Mittwoch, 7. März 2018

Der Hut des Stationsvorstandes

Die Kultur der Eisenbahn hierzulande hat sich in den letzten 50 Jahren radikal verändert.

Hin zu einem unpersönlichen, fast schon rund um die Uhr aufrechterhaltenen, auf Stunden, halbe und gar Viertelstunden getakteten S-Bahn-und-Bus-System, das nur noch Haltestellen, aber sonst keine Fixpunkte mehr kennt.

Wie fundamental der Wandel über uns gekommen ist, erkennt man am «Lied vo de Bahnhöf» von Mani Matter (1936-1972), dem leider viel zu früh verstorbenen Chansonnier und Barden der Nation. Gemäss dem Katalog des Schweizerischen Literaturarchivs (Teil der Nationalbibliothek) ist es vor 1966 entstanden.

Der Text ist simpel und tiefgründig zugleich (typisch Mani Matter eben). Er atmet das Warten richtiggehend:

«Das isch ds lied / vo de bahnhöf wo dr zug / geng scho abgfahren-isch / oder no nid isch cho / und es stöh / lüt im rägemantel dert und tüe waaarte / Und ds Gepäck / hei si abgsteut und zwöi chind / luegen am outomat / ob nid doch dert no meh / usechöm / aus die caramel wo si / scho hei gässe / Und dr bahnhofvorstand telefoniert / d'mütze hanget ar wand / und im wartsaal isch gheizt / sitzt e maa / won e stumpe roukt wo schtinkt / und list ds Amtsblatt / Mängisch lütet / e gloggen und en ar-/ beyter mit schwarze händ / stellt e weyche me weis / nid für was / dänk für d'güeterwäge wo / vor em Schopf stöh / Und dr bahnhofvorstand / leit d'mützen a / s'fahrt e schnällzug verby / und es luftet no gäng / wäretdäm / as dr vorstand scho sy huet / wieder abziet // Das isch ds lied / vo de bahnhöf wo dr zug / geng scho abgfahren isch / oder no nid isch choooooo...»


Auch die Station Weiach-Kaiserstuhl (Bild: Lesegesellschaft Bülach, 1977) war einst ein solcher Bahnhof. Mit Bahnhofvorständen, die man kannte, die auch öffentliche Ämter in der Gemeinde übernahmen. Wie Emil Maurer als Präsident der evangelisch-reformierten Kirchenpflege. Oder Armin Stäuble in der Schützengesellschaft.

Und der Vorstand war nicht allein, da gab es immer mehrere Mitarbeiter auf der Station - einige hatten schwarze Hände. Die Glocke, die ab und zu läutete, fehlte natürlich auch nicht.

Kurzum: die Station war bedient, sauber und aufgeräumt. Und beheizt. Beheizte Wartsäle - was für ein Luxus längst vergangener Tage. Oder gar: verrauchte Wartsäle! Damals hatten sich Nichtraucher anzupassen.

Besonders hübsch: die Matter'sche Schilderung der Amtsinsignie des Bahnhofvorstands, seines Hutes. Der Hut trug die Rangabzeichen, ablesbar war der Rang an der Anzahl der Streifen.

Beliebt waren diese Hüte nicht gerade - waren ihre Träger im Hausinnern, hingen sie an der Wand. Draussen (und erst recht um dem Schnellzug die Referenz zu erweisen) gehörte der Hut aber auf den Kopf.

Vor 50 Jahren sowieso. Das Videostandbild zeigt den Diensthabenden der Station Weiach-Kaiserstuhl im Sommer 1959. Filmaufnahmen von Lehrer Kurt Ackerknecht: https://youtu.be/AuRamuAA9aw?t=483

Sonntag, 4. März 2018

Weiach sagt «Nein, aber». Der No Billag-Extremwert.

Mit einer hauchdünnen Mehrheit von nur rund 3600 Stimmen (bei fast 2.3 Mio eingelangten Stimmzetteln) wurde die Änderung des Bundesgesetzes über Radio und Fernsehen (RTVG) am 14. Juni 2015 angenommen. Der Kanton Zürich lehnte die Vorlage damals ab (47.93% Ja). Und die Weiacher fielen mit ihren 38.64% Ja-Anteil nicht wirklich aus dem Rahmen.

Wieder einmal mit kantonsweitem Extremwert

Wie sieht es nun mit der seit Monaten heftigst debattierten No-Billag-Initiative aus? Seit heute 15:56 ist nun auch offiziell: Weiach ist im Kantonsvergleich wieder einmal für einen Extremwert gut. Diesmal als Gemeinde mit dem höchsten Ja-Anteil für die No-Billag-Initiative.

Ja zur Abschaffung der Radio- und Fernsehgebühren sagten in Weiach immerhin 45.49% - allerdings bei einer Stimmbeteiligung von tiefen 45.02%.

Die Billag-kritische Haltung konzentriert sich im übrigen auf einige Agglomerationsgebiete wie Schlieren, Schwamendingen, Opfikon oder Oberglatt, sowie ein paar der traditionell konservativ geprägten Gemeinden im Weinland und im Tösstal. Das monatelange Stahlgewitter der Initiativgegner hat seine Wirkung auch in diesen Gebieten nicht verfehlt.

Trend zu tiefer Stimmbeteiligung hält an

Die tiefe Stimmbeteiligung wurde schon angesprochen. Die Weiacher sind zwar kantonsweit auch diesmal nicht das Gebiet mit der roten Schlusslaterne. Aber die vergleichsweise lustlose Beteiligung von 45.02% (bei der No-Billag-Initiative) kontrastiert doch ziemlich auffällig mit denen der Nachbargemeinden: Bachs 62.41%, Stadel 51.11%, Glattfelden 51.29%, Fisibach 60.31%, Kaiserstuhl 59.07% - das steuerfussmässig spitzenplatzierte Neerach eifert mit 57.59% eher den Vorbildern am Zürichsee nach.

Dass die Gemeinde Weiach sicher kein bäuerlich geprägtes Dorf mehr ist (wie Bachs), das liegt bei einem Blick auf die Bauentwicklung und die damit einhergehende Bevölkerungsexplosion auf der Hand. Aber dass man sich auf einem Niveau mit Agglomerationswüsten wie Oberglatt und Schlieren wiederfindet? Bedenklich.

Montag, 1. Januar 2018

Bukjogglis verlieren ihre irdischen Güter, November 1810

Dass es die im Dezember 1808 durch den Grossen Rat des Cantons Zürich (Kantonsrat) beschlossene, obligatorische kantonale Gebäudeversicherung dringend brauchte, davon musste man die Weyacher nicht erst überzeugen. Allein schon der Grossbrand von 1805 und seine verheerenden Folgen für die 12 Bewohner des abgebrannten Strohdachhauses waren Anschauungsunterricht genug (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 73).

Ab dem 1. Mai 1809 wurden dem Gesetz zufolge «alle und jede Gebäude, es seyen Häuser, Scheunen, Stadel, Stallungen, Trotten, Farb- oder Waschhäuser, Werkstätte[n], auch Kirchen und Pfarrhäuser der Brandversicherungs-Anstalt einverleibt werden, und davon einzig ausgenommen seyn, die Pulvermühlen, Pulvermagazine, Glas- und Ziegelbrennereyen, ferner alle abgelegen stehende Gebäude, deren Schatzungswerth unter 100 fl. ist.» (Memorabilia Tigurina 1820, Artikel «Brand-Assekuranz» S. 35-36, vgl. auch Weiacher Geschichte(n) Nr. 109, S. 436)

Ein Exempel statuieren?

Im Jahre 1810 ereigneten sich in der Gemeinde mindestens zwei Grossbrände. Einer schon im Frühling: «am 16. März verbrannten 2 Häuser, für welche 1300 Gulden vergütet wurden.» (Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 5. Auflage - S. 49). Ein zweiter am 19. November. Ausgelöst wurde dieser Brand durch einen Kienspan, den ein fünfjähriger Bub in einer dunklen Kammer angezündet hatte, um etwas sehen zu können - wobei er das dort liegende Stroh entzündete (vgl. die Schilderung von V. Rothenbühler in WeiachBlog Nr. 950)

Die Gebäudeversicherung wollte an diesem Fünfjährigen ein Exempel statuieren und verlangte, ihm vor versammeltem Stillstand (Kirchenpflege und Sittenbehörde in einem) und in Anwesenheit des Lehrers eine Rüge zu erteilen. Der Weiacher Pfarrer (Vorsitzender des Stillstands und seit 1802 Bezirksschulinspektor) weigerte sich mit dem Hinweis, das bringe nichts. Stattdessen redete er den Erwachsenen in der Kirche ins Gewissen. Und konnte dabei auf die Feuerordnung von 1803 verweisen, die explizit verbot, Kinder allein im Hause zu lassen.

RRB 1810/1441

Dass sich sogar die Hohe Regierung in Zürich mit dem Fall befasst hat, geht aus dem Protokoll des Kleinen Rates (heute: Regierungsrat) vom 20. Dezember 1810 hervor. Unter dem Titel «Verfügungen, betreffend das am 19ten November zu Weyach sich ereignete Brandunglük wurde festgehalten:

«Auf angehörten Bericht und Antrag der Brandaßecuranz-Commißion vom 10ten December, – ist erkennt worden:

1.) Das im Brandversicherungscadaster der Gemeinde Weyach mit No. 79. bezeichnete, dem Hs. Jacob Meyerhofer, Bukjoggli, zugehörige Wohngebäude, Scheune und Bestallung, so durch das Brandunglück vom 19ten November d. J. bis auf den Grund eingeäscheret worden, – soll, da gar keine brauchbaren Überreste des Gebäudes mehr vorhanden sind, die in Anschlag gebracht werden könnten, im vollen Aßecuranzwerth, nämmlich mit fl. 800. auf das Tableau genohmen und vergutet werden.

2.) Den beyden brandbeschädigten Haushaltungen, nämmlich derjenigen des Hs. Jacob Meyerhofer, Bukjoggli, welche in sechs, und derjenigen seines Sohnes, Ulrich Meyerhofer, welche in vier Personen bestehet, – solle bey Einbuße ihrer sämmtlichen Fahrhabe, die gewohnte hochobrigkeitliche Brandsteuer an Frucht und Geld zufließen, und darzu der Finanzcommißion der erforderliche Auftrag ertheilt werden.

3.) Was die Veranlaßung zu diesem Unglük anbetrifft, – so will der Kleine Rath in dieselbe nicht mehr weiter eintretten, sondern es dießfalls lediglich bey den (laut der Berichtsweisung) getroffenen pfarramtlichen Verfügungen bewenden laßen.
»

Regierungsrat mit pädagogischem Verständnis

Die unter Punkt 1 genannten 800 Gulden voller Assekuranzwert entsprechen - folgt man der Einzelwertumrechnung nach www.swistoval.ch - einem heutigen Wert von rund 140'000 Franken (zu Zahlen von 2009 nach Historischem Lohnindex HLI).

Weil die insgesamt 10 Personen, die in diesem Gebäude wohnten, wirklich alles verloren hatten, steuerte der Regierungsrat (vgl. Punkt 2) die übliche staatliche Unterstützung an Vorräten und Geld bei - die wohl nicht allzu üppig gewesen sein dürfte.

In Punkt 3 schliesslich stärkt der Regierungsrat dem Weiacher Pfarrer den Rücken. Mit den Ermahnungen Pfarrer Burkhards (vgl. WeiachBlog Nr. 950) ist für ihn die Angelegenheit erledigt.

Nr. 79 wurde offenbar nicht wiederaufgebaut

Nun noch zur Frage, wo sich das abgebrannte Haus befunden hat. Da nach dem Nummerierungsplan von 1809 die Gemeinderäte Gebäude, die sich in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander befanden, mit fortlaufenden Nummern versehen haben (teilweise mit alphabetischen Zusätzen versehen, die wohl den Eigentumsverhältnissen zur Zeit der Aufnahme des Katasters geschuldet sind), darf man annehmen, dass sich die Nr. 79 im Raum Herzogengasse-Chälen befunden haben dürfte (vgl. Screenshot der Gebäudenummernkonkordanz):



Im Lagerbuch der Gebäudeversicherung von 1812 fehlt interessanterweise genau die im RRB erwähnte Nr. 79. Die hat es aber - der Regierungsratsbeschluss beweist es - einmal gegeben. Aber offenbar wurde das Haus nicht wieder aufgebaut. Jedenfalls nicht an gleicher Stelle, sonst wäre die Nummer wohl wiederverwendet worden.

Zum weiteren Schicksal der beiden betroffenen Familien liegen aktuell keine Erkenntnisse vor. Sind sie vielleicht ausgewandert? Weitere Nachforschungen unter Einbezug der Gemeinderatsprotokolle und der Kirchenbücher könnten Licht in die Angelegenheit bringen.

Quellen