Montag, 13. November 2006

Heinrich Hedingers «Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf»

Die von der Tamedia beauftragte Agentur SFLB hat sich zum Zwecke der Vermarktung der neuen Regionalausgaben die Zürcher Wappen gekrallt (WeiachBlog kommentierte am 5. November).

Die gerade eben gegründete Redaktion Zürcher Unterland des Tages-Anzeigers nimmt dies zum Anlass, in ihrem Regionalbund in lockerer Folge eine Gemeindewappen-Serie laufen zu lassen.

Quelle für die neuesten Weiacher Geschichte(n)

Lustige Koinzidenz: Im November 2006 sind genau 75 Jahre vergangen, seit der Weiacher Gemeinderat offiziell die Annahme des schon seit über hundert Jahren genutzten Gemeindewappens bestätigt hat.

Die Weiacher Geschichte(n) Nr. 84 und 85 vom November und Dezember gehen deshalb den Ursprüngen unseres Gemeindewappens auf den Grund. (Nr. 84 kann hier bezogen werden, Nr. 85 erscheint am 1. Dezember in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach und wird gleichentags auf der Website aufgeschaltet.)

Der nachfolgend in Auszügen unverändert wiedergegebene Text mit dem Titel «Die Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf stammt von Dr. h.c. Heinrich Hedinger. Er wurde in zwei Teilen, am 7. und 10. Februar 1936, in der Zeitung Der Wehnthaler abgedruckt. (Apropos: Der Wehnthaler erschien von 1871 bis 1947 und ging dann im Zürichbieter auf, der später seinerseits mit dem Zürcher Unterländer fusionierte.)

Hedingers Vortrag ist für den WeiachBlog zwecks besserer Lesbarkeit in neue Absätze gegliedert und mit Zwischentiteln versehen worden. Bühne frei für Hedinger:

Nicht nur so ein Wäpplein

« [...] Ehre und Ansehen ihres Wohnortes waren den Vorfahren nicht gleichgültig, was gerade aus der Wappengeschichte deutlich hervorgeht. Ihr Dorfschild sollte sie in Freud und Leid daran erinnern, wurde von ihnen ganz anders gewertet als "nur so ein Wäpplein" und war darum ehedem recht häufig zu sehen, z.B. auf prächtigen Glasgemälden, Brunnen und Glocken, aber auch an Feuerspritzen und teilweise in den Fähnlein, unter denen die Unterländer zum Krieg ausrückten. So erschienen diese alten Ehrenzeichen vielen Geschichtsfreunden als würdig, nach den Grundsätzen der Wissenschaft und des Heimatschutzes erhalten, bereinigt, renoviert und künftigen Geschlechtern endgültig richtig überliefet zu werden.»

Von Rittern erfunden - von Bürgern und Bauern übernommen

«Zum allgemeinen Verständnis der nachfolgenden Wappengeschichte sind vorerst noch allerlei Bemerkungen nötig. Die Wappen entstanden vor etwa 1000 Jahren zur Zeit des Rittertums aus rein praktischen Bedürfnissen. Wenn nämlich so ein gepanzerter Edelmann daher kam und gar noch das Helmvisier geschlossen hatte, war er fast nicht zu erkennen. Deshalb ließ er seinen Schild mit weithin sichtbaren Zeichen bemalen, die er dann auch auf Siegel, Mantel, Pferdedecke, Fähnchen und schliesslich, wie ein Bauer seinen Brennstempel, auf allen Waffen anbrachte, aus welch letzterem Wort die mittelhochdeutsche Bezeichnung "Wapen" entstanden ist. Mit den gleichfarbigen Abzeichen war der Vorreiter des Herrn geschmückt, der sogenannte Herold, weshalb man auch von einer Heroldskunst oder Heraldik redet. Dabei entwickelten sich schon früh einige Fachausdrücke und Regeln, an die man sich heute noch in ganz Europa hält.»

Heraldisches Fachchinesisch - leicht erklärt

«Die äußere Form eines Schildes ist nebensächlich und richtet sich nach Stil oder Raumverteilung. Altem Brauch entsprechend wird links und rechts in der Heraldik umgekehrt angegeben, d.h. so, wie wenn der Beschauer das Abzeichen selbst auf seiner Brust trüge. Gespalten ist z.B. das Wappen von Luzern, geteilt das von Freiburg und schräggeteilt jenes von Zürich. Ein senkrechter Streifen wird als Pfahl bezeichnet, ein waagrechter mit Balken. Natürliche Figuren dürfen den Schildrand nicht berühren und müssen stilisiert und flächenhaft dargestellt werden. Als Haupterfordernis gilt die Einfachheit eines Wappens; denn es soll auf weite Sicht rasch zu erkennen sein und darum keine nebensächlichen Zutaten enthalten. Aus diesem Grunde geschah die Bemalung von Anfang an nur mit wenigen leuchtenden Grundfarben. Statt Weiß und Gelb wurden oft Silber und Gold verwendet. Im 17. Jahrhundert kam als Notbehelf gegenüber der teuern farbigen Darstellung jene mit Schraffuren auf, wie sie auch in den folgenden Wappen zu finden ist. Senkrechte Striche bedeuten Rot, waagrechte Blau und schräge Grün, ferner gelten punktierte Felder als gelbe oder goldene. Braun kennt man in der Heraldik nicht, und es wird meist durch Rot oder Gold ersetzt. Wegen der Kontraste darf nie Farbe auf Farbe kommen, z.B. Blau auf Rot, wobei die grünen Dreiberge eine Ausnahme machen. Gold und Silber galten hier ehedem nicht als Farben, sondern als Metalle. Heute hingegen braucht ein Maler dafür nicht besondere Bronzen zu verwenden, und eine silberne Rose ist z.B. sinngemäß weiß darzustellen. Alle diese Regeln samt vielen anderen waren also bei der Bereinigung etlicher Wappen maßgebend. Warum erschien eine solche da und dort als notwendig?»

Vom Dorfzeichen zum offiziellen Gemeindewappen

«Die Geschichte unserer ältesten Dorfzeichen geht bis weit ins Mittelalter zurück, weshalb es verständlich ist, wenn einige im Lauf der Jahrhunderte allerlei Aenderungen unterworfen waren oder manche ursprüngliche Form vergessen wurde. Das bewog neben geschäftlichen Interessen den Zürcher Lithographen Krauer, 1860 eine neue kantonale Sammlung von Gemeindewappen herauszugeben und durch billigen Verkauf weit zu verbreiten.

Weil diese sogenannte "Krauertafel" ziemlich eilig entstanden war, enthielt sie viele Fehler. Von den 158 angegebenen Wappen waren 80 ganz oder teilweise falsch, und 22 politische Gemeinden hatten hier gar keines. Mit der Zeit regte sich manchenorts von selbst die Erkenntnis, daß auf diesem schönen Porträt vieles nicht stimme. Etwa hatten ältere Bürger das Dorfzeichen von früher her noch in Erinnerung, oder man sah es in seiner ehemaligen Gestalt da und dort noch vor Augen.

Diesem Wirrwar wollte das Staatsarchiv ein Ende machen, indem es 1917 an alle Gemeindekanzleien große Fragebogen verschickte mit der Bitte um genaue Angaben über die betreffenden Wappen. Allein unsere Behörden hatten damals, zum Beginn der Rationierungsmaßnahmen, den Kopf voll andere Sorgen und antworteten meist nur mangelhaft oder gar nicht, so daß die vorgesehene Bereinigung nicht erfolgen konnte.

Nach dem Krieg fing dann die bekannte Kaffee Hag-Aktiengesellschaft an, zu Reklamezwecken schweizerische Wappenbildchen herauszugeben, und immer mehr wurden die Beamten des Staatsarchivs mit Anfragen nach den richtigen Gemeindezeichen bestürmt, besonders von Vereinen. Weil auch sie derartige Berichte nicht von heute auf morgen liefern konnten, und die Natur der Sache einer einseitigen Lösung von Zürich aus widersprach, kam man auf den üblichen Ausweg, d.h. der Vorstand unserer kantonalen Antiquarischen Gesellschaft bestellte Ende 1924 eine Kommission zum privaten Studium dieser verwickelten Fragen. Sie war präsidiert von Prof. Dr. F. Hegi und nach dessen Tod von Dr. E. Hauser. Entschädigungen wurden mit Ausnahme der Bahnspesen etc. keine ausbezahlt.

In jedem Landesteil [d.h. Bezirk] mußte ein mit den örtlichen Verhältnissen bekanntes Mitglied vorerst das reichliche Material zusammensuchen. Das geschah im Bezirk Dielsdorf wieder mit Fragebogen, die im Februar 1925 versandt wurden und bis Ende 1927 an den Schreibenden zurück kamen, nachdem er vielenorts seinen "Agenten" in den Gemeinden selbst behilflich gewesen war. Darin berichteten diese nun eingehend mit Wort und Bild, wie das betreffende Wappen in ihrem Dorfe dargestellt wurde, z.B. auf Marksteinen, Feuerspritzen, Windlichtern, Feuerkübeln, Glocken, Vereinsfahnen, Gebäuden, Brunnen, Möbeln, Fruchtsäcken, Glasgemälden, Siegeln, Stempeln, Briefköpfen, Drucksachen, Dokumenten, Bildern, Karten und dergleichen, ferner wurden im Zweifelsfall stets noch alte Ortsbürger befragt. C. Biedermanns kurze Bezirksgeschichte aus 1882 erwies sich auch hier als unzuverläßig. An dieser Stelle sei allen Mitwirkenden nochmals herzlich Dank gesagt.

Die Ergebnisse ihrer wertvollen Untersuchungen wurden dann durch die Arbeitsgemeinschaft unserer Wappenkommission ergänzt mit vielen zweckdienenden Angaben aus alten Vorlagewerken des zürcherischen Stadtarchivs, des Staatsarchivs, der Zentralbibliothek und des Landesmuseums sowie aus andern Quellen. Es waren hauptsächlich das Wappenbuch von Gerold Edlibach aus 1488, Stumpfs Schweizerchronik von 1548 und die vielbändigen Geschlechterbücher von Pfarrer Erhard Dürsteler ab 1737 und J. F. Meiß ab 1740. Diese werden bei den einzelnen Abschnitten weiter hinten mit dem bloßen Verfassernamen zitiert. Ganz besonders wichtig war für den Bezirk Dielsdorf eine Akten- und Wappensammlung des ehemaligen Pfarrkapitels Regensberg, das sogenannte Dekanatsbuch aus 1719. So kam ein umfangreiches Beweismaterial zusammen, das gegenüber allerlei phantasievollen Legenden oder vorgefaßten Meinungen, die eine irrtümliche Tradition verteidigen wollten, meist entscheidend war. Es wird durch allfällige neue Funde später kaum wesentlich verändert.

Weil alles Wissen Stückwerk ist, schickte dann die Kommission ihren begründeten Vorschlag mit einer farbigen Skizze in demokratischer Weise dem betreffenden Gemeinderat zur Genehmigung, die fast überall ziemlich bald erfolgte, teilweise sogar durch formelle Beschlüsse von Gemeindeversammlungen. Ihr Datum ist ordnungshalber bei den einzelnen Abschnitten stets am Schluß notiert. Wo es Differenzen gab, was verständlich war, reiste der Bezirksvertreter nochmals hin, unterhandelte persönlich mit den Behörden, schrieb aufklärende Zeitungsartikel oder hielt Vorträge. In noch schwierigeren Fällen begab sich die die ganze Kommission auf den Kampfplatz oder lud Gemeindeabgeordnete zu sich ins Staatsarchiv ein, wo sie meist die bessern Gründe anerkannten und in diesem Sinn ihre Mitbürger beeinflußten.

Ferner wurden durch unsern besondern Verlag (Plattenstr. 44, Zürich 7) viele Tausende netter Wappenkarten, die als Mustervorlagen dienen können, unter das Volk gebracht, und nächstens kommt eine große neue Tafel in den Handel. Sie sei Behörden und Privaten bestens empfohlen! Unterdessen ist ja bereits ein prächtiger Abreißkalender des Dielsdorfer Baugeschäftes Schäfer im Unterland verbreitet worden, worauf die hiesigen Gemeindewappen farbig dargestellt sind.

Nach über 100 Sitzungen hat die Kommission Ende 1935 ihre schöne Arbeit abgeschlossen. Das wird nicht aus Prahlerei gesagt, sondern um darauf hinzuweisen, mit welcher Achtung und Sorgfalt die einzelnen Mitglieder unsere ländlichen Ehrenzeichen behandelten. (Aehnliche jahrelange Forschungen durch solche Arbeitsgemeinschaften aus Stadt und Land würden, nebenbei bemerkt, auch andern Teilaspekten der Zürchergeschichte sehr zugute kommen, z.B. jenen betreffend Familienwappen, Geschlechts- und Flurnamen, Volkstrachten oder alte Währungen und Maße.) Die so bereinigten Wappen aller politischen Gemeinden unseres Kantons machen nach der vorn geschilderten Art ihres Entstehens Anspruch auf amtlichen Charakter und sollten zukünftig auch in Kleinigkeiten durch Handwerker oder Maler nicht verändert werden.
[...]»

Nach dieser Einführung bringt das Original für jede einzelne Gemeinde des Bezirks eine Kurzgeschichte samt Blasonierung (heraldische Beschreibung) des Wappens ergänzt mit der Schwarz/Weiss-Darstellung nach den oben erklärten Regeln.

Auszüge aus diesem Text mit weiterführenden Erklärungen zum Weiacher Wappen finden Sie in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 84.

Quellen und Literatur

  • Hedinger, H.: Die Gemeinde-Wappen im Bezirk Dielsdorf. In: Der Wehntaler, 7. Februar 1936.
  • Krauer, J.: Wappen sämmtlicher Hauptgemeinden des Kantons Zürich [Wappentafel des Zürcher Lithographen Johannes Krauer; Zürich, um 1860] Signatur ZBZ: LS 94 FAV 400
  • Kopp, P.F.: Artikel «Wappen». In: Historisches Lexikon der Schweiz. Online-Ausgabe

1 Kommentar:

WG(n) hat gesagt…

Die Weiacher Geschichte(n) Nr. 85 sind ab sofort auch in Farbe verfügbar (in den Gemeindemitteilungen nur in Schwarzweiss):
75 Jahre offiziell anerkanntes Wappen. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 2).