in Anwesenheit des Lehrers eine Rüge zu erteilen. Der Weiacher Pfarrer (Vorsitzender des Stillstands und seit 1802 Bezirksschulinspektor) weigerte sich mit dem Hinweis, das bringe nichts. Stattdessen redete er den Erwachsenen in der Kirche ins Gewissen. Und konnte dabei auf die Feuerordnung von 1803 verweisen, die explizit verbot, Kinder allein im Hause zu lassen.

RRB 1810/1441

Dass sich sogar die Hohe Regierung in Zürich mit dem Fall befasst hat, geht aus dem Protokoll des Kleinen Rates (heute: Regierungsrat) vom 20. Dezember 1810 hervor. Unter dem Titel «Verfügungen, betreffend das am 19ten November zu Weyach sich ereignete Brandunglük wurde festgehalten:

«Auf angehörten Bericht und Antrag der Brandaßecuranz-Commißion vom 10ten December, – ist erkennt worden:

1.) Das im Brandversicherungscadaster der Gemeinde Weyach mit No. 79. bezeichnete, dem Hs. Jacob Meyerhofer, Bukjoggli, zugehörige Wohngebäude, Scheune und Bestallung, so durch das Brandunglück vom 19ten November d. J. bis auf den Grund eingeäscheret worden, – soll, da gar keine brauchbaren Überreste des Gebäudes mehr vorhanden sind, die in Anschlag gebracht werden könnten, im vollen Aßecuranzwerth, nämmlich mit fl. 800. auf das Tableau genohmen und vergutet werden.

2.) Den beyden brandbeschädigten Haushaltungen, nämmlich derjenigen des Hs. Jacob Meyerhofer, Bukjoggli, welche in sechs, und derjenigen seines Sohnes, Ulrich Meyerhofer, welche in vier Personen bestehet, – solle bey Einbuße ihrer sämmtlichen Fahrhabe, die gewohnte hochobrigkeitliche Brandsteuer an Frucht und Geld zufließen, und darzu der Finanzcommißion der erforderliche Auftrag ertheilt werden.

3.) Was die Veranlaßung zu diesem Unglük anbetrifft, – so will der Kleine Rath in dieselbe nicht mehr weiter eintretten, sondern es dießfalls lediglich bey den (laut der Berichtsweisung) getroffenen pfarramtlichen Verfügungen bewenden laßen.
»

Regierungsrat mit pädagogischem Verständnis

Die unter Punkt 1 genannten 800 Gulden voller Assekuranzwert entsprechen - folgt man der Einzelwertumrechnung nach www.swistoval.ch - einem heutigen Wert von rund 140'000 Franken (zu Zahlen von 2009 nach Historischem Lohnindex HLI).

Weil die insgesamt 10 Personen, die in diesem Gebäude wohnten, wirklich alles verloren hatten, steuerte der Regierungsrat (vgl. Punkt 2) die übliche staatliche Unterstützung an Vorräten und Geld bei - die wohl nicht allzu üppig gewesen sein dürfte.

In Punkt 3 schliesslich stärkt der Regierungsrat dem Weiacher Pfarrer den Rücken. Mit den Ermahnungen Pfarrer Burkhards (vgl. WeiachBlog Nr. 950) ist für ihn die Angelegenheit erledigt.

Nr. 79 wurde offenbar nicht wiederaufgebaut

Nun noch zur Frage, wo sich das abgebrannte Haus befunden hat. Da nach dem Nummerierungsplan von 1809 die Gemeinderäte Gebäude, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befanden, mit fortlaufenden Nummern versehen haben (teilweise mit alphabetischen Zusätzen versehen, die wohl den Eigentumsverhältnissen zur Zeit der Aufnahme des Katasters geschuldet sind), darf man annehmen, dass sich die Nr. 79 im Raum Herzogengasse-Chälen befunden haben dürfte (vgl. Screenshot der Gebäudenummernkonkordanz):



Im Lagerbuch der Gebäudeversicherung von 1812 fehlt interessanterweise genau die im RRB erwähnte Nr. 79. Die hat es aber - der Regierungsratsbeschluss beweist es - einmal gegeben. Aber offenbar wurde das Haus nicht wieder aufgebaut. Jedenfalls nicht an gleicher Stelle, sonst wäre die Nummer wohl wiederverwendet worden.

Zum weiteren Schicksal der beiden betroffenen Familien liegen aktuell keine Erkenntnisse vor. Sind sie vielleicht ausgewandert? Weitere Nachforschungen unter Einbezug der Gemeinderatsprotokolle und der Kirchenbücher könnten Licht in die Angelegenheit bringen.

Quellen