Dienstag, 21. März 2006

Tages-Anzeiger mischt regionale Presselandschaft auf

Der «Tages-Anzeiger» geht in die Offensive. Auf der heutigen Frontseite und auf den Plakataushängen wird die neue Regionalisierungsstrategie gross angekündigt. Das Ziel: die regionale Berichterstattung soll formal und inhaltlich einen hohen Stellenwert erhalten.

Die Pilotphase mit der Regionalausgabe für das linke Zürichseeufer (seit Anfang 2005 auf dem Markt) hat offensichtlich Appetit auf mehr gemacht. «Im Verbreitungsgebiet dieser Ausgabe konnten wir Abonnenten gewinnen», wird TAmedia-Verlagsleiter Rolf Bollmann zitiert.

Mehr Abonnenten gleich mehr Einnahmen. Das ist für das Überleben einer Zeitung immer wichtiger, bricht doch das Anzeigengeschäft zusehends ein (Stichwort: Internet und die Folgen).

Der NZZ-Gruppe Paroli bieten

Deshalb richtet der Tagi jetzt mit der grossen Kelle an. Er will das Erfolgskonzept auf vier weitere Regionen ausdehnen: Ausgaben für das rechte Zürichseeufer, das Zürcher Oberland, das Unterland und die Stadt Zürich sind geplant.

Interessanterweise sind das genau diejenigen Regionen, in denen die NZZ-Gruppe über ihre Beteiligungen an Regionalzeitungen stark ist. Bisher ist z.B. in Winterthur oder im Weinland keine Regionalausgabe geplant. Dort lässt man dem «Landboten» den Status als Platzhirsch.

Weitere Konzentration im Zeitungsbusiness

Ob die Konkurrenz wirklich so gelassen reagiert, wie der Tagi schreibt? Beim «Zürcher Unterländer» (ZU; mit der NZZ-Gruppe im Rücken) und beim «Neuen Bülacher Tagblatt» (NBT; der einzigen noch wirklich unabhängigen Zeitung im Unterland) dürfte man die neue Konkurrenz jedenfalls mit Argusaugen beobachten.

Und nicht nur das. Die Regionalzeitungen auf der Landschaft werden ihre Strategie wohl überdenken. Dass dem so ist, kann man ebenfalls dem heutigen «Tages-Anzeiger» entnehmen. Christine Fivian, Chefredaktorin des «Zürcher Unterländers», wird dort wie folgt zitiert: «Das Engagement des "Tages-Anzeigers" bringt Bewegung in den Markt und wird dazu führen, dass wir die bestehende Kooperation unter den Landzeitungen und mit der NZZ verstärken werden.» Gemeint sind die Zürichsee-Zeitung (vgl. das Design der Website der ZSZ mit dem des ZU) und der Zürcher Oberländer (ZO).

Es wird spannend. Wie wird sich der «Unterländer» gegen die dritte Regionalzeitung behaupten und wird er Abonnenten verlieren? Die mehrheitlich rechtskonservative Leserschaft des NBT wird sich von der neuen Tagi-Regionalausgabe wohl eher weniger angesprochen fühlen. Beim ZU könnte das anders sein.

20 Minuten als Verlautbarungsorgan

Die Ankündigung war übrigens gut vorbereitet. Auch die heutige Regional-Ausgabe Zürich von 20 minuten, die zum Rennstall der Tamedia gehört, berichtet über die Pläne ihres Mutterhauses: «Zürich - Im Herbst lanciert der «Tages-Anzeiger» vier weitere Regionalausgaben. Nach dem ersten Split am linken Zürichseeufer folgen nun die Regionalausgaben für das rechte Zürichseeufer, das Zürcher Oberland, das Zürcher Unterland und die Stadt Zürich. Durch den Ausbau werden rund 65 neue Stellen geschaffen. Die Regionalisierung soll mit zusätzlichen Mitteln im einstelligen Millionenbereich und Einsparungen finanziert werden. Ebenfalls im Herbst soll der «Tages-Anzeiger» nach zehn Jahren in einem neuen Layout erscheinen.»

Quellen
  • Der «Tages-Anzeiger» verstärkt die Regional-Berichterstattung. In: Tages-Anzeiger, 21. März 2006 - S. 1
  • «Tages-Anzeiger»: 5 Regionalausgaben. In: 20 minuten Zürich, #56, 21. März 2006 - S. 3

Kommentare:

WG(n) hat gesagt…

Die Reaktion der Gegenseite liess nicht lange auf sich warten. Da wurde offensichtlich eine längst geplante Massnahme aus der Schublade genommen:

«Die der NZZ-Gruppe zugewandten Regionalzeitungen «Zürcher Oberländer», «Zürcher Unterländer» und «Zürichsee-Zeitungen» legen ihre Redaktionen für die Ressorts Kanton Zürich, Ausland, Inland und Sport zusammen(...)».

Quelle: Bericht im Blog Medienspiegel.

Seebueb hat gesagt…

Die drei Zeitungen haben ja schon seit Jahrzehnten (damals noch von Akeret, Buchdruckerei Wetzikon, resp. Fam. Gut verlegt) gemeinsame Korrespondenten im Zürcher Rathaus und teilweise in Bern. Später haben Seezeitung und Oberländer punktuell kooperiert und der ZU und die ZSZ die Stadtzürcher Korrespondenten zusammengelegt. Vielleicht wegen dem Tagi etwas forciert, überraschend keineswegs.

Winterthur hat gesagt…

Winterthur: Der Landbote gehört dem Tagesanzeiger.

WG(n) hat gesagt…

Der Landbote soll der Tamedia AG gehören? Davon steht aber auf den einschlägigen Seiten des Zürcher Verlags gar nichts.

Auch eine Recherche im Handelsregister ergibt als jüngsten Eintrag im Schweizerischen Handelsamtsblatt folgendes:

«Ziegler Druck- und Verlags-AG, in Winterthur, CH-020.3.929.370-5, Druck und Verlag der Tageszeitung ’Der Landbote,
Aktiengesellschaft (SHAB Nr. 189 vom 29. 09. 2005, S. 20,
Publ. 3038430
).
»

Der obige Eintrag ist daher m.E. eine Ente.

WG(n) hat gesagt…

Verweis auf einen späteren Artikel zur weiteren Entwicklung: Unterländer Bastion gegen das Tagi-Schlachtschiff
(WeiachBlog vom 6. August 2006). Bericht über das Zusammengehen von Neuem Bülacher Tagblatt und Zürcher Unterländer.