Dr. rer. pol. Carsten Priebe, ein in Rafz ansässiger, äusserst geschäftstüchtiger Deutscher, hat im Frühling diesen Jahres ein Büchlein unter dem Titel «1525 – Die Schlacht im Rafzerfeld» veröffentlicht, in den regionalen Zeitungen beworben (v.a. den Schaffhauser Nachrichten) und damit ziemlichen Wirbel verursacht.
Diese letzte militärische Auseinandersetzung grösseren Ausmasses soll sich am 4. November 1525 abgespielt haben. Sie habe den Volksaufstand, der unter dem Namen Grosser Bauernkrieg in der deutsche Geschichtsschreibung bekannt ist, sozusagen beendet.
Der Fachhistoriker widerspricht
Dieser These widerspricht der ebenfalls in Rafz wohnhafte lic. phil. Thomas Neukom diametral – ebenfalls in den Schaffhauser Nachrichten. Neukom ist stellvertretender Staatsarchivar des Kantons Zürich und Autor der grossen Ortsgeschichte von Rafz (2005 erschienen; 535 S.). Er wirft Priebe einen sogenannten Grundlagenirrtum vor. Konkret: eine Verwechslung mit der Schlacht bei Griessen am selben Datum.
Basierend auf einem persönlichen Telefongespräch mit Neukom habe ich den Wikipedia-Artikel «Rafzerfeld» am 19. März 2025 mit Änderungsvermerk «Mythos "Schlacht im Rafzerfeld"» wie folgt angepasst:
«Im Bauernkrieg wurden am 4. November 1525 nordwestlich des Rafzerfelds mit 500 Rittern und 1000 Fussknechten unter dem Ritter und Hauptmann Christoph Fuchs von Fuchsberg 200 Klettgauer Bauern getötet und am gleichen Tag abends die restlichen 300 Flüchtenden in Grießen erschlagen. Für die These, dass an diesem Tag im Rafzerfeld im eigentlichen Sinne (d.h. auf dem Gebiet der Gemeinden Wasterkingen, Hüntwangen, Wil und Rafz) Kampfhandlungen stattgefunden haben, gibt es laut dem Stv. Staatsarchivar des Kantons Zürich keine urkundlichen oder chronikalischen Belege.»
Gegenschlag: Geschichtskorrektur per Wikipedia
Am 9. April 2025 hat danach ein User «Doccap67», mutmasslich ein Account von Dr. Priebe, diesen gesamten Absatz gelöscht, durch seine eigene Darstellung ersetzt und den Änderungsvermerk «Details zur Schlacht im Rafzerfeld mit Belegen korrigiert und ergänzt» gesetzt. Seither liest sich der Abschnitt wie folgt:
«Im Bauernkrieg wurden am 4. November 1525 im Rafzerfeld mit rund 500 Rittern und bis zu 1300 Fussknechten unter dem Ritter und Hauptmann Christoph Fuchs von Fuchsberg etwa 200 Klettgauer Bauern getötet. Christoph Fuchs von Fuchsberg, war am 2. November 1525 in Fützen angekommen und zog weiter nach Schleitheim mit dem Auftrag, den Klettgauer Bauernhaufen zu vernichten.[2]
Die rund 800 Bauern des Klettgauer Haufens unter der Führung von Klaus Wagner aus Grießen sammelten sich am Morgen des 4. November 1525 zum Kampf gegen Fuchs von Fuchsberg im Rafzerfeld. Hans Schweizer, der Landvogt von Eglisau, hatte deshalb die Brücken von Eglisau mit 500 Zürcher Soldaten gesperrt und gesichert. Zusammen mit den Zürcher Ratsherren Rudolf Thumysen, Hans Felix Manz und Konrad Escher beobachtete er im Auftrag der Zürcher Regierung die Schlacht im Rafzerfeld. Nachdem in den ersten Stunden des Gefechts rund 200 Bauern gefallen waren, ergriffen die übrigen die Flucht. Die Rafzerfelder Kirchenfahne wurde dabei zur Beute des Christoph Fuchs von Fuchsberg.[3] Etwa 100 aufständische Bauern verschanzten sich im Laufe des Nachmittags des 4. November 1525 im Friedhof von Grießen. Graf Rudolf V. von Sulz liess die Zürcher Beobachter nach Grießen kommen, mit dem Ziel, die Bauern im ummauerten Friedhof zur kampflosen Aufgabe zu überreden. Der Grund dafür war, dass sich viele Bauern aus dem Rafzerfeld unter den Überlebenden befanden. Die Verhandlungen blieben ergebnislos. Die gefangenen Bauern aus dem Rafzerfeld mussten schließlich wie die Klettgauer Bauern eine Strafe von 6 Gulden an den Grafen von Sulz bezahlen. Christoph Fuchs von Fuchsberg verlangte insbesondere von den Bauern in Wil (ZH) die Zahlung der Busse, da 37 Bauern von dort an der Schlacht beteiligt waren. Die Bauern weigerten sich aber, die Busse zu zahlen.[3]»
Gleichzeitig setzte User Doccap67 zwei neue Einzelnachweise (sog. references):
Anm-2: «Maurer, Hans-Martin: Bauernkrieg 1524/25. Hrsg.: Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Historischer Atlas von Baden-Württemberg: Erläuterungen 6,11. Stuttgart 1980, S.8.»
Anm-3: «Peter Schweizer: Wil. Die Geschichte eines Bauerndorfes auf dem Rafzerfeld. Wil ZH, Politische Gemeinde, Wil (ZH) 1993, S.70–73.»
Gezielte Einflussoperation
Die Virtuosität mit der Doccap67 sich im Coding der Wikipedia bewegt, deutet auf grössere Erfahrung als Autor des Online-Lexikons hin. Der Account wurde am selben Tag eingerichtet und lediglich für drei thematisch exakt zusammenpassende Artikel verwendet:
Im Artikel «Deutscher Bauernkrieg» fügte Doccap67 denselben Text ein und im Artikel «Klettgau» folgende Änderungen:
Alte Sagen und Mythen
Nun ist es allerdings unumstritten, dass man sich nicht nur im nördlichen Zürcher Unterland seit alten Zeiten erzählt, auf dem Rafzerfeld werde es dereinst eine grosse Völkerschlacht geben.
Der 1909 erschienene Band VI des Schweizerdeutschen Wörterbuchs Idiotikon legt darüber Zeugnis ab (Id. VI, Sp. 715):
[TH steht für den Thurgau, ZO für das Zürcher Oberland.] Bereits in einem Zürcher Ratsprotokoll von 1463 taucht ein Schlaghandel auf, bei dem einer der Beteiligten auf das Rafzerfeld anspielt!
Woher der Mythos kommt, ist klar: So eine grosse, flache Ebene eignet sich natürlich hervorragend für eine gigantische Aufstellung, bei der die Heerscharen aufeinanderprallen.
Diese Sage hat auch in Zeitungsartikeln en passant ihren Niederschlag gefunden. Dazu zwei über die Plattform e-newspaperarchives.ch verfügbare Quellen, die beide von einer Person mit dem Familiennamen Keller stammen.
Entgegen der patriotischen Zuversicht, die General Dufour bei der Grenzbesetzung während des Neuenburgerhandels (Dezember 1857-Frühling 1857) unter seinen Soldaten zu wecken vermochte, waren die Unterländer eher von Angst ergriffen:
«Unterdessen herrschte bei uns an der Grenze Jammer und Wehklagen; denn noch viele hatten die Folgen der Jnvasion von 1813 selbst erlebt. Manche meinten, es werde nun die Sage sich erfüllen, nach welcher auf dem Rafzerfeld noch eine Schlacht geschlagen werden soll, bei der die Soldaten bis an die Knöchel im Blute waten müssen.» (Grütlianer, 11. Dezember 1894)
Auch in den Schaffhauser Gemeinden war die Sage lebendig. Im Sommer 1930 berichtete der Berner Bund über einen Vortrag den ihr Redakteur Dr. Alfred Keller in Rüdlingen gehalten hatte. Er erzählte u.a. «vom Fels im Rhein, aus dem die Hebamme die Kinder holt; von den Saarbäumen auf dem Rafzerfeld, wo die große Schlacht stattfinden wird; [...]». (Der Bund, 12. Juni 1930)
Wie stark diese Erzählung in den Köpfen verankert ist, zeigt auch ein auch heute noch sehr lesenswertes Referat eines hohen Schweizer Offiziers: Divisionär Kurt Lipp, geboren 1935 in Wigoltingen TG und 1983-1989 Kommandant der Felddivision 7. Er schliesst seinen Vortrag mit den Worten, wenn unsere Verteidigungsbestrebungen dissuasiv – also auf einen militärischen Gegner abschreckend – wirkten, dann werde es nie eine «Panzer-Schlacht im Rafzerfeld geben mit dem nachfolgenden Zusammenbruch der weitgehend unvorbereiteten Schweizer Armee».
Quellen und Literatur
- Feuilleton. Ein Herbstausflug nach Eglisau und ins Rafzerfeld. Von Jakob Keller in Baden. [Teil 4 von 5]. In: Der Grütlianer, N° 144, 11. Dezember 1894 – S. 1.
- Volkskundliches aus Rüdlingen. In: Der Bund, 12. Juni 1930, Nr. 267 – S. 6.
- Dissuasion im Wandel der Zeit. Kurzfassung des Referats von Divisionär Kurt Lipp, Kdt F Div 7, gehalten an der 67. ordentlichen Delegiertenversammlung des Schweizerischen Fourierverbandes vom 27. April 1985 in Frauenfeld. In: Der Fourier. Offizielles Organ des Schweizerischen Fourierverbandes, Bd. 58 (1985), Heft 6, S. 211-213; Heft 7, S. 269-271.
- Priebe, C.: 1525 – Die Schlacht im Rafzerfeld. Eigenverlag (Book on Demand), 103 S., Rafz/Bretten 2025.
- Joho, A.: Klettgauer Blutbad auf Schweizer Boden. In: Schaffhauser Nachrichten / Schweiz am Wochenende, 22. Februar 2025.
- Joho, A.: Als der Deutsche Bauernkrieg auf Schweizer Boden sein Ende fand. In: shn.ch, 23. Februar 2025, 04:55.
- Neukom, Th.: Gegendarstellung. «Es gab 1525 keine ‹Schlacht im Rafzerfeld›» – Historiker widerspricht These aus neuem Buch. In: Schaffhauser Nachrichten, 13. April 2025, 09:00.
- Wagner, H. Ch.: Grießen oder Rafzerfeld: Historiker und Autor streiten über Ort der letzten Schlacht im Bauernkrieg 1525. In: Badische Zeitung, 12. Mai 2025, 10:15.
- Wagner, H. Ch.: Bauernkriegs-Kontroverse am Hochrhein – Buchautor: „Offenbar habe ich einen wunden Punkt getroffen“. In: Südkurier, 10. Juni 2025, 14:26.




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