Montag, 22. Januar 2007

Limitierte Privatsphäre bei Künstlernachlässen

Manchmal stösst man beim Durchkämmen des Webs mittels Suchmaschinen auf wirklich Überraschendes. So auf das Inventar des Archivs einer noch lebenden Schriftstellerin, der 1922 geborenen Erika Burkart. Und darin auf eine unverhoffte Verbindung nach Weiach. Aber der Reihe nach.

Die Kurzbiographie des Ammann-Verlags, bei dem sie einige ihrer Werke publizierte, verrät ein paar Eckdaten:

«Nach dem Lehrerinnenseminar arbeitete Erika Burkart 1942-1952 als Primarlehrerin. Sie ist verheiratet mit dem Autor Ernst Halter und lebt als freie Schriftstellerin im »Kapf«, einem alten Äbtehaus in Althäusern/Kt. Aargau. Dieses Haus und die es umgebende Landschaft spielen eine wichtige Rolle in Erika Burkarts Werk. Erika Burkarts Gedichte stehen in der Nachbarschaft derjenigen von Huchel, Eich und Bobrowski; sie markieren einen Höhepunkt der modernen Schweizer Lyrik.»

Letztgenannte Einschätzung wird dadurch untermauert, dass Burkart in den vergangenen fünfzig Jahren eine ganze Reihe von Preisen gewonnen hat:
- Meersburger Droste-Preis 1957
- Conrad-Ferdinand-Meyer-Preis 1961
- Johann-Peter-Hebel-Preis 1978
- Literaturpreis des Kantons Aargau 1980
- Mozart-Preis 1990
- Gottfried-Keller-Preis 1991
- Joseph-Breitbach-Preis 2002
- Großer Schillerpreis 2005

Im Archiv gelandet. Verstauben war gestern

Wenn man älter wird macht man sich in der Regel Gedanken, wem man seine irdischen Güter vermachen will. Bei Künstlern ist das mitunter eine recht umfangreiche Angelegenheit.

Burkart übergab ihre Materialsammlung dem Schweizerischen Literaturarchiv, das in den Räumen der Schweizerischen Nationalbibliothek an der Hallwylstrasse 15 in Bern untergebracht ist (und auch URL-mässig zu dieser gehört).

Der akribischen Aufstellung des Schweizerischen Literaturarchivserstellt von Corinna Jäger-Trees») ist zu entnehmen, was sich aus der Zeit von 1950-2005 alles in der Sammlung Burkart befindet:

«Zusammenfassung : Das Archiv Burkarts umfasst bezüglich des literarischen Materials (A) Manuskripte von drei Romanen und einigen Gedichten; sehr umfangreich erhalten sind Typoskripte der Gedichte und Romane, ausserdem Manuskripthefte mit Notizen und Skizzen zu Werken, Briefen und tagebuchartigen Notaten. Ausserdem enthält ihr Archiv Korrespondenzen (B) und persönlich-literarische Tagebücher der Jahre 1984-1999 (C), die sich allerdings noch bei der Autorin befinden. Die Rubrik Sammlungen (D) umfasst eine grosse Sammlung mit Presseausschnitten zu Leben und Werk der Autorin, die dazugehörige Sekundärliteratur, in Zeitungen und Zeitschriften abgedruckte Texte Burkarts sowie Fotos. Etliche Materialien der Rubriken B-D befinden sich nach wie vor bei der Autorin. Das erweiterte Archiv (E) umfasst Briefsammlungen von Briefen Erika Burkarts an Luzia Elmer und Carl Naef.
Umfang : 48 Schachteln
Signatur : SLA-EBUR
»

Postkarte aus Weiach

Man ahnt, dass es da auch sehr persönliche Dinge drin hat. Und tatsächlich - es hat. Zum Beispiel erfährt man, dass sie von dem vor Jahren im unteren Bühl zu Weiach wohnhaften und tätigen Komponisten und Dirigenten René Dublanc zwei Karten erhalten hat:

B-2-DUBL Dublanc, René
Rohr/ Weiach
1990-12-18
1998-05-20
2 Kt.


Was da drauf steht muss noch nicht einmal bekannt sein. Das Fazit ist klar: Wer Schriftstellern Postkarten schickt, der muss damit rechnen, dereinst noch zu Lebzeiten über die minutiöse archivalische Erfassung von deren Nachlass unfreiwillig geoutet zu werden. Schöne neue Internet-Welt.

[Veröffentlicht am 11.2.2007]

1 Kommentar:

WG(n) hat gesagt…

Wie die Zeitungen heute melden ist Erika Burkart am Mittwoch, 14. April 2010 im Alter von 88 Jahren in Muri (Freiamt) verstorben.
Vgl. Google-News