Dienstag, 23. September 2025

Unser Klärschlamm wurde in Bülach zu Dünger verarbeitet

Ende 1968 hat die Gemeindeversammlung Weiach den Kredit für die kommunale ARA (Abwasserreinigungsanlage) am Rhihofweg 21/23 genehmigt. Nach der Inbetriebnahme musste auch eine Lösung für den Klärschlamm gefunden werden. Dass die Verarbeitung dieses Schlamms in nicht allzu grosser Entfernung erfolgte, das wissen die wenigsten.

Heute vor 25 Jahren konnte man sich das Verfahren mit Augen ansehen. An diesem Samstag, 23. September 2000, hat die Grosskläranlage Furt an der Glatt nämlich mit einem Tag der offenen Tür eine sechsjährige Bauphase abgeschlossen. Im Hinblick auf die Wasserreinigungstechnik, so schrieb die NZZ am Vortag, gehöre sie nun zu den modernsten der Schweiz.

Zweiter Entsorgungsweg: Granulatdünger statt direkter Ausbringung

Gründe für die umfassende Sanierung der seit 1956 in Betrieb stehenden Anlage waren laut dem NZZ-Journalisten Hillmar Höber: «Verschärfte Anforderungen an die Reinigungsleistungen; ungenügende Kapazitäten der Schlammbehandlung sowie die Sicherung eines zweiten Entsorgungsweges für Klärschlamm».

Die Schlammverwertung, so Höber weiter, sei «auf Grund eines durch den Kanton erlassenen Konzeptes auf regionaler Basis realisiert» worden. «Hier wird auch der Klärschlamm der Reinigungsanlagen Glattfelden, Rheinfelden [sic!], Eglisau, Weiach, Rorbas und Stadel verarbeitet.» 

Ist da wirklich die Aargauer Stadt Rheinfelden gemeint? Oder hatten Zweidlen und Rheinsfelden tatsächlich eine eigene ARA, obwohl die ehemalige Glattfelder Anlage Nidermatt nicht weit entfernt war? Um das herauszufinden müsste man tiefer in der Geschichte der Nachbargemeinde graben.

Was ab diesem Zeitpunkt aus dem Klärschlamm wurde? Das Verfahren sah wie folgt aus:

«Die hochmoderne Trocknungsanlage mit Zentrifuge, «Ofen» und Absackungsanlage gleicht einem modernen Industriebetrieb. Das gewonnene Endprodukt  ein Granulat  findet als gefragter Phosphordünger zu hundert Prozent in der Landwirtschaft Verwendung. Für eine Tonne Granulat erhalten die Abnehmer eine Entschädigung von 90 Franken.» 

Klärschlamm bereits seit zwei Jahrzehnten in der Landwirtschaft verboten

Lange konnten sich die Verantwortlichen aber nicht an ihrer neuen Anlage freuen. Schon als die obigen Zeilen getippt wurden, war die Klärschlammverwertung in der Landwirtschaft umstritten, egal ob in unbehandelter flüssiger Form (mit Bakterien, Prionen, Viren, etc. belastet) oder als aufbereitetes Phosphorgranulat.

Im Jahre 2003 geriet die Verwendung von flüssigem Klärschlamm in der Landwirtschaft ins Visier der zuständigen Bundesbehörde. Seit dem 1. Oktober 2006 ist jeglicher Einsatz von Klärschlammprodukten in der Landwirtschaft verboten. Auch der Phosphordünger aus Bülach.

Ebenfalls im Jahre 2003 wurde Klärschlamm bereits als Energieträger zur Klinkerproduktion in Schweizer Zementwerken eingesetzt (vgl. Schweiz Aktuell vom 24. April 2003). 

Nachtrag vom 5. Mai 2026: Diese Art der Verwertung ist laut Bundesamt für Umwelt BAFU auch heute noch erlaubt (vgl. Themenseite Klärschlamm vom 6. Oktober 2025).

Weiacher Klärschlamm ist das Problem der Hohentengener

Seit 2006 wird das Weiacher Abwasser bekanntlich über eine Rohrleitung unter der Kaiserstuhler Rheinbrücke in die EU exportiert und dann in der ARA von Hohentengen geklärt. Der Klärschlamm wird anschliessend nach den Vorschriften des deutschen Umweltbundesamtes behandelt und entsorgt.

Mit der thermischen Verwertung hat man zwar das Problem der schleichenden Vergiftung der Felder (z.B. sog. «Ewigkeitschemikalien» wie PFAS!) eher im Griff. 

Trotzdem brauchen die Pflanzen für ihr Wachstum eben nicht nur Stickstoff, sondern auch zwingend Phosphor, sonst funktioniert die Photosynthese nicht, denn ATP (Adenosintriphosphat) ist sozusagen die Energiewährung der Pflanze.

In der Schweiz ist Phosphorrückgewinnung Pflicht!

Seit dem Verbot muss man den Phosphor nun importieren. Es stellt sich also die Frage der Versorgungssicherheit. Die ist nicht nur aus politischen Gründen gefährdet, sondern auch, weil die Phosphatminen auf dem Planeten höchst endliche Ressourcen sind. 

Sowohl in der EU wie in der Schweiz ist man daher schon viele Jahre auf der Suche nach grosstechnisch umsetzbaren Lösungen zur Rückgewinnung des Phosphors aus dem Klärschlamm. 

Seit dem 1. Januar 2025 gilt: «Aus kommunalem Abwasser, Klärschlamm zentraler Abwasserreinigungsanlagen sowie der Asche aus der thermischen Behandlung von solchem Klärschlamm ist Phosphor zurückzugewinnen und stofflich zu verwerten» (Art. 15 Abs. 1 VVEA). 

«Die Schweiz schreibt damit als erstes Land weltweit eine verbindliche Phosphorrückgewinnung vor.» (Faktenblatt Phosphor-Recycling Kt. SG). Vgl. auch die Themenseite Phosphor-Recycling des BAFU.

Die Details findet man in den Artikeln 15 bis 15c der Verordnung über die Vermeidung und die Entsorgung von Abfällen (VVEA) des Bundes.

Quelle und Literatur

  • Höber, H.: Neue Kläranlage in Bülach spielt Vorreiterrolle. Wichtiger Schritt zur Gesundung der Glatt. In: Neue Zürcher Zeitung, Nummer 221, 22. September 2000, S. 50.
  • Brandenberger, U.: Spatenstich für Abwasser-Export. In: WeiachBlog Nr. 25, 26. November 2005.
  • Brandenberger, U.: Abwasserexport funktioniert schon seit einem Jahr. In: WeiachBlog Nr. 413, 1. April 2007.
  • Amt für Wasser und Energie, Kanton St.Gallen: Phosphorgewinnung aus Abwasser. Faktenblatt Phosphor-Recycling. Juni 2019 – S. 3.
  • Brandenberger, U.: Plus Kläranlage, minus Römerwachtturm. WeiachBlog Nr. 1968, 14. August 2023.

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