Vor anderthalb Jahrhunderten unternahmen die Mitglieder der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich (AGZ), des 1832 gegründeten kantonalen Vereins für Geschichte und Altertumskunde, bereits in alter Tradition regelmässig Erkundungstouren. Im «Feuilleton» der Neuen Zürcher Zeitung berichteten sie danach über diese «Ausflüge in historisch und antiquarisch interessante Gegenden des Zürchergebiets und der angrenzenden Kantone».
So auch in einem siebenteiligen Bericht, der zwischen dem 21. und 27. September 1875 abgedruckt wurde. Er illustriert die Tour von Anfang Mai, als 22 Mitglieder der genannten Gesellschaft sich in die Gegend um den Plateauberg Irchel begaben, also südlich den untersten Abschnitt des Tösstals (von Winterthur bis zur Tössegg) sowie nördlich das Flaachtal (mit Buch am Irchel, Berg am Irchel, Volken, Dorf und Flaach).
Exzerpiert und umgesetzt in Arial 12 Pt umfasst dieser Bericht nicht weniger als 15 Druckseiten A4. Wir bringen daher in diesem WeiachBlog-Beitrag lediglich die auf das römische Wachtturm-System bezogene Passage und verweisen für den vollständigen Text auf das unter e-newspaperarchives.ch verfügbare Digitalisat (vgl. Links in den Quelle und Literatur ganz unten). Alle Zwischentitel stammen von der Redaktion WeiachBlog.
Dettenberg und Wagenbreche
«Der Freund des keltischen und römischen Alterthums», heisst es im Teil 1, finde in dieser Gegend «mehrfache Spuren frühzeitiger Ansiedelungen». Von Bülach ausgehend gelangten die Wanderer in einen der zum Städtchen gehörenden Weiler: «Von Nußbaumen führt ein Fußweg etwas steil an einem Waldrande vorbei auf den Höhenzug, welcher das Tößthal westlich begränzt und in seinem untern Theile den Namen Rheinsberg führt.
Wir erwähnen hier zunächst der sogenannten Wagenbreche, einer Stelle, derenthalben zwei Großmächte, die Nordostbahndirektion und die Stadt Winterthur, längere Zeit mit einander im Hader lagen. Es handelte sich um das Trace der Eisenbahn von Winterthur nach Waldshut, speziell um die Streitfrage, ob die Bahnlinie selbständig und ohne Berührung von Bülach durch die Wagenbreche nach Waldshut geführt oder aber mittelst eines längeren Tunnels durch den Dettenberg bei Bülach einmünden sollte. Schließlich trug die Nordostbahn den Sieg davon.»
Zu diesem Zeitpunkt stand der Bau der Bahnlinie von Winterthur nach Koblenz bereits kurz vor der Vollendung (Eröffnung des Teilstücks an dem Weiach liegt am 1. August 1876), vgl. «Der direkte Weg von Zürich nach Konstantinopel führt durch den Dettenberg». 100 Jahre Eisenbahn Winterthur–Koblenz. 1876–1976. Festschrift der Lesegesellschaft Bülach, 1977. Sowie: Weiacher Geschichte(n) Nr. 20 & 21, in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli bzw. August 2001.
Der Rheinsberg als Angelpunkt der Wacht am Rhein
«Weit in die Vergangenheit zurück weist ein anderer noch nördlicher gelegener Punkt, um welchen auch zwei feindliche Mächte, die alten Germanen und die Römer, vielleicht in Streit gerathen sein mögen; zum Mindesten haben von hier aus die Letztern die Erstern in ihren Bewegungen beobachtet. Am linken Ufer des Rheines nämlich stand auf einem etwa 700 Fuß hohen Hügel im sogenannten Schatz durch's ganze Mittelalter hindurch bis auf die neueste Zeit eine Hochwache, von der aus man die Ufer des Rheins aufwärts bis Ellikon und abwärts bis Kaiserstuhl und ein weites Gelände nach Süden überschauen konnte.
Diese Stelle ist nach Westen durch einen künstlich angelegten 15 Fuß tiefen Graben, nach Osten durch einen dachfirstartigen Grat des Berges, nach Süden und Norden durch jähe Abstürze isolirt. Im Jahr 1860 wurde hier in zerfallenem Mauerwerk zerbrochenes Geschire römischen Ursprungs gefunden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier einst eine römische Warte, eine Specula gestanden hat, deren Grundmauern noch vorhanden sind. Dieser Wachtthurm war viereckig mit 27 Fuß langen Seiten und 3 Fuß dicken Mauern und in der Mitte durch eine Scheidewand in 2 gleiche Theile abgetheilt. Die Ueberreste dieser Specula wurden im vorigen Jahrhundert von Schatzgräbern durchwühlt, daher der jetzige Name „im Schatz“.
Wir halten es für angezeigt, hier eine nähere Beschreibung der römischen Warten einzuflechten und entnehmen das Nähere einer größern Abhandlung von Hrn. Dr. Ferd. Keller aus Zürich, welche im, «Anzeiger für schweizerische Alterthumskunde», Jahrgang 1871, S. 237—248 enthalten und von sachbezüglichen Abbildungen begleitet ist.»
Gemeint ist die obstehende Tafel XXI. In: Keller 1871: Die römischen Warten, Speculae... (Vollst. Titel s. Quelle und Literatur unten).
Dr. h.c. Ferdinand Keller (1800-1881) war 1832 einer der Mitbegründer der Gesellschaft für vaterländische Alterthümer in Zürich, der späteren Antiquarischen Gesellschaft.
Was Keller unter einer Specula verstand, erläutert er in seiner Fussnote 1 auf S. 238: «Wir sprechen hier nicht von den telegraphischen Anstalten der Griechen und Römer im Allgemeinen, sondern nur von den in den nördlichen Provinzen zur Kaiserzeit für strategische Zwecke errichteten Signalthürmen.»
Weiter im Text des NZZ-Feuilletons:
Darstellungen auf kaiserlichen Siegessäulen
«Die Kenntniß der letztern [d.h. der Wachttürme] verdanken wir theils einigen Darstellungen auf der Trajans- und Antoninssäule, theils der Untersuchung der gegenwärtig noch vorhandenen Reste solcher Thürme in der Schweiz und Süddeutschland.
Auf der untersten Tafel der Trajanssäule in Rom, welche die Hauptmomente des dacischen Krieges (101—106 nach Chr. G.) darstellt, sehen wir 3 Wachtthürme abgebildet, die als solche durch die am obern Stockwerke herausragenden Fackeln und durch neben den Thürmen befindliche Heustöcke und Scheiterhaufen zu erkennen sind. Demgemäß waren diese Speculae vereinzelte, ans Stein erbaute, viereckige Thürme von geringem Umfange, aber beträchtlicher Höhe und oben mit einer hölzernen Gallerie versehen, auf welcher die aus einigen Mann bestehende Wache Umschau hielt. Die Aufgabe der Wächter war, bei Annäherung der Feinde am Tage durch ein Rauch-, zur Nachtzeit durch ein Feuersignal eine drohende Gefahr den nächsten Posten anzuzeigen und auf diese Weise theils die Nachricht zum Hauptquartier gelangen zu lassen, theils die Bevölkerung der Umgebung zu alarmiren. Das Rauchsignal bestand im Anzünden eines Heustocks, das Feuersignal im Schwenken einer brennenden Fackel oder im Anzünden eines Scheiterhaufens. Zum Schutze waren die Thürme von einem Palissadenwerk umgeben. Sie konnten kaum längern Widerstand leisten und wurden daher beim Anrücken des Feindes von der Besatzung, die sich auf die Hauptposten zurückzog, verlassen. Der Standpunkt der Thürme ist so gewählt, daß je ein Thurm von seinen beiden Nachbarn gesehen werden und die Signale an sie abgeben konnte. Bei Biegungen des Flusses ist die Entfernung zwischen den Thürmen gering, bei geradem Laufe desselben größer. In der Regel waren die Warten von einem viereckigen oder runden Wall und Graben von schwachem Profil umgeben; auf Bergeshöhen war eine Ringmauer beigefügt. Hinsichtlich der Bauart ist zu bemerken, daß die Wartthürme von quadratischer Grundform und im Mittel 30 Fuß seitlicher Länge waren, daß ihre 3 Fuß dicken Mauern hauptsächlich aus Geschieben des Rheinstroms oder aus kleinern Tufsteinquadern, an einigen Lokalitäten aus Jurabruchsteinen bestanden, und daß endlich das Erdgeschoß bisweilen durch eine Scheidemauer in zwei gleiche Theile abgetheilt ist.
Auf der Antoninssäule bemerkt man hinter den Wartthürmen ein der Uferhalde entlang laufendes Palissadenwerk, das genau genommen nicht hinter, sondern vor den Gebäulichkeiten erscheinen sollte, weil es das Anlanden und die Betretung der Ufer zu verhindern hat. Ob eine solche Schutzwehr auch bei den Thürmen am Rhein angebracht war, läßt sich nicht mehr ermitteln. Rückwärts der Linie der·Wartthürme, in der Entfernung einer halben oder ganzen Stunde vom Rhein finden sich zahlreiche Spuren von römischen Gebäulichkeiten (vgl. oben bei Nußbaumen), die als Reste römischer Villen oder Gehöfte zu betrachten sind, da weder eine Einfriedigung noch andere Art von fortifikatorischer Anlage zu bemerken ist. Was das Alter der Wartthürme betrifft, so ist bekannt, daß unter Augustus der Lauf des Rheins vom Bodensee bis zu seiner Mündung als Grenze zwischen dem römischen Reich und Germanien festgesezt wurde, und daß zu dieser Zeit auch die Anlegung der rhätischen Alpenstraßen mit einer Reihe kleiner Kastelle stattfand, die theils als Mansionen dienten, theils zum Schutz der Straße vom Einfluß des Rheins in den Bodensee bis zur Umbiegung seines Laufes unterhalb Basel und zugleich auch zur Verstärkung der Grenzwehr bestimmt waren. Jedenfalls fällt die Gründung der Wartthürme ins erste Jahrhundert.
Nach Abzug der zu Vindonissa stationirten Truppen [als Folge des Vorstosses der Römer nach Norden und Eroberung/Kolonisierung der Agri decumates bis zum Obergermanischen Limes] geriethen die Warten in Verfall und blieben in diesem Zustande, bis in der Mitte des 3. Jahrhunderts unter Valerianus und Gallienus jenes wichtige Ereigniß der Durchbrechung des römischen Grenzwalles durch die Alemannen, der Plünderung und Zerstörung der diesseits des Rheines gelegenen Ortschaften und des Verlustes der römischen Provinz Rhätia eintrat. [Vorstoss der Alamannen bis nach Oberitalien; Schlacht von Mediolanum 260]»
Der Donau-Iller-Rhein-Limes (DIRL)
«Kaiser Valentinianus ließ sodann im Jahre 369 dem ganzen Rhein entlang von Rhätien an bis zum Ozean Castelle und Schanzen, deßgleichen Thürme aufführen, die in geringer Entfernung von einander an bequemen und geeigneten Stellen angelegt wurden. Vom untern Theile des Bodensees bis Basel sind bis jetzt folgende bekannt geworden: 1)Warte auf dem weißen Fels zwischen Steckborn und Berlingen; 2) Festung bei Burg (Stein a. Rh.); 3) Warte bei Marthalen nahe am Einfluß des Röthenbachs in den Rhein; 4) Warte zu Ellikon unterhalb Rheinau, Köpferplatz genannt; 5) Ebersberg (worüber später ein Mehreres); 6) Rheinsberg; 7) Warte bei Weiach auf dem sogenannten „verfluchten Platz“; 8) Warte bei Rümikon, zwischen Schwarz-Wasserstelz und Rümikon; 9) Warte bei Mellikon; 10) Warte unweit Reckingen; 11) Warte im Castell Tenedo bei Zurzach; 12) Warte zwischen Rietheim und Koblenz oberhalb des „kleinen Lauffens“; 13) Warte bei Koblenz; 14) Warte gegenüber Waldshut in der sog. „Jüppe“; 15) Warte bei Schwaderloch (Bürgli); 16) Warte unterhalb Kaisten, Murg gegenüber, deßgleichen beim Dorf Kaisten; 17) Warte bei Sisseln neben der Kirche am Rheinbord; 18) Warte bei Stein; 19) Warte bei Niedermumpf; 20) Warte gegenüber Unterwallbach; 21) Warte unterhalb Unterwallbach; 22) Warte gegenüber dem Schlosse Oberschwörstadt; 23) Warte gegenüber Niederschwörstadt; 24) Warte bei Ryburg; 25) Warte gegenüber Riedmatt; 26) Warte in der Hard bei Basel, eine kleine Viertelstunde unterhalb dem rothen Hause.
Zum Schlusse mag erwähnt sein, daß neben den aufgeführten Wartthürmen noch eine zweite Beobachtungslinie von Chur, Wallenstadt und das Limmatgebiet bis nach Vindonissa aufgestellt war, ein Beweis dafür, welch großen Werth die Römer auf die ununterbrochene sichere Straßenverbindung von Chur-Windisch-Basel setzten. Die angedeutete Strecke ist im Hinblick auf römische Wartthürme noch nicht vollständig erforscht, immerhin aber folgende Lokalitäten als solche festgestellt worden: 1) Ruine bei Ragaz; 2) Biberlikopf bei Weesen, einer der besterhaltenen Uebereste [sic!]; 3) der Gubel bei Rappersweil; 4) die Uetlibergkuppe, vorerst ein keltisches Refugium, dann eine römische Specula, die, wie aus zahlreich aufgefundenen Ueberresten zu schließen ist, ziemlich gut eingerichtet war und 5) der Stein bei Baden. [...]»
Der Originalartikel Kellers aus dem Jahre 1871 enthält teils ausführliche Beschreibungen einzelner dieser Warten entlang des unter Valentinian erstellten Donau-Iller-Rhein-Limes. So unter Punkt 7 auch über die Warte bei Weiach auf dem sogenannten „verfluchten Platz“, vgl. S. 244 im Originalartikel bzw. S. 431-432 in Weiacher Geschichte(n) Nr. 108.
Quelle und Literatur
- Keller, F.: Die römischen Warten, Speculae, längs des linken Rheinufers vom Bodensee bis Basel. In: Anzeiger für Schweizerische Alterthumskunde (ASA), Bd. 1 (1869-1871), Heft 4-2 (1871) – S. 237-248.
- N.N.: Ein antiquarischer Ausflug in’s untere Töß- und Flaachthal. [Teil 1] In: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 477, 21. September 1875 // Teil 2 in: NZZ, Nr. 478, 21. September 1875 Ausg. 02. mit Verfl. Pl. // Teil 3 in: NZZ, Nr. 480, 22. September 1875 Ausg. 02 // Teil 4 in: NZZ, Nr. 482, 23. September 1875 Ausg. 02 // Teil 5 in: NZZ, Nr. 484, 24. September 1875 Ausg. 02 // Teil 6 in: NZZ, Nr. 486, 25. September 1875 Ausg. 02 // Teil 7 in: NZZ, Nr. 488, 27. September 1875.
- Brandenberger, U.: «Verfluchter Platz». Liess ein römischer Wachtturm ihn bei den Weyachern in Verruf geraten? Weiacher Geschichte(n) Nr. 108. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), November 2008 – S. 10-14 (vorstehend verlinkt die Gesamtausgabe, S. 429-433).
- Brandenberger, U.: Otto Schulthess zum römischen Grenzschutz am Oberrhein. WeiachBlog Nr. 1899, 17. Februar 2023.

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