Dienstag, 19. Januar 2016

Beziehungsdelikt am Villenhang? Eine Medien-Analyse

In den letzten rund 50 Stunden ist - wieder einmal - ein medialer Wirbelsturm über die kleine Gemeinde Weiach hinweggefegt. Dutzende von Artikeln und sogar TV-Beiträge! Vom Tessin übers Welschland bis ins Fürstentum Liechtenstein und in den benachbarten Landkreis Waldshut. Und man kann sich denken, was auch diesmal die Ursache war. In solchen Fällen handelt es sich immer um spektakuläre Unglücksfälle und Verbrechen.



So sah der Teaser bei Blick Online aus. Wie es sich dort gehört: mit riesigen Buchstaben und emotionalisierender Schlagzeile.

Nur die Götter wissen mehr

Was sich am frühen Sonntagmorgen, dem 17. Januar 2016 um kurz nach vier Uhr an der Trottenstrasse 46 in Weiach genau abgespielt hat, das wissen die direkt Involvierten und sonst nur noch Gott selbst.

Und deshalb äussert sich WeiachBlog hier auch nur noch zu diesem Sekundäreffekt: den Medien-Wirkungen. Und nicht zum tragischen Ereignis als solchem.

Die forensischen Götter in Weiss glaubten mindestens einige der juristisch relevanten Details eruieren zu können, so dass die Staatsanwaltschaft bereits am Montagnachmittag bekanntgegeben hat, beim Täter handle es sich mit grosser Wahrscheinlichkeit um den Toten.

Verkürzung von Aussagen durch Medienschaffende

Und was machen die Medien daraus? Herausposaunt wurde heute Dienstag bei der Mehrheit, es handle sich um ein Beziehungsdelikt und der Tote sei der Täter gewesen. Punkt. Kein Wort davon, dass die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind.

Dieser (ernüchternde) Befund sagt viel darüber aus, wie Aussagen von Mediensprechern von den Adressaten interpretiert werden können. Und vor allem spricht es Bände über die Denkweise der Mehrheit der Medienschaffenden (und letztlich die Konsumgewohnheiten der Medienkonsumenten).

Differenzierungen liest man zwar in der NZZ oder in ein paar der seriöseren Regionalzeitungen. Der «Zürcher Unterländer» beispielsweise betont, diese These sei die «plausibelste Variante», die Untersuchungen seien jedoch noch nicht abgeschlossen und zitiert zum Schluss Staatsanwalt Matthias Stammbach: «Es werden noch verschiedene Dinge geprüft. Am Schluss werden wir sagen können, ob wir unsere jetzige Version aufrechterhalten können.» Aber selbst der «Unterländer» titelt mit: Ex-Freund schoss auf Frau und richtete sich selbst (18.1.2016, 14:27). Ganz ähnlich die «Limmattaler Zeitung» (18.1.2016, 14:13).

Nach weniger als 5 Stunden ging es los

Doch zurück zum Sonntagmorgen: die offizielle Medienmitteilung der Kantonspolizei Zürich ist schon früh veröffentlicht worden, gemäss Mediendienst der KAPO «kurz vor 9 Uhr»:



Fast zur gleichen Zeit brachte 20 Minuten die Breaking News unter die Leute (vgl. den Zeitstempel, der 08:56 zeigt):



Woher auch immer eine der beiden grossen Pendlerzeitungen des Landes so früh an der Information dran war: die KAPO-News kann man als RSS-Feed abonnieren, was News-Redaktionen natürlich tun.
Um 09:14 stellte der Zürcher Unterländer seinen ersten Artikel zum Thema ein. Und spätestens als die Schweizerische Depeschen-Agentur sich des Themas annahm, war dessen Marsch durch die Medienlandschaft nicht mehr aufzuhalten.

Fischen nach Informationen: Videojournalisten auf der Pirsch

Dann erging sich der auf den Spuren des Grossaufgebots von Polizei und Gerichtsmedizin aufgefahrene Medientross in Spekulationen, wobei dem Blick in der Hitze des Gefechts schon einmal die Rechtschreibung unter das Eis ging (Link zum Artikel):



Das Schweizer Fernsehen brachte bereits in der Mittags-Tagesschau einen kurzen Beitrag:



Und selbst das auf die Ostschweiz spezialisierte Unternehmen TeleTOP (mit Sitz in Winterthur) schickte einen Video-Journalisten vor Ort, der dann nicht nur den an diesem Morgen Dienst habenden Sprecher der Kantonspolizei (vgl. deren Medienmitteilung oben) interviewte...



... sondern gleich auch noch einer Anwohnerin ein paar Statements entlocken konnte:



Am Sonntagabend war der Vorfall dann ziemlich weit oben in den News des Privatsenders:



Natürlich hat auch die Regionalzeitung Zürcher Unterländer dem Ereignis mehrere Teaser und die dazugehörigen Artikel gewidmet. Nachstehend der Hauptartikel vom Sonntag:



In der Gesamtschau wird überdeutlich, wie wichtig Bilder im «Medienzirkus» heutzutage sind. Deshalb sind sie diesem Beitrag in einer sonst für WeiachBlog unüblichen Dichte beigefügt worden.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

TeleM1 hat auch berichtet. Ausführlich. Am Sonntag und am Montag:
http://www.telem1.ch/35-show-aktuell/8321-episode-sonntag-17-januar-2016/ (2:47, Nachrichtensprecher: Tanja Gutmann)
http://www.telem1.ch/35-show-aktuell/8329-episode-montag-18-januar-2016/ (1:42, Nachrichtensprecher: Adrian Remund)

WG(n) hat gesagt…

Anonym von heute 01:10 Uhr hat recht. Tele M1 hat tatsächlich sehr ausführlich berichtet. Mit Statements von drei verschiedenen Anwohnern (zwei nahe beim Ereignisort, davon eine auch auf Teletop zu sehen). Am 18.1. ging der Sender sogar mit privaten Bildern der Verletzten und des Toten hausieren, präsentiert inklusive voller Vornamen. Schon ziemlich grenzwertig, das Ganze. Um nicht zu sagen - disgusting! Da stellt sich wirklich die Frage, ob die Information der Öffentlichkeit ein solches Vorgehen rechtfertigt. Oder es sich nur um quotensteigerndes Infotainment handelt.

Anonym hat gesagt…

Und als Opfer wird man gar nix gefragt.
Es wird einfach vermutet. Wenn die Geschichte abgeschlossen ist da der Täter tot ist, kräht kein Hahn mehr danach.