Dienstag, 4. November 2025

Nahe Griessen spielte sich das Haupttreffen ab

Heute ist der 500. Jahrestag der Schlacht bei Griessen. Dieses mittels zeitgenössischen schriftlichen Quellen belegbare militärische Grossereignis ging in einer Distanz von 7 bis 10 Kilometern Luftlinie nördlich unseres Dorfkerns über die Weltbühne.

Im Beitrag von gestern Montag (vgl. WeiachBlog Nr. 2303) wird die Frage gestellt, ob es die Schlacht im Rafzerfeld am selben Tage vor einem halben Jahrtausend gegeben habe und am Schluss des Beitrags werden die verschiedenen Bezüge auf populäre Erzählungen über ein künftiges Gemetzel auf dieser – für unsere Verhältnisse weiten – Ebene vorgestellt.

Nein, bei uns floss das Blut nicht in Strömen!

Interessanterweise sind die Griessener offenbar bis heute der Meinung, dass das Haupttreffen dieser letzten militärischen Auseinandersetzung des Bauernkriegs 1524/25 in unserer Gegend nicht auf ihrem Gemeindegebiet, sondern im Rafzerfeld stattgefunden habe. Vgl. die Website 900 Jahre Grießen:  griessen-feiert.de (22./23. Juni 2024).

Was auf Schweizerseite eine mythische künftige Auseinandersetzung ist, sieht die deutsche Seite als jahrhundertealte Historie von der Schlacht im Rafzerfeld, mithin als zu erinnernde Geschichte.

Der zürcherische Historiker Thomas Neukom hingegen geht davon aus, es habe nur eine Schlacht bei Griessen gegeben. Er schreibt in seiner Gegendarstellung (Schaffhauser Nachrichten, 13. April 2025):

«Wer diese Schlacht als Erster irrtümlich auf dem Rafzerfeld verortete, ist nicht ganz klar. Carsten Priebe erwähnt nur die «Zinnfigurenklause im Schwabentor» in Freiburg im Breisgau. Deren Gründer und ehemaliger Leiter, Artur-Andreas Lehmann, hat im erwähnten Zinnfigurenmuseum die «Bauernschlacht auf dem Rafzer Feld im Klettgau» dargestellt und 1977 ein Heft mit einem ähnlichen Titel herausgegeben. Unklar bleibt allerdings, warum Lehmann meint, die Schlacht habe auf dem Rafzerfeld stattgefunden. In seinem Heft macht er keine Quellenangaben.»

Auch der Gründer des Zinnfigurenmuseums war nicht der erste Autor, der davon ausgeht, dass die Schlacht bei Griessen eigentlich eine grosse Schlacht im Rafzerfeld war. Und Griessen nur der Endpunkt.

Die Autoren touristischer Führer sehen den Ort der Schlacht ennet der Grenze

So äussert sich auch die lokale Populärliteratur, die im Rahmen der 900-Jahr-Feierlichkeiten des Fleckens Griessen die örtliche Historiographie offensichtlich bis heute dominiert. 

Rund anderthalb Jahrzehnte vor dem Ausgabejahr des Hefts «Bauernschlacht auf dem Rafzer Feld im Klettgau» befasste sich auch der Verfasser der touristischen Broschüre «Grießen Hochrheingebiet. Der kleine Urlaubsberater» mit den Ereignissen des 4. November 1525. [Das vom Gewerbe- und Verkehrsverein Grießen/Baden herausgegebene Heft wird vom OK 900 Jahre Grießen auf das Jahr 1963 datiert. Was zur von H. W. Grießer handgezeichneten Karte passt («HWG 12.2.63», vgl. S. 12/13).]

Die Bauern, heisst es dort auf S. 7, hätten sich nach einer Belagerung der Küssaburg und einem Waffenstillstand ins Gebiet der Herrschaft Eglisau zurückgezogen (wozu das heutige Rafzerfeld mit den Niedergerichten zweifelsfrei gehört hat), «um von dort aus mit Unterstützung der Züricher in den Klettgau einzufallen». (Textbeleg: vgl. Bild unten)

Aus der frühneuzeitlichen Sichtweise ist diese heutige politische Trennung der Rafzerfelder Gemeinden vom Klettgau eher abwegig. Denn die Rafzer, Wilemer, Hüntwanger und Wasterkinger waren damals ebenso Untertanen der Landgrafschaft Klettgau wie die Grießener, Erzinger, Jestetter oder Tiengener. Das änderte sich erst 1651, nachdem der Zürcher Stadtstaat den finanziell klammen Grafen von Sulz die Hochgerichtsbarkeit über das Rafzerfeld abgekauft hatte. Und es damit aus dem Reichsverband herausgelöst wurde. 

Es stimmt allerdings, dass die Klettgauer Bauern, die ihre Reformbegehren auf die Bibel abstützten, sich zur Reformation bekannten und hofften, von den ebenfalls reformiert gewordenen Zürchern schlagkräftige Unterstützung zu erhalten.

Der Gegner (also die Grafen von Sulz), so die Broschüre weiter, sei nicht untätig geblieben «und schickte den Bauern seine Heere entgegen». So sei es an besagtem 4. November «auf dem Rafzerfelde zu einer mörderischen Schlacht» gekommen.

Laut der Schweizer Seite kämpfte man westlich Geisslingen

In die gleiche Kategorie der Reiseliteratur kann man «Am Zürcher Rheine», das von Pfr. Albert Wild herausgebene «Taschenbuch für Eglisau und Umgebung» einordnen. Das 1883/84 in zwei Bänden erschienene Werk ist eine Kreuzung aus Heimatbuch und Touristenlektüre.

Im Zweiten Theil von 1884 vertritt «J. K. Bilger, Lehrer in Tegerfelden bei Zurzach» sozusagen die Gegenthese der Griessener. Er erwähnt eine Schlacht im Rafzerfeld im November 1525 mit keinem Wort (obwohl man das doch touristisch hervorragend ausschlachten könnte). 

Bilger zufolge fand eine Schlacht bei Geisslingen im bis heute rechtlich auf Reichsboden liegenden Teil des Klettgaus statt, nämlich westlich der Ortschaft Geisslingen auf einer Flur unter dem sog. Heideggerhof, die auf heutigen Karten den Namen «Mauren» trägt:

«Unterdessen aber [gemeint 1524, in der Phase, wo sich die Grafen von Sulz noch von der Niederlage im Schwabenkrieg 1499 erholen mussten] erhoben sich die Bauern des Wutachthales und Klettgaues wider ihre Herren, und als ihre Begehren kein geneigtes Gehör fanden, stellten sie dem Bruder des Grafen, Wolf Hermann von Sulz auf Küssenberg, durch eigene Botschaft ein Ultimatum zu und zogen im Juni 1525 bewaffnet vor das Schloss, worauf ein Waffenstillstand bis Verenatag zu Stande kam.»

Der Tag der Hl. Verena wird am 1. September begangen. Er ist in Zurzach bis heute ein lokaler Feiertag.

«Inzwischen machte das Volk von der obrigkeitlichen Landesverwaltung Gebrauch und Graf Rudolf hemmte die Einführung der Reformation und sammelte Kriegsvolk. Nach der Weinlese rüsteten sich auch die Bauern unter ihrem Hauptmann Wagner zu Griessen; da die gütlichen Ausgleichsversuche der Schweizerbotschaften fruchtlos blieben, rückte der Graf mit 500 Reitern und 1000 Fussknechten am Samstag nach Aller Heiligen [d.h. 4. November 1525] wohlgerüstet gegen Geisslingen und kämpfte auf dem sogenannten Heidenschlössli Abends bei zwei Stunden gegen die Bauern, bis deren etwa 200 erschlagen waren, worauf die andern sich [S. 175] auf den Kirchhof zu Griessen zurückzogen und gegen Morgen sich auf Gnade ergeben mussten.

Es wurde ihnen vorgeschrieben:
1. Beim alten Glauben zu bleiben;
2. Die grösste Glocke einer jeden Pfarrkirche auf das Schloss Küssenberg zu bringen;
3. Sechs Gulden von jeder Haushaltung zu erlegen;
4. Die Huldigung und Abgaben wie von altem her zu leisten.
»


Am rechten Bildrand das heutige Siedlungsgebiet von Griessen. Vom grössten Gebäude bis zum Kirchhof, in den sich die Bauern flüchteten, sind es rund 800 Meter Luftlinie. Luftdistanz Heidenschlössli > Kirchhof Griessen: 4.15 km.

Die Schilderung von Bilger leidet unter demselben Makel wie diejenige des Griessener Gewerbe- und Verkehrsvereins: beide legen ihre Quellen nicht offen.

Verzwickte Lage für die Machthaber

Zumindest was den ersten Punkt der Kapitulationsbedingungen betrifft, dürfte die Lage auf dem Rafzerfeld nach der Bauernniederlage anders gewesen sein. Denn die Zürcher, die über die vier Rafzerfelder Gemeinden die Niedere Gerichtsbarkeit ausübten, seit sie 1496 die Herrschaft Eglisau erworben hatten, waren mit den Grafen von Sulz verburgrechtet. Die beiden Seiten schuldeten sich also gegenseitig Treue und Beistand, was die Sache für den Zürcher Stadtstaat nicht einfacher machte, denn die eigenen Bauern sympathisierten mit ihren Klettgauer Nachbarn.

Die Aufstandsbekämpfung war auch Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich ein wichtiges Anliegen, mussten sie doch befürchten, im Erfolgsfalle mit Begehrlichkeiten ihrer eigenen Bauern konfrontiert zu werden (vgl. WeiachBlog Nr. 2221, 22222232 und 2233). 

Im Gegenzug für die neutrale Haltung in der internen Angelegenheit der Grafschaft Klettgau, namentlich das Verbot für Zürcher Untertanen, sich an den kriegerischen Auseinandersetzungen im Rahmen des Aufstands zu beteiligen, liessen sich die Grafen von Sulz dazu bewegen, in Glaubensfragen beide Augen zuzudrücken. Jedenfalls haben sie bei den Rafzerfelder Gemeinden die Rückkehr zum Katholizismus nicht durchgesetzt, obwohl sie dazu als Landesherr eigentlich berechtigt gewesen wären (nach dem Grundsatz Cuius regio, eius religio im Augsburger Religionsfrieden 1555).

Das Heidenschlössli

Doch zurück zum Schlachtengeschehen. Folgen wir Bilger, ist von Interesse, was es mit diesem Heidenschlössli auf sich hat: Laut dem 1892 erschienenen Band «Kunstdenkmäler des Kreises Waldshut» handelt es sich um Mauerresten aus der Römerzeit:

«Am Ende des sich beim Heidegger Hof westlich von Geisslingen hinziehenden Hügelrückens waren die Trümmer eines römischen Gebäudes noch im vorigen Jahrhundert sichtbar, im Volksmund als das 'Heidenschloss' bekannt. Als 1795 ein Bauernhaus über denselben erbaut wurde, liess der damalige Director der Fürstl. Schwarzenberg'schen Regierung zu Thiengen, von Weinzierl, das Mauerwerk untersuchen und einen Plan desselben entwerfen. Seine Aufzeichnungen kamen 1816 in die Hände des Decans Joseph Lucas Meyer von Gurtweil; derselbe bearbeitete sie 1818 in einer handschriftlichen Darstellung, welche sich im Besitz der Gr. Staatssammlung befindet. Aus ihr haben bereits 1831 Wilhelmi in den Sinsheimer Jahresberichten I. p. 53 ff. und 1844 Dr. H. Schreiber in seinem Taschenbuch für Geschichte u. Alterthum in Süddeutschland IV p. 235 ff. ihre Berichte geschöpft. Der Bau bildete nach dem von 1795 erhaltenen Plane (Fig. 27) ein Quadrat von fast 42 m Seitenlänge. Die 'aus kleinen Kalkbruchsteinen mit gewöhnlichem Mörtel bestehenden Mauern waren damals noch in ununterbrochenem Zusammenhang zu sehen, bald zwei, bald vier Nürnberger Schuh über die Erdebene hervorragend, nirgend tiefer als zwei Fuss in den Grund gesenket; die Dicke hielt in den inneren Scheidewänden zwei, in den Umfangsmauern etwas mehr als zwei Fuss'.»

Solche Mauerhöhen, wie sie auch fast 3 Jahrhunderte nach dem Bauernkrieg noch vorhanden waren, eignen sich durchaus zur Einrichtung eines befestigten Stützpunktes. Es ist nicht abwegig, dass sich das Bauernheer dort verschanzt haben könnte.

Anmarsch des obrigkeitlichen Heeres erfolgte ab Stühlingen

Laut Neukoms Gegendarstellung in den Schaffhauser Nachrichten vom 13. April 2025 ist ein Austragungsort bei Griessen wesentlich plausibler. 

Dies zeigten «Originalquellen aus der Zeit und auch die Fachliteratur zum Bauernkrieg und zur Geschichte des Klettgaus. So schrieben der Graf Rudolf von Sulz (dem die Landgrafschaft Klettgau gehörte) und der Ritter Fuchs von Fuchsberg direkt am Abend des 4. November 1525 in Geisslingen einen Bericht zu ihrem Sieg über die Bauern und schickten diesen ihrem Herrn, dem Erzherzog Ferdinand von Österreich.

Daraus geht hervor, dass sich das obrigkeitliche Heer in Stühlingen gesammelt hatte und von dort direkt nach Griessen gezogen war, wo es auf das Bauernheer traf. Im Originaltext heisst es: «Mit denen haben unsere Reiter [...] vor benennten Dorf getroffen, inen all ir Geschütz abgenommen, den mereren Tail [...] erstochen, viel gefangen, die übrigen sein uns in den Kirchhof [...] entrunnen.»

Noch bevor der Hauptteil der Armee eintraf, hatte die Vorhut von etwa hundert Rittern die Bauern geschlagen. Anschliessend wurde das Dorf Griessen angezündet und wurden die Bauern beschossen, die sich im ummauerten Kirchhof verschanzt hatten. Dieser Bericht liegt als Originaldokument im Österreichischen Staatsarchiv in Wien.»

Das «Kronzeugen-Dokument»

Die von Neukom ins Feld geführte Originalquelle ist Teil einer Aktensammlung im Finanz- und Hofkammerarchiv FHKA. Sie trägt die Signatur AT-OeStA/FHKA SUS RA 134.1.41 und wird im Online-Katalog mit folgendem Regest beschrieben:

«Statthalter Graf Rudolf von Sulz an Erzherzog Ferdinand: als er im Begriff war, gegen die ungehorsamen Untertanen im Klettgau mit starker Heeresmacht vorzugehen, hätten die von Zürich und Schaffhausen ihre Vermittlung angeboten und auch die von Rottweil eine Botschaft gesendet; auch die Untertanen der Herrschaft Hauenstein auf dem Schwarzwald verweigern die Huldigung und verschanzen sich sehr stark. Postkriptum, 1. November 1525: Meldung einea [sic!] Sieges über die Bauern bei Griessen, die auf die von Zürich und Schaffhausen vorgeschlagenen Artikel nicht eingehen wollten.»

Bei diesem Erzherzog Ferdinand handelt es sich um den damals gerade einmal 22 Jahre alten jüngeren Bruder des späteren Kaisers Karl V., der ihm die Verwaltung über die habsburgischen Stammlande (darunter auch Vorderösterreich) übertragen hatte.

Das Regest ist missverständlich formuliert, denn das Postskriptum datiert vom Abend des 4. November und gehört zu einem bereits am 1. November in Füssen (gemeint wohl: Fützen, ca. 9 km Luftlinie nordöstlich von Stühlingen) abgefassten Dokument, das aber offenbar vorerst nicht abgeschickt wurde.

Dies geht aus der Edition des Dokuments durch Johann Loserth, Professor in Czernowitz (heutige Westukraine) hervor, vgl. S. 121, Fn-1. Hier die Transkription (Beilage zu seinem Fachartikel zur Geschichte von Waldshut):

Aus dem Berichte des Grafen Rudolf von Sulz und des Ritters Fuchs an den Erzherzog Ferdinand über das Treffen bei Griessen. 

De dato 1. und 4. November 1525. 

Genedigister Herr. Post scripta haben die bemelten gesandten mit uns ain Vertrag, gleich dem letzten, so zu Zell uff ire Unterhandlung [S. 122] abgeredt worden und E. F. D. [wohl: Eure Fürstliche Durchlaucht] damals anzaigt ist, des meren Inhalts, sich der von Waldshut in allweg zu entschlagen, abgeredt, den sie uff dem dritten tag, als wir im Schloss Stulingen gelegen, den pauren fürgehalten, den aber die pauren uff heut dato abgeschlagen, des geschrais, unser zu erwarten. Als wir nu des durch ain post und nachgeends durch den von Rotwyl gesandten uff heut um die gegenden unbericht worden sein, haben wir uns zu Stulingen mit allem Kriegsvolk zu Ross und Fuss erhebt, sein den nechsten uff Griessen in mein Graf Rudolfs Grafschaft gelegen als das Hauptdorff gezogen, allda die benennten pauren etwas bis in tausent stark in irem vortail versehen mit vil haugken uff Schregen und zwayen Volkanet gelegen. Mit denen haben unsere Reiter mit den Rennfanen etwas bis in 100 stark vor benennten Dorf getroffen, inen all ir geschütz abgenommen, den mereren tail, ee der gewaltig Huf zu Ross und Fuss zu inen kommen sein, erstochen, viel gefangen, die übrigen sein uns in den Kirchhof, der etwas stark ist, entrunnen. Daruf zu angender nacht ungeverlich um die sechsten ur wir das dorf angestoßen und bemelten kirchhof, darin noch nit uber zwei hundert liegen, beschossen, zu Gott hoffend, dieselben söllen uns all auch werden. Diese handlung und erlangten sig, darumb wir Gott uff das höchst Dank sagen, wir E. F. D. in eyl underthenigster mainung nit wollten verhalten, des mit uns Gott zu loben und fröd zu haben.

Datum Gisslingen am sampztag nach aller Seelentag im leger in der sibenden stund nach mittag anno etc. xxv. [d.h. 4. November 1525, zw. 18 und 19 Uhr]

Wir tragen auch uff dise stund wissen, daß der unsern nit mer, denn zwen geschossen sein worden.

(Orig. im Hofkammerarchiv, Reichsacten. Copie in der v. Beck'schen Sammlung.)

Quellenkritische Betrachtung

Nun muss man natürlich auch dieses Dokument quellenkritisch unter die Lupe nehmen. Es sollte ja beim Erzherzog den gewünschten Effekt erzielen. Andererseits zeigt die Datumszeile, dass es während laufenden Kampfhandlungen im Gefechtsstand verfasst wurde. In der Hitze des Gefechts – im wahrsten Sinne des geflügelten Wortes – da hat man als Heerführer in aller Regel nicht die Zeit und Musse, sich zu überlegen, ob und wie man Beschönigungen in den Text einflechten sollte oder doch besser nicht.

Die Annäherungsphase laut dem Postscriptum

Das obrigkeitliche Heer (oder zumindest die Führungsstaffel) war demnach am 1. November in Fützen, dann am 3. November im und um das Schloss Stühlingen stationiert. Dort warteten sie auf die Antwort der Gegenseite, vermittelt durch die Unterhändler aus Schaffhausen, Zürich und Rottweil. Erst nachdem am 4. November (zu einem unbekannten Zeitpunkt) der Rottweiler Gesandte die Nachricht überbracht hatte, dass die Bauern nicht einlenken wollten, entschloss sich Graf Rudolf von Sulz, den Tross «zu Ross und Fuss» wieder in Marsch zu setzen, mit dem Ziel, den Marktflecken Griessen zu erreichen. 

Logistikfrage: Verfügte der Graf von Sulz über Lufttransportmittel?

Diese Verschiebung nahm Zeit in Anspruch. Sowohl der von Bilger behauptete Schlachtort wie auch der Schlachtzeitpunkt (abends, innerhalb von zwei Stunden) ist durchaus plausibel. Denn das Heidenschlössli liegt nicht weit von der Wutach entfernt, deren Verlauf das habsburgische Heer von Stühlingen her im Wesentlichen gefolgt sein dürfte, um nach Griessen zu gelangen. Nach einem erfolgreichen Gefecht beim Heidenschlössli ist ein Vorziehen des Gefechtsstandes in die Ortschaft Geisslingen der logische nächste Schritt, wobei Kampfeinheiten zur gleichen Zeit bereits gegen Griessen vorgehen, wie im Postscriptum als laufende Gefechtshandlung beschrieben.

Der Weg ins Rafzerfeld hingegen hätte einiges länger gedauert. Zudem behauptet Priebe, dass die Kampfhandlungen bereits im «frühen Morgengrauen» des 4. November auf dem Rafzerfeld begonnen hätten. Wie das Gros des Habsburgerheeres bei kaum vorhandenen Fahrstrassen den Weg vom Städtchen Stühlingen ins Rafzerfeld in Windeseile geschafft haben soll, müsste er bei dieser Ausgangslage (vgl. «Kronzeugen-Dokument») erst einmal erklären können.

Die Bewaffnung der Aufständischen

Laut Priebe war die Schlacht im Rafzerfeld die «letzte grosse Schlacht auf Schweizer Boden ohne Feuerwaffen» (SHN, 22.2.2025). Da stellt sich dann die Frage, wie das sein kann, dass Regierungstruppen ohne Schusswaffen in eine grosse Feldschlacht ziehen, wo sie davon ausgehen müssen, dass die Gegenseite über Büchsen und gar Kanonen verfügt. 

Laut dem Postscriptum waren die auf eine Stärke von bis zu 1000 Mann geschätzten Aufständischen in Griessen «mit vil haugken uff Schregen und zwayen Volkanet» bewaffnet, wohl alles im Kampf erbeutetes oder aus obrigkeitlichen Magazinen beschafftes Material.

Sie standen bei Grießen in – laut den obrigkeitlichen Heerführern – verteidigungsbereiter Stellung, ausgerüstet mit vielen schweren Hakenbüchsen auf Holzgestellen bzw. Lafetten sowie zwei leichten Feldkanonen.

Reiterei überrumpelt Verteidiger, diese flüchten in den Kirchhof

Die eigentliche Entscheidung schildert das Schreiben an den Erzherzog wie folgt: «Mit denen [den erwähnten Feuerwaffen] haben unsere Reiter mit den Rennfanen etwas bis in 100 stark vor benennten Dorf getroffen, inen all ir geschütz abgenommen, den mereren tail, ee der gewaltig Huf zu Ross und Fuss zu inen kommen sein, erstochen, viel gefangen, die übrigen sein uns in den Kirchhof, der etwas stark ist, entrunnen.»

Der Begriff der Rennfahne geht auf den Brauch der Berennung des kaiserlichen Lehens zurück, «ehemals die Sitte, daß bei der Belehnung der zu belehnende Fürst das Gerüst, auf welchem der Kaiser saß, dreimal im vollen Jagen umritt, erst ohne Fahne, dann mit der Rennfahne, zuletzt mit der, mit dem Wappen der in Lehn zu empfangenden Länder bezeichneten Lehnfahne. Die Belehnung ging dann ihren Gang fort;» (Pierers Universal-Lexikon 1857)

Die Rennfahne war ein zeremonielles Feldzeichen, das den ritterlichen Heerbann und die Unterwerfung unter den Lehensherrn symbolisierte, jedoch kein spezifisches Territorium repräsentierte. Das Mitführen dieser Fahne war also das Zeichen, dass der Graf von Sulz sich mit ausdrücklicher Genehmigung des Erzherzogs auf dem Kriegspfad befand.

Bei diesem Aufstandsbekämpfungseinsatz hat die Reiterei die zu statischen Verteidiger offenbar buchstäblich ausmanövriert und überrannt. Dabei waren weniger als hundert Bauern involviert, mehr als fünfzig wurden von den Reitern erstochen. Nicht etwa totgeschossen. Erstochen! Umgekehrt waren die mit Feuerwaffen ausgerüsteten Aufständischen nicht annähernd so effektiv, wird doch im Nachsatz noch mitgeteilt, «daß der unsern nit mer, denn zwen geschossen sein worden». Das ist wohl so zu interpretieren, dass zwei Reiter vom Pferd geschossen wurden. Ob mit Todesfolge oder nicht, ist unklar.

Nach dieser Aktion scheint sich die Bauernformation in Flucht aufgelöst zu haben. Weniger als 200 hätten sich danach im Kirchhof zu Griessen verschanzt, schreiben die Heerführer dem Erzherzog aus ihrem Gefechtsstand in Geisslingen. Sie seien jetzt seit Einbruch der Nacht um ca. 18 Uhr daran, ins Dorf Griessen einzudringen und würden den mit Mauern umfriedeten Kirchhof beschiessen, in der Hoffnung, der Belagerten auch noch habhaft zu werden.

Quellen und Literatur

  • Statthalter Graf Rudolf von Sulz an Erzherzog Ferdinand, 1./4. November 1525. Signatur: AT-OeStA/FHKA SUS RA 134.1.41.
  • Berennung. In: Heinrich August Pierer, Julius Löbe (Hrsg.): Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit. 4. Auflage. Band 2: Altenburg 1857, S. 591 (Digitalisat: zeno.org).
  • Bilger, J. K.: III. Wanderstudien in der Umgebung von Eglisau. 3. Das Rheinthal von Eglisau bis Waldshut. In: Wild, A. (Hrsg.): Am Zürcher Rheine. Zürich 1884 – Teil II, S. 174-175.
  • Loserth, J.: Die Stadt Waldshut und die vorderösterreichische Regierung in den Jahren 1523 - 1526. Ein Beitrag zur Geschichte des Bauernkrieges und der Reformation in Vorderösterreich. Wien 1891 – S. 121-122. Beilage Nr. 6. [Aus dem Archiv für österreichische Geschichte (LXXVII. Bd., I. Hälfte, S. 1) separat abgedruckt.]
  • Kraus, F. X. (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler des Kreises Waldshut. Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden (Band 3). Freiburg i.Br. 1892 – S. 123-124.
  • Gewerbe- und Verkehrsverein Grießen/Baden (Hrsg.): Grießen Hochrheingebiet. Der kleine Urlaubsberater. Säntis Verlag, Kressbronn 1963 – S. 7-8.
  • Brandenberger, U.: Wenn die einfachen Leute ihre Freiheiten zurückhaben wollen. WeiachBlog Nr. 2221, 25. März 2025.
  • Brandenberger, U.: Steinwürfe auf Regierungsgesandte – heute vor 500 Jahren. WeiachBlog Nr. 2222, 26. März 2025.
  • Brandenberger, U.: Die 17 Artikel des Neuampts vom 2. Mai 1525. WeiachBlog Nr. 2232, 2. Mai 2025.
  • Brandenberger, U.: Die Heilige Schrift als revolutionäres Kochbuch. WeiachBlog Nr. 2233, 5. Mai 2025. 
  • Neukom, Th.: Gegendarstellung. «Es gab 1525 keine ‹Schlacht im Rafzerfeld›» – Historiker widerspricht These aus neuem Buch. In: Schaffhauser Nachrichten, 13. April 2025, 09:00.

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