Montag, 19. März 2007

Handschriften entziffern: Die passage obligé zu den Quellen

Auch wenn sich manche Netgeeks ein Leben ohne Tastatur und Bildschirm nicht mehr vorstellen können: Schreiben war über Jahrhunderte gleichbedeutend mit Federkiel, Tintenfass und dem obligaten Sand zum Trockenlegen. Mühsame Handarbeit.

Ich weiss nicht wie es Ihnen geht, aber das Entziffern von Handschriften ist für mich manchmal eine ziemlich grosse Hürde. Von der eigenen Handschrift rede ich hier nicht - auch wenn es mir selber schon passiert ist, dass ich von mir eigenhändig Hingekritzeltes nicht mehr lesen konnte. Peinlich, peinlich.

Bei Hieroglyphen hilft nur minutiöser Quervergleich

In der Regel geben einem die Schriften Dritter mehr Rätsel auf. Noch lebende Personen kann man notfalls fragen. Bei längst Verblichenen - und das ist bei der Arbeit mit alten Akten (wie zum Beispiel Kirchenbüchern) die Mehrheit der Schreibenden - ist dies natürlich nicht mehr möglich.

Das zwingt einen, die Individualität eines Schreibenden, seinen ganz persönlichen Stil kennenzulernen. Nur Geduld bringt da Rosen, und das bedeutet in diesem Fall: Training am und mit dem unbekannten Schriftbild.

Je mehr Text desto besser

Man liest also - und sobald man stolpert, bleibt nur noch das akribische Vergleichen des unbekannten Schlenkers mit bereits Entziffertem. So wie das jeder Profi und jedes OCR-Programm auch machen müsste. Je mehr Material von der gleichen Hand vorliegt, desto besser, dann hat man mehr Vergleichsmöglichkeiten.

Vorgehen beim Lesen:
• Wörter in einzelne Buchstaben zerlegen
• Alphabet erstellen
• Unbekannte Buchstaben mit bereits entzifferten vergleichen
• Versuchen, Wörter zu erkennen und fehlende Buchstaben zu ergänzen

Das braucht zwar sehr viel Zeit - ist aber die einzige wirklich zielführende Lösung, die ohne Hilfe von Profis (d.h. Historiker mit Training im Lesen alter Schriften, Lehrpersonen oder Apothekerinnen) auskommt. Und die einzige bei der man wirklich sicher sein kann. Man weiss dann nämlich genau, wo man eine Unsicherheit hatte - und kann bei der fraglichen Stelle in der Transkription entsprechende Vorsicht walten lassen. Das vermeidet Fehlinterpretationen.

Handschriften-Kurse on- und offline

Vormachen muss man sich da gar nichts. Probleme haben nämlich auch Profis ab und zu - das nennen sie dann Zweifelsfälle. Die sind gerade bei solchen "Schriftkünstlern" unvermeidlich, wie man sie in den Kirchenbüchern der Gemeinde Weiach antrifft.

Wer die in historischen Dokumenten angetroffenen Schriften selber lesen will, für den gibt es sowohl Literatur wie auch Kurse.

Online verfügbar ist z.B. die Website zur Sütterlinschrift (siehe Tipps und Tricks).

Sehr empfehlenswert ist Adfontes, ein Selbstlerntraining der Universität Zürich, das ebenfalls online abrufbar ist: http://www.adfontes.unizh.ch - Da muss man sich zwar anmelden. Aber es lohnt sich.

Für offline-Kurse empfehle ich eine Kontaktnahme mit dem regionalen historischen Verein, für den Kanton Zürich z.B. mit der Antiquarischen Gesellschaft in Zürich oder mit einer genealogischen Vereinigung Ihrer Gegend.

Kommentare:

Wanderer von Arlesheim hat gesagt…

Die Seite von Adfontes ist eindrücklich - danke für den Tipp!

Eddie hat gesagt…

Ja ja die Geduld....

Wie dem auch sei Sütterlin lese ich schon gut 50 Jahre. Meine aus Oberbayern stammende Gotte schrieb nur Sütterlin und ich musste Ihre Geburtstagswünsche und andere Briefe schon in jungen Jahren doch entziffern. Aber das macht doch einen Unterschied zu den Schriften des 18. und 17. Jh.

Ich werde diese jedoch weiterhin mit Ausdauer angehen und versuchen Geduld zu üben.

Adfontes kenne ich seit einiger Zeit aber eben ....

Auf jeden Fall vielen Dank für diesen interessanten Beitrag