Für wahr Gehaltenes, das sich plötzlich als Schall und Rauch erweist. Abgehobene Oligarchen, dekadente Eliten, ein frei drehender Kapitalismus, verlorene Kriege. Dank neuen Medien erfahren davon viele, denen das bisher entweder egal war oder zumindest verheimlicht werden konnte. Auch die unteren Schichten, die sogenannten einfachen Leute, fragen sich zunehmend, was da eigentlich schiefläuft. Tönt nach unserer heutigen, scheinbar aus den Fugen geratenen Zeit mit Internet, Social Media & Co., oder? Gemeint ist aber die Zeit vor einem halben Jahrtausend.
Eine Informationsrevolution krempelt alles um
Heute vor 500 Jahren. Das war eine Zeit, in der durch den Buchdruck mit beweglichen Lettern ab 1450 Bibeln andere Bücher und Einzelblattdrucke in grosser Zahl zu erschwinglichen Preisen produziert und unters Volk gebracht werden konnten. Eine Zeit, in der viele Menschen selber lesen lernten, was da drauf und drin stand.
Eine Zeit der Entdeckung der Neuen Welt ennet dem Atlantik, die ab 1492 zu einer Edelmetallschwemme in Europa führte, weil die Spanier zuviel Gold und Silber importierten. Eine Zeit unfassbar reicher Kapitalisten, wie Jakob Fugger, die selbst Könige und Kaiser als kleine Bittsteller behandeln und fast beliebig manipulieren konnten.
Und bei uns im Zürichbiet auch eine Zeit der Selbstbesinnung nach den bei Marignano 1515 wie eine Seifenblase zerplatzten Träumen von einer Grossmacht namens Eidgenossenschaft.
Mitten drin Persönlichkeiten wie Erasmus von Rotterdam, Ulrich Zwingli, Martin Luther und Thomas Müntzer.
Die Leute haben die Schnauze voll
Aus vereinzelt aufflammenden Empörungen in den Jahren 1513 bis 1516, wie dem Könizer Aufstand, dem Luzerner Zwiebelnkrieg oder dem Zürcher Lebkuchenkrieg, die im wesentlichen gewalttätigen Unruhen entsprachen, sowie vielen weiteren Episoden quer durch das Heilige Römische Reich deutscher Nation braute sich 1524/25 der später u.a. Grosser Bauernkrieg genannte Aufstand breiter Bevölkerungskreise zusammen, die ganz einfach die Schnauze voll hatten. Und ändern wollten, was sie wirtschaftlich, geistig und spirituell unten gehalten hatte und weiterhin zu halten trachtete. Auch wenn das bedeutete, zur Waffe greifen zu müssen.
Die Reformation als Brandbeschleuniger
Heinrich Hedinger, der vor bald 100 Jahren u.a. eine Geschichte des Städtleins Regensberg verfasst hat, stellte in seiner Abhandlung über die Reformation im Zürcher Unterland fest, «auch unsere Landleute» hätten damals angefangen, die Bibel «fleischlich zu deuten» oder sie gar «als ein Lehrbuch der Staatswissenschaften auszulegen». (ZTB 1936, S. 55)
Er stellt es so dar, dass diese Ideen sozusagen von nördlich des Rheins zu uns herübergeschwappt seien: «Schon Ende 1524 hatten die Bauern im Klettgau u.a. Freigebung von Jagd und Fischfang verlangt; denn Gott habe Wasser, Wald und Feld, die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser frei geschaffen.» (ZTB 1936, S. 55)
Wenn man sich aber vergegenwärtigt, dass es da in Zürich einen Leutpriester namens Zwingli gab, der ab 1519 mit seinen Mitstreitern und vom Zürcher Rat tatkräftig gestützt, die Bibel ganz anders auszulegen begonnen hatte, als das früher üblich war; wenn man sich überdies klarmacht, dass die von ihren Gegnern Wiedertäufer oder Anabaptisten genannten Abspaltungen ganz wesentlich auch aus den reformierten Gebieten der Eidgenossenschaft stammen, dann kann man nur zum Schluss kommen, dass eine Infektion der gleich nördlich des Rheins gelegenen Gebiete ausserhalb der Eidgenossenschaft mindestens so wahrscheinlich ist, wie eine in die umgekehrte Richtung.
Unterschiedliche Ansätze im benachbarten süddeutschen Raum
Dennoch war es unbestreitbar so, dass die Bauern in der Landgrafschaft Stühlingen, ihre Kollegen in der südlich anschliessenden und Weiach noch näher liegenden Landgrafschaft Klettgau mit Tiengen und der Küssaburg, sowie die Bürger der habsburgisch-vorderösterreichische Stadt Waldshut sich mit den neuen Ideen nicht nur befassten, sondern ihren Landesherren auch selbstbewusst Forderungen stellten.
Diese Forderungskataloge mögen vielleicht nicht so bekannt geworden sein wie die berühmten Zwölf Artikel aus Memmingen im Schwabenland. Aber es ging im Kern hüben wie drüben immer um das Gleiche: Forderungen nach Abkehr von Zwang und drückenden Lasten, Forderungen nach besseren Entfaltungsmöglichkeiten durch freie Nutzung natürlicher Ressourcen. Wiederherstellung der Gemeindegüter und der Gemeindeautonomie. Kurz: Freiheit!
Mit althergebrachen Rechten auf den Rechtsweg...
Unterschiedlich waren nur die Begründungen und Strategien. Die Stühlinger Untertanen wollten ihre althergebrachten Rechte wieder zurück. Hiroto Oka beschreibt diese Forderungen basierend auf Briefen aus dem Sommer 1524 in seiner Dissertation wie folgt:
«Die Bauern verweigerten alt-herkömmliche tägliche Frondienste und sogar etliche mit dem Urbar begründete Abgaben. Sie wollten außerdem vom Wildbann frei sein, freie Nutzungsrechte an Forst und Gewässer haben, frei jagen und fischen sowie nicht ins Gefängnis geworfen werden.» (Oka, S. 239)
Unter Vermittlung durch die Stadt Schaffhausen, die in dieser Gegend auch etliche Interessen hatte und daher an einem möglichst glimpflichen Ausgang des Streits interessiert war, kam es schliesslich zu einer Sammlung von 62 Artikeln, die «die Entwicklung der Stühlinger Erhebung und die der lang andauernden Verhandlungen der Untertanen mit den Herren widerspiegeln. In diesen Artikeln versuchten die Stühlinger Bauern zunächst, als Untertanenschaft aus allen Dörfern der Landgrafschaft ihre Klagen zu äußern.» (Oka, S. 267)
Diese Untertanen setzten auf juristische Verfahren gegen ihren Landesherrn, indem sie höhere Gerichte anriefen und dort ihre Klagen anhängig machten.
... oder mit ideologischer Aufladung zu neuen Ufern?
Die Klettgauer Untertanen wählten eine völlig andere Argumentation. Nicht das alte Harkommen stand bei ihnen im Vordergrund, sondern die Bibel:
«Hinsichtlich der Rechtfertigung ihrer Forderungen sind die Klettgauer Artikel, mit denen [...] die Klettgauer Untertanen sich bei der Stadt Zürich als ihrer Schirmherrin gegen ihren eigenen Herrn, den Grafen von Sulz, beschwerten, deutlich anders als die anderen genannten Artikeln verfaßt. Denn die Klettgauer Bauern legten schon "das göttliche Recht", "das Gotteswort" und "das Evangelium" als Legitimität ihrer Beschwerden vor. Darin zeigt sich der sichtbare Einfluß der neuen Lehre, die von der reformatorischen Stadt Zürich» ausging. (Oka, S. 267)
Die Stühlinger hatten zwar mit den Klettgauern Kontakt, nahmen aber «die neue Lehre nicht [...] als Begründung, um ihren Prozeß vor dem Kammergericht nicht zu benachteiligen. Die Klettgauer begründeten außerdem ihre Beschwerden nicht je Artikel wie die Stühlinger, sondern rechtfertigten ihre Klagen als ganze mit dem "göttlichen Recht" am Anfang und Ende der Beschwerdeschrift. Sie legten zwar ähnliche Beschwerden wie die Stühlinger vor, jedoch klagten sie meistens über Geldabgaben und Geldstrafen.» (Oka, S. 267)
Militärische Aufstandsniederschlagung im sulzischen Klettgau
Der Unmut und die generelle Unzufriedenheit reichte den Klettgauern völlig aus, da sie ja eine unangreifbare revolutionäre Universalbegründung im Rücken fühlten: die Heilige Schrift in ihrer neuen Auslegung.
Und es verwundert denn auch nicht im Geringsten, dass die Klettgauer (im Gegensatz zu den Stühlingern) – von diesen Ideen inspiriert und befeuert – umso radikaler und fanatischer um ihre Rechte kämpften.
Im Herbst 1525 taten sie dies auch mit der Waffe in der Hand und das bis zur bitteren Niederlage am 4. November mitten im Marktflecken Griessen (nördlich des Kalter Wangen, nur 8 km Luftlinie von Weiach entfernt).
Literatur
- Hedinger, H.: Die Reformation im Zürcher Unterland. In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1936. Zürich 1935 – S. 41-72; sowie in: Viertes Wehntaler Jahrheft des Unterländer Museumsvereins 1939/1940. Bülach 1940 – S. 4-26.
- Oka, H.: Der Bauernkrieg in der Landgrafschaft Stühlingen und seine Vorgeschichte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts. Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Philosophischen Fakultät der Universität Konstanz. Konstanz, Juli 1995.
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