Montag, 15. August 2016

Ortsgeschichte mit Fadenheftung und Leinen-Einband

Es gibt bislang erst eine Monographie, die sich ausschliesslich mit der Geschichte von Weiach befasst und die mit harten Buchdeckeln versehen das Licht der Welt erblickt hat: die im Volksmund nach ihrem Rückentitel «Chronik» genannte Schrift von Walter Zollinger.

Eine Spezialität dieses Werks ist das Fehlen jeglicher Angaben zum Erscheinungsjahr. Nur das Vorwort ist datiert. Und zwar mit «Dielsdorf, an Ostern 1971» - dem letzten Wohnort des Autors.

Hat Zollinger auf diesen Zeitpunkt seine Arbeiten am Manuskript der «Chronik» abgeschlossen - oder soll die Angabe tatsächlich auf den Publikationszeitpunkt hinweisen, wobei irrtümlicherweise die Jahrzahl 1971 nicht auf 1972 geändert wurde?

Zwei Auflagen im 20. Jh, zwei im 21.

Dass die 1. Auflage - entgegen den Einträgen in vielen Bibliothekskatalogen - erst 1972 publiziert wurde, habe ich bereits in einem der ersten Beiträge dieses Blogs nachgewiesen (vgl. An Ostern 1972 veröffentlicht – nicht 1971, WeiachBlog Nr. 19 vom 19. November 2005).

Für das Erscheinungsjahr der 2. Auflage (1984) habe ich mich bislang auf die Angaben von alt Gemeindeschreiber Hans Meier gestützt. Er erinnert sich noch an viele Details mit einer Genauigkeit, die in Staunen versetzt. Ich hatte also keinen Anlass, die Jahrzahl in Frage zu stellen.

Wo die ersten beiden Auflagen noch textgleich sind, handelt es sich bei den Auflagen Nr. 3 und 4 um Überarbeitungen, die auf dem ursprünglichen Text Zollingers und seiner Kapitelstruktur aufbauen. Die Redaktion hat der Autor der Weiacher Geschichte(n), Ulrich Brandenberger, besorgt. Die 3. Auflage wurde 2003 von der Gemeinde Weiach in Druck gegeben. Die 4. Auflage ist eine Nachführung der 3. Auflage, die seit 2004 neuere Entwicklungen und Erkenntnisse aufnimmt. Sie entspricht der 3. Auflage in Kapitelstruktur und Seitenzahl, wird jedoch lediglich online veröffentlicht (Bezeichnung: «Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Vierte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach. 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach», Online-Ausgabe [Monat Jahr]»).

Was steht über Zollingers «Chronik» in den Protokollen?

Nachdem die Nationalbibliothek, die alle Printerzeugnisse mit Schweizbezug sammelt, sich mit dem Gedanken trägt, neben der in ihren Beständen schon vorhandenen 1. und 3. Auflage auch die zweite Auflage antiquarisch zu beschaffen, wollte ich auch für die Publikationsjahrzahl 1984 einen schriftlichen Nachweis vorlegen können.

Wo fände man den besser als durch einen Blick in die Gemeinderatsprotokolle? Denn die drei ersten Auflagen wurden mit Steuergeldern gedruckt. Deshalb muss auch ein formeller Beschluss der Gemeinde vorliegen. Da es sich bei den Druckkosten nicht um eine sehr grosse Ausgabe handelt, liegt die Annahme nahe, dass dieses Geschäft nicht der Gemeindeversammlung vorgelegt werden musste.

1. Auflage: Teurere Ausführung genehmigt

Und so ist es auch. Fündig wird man im Gemeinderatsprotokoll vom 2. November 1971 bei der Laufnummer 173, Rubrik 13.10. Unter dem Titel «Gemeindeverwaltung, Gemeindechronik. Auftrag zur Drucklegung.» steht:


«W. Zollinger, Dielsdorf, übermittelt eine Offerte der Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, für den Druck der Chronik Weiach. W. Zollinger empfiehlt Fadenheftung und Leinen-Einband. Die Ausführung in Karton oder gar nur brochiert käme wohl billiger, doch würden solche Hefte sehr bald zerfallen und unansehnlich werden. Die Kosten für 500 Ex. belaufen sich auf ca. Fr. 6'870.-- (Richtpreis).
 
Der Gemeinderat beschliesst:
1. Für die Drucklegung der Chronik "Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach" wird ein Kredit von rund Fr. 6'870.-- bewilligt.
2. Mit dem Druck wird die Buchdruckerei H. Akerets Erben AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung: Fadenheftung und Leinen-Deckeneinband.»

Dieser Beschluss zeigt, dass Zollingers Wort damals im Gemeinderat Gewicht hatte. Die Gemeinde konnte sich die Ausgabe allerdings auch leisten - dank Kiesgeld.

Wie lautet der korrekte Titel?

Interessant ist die Titelangabe: «1271-1971» gehörte für Zollinger offensichtlich nicht zum Titel. Auch der zweitletzte Abschnitt des Vorworts zeigt, was Zollinger als Titel verstanden hat: «So ist «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach», trotz der etwas bescheideneren Gestaltung, doch eine historisch getreue Zusammenstellung der erwähnenswerten Geschehnisse aus Frühzeit, Mittelalter, neuer und neuester Zeit geworden.»

«700 Jahre Weiach» als Katalysator

Zollinger hat nicht unbedingt erwartet, dass seine Schrift «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» in Druck gegeben würde. So schreibt er im letzten Abschnitt seines Vorworts: «Dass diese nun sogar herausgegeben werden darf, ist der Aufgeschlossenheit des Gemeinderates Weiach zu verdanken. Wenn er damit aber auch der gesamten Einwohnerschaft eine kleine Freude bereiten kann, dann würde dies den Verfasser selber am allermeisten freuen.»

Damit wird indirekt bestätigt, dass der Gemeinderat und nicht die Gemeindeversammlung entschieden hat. Und weiter wird darauf hingewiesen, dass das Büchlein an alle Haushaltungen abgegeben werden sollte. Davon steht im Gemeinderatsbeschluss zwar nichts - man muss es aber aufgrund des Umstandes, dass die Auflage von 500 Exemplaren bereits nach spätestens 12 Jahren vergriffen war, annehmen.

Wann die Idee für das Buch «Aus der Geschichte des Dorfes Weiach» entstanden ist, lässt sich anhand der vorliegenden Angaben nicht genau rekonstruieren. Wir wissen immerhin, dass der Autor die Bundesfeier 1971 zum Anlass genommen hat, einen Vortrag zum Thema «700 Jahre Weiach» zu halten (vgl. WeiachBlog Nr. 449 vom 7. Mai 2007). Er ist als 14-seitiges Skript erhalten geblieben. Ob der Vortragstext dem Buch Pate gestanden hat oder umgekehrt, dies könnte man allenfalls mittels genauer Textanalyse eruieren.

In Würdigung der Umstände und insbesondere des letzten Abschnitts des Vorworts tendiere ich zur Ansicht, dass die Angabe «an Ostern 1971» bezüglich der Jahrzahl ein Irrtum ist und eigentlich Ostern 1972 gemeint war - nämlich der Erscheinungszeitpunkt.

2. Auflage: Alles wie gehabt - bis auf ein paar neue Bilder

Auch zur zweiten Auflage gibt es einen Gemeinderatsbeschluss. Und Hans Meier erinnert sich richtig: das war 1984. Das Gemeinderatsprotokoll vom 29. Mai 1984 führt den Entscheid mit der Laufnummer 96 in Rubrik 13.10. unter dem Titel «Gemeindechronik. Nachdruck Dorfchronik 1271 – 1971.»:


«Im Jahre 1971 liess der Gemeinderat 500 Ex. der von W. Zollinger verfassten Chronik Weiach 1271 – 1971 drucken. Der Vorrat ist nun erschöpft. Es empfiehlt sich, das beliebte Bändchen, das an die neuzuziehenden Familien und an die Jungbürger gratis abgegeben wird, neu drucken zu lassen. Für den Druck von 500 Ex. liegen folgende Offerten vor:
 
- Akeret AG, Dielsdorf Fr. 6'335.--
- Swissair, einfachere Ausführung Fr. 3'150.--
- Orell Füssli, Zürich Fr. 5'976.--
- bbj-Druck AG, Dübendorf Fr. 7'550.--
 
Die Akeret AG, welche schon die 1. Auflage druckte, erklärt sich bereit, die Arbeit für Fr. 5'700.-- auszuführen, dazu für jede weitere Seite Fr. 46.--. Es ist vorgesehen, die Broschüre um einige Seiten zu ergänzen und aufzulockern (Illustrationen H. Rutschmann, Plan, Fotos von einst und jetzt).
 
Der Gemeinderat beschliesst:
1. Für den Nachdruck der Dorfchronik Weiach wird ein Kredit von ca. Fr. 6'000.- bewilligt. Auflage: 500 Exemplare.
2. Mit dem Druck wird die Druckerei Akeret AG, Dielsdorf, beauftragt. Ausführung wie bisherige Chronik.»

An diesem Beschluss sind zwei Dinge interessant. Einerseits der Titel, bei dem nun (im Gegensatz zum Beschluss von 1971 - und Zollingers Titel-Bezeichnung) die Jahrzahlen und die Bezeichnung «Chronik» zu prägenden Elementen werden. Andererseits die explizite Erwähnung derjenigen zusätzlichen Seiten, welche den Unterschied zur 1. Auflage ausmachen.

Nachdem der Gemeinderat den Beschluss, eine 2. Auflage drucken zu lassen, bereits Ende Mai 1984 gefällt hat, darf man annehmen, dass 1984 auch das Publikationsjahr ist.

An wen wurden die Bücher verteilt?

Die 1. Auflage wurde kurz vor Ostern 1972 ausgeliefert. Und sie war - trotz vergleichsweise hoher Auflage - nach wenig mehr als einem Jahrzehnt bereits vergriffen. Dies ist auch dem Umstand geschuldet, dass nicht nur jeder Haushalt im Erscheinungsjahr ein Exemplar erhielt, sondern ab 1972 auch jeder Jungbürger und jede Jungbürgerin jeweils anlässlich der feierlichen Aufnahme ins Stimmrecht eines in die Hand gedrückt bekam. So kam der Autor des WeiachBlog auch zu seinem Exemplar der 2. Auflage.

Berechnen wir nun, wieviele Exemplare pro Jahr im Schnitt abgegeben wurden, so kommen wir auf folgende Zahlen:
  • Erste Auflage 1972: 500 / 12 Jahre (1972 bis 1984), d.h. 41 pro Jahr
  • Zweite Auflage 1984: 500 / 20 Jahre (1984 bis 2003), d.h. 25 pro Jahr
Bei Annahme ungefähr gleicher Jahres-Rate ab 1972 wie ab 1984 kommt man auf eine Erstausstattungsmenge von um die 200 Exemplaren für die im Frühjahr 1972 bestehenden Haushalte. Berücksichtigen muss man auch, dass Zollinger wohl einige Autorenexemplare zu seiner Verfügung erhalten hat. Der Rest ging an Neuzuzüger und Jungbürger, so wie auch fast die gesamte 2. Auflage

Von der 3. Auflage 2003 wurden lediglich 100 Stück gedruckt. Sie war nach spätestens 8 Jahren vergriffen, d.h. abzüglich Autorenexemplaren ergibt dies eine Jahresrate von 11-12 Exemplaren.

Fazit: Viel weniger Exemplare trotz massiv mehr Zuzügern. Neuzuzüger und Jungbürger erhalten die Gemeindegeschichte offensichtlich nicht mehr automatisch ausgehändigt.

Nachtrag vom 16. August

Gregor Trachsel, Gemeindepräsident von 2002 bis 2010, hat auf Anfrage bestätigt, dass in seiner Amtszeit der Brauch, ein Exemplar der «Chronik» an Neuzuzüger und Jungbürger abzugeben nicht mehr gepflegt wurde. Mangels vorrätiger Exemplare ist man also vom Push- zum Pullprinzip übergegangen. Will sagen: Wer nicht fragt, erhält auch nichts.

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