Am 31. Mai 2011 berichtete der «Zürcher Unterländer» über den baldigen Beginn von umfangreichen Bauarbeiten an der Stadlerstrasse, dem nördlichsten Abschnitt der kantonalen RVS 566 (1844/45 als Strasse Weiach-Seebach erstellt) zwischen den Ortschaften Weiach und Raat. Laut dem Bericht sollten die Arbeiten bis im September andauern. Für grosse und schwere Fahrzeuge erforderten sie eine Umleitung über die Umfahrungsroute RVS 348 vom Autobahnanschluss A50 nach Neerach, auch «Kiesstrasse» genannt.
Geklauter Übername
Sowohl im «Unterländer», wie gleichentags auch im «Tages-Anzeiger» wurde der Übername des zu sanierenden Abschnitts kolportiert: Er werde im Volksmund «Blindlandepiste» genannt. Wie diese Namensgebung zu erklären sei, das verraten die Zeitungsmacher aber nicht.
Auffallend an der Stadlerstrasse ist ihr schnurgerader Verlauf zwischen zwei ehemaligen Fixpunkten des Weiacher Dorflebens, der Mühle zuoberst im Oberdorf und dem Gasthof Sternen. Parallel dazu bzw. fast exakt in gleicher Linie verläuft die Achse der Piste 14/32 und damit die Anflugschneise auf den Flughafen Kloten. Die Vermutung ist daher naheliegend, dass dieser Umstand zur Namensgebung massgebend beigetragen hat.
Nun ist es allerdings so, dass sich die Bezeichnung «Blindlandepiste» originär auf die Piste 16/34 bezieht, die bereits seit November 1948 in Betrieb ist. Diese Start- und Landebahn war die erste, welche mit einem sog. Instrumentenlandesystem (ILS) ausgerüstet wurde, das Anflüge bei schlechten Sichtbedingungen erlaubt. In dieser Zeit erhielt die Piste ihren ziemlich dick auftragenden Übernamen. Nach dem Aufsetzen auf der Piste und spätestens auf dem Vorfeld müssen die Piloten nämlich einige Meter weit sehen können.
«Blindlandepiste» war anfangs ein Alleinstellungsmerkmal
Da die Piste 16/34 einstmals als einzige (mehr oder weniger) in Nordrichtung gewiesen hat, ist der Name von den Weiachern wohl auf die neu erstellte Piste 14/32 übertragen worden. Und das nicht ganz zu unrecht. Denn auch die in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre erstellte Piste 14/32 kann man als Blindlandepiste bezeichnen. Auch sie weist ein ILS/DME für die Landung auf Runway 14 auf. Diese Systemkombination ist hochpräzise und zugelassen für CAT II/III (teilweise bis CAT IIIb). Das bedeutet, es erlaubt Landungen bei sehr schlechter Sicht (niedrige Wolkenbasis und geringe Runway Visual Range). Die Runway Visual Range (RVR) gibt die Distanz an, über die der Pilot im Anflug auf der Achse der Landebahn die Markierungen zur Begrenzung der Bahn oder die Mittellinie sehen kann.
Die jüngste Piste ist die «V-Piste»
Die vor einem halben Jahrhundert in Betrieb genommene Runway 14/32 bildet zwar keine Bodenkreuzung (wie die 10/28 Westpiste mit der 16/34). Sie ist jedoch – zum Leidwesen der Kapazitätsplaner des Flughafens und zur Freude der Stadtplaner in Bülach – keine Parallelpiste zur alten Blindlandepiste geworden. Die Anflugschneisen 14 und 16 schneiden sich, was die Verwendungsmöglichkeiten beschränkt. Ab dem Schnittpunkt öffnet sich nach Nordnordwest ein Winkel, der auf der Karte wie ein V aussieht. Daher wird sie auch in offiziellen Dokumenten als «V-Piste» bezeichnet.
Nun besteht Korrekturbedarf
Auf diesen 2011 im Druck überlieferten Übernamen ist auch der WeiachBlog-Autor hereingefallen. Da die Piste 14/32 häufiger als V-Piste bezeichnet wird (und nicht als Blindlandepiste), müssen folgende seit 2007 publizierten Artikel mit einem Verweis versehen werden, der den Lokalnamen mit einer Erklärung und der gebräuchlicheren Bezeichnung ergänzt.
- Weiach als Bauernopfer für Bülach. WeiachBlog Nr. 569, 22. November 2007.
- Lasst die Vergangenheit ruhen – 25. Jahrestag des Absturzes. WeiachBlog Nr. 1244, 14. November 2015.
- Nur 150 Meter tiefer und die DC-9 hätte den Wingert gestreift! WeiachBlog Nr. 1610, 13. November 2020.
- Der Frauenverein reist ins Toggenburg und Tössbergland. WeiachBlog Nr. 1825, 10. Mai 2022
- Kalter Abstimmungs-Kaffee aus dem Gemeindehaus. WeiachBlog Nr. 2045, 2. März 2024
- Not in my backyard? Bauprojekt Asylunterkunft unter der Lupe. WeiachBlog Nr. 2090, 28. April 2024.
Quellen
- Zwischen Weiach und Raat wird gebaut. In: Tages-Anzeiger, 31. Mai 2011.
- Baustelle ab Montag bis im September. In: Zürcher Unterländer, 31. Mai 2011.
- Projektseite Sanierung Piste 14-32 – ohne Störung des Flugbetriebs. Flughafen Zürich, 2014.

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