Freitag, 9. September 2016

Wie das Kloster Oetenbach in Weiach zu Grundbesitz kam

Im Herbst 2009 hat die Ortsmuseumskommission die Nennung eines «alten Wingartens» in einer 700-jährigen Urkunde zum Anlass genommen, eine Ausstellung über Weinbau im Ortsmuseum Weiach zu organisieren (vgl. die Sonderausgabe 2009 der Weiacher Geschichte(n) mit dem Titel «Nasser Zehnten und der Schatz des Hunnenkönigs. Weinbau in Weiach – seit 700 Jahren?»).

UBZH - bis heute nicht vollständig digitalisiert

Die Urkunde, um die es hier geht, liegt im Staatsarchiv des Kantons Zürich. Sie wurde - passenderweise im Jahre 1909 - im sogenannten «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich» (UBZH) im vollen Wortlaut veröffentlicht. Die 13 Bände dieses Grossunternehmens der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich sind leider bis heute nur zu Teilen digitalisiert worden (Bd. 1 von der Schweizerischen Nationalbibliothek, Bde. 1-4 von der Bayerischen Staatsbibliothek), so dass man weiterhin auf die gedruckten Ausgaben angewiesen ist.

Auch Band 8 des UBZH gehört bislang nicht zu den digitalisierten Folianten. Und genau da drin findet man die Weiacher «Weinbau-Urkunde». Ich habe mich deshalb entschlossen, nachstehend den Volltext wiederzugeben.

Eine Äbtissin als Notarin und Urkundsperson

Worum geht es in dieser Urkunde? Das UBZH gibt im Kurzregest, das als Titel dient, die folgende Inhaltsangabe: «Aebtissin Elisabeth von Zürich verleiht dem Kloster Oetenbach von Rudolf Kloter verkaufte Güter zu Weyach», und datiert das Schriftstück auf den 13. Februar 1309. An diesem Tag erschien also Rudolf von Kloten in der Fraumünsterabtei innerhalb der Zürcher Stadtmauern und liess sich in Anwesenheit von ehrbaren Männern (Zeugen) den Verkauf seiner Güter zu Weyach an den Konvent Oetenbach beurkunden. Das liest sich dann wie folgt:

[S. 229] «Wir Elysabeth von gotz gnaden ebtischen des gotzhus Zuirich kuinden allen, die disen brief sehent // oder hoerent lesin, das fuir uins kam Růdolf von Kloton [Fn-5] und offenlich verjach, das er ze [S. 230] kouffene // hat gegeben den eberen [Fn-a] frowen der .. priorin und dem convente von Oettenbach sinui eigenne // gueter z'Wiach [Fn-b] und heissent dui: Hofwise, ein aker heisset der alte Wingarte, [Fn-1] und das gůt, da Johans kint von Ruimikon [Fn-2] uf sitzent, ein gůt, hat Johans der Bůchenegger, und das gůt ze Ruiwenhusen [Fn-3], umb eine und sechtzig march loetigis silbers, genger und gêber Zuirich gewicht. Und ouch er ist des silbers gewert nach siner vergicht alleklichen und wil ouch wer sin, swa man sin bedarf, fuir sich und sin erben, an geislichem gerichte und an weltlichem, das dui vorgenanden gueter sin frie eigen waren, und gab uf duiselben gueter mit namen frilich an uinser hant an uinsers gotzhus stat mit allem dem rechte und ehaftigi, so darzů gehoeren mag, mit dem gedinge das wir dui vorseiten gueter lihen zu rechtem erbe den vorgeschriben frouwen der .. priorin und dem convente von Oettenbach. Und duir sine bêtte do lihen wir dui vorgenanden gueter ze rechtem erbe den vorseiten frowen der .. priorin und dem convente von Oettenbach zu rechtem erbe umb einen jaerlichen zins zweier Zuiricher pfenninge uins und uinserm gotzhus zu gebenne zu des heiligen kruizes tult ze herbest. Und das dis alles war si und veste belibe und duir Růdolfs bêtte von Kloton so geben wir disen brief besigilt mit uinserm ingesigel ze einem waren uirkuinde offenlichen aller der vorseiten dingen. Dis geschach Zuirich, und dirre brief wart gegeben an dem donrstage ze mittem Rêdmanode, do von gotz geburt waren druizehenhundert jar, in dem nuinden jare danach, da zegegin waren: meister Ůlrich Wolfleibsch, kuster Zuirich, her Chůnr. von Sant Gallen, uiser [Fn-c] kaplan, her Johans Fuitzchi, ritter, her Hartman der Saler, Heinrich der Schuippher, burger Zuirich, meister Heinr., der blidenmeister [Fn-4] und ander erber luite.»

Kommentare der Editoren

Zum Apparat der Textedition gehören die oben inserierten Fussnoten, die nachstehend im Wortlaut wiedergegeben und im weiteren Verlauf des Beitrags teils kommentiert werden:

(p. 229) Fn-5: «Ein Heinrich von Kloten, doch wohl vom Zürcher Rittergeschlecht, war Zeuge des Verkaufs des Hofes Weyach durch Lütold von Regensberg ans Kloster Oetenbach; vgl. oben V nr. 1798.»

(p. 230) Fn-a: «Sic, statt "erberen".»
(p. 230) Fn-b: «Eigentlich "Zwiach" geschrieben.»
(p. 230) Fn-c: «Sic.»

(p. 230) Fn-1: «Der Flurname "Wingert" kommt jetzt noch westlich von Weyach vor; vgl. Siegfried-Atlas nr. 26.»
(p. 230) Fn-2: «Rümikon, Pf. Schneisingen, Kt. Aargau.»
(p. 230) Fn-3: «Rauhausen, Flurname im Wald südlich von Weyach.»
(p. 230) Fn-4: «Von blide = Steinschleudermaschine, vgl. Zürcher Stadtbücher I p. 369 und Richtebrief im Archiv f. Schweizergesch. V p. 184»

Angaben zur Urkunde und zum Siegel

«Original: Perg. 15/21 cm. St.A.Z. Oetenbach nr. 168». Es handelt sich also um ein Pergamentdokument, dessen heutige Signatur «StAZH C II 11 Nr. 168» lauten dürfte.

Zum Siegel der Äbtissin äussern sich die Bearbeiter ausführlicher: «Sigel beschädigt, abhangend.», heisst es da. Das Siegel zeigt «Felix und Regula, die Köpfe auf den Händen tragend, über ihnen ein Engel mit einem Tuch, unter ihnen eine betende Nonne.» Auch einen Text findet man, der jedoch wegen der Beschädigung nicht voll lesbar ist: «† S' ELISABETH DEI GRA . . . . TISSE MON . . . . . CEN» (Elisabeth von Gottes Gnaden Äbtissin des Klosters...), sowie ein «leerer Eindruck auf der Rückseite; vgl. G. v. Wyss Sigeltafel I nr. 11, Elisabeth von Matzingen seit 1308, vgl. oben nr. 2951».

Einer der ersten deutschen Texte

Bemerkenswert ist, dass es sich um einen der ersten Texte mit Weiach-Bezug handelt, der in deutscher Sprache verfasst wurde. Die Urkunde von 1295 beispielsweise - und auch die älteste erhaltene Nennung des Ortsnamens von 1271 - sind in mittelalterlichem Latein abgefasst.

Freies Eigen für 61 Mark Silber verkauft

Die verwendeten Wortformeln entsprechen dem damaligen Standard. Die Ausstellerin der Urkunde wendet sich an den Leser (oder den Zuhörer) und erklärt ihm das Rechtsgeschäft. Der Konvent Oetenbach erwarb freies Eigen des Rudolf von Kloten zum Preis von 61 Mark Silber, was dieser vor der Urkundsperson und den Zeugen öffentlich zu Protokoll gab. Das war wichtig, denn es kam damals immer wieder vor, dass jemand Rechte an einem Grundstück oder an Leibeigenen behauptete, die ihm gar nicht gehörten - dass dem so war zeigen u.a. die Habsburger Urbare (vgl. WeiachBlog Nr. 1307 über die Ussidelinge zu Weyach).

Wieviel Geld waren 61 Mark Silber? Zum einen handelt es sich um eine Recheneinheit und ihre Grösse hing davon ab, wer das Gewicht definierte. Deshalb wird das in der Urkunde auch explizit erwähnt. Der Kaufpreis belief sich auf «eine und sechtzig march loetigis silbers, genger und gêber Zuirich gewicht».

Der Artikel Mark (Gewicht) im Historischen Lexikon der Schweiz gibt dazu folgenden Hinweis: «Nur für wenige münzprägende Orte sind verlässl. Angaben über die genauen Gewichte verfügbar. Die Zürcher M. soll 237,1 g gewogen haben und ist wohl auf die Nürnberger M. zurückzuführen.» Demnach also rund 14.4 kg Feinsilber, was zum aktuellen Marktpreis rund CHF 8600 ergeben würde.

Hofwiese und Rauhausen

Für die Ortsgeschichte von Weiach ist nun interessant, was da neben dem alten Wingarten an Ortsnamen genannt wird. Einen Wingert gibt es bis heute (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 111).

Zum einen ist da die «Hofwiese», die von den Bearbeitern des UBZH auf der Karte nicht gefunden wurde, jedoch jedem in Weiach Ortskundigen ein Begriff ist. So heisst heute die Schulanlage mitten im Dorf. Dort - zwischen Oberdorf, Bühl und Chälen - befindet sich die Hofwiese. Weiter ist von einem Gut zu Rauhausen die Rede (vgl. zu Standort und Name: Weiacher Geschichte(n) Nr. 53).

Quelle
  • Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, 13 Bde, Zürich 1888-1957, Hrsg. von einer Commission der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich; bearb. von J. Escher und P. Schweizer, Paul Kläui, Werner Schnyder - Band 8, A°1909 - VIII, 229-230 - Nr. 2960

[Veröffentlicht am 10.9.2019 um 00:51]

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