Donnerstag, 15. November 2007

Naturschützer in Deponie-Torschlusspanik

«Die überaus artenreiche Kiesgrube Rüteren in Weiach (ZH) droht als Deponie zu verkommen», warnt die Entomologische Gesellschaft Zürich im Protokoll ihrer Sitzung vom 26. Oktober 2007 eindringlich. Und ruft zu Gegenmassnahmen auf: «Unterlagen für Einsprachen (bis 14.11.!) sind erhältlich beim Kassier».

Grund der Aufregung ist der kantonale Richtplan, genauer gesagt dessen Teilrevision in den Bereichen Gewässer, Gefahren, Ver- und Entsorgung. Dort ist nämlich die längst rekultivierte Kiesgrube Rüteren nördlich der Bahnlinie als potentieller Deponiestandort eingetragen.

Einsprachefrist fast verschlafen?

Die öffentliche Auflage und damit die Frist für Einsprachen und Einwendungen läuft seit bald zwei Monaten: vom 17. September bis 15. November 2007 - also bis heute.

So richtig erwacht sind die Naturschützer aber erst vor wenigen Tagen. Mindestens hat es diesen Anschein, wenn man die Zugriffstatistik von WeiachBlog und Veröffentlichungsdaten der Artikel von Regional-Medien zum Thema verfolgt.

Es wäre durchaus früher gegangen, denn die parlamentarische Steilvorlage in Form einer Anfrage grüner Kantonsrätinnen an die Regierung ist schon am 11. Juni erfolgt, wie WeiachBlog vor zwei Monaten berichtete.

Die Anfrage erfolgte noch vor der Veröffentlichung des Richtplans und lange vor dem Beginn der Auflagefrist. Und selbst die Antwort des Regierungsrates auf die obgenannte Anfrage ist mit Datum 22. August noch vor Beginn der Auflagefrist erteilt und veröffentlicht worden.

Lange Leitung von «Hot Spots» zur Pro Natura

Die eigentliche Initialzündung innerhalb der Naturschützer-Community scheint von «Hot Spots» zum kommen. Diese Gruppierung nennt sich selber «Verein zur Erhaltung und Aufwertung von Kulturlandschaften mit hoher Artenvielfalt in der Schweiz und im grenznahen Ausland». Präsident ist Hansruedi Schudel, ein selbstständiger Biologe, der im Zusammenhang mit Schmetterlingsprojekten an der Weiacher Fasnachtsflue den Hiesigen kein Unbekannter sein dürfte. Es liegt daher nahe, dass Schudel den Aufruf «Rettet Rüteren» initiiert hat.

Auch die Kantonalsektion Zürich von Pro Natura hat ihre vorformulierte Vorlage für eine Einwendung gegen den Richtplan erst am 15. Oktober produziert, wie man in den Eigenschaften des Word-Dokuments feststellen kann und sie erst am 24. Oktober online gestellt, wie man im Daten-Root sieht.

Sogar erst seit Sonntag, 28. Oktober 2007 macht die Website «Terra typica» mit ihrem Aufruf «Biotop in Gefahr» mobil, erwähnt dabei Schudels Verein, gibt aber dafür sehr konkrete und praktische Hinweise, wie am effizientesten eine Einsprache verfasst werden könne. Samt Direktlink auf das Online-Formular des Kantons - und nicht so altväterisch (mit einem auszudruckenden und per Post einzuschickenden A4-Blatt) wie die Pro Natura.

Antrag WeiachBlog

Die vielen Artikel in der Regionalpresse haben immerhin bewirkt, dass auch WeiachBlog seine Einwendung am letzten Tag der Auflagefrist noch gepostet hat:

«Antrag: Es sei der Deponiestandort Nr. 29 aus dem Richtplan zu streichen.

Begründung: Eine Beibehaltung einer Deponieoption in einem bereits weitgehend mit Aushub und Tunnelausbruch aufgefüllten Gebiet ist ein Schildbürgerstreich.

Dies insbesondere, weil die Rekultivierung schon längst abgeschlossen ist und ausserdem die UNIQUE Zürich Airport für teures Geld eine ökologische Ausgleichsfläche finanziert hat.

Im übrigen hat der Standort sogar nach Meinung des kantonalen Naturschutzes überkommunale Bedeutung.
»

Das ist zugegebenermassen nicht in so gedrechseltem Naturschützer-Slang verfasst, wie man es in den Vorlagen obiger Vereinigungen lesen kann. Aber wenigstens nicht mit Copy&Paste entstanden und dafür die ehrliche Meinung eines Anwohners.

Rüteren ist längst eine Deponie

Im Gebiet nördlich der Bahnlinie wurden bereits im ganz grossen Stil Aushub und Tunnelausbruch abgelagert - fast alles angeliefert per Bahn von diversen Grossbaustellen in der Umgebung. Und auch Bauschutt der nicht so sauberen Sorte wurde da hineingekippt, wie ich selber vor Jahren mehrmals festgestellt habe. Deshalb hat es in diesem einst gähnenden Loch auch längst nicht mehr so viel Platz wie einst - und ausserdem ist wegen der in einer sanften Mulden-Form modellierten Struktur des ehemaligen Kiesgrube die Eignung als Deponiestandort mehr als fragwürdig.

Ich frage mich deshalb, ob die ganze Aufregung wirklich nötig war. Da gibt es nämlich etliche Sicherungen:

Im Entwurf für die öffentliche Auflage gemäss Beschluss des Regierungsrates vom 18. Juli 2007 findet man zwar auf Seite 29 unter «5.7 Abfall» ebendiese Nr. 29. «Weiach, Rüteren» hat eine Fläche von total 6 Hektar, sagt der Kanton und veranschlagt das mögliche Deponievolumen auf 900'000 m3.

Entscheidend ist aber, was der Kanton selber unter dem Punkt Realisierungsstand schreibt. Da heisst es nämlich: «geplant (langfristige Landsicherung); Standorteignung unter Berücksichtigung bestehender ökologisch wertvoller Biotope prüfen.»

Also: die Fachstellen für Naturschutz des Kantons haben nicht geschlafen. Es wird sich in den nächsten Jahren weisen, was stärker ist: Naturschützer und ihre wertvollen Biotope oder Nimby-Bewegungen von Bürgerinitiativen, die keine neue Deponie in ihrem Naherholungsraum haben wollen.

Trockenwiesenverordnung des Bundes als Versicherungspolice

Ganz so einfach wird die erneute Umfunktionierung der Rüteren zur Deponie nur schon deshalb nicht werden, weil der Standort 29 schon in die geplante Trockenwiesenverordnung des Bundes Eingang gefunden hat. Nach Art. 6 der Verordnung sollen die aufgeführten Gebiete «ungeschmälert erhalten werden.» Und Art. 7 Abs. 1 macht für Abklassierungen klare Vorgaben:

«Ein Abweichen vom Schutzziel ist nur zulässig für unmittelbar standortgebundene Vorhaben, die dem Schutz des Menschen vor Naturgefahren oder einem andern überwiegenden öffentlichen Interesse von nationaler Bedeutung dienen.»

Der Kanton Zürich müsste im Vernehmlassungsverfahren schon ganz gute Gründe einbringen, um die «grösste Trockenwiese» (Zrinski) aus der Verordnung zu kippen.

Weiterführende Artikel
  • Zrinski, S.: Deponie kollidiert mit Artenschutz. Weiach - Kiesgrube im Gebiet Rüteren ist wichtigster Trockenstandort im Kanton Zürich. In: Zürcher Landzeitung/ZU/NBT, 7. November 2007 (mit einem Artikel auf der Titelseite und einem doppelseitigen weiteren Artikel im Bezirksteil, dieser wurde im Lokalblatt Rümlanger zweitverwertet).
  • Zrinski, S.: Mörtelbiene soll Bauschutt weichen. Das Gebiet Rüteren ist im Richtplan als Deponiestandort eingetragen. In: Rümlanger, 9. November 2007.
  • Verordnung über den Schutz der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung (Trockenwiesenverordnung) - ENTWURF vom 15.12.06
  • Sehr viel weiteres Material zum Thema findet man über diese Google-Suche.

1 Kommentar:

WG(n) hat gesagt…

Natürlich hat auch der Tages-Anzeiger Unterland in dieser Sache nicht geschlafen.

Bereits am 15. Juni wurde die Anfrage von Kantonsrätin Susanne Rhis-Lanz kommentiert - und auch später blieb die Tagi-Leute am Ball:

- Naturschutz oder Deponie in Weiach? (15.6.2007, S. 69 Unterland)
- Weiacher Kiesgrube als Standort einer Deponie unwahrscheinlich (31.8.2007, S. 63 Unterland)
- Zwei weitere Deponien geplant (15.9.2007, S. 69 Unterland)
- Kantonale Deponien in Gemeinden meist unerwünscht (9.11.2007, S. 71 Unterland)
- Pro Natura wehrt sich gegen Deponie (14.11.2007, S. 61 Unterland)

Letzteres war sogar bei der Redaktion an der Pfnüselküste ein Thema:

- Auch Pro Natura kämpft gegen Deponie (13.11.2007, S. 57 Linkes Seeufer)