Freitag, 18. Dezember 2009

Als Seite-1-Girl im «Blick»

«In the future, everyone will be famous for 15 minutes», soll der Pop-Art-Künstler Andy Warhol 1968 prophezeit haben. Gemessen daran, was gewisse Reality-TV-Formate heute aus und mit dem «girl next door» machen, ist diese Zukunft heute Gegenwart.

Kaum zur Freude von traditionalistisch eingestellten Zeitgenossen, die darin - zu Recht oder Unrecht - eine weitere Manifestation von Sodom und Gomorrah sehen. Auch viele längst verstorbene Weiacher Pfarrer (wie Albert Kilchsperger; vgl. die Artikel über den Visitationsbericht) würden sich wohl im Grab umdrehen, wenn sie erführen, wie Boulevardzeitungen heutzutage mit ihren Schäfchen Quote und Umsatz zu bolzen versuchen.

Gelernte Landwirtin

So gerade gestern, am 17. Dezember, als der «Blick» einer Weiacherin namens Petra ihre Warhol'schen 15 Minuten Berühmtheit zukommen liess: In der Rubrik «Heute bin ich ein Star!» als Blickfang und Pinup-Girl für den voyeuristischen Leser.


Verlinkt ist die entsprechende Seite Petra (28) aus Weiach ZH mit einem Vorher-Foto und etlichen Bildern des Shootings mit halbnackten Tatsachen.

«Petra ist das heutige Seite-1-Girl. Die 28-Jährige steht auf Feuerstühle – und hat heute Geburtstag! Wir gratulieren», posaunt die Seite.

Unter dem Zeitstempel «Aktualisiert um 00:37 17.12.2009» auch ein «Steckbrief» abgedruckt. Und so sieht Berühmtheit im Telegramm-Stil aus:

«Petra (1,64m/56kg) ist gelernte Landwirtin, arbeitet aber als Pöstlerin. Die Singlefrau wohnt zurzeit mit ihrem Vater in einer Wohngemeinschaft. In ihrer Freizeit geht sie am liebsten mit Hund Rocky spazieren. Unser Star des Tages hat heute Geburtstag – wir gratulieren!

Mir gefallen... meine Haare. Sie sind gesund und ich erhalte viele Komplimente dafür.

Weniger schön... ist meine Haut. Sie wird vor allem im Winter viel zu weiss. Dennoch: ins Solarium würde ich nicht, das ist viel zu ungesund.

Bei einem Mann achte ich... auf seine Hände und einen knackigen Hintern.

Männer beneide ich um... sie sind so schön unkompliziert und sie sind immer schnell gut angezogen, dazu brauchts bloss eine Jeans und ein Shirt.

Mein Traum: Die Schweiz erkunden und zwar auf dem Motorrad und mit Rocky. Alle wollen ins Ausland, dabei ist es hier so schön!
».

Offenherzig an der Stallwand

Bei ihrer Herkunft hätte sich Petra durchaus auch für den Bauernkalender, das rustikale Pendant zum Pirelli-Kalender, bewerben können.

Und tatsächlich hat die junge Frau auch schon Vorstösse in die entsprechende Richtung gemacht, wie man dem Tages-Anzeiger Unterland am 29. Mai 2007 entnehmen konnte: «Eine Weiacherin will in den Bauernkalender!» wurde dort mit dem passenden Titel «Offenherzig an der Stallwand!» bekanntgeben. Für den gedruckten Bauernkalender reichte es nicht, jetzt aber für den Blick.

Immerhin sind auch auf der Kalenderwebsite noch ein paar Spuren zu finden: ein Pressebild sowie den erwähnten Artikel aus dem Tages-Anzeiger. Und der ist wenigstens etwas ausführlicher als der Blick-Auftritt.

Präsentation der Köder

Ihre Netze werfen die Boulevard-Macher gezielt in attraktiven Fischgründen aus: «Weiblich, zwischen 18 und 30 Jahren alt» müsse man sein. Den Auserwählten schenke man dann «ein professionelles Foto-Shooting»:

«Eine Hair- und Make-up-Artistin holt das Beste aus dir heraus, du trägst edle Wäsche und der erfahrene Profi-Fotograf Geri Born rückt dich ins beste Licht. Zusammen wird am Schluss ein sexy Bild ausgewählt, das auf der Titelseite des BLICKs gedruckt wird. Nach dem Fototermin erhälst du als Erinnerung die besten Fotos in einer Mappe plus eine CD mit allen Aufnahmen — und 200 Franken als Entschädigung für deinen Aufwand.»

1 Kommentar:

WG(n) hat gesagt…

«Ob Doktorandin oder Dentalassistentin: Der «Blick» wird mit Anfragen von Frauen überschwemmt, die sich halbnackt auf Seite 1 zeigen wollen. Warum eigentlich?»
fragt Reto Hunziker in seinem Artikel Die nackte Begeisterung (Tages-Anzeiger Online 01.02.2010, 20:49 Uhr (aktualisiert 3.2.10 09:57).