Donnerstag, 27. Dezember 2018

In memoriam Mauro Lenisa

Heute um 14:30 beginnt in der evangelisch-reformierten Kirche Weiach der Trauergottesdienst für den am 17. Dezember verstorbenen Mauro Lenisa statt, vgl. WeiachTweet Nr. 1939:




Der Redaktor des WeiachBlog spricht der Trauerfamilie auf diesem Weg sein Beileid aus.

Im Gedenken an unseren ehemaligen Gemeindepräsidenten wird an dieser Stelle ein von Mauro verfasster Artikel eingerückt. Er zeigt beispielhaft auf, welche Ziele er zusammen mit seinen Gemeinderatskollegen während seiner Amtszeit von 1982 bis 1990 verfolgt hat.

Heute würde man das Nachstehende wohl ein «Leitbild» nennen. Früher nannte man das noch ganz bescheiden «Ziele». Der Sinn und Zweck bleibt aber der gleiche. Möge das damals Gesäte auch in unseren Tagen Frucht tragen.

Weiach – eine Dorfgemeinschaft verwirklicht sich

Von Gemeindepräsident Mauro Lenisa

Im Lauf der jüngsten Geschichte hat die Gemeinde Weiach verschiedene Zeitabschnitte erlebt, welche die Behörden vor jeweils unterschiedlich gelagerte Aufgaben stellten. Die sechziger und der Beginn der siebziger Jahre waren durch den Ausbau der Infrastruktur geprägt. In der Folgezeit standen der Neubau des Schulhauses und die kommunale Richtplanung zuoberst auf der behördlichen Traktandenliste.

Dieser Zeitabschnitt wurde zu Beginn der Amtszeit der jetzigen Behörde abgeschlossen. Der Gemeinderat setzte sich für die laufende Amtsperiode zum Ziel,
- die Dorfbevölkerung offen über die Belange der Gemeindepolitik zu orientieren und damit zur aktiven Teilnahme zu motivieren;
- bestehende, starre Richtlinien zu hinterfragen und zu überdenken;
- die persönlichen Kontakte und den Gedankenaustausch zu intensivieren;
- ganz allgemein das Wohlbefinden der Dorfbevölkerung zu steigern.

Offenheit in Politik und Information

Um diesem Anliegen gerecht zu werden, benötigten die Behörden ein Werkzeug. Es wurde in Form des «Mitteilungsblattes für die Gemeinde Weiach» geschaffen. Im monatlichen Rhythmus wird aus der Arbeit der Behörden berichtet. Mit persönlichen Artikeln einzelner Behördemitglieder wird auch über die Hintergründe einzelner Entscheide informiert. Die Tatsache, dass sich Leser mit Stellungnahmen zu aktuellen Problemen äussern, zeigt, dass das Mitteilungsblatt beliebt und unentbehrlich geworden ist.

Anstrengungen im Natur- und Landschaftsschutz

Der Beschluss der Grundeigentümer, die Güterzusammenlegung durchzuführen, bedeutete für die Weiacher Landwirte einen Lichtblick, ermöglicht sie doch für die Betriebe eine Planung auf lange Zeit. Güterzusammenlegungen sind aber nicht nur mit eitel Freude verbunden. Vielerorts wurde bei ihrer Durchführung der Forderungen von Natur- und Landschaftsschutz wenig Beachtung geschenkt. Den Behörden ist es ein grosses Anliegen, gemeinsam mit der Meliorationsgenossenschaft und den Grundeigentümern zu zeigen, dass eine Erhöhung der Effizienz und Produktivität in der Landwirtschaft ohne Zerstörung unserer Umwelt erreicht werden kann.

Ziel: Wohlbefinden

Wohlbefinden in einem Dorf kann mit Zusammengehörigkeitsgefühl umschrieben werden. Hier werden Gefühle und Verhalten angesprochen -  nicht Zahlen und Kurven. Zu erkennen, dass ein Gespräch oft der Frustration und Enttäuschung vorbeugen kann, ist Voraussetzung. Eine Güterzusammenlegung ohne gegenseitiges Vertrauen und ohne Gesprächswillen, z.B. zwischen Grundeigentümer und Pächter, ist kaum denkbar. Wir Weiacher scheinen dies verstanden zu haben.

Das hübsch renovierte «alte Schulhaus» brachte Platz für die Schul- und Gemeindebibliothek. Mit viel Elan versucht die neukonstituierte Bibliothekskommission, das Interesse für Kunst und Literatur zu wecken. Die übrigen Räume werden den Dorfvereinen zur Verfügung gestellt. Der warme Kachelofen lädt geradezu zu Kaffee und Kuchen ein!

In der neu erstellten Schulanlage bemühen sich zur Zeit 47 Schülerinnen und Schüler der Primarschule ums ABC. Die Schule wird in Doppelklassen geführt. Als Unikum ist zu erwähnen, dass die fünfte Klasse lediglich von einem Knaben und einem Mädchen besucht wird. Das besonders gute Verhältnis zwischen Eltern, Lehrerinnen, Schülern und Schulbehörde ermöglicht eine optimale Führung des Schulbetriebes. Die Sekundarschule, Realschul- und Oberschulstufe besuchen die Weiacher Schüler in Stadel. Leider führt der Radweg noch nicht bis ins Dorf, so dass die Schüler auf ihrem Schulweg die Hauptstrasse benützen müssen. Die Weiterführung des Radweges ist dringend notwendig.

Die Bautätigkeit hat zwar nicht abgenommen, sich aber doch eher auf Umbauten verlagert. Viele schön herausgeputzte Riegelbauten schmücken das Dorf, und die Neubauten fügen sich gut ins Dorfbild ein. Eine rege Tätigkeit hat sich in Form von Sanierungen in bezug auf das Wasser-, Abwasser- und Elektrizitätsnetz entwickelt. Die Müllbeseitigung ist in Weiach geregelt. Die Gesundheitsbehörde hat dieses Problem seit Jahren erkannt und hat auch Lösungen dazu gefunden.

Es liegt nun an jedem einzelnen, auch danach zu leben und zu handeln.

Quelle

Unpaginierte Beilage zu: Neues Bülacher Tagblatt, Mittwoch, 18. April 1984.

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Im Wappen zwei Zacken zugelegt

Auf Anfrage einer Journalistin des Zürcher Unterländers habe ich in meinen ortshistorischen Unterlagen gegraben. Die Dame war auf der Suche nach einer Sonderbeilage des Neuen Bülacher Tagblatts: «Weiach – lebendiges Dorf in der nordwestlichen Ecke des Zürcher Unterlandes», erschienen am Mittwoch, 18. April 1984, die in der Schweizer Mediendatenbank (für Nicht-Medienschaffende unter der Marke Swissdox verfügbar) nicht enthalten ist. Ich konnte ihr den gewünschten Beitrag zur Verfügung stellen.

Ein Fehler des NBT?

So weit, so gut. Nur habe ich dann noch den nachstehenden Kasten mit dem Titel «Das Gemeindewappen» kurz überflogen und dachte mir: «Moment mal, was schreiben die denn da? Das stimmt doch nicht!» Was genau da nicht stimmt, davon handelt dieser Beitrag.


«Die älteste Darstellung des Wappens von Weiach wird im Dekanatsalbum des Pfarrkapitels Regensberg von 1719 überliefert. Es zeigt im von Silber und Blau schräggeteilten Schild einen achtstrahligen Stern. Dieser ist von Gold und Schwarz facettiert und steht in keinem bestimmten Verhältnis zum Zürcher Schild. Auf der 1843 gegossenen Kirchenglocke fehlt die Schrägteilung; es wurde lediglich ein sechsstrahliger Stern abgebildet. Die gleiche Darstellung, einen sechsstrahligen goldenen Stern auf blauem Grund, wählte man als Verzierung für die 1860 angeschaffte Fahne des Gesangsvereins Weiach. Die Wappentafel von Krauer brachte wieder den Zürcher Schild und den achtstrahligen Stern, diesmal in verwechselten Farben. Nach diesem Vorbild wurde offensichtlich das Gemeindewappen auf der Schützenfahne von 1902 gestaltet. Die Wappenkommission der Antiquarischen Gesellschaft hielt an der Version von Krauer fest. Der Gemeinderat Weiach erklärte sich am 28. November 1931 mit dem ihm eingereichten Entwurf ohne Facettierung einverstanden. Das Wappen geht wohl auf die alte Taverne «Zum Sternen» zurück.»

Lesern der Monographie «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» kann dieser Abschnitt bekannt vorkommen. Er ist dort zu grossen Teilen in Anhang 5 abgedruckt.

Mit Ausnahme des letzten Satzes stammt der gesamte Text dieses Kastens von Dr. h.c. Peter Ziegler  aus seinem Standardwerk «Die Gemeindewappen des Kantons Zürich» (Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich, Bd. 49 / 142. Neujahrsblatt; Zürich, 1977 – S. 106). Der letzte Satz ist leicht umgeschrieben aus Walter Zollingers «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» (1972; 1984 in 2. Auflage erschienen – S. 10) übernommen.

Hatte der Stern acht Zacken? Oder doch sechs?

Folgt man Ziegler, ist der Fall klar: die älteste erhaltene Darstellung zeige einen achtzackigen Wappenstern, der lediglich von den Einheimischen auf sechs Zacken reduziert, von Krauer dann aber wieder richtig dargestellt worden sei, nur «diesmal» halt in verwechselten Farben (d.h. gespiegelt am Zürcher Schild).

Nun ist Ziegler nicht nur in Wädenswil und am oberen Zürichsee seit Jahrzehnten eine unumstrittene Kapazität in historischer Lokalforschung. Er hat auch viel zur Geschichtsschreibung des Kantons Zürich beigetragen, ist Autor der Schulbuch-Reihe «Zeiten – Menschen – Kulturen».

Zitate einer solchen Koryphäe nimmt man als Hobbyhistoriker deshalb erst einmal für bare Münze. Bis... ja bis man auf dem indirekten Weg über das NBT auf eine Ungereimtheit stösst. Und zwar geht es um die Frage, ob die «Ursprungsform» des Weiacher Wappenstern acht oder nicht doch nur sechs Zacken (auch Strahlen genannt) aufweist. Es sei vorweggenommen, die richtige Antwort lautet «6» und Ziegler hat einen Bock geschossen.

Zieglers Fehler

Wenn man sich die aktuelle Fassung des Anhangs 5 in der dieses Jahr erschienenen 6. Auflage von «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» vornimmt (vgl. Bild unten), dann muss man in der Tat schon fast Tomaten auf den Augen haben, um die offensichtliche Diskrepanz zwischen Zieglers Aussage, der Weiacher Stern im Dekanatsalbums sei achtstrahlig (roter Kasten) und dem Original auf Blatt 98 des besagten Albums (weisser Pfeil auf die Abb. 36), wo der Stern eindeutig lediglich sechsstrahlig ist, zu übersehen:

Die älteste erhaltene Überlieferung gibt also dem Weiacher Wappenstern sechs Zacken, dito viele aus dem 19. Jahrhundert überlieferte lokale Objekte (Glocken, Fahnen, etc.). Das Standardwerk liegt falsch und die Journalisten des NBT sind freizusprechen.

Krauer hat doch obsiegt

Warum also hat der Weiacher Wappenstern heute acht Zacken und nicht sechs? Das haben wir Krauer zu verdanken, einem findigen Unternehmer, der um 1860 eine sogenannte Wappentafel auf den Markt warf.

Johannes Krauer war Lithograph. Und nicht unbedingt Heraldiker. So könnte es zu erklären sein, dass er nichts dabei fand, die implizit gegebene Blasonierung (also die Beschreibung der verbindlichen Elemente des Wappens - und nicht nur eine «Version», wie Ziegler das nennt) gleich in zwei Punkten eigenmächtig abzuändern, konkret: aus sechs Zacken acht zu machen und die Schrägteilung auch im Stern zu spiegeln.

Nicht ausgeschlossen ist, dass Krauer oder die von ihm Beauftragten das Dekanatsalbum gekannt haben, denn er übernimmt die dort gegebene Facettierung, eine Unterteilung der Fläche des Wappensterns, die einen 3D-Effekt ergibt:


Dank der vom Zeichner des Dekanatsalbums begangenen heraldischen Todsünde «Metall auf Metall» (goldener Stern auf silbernem Hintergrund) und seiner in den 1920ern doch schon seit einigen Jahren verbreiteten achtzackigen Version (Beispiel: Weiacher Schützenfahne von 1902) hat im Verlauf der Arbeiten der Gemeindewappenkommission zwischen den zwei Weltkriegen dennoch die Krauer'sche Blasonierung obsiegt, unser Wappen also definitiv zwei Zacken zugelegt:


Links im Bild die Weiacher Wappenpostkarte, aus einer Abfolge von Serien, die von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (AGZ) zwischen 1926 und 1936 herausgegeben wurde, eine neue Serie jeweils dann, wenn wieder fünf durch die zuständige Gemeindebehörde genehmigte Wappen vorlagen (vgl. Ziegler 1977 – S. 17). Man sieht, dass aufgrund des Neigungswinkels der Schrägteilung die Zacken nicht im rechten Winkel zur Papierachse stehen.

Rechts die Darstellung, wie man sie im Gemeindewappenbuch von 1977 auf S. 106 findet. In diesem ab 1969 laufenden Projekt wurde die geschwungene Oberkante begradigt, was dann zur Folge hatte, dass der Neigungwinkel steiler gestellt werden musste. Nur so konnte man den schräggeteilten Stern ins Lot stellen. Nicht geklärt ist, ob diese Version von Walter Käch (im Dezember 1970 verstorben) oder seinem Nachfolger, Heraldiker Fritz Brunner gezeichnet worden ist.

Weiterführende Links
  • Antiquarische Gesellschaft in Zürich (Hrsg.): Wappenkarte Weiach. Ansichtskarte: Strichklischee; 14 x 9,3 cm. Aus der AGZ-Wappenkarten-Serie, Zürich 1926-1936. Karte Weiach nach November 1931 (Annahmeschreiben Gemeinderat vom 28. November 1931) erschienen.
  • Korthals, M.: 75 Jahre Gemeindewappen-Kommission – Was Gemeinden im Schilde führen. In: Neue Zürcher Zeitung, 4. Januar 2001.
  • Brandenberger, U.: Dorfzeichen, Wappen und Logo. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 84. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2006 – S. 11-15, (Gesamtausgabe 2017 – S. 303-307).
  • Brandenberger, U.: 75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 85. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Dezember 2006 – S. 14-21, (Gesamtausgabe 2017 – S. 308-315).
  • Dbachmann (Hauptautor): Wikipedia-Artikel Zürcher Gemeindewappen
  • Weiacher Wappen im Heraldry Wiki

Dienstag, 25. Dezember 2018

Beim Läuten Kopf und Kragen riskiert


Der Weiacher Sigrist riskierte Kopf und Kragen. Er gab alles für das Wohlergehen seiner Gemeinde. Das muss man zumindest glauben, wenn man den folgenden Beitrag im Lägern-Boten vom Samstag, 29. April 1865 liest:

«Als am Montag zu Weiach anläßlich eines in einer Waldung ausgebrochenen Brandes der Sigrist die S[t]urmglocke läutete, rieß [sic!] der Zugriemen entzwei und der Sigrist that in Folge dessen einen so unglücklichen Fall rücklings, daß er ein Bein brach. Der Brand ist bald gelöscht worden und hat keinen großen Schaden angerichtet.»

Der Brand und der damit einhergehende Unfall ereigneten sich also am 24. April. 

Bezeichnend ist, dass diese Kurzmeldung kein Wort über mangelnden Unterhalt des Zugriemens verliert. Es ist ja offensichtlich, dass die Kirchgemeinde da am falschen Ort gespart hatte. Auf Kosten ihres Angestellen. Auch darüber, wie es dem Verunfallten danach gesundheitlich erging, schweigt sich die Kurzmeldung unter der Rubrik Lokales leider aus. 

Zu hoffen ist, dass der Sigrist keine bleibenden Schäden davongetragen hat oder gar gestorben ist. Bei komplizierten Brüchen kam das damals häufiger vor; denn ein ausgebautes Gesundheitswesen und medizinische Wunderwaffen wie Antibiotika gab es noch nicht.

Quelle

 Lägern-Bote No. 17, Regensberg, Samstag den 29. April 1865 – S. 2.

Montag, 24. Dezember 2018

Kuhgespanne in älterer Fassung des Dorfgedichts

Ja, Weiach hat ein Dorfgedicht - mindestens eines! So muss man das wohl nennen, wenn ein paar Verse lokalpatriotischen Inhalts für Wert erachtet werden, über Jahrzehnte in den Schubladen unterschiedlicher Gemeindebürger zu schlummern.

Das Dorfgedicht, um das es hier geht, wurde unter dem Titel «Es Dörfli» 2008 in den Gemeindemitteilungen abgedruckt (vgl. den mit Kommentar versehenen Text in WeiachBlog Nr. 651 vom 23. September 2008).

Solche spontan eingesandten (und veröffentlichten) volkstümlichen Beiträge haben im 21. Jahrhundert Seltenheitswert. In den Anfangszeiten der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» sind sie hingegen regelmässig zu finden. Die Redaktion (das Ehepaar Mauro und Ursula Lenisa) hat die oft handschriftlichen Zuschriften nicht selten im Original drucken lassen. So auch diese hier vom Mai 1988:

Wer den nachstehenden von Schenkel eingereichten, mit Schreibmaschine getippten Text mit dem 2008 publizierten vergleicht, erkennt die bis auf die Orthographie über weite Strecken identischen Inhalte. Ein Kommentar folgt im Anschluss:

Oises Dörfli ano 1920

1.
Es git es Dörfli, sisch z'underscht im Land,
E herzigs Nestli mit Züri verwandt.
J gsenes vormer wies artig da lit,
von Obstbäume beschattet zur Summerszit.

2.
Jm Mai doch erst wie schön isches im Mai.
Jm Blühet muesch es go g'schaue Juhei.
Jm Herbst na wenn Zwigli hanget voll Frücht.
Und alles amene prächtige Garte glicht
Und usem Garte chömed die herrliche Grücht

3.
Es Chirchli staht da, s'isch tusig nett
Jm Büehl ene luegets vom Türmli det
Es lueget fründli uf d'Hüser uf d'Lüt
Wie gester so sorgets für alli na Hüt.

4.
Von "Hofwiese" grüesst es heimeligs Hus
Fast Tägli springt d’Jungmannschaft i und us
S'wird [nöd] nu läse und schriebe drinn g'lehrt
Au d'Wisheit fürs Läbe wo so vill isch wert

5.
Jm Dorf obe chlapperet d'Mühli am Bach
Sie lauft mit der Zit verstaht ihres Fach.
Sie Mahlt und sortiert s'Mehl schmackhaft und zart
Us Cherne, usem Hasli und usem Hard.

6.
Witer une flüsst s'Bächli wieder in Teich
Es müend halt d'Wasserchreft usgnutzt sii zWeich.
E Werchstatt tribts na scho vili Jahr
Ja früener het mer det Tröschet sogar.

7.
Zur Sagi hindere gats Källe-n-uf
Am Holz fehlts nannig wos brucht für de Bruef
Me bringts vo de Bleiki, vom Sanzeberg
Vom Jsebüheli isch grad so begehrt.

8.
De Bedme i, muess mer wämmer per Bahn
Z'Visite, oder uf Züri will ga
Js Holzwerk, oder i Schäftliastält
Js Rhistedtli oder Kaiserstuhl wenns eim gfallt

9.
Gascht am Rhjhof une vorbj
Stoht es Wasserrad im Rhj
Wils elektrisch zoge is Land
Stoht sie jetzt im Ruhestand

10.
Und prachtvolli Wiese hets, Ackerland
Das ghört ja zum löbliche Buurestand
S'hett herliche Wald, nachli Rebe und Chlee
Vill Geisse und hühner, feiss Säu und schöns Veh

11.
S'isch gsuecht das fin Tafelobst wos da git
Die chreftig Milch bis i Stadt ie beliebt
D'Herdöpfel glichfals was meistens guet grat
Und s'Uebrig wo d'Landwirtschaft stellt parad

12.
Jm Früehlig natürli lockt d’Fasnachtflueh
Ganz bsunders s’Jungvolk gern zuenere ue
De Blick ufs Rafzerfeld uf de lieb Rhj
Uf Brugg und de Römer-turm ziehts eim hi

13.
Am Sunntig drum öppe wen d’Sunne lacht
Wird e sone gfreuts Türli i d’Höchi gmacht
S'wird gsunge und g'juchzet und gmüetli ta
S'wott Strüssli vo Maie e jedes na ha

14.
Dur d’wuche dur puurets vom Berg bis an Rhj
Potz wüeschte Fahne wie henkets da i
Mit Chüegspann fahrets über Land
Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland

15.
Obwohl ei gross Werch am andere folgt
So werdet im Summer vill Beeri gholt
Jm Stocki, im Schwendi, im Büechlihau
Und sinds derbi z'friede im Weiachergau

16.
Bim heiga wird gsunge und g'johled derbj
Dass es tönt bis äne an Rhj
Heubeerirolle - Chrätte hämer volle
Und Buschle i der Hand und es Mul es ischt e Schand

17.
Drum wämers nu grad eso mache wie sie
Und wöisched mer Gottessägä na dri
Und leged mer alles i sini Hand
Eusers so liebi W e i a c h e r l a n d .

Kommentar Anno 2018

Strophen 9, 11 und 16 nach der Fassung Schenkel (s. oben) sind in der Fassung Wagner (vgl. WeiachBlog Nr. 651) nicht enthalten. Möglich - ja wahrscheinlich - ist es, dass sie direkt von Schenkel stammen, erwähnt er doch in seinem handschriftlichen Kommentar selber, er habe das Gedicht «erweitert».

In Strophe 9 bringt Schenkel die Sprache auf das Wasserrad im Rhein beim Rhihof, welches gemäss Lagerbuch der Gebäudeversicherung 1912 einem Hochwasser zum Opfer gefallen ist (möglicherweise bereits 1910; vgl. Wasserrad beim Rheinhof weggeschwemmt, WeiachBlog Nr. 859 vom 15. Juni 2010; Bild des Wasserrads: vgl. http://doi.org/10.3932/ethz-a-000131290; im Mai 1925 postalisch gelaufen). Schenkel sagt im Gedicht einerseits, dieses Rad habe noch in den 1920ern bestanden und sei letztlich der Elektrifizierung zum Opfer gefallen, bzw. deswegen ausser Betrieb gesetzt worden (die Elektrizitätsgenossenschaft Weiach gibt es seit 1912). Vielleicht handelt es sich um ein nicht mehr versichertes Nachfolgeobjekt.

Mit der «Brugg» (bei Wagner nicht erwähnt) ist in Strophe 12 die Kaiserstuhler Rheinbrücke gemeint. «Römerturm» ist der (irreführende) volkstümliche Name des mittelalterlichen Oberen Turms, dem weithin sichtbaren Wahrzeichen des Städtchens.

Es dürfte auch so sein, dass es sich bei der Schenkelschen Vorlage tatsächlich um einen älteren Text handelt. Wo nämlich an entsprechender Stelle (Strophe 14) bei Schenkel steht: «Mit Chüegspann fahrets über Land. Sie ziehend au de Pflueg durs Ackerland» ist bei Wagner dieser Passus durch: «Scho mängi Aarbet muess eläktrisch gaa. Mit Raat und Taat gänd d’Eltere naa.» ersetzt worden.

An dieser Modernisierung widerspiegelt sich indirekt der technologische Wandel, der bereits in den 1950er-Jahren Kuhgespanne zu einer aussterbenden Kuriosität gemacht hatte (darüber hat Walter Zollinger in seinen Jahreschronik 1959 geschrieben, vgl. WeiachBlog Nr. 680 vom 1. Oktober 2009).

Noch in den 1920er-Jahren aber, wo Schenkel die Entstehungszeit des Dorfgedichts ansetzt, dürften angesichts der damals noch vorherrschenden kleinbäuerlichen Strukturen vorgespannte Kühe gang und gäbe gewesen sein. So wie schon Mitte des 19. Jahrhunderts, wie es in der sog. Ortsbeschreibung 1850/51 zum Ausdruck kommt:

«Unter allen Hausthieren sind die armen Kühe am meisten zu bedauern, die Pflug und Wagen der kleinen Landwirthe allein schleppen und zugleich die ganze Haushaltung sammt denen, die draussen harren, mit hinreichender Milch versehen sollten, was den guten und willigen Thieren um die schwere Zeit ein etwas bedenkliches Aussehen gibt.» (Ortsbeschreibung Weiach, Abschnitt VII Viehzucht von Hans Heinrich Willi, Vieharzt)

In Schenkels Strophe 15, 3. Zeile, wird der Flurname «Büechlihau» erwähnt. Bei Wagner steht an selbiger Stelle (wohl verschrieben) «Büechli au», was so natürlich keinen Sinn macht. «Stocki» und «Schwendi» sind gleichfalls dorfnahe Waldstücke. Eine sinnentstellende Auslassung kennt auch die Fassung Schenkel in Strophe 4. Die fehlende Negation ist deshalb in eckigen Klammern ergänzt.

Auch die Strophe 16 wirkt schon vom Dramaturgischen her wie nachträglich eingebaut. Denn da kommt schon wieder Gesang und - diesmal gar: «Gejohle» vor.

Damit bleibt mir an Heiligabend nur noch eins übrig: mich dem in Strophe 17 geäusserten Wunsch nach Gottes Segen anzuschliessen.

Quelle

Schenkel, Joh.: Oises Dörfli ano 1920. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 1988 - S. 4-5.

Sonntag, 4. November 2018

Warum liegt der «Sternen» an der Stadlerstrasse?

Warum trägt der ehemalige Gasthof Sternen (Assekuranznummer 603) die Adresse Stadlerstrasse 2 und nicht das Riegelhaus rechterhand des Beginns der Chälenstrasse (Assekuranznummer 460), dessen Hauseingang eindeutig auf der Seite der Stadlerstrasse liegt, das aber nichtsdestotrotz die Adresse Chälenstrasse 2 trägt?

Betrachtet man die heutige Situation mit dem grossen asphaltierten Platz, dann kann man genauso auf die Idee kommen, der «Sternen» liege an der Kaiserstuhlerstrasse. Sie führt von der Parzellenbezeichnung 74 auf dem Plan der Amtlichen Vermessung aus nach Westen (nach Osten verläuft von dort aus die Glattfelderstrasse):

Bild: Amtliche Vermessung Kanton Zürich, 2016 (Stand am 23. Mai 2016)

Stützt man sich hingegen auf alte Karten, die den Zustand vor dem Ausbau der Sternenkreuzung (Mitte der 1970er-Jahre) zeigen, dann könnte der «Sternen» auch an der Kaiserstuhlerstrasse liegen. Ohne Ausbau der Kreuzung trüge das Gebäude seit 1992 wohl die Adresse Kaiserstuhlerstrasse 1.

Gehen wir auf eine Zeitreise. Und sehen uns zuerst die Situation wenige Jahre nach dem 1830 erfolgten Bau des «Sternen» an. Die Vorlage für die sog. Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte), ist eine detailgenaue kolorierte Tuschzeichnung (StAZH PLAN A 8.24), die in den 1840ern erstellt wurde:


Grün punktiert dargestellt sind Baumgärten, bzw. Hausgärten, rot Häuser in denen Menschen leben, schwarz reine Ökonomie- und Gewerbebauten, sowie öffentliche Bauten, wie Gemeindewaschhäuschen.

Etwas weniger übersichtlich und detailreich als die Zeichnung das Resultat im Druck auf der Wild-Karte ab 1850:


Im Topographischen Atlas der Schweiz, genannt Siegfried-Karte, der ab 1870 entstanden ist, zeigt sich die Situation des Jahres 1880:


Der Baumgarten auf der gegenüberliegenden Strassenseite des «Sternen» existiert nach wie vor. Auf der den Zustand von 1930 abbildenden Siegfriedkarte wurde er einer neuen Linienführung der Hauptstrasse geopfert. Neu ist da ein Dreieck eingezeichnet, das allerdings auf der Landeskarte nicht mehr existiert:

Siegfriedkarte 1930

Landeskarte L+T, zw. 1956 und 1961

Inflation der Nummer 2

Gehen wir zurück zum eingangs gezeigten Katasterplan, auf dem es rund um die Sternenkreuzung eine wahre Inflation der Gebäudenummer 2 gibt. Im Uhrzeigersinn beginnend im Osten haben wir da die Glattfelderstrasse 2, dann den Bachweg 2, die Büelstrasse 2, die Chälenstrasse 2 und die Stadlerstrasse 2 (eben den ehemaligen «Sternen»). Merkwürdigerweise gibt es auf diesem Plan von 2016 die Adresse Bachweg 2 scheinbar gleich doppelt.


Eine Parzelle, zwei Strassennamen

Auf den Karten ist der Fall klar: die in der Verlängerung der Chälenstrasse liegende Strasse nach Nordosten, welche Stadlerstrasse und Glattfelderstrasse verbindet, ist eine topologische Einheit und bildet auch eine Parzelle, die Nr. 1475. Für die amtlichen Vermesser war deshalb klar, dass der Bachweg direkt in die Stadlerstrasse mündet. Das tat er aber in der Realität nie. Dort wo auf dem Vermessungsplan «Bachweg» prangt, hat die Gemeinde eine Strassentafel mit der Bezeichnung «Büelstrasse» angebracht.

Der Vermessungsplan enthält gleich noch einen weiteren Fehler. Der Hauseingang des Gebäudes mit der Assekuranznummer 220 (Büelstr. 2) liegt nicht auf der Gebäudeseite, wo er sich tatsächlich befindet. Ruft man auf dem GIS des Kantons das Gebäuderegister auf, dann liegt der Hauseingang des Gebäudes Büelstr. 2 dort, wo sich der rote Kreis befindet. Wenn nun der Bachweg schon an der Stadlerstrasse begänne und nicht erst nach der Verengung nachdem die Rechtskurve Richtung Oberdorf passiert ist, dann müsste dieses Gebäude die Adresse Bachweg 2 tragen, die ehemalige Post die Adresse Bachweg 4.

Da muss das Ingenieur- und Vermessungsbüro Landolt, das den Plan für Weiach führt, über die Bücher. Und wo sie schon dabei sind, wäre auch eine klare Abgrenzung zwischen Kaiserstuhlerstrasse und Glattfelderstrasse sinnvoll. Denn aufgrund der Grenzen der Parzelle 74 kann man analog zum soeben geschilderten Problem auf die Idee kommen, die Glattfelderstrasse beginne erst auf der Höhe der Einmündung des Bachwegs, nicht dort wo die Stadlerstrasse auf die Hauptstrasse stösst.

Nachtrag vom 7. November 2018

Wie man aktuell auf maps.zh.ch (dem GIS des Kantons Zürich) sehen kann, ist die Abgrenzung zwischen Bachweg und Büelstrasse mittlerweile an die Realität angepasst worden. Die Parzelle 1475 wird jetzt durch einen Strich dort unterteilt, wo der Strassenname ändert. So zumindest im Plan der Amtlichen Vermessung (http://maps.zh.ch/s/fgguu8i8). Auf dem sog. «Übersichtsplan» (http://maps.zh.ch/s/gprtyms9) ist die Darstellung wie gehabt irreführend.

Andere Situationen, bei denen Parzellengrenzen in die Irre führen, stehen noch im Plan der Amtlichen Vermessung. So die oben erwähnte Situation auf der Sternenkreuzung. Oder die Abgrenzung zwischen Seerenstrasse und Dörndlihag. Nur dank dem als Bauprojekt eingetragenen Haus Dörndlihag 2 kommt man auf die Idee, dass die Seerenstrasse nicht die gesamte Parzelle 1206 umfasst: http://maps.zh.ch/s/tjmz3x83 - da hätte man doch die Abgrenzung zwischen den Parzellen 1205 und 1206 gleich an der richtigen Stelle machen können. Oder stehen die nicht beide im Gemeindeeigentum?

Und um die im Titel dieses Artikels gestellte Frage abschliessend zu beantworten: die Adresse des «Sternen» kann seit der umfassenden Sanierung der Kaiserstuhlerstrasse gar nicht mehr anders lauten als «Stadlerstrasse 2». Man sieht das an einem kleinen Detail, der nun entlang der gesamten Nordflanke durchgezogenen Insel zwischen Strasse und Trottoir/Radweg (im Mai 2016 war die noch nicht durchgehend, vgl. erstes Bild oben). Damit ist eine Zufahrt auf den Platz vor dem «Sternen» mit Motorfahrzeugen nur noch über die Stadlerstrasse möglich.

Freitag, 2. November 2018

Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde

Auf der Website der politischen Gemeinde wendet sich der Präsident an die Weycherinnen und Weycher und fordert sie dazu auf, einen Beitrag an die 750-Jahr-Feier des Jahre 2021 zu leisten (vgl. Screenshot).



Falsche Fährte

Einleitend schreibt Stefan Arnold: «In einer Urkunde aus dem Jahre 1271 wird Weiach erstmals erwähnt.» In diesem Satz sind gleich zwei Quellen für Fehlinterpretationen enthalten.

(1) Dass es sich bei der «erstmaligen Erwähnung» eigentlich um die «älteste erhalten gebliebene Nennung» des Ortsnamens handelt, habe ich bereits mehrfach angemerkt (vgl. dazu u.a. Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 6. Aufl., S. 20).

(2) Auch auf die Frage, ob es sich bei dem sozusagen als Weiacher «Geburtsurkunde» gehandelten Dokument tatsächlich um eine Urkunde im eigentlichen Sinn handelt, bin ich schon eingegangen: «Ebensolche Vorsicht muss man walten lassen, wenn es um die Frage geht, ob es sich bei dieser Erstnennung überhaupt um eine Urkunde gehandelt hat.» (vgl. WeiachBlog Nr. 453, 11. Mai 2007 mit Ergänzungen von 2016 und 2017).

Dem Gemeindepräsidenten kann man keinen Vorwurf machen, denn fast alle Quellen, die die Jahrzahl 1271 nennen, stossen in dieser Angelegenheit ins gleiche Horn, so dass natürlich auch im geschichtlichen Porträt auf der Website der Politischen Gemeinde (Porträt -» Geschichte) der Satz: «Erstmals wurde Weiach 1271 urkundlich erwähnt.» zu finden ist.

In diesem Beitrag zeige ich die Überlieferungsgeschichte auf und erläutere, weshalb die Bezeichnung «Urkunde» auf die falsche Fährte führt und folgerichtig vermieden werden sollte.

Ein Urbar im Urkundenbuch

Am Anfang der Missverständnisse steht das «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich», herausgegeben von der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich zwischen 1888 und 1957, konkret dessen Band 4, erschienen zwischen 1896 und 1898. Auf S. 165 wird unter Nr. 1459 auszugsweise aus einem Einnahmenverzeichnis der Fraumünsterabtei Zürich zitiert, das heute unter der Signatur «StAZH C II 2. Nr. 79 e» im Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH) aufbewahrt wird: «Iohannes dictus Brotpeko de Cheiserstůl I den. de bonis suis in Wiâch, que comparavit a Ia. dicto Gêbi.» (vgl. die roten Kasten)




Ein Einnahmenverzeichnis wird auch als Urbar bezeichnet. Der Name leitet sich vom althochdeutschen «urberan» bzw. dem mittelhochdeutschen «erbern» (hervorbringen, Ertrag bringen bzw. ertragbringendes Grundstück) ab (vgl. Historisches Lexikon der Schweiz, Artikel Urbare, Stand: 14. Januar 2014). Urbare entfalten zwar Rechtskraft und die Informationen darin wurden in der Regel von den Bewirtschaftern der fraglichen Grundstücke auch unter Eid erhoben. Es handelt sich jedoch technisch gesehen um Akten, also Verwaltungsschriftgut.

Eine Urkunde hingegen zeichnet sich in der Regel durch eine bestimmte (oft formelhafte) Sprache aus, sie nennt die Beteiligten und den geregelten Gegenstand in der gebotenen Ausführlichkeit (damit jedem Dritten klar ist, worum es sich handelt und worüber die Beteiligten sich verständigt haben). «Zentraler Bestandteil der Urkunden», so Anne-Marie Dubler im Historischen Lexikon der Schweiz sei «die Beglaubigung (z.B. durch ein Siegel oder eine Unterschrift), welche ihnen erst rechtl. Beweiskraft verleihen. Durch diese unterscheiden sich die Urkunden von anderen Quellengattungen wie Akten, Briefen oder persönl. Aufzeichnungen.» (e-HLS, Artikel Urkunden, Stand: 14. Januar 2014).

Selbst wenn man die Definition des Duden für den Begriff Urkunde heranzieht, wird diese als «[amtliches] Schriftstück, durch das etwas beglaubigt oder bestätigt wird; Dokument mit Rechtskraft» bezeichnet.

Dem Urbar-Eintrag zu Wiach, einer simplen Notiz in einem Verzeichnis der Fraumünsterabtei, geht der Beglaubigungscharakter vollständig ab. Bei diesem Einnahmenverzeichnis handelt es sich daher ganz eindeutig NICHT um eine Urkunde.

Nur leider wurde 1896 ein Ausschnitt aus diesem Urbar ausgerechnet im Zürcher Urkundenbuch aufgenommen. Womit - verständlicherweise - die Annahme, es handle sich auch bei diesem Dokument um eine Urkunde, naheliegend war (und ist).

Ab den 60er-Jahren verbreitete Legende

In Heimatbüchern, die sich (ausschliesslich oder unter anderen) der Gemeinde Weiach widmen, wird die Legende von der Urkunde, in der Weiach erstmals erwähnt sei, seit den 1960ern verbreitet.

1962 steht in Band V der sogenannten Bezirkschroniken des Kantons Zürich (bearbeitet von Paul Nussberger und Eugen Schneiter) noch der einfache Vermerk: «1271 wird das Dorf Wiach genannt».

Der damalige langjährige Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer hat im September 1963 in seinem ortskundlichen Abschnitt im Buch «WEIACHER KIES (red. von E. Mühlheim, Stäfa 1963) mit dem Satz «In alten Urkunden wird das Dorf Weiach erstmals 1271 genannt» sozusagen den Startschuss gegeben. Von da an ist die Urkunde treuer Begleiter der Jahrzahl.

Emil Maurer sekundiert in seiner Monographie «Die Kirche zu Weiach» (mutmasslich 1965 publiziert) mit: «Der Ortsname «Wiach» wird erstmals im Jahre 1271 urkundlich erwähnt.»

In seiner Bundesfeieransprache vom 1. August 1971 verfestigte (gemäss Redemanuskript) alt Lehrer Walter Zollinger die Urkundenlegende mit der Formulierung: «Der Name Weiachs oder wie er vor alten Zeiten lautete, Wîach, tritt soweit bis jetzt bekannt ist, erstmals in einem Kaufbrief aus dem Jahre 1271 auf.» - Ähnlich äussert sich Zollinger in der 1. Auflage seiner 1972 erschienenen Monographie Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach: «Erstmals findet sich der Name Weiachs in einem lateinisch verfassten Kaufbrief aus dieser Zeit, nämlich im Februar 1271, erwähnt.»

Nur der Schatten einer Urkunde

Ein Kaufbrief ist eine Urkunde, da besteht kein Zweifel. Die Überlieferung im Einnahmenverzeichnis der Fraumünsterabtei nimmt Bezug auf einen (im 13. Jahrhundert wohl vorhandenen) Kaufvertrag zwischen Johannes, «genannt Brotbeck von Cheiserstuol (Käufer) und Jacobus, genannt Gebi (Verkäufer).

Wir stellen also fest: Die älteste noch vorhandene Erwähnung des Ortsnamens Wiach findet sich in einer Aktennotiz zu einer Urkunde. Die Existenz der Urkunde selber kann nur vermutet werden. Es ist fast so wie im berühmten Höhlengleichnis aus der klassischen griechischen Philosophie. Wir Heutigen können nur den Schatten von etwas sehen, das eine Urkunde sein könnte. Der Schatten ist der Eintrag im Einnahmenverzeichnis. Das Objekt, das den Schatten geworfen hat können wir nur erahnen. Meierhofer-Nauer, Maurer und Zollinger erwecken mit ihrer Formulierung den Eindruck, das schattenwerfende Objekt als Kaufbrief identifizieren zu können. Man könnte fast meinen, das Dokument liege sozusagen mit Brief und Siegel vor uns. Das tut es aber nicht.

Da wir die Originalurkunde nicht kennen (und letztlich nicht einmal wissen, ob es sie je gegeben hat) ist es auch nicht möglich festzustellen, auf welches Jahr die Eigentumsübertragung zwischen Johannes dem Bäcker aus Kaiserstuhl und Jacobus genannt Gebi genau gefallen ist. Fand sie noch Anno 1270 statt? Wenn der Eintrag im Urbar im Februar 1271 erfolgte, dann kann es sehr wohl sein, dass die Transaktion, welche ihn veranlasst hat, Monate zuvor erfolgt ist. Vielleicht auch erst nachdem die Abtei versucht hatte, den (jährlichen) Denar von Jacobus (oder seinen Nachkommen) einzuziehen und bei dieser Gelegenheit mit dem Eigentumsübergang konfrontiert wurde.

Die Kanonisierung der Legende

In den Adelsstand des Faktischen erhoben wurde die Legende von der Urkunde durch Hilmar Höber in der NZZ: «Der Name Weiach wurde erstmals im Jahre 1271 in einer Urkunde erwähnt.» (Höber, H.: 700 Jahre Weiach. In: Neue Zürcher Zeitung, Freitag, 15. Oktober 1971, Mittagausgabe Nr. 481 – S. 21., vgl. WeiachBlog Nr. 453)

Damit war der Weg vorgespurt. Es ist völlig klar, warum alt Gemeindeschreiber Hans Meier für seinen Beitrag in dem zum Jubiläum 125 Jahre Verein Zürcherischer Gemeinderatsschreiber und Verwaltungsbeamter (VZGV) 1981 publizierten Büchlein «Die Gemeinden im Kanton Zürich» auf S. 269 den Satz «1271 ist Weiach erstmals urkundlich erwähnt.» formulierte, der fortan erst recht zum Selbstläufer wurde.

Und die Geschichts-Seite unter der Rubrik Porträt auf der Gemeindewebsite? Die wurde - leicht überarbeitet - zu weiten Teilen direkt aus dem VZGV-Büchlein übernommen. Auch die Passage mit der urkundlichen Erwähnung (vgl. das Zitat im Abschnitt «Falsche Fährte» oben)

Bescheidenheit hat auch Vorteile

Die «erstmalige Erwähnung» des Namens Wiach findet man also nicht in einem Kaufbrief oder einem anderen erhalten gebliebenen Dokument, das mit Siegeln versehen den Rang einer Urkunde für sich beanspruchen kann. Sondern in einem bescheidenen, leicht zu übersehenden Verwaltungsvermerk.

Eine solche Geburtsurkunde ist dem Charakter der immer auf ihre Eigenständigkeit bedachten Dorfgemeinde auch viel angemessener als jede noch so pompöse Urkunde. Nicht aufzufallen um von den Mächtigen in Ruhe gelassen zu werden. Das hat für die Weiacher in vielen Jahrhunderten weit besser funktioniert als jeder von Königen und Kaisern ausgestellte Freibrief. Solche Dokumente wurden ja auch gern gefälscht - einfach weil man damit einen Machtanspruch untermauern wollte, wie der Vatikan weiland mit der Konstantinischen Schenkung.

Fazit: Wie wäre es mit der neuen Formulierung: «Die älteste erhalten gebliebene Erwähnung von Weiach in einem Einkünfteverzeichnis der Fraumünsterabtei fällt auf das Jahr 1271.»?

Donnerstag, 1. November 2018

750 Jahre Weiach?

Die Website der Politischen Gemeinde Weiach führt seit kurzem eine neue Rubrik in ihrer horizontalen Zugangsleiste: «750 Jahr Feier» (vgl. Screenshot)


Der Gemeinderat hat also entschieden: 2021 es gibt (wieder einmal) ein grosses Dorffest. Die letzten Feste fanden 2012 aus Anlass des 100-jährigen Jubiläums der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach und der ersten Stromlieferung (24. Dezember 1912) sowie 2017 mit dem Kantonalen Schwingfest zur Feier «100 Jahre Turnverein Weiach» statt.

Der Anlass diesmal: «Im Jahr 2021 wird Weiach 750 Jahre alt.» (vgl. den am 31. Oktober publizierten Aufruf an Kandidaten für das Organisationskomitee)

Bei Kaiserstuhl korrekt...

Unser Nachbarstädtchen Kaiserstuhl feierte 2005 sein 750-Jahr-Jubiläum. Nicht ganz zufällig, denn die Gründung der Stadt lässt sich zwar nicht auf den Tag genau bestimmen. Aber doch auf wenige Jahre. Die Gründung muss kurz vor 1255 erfolgt sein. Denn in diesem Jahr wurde Lütold VI. von Regensberg von einem Gericht dazu verpflichtet, das Kloster St. Blasien für zwei Jahre lang zu Unrecht von dessen Häusern bei Kaiserstuhl bezogene Abgaben zu entschädigen. 1254 hatte Freiherr Rudolf von Kaiserstuhl fast seinen gesamten Streubesitz an das Kloster Wettingen verkauft. Der Erlös dürfte sein Einsatz bei der Stadtgründung gewesen sein (vgl. 750 Jahre Nachbarschaft. Aus der gemeinsamen Geschichte von Kaiserstuhl und Weiach, 1255-2005. Weiacher Geschichte(n) Nr. 70. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2005, S. 15-19).

... bei Weiach nicht

Und Weiach? Wurde Weiach tatsächlich um 1271 gegründet? Nein. Diese Dorfgemeinschaft ist mit Sicherheit wesentlich älter. Wie alt, darüber kann man nur spekulieren. Folgt man der herrschenden Lehrmeinung unter Namensforschern, dann leitet sich der Ortsname von einem gallorömischen Personennamen ab. Veius, Vedius oder Veidius soll der Mann geheissen haben, der Weiach seinen Namen gab. Und weil ab spätestens dem Jahre 600 die Alamannen in grösseren Gruppen in unserer Gegend sesshaft wurden, müsste Weiach damals bereits existiert haben und mithin mindestens 1400 Jahre alt sein.

Nur gibt es halt keinen schriftlichen Beleg (mehr), der älter ist als der Eintrag in einem Zinsrodel (d.h. Einnahmenverzeichnis) der Fraumünsterabtei Zürich. Der Eintrag selber - mit der Ortsnamensnennung «in Wiâch» - trägt zwar kein Datum, befindet sich aber zwischen datierten Notizen zu anderen Zinsverpflichtungen, was eine Datierung auf Februar 1271 zulässig macht. Denn es geht darin um den Übergang der Zinsverpflichtung auf eine andere Person, die der Abtei gehörende Grundstücke in Weiach gekauft hatte.

Wenn die Freiherren von Wart nicht in Ungnade gefallen wären

Massgebend waren in Weiach zu dieser Zeit die Freiherren von Wart. Deren Aufzeichnungen zu Weiach - sofern zu dessen Erwerb durch das Geschlecht je schriftliche Urkunden existiert haben - dürften 1308/09 der Rache der Habsburger zum Opfer gefallen sein. Einer der drei Mörder von König Albrecht (einem Habsburger) war nämlich ein von Wart, worauf das ganze Geschlecht in Sippenhaft genommen wurde (vgl. Habsburger-König Albrecht ermordet! Welche Rolle die Freiherren von Wart dabei vor 700 Jahren spielten. Weiacher Geschichte(n) Nr. 102. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 2008, S. 9-14.) Wären die Urkunden derer von Wart überliefert, dann sähe die Sache vielleicht anders aus. Und die 750-Jahr-Feier wäre bereits Geschichte.

So aber ist bereits die älteste erhaltene Erwähnung des Ortsnamens Wiach untrennbar mit Kaiserstuhl verbunden. Denn der neue Eigentümer, der nun der Abtei zinsen musste, war ein in Kaiserstuhl ansässiger Bäckermeister.

Sonntag, 30. September 2018

Ein Komet wie ein Pfauenschwanz als Kriegsvorzeichen

Manches Mosaiksteinchen schlummert lange in den Artikelentwürfen. In diesem Fall seit dem 9. Juni 2014, als ich es in den retrodigitalisierten Zeitschriften der ETH-Bibliothek entdeckt habe.

Es handelt sich um einen «Bericht über den 30jährigen Krieg», den Karl Schib im Kaiserstuhler Stadtbuch (S. 149 ff) gefunden hat. Datiert ist der Eintrag auf Dezember 1648, also nach der Besiegelung des Westfälischen Friedens, der dem mörderischen Treiben ein Ende gesetzt und der Schweiz die staatsrechtliche Unabhängigkeit vom Deutschen Reich beschert hat.

Der Bericht beginnt mit den folgenden Worten:

«Zu wüssen und kund gethan seie meniclich daß anno 1618 september und october mererteil alle tag gegen abend ein ohngewandlicher Cometsternen am himel erschinen, der hat sich ausgebreitet wie ein pfauwen schwantz und sich von nidergang gegen aufgang erstrekt, der hatt sich alhie zue Keiserstuel über die Weiacher flüe uns sehen lassen. Darüber ist im ganzen Römischen Reich Teutscher Nation großer jamer, krieg und not erfolgt; (...)»

Von Kaiserstuhl aus gesehen zeigte sich das Unheil durch eine Himmelserscheinung über der Weiacher Flüe, d.h. Fasnachtflue und Stein an, also aus ihrer Sicht von Südosten her.

Ex post kann man sich natürlich alles zusammenreimen. Die Beschreibung zeigt aber, wie stark der Volksglaube und daraus resultierende ängstliche Frömmigkeit in dieser Zeit das Leben dominierte. Kometen waren für die damals Lebenden offensichtlich ein Warnsignal Gottes.

Einige Jahre später, im Januar 1681, hat sich die Kaiserstuhler Stadtregierung durch einen Kometen veranlasst gesehen, das Fluchen in ihren Mauern bei Strafandrohung zu verbieten (WeiachBlog Nr. 411, vgl. Quellen).

Quellen
  • Schib, Karl: Zur Ordnung der Stadtarchive Kaisterstuhl und Laufenburg. In: Argovia, Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, 45 (1933) - S. 118. DOI: http://dx.doi.org/10.5169/seals-48166
  • Brandenberger, U.: Fluchen in der Stadt verboten. WeiachBlog Nr. 411 vom 30. März 2007

[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 16:18 MESZ]

Samstag, 1. September 2018

«Das Haus wird auf diese Weise immer lebendig sein»

Pünktlich per Mitternacht, 1. September, ist auf der Gemeindewebsite die neueste Ausgabe der Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW) elektronisch veröffentlicht worden (in die Briefkästen wird die gedruckte Ausgabe jeweils schon vor Monatsbeginn verteilt).

Auf S. 18 ist die Ausstellung «50 Jahre Ortsmuseum Weiach» angekündigt: auf den 16. & 23. September, jeweils von 11:00 bis 17:00. Ein halbes Jahrhundert ist unser Ortsmuseum alt. Aber das Museumskonzept ist seit eh und je dasselbe. Und: es ist immer noch mit Leben erfüllt. Das Zitat im Titel dieses Beitrags stammt aus einem Artikel des Neuen Bülacher Tagblatts (NBT) von Anfang Oktober 1968, vgl. den WeiachTweet Nr. 1711 (unten).
Unverändertes Grundkonzept seit Jahrzehnten

Vergleicht man das heutige Museumskonzept mit dem damals von der Gründungsgruppe der Ortsmuseumskommission unter der Leitung von Walter Zollinger entwickelten (und im NBT dokumentierten), dann ist offensichtlich, dass es funktioniert.

Es mögen ja jeweils nicht gerade massenhaft Besucher an den Müliweg 1 kommen (das würde das bescheidene Haus auch massiv überfordern). Die wechselnden Ausstellungen locken aber zuverlässig - teils mehrmals im Jahr - Menschen an, die sich für die Art und Weise interessieren, wie die einfachen Weiacherinnen und Weiacher noch vor wenigen Jahrzehnten gelebt haben.

Die überwiegende Mehrheit der Einwohner von Weiach lebte über Jahrhunderte hinweg bescheiden, so wie die Geschwister Liebert, die sich als Damenschneiderin und Kleinbauer durchschlugen. Und insofern bildet gerade das «Liebert-Haus» die Lebensrealität früherer Tage sehr gut ab. Besser als ein eindrücklicher Riegelbau, der Wohlstand ausstrahlt und für die dörfliche Oberschicht stünde (wie es das Weierbach-Hus in Eglisau darstellt).

NBT-Artikel bildet Intention der Gründer ab

Nachstehend nun der volle Wortlaut des Artikels im Neuen Bülacher Tagblatt:

«Als im Jahre 1966 die Gemeinde Weiach das alte Haus neben der Mühle kaufte, das schon seit Generationen der Familie Liebert gehört hatte, und dessen Hauptteil wahrscheinlich im ausgehenden 18. Jahrhundert gebaut wurde (spätere Bewohner haben es erweitert), beschloss der Gemeinderat, die Räume im Parterre für das schon lange geplante Ortsmuseum zur Verfügung zu stellen und die Räume im 1. Stock zu einer Wohnung auszubauen. Unterdessen allerdings haben sich die Pläne etwas geändert. Im Parterre ist das Ortsmuseum mit viel Geschick eingerichtet worden, in den oberen Räumen aber wurde Platz für die «Galerie Liebert» geschaffen.

Mit der Galerie möchte die Ortsmuseumskommission und der Gemeinderat das Ortsmuseum beleben, und zwar auf die Art, dass in den beiden Galerie-Räumen immer wieder etwas Neues gezeigt wird und dass dadurch Besucher ins Haus kommen, die das Museum betrachten, das ja auch immer neue Stücke erhält und ausstellt. Die Gefahr, dass man das Ortsmuseum einmal ansieht und dann Jahre vergehen, bis man es wieder besucht, obwohl viel Interessantes zu sehen wäre, ist durch die wechselnden Ausstellungen, seien es gemeindeinterne Ausstellungen oder auch Kunstausstellungen, gebannt. Das Haus wird auf diese Weise immer lebendig sein und kann sehr gut eine Art dörfliches Kulturzentrum werden.

Das Ortsmuseum - wohnliche Räume

Der erste Eindruck, den der Besucher vom Ortsmuseum erhält, ist der von Wohnlichkeit. Man tritt von der Strasse direkt in die Küche, die so eingerichtet ist, als ob immer noch jemand in diesem Hause lebe. Der alte Ofen mit seinen Pfannen, der gedeckte kleine Tisch, die Rebschürze über dem Stuhl und das Gestell mit dem irdenen Geschirr - alles ist echt und lebendig. Auch die Stube nebenan mit dem alten grünen Kachelofen und der gemütlichen Ofenbank vermittelt diesen Eindruck. Auf dem ovalen Tisch steht noch das Arbeitskörbchen mit der Lismete, daneben liegt eine alte Bibel und die Lesebrille. Es ist als ob der Bewohner das Zimmer nur für kurze Zeit verlassen hätte. In der Küchenkammer hängen an der Wand alte Uniformen, ein Kinderbett und ein hohes altes Bett, ein Fussschemel und Waschgeschirr lassen das Schlafzimmer vor dem Beschauer erstehen.

Alt Lehrer W. Zollinger, der 43 Jahre in Weiach unterrichtet hat und der sehr mit dem Dorf verbunden ist, hat das Haus mit viel Sorgfalt eingerichtet. Er hat darauf geachtet, dass die Schätze, die er und die anderen Mitglieder der Ortsmuseumskommission schon gesammelt haben, ehe überhaupt sicher war, ob es möglich sei, ein Ortsmuseum einzurichten, mit Verständnis und Liebe geordnet und ausgestellt wurden [sic!].

Im schmalen Verbindungsgang zur Scheune hängen alte Fruchtsäcke, ist ein Tüchel aus Föhrenholz (alte Wasserleitung) zu sehen und hängt altes bäuerliches Arbeitsgeschirr. Im Zimmer hinter der Stube kann man alte Weiacher Ziegel sehen. Der älteste trägt die Jahrzahl 1688 und viele von ihnen sind verziert. Die alten Kaufurkunden des «Liebert-Hauses" wurden zusammengestellt und Windlichter der Feuerwehr aus den Jahren 1864 und 1900 zeugen von vergangener Romantik.

Jedes Stück im Museum wurde beschriftet und man kann aus dem Text klar ersehen, woher das Stück kommt, wie alt es ist und was es ist.

Jedes Möbelstück und jeder Gegenstand im Museum stammt aus Weiach, und man hofft, dass im Laufe der Jahre noch mehr zusammengetragen wird, so dass sich der heutige Dorfbewohner ein klares Bild über die Vergangenheit seiner engeren Heimat machen kann.

Obwohl das Ortsmuseum schon vor einiger Zeit seine Türen für den Besucher geöffnet hatte, wurde immer noch fleissig in Fronarbeit am Ausbau der "Galerie Liebert" gearbeitet. Am kommenden Samstag wird sie mit der

Ausstellung des Malers Fritz Schmid, Bachenbülach

eröffnet. Fritz Schmid, der Bachenbülacher Maler und Lehrer, kennt zwei grosse Themen in seinem künstlerischen Schaffen: das Unterland und den Lötschberg. In Weiach zeigt er sowohl Walliser Bilder als auch Bilder mit Unterländer Motiven. Reizvoll sind die Landschaften des Neeracher Ried. Die Dörfer, eingebettet in die Landschaft, haben den Maler immer wieder inspiriert. So ist in Weiach ein fröhliches Bild von Hochfelden mit einem leuchtenden Rapsfeld zu sehen und Weiach selber hat das Motiv zu einem in warmen Farben gehaltenen Bild des Dorfes mit der Kirche gegeben.

Neben Oelbildern zeigt Fritz Schmid noch Zeichnungen vor allem aus Weiachs Umgebung, in denen das festgehalten ist, was die Schönheit des Unterlandes ausmacht.

Die Ausstellung ist Samstag, 5., 12. und 19. Oktober, von 14-17 Uhr, geöffnet, und Sonntag, 6., 13. und 20. Oktober, von 10-12 Uhr und von 14-17 Uhr. -f.
»

Man mag sich fragen, was Windlichter der Feuerwehr mit Romantik zu tun haben sollen - es sei denn, man würde an «Pyromantik» denken.

Zum Baujahr des Hauptteils liegen heute auch andere Erkenntnisse vor - man geht tendentiell von der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus, nicht von der Zeit um die französische Revolution herum (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 63 zur Baugeschichte).

Ansonsten gibt der Artikel ein anschauliches Bild vom damaligen Zustand kurz nach der Eröffnung. Interessant ist insbesondere, dass damals schon entschieden war, den oberen Stock nicht zur Mietwohnung auszubauen - und so das ganze Gebäude als Museum zu nutzen. Ein Entscheid, der mit Sicherheit ebenfalls wesentlich zum Erfolg beigetragen hat. Eine reine Chronikstube im Erdgeschoss wäre wohl nicht so gut angekommen. Die drei Räume im Obergeschoss und der Estrich hingegen werden als Ausstellungsflächen Jahr für Jahr in neuer Weise genutzt.

Wenn man die aktuelle rasend schnelle Entwicklung Weiachs zur verstädternden Agglomerationsgemeinde mit vielen Schlafwaben, hoher Fluktuation und hohem Ausländeranteil vor Augen hat, dann wird der Bezug zu den alten Wurzeln noch wichtiger als zuvor.

Das Museumskonzept kann wohl noch Jahrzehnte beibehalten werden. «Auf die nächsten 50 Jahre!», kann man da nur sagen.

Quelle
  • Altes und Modernes im Ortsmuseum Weiach, dem «Liebert-Haus». Ausstellung Fritz Schmid in der «Galerie Liebert». In: Neues Bülacher Tagblatt, Nr. 232, 5. Oktober 1968.

Mittwoch, 25. Juli 2018

Wie liefert man 28 3/4 Eier? Partizipationsscheine anno dazumal

Am 14. Februar 1610 tauschte «Heinerich Werdmüller der elter, burger zu Zurich» seine zwei Grund- und Bodenzinse von 5 Mütt ein Viertel Kernen, ein Fasnachthuhn, zwei Herbsthühner und 60 Eier vom Hof, genannt «des Pfiffers güetter» zu Weyach, und von vier Mütt minder drei Mässli Kernen, 9½ Viertel Haber, 19 Zürcher Schilling, zwei Herbsthühner, ein Fastnachthuhn und 28¾ Eier vom Meierhof zu Weyach mit Schultheiss und Rat von Kaiserstuhl gegen eine andere Kernengült. (Vgl. Aargauer Urkunden, Band XIII, Die Urkunden des Stadtarchivs Kaiserstuhl, Nr. 368.)

Hinweis auf eine Teilung?

Da ging es also um einen Handel mit Partizipationsscheinen zwischen einem Wohlhabenden aus der Stadt Zürich und der Stadt Kaiserstuhl als Gemeinde. Denn eine Gült war eine Schuldverschreibung, d.h. ein Wertpapier, das untrennbar mit dem Grundstück, auf das es ausgestellt wurde, verbunden war - und nicht etwa mit dem jeweiligen Eigentümer oder Pächter (Vgl. Brandenberger, U.: Eine Gült wechselt die Hand. Der Bauernhof der Familie Ringli – vor 600 Jahren eine Kapitalanlage. Weiacher Geschichte(n) 112. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, März 2009 – S. 10-12.).

Was hat es mit dieser seltsamen Zahl 28 ¾ auf sich? Die Stückelung von Partizipationsscheinen kann bekanntlich frei gewählt werden. Und diese Zahl könnte ein Hinweis darauf sein, dass es sich  bei dieser auf dem «Meierhof zu Weyach» lastenden Kernengült um eine von vier gleichlautenden Gülten gehandelt hat. Die zweimalige Verdoppelung ergibt nämlich eine gerade Zahl: 115 Eier.

Je nachdem wie alt die Gült zu diesem Zeitpunkt bereits war, entsprach dieser Viertel vielleicht tatsächlich noch einem der vier Bauernhöfe zu dem der einstige Meierhof aufgeteilt wurde. Oder bereits mehreren solcher Wirtschaftseinheiten. Den Rechteinhabern konnte das egal sein, denn das Inkasso war nicht ihr Problem.

Das Problem des Tragers

Für das Einkassieren des Coupons, also des in der Gült erwähnten Zinses, wandte sich der jeweilige Inhaber der Gült an den sogenannten Trager. Der war für's Einkassieren der fälligen Erträge zuständig (und haftbar). Damit lösten die Grundherren das Problem, dass immer häufiger ehemals grosse Einheiten (mit oder ohne ihr Einverständnis) durch Erbteilung zerstückelt wurden. In diesem Fall musste der Trager dann eben 4 x 28 ¾ Eier (oder deren Gegenwert) einsammeln.

Und wie soll man nun die in der zweiten Gült genannten ¾ eines Eies abliefern? Aus dieser Schwierigkeit ergibt sich, dass diese Eier zumindest entsprechend monetarisiert bzw. in andere Sachwerte umgerechnet wurden. Je näher wir unserer heutigen Zeit kommen, wurden die Zinsen solcher Gülten jeweils in eine Geldschuld umgewandelt.

Mütt, Viertel, Mässli?

Wer sich mit der Frage befassen will, welche Grössenordnung die obgenannten Getreidehohlmasse Mütt, Viertel und Mässli hatten, der sei auf das Historische Lexikon der Schweiz (e-HLS) und dort auf die Artikel von Anne-Marie Dubler verwiesen, so z.B. Dubler, A.-M.: Artikel Mässli. Historisches Lexikon der Schweiz (Stand 29.10.2009).

Da Masse, Gewichte und Geldeinheiten vor 1877 eine höchst lokal geprägte Angelegenheit waren und daher bspw. ein Mütt je nach Zeitraum und Landesgegend sehr unterschiedlich viel fassen konnte, müssen alle Umrechnungsergebnisse mit grösster Vorsicht behandelt werden. Gerade bei solchen Wertpapier-Tauschgeschäften mit Gülten wie dem von 1610, wo Erstellungsjahr und Ausstellungsort der Gülten nicht genannt sind, kann man lediglich von Bandbreiten ausgehen, vgl. dazu Wiachiana Dokumentation Nr. 2: Masse und Gewichte im alten Weiach.

[Veröffentlicht am 8. November 2018 um 10:59 MEZ]

Freitag, 13. Juli 2018

Ortsmuseum Weiach vor 50 Jahren eröffnet

Heute vor 50 Jahren hat unser Ortsmuseum zum ersten Mal seine Türen für das interessierte Publikum geöffnet. Im Eröffnungsjahr sind in zürcherischen Zeitungen mindestens fünf Artikel erschienen, die in der Zeitungsartikelsammlung des Staatsarchivs des Kantons Zürich verfügbar sind (StAZH III Pz Weiach):

  • Furrer, G.: Das Ortsmuseum Weiach stellt sich vor. In: Zürichbieter, 13. Juli 1968.
  • Furrer, G.: Eröffnung des Ortsmuseums Weiach. In: Zürichbieter, 18. Juli 1968.
  • Furrer, G.: Ein Weiacher Ortsmuseum. In: Neue Zürcher Zeitung, Mittwoch, 24. Juli 1968, Mittagausgabe Nr. 450 – S. 3.
  • Altes und Modernes im Ortsmuseum Weiach, dem «Liebert-Haus. Ausstellung Fritz Schmid in der «Galerie Liebert». In: Neues Bülacher Tagblatt, Nr. 232, 5. Oktober 1968.
  • Ortsmuseum und Galerie Weiach unter einem Dach. In: Tages-Anzeiger, 11. Okt. 1968.

Aus diesen greifen wir den NZZ-Artikel heraus, der damals in der Mittagausgabe (!) erschienen ist. Man stelle sich das einmal vor: drei Ausgaben pro Tag! Die Autorin, Gertrud Furrer, hat bereits 1967 im Zürichbieter über die Kirchenrenovation und den damit verbundenen Dokumentenfund in der Turmkugel berichtet (Zürichbieter, 8. August 1967).



«Bülach, 16. Juli. G. F. Nach jahrelangen Vorbereitungsarbeiten konnte am 13. und 14. Juli das Ortsmuseum Weiach der Bevölkerung vorgestellt werden. Noch kann die Sammlung keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben, doch verband die Kommission für das Ortsmuseum mit der ersten Besichtigung den Wunsch und die Hoffnung, aus Kreisen der Bevölkerung all das zu erhalten, was noch fehlt, um das Museum zu einer Quelle des Studiums von Weiachs Vergangenheit zu machen.

Das Haus, eines der ältesten Gebäude im Oberdorf von Weiach, konnte im Jahre 1966 durch die Gemeinde erworben werden. In unzähligen Frondienststunden wurde es im Innern soweit renoviert, daß die gesammelten Gegenstände ausgestellt werden können. Aus der ehemals rauchgeschwärzten Küche und den vernachlässigten Zimmern sind wohnliche Räume geworden, die zum Teil schon möbliert sind. Auf dem Bord in der Küche sind verschiedene Haushaltsgeräte aufgestellt. Der geschweifte Herd ist mit Kupferpfannen bestückt; neben dem Backofen stehen Geräte zum Brotbacken. In der Schlafkammer befinden sich Betten, Kleidungsstücke und Windlichter. Die Wand eines schmalen Gangs zieren Fruchtsäcke, landwirtschaftliche Geräte, ein Kuhjoch und vieles mehr. Auch der Tüchel aus Föhrenholz, Teil einer früheren Wasserleitung, der bei Grabarbeiten zum Vorschein gekommen ist, hat hier Platz gefunden.

In der Wohnstube befindet sich eine Sammlung alter Schriftstücke, unter anderem auch jene aus der Turmkugel, die bei der Renovation entdeckt wurden. Alt Lehrer W. Zollinger, Präsident der Ortsmuseums-Kommission, hat sie bereits ausgewertet. Anläßlich der offiziellen Eröffnung dankte er dem Gemeinderat von Weiach für den weitsichtigen Kauf des Liebert-Hauses, das als Ortsmuseum der jungen Generation vor Augen führen soll, wie es in früheren Jahrhunderten im Dorf ausgesehen hat. Gemeindepräsident Ernst Baumgartner sprach der Kommission im Namen der Gemeinde für ihre unermüdliche Sammeltätigkeit und die glückliche Renovation der Räume den herzlichsten Dank aus.

Viele Bewohner Weiachs haben dem Museum bereits einen Besuch abgestattet. Auch der Platz vor dem Haus war in die Ausstellung miteinbezogen worden. Hier standen drei alte Zifferblätter der Weiacher Kirche, die bei Restaurierungen entfernt worden waren, eine prächtige Kutsche, eine Sämaschine und eine Windfegemaschine, mit der die Spreu vom Weizen getrennt wurde. Ein halbfertiger Mühlstein, beim Straßenbau ans Tageslicht befördert, hat auf dem Hausplatz seinen festen Standort.

Nachdem das Ortsmuseum gewissermaßen offiziell aus der Taufe gehoben worden ist, werden die Schriften und Dokumente zur Restaurierung nach Zürich gegeben. Später hofft die Kommission, das Museum an einem bestimmten Sonntag im Monat regelmäßig öffnen zu können. Bis dahin wird die Sammlung wohl wesentlich erweitert sein.
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Der im Februar 1967 von der Ortsmuseumskommission per Rundschreiben verbreitete Aufruf zur Mitarbeit am Ortsmuseum Weiach (vgl. WeiachBlog Nr. 1336 v. 1. Februar 2017) hatte erste Früchte getragen. Wie man den Zeilen Furrers ebenso entnehmen kann, ist das Ziel, das mit dem Ortsmuseum verfolgt werden sollte, heute nach wie vor dasselbe wie zu Gründungszeiten.

Nur die etwas zu ambitionierte Vorstellung, das Museum einmal pro Monat den Besuchern öffnen zu wollen, ist aufgegeben worden. Und das völlig zu Recht. Denn wie soll man die Besucher anlocken, wenn nicht regelmässig etwas Neues geboten und gezeigt wird. Die dem Leben früherer Zeiten nahen Themen, die Jahr für Jahr mit Liebe zum Detail kuratiert wurden und werden, machen den speziellen Charakter unseres Ortsmuseums aus. Sie sind das Erfolgsrezept, das sich wie ein roter Faden durch ein halbes Jahrhundert zieht.

Ebenfalls von Anbeginn an sind Kunstausstellungen, Vorführungen alten Handwerks in Feld, Wald und Küche ausgerichtet worden. In den letzten Jahren sind Stubeten hinzugekommen, für die das Ortsmuseum auch ausserhalb der traditionellen, herbstlichen Themenausstellung geöffnet wird: Museumskafi, Museumsfondue, Musikdarbietungen, Geschichtenerzähler, etc.

Dazu kommt 2017 und 2018 ein mehrteiliger Kurs im Weidenflechten. Er beginnt Anfang Januar mit Weidenschneiden rund um Weiach, führt über das Weidenputzen im Februar bis zu den Flechtarbeiten im Ortsmuseum im Monat Mai.

[Veröffentlicht am 31. August 2018 um 20:30 MESZ]

Samstag, 30. Juni 2018

Wie es zur Bezeichnung «Chälenpack» kam

Nach dem Bauboom der letzten Jahrzehnte kann man sich ohne alte Karten und Fotografien kaum mehr vorstellen, wie Weiach früher ausgesehen hat.

Das heute durch die Schulanlage Hofwies belegte Areal inmitten des Dorfes war früher wirklich noch eine obstbaumbestandene Wiese («Hofwiese»), eine Art Pufferzone zwischen der westlich gelegenen Chälen (auf das Sagibachtal ausgerichtet) und dem östlich davon liegenden, auf den Mülibach und die Passage über Raat, Schüpfheim und Stadel nach Zürich ausgerichteten Oberdorf (dazu zählt teilweise auch das Büel, wo seit 1706 die Kirche steht).

Gibt es zwei Weiach oder nur eines?

In der Urkunde vom 8. Februar 1295 (StAZH C II 6, Nr. 466), die dem Fürstbischof von Konstanz die Niedergerichtsrechte über Weiach zuerkennt, kommt der Ortsbezeichnung Wiach gleich eine zweifache Funktion zu. Da ist die Rede von Rechten in einer «curie villicatus dicte Wiach, site prope Kaiserstůl» sowie solchen «in villa Wiach». Dies veranlasste den Historiker Konrad Wanner anfangs der 80er Jahre zu der These, es habe sozusagen zwei Wiach gegeben, zwei dicht beieinander liegende, jedoch rechtlich voneinander geschiedene Rechtsbereiche (vgl. Wanner, K.: Siedlungen, Kontinuität und Wüstungen im nördlichen Kanton Zürich (9.–15. Jh.). Zürich 1984.).

Wie wir aus der Abschrift der St. Blasianischen Urkunde vom 19. Juni 1279 wissen, war das Grundstück namens Cholun «situm in villa Wiach», also im Dorf Weiach gelegen. Da gibt es also keine Zweiteilung. Die Chälen gehört zum Dorf Weiach. Dies ist jedoch eine reine Kaufurkunde über Liegenschaften, sie betrifft keine gerichtsherrlichen Rechtstitel wie die Urkunde von 1295.

Hat die 1295 angedeutete, in späteren Dokumenten jedoch nicht mehr auftauchende Zweiteilung in Meierhof und Dorf die Grundlage für die bei einigen alteingesessenen Weiachern bis heute ausgeprägte Unterscheidung zwischen «denen aus der Chälen» und «denen aus dem Oberdorf» geliefert? (Für die Zweiteilung vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 52, vgl. Quellen)

Eher unwahrscheinlich. Dass Oberdorf und Chälen in der Wahrnehmung der Einheimischen nicht nur zwei klar gesonderte Bereiche bildeten, sondern auch ihre Bewohner sich klar voneinander abgrenz(t)en, hat seinen Ursprung doch eher in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Nachstehend meine Hypothese, die bereits als Anmerkung 39 in die 5. Auflage, Ausgabe Dezember 2017 der Monographie «Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» Eingang gefunden hat (Fussnote 71 in der 6. Aufl., Ausgabe Juli 2018).

Woher kommen die vielen Taubstummen und Kropfträger?

Zwischen 1840 und 1855 wurde Weiach als Negativbeispiel in den medizinischen Fachzeitschriften halb Europas herumgereicht (vgl. WeiachBlog Nr. 103 und 104, s. Quellen), weil in der Chälen überproportional viele Taubstumme, Schwachsinnige, Kretins und Leute mit einem Kropf wohnten.

Natürlich wurde in den Fachblättern auch über die Ursachen für diese auffällige Häufung diskutiert. War die Beschaffenheit des Wassers dafür verantwortlich? Waren es die Trinkgewohnheiten der Bewohner? Oder doch die Wohnverhältnisse in den oft nicht unterkellerten Gebäuden entlang des noch nicht unter den Boden verbannten Sagibaches? An Genetik dachte in den Zeiten vor der Anerkennung der Vererbungslehre nach Gregor Mendel noch kaum jemand. Und so kam es, dass einige Herren Doktores die Ursache in den sozialen Verhältnissen selbst verorteten:

«Auch zählt dieser Theil von Weiach [Anm. d. Verf.: die Chälen] nach demselben Berichte meistens nur arme und dürftige Bewohner, bei denen eine oft ans Ekelhafte grenzende Unreinlichkeit herrscht.» (Meyer-Ahrens 1845).

Zum grossen Ärger der Weiacher aus dem Oberdorf kam der, wohl in diesen Jahren entstandene, im aktuellen Sprachgebrauch wieder verschwundene Übername «Weycher Chröpf» auf, der den Weiachern in den umliegenden Gemeinden angeheftet wurde (analog zum heute noch gebräuchlichen «Bachser Igel» für Einwohner von Bachs; vgl. Sutermeister 1869).

Es ist klar, dass die honorablen Oberdörfler sich darüber ärgerten, mit diesen Unterschichtlern in einen Topf geworfen zu werden. Und weil man nicht wusste, wo die Neigung zu Kröpfen herrührt, dürften wohl auch viele den Kontakt zu den mit Kröpfen belasteten Einwohnern gemieden haben. Das könnte ja ansteckend sein.

Auswirkungen im 20. Jahrhundert

Mit dieser alten Angelegenheit aus der Mitte des 19. Jahrhundert könnte man erklären, weshalb die Oberdörfler noch vor wenigen Jahrzehnten nicht mit dem «Chälenpack» in der gleichen Schulbank sitzen wollten (Erinnerungen der Kinder von Emma Erb-Saller, ehemals wohnhaft Oberdorfstrasse 1, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 72).

Man könnte sich auch einen Reim darauf machen, wieso sich der Verfasser dieser Zeilen selber in den 70er-Jahren (zusammen mit anderen in der Chälen wohnhaften Primarschülern) im Raum Hofwiese mit den Oberdörflern Scharmützel mit Holzschwertern u. dgl. geliefert hat. Und das ganz selbstverständlich und unhinterfragt.

Schliesslich passt dazu auch die Erfahrung des Weiacher Gemeindeschreibers Peter Wunderli. Erst nach dem Umzug ins Oberdorf «konnte» ihn ein älterer Oberdörfler duzen.

Quellen
  • Dr. Meyer-Ahrens in Häsers Archiv der gesammten Medicin, 1845 – S. 526; vgl. WeiachTweet Nr. 286, 27. Dezember 2016)
  • Sutermeister, O.: Die schweizerischen sprichwörter der gegenwart in ausgewählter sammlung. Verlag J. J. Christen, 1869 - S. 51.
  • UBZH Nr. 1736. 19. Juni 1279. In: Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich. Band 5 (1900/01) – S. 81.
  • UBZH Nr. 2323. 8. Februar 1295. In: Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, Band 6 (1903) – S. 289.
  • Brandenberger, U.: Im Hochmittelalter gab es zwei Wiach. Was die Chälen vom Dorf trennte. Weiacher Geschichte(n) Nr. 52. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), März 2004 – S. 14-16.
  • Brandenberger, U.: Les Français peints par eux-mêmes. WeiachBlog Nr. 103, 15. Februar 2006
  • Brandenberger, U.: The North British Review. WeiachBlog Nr. 104, 16. Februar 2006
[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 23:27 MESZ]

Dienstag, 22. Mai 2018

Gemeindepräsident Lenisa im Interview, Mai 1983

In den ersten Jahren der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» (MGW) erschien «Unter uns», eine Interviewserie mit Personen des öffentlichen Interesses aus unserem Dorf (vgl. den Einführungsartikel WeiachBlog Nr. 784 vom 5. März 2010).

Dem letzten Interview (mit dem in Weiach stationierten Kantonspolizisten, erschienen am 6. März 2010) folgt nachstehend das erste Interview der Reihe.

Befragt wurde Mauro Lenisa, der Begründer der MGW und erste Gemeindepräsident von Weiach, der nicht von Geburt weg Gemeindebürger war. Lenisa wurde damit quasi zum Trendsetter, denn seit seiner Amtszeit ist das Präsidentenamt bis auf eine Ausnahme (Paul Willi) immer von Hierhergezogenen bekleidet worden, die gleich ihm bei Amtsantritt das Bürgerrecht erhielten.

Lesen Sie, was die Lokalpolitik damals vor 35 Jahren umgetrieben hat:

UNTER UNS...

In lockerer Folge wird auf dieser Seite berichtet werden aus unserer Gemeinde.

Heute z.B. über
Herrn Mauro Lenisa
Gemeindepräsident

23. Mai 1983
R. Brandenberger

R.B. - Herr Lenisa, wie kommt jemand mit Berner Mundart und einem italienischen oder romanischen Namen in eine Zürcher Gemeinde?

M.L. - Ich bin Berner Bürger und dort aufgewachsen - daher das Berndeutsch. ich kann aber auch Zürichdeutsch, wenn es gewünscht wird! Die Herkunft meines Namens wird noch von der Heraldischen Gesellschaft abgeklärt; das Wappen weist eher nach Norditalien. - In Bern machte ich den Abschluss als Elektroniker, kam dann nach Zürich zur Swissair und absolvierte noch das Abendtechnikum. Anstatt eines kleineren älteren Heimwesens mit Umschwung fanden wir hier schliesslich Bauland und eine neue Heimat. Nach Amtsantritt habe ich noch das Weiacher Bürgerrecht bekommen und bin sehr stolz darauf!

R.B. - Seit etwas mehr als einem Jahr sind Sie nun Gemeindepräsident. Würden Sie immer noch Ja sagen, wenn man sie nochmals anfragen würde, oder müssten Sie sich geraume Bedenkzeit erbitten?

M.L. - Ich würde ganz sicher wieder Ja sagen. Dieses Amt ist etwas vom Interessantesten und Erlebnisreichsten, was ich schon je getan habe. Es ist anregend der vielen Bereiche wegen, mit denen ich mich jetzt beschäftigen muss.

R.B. - Danke! Das hört man heutzutage nicht oft. Und für uns ist es ein grosser Vorteil!

M.L. - Ich weiss nicht...

R.B. - Doch, sicher! Eine positive Einstellung und Freude an der Arbeit beeinflusst doch immer deren Qualität und Ergebnis! -- Betrachten Sie die Tatsache, dass Sie im Dorf relativ "neu" sind, als Vorteil oder als Nachteil?

M.L. - Als Vorteil. Ich bin weniger an gewisse Randbedingungen gebunden. Bedürfnisse kann ich aus der Gemeinde heraushören, aber im Gemeinderat doch so entscheiden, wie ich es für richtig halte. Beispiel: hätte ich auch eigenes Land, wäre die Melioration für mich auch schwieriger. Ich kann auch Dinge aufgreifen, die für die Leute im Dorf längst selbstverständlich geworden sind, an die sie deshalb gar nicht mehr denken.

R.B. - In letzter Zeit denke ich oft, hätte ich doch nur besser gelernt auf der Schreibmaschine zu schreiben. Bringt Sie Ihre jetzige Situation auch auf ähnliche Gedanken?

M.L. - Das Maschinenschreiben ist für mich gottlob kein Problem, denn erstens habe ich eine Frau, die es gut kann, und zweitens eine Kanzlei, die sofort alles zackig erledigt. Als politischer "Nicht-Profi" kann ich natürlich nicht auf allen Gebieten "in" sein; dafür gibt es aber Kurse, z.B. über Nutzungsplanung und Bauwesen, über die Finanzen. Keine Kurse existieren über Melioration, dafür sehr viel Literatur. Der kantonale Gemeindepräsidentenverband organisiert sehr aktiv in eigener Regie Kurse ganz verschiedener Art, z.B. über das Leiten komplizierter Gemeindeversammlungen.

R.B. - Besteht vom Staat her ein Angebot an Kurs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für Gemeindeväter und Gemeinderäte?

M.L. - Eigentlich nicht; Zürich hat zwei Schulen, ferner die Handelshochschule St. Gallen (für finanzielle Belange), die regelmässig ihr Angebot präsentieren.

R.B. - Sind Sie der Ansicht, unsere staatsbürgerliche Ausbildung im Laufe verschiedener Schulen (inkl. RS) sei genügend?

M.L. - Nein, eindeutig nicht. Da Sie die RS erwähnen: Gerade dort liesse sich in dieser Hinsicht viel mehr bieten. Zu diesem Thema habe ich schon viel Material gesammelt und habe vor, künftig im Gemeindeblatt periodisch zu informieren über verschiedene staatsbürgerliche Einrichtungen.

R.B. - Wahrscheinlich ist es fast unmöglich, Ihre zeitliche Belastung durch die Gemeinde genau anzugeben. Wie liesse sich das umschreiben?

M.L. - Da sind zunächst die fixen Daten: Jeden 2. Dienstag Gemeinderatsitzung, mit Protokoll, Beschlüssen und Anträgen, dazu meist jede Woche am Montag Vorbereitungssitzung (ohne Protokoll und Beschlüsse) zur Information, Diskussion und Meinungsbildung. Ferner Kommissionsarbeiten und -sitzungen. Also: tägliches Arbeitspensum 3-4 Std. Ich achte darauf, nach Möglichkeit den Freitagabend frei zu haben. Samstag- und Sonntagmorgen sind meistens für Büroarbeiten, nachmittags frei; es sei denn, ich sei beansprucht von behördlichen Anlässen.

R.B. - Könnten Sie sich vorstellen, dass allenfalls [Ihre] Kinder unter Ihrem Amt zu leiden hätten? Und Ihre Frau?

M.L. - Ich glaube nicht, dass meine Frau unter dem Amt zu leiden hat - so schlimm ist es noch nicht! Ich glaube, auch die Kinder müssten es nicht, da ich ja mittags meistens heimkomme und abends erst an Sitzungen muss, wenn die Kinder ohnehin ins Bett müssen.

R.B. - Wenn Sie Zeit haben für sich, für ein Hobby - für welches dann?

M.L. - Da sind zunächst einmal verschiedene Hausvaterpflichten, z.B. Gartenarbeiten. Dann bin ich Mitglied des Schiessvereins; ich gehe auch ab und zu fischen. Neben Weiterbildung bleibt auch etwa Zeit für ein Konzert (klassische Musik). Walter Minder und ich haben schon an Quartalskonzerte in der Kirche gedacht, bei denen man z.B. Musikstudenten Konzertmöglichkeiten anbieten könnte. Bedenken habe ich etwas vom Interesse her; versuchen können wir es ja trotzdem einmal!

R.B. - Wieder zurück zu den Amtsgeschäften: Von mir aus gesehen dürften die Nagra, die Melioration und der Zonenplan Ihre grössten Sorgen sein. Und von Ihnen aus?

M.L. - Von mir aus auch. Der Prioritätenplan sieht so aus: 1. Nagra, 2. Melioration, 3. Nutzungsplan. 

Die Melioration ist nun gerade an erster Stelle, da die beschlussfassende Versammlung unmittelbar bevorsteht. Beim Nutzungsplan sind zuerst die Probleme der zukünftigen Landwirte zu überdenken, vor allem jener Jungbauern, die in der Kernzone wohnen, oder Landwirtschaftlich genutztes Land innerhalb der Bauzone besitzen, und deshalb durch das Erbrecht, beim Generationenwechsel, die Gefahr des Aufgebens des Betriebes besteht.

Bei der Nagra ist das Hauptproblem, dass so schnell wie möglich wieder alles abgeräumt und normalisiert wird. (D.h. bis auf jene 1-2 m2, wo die Uni und die ETH noch ihre Messungen vornehmen wollen).

R.B. - Besteht ein Zeitplan?

M.L. -  Jawohl. Da die Granitschichten ca. 500 m tiefer liegen, geht die Bohrung schneller voran. Da wir bereits gut die Hälfte der Bohrung erreicht haben, könnte sie vermutlich im September fertig sein.

R.B. - Dann wird sofort abgeräumt?

M.L. - Ich hoffe es; das muss an der nächsten Sitzung der Aufsichtskommission abgeklärt werden. Das Bohrwerk kommt ohnehin sofort weg, da es andernorts wieder gebraucht wird.

R.B. - Sie sagten, Aufsichtsbehörde. Wie setzt sich diese zusammen?

M.L. - Sie ist vom Bundesrat bestimmt worden und wird auch von ihm beaufsichtigt. Sie besteht aus Vertretern der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen, Bundesamt für Energiewirtschaft, Sektion Grundwasserschutz Bundesamt für Umweltschutz, Eidg. Fachkommission für die Nutzung geothermischer Energie Institut für Geophysik ETH Hönggerberg, Sektion III der Schweiz. Naturforschenden Gesellschaft, Leiter der Abteilung für Energiewirtschaft und öffentlicher Verkehr, Direktion der Volkswirtschaft des Kantons Zürich und dem Gemeinderat K. Griesser und ich. Weitere Teilnehmer werden nach Bedarf eingeladen. Diese Sitzungen sind in der Regel monatlich.
Im September wird der Gemeinderat nach Bern reisen. Wir konnten mit Herrn Bundesrat Schlumpf ein Treffen vereinbaren. Unter Anderem werden wir auch das Thema Energiepolitik anschneiden.

R.B. - Das tönt tatsächlich beruhigend: sozusagen postwendend Antwort aus dem Bundeshaus! -- Zum Schluss noch einige kleinere Fragen: Es ist bedauerlich und beschämend, dass seinerzeit versäumt wurde, unseren alten Presi öffentlich, mit allen Ehren zu verabschieden und ihm wenigstens symbolisch für die vielen Jahre treuer, grosser Arbeit zu danken. Ich erinnere mich nämlich, dass es seinerzeit binnen Stunden möglich war beispielsweise, für einen kaum flüggen Sportler ein Freudenfest zu organisieren... Das heisst nichts gegen den Sportler!

M.L. - Der Gemeinderat hat die Arbeit des alten Präsidenten gewürdigt und ihm jenes Bild geschenkt als anerkennendes Andenken, das er sich schon lange gewünscht hatte.

R.B. - Werden die beiden kleinen Weiher links und rechts der Raater Strasse tatsächlich trockengelegt? Und der Radweg bis hinauf nach Raat?

M.L. - Beide Weiher sind in Privatbesitz. Aus Haftpflichtgründen (Schadenforderungen) hat der Besitzer das Wasserrecht löschen lassen. Den unteren kleineren Weiher möchte der Gemeinderat auf alle Fälle erhalten. Es muss nun erst der Meliorationsentscheid abgewartet werden. ev. könnte die Gemeinde beide Mühliweiher erwerben und sanieren, aber das gäbe eine teure, umfangreiche Aktion. 

Ähnlich liegt das Problem beim Sagiweiher; eine Kommission klärt nun die Möglichkeiten ab, damit der Weiher ev. auch öffentlich zugänglich gemacht werden könnte. Diese Kommission stellt dann einen Antrag an den Gemeinderat. 

Aus Kostengründen wurde seinerzeit auch von einer Sanierung des alten Schwimmbades abgesehen; ich sähe jedoch die Möglichkeit, dass die geplante Schwimmbadanlage unter der Turnhalle entweder zu einem Saale und das Becken zu einem Zivilschutzraum (Lagerraum für Notverpflegung, Trinkwasser, Kommandozentrale) oder aber zum Sommer-Hallenschwimmbad würde, wenn die Fensterfront geöffnet und die Wiese davor benützt werden könnte.

Was den Radweg entlang der Stadlerstrasse betrifft, so wurde dieser anlässlich der Richtplanung festgelegt. Die Projektierung ist Sache des Kantons, ebenfalls der Landerwerb. Eine elegante Lösung wäre via Melioration, da hier auf Realersatz plädiert werden könnte!

R.B. - Welches war in Ihrem Amte bisher das schönste Erlebnis?

M.L. - Die Einweihung des Krankenheims in Dielsdorf: sie hat mich sehr gefreut und beeindruckt. Vor allem jene alten Frauen (z.T. in Rollstühlen), die zusammen noch ein Liedlein gesungen haben! - erfreulich ist auch immer wieder der Kontakt im Dorfe, obwohl meist Probleme dazu Anlass geben. - Schön und sehr eindrücklich war jener Besuch im grossen Gemeindewald mit dem Ober- und Gemeindeförster und die Feststellung, dass unser Förster sozusagen jeden Baum kennt und von ihm etwas zu berichten weiss! Einziger Nachteil: unser Wald ist überaltert. Das z.T. da oft die Besitzer jener Waldparzellen auch zur älteren Generation zählen und somit ihren Besitz unmöglich noch pflegen können. Bestünde hier nicht die Möglichkeit, dass Einwohner ohne Waldbesitz (aber Brennholz brauchen) bei jenen älteren Waldbesitzern Holz kaufen und holen würden? Dann wäre allen 3en geholfen: dem Wald, dem Besitzer, und jenem, der Brennholz braucht! Me müessti eifach rede mitenand...

R.B. - ... und im Gemeindeblatt kommt eine entsprechende Anregung! - 

M.L. - Damit wären wir auch beim schlechten Erlebnis: die schlechte Stimmbeteiligung. Beim letzten Wahlbericht habe ich oben eine persönliche "Widmung" angebracht; ich weiss nur nicht, ob sie auch beachtet wurde ...

R.B. - Sie würden also sagen, grössere Stimmbeteiligung sei Ihr grösster Wunsch an unsere Gemeinde?

M.L. - Ja, sicher, rede mitenand, guter Dorfgeist, und aktivere Stimmbeteiligung! - 

Quelle
  • Brandenberger, R.: Unter uns... Mauro Lenisa, Gemeindepräsident. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juni 1983 – S. 29-32.

Montag, 30. April 2018

Erste oder zweite Auflage der «Chronik Weiach»?

Das unten abgebildete Büchlein wird von den Weiachern nach seinem Rückentitel auch als «Chronik» bezeichnet. Viele wissen nicht, dass es zwei Auflagen gibt. Rein vom Äusserlichen her ist es schwierig, diese zwei Auflagen voneinander zu unterscheiden. Dieser Beitrag erklärt, wo die Unterschiede liegen.

Die beiden ersten Auflagen der ersten – und bisher einzigen – mit Hardcover versehenen Monographie zur Geschichte der Gemeinde Weiach wurden 1972 bzw. 1984 publiziert: «Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. (Chronik Weiach. 1271-1971). Hrsg.: Gemeinderat Weiach. 1. Auflage 1972; 2., ergänzte Auflage 1984» ist eine mögliche bibliographische Angabe.



Beide Auflagen sind – nach so langer Zeit wenig verwunderlich – nur noch antiquarisch erhältlich. Das abgebildete Exemplar beim Antiquariat Heinz Ballmert in Krauchenwies (Baden-Württemberg, Deutschland). Handelt es sich da um die erste oder die zweite Auflage?

Zweite Auflage mit eingefaltetem Planblatt

Die 2. Auflage ist fast textgleich mit der 1. Auflage und unterscheidet sich rein äusserlich durch nichts von ihr. Man erkennt die zweite Auflage am angereicherten Inhalt: über das Buch verteilt sind Zeichnungen von Hans Rutschmann sowie drei weitere Luftaufnahmen eingefügt worden. Vor dem hinteren Umschlag gibt es zudem einen eingefalteten Übersichtsplan der Gemeinde (1:5000) sowie einen Ausschnitt des Dorfkerns.


Aufgrund dieser Angaben war das Antiquariat Ballmert in der Lage, festzustellen, dass es sich beim oben abgebildeten Exemplar um die 2. Auflage handelt. Entsprechend ist auch der Eintrag auf zvab.com angepasst worden.

Nur indirekte Angaben im Buch selber

Wie die erste Auflage, so weist auch die zweite, erweiterte Auflage nur indirekte Angaben zum Erscheinungsjahr auf. Aber beide dieselben. Nämlich die - irreführende - Angabe «Dielsdorf, an Ostern 1971» (vgl. S. 8 sowie WeiachBlog Nr. 19):



Bibliothekaren und Antiquaren blieb daher bis vor wenigen Jahren nur die naheliegende Annahme, dass es a) nur eine Auflage gebe und b) diese 1971 publiziert worden sei.

In diese Richtung geht auch die auf den am 16. April 2012 datierte Erklärung des Inhabers des Antiquariats Marco Pinkus in Zürich, Götz Perll auf meine Anfrage per e-mail, ob es sich bei dem feilgebotenen Exemplar um die 1. oder die 2. Auflage handle (Perll verfügte über die 1. Auflage):

«Normalerweise verwenden wir für die Angabe des Erscheinungsjahr die Angabe, die auf dem Titelblatt steht oder im Impressum. Wenn an beiden Stellen keine solche Angabe gemacht wird, benützen wir ein "Hilfsjahr" und setzen das in Klammer. Im vorliegenden Fall benützten wir das am Schluss des Vorwort gesetzte Datum, eben, 1971. Hätte dort kein Datum gestanden, hätten wir, ebenfalls in Klammern gesetzt, das im Titel verwendete 1971 verwendet. Das ist nicht etwa ein von uns willkürlich gewähltes Vorgehen, sondern wird so auch von Bibliotheken und/oder Landesbibliotheken gehandhabt - es gibt hierfür genau definierte ISO-Normen, die allerdings nicht überall genau gleich konsequent eingehalten werden.

P.S. Dass die von Ihnen erwähnte zweite Auflage von 1984 weder von der Landesbibliothek noch den Zürcher Bibliotheken und der deutschen Nationalbibliothek verzeichnet wird, ist sicher darauf zurückzuführen, dass es die Gemeinde, respektive der Verlag oder die Druckerei versäumt haben, bei Erscheinen die notwendigen Exemplare dahin abzuliefern.
»

Mit diesem Postscriptum hat Perll zweifellos recht. Wobei man auch darauf verweisen muss, dass es - im Gegensatz zu Deutschland und Frankreich hierzulande bis heute keine gesetzliche Verpflichtung zur Ablieferung von Belegexemplaren an die Nationalbibliothek gibt.

Publikationsort Dielsdorf oder Weiach?

Auch denkbar - und in diesem Falle bezüglich des Jahres richtiger - wäre die Angabe «Dielsdorf o.J.» für Druckort und Erscheinungsjahr gewesen, wie sie von der Kantonalen Denkmalpflege in ihrem 9. Bericht verwendet wurde («Literatur: W. Zollinger, 1271–1971 Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, Dielsdorf o.J., S. 32 f.»; vgl. Quellen), wobei man sich auch über die korrekte Ortsangabe streiten kann. Gilt der Sitz des Herausgebers, d.h. der Gemeinderatskanzlei, dann wäre es Weiach. Gilt der Sitz der Druckerei Akeret, bzw. der Wohnsitz von Zollinger zum Publikationszeitpunkt, dann bleibt es Dielsdorf.

Folgt man der Darstellung im Wikipedia-Artikel Erscheinungsort, so ist die aus der Zeit der Druckerverleger (wie Froschauer in Zürich im 16. Jahrhundert) stammende Ortsangabe eigentlich ein Verlagsort (und nicht der Druckereiort). Aus diesem Grund ist ab der 3. Auflage auch konsequent der Verlagsort angegeben: 3. Auflage Weiach 2003 (Gemeindekanzlei), 4. Auflage 2004-2011 Weiach, 2012-2016 Trub (Wohnort des Verfassers und Verlegers), 5. und 6. Auflage 2017 bzw. ab 2018 Trub (Sitz des Wiachiana-Verlags).

Quellen
[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 03:10 MESZ]