Samstag, 21. Dezember 2019

Ruth von Fischer zur Entstehung der Weiacher Chorfenster

Im Beitrag von gestern (vgl. WeiachBlog Nr. 1446) war von einer wichtigen Weichenstellung für die Gestaltung der Chorfenster der Weiacher Kirche die Rede: der Beibehaltung der Sprosseneinteilung.

Für die Künstlerin Ruth von Fischer (1911-2009) war damit der Rahmen räumlich abgesteckt. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Motive mussten nämlich in die durch die Fensterteilung vorgegebenen Flächen passen.

Das Thema hingegen, das diesen Glasfenstern zugrunde liegen sollte, war nicht festgelegt. Offenbar hat der Auftraggeber, die Evangelisch-reformierte Kirchgenossenschaft Kaiserstuhl-Fisibach, einzig die Bedingung gestellt, dass die Botschaft der Fenster gut verständlich sein soll.

Ein Werk mit vielen Vätern

Starke Symbole waren gefragt. Und gleichzeitig solche, die den Raum nicht überladen. Keine leichte Aufgabe. In ihrer Kurzansprache anlässlich der Einweihung der Fenster am 16. August 1981 berichtet die Künstlerin davon, dass es eine gewisse Zeit gebraucht habe, bis das Werk Gestalt annehmen konnte.

Klar wird auch, dass dieses Kunstwerk eine Mutter (von Fischer) und mindestens vier Väter hatte: Architekt Paul Hintermann (Rüschlikon), Glasmaler Willy Kaufmann (Rümikon; vgl. WeiachBlog Nr. 1446), Glasmaler Albert Rajsek (Boswil) und Pfarrer Robert Wyss (in Weiach von 1964 bis 1981, vgl. WeiachBlog Nr. 1166).


Nachstehend wird das bei der Gosteli-Stiftung aufbewahrte Redemanuskript Ruth von Fischers im vollen Wortlaut wiedergegeben. Gestrichene Passagen sind weggelassen. Satzzeichen wurden zwecks besserer Lesbarkeit hinzugefügt.

Rede an der festl. Einweihung der Fenster Mitte August 81

«Fenster Weiach 1981

Um Kirchenfenster zu machen braucht es wenigstens 2 Menschen, einer der die Fenster zeichnet und malt und der andere der sie ausführt. Wir hatten noch den Architekten der Kirche, welcher die ganze Arbeit organisierte, welcher mich mit dem Glaspezialisten zusammengeführt hat, damit ich beim Entwurf auf alles Rücksicht nehme, was das Handwerk verlangt. Dann war vor allem [der] Auftraggeber. Hier wurde die Bedingung gestellt, Fenster zu entwerfen, welche gut zu verstehen sind.

Nun also ans Werk! Im April 81 begann die Arbeit, zuerst eher mühsam. Je mehr ich aber damit vertraut geworden bin, um so besser ging es vorwärts. Herr Pfr. Wyss half mir durch ein Gespräch hier in der Kirche das Thema finden, dafür bin ich ihm dankbar.

Im Juni konnte ich die Zeichnungen nach Boswil an Herr[n] Rajsek schicken und anschliessend begann unsere Zusammenarbeit. Dort setzten wir die Fenster aus Glasteile[n] zusammen und ich bemalte die Teile. Alle weitere Arbeit hat Herr Rajsek gemacht. Ich war sehr beeindruckt über die grosse Glasauswahl, über die herrlichen Farben und über sein grosses Können und seine Erfahrung.

Nun kurz zur Deutung.

Das Mittelfenster ist ganz aus farbigem Glas, die Seitenfenster links und rechts nur teilweise.

Links ist die Wüste dargestellt, der Ort wo kein Quell des Lebens mehr ist. Dort gelten die Gesetze des Stärkeren. Die Katze tötet die Mäuse und Ratten, die Schlangen ebenfalls. In der Luft sucht die Fledermaus nachts ihre Beute, der Wüstenfuchs schleicht durch den heissen Sand, um noch Fressen zu jagen! Die Pflanzen sind verdorrt und haben Stacheln, nur der stachlige Kaktus blüht.


Rechts ist die geordnete Welt dargestellt. Die Sonne scheint, Hühner leben im Freien, das Korn wächst und im Garten blühen die Malven u. es reifen die Früchte.




Das Mittelfenster ist ganz farbig gestaltet. Es zeigt die Kraft des wirklich Lebendigen; oben rechts das himmlische Jerusalem. Es hat einen quadratischen Grundriss, zwar sind nur 3 Türme sichtbar. 12 Tore, auf jeder Seite 3, lassen das Lebenswasser aus der himml. Stadt auf die Erde fliessen. In der Stadt wohnt das Lamm. Dort braucht es weder Licht noch eine Kirche.


2 Lebensbäume wachsen üppig. Einer hat Blüte + Frucht zur selben Zeit. Der Strom des Lebendigen zieht auch die Tiere an: Fische, Reiher, Reh und viele Vögel, die Trauben gedeihen üppig reichlich. 

Leuchtende helle Farben möchten unser Gemüt trösten und ihm Kraft + Freude schenken, trotz aller Unvollkommenheit die uns umgibt.

Ich hoffe, dass ihr es auch so empfinden könnt!»

Die Bilder nehmen Bezug auf den Wandspruch

Mit dem Lamm ist das Lamm Gottes gemeint, ausgezeichnet durch den Glorienschein um seinen Kopf. Die Bildsymbolik nimmt Bezug auf die an der Nordwestwand aufgemalten Bibelworte des Propheten Jeremia (Jer 17, 12-14; Fassung in der Weiacher Kirche mutmasslich nach der Zürcher Bibel in der Übersetzung 1907/31; vgl. WeiachBlog Nr. 248).

In den Versen 5 bis 7 kurz vor der Wandspruch-Stelle ist die Rede von der Wüste, vgl. Zürcher Bibel 2007: «5 So spricht der HERR: Verflucht der Mann, der auf Menschen vertraut und Fleisch zu seiner Kraft macht und dessen Herz sich vom HERRN entfernt: 6 Wie Wacholder in der Steppe wird er sein, nichts Gutes wird er kommen sehen, und im Glutland, in der Wüste wird er wohnen, im Salzland, dort aber kannst du nicht bleiben.»

Und gleich anschliessend von den Wirkungen des Wassers: «7 Gesegnet der Mann, der auf den HERRN vertraut und dessen Zuversicht der HERR ist: 8 Er wird sein wie ein Baum, am Wasser gepflanzt, und zum Bach streckt er seine Wurzeln aus. Und nichts hat er zu befürchten, wenn die Hitze kommt, das Laub bleibt ihm; und im Jahr der Dürre muss er sich nicht sorgen, er hört nicht auf, Frucht zu bringen.»

Aus den Notizen Ruth von Fischers geht hervor, dass diese Bibelstellen einen entscheidenden Impuls gegeben haben. Und natürlich das in der Ansprache verdankte Gespräch (wohl am 24. März 1981) mit dem kurz vor der Pensionierung stehenden Pfr. Wyss.

Quelle
  • Dossier «Weiach Glasfenster 1981». Gosteli-Stiftung, Archiv Ruth von Fischer; Faszikel Weiach. Signatur: AGoF 605.11

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