Posts für Suchanfrage Restaurant Bahnhof werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen
Posts für Suchanfrage Restaurant Bahnhof werden nach Relevanz sortiert angezeigt. Nach Datum sortieren Alle Posts anzeigen

Dienstag, 12. August 2025

Die bauliche Entwicklung im Stationsquartier Weiach, Stand 1953

Mit der Eröffnung der Linie von Winterthur nach Koblenz wurde 1876 das Stationsgebäude der Schweizerischen Nordostbahn eingeweiht (Kaiserstuhlerstr. 48) und gegenüber ein Wohnhaus des Bierbrauers Jakob Denzler zum «Rheinthal». Ab 1887 entstand dort das Restaurant zum Bahnhof (2008 abgerissen).

Die Kernbereiche der grossen Hallen der Holz Benz AG zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie wurden ab 1904 von der Sägerei Jakob Meierhofer errichtet, das Gebäude der Schuhschäftefabrik Walder (später Sattlerei Fruet AG, Kaiserstuhlerstr. 51, heute: Im See 2) kam 1921 dazu, 1924 das Weichenwärter-Wohnhaus «Allenwinden» (Kaiserstuhlerstr. 45, heute: Dörndlihag 7), 1950 die ehemalige Bahnhofgarage Weibel (Kaiserstuhlerstr. 47), 1953 der frühere Polizeiposten (Kaiserstuhlerstr. 40), 1957 das Lagergebäude der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Weiach (Kaiserstuhlerstr. 44) und 1960 der Wohnblock für die Festungswächter (Dörndlihag 6).

So äussert sich die aktuelle Ausgabe der ortsgeschichtlichen Monographie (vgl. Literatur) zu den frühen baulichen Aktivitäten im Bereich zwischen dem Weiacher Vorposten Bedmen und der Stadt Kaiserstuhl. Wer von den Ortsansässigen diesen Zustand noch selber erlebt hat, der ist über dem AHV-Referenzalter (65 Jahre).

Luftaufnahme vom 26. Mai 1953

Gar um die 80 Lenze und mehr muss zählen, wer die folgende Konfiguration mit eigenen Augen gesehen haben kann:


Auf der Nordseite (d.h. links) der Bahnlinie sieht man einen geschwungenen Feldweg, der den alten Verlauf der Hauptstrasse vor dem Bau der Trasse Eglisau – Koblenz anzeigt (vgl. WeiachBlog Nr. 1784).

Die GWK-/FWK-Unterkunft im Dörndlihag fehlt da natürlich noch, ebenso der heute alte Teil der erweiterten Landi Weiach (beide in der linken oberen Bildecke). 

Bildlegende

Von links nach rechts sind die Gebäude wie folgt anzusprechen:

1 – Posten Weiach der Kantonspolizei Zürich, mit Dienstwohnung, 1953 fertiggestellt.

2 – Dreschscheune der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach, nach Grossbrand 1940 wiederaufgebaut.

3 – Haus Allenwinden. Wohnhaus mit gewölbter Waschküche des Albert Meierhofer, Weichen-Wärter, 1924, ehemals Kaiserstuhlerstrasse 45, heute Dörndlihag 7 (vgl. WeiachBlog Nr. 382).

4 – Lagerunterstand am Grubenweg. 2014 durch den Zivilschutz GlaStaWei abgerissen und durch den Gemeindewerkhof ersetzt (vgl. WeiachBlog Nr. 1175).

5 – Stationsgebäude Weiach-Kaiserstuhl, errichtet durch die Schweizerische Nordostbahn 1876 als Provisorium im sog. «Laubsägelistil» («Stationsgebäude Classe V»). Eigentum der Schweizerischen Bundesbahnen, Gebäude unter Denkmalschutz (vgl. Wikipedia-Artikel Weiach-Kaiserstuhl).

6 – Bahnhofgarage Weibel, 1950. Heute BP-Tankstelle und Convenience-Shop.

7 – Restaurant zum Bahnhof. 1876 als Wohnhaus mit Keller erbaut, dazu Scheune und Stall (rechts). 1887 zum Wohn- und Gasthaus umfunktioniert. 1890 strassenparalleler Anbau eines Kegelbahngebäudes mit Trinkhalle (links). Die baufällige Anlage wurde 2008 abgerissen. An dieser Stelle steht heute die Überbauung Im See 1/3 (2014) und Im See 8-16 (2015).

8 – Schäftenäherei der Schuhfabrik Walder, Brüttisellen, 1921.

9 – Schützenhaus Hasli, 300 m-Stand der Schützengesellschaft Weiach, 1948.

10 – Sägerei und Holzhandlung Robert Meierhofer, errichtet ab 1904. Per 1. Januar 1954 ins Eigentum der Firma Heinrich Benz, Holzhandel, Kloten übergegangen (vgl. G-Ch Weiach 1954, S. 17).

Quellen und Literatur

  • Lagerbücher der kantonalen Brandassekuranz ab 1834-1954, Archiv der Politischen Gemeinde Weiach, Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01 und .02. 
  • Friedli, W.: Luftaufnahme vom 26. Mai 1953. Kaiserstuhl, Weiach (Ausschnitt Stationsquartier). Bildnachweis: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_H1-014958. DOI-Link: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000357010
  • Brandenberger, U.: En attendant Godot: Restaurant Bahnhof. WeiachBlog Nr. 269, 2. September 2006.
  • ders.: «Allenwinden» steht zum Verkauf. WeiachBlog Nr. 382, 9. Februar 2007.
  • ders.: Die Schrotthalde beim Restaurant Bahnhof. WeiachBlog Nr. 420, 8. April 2007.
  • ders.: Der langsame Tod des Restaurants Bahnhof. WeiachBlog Nr. 519, 17. September 2007.
  • ders.: Bahnstation und Restaurant Bahnhof vor 1911. WeiachBlog Nr. 867, 24. Juni 2010.
  • ders.: Zivilschutz reisst Unterstand am Grubenweg ab. WeiachBlog Nr. 1175, 24. April 2014.
  • ders.: Poststrasse muss Eisenbahn Platz machen, Detailplan 1873. WeiachBlog Nr. 1784, 30. Januar 2022.
  • Brandenberger, U.: Weiach. Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Sechste, erweiterte Auflage von Walter Zollingers «Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». Elektronische Ausgabe, V 6.83, August 2025 – S. 75.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Bahnstation und Restaurant Bahnhof vor 1911

Seit heute kurz vor Mittag wird auf Ricardo wieder einmal eine Postkarte mit Weiacher Sujet angeboten. Ein Gruß aus Weiach-Kaiserstuhl.


Diese Bezeichnung trägt der Bahnhof der beiden Gemeinden Weiach und Kaiserstuhl seit dem Jahre 1876, als die Nordostbahn-Strecke von Bülach nach Koblenz im Kanton Aargau eröffnet wurde. Die Bahnhofanlagen liegen vollständig auf Weiacher Boden (im Gegensatz zur heutigen Haltestelle Kaiserstuhl AG, die sich auf dem Gebiet des Städtchens befindet).

Die zwei unteren Bilder auf der 1911 von der Post beförderten Ansichtskarte zeigen links das Bahnhofgebäude mit Wagen und Personal davor. Rechts das ehemalige Restaurant Bahnhof, das gleich über der Kantonsstrasse lag und im März 2008 abgerissen worden ist.


Angepriesen wird das Angebot als: «Sehr schöne Karte, gelaufen 1911, rechts Riss, Fehlstelle im Papier und Stockflecken, sonst sehr guter Zustand.»

Die hat dann laut Vorstellung des Anbieters auch einen stolzen Mindestpreis: CHF 150! Man wird sehen, ob jemand bereit ist, so viel dafür hinzublättern.

Weiterführender Artikel

Sonntag, 8. April 2007

Die Schrotthalde beim Restaurant Bahnhof

An einer der letzten Gemeindeversammlungen wurde Unmut über die Unordnung auf dem Parkplatz des Restaurants Bahnhof laut (vgl. WeiachBlog vom 18. Dezember 2006: «Es sind ja fast nur Behördenmitglieder da»):

«Die nächste Beschwerde aus der Runde betraf das Abstellen von defekten Autos und Autowracks auf dem Parkplatz des Restaurants Bahnhof. Dem Gemeindepräsidenten ist dieser unschöne Zustand sehr wohl bewusst. Es brauche aber "einen härteren Tatbestand, dass wir etwas in den Händen haben". Sonst könne man gegen die dafür Verantwortlichen nicht mit der nötigen Schärfe vorgehen.»

Ob er diesen nun gefunden hat? In den neusten Mitteilungen spricht der Gemeinderat nun jedenfalls Klartext:

«Die Eigentümer des Restaurant Bahnhof werden aufgefordert, die einsturzgefährdeten Dächer der Schopfanbauten instand zu stellen und zu unterhalten sowie die Ablagerungen von ausgedientem Material der Mieter vom Grundstück entfernen zu lassen.» (Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2007 – S. 4.)

Wie schlimm ist es wirklich? Ein Augenschein vor Ort präsentiert folgendes Bild:

Man sieht auf der linken Hälfte des Platzes: Autos mit und ohne Räder, alle ohne Nummernschild (Ausnahme: das dunkle Fahrzeug im Vordergrund, das wohl einem Gast des Restaurants Bahnhof gehört).

Auf der rechten Hälfte, zur Liegenschaft Fruet hin, stehen diverse ausrangierte Wohnwagen, teils mit ausgedientem Material gefüllt.

Klar gibt das natürlich ein desolates Bild ab. Auch aus Umweltschutzgründen sollten keine Autowracks auf Privatgrund herumgammeln (vor allem wegen des Motorenöls).

Der Schreiber dieser Zeilen fragt sich lediglich, warum der Gemeinderat in früheren Jahren nicht mit der gleichen Verve gegen ähnliche Wracksammlungen in der Chälen vorgegangen ist. Die lagen da nämlich jahrelang, teils sogar direkt auf unbefestigtem Grund.

[Veröffentlicht am 19.4.07]

Samstag, 2. September 2006

En attendant Godot: Restaurant Bahnhof

Der Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl liegt schon seit 1995 im Dornröschenschlaf.

Das einen Steinwurf entfernte, gleich über der Hauptstrasse Basel-Winterthur gelegene Restaurant Bahnhof tat es ihm etwas später gleich. Seit Jahren ist das Areal nun zum Verkauf ausgeschrieben. Trotz grossem Parkplatz will offenbar niemand einen Neuanfang wagen.

Oder doch? In den neuesten Mitteilungen (MGW, September 2006, Seite 3) wird unter der Rubrik Aus dem Gemeinderatszimmer verkündet, der Gemeinderat habe u.a. die folgende baurechtliche Bewilligung erteilt:

«Stephan Weibel, Pfungen - Aufstellen eines Imbisswagens mit Gaststubencontainer, Bahnhofareal, Kaiserstuhlerstrasse - ordentliches Verfahren.»

Wenigstens der Hartplatz wird genutzt. Fragt sich nur welcher: der des Restaurants oder der auf SBB-Gelände? Wohl eher letzteres. On verra.

Samstag, 27. August 2011

Fest des Missionsverbands am Zürcher Rhein, 1961

Heute vor 50 Jahren fand in Weiach ein sogenanntes «Missionsfest» statt. Organisiert wurde es vom «Missionsverband am Zürcher Rhein».

Der Begriff «Zürcher Rhein» umfasst die Gemeinden Buchberg, Eglisau, Glattfelden, Hüntwangen, Rafz, Rüdlingen, Wasterkingen, Weiach und Wil. Er beschränkt sich also nicht nur auf das Gebiet des Kantons Zürich. Auch die beiden Gemeinden der Südexklave des Kantons Schaffhausen (Buchberg und Rüdlingen) gehören dazu.

Hier natürlich vor allem, weil der Kanton Schaffhausen traditionell evangelisch-reformiert ausgerichtet ist. Denn um eine Veranstaltung dieser Prägung handelt es sich bei diesem «Missionsfest», das am Nachmittag des «Sonntag, 27. August 1961 in der Kirche Weiach» durchgeführt wurde.

Auf dem Programm standen «Liedervorträge der vereinigten Kirchenchöre der Verbandsgemeinden», dann ein «Vortrag von Herrn Missionar J.E.E. Scherrer, Schaffhausen» mit dem Titel «Eine Inselwelt in Bewegung» (wahrscheinlich über irgendein klassisches Missionsgebiet in der Südsee) und schliesslich «Geselliges Beisammensein im Restaurant Bahnhof».


Ein halbes Jahrhundert später gibt es das Restaurant Bahnhof nicht mehr. Sogar das Gebäude wurde dem Erdboden gleich gemacht. Und auch der Missionsverband am Zürcher Rhein dürfte das Zeitliche gesegnet haben. Selbst der Begriff «Zürcher Rhein» ist nicht mehr allzu gebräuchlich.

[Veröffentlicht am 28. August 2011]

Freitag, 31. Mai 2024

Fahrausweisentzug, eine gestohlene Goldkette und ein Lederriemen

Der Schweizerische Polizei-Anzeiger (SPA) war in den Zeiten vor der Computerisierung das Informationsmittel für eine ganze Reihe von Mitteilungen: Steckbriefe und Aufenthaltsnachforschungen, Landes- und Kantonsverweise, Diebstahlanzeigen, 
verlorene Ausweispapiere, Einreisesperren, usw. (vgl. WeiachBlog Nr. 1695 und Bild unten).

Fahrausweisentzug vor 100 Jahren

Im SPA wurde auch der Entzug von Fahrbewilligungen nach den einschlägigen Artikeln des Automobilkonkordates von 1914 bekannt gegeben. Damals war der Strassenverkehr noch kantonal geregelt, denn ein eidgenössisches Gesetz wurde erst 1932 von der Bundesversammlung verabschiedet (vgl. diesen Artikel des ASTRA).


Im Jahrgang 1921 findet man im ersten Halbjahresband zwei Einträge, die Diebstähle in Weiach betreffen. Wenn da etwas «z. N.», also «zum Nachteil» von jemanden abhandenkam, dann musste der seit 1911 bei uns im Dorf stationierte Kantonspolizist die Anzeige aufnehmen.

Gold im Restaurant Bahnhof

Zwischen dem 19. und 23. Januar wurde Louise Boesch, einer Familienangehörigen von Dominik Boesch (dem Wirt im Restaurant zum Bahnhof von 1912 bis 1927), eine goldene Uhrkette gestohlen (S. 253). Heutiger Wert, umgerechnet nach dem Landesindex der Konsumentenpreise (LIK), ca. 1300 Franken: 


Kernlederriemen aus einer Scheune

Der zweite Diebstahl betrifft einen Treibriemen zu einer Maschine (heutiger Wert nach LIK rd. 1000 CHF). Ob er zu einem Wassermotor, oder einem anderen Gerät gehört hat, wird hier nicht weiter ausgeführt (S. 1337):


Quelle und Literatur

  • Schweizerischer Polizei-Anzeiger, 1921. Siebzehnter Jahrgang, Januar bis Juni. Herausgegeben vom Schweizerischen Zentralpolizeibureau in Bern. Signatur: BAR E4260D-01#1000/838#11* - S. 253 u. 1337. [Ab 1803; bis 1864 Allgemeines Signalement-Buch für die schweizerische Eidgenossenschaft, 1864-1904 Allgemeiner Polizeianzeiger der schweizerischen Eidgenossenschaft, ab 1905 Schweizerischer Polizei-Anzeiger (2 Bände pro Jahr).]
  • Brandenberger, U.: Aus dem «Arbeitslager Zweidlen/Weiach» Entwichene. WeiachBlog Nr. 1695, 14. Juli 2021.

Donnerstag, 16. Februar 2012

Zuviele Veranstaltungen schon vor 50 Jahren

Zuweilen wird ja heutzutage über die Unmenge an Veranstaltungen geklagt. Die Vielzahl an Freizeitgestaltungsmöglichkeiten sei einer der Gründe für das Sterben von örtlichen Vereinen, die noch vor wenigen Jahrzehnten keine Probleme gehabt hätten, Mitglieder zu finden.

Dass dem nicht unbedingt so sein muss und es auch vor 50 Jahren schon Stress und zu viel Auswahl gab, zeigt der nachstehende persönliche Kommentar den Ortschronist Walter Zollinger unter der Überschrift «Volkskundliches / Kulturelles» in seiner Chronik 1962 gab:

«Wenn man alle die Veranstaltungen unter den Rubriken "Kirchenwesen", "Vereine und Genossenschaften" ansieht, so versteht man es wohl, dass daneben nicht mehr viel "anderes" platzhatte, es wäre sonst "des Guten zuviel" geworden. Als Beweis hiefür seien nur die Anlässe einer einzigen Februarwoche nochmals festgehalten:

11. Febr.: Vortrag des ev. Pressedienstes in der Kirche,
12. Febr.: Oberstufenversammlung im Zentralschulhaus Stadel,
13. Febr.: Unterhaltungsabend im Restaurant "Bahnhof",
14. Febr.: Vortrag Frauenverein im Schulhaus,
15. Febr.: M'chorprobe und Probeabend der Dorfmusik,
[M'chor = Männerchor]
16. Febr.: Schul- und Volkskino im Rest. "Bahnhof",
17. und 18. Febr.: Konzert der Dorfmusik und "Musikshow" im "Sternen".

Zum Glück gehts nicht jede Woche so intensiv zu; aber immerhin sind ja auch noch die Kirchenpflege, die Chöre, der Turnverein und andere Instanzen mit ihren Veranstaltungen, Sitzungen und Versammlungen im "winterlichen Rennen" eingespannt, sodass der diesbezügliche Bedarf, wenigstens meinerseits, vollauf gedeckt, nein "überzeichnet" war.
» (G-Ch 1962, S. 24)

Wenn man - wie Lehrer Zollinger - gleich in mehreren Behörden und Vereinen aktiv ist, dann konnte das natürlich schon damals zum Problem werden.

Quelle
  • Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1962 - S. 24. [Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1962].
[Veröffentlicht am 18. März 2012]

Dienstag, 2. Januar 2018

Bauliche Entwicklung: Fünfte Auflage 2017 der Ortsgeschichte

Die vierte Auflage der von Zollinger begonnenen und von Brandenberger ab 2003 weitergeführten ortsgeschichtlichen Monographie hat während 13 Jahren als digitale Weiterschreibung der im Druck erschienenen dritten Auflage gute Dienste geleistet.

Die Beschränkung auf 80 Seiten brachte es mit sich, dass im Wesentlichen nur punktuell die wichtigsten Änderungen eingebaut und Korrekturen vorgenommen wurden. So z.B. der Eigentümerwechsel bei der Weiacher Kies AG im Jahre 2009. Vgl. für die letzte grössere Überarbeitung: Ortsbezeichnungen modernisiert. Ausgabe 2016 der Ortsgeschichte; WeiachBlog Nr. 1256 v. 4. Januar 2016.

Die fünfte Auflage ist im Januar 2017 durch eine Erweiterung um 4 auf 84 Seiten entstanden. Der gewonnene Raum wurde u.a. genutzt, um die epochalen Veränderungen, die sich insbesondere mit der Bautätigkeit zwischen dem Bedmen und dem ehemaligen Bahnhofquartier zeigen, wenigstens in Ansätzen beschreiben zu können. Die Würdigung der damit verbundenen starken Zunahme der Einwohnerzahl sowie der Veränderung der Bevölkerungsstruktur bleibt späteren Auflagen vorbehalten.

Ausgebautes Kapitel: Die bauliche Entwicklung der Gemeinde

Nachstehend sind die für die fünfte Auflage komplett neu gestalteten Abschnitte wiedergegeben (vgl. S. 54 der 5. Aufl. in der Fassung Dezember 2017):

Sternen, Bedmen und Bahnhofsgebiet

Die Häuserzeile entlang der Strasse nach Kaiserstuhl ist im Wesentlichen erst nach dem Bau der Eisenbahn entstanden. Nur ein Bauernhof in Bedmen (Restaurant «Wiesental», Baujahr 1819) sowie der ehemalige Gasthof «Sternen» (ab 1830) an der Einmündung der Stadlerstrasse in die Hauptstrasse Nr. 7 (Basel-Winterthur) sind wesentlich älter.

Mit der Eröffnung der Eisenbahn 1876 wurde das Stationsgebäude der Schweizerischen Nordostbahn eingeweiht (Kaiserstuhlerstr. 48) und gleich gegenüber das Restaurant Bahnhof (2008 abgerissen), sowie die Bierbrauerei «Rheinthal» (schon 1879 eingegangen).

Das Kernstück der grossen Hallen der heutigen Holz Benz AG zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie wurde 1904 von der Sägerei Jakob Meierhofer errichtet, das Gebäude der Schuhschäftefabrik Walder (später Sattlerei Fruet AG; Kaiserstuhlerstr. 51) kam 1921 dazu, 1924 das Haus Allenwinden (Kaiserstuhlerstr. 45), 1950 die Bahnhofgarage (Nr. 47; ehem. Weibel), 1953 der frühere Polizeiposten (Kaiserstuhlerstr. 40) und 1960 der Wohnblock für die Festungswächter (Dörndlihag 6) – um nur ein paar der heutigen Gebäude zu nennen.

[...]

Neue Einfamilienhäuser an den Hängen

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat die Anzahl auf der grünen Wiese neu erstellter Häuser massiv zugenommen. Wurden vorher höchstens 1 bis 2 Häuser pro Jahr neu erbaut, so waren es in den letzten Jahren bis zu zwanzig!

Noch in den 1960er-Jahren waren Einfamilienhäuser an exponierter Lage in den ehemaligen Rebbergen die Ausnahme: Leestrasse 23 (1962 gebaut), Neurebenstrasse 8 (1964) und Weinbergstrasse 16 (1965). An den Hängen nördlich der Chälen (Neurebenstr. und Weinbergstr.) stammen die meisten Häuser aus der Zeit von 1973 bis 1979. Am Hang der Fasnachtflue über dem Oberdorf und dem Büel (Leestr. und Trottenstr.) fand der Bauboom ab 1989 statt. Eine Momentaufnahme gibt das 2003 nach der Natur gezeichnete Titelbild. Ende 2016 waren bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Grundstücke überbaut.

Mehrfamilienhäuser und Flachdächer

Bis 2010 wurden nur vereinzelt klassische Mehrfamilienhäuser gebaut. Das erste seiner Art steht seit 1960 im Dörndlihag (s. oben), 1976, 1982 und 1984 kamen die ersten Wohnblöcke in der hinteren Chälen dazu. 1993-1997 wurde am oberen Ende der um die Mühle herum verlängerten Oberdorfstrasse und an der Steinbruchstrasse verdichtet gebaut.

Zwischen dem alten Dorfkern und dem Bahnhofsgebiet war die Bauentwicklung (u.a. wegen juristischer Auseinandersetzungen) vertagt, die Quartierpläne «Bedmen» und «See/Winkel» über Jahre hinweg auf Eis gelegt. In diese Zeit fällt eine heftig diskutierte Änderung der Bau- und Zonenordnung. Sie erlaubt seit 2008 in diesem Gebiet auch Flachdächer, was sich bei der Gestaltung der von 2014 bis 2017 hochgezogenen Überbauungen «Im See», «Rheinblick» (Dammweg, nördlich Bedmen) und diversen Projekten an der Seerenstrasse direkt ausgewirkt hat. Selbst der neue Werkhof der Gemeinde (Grubenweg 6) hat ein Flachdach.

Im alten Dorfkern mussten mehrere Bauernhäuser aus dem 19. Jahrhundert mehr oder weniger charakterlosen Überbauungen weichen (Winkelstrasse 2 von 1822, Oberdorfstrasse 20 (Bianchi-Haus) von 1828, sowie Bergstrasse 2 von 1860). Auf dem Gelände von letzterem ist die Überbauung Obstgartenstrasse entstanden. Im Sommer 2016 wurden auch die Kleinbauernhäusern Chälenstrasse 23/25 von 1845 für immer aus dem Dorfbild getilgt.

Eigene Seite für die Neubearbeitung Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes

Die Dezember-Ausgabe 2017 ist die letzte Version der 5. Auflage und sowohl auf der Website weiachergeschichten.ch online publiziert, als auch bei der Schweizerischen Nationalbibliothek (NB) im Rahmen des eHelvetica-Programms elektronisch abgelegt. Nachstehend der Katalog-Eintrag der NB:

Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes
Fünfte, überarbeitete Auflage von Walter Zollingers «Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach»
Verfasser / Beitragende:Ulrich Brandenberger, Walter Zollinger
Ort, Verlag, Jahr: Trub : Wiachiana-Verlag, 2017
Beschreibung: 1 Online-Ressource
Format: Buch (online)
Ausgabe: 5. Auflage, V 5.09

[Veröffentlicht am 3. März 2019 um 23:33 MEZ]

Donnerstag, 10. Februar 2011

Bis auf eines stehen sie alle noch

Es kommt nicht selten vor, dass Postkarten mit Sujet Weiach angeboten werden. Dank Internet-Portalen wie ebay.ch und ricardo.ch und deren Suchfunktionen erfährt man auch davon.

So habe ich heute wieder einmal eine mir bisher nicht bekannte Karte gefunden. Wieder bei Ricardo, und mit schönen Jugendstil-Ranken im Hintergrund:

«Gelaufen 1915»

Gemäss Angaben des Verkäufers ist die Karte 1915 verschickt worden. Der «Gruss aus Weiach, Ct. Zürich» zeigt sechs Fotos, von der «Wirtschaft zur Linde», über die «Spezereihandlung», das «Schulhaus», den «Gasthof zum Sternen» und die «Kirche» bis zum «Post-Bureau».

Mit Ausnahme der Spezereihandlung (am Platz der Liegenschaft Bergstrasse 8, vgl. den Beitrag Bäckerei und Handlung Stüssi. WeiachBlog, 2. März 2010) stehen all diese Gebäude bis heute.

Ob der stolze Startpreis von CHF 150.- am Markt erzielt werden kann, wird sich weisen.

Frühere Artikel über Weiacher Ansichtskarten

[Veröffentlicht am 11.2.2011]

Samstag, 18. Mai 2024

Ein alter Chriegwäg und wo die Brandassekuranz den Krieg verortet

Wie wir in den drei vorangegangenen Beiträgen dieser vierteiligen Serie über den Siedlungs- und Flurnamen «Im Chrieg» bzw. «Krieg» gesehen haben, lässt sich der Name in dieser oder einer abgeleiteten Form fast fünf Jahrhunderte zurückverfolgen. Und nach Meinung der Namenforscher geht er auf eine Eigentümerbezeichnung zurück.

Dieser Namensträger bzw. einer seiner Vorfahren dürfte sehr wohl etwas mit Krieg und Kriegsdienst zu tun gehabt haben. Und dies zu einer recht weit zurückliegenden Zeit im Mittelalter oder am Übergang zur Reformationszeit. 

Ein Verwandter Wilhelm Tells?

Es gibt sogar Autoren, die uns einen verwandtschaftlichen Zusammenhang dieses Eigentümers zu Wilhelm Tell nahelegen wollen. Jawoll, genau DER Tell. Wilhelm Gorkeit von Tellikon (1251-1297) sei ein Armbruster gewesen. Also ein Waffenproduzent (vgl. Schärer 1986).

Wenn also Regionalhistoriker oder Lokalchronisten für den Weycher «Chrieg» eine Verbindung zur Franzosenzeit (d.h. insbesondere die Periode 1799/1800 des Zweiten Koalitionskrieges) und damit zu anderen Flurnamen wie Franzosenhau und Frankenhalde herstellen, dann liegen sie damit falsch. Einzig beim Franzosenhau treffen sie ins Schwarze. 

Die Franzosen sind am Chrieg nicht schuld

Der Nachlass von Dr. h.c. Heinrich Hedinger (1893-1978), dem viele Unterländer Gemeinden ihre erste gedruckte Dorfgeschichte zwischen harten Buchdeckeln verdanken, enthält (so wie er es für jede andere Gemeinde des Bezirks angelegt hat) auch ein Schulheft mit Notizen über Weiach (StAZH X 211.1.31). Da findet sich eine Liste Flurnamen in Weiach (datiert auf «Jan. 1965»), die zeigt, dass Hedinger von dieser Deutung ausgegangen ist: «Chrieg  Franzosenkrieg» notierte er.

Die Liste ist wohl im Zusammenhang mit einem Vortrag Hedingers (Titel: «Us der Gschicht vo Weych») entstanden, den er am 31. Januar 1965 anlässlich eines Kirchgemeindeabends im Restaurant Bahnhof gehalten hat (vgl. Zollinger: G-Ch Weiach 1965 – S. 14). Ein Manuskript dieses Vortrags hat der Redaktor dieser Zeilen bislang nicht gefunden.

Der Weiacher Ortschronist Walter Zollinger, wie Hedinger ein pensionierter Primarlehrer, hat in seinem blauen Büchlein zum 700-Jahr-Jubiläum (1271-1971) just diesen Zusammenhang übernommen: 

«Dass in den Jahren 1798/99, also während der Kämpfe zwischen den französischen Heeren und ihren Gegnern, den Deutschen, Österreichern und Russen, auf dem Gelände um Weiach ebenfalls fremde Truppen lagerten, bezeugen die noch heute gebräuchlichen Flurnamen Saxenholz, Frankenhalde, Im Chrieg, Franzosenhau zur Genüge.»  (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Auflage. Weiach 1972 – S. 42)

Ein Chriegwäg vor 80 Jahren

Adolf Pfister, Primarlehrer in Weiach von 1936 bis 1942, führt in seiner 26-seitigen Flurnamenliste (zu finden im Ortsgeschichte-Ordner Pfister/Zollinger) die beiden Namen «im Chrieg» und «Chriegwäg». Welchen Weg die Weycher mit letzterem Namen anfangs der 40er-Jahre bezeichnet haben, ist dort leider nicht erwähnt. Aber vielleicht war es tatsächlich der heute als Birkenweg bekannte, über Privatgrundstücke verlaufende Weg zwischen Chälenstrasse und Stockistrasse.

Erhebung Boesch 1958

Bei der Erhebung zum Zürcher Namenbuch in den späten 1950ern wurde der «Chrieg» jedenfalls in unmittelbarer Nähe kartenmässig aktenkundig. Gewährsmann dürfte der damalige Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer gewesen sein (zur Person, vgl. WeiachBlog Nr. 426).


Über eine Karte aus späterer Zeit (Stand 1983) gelegt, ergibt die Abgrenzungszeichnung der Flurnamen nach dem Kalk Boeschs das obige Bild. Da liegt der «Chrieg» ziemlich nahe am Birkenweg. Laut dieser Erhebung haben also die in den 50ern schon bestehenden Gebäude Chälenstrasse 10 und 12 im Chrieg gestanden.

Karteikarte aus StAZH O 471 mit phonetischer Schreibung links und stenographischen Details zur Nutzung rechts.

Anfrage einer Bergnamenforscherin aus der Innerschweiz 

Wenn wir nun wieder ins 19. Jahrhundert zurückblicken, dann stösst die Flur Im Chrieg an die Riemlistrasse. Nämlich laut einem Eintrag in demjenigen Verzeichnis der kantonalen Brandassekuranz, das im Gemeindearchiv gelagert ist.

Nachstehend die Korrespondenz, die der Autor dieser Artikelserie mit Dr. des. Nathalie Henseler, einer Namenkundlerin aus dem Kanton Schwyz, am 19. November 2022 geführt hat:

Frage: «Weisst du zufällig, wo sich der Flurname „Chrieg“ in Weiach befindet? Danke im Voraus 😃»

Antwort: «https://search.ortsnamen.ch/de/record/7063657/ Die in diesem DB-Eintrag gegebene Koordinate von Swisstopo ist ein brauchbarer Kompromiss, auch wenn sie primär deshalb dort verortet ist, weil das der einzige noch nicht überbaute Fleck an diesem Hang ist. Man muss davon ausgehen, dass Chälen sowohl ein Überbegriff für das Quartier sowie im engeren Sinne die Bezeichnung für die Gebäude entlang des Sägebaches war. Die Topographische Karte des Kt. ZH (sog. Wildkarte) verortet Im Chrieg an der Stockistrasse. Im Lagerbuch der Gebäudeversicherung ist hingegen das einzige heute noch vorhandene Gebäude an der Riemlistrasse 5/7 zu finden (https://maps.zh.ch/s/gzya7zgf). D.h. "Im Chrieg" liegt eindeutig unterhalb der Halde des Riemli und mit grosser Wahrscheinlichkeit in der westlichen Hälfte der heute von Weinbergstrasse, Riemlistrasse, Chälenstrasse und Stockistrasse umgrenzten Fläche (s. Link).»

Henseler (die ihr Bergnamenbuch auch schon in Kurt Aeschbachers TV-Show oder bei SRF Einstein  vorstellen durfte) hat im Rahmen ihrer Dissertation die alten Familiennamen des Kantons Schwyz namenkundlich unter die Lupe genommen. In den Bezirken March und Höfe (Gemeinden Altendorf, Galgenen, Innerthal, Lachen, Schübelbach, Tuggen und Vorderthal) ist der Geschlechtername «Krieg» altverbürgert, d.h. laut Familiennamenbuch der Schweiz seit mehr als 225 Jahren nachweisbar.

Rückblende Lagerbuch Gebäudeversicherung 1834

Hier das entsprechende Blatt aus dem Lagerbuch (Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01):

Das Gebäude «Im Krieg. N°. 67.» trägt heute die Gebäudeversicherungsnummer 573/574. Die südöstlich davon gelegenen Gebäude mit den aktuellen Nr. 571 (damals N° 68b; Riemlistr. 3) und 468 (damals N° 68a/c; Chälenstr. 6) wurden schon zum Zeitpunkt der Erstellung des Gebäudeversicherungsbandes (spätestens 1834) der Chälen zugerechnet. Dort steht als Ortsbezeichnung: «Unten in Kellen».

Wo die ebenfalls «Im Krieg N° 64, 65 u. 66» benannten, mutmasslich zusammengebauten Gebäude standen, ist bislang nicht bekannt. Sie wurden 1835 «ganz abgeschlißen», erscheinen also auf der Wildkarte (Stand 1845-1848) nicht mehr. N° 64 gehörte 1834 Heinrich Baumgartner und bestand aus einem «Haus, 1/3 Scheune & 1 Stall». N° 65 & 66 gehörten im selben Jahr «Ulr. Wyllis s. Erben» und bestanden aus einem «Haus, 2/3 Scheune & 1 ditto» [d.h. Stall]. 

Am Platz der heutigen Gebäude Chälenstrasse 10 (N°74, heute 474) sowie Chälenstrasse 12 (N° 75, heute 478), die 1958 als Chrieg identifiziert wurden, können sie jedenfalls nicht gestanden haben, denn diese Häuser waren schon 1834 an dieser Stelle und wurden von den Gebäudeschätzern mit der Bezeichnung «Unten in Kellen» erfasst.

Wissen Sie mehr?

Nach all diesen Ausführungen die Frage an meine ortskundigen Leserinnen und Leser: Wo liegt Ihrer Meinung nach der Chrieg in Weiach? An der Stockistrasse, an der Riemlistrasse, an der Chälenstrasse, an zweien davon, an allen drei gleichzeitig? Oder ganz woanders?

Quellen und Literatur

  • Pfister, Adolf: Flurnamenliste; erstellt zwischen 1936 und 1942; Teil des sog. Ortsgeschichtlichen Ordners im Archiv des Ortsmuseums Weiach (noch ohne Signatur).
  • Sammlung der Orts- und Flurnamen des Kantons Zürich, 1943-2000 (Signatur: StAZH O 471). Datenerfassung für Weiach durch Prof. Bruno Boesch mit dem Gewährsmann «Alb. Meierhofer» im Jahre 1958.
  • Hedinger, Heinrich: Flurnamen in Weiach. In: Stoffsammlung über den Bezirk Dielsdorf und seine Gemeinden, Heft Nr. 25 Weiach. Signatur: StAZH X 211.1.31.
  • Schärer, Arnold Claudio: Und es gab Tell doch. Harlekin-Verlag, Luzern 1986.
  • Henseler, Nathalie: Die namenkundliche Deutung der Landleutegeschlechter des Kantons Schwyz. Unter Berücksichtigung sozialhistorischer Aspekte von Familiennamen im voralpin-ländlichen Raum. Diss. Univ. Zürich 2023.

Mini-Serie «Im Chrieg. Ein Weycher Flurname»

Teil 1 (WeiachBlog Nr. 2096); Teil 2 (WeiachBlog Nr. 2097); Teil 3 (WeiachBlog Nr. 2098); Teil 4 = dieser Artikel (WeiachBlog Nr. 2099)

Sonntag, 25. März 2007

«Mr. Big Food Imbiss» am Alten Bahnhof

Der Anspielung im Namen zum Trotz: auf grossem Fuss lebt der jüngste Gastro-Betrieb auf Gemeindegebiet nicht. Er ist ja auch gerade einmal ein paar Monate alt. Am 1. Dezember hätten sie ihr Lokal eröffnet, sagte mir die etwas kurz angebundene Bedienung, die mir einen Hamburger zubereitete - und sich dafür reichlich Zeit liess.

«Mr. Big Food Imbiss» ist nicht einfach ein Takeaway, der die Leute im Kalten stehen lässt. Seine «Höcklerstube» besteht aus zwei zusammengebauten und mit Isolierschaum abgedichteten Containern, die mit einer Durchreiche in die Küche versehen sind. Die Küche, das ist ein alter Verkaufsanhänger mit Kocheinrichtung und Bedienfront. Das WC-Häuschen der ehemaligen SBB-Station ist jetzt das WC von Mr. Big Food.

Ohne Wirtshausschild geht es nicht

Das Container-Verkaufswagen-Ensemble ist mit einem der üblichen von einer Brauerei gesponserten, beleuchtbaren runden Wirtshausschild versehen und steht auf dem früheren Vorplatz des Bahnhofs Weiach-Kaiserstuhl, zwischen WC-Häuschen und Hauptgebäude. Also direkt bei der ZVV-Haltestelle «Alter Bahnhof» und vis-à-vis des bis auf einige Party-Anlässe in der «Alibi-Bar» fast immer geschlossenen Restaurants Bahnhof.

Foto von Karfreitag, 6. April @ noon. Für grosses Bild: draufklicken!

Der neue Imbiss hat nur am Montag geschlossen. Sonst öffnet er um 08:30 bis 09:00 je nach Wochentag und schliesst nach 20 Uhr. Sie seien sicher bis 20:00 da, verspricht eine Tafel. Nach 20 Uhr, solange Gäste da seien.

Biker steigen hier ab - der Chef ist selber einer

Der dank Bart, Schnauz und Kopftuch von weitem etwas verwegen dreinschauende Patron des Hauses, entpuppt sich von nahem als ganz freundlich. Das Geschäft lasse sich gut an, meinte er. Wenn es dann wärmer werde, würden sie noch ausbauen (heisst wohl: Gartenwirtschaft aufstellen). Und nein, das «Wiesental» spürten sie nicht.

Kein Wunder. Das Restaurant Wiesental im Bedmen hat Samstag und Sonntag zu. Am Wochenende steht «the new kid on the block» an der Hauptstrasse deshalb (fast) konkurrenzlos da.

Erfreulicher Nebeneffekt des neuen Unternehmens: Der Dornröschenschlaf von Assekuranz-Nummer 696 (vgl. WeiachBlog vom 4. Dezember 2005) ist beendet. Oder wenigstens für den Moment unterbrochen.

[Veröffentlicht am 7.4.07]

Samstag, 19. April 2008

Jugendliche Kampftrinker

«Und? Sind diä wieder nüächter?», fragte mich der Postautochauffeur der Linie 515, eine Gruppe Jugendliche vor dem Feuerwehrlokal der Gemeinde Weiach im Blick, als ich heute abend kurz vor 20 Uhr in den Bus Richtung Kaiserstuhl stieg.

«Geschter nacht sind's zimlich bsoffe gsi. Es paar vo dene sogar sternhagelvoll, säg ich Ihnä. Grauehaft!». Es sei schon extrem, was man als Buschauffeur so erlebe.

Wir fahren an der ausplanierten Fläche vorbei, wo bis vor kurzem noch das Restaurant Bahnhof stand. «Ja und wo da no s'Payas gschtanden-isch, da sinds amigs in-euse erscht Morgekurs ietorkelt» (Das Payas war eines der gescheiterten Partyclub-Projekte, die sich vor allem auf die Zielgruppe Teenager ausgerichtet hatten).

Am schlimmsten sei, dass sogar 14- bis 15-jährige Mädchen schon um Mitternacht derart betrunken an der Bushaltestelle stünden, dass sie ihm vor den Bus kotzten.

Meist hätten diese Jungen dann ja auch kein Geld mehr für ein Retourbillet. «Das hät dänn rächt Schriibarbet gää, wänn d'Kollege Kontrolle gmacht händ». Natürlich hätten sie selber fragen müssen, ob sie ein gültiges Billet hätten, «aber diskutiered sie mal mit söttige Type. So chäm ich niä uf Bülach».

Und der zuhörende Ortshistoriker erinnert sich daran, dass der Wirtshausbesuch von Jugendlichen am Wochenende schon vor Jahrhunderten ein Problem war - und auch damals bekam die Obrigkeit das nicht in den Griff.

Samstag, 31. August 2024

Eiserne Hochzeit für Rösli und Willi Baumgartner-Thut

Heute jährt sich die Hochzeitsfeier von Rosa (92) und Willi (94). Ihre Ehe hat mit dem heutigen Datum das AHV-Referenzalter erreicht. Und ist doch recht gut erhalten. Die beiden Jubilare feiern ihre eiserne Hochzeit an dem Ort, wo sie ihr ganzes Eheleben verbracht haben, an der Winkelstrasse 7.

Doch halt, die ersten paar Monate nach der Hochzeit lebten die beiden noch im oberen Stock des Alten Schulhauses, dem Ofenstübli, wo die aus dem Aargau stammende Hauspflegerin Rosa Thut seit 1956 ihre Dienstwohnung hatte. Laut Rechnung 1958/59 des Hauspflegevereins Weiach betrug die Entlöhnung für ihre Angestellte übrigens «Fr. 4'744.- (inbegriffen Krankenkasse u. weitere Versicherungen derselben)» (G-Ch Weiach 1959).

Zügeln war erst nach dem Umbau des elterlichen Hauses des Bräutigams möglich. Und da war, wie sich Willi erinnert, doch so einiges zu investieren, sodass der Baumeister gemeint habe, «den Brändli kommen lassen» wäre günstiger. Weil warm Abbrechen natürlich nicht infrage kam, ist uns das Haus, das einst auch eine Druckerei beherbergt hat, erhalten geblieben. 


Die Feier am 31. August 1959 wurde von Lehrer Kurt Ackerknecht mit der Kamera festgehalten und fand Eingang in den Weiacher Dorffilm. Hier der Einzug des Brautpaars auf der Büelstrasse, rechts das alte Gemeindewaschhaus, im Hintergrund der heutige Spielplatz.


Ein weiterer Screenshot zeigt, mit welchen Mitteln die Hochzeitsgesellschaft unterwegs war. Man sieht es auf dem Bild nicht so gut, aber die Autonummer weist den Gesellschaftswagen als im Aargau eingelöstes Fahrzeug aus. Und so war es in der Tat: Die Angehörigen und Freunde der Braut seien nämlich, so Willi, von Rosas Heimat aus, der Gemeinde Seengen am Nordende des Hallwilersees, gemeinsam nach Weiach zur Hochzeit gefahren. 

Im Bild oben steht der Car fahrbereit vor dem (heute verschwundenen) Näpferhaus und dem Alten Gemeindehaus, im Hintergrund das Pfarrhaus. Nach der kirchlichen Trauung ging es weiter ins Tösstal, wo man dem früheren Weiacher Pfarrer Hauser einen Besuch abstattete und danach über die Hulftegg wieder nach Weiach steuerte. Den Abend habe man dann im Restaurant Bahnhof verbracht, erzählt Willi. Und noch in der Nacht seien die Gäste aus dem Aargau wieder in ihre Heimat zurückgereist.

Quellen und Literatur
  • Zollinger, W.:  Jahreschroniken Weiach 1952-1967. Originale: Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1959 – S. 12.
  • Ackerknecht, K.: Dorffilm Weiach, geschnitten aus Super-8-Filmmaterial, gedreht zw. 1957-1965. Teil 2 von 3, Zeitstempel: 00:08:52 u. 00:09:29.
  • Brandenberger, U.: Rösli Baumgartner-Thut – 50 Jahre in Weiach. WeiachBlog Nr. 185, 8. Mai 2006.
  • Brandenberger, U.: Der Hauspflegeverein Weiach im Herbst 1983. WeiachBlog Nr. 1983, 3. September 2023.
  • Telefongespräch mit Willi Baumgartner-Thut am 31. August 2024.

Mittwoch, 5. Juli 2017

Replik aus der «Schnarchecke des Kantons»

Gestern Dienstag, den 4. Juli 2017 hat der Tages-Anzeiger eine weitere Folge der Kolumne «Agglo»  seines Redaktors Daniel Schneebeli veröffentlicht. Sie trägt den vielsagenden Titel «Schnarchecken des Kantons». Nachfolgend der volle Wortlaut:

Der Titel soll wohl lustig tönen. Und aus der Sicht eines Lesers, der sich selber als hipper Städter sieht und sich gerne über die tumben Agglos an der Peripherie draussen lustig macht, tut er das auch.

Aber eigentlich ist das eine astreine Beleidigung - insbesondere im Zusammenhang mit der Bezeichnung «Kaff am Rhein», mit dem Schreiberling Schneebeli Weiach schon in einer früheren Kolumne bedacht und geschmäht hat: «Daniel Schneebeli, @tagesanzeiger, beleidigt #Weiach als «Kiesgruben-Kaff am Rhein» (TA, 23.5.2017, S. 22). Wieder ein Städter ohne Ahnung.» (Arm dran in Zürich. WeiachTweet Nr. 800 vom 23. Mai 2017, 16:16 MESZ)

Scheuklappensicht eines Städters

Statt durchgehend den etwas weniger negativ besetzten Begriff der «Schlafgemeinde» zu verwenden, greift Schneebeli gezielt zum Begriff «Schnarchen». Die negative Konnotation und der direkte Draht zu den pejorativen Wortgebilden «verschnarcht» und «Schnarchnasen» ist gewollt und wird nicht nur billigend in Kauf genommen. Die Diffamierung trifft alle Agglomerationsgemeinden:

«Insbesondere gehen wir der Frage nach, ob es stimmt, dass der typische Agglo zwar in der Agglo wohnt, aber dann nach Zürich abschleicht, wenn er aus dem Haus geht. Sollte sich dies erhärten, läge der Schluss nahe, dass Agglo-Gemeinden zum Schnarchen langweilig sind.»

Langeweile definiert Schneebeli hier erneut aus der Scheuklappensicht eines Städters. Tenor: Nur wo es möglichst viele Gastrobetriebe gebe, da würde diese nicht aufkommen, will der Schreiberling uns weismachen. Den flügellahmen «Beweis» tritt er dann mit dem Statistischen Jahrbuch an:

«Als Erstes wird die Beizendichte geprüft. Und in der Tat: Sie ist in Zürich höher als in Weiach, jenem Kaff am Rhein, das wir als die am schnellsten wachsende Gemeinde im Kanton identifiziert haben. In Zürich gibt es 1206 Restaurants, umgerechnet eines auf 338 Einwohner. In Weiach gibt es nur eine Beiz für 1377 Einwohner. Da auch Glattfelden und Eglisau nicht mit vielen Gaststätten gesegnet sind, liegt es auf der Hand: Fürs Vergnügen fahren Weiacher nach Zürich.»

Ende Welt an der Kantonsgrenze

Woher wollen Sie denn das wissen, Herr Schneebeli? Wenn Sie nur ein bisschen weiter nach Westen geblickt hätten, dann wäre es ein Leichtes gewesen, in Kaiserstuhl und Fisibach mindestens 3 weitere Restaurants zu finden. Und ennet dem Rhein gleich noch einige dazu, darunter ebenfalls solche, die mit guten Restaurants in der Stadt locker mithalten können. Nach Zürich «abschleichen» muss man da nur, wenn man die ach so tolle Metropole als Nabel der Welt betrachtet und es als «Must» empfindet, in irgendwelchen Szenebars abzuhängen.

Missbräuchlicher Umgang mit Statistik

Hat es in Weiach nur eine Beiz für 1377 Einwohner? 1377, das war die Einwohnerzahl per Ende 2015. Die Anzahl Beizen in der kantonalen Statistik bezieht sich jedoch auf das Jahr 2014 (vgl. den Ausschnitt unten) - und damals lag die Einwohnerzahl im Schnitt noch um die 1100 Personen herum (Ende 2013: 1076; Ende 2014: 1170).


Ja, die Caffè-Bar Chamäleon hatte zwischenzeitlich geschlossen und es ist wohl auch so, dass das Lokal vom Kanton nicht als Restaurant einklassiert wird. Faktisch ist es aber eins, denn auf Voranmeldung erhält man dort ganze Menus serviert. Auch der Bigfood Imbiss am Alten Bahnhof ist eindeutig ein Restaurant, auch wenn einem dessen «Höcklerstube» nicht ins Konzept passt, weil sie in Containern und dergleichen untergebracht ist.

«Eingefleischte Agglos wenden ein, die Auswahl von Weiach sei für die Agglo nicht repräsentativ. Doch auch Schlieren oder Opfikon haben bei weitem nicht die Beizendichte von Zürich.»

Nicht nur eingefleischte Agglos, Herr Schneebeli. Auch Statistiker würden in die gleiche Kerbe hauen. Sie haben da Zahlenmaterial ohne Sinn und Verstand verwurstet, sorry!

Wegpendler definieren Agglomeration

Noch absurder wird die Schreibe des Schneebeli, wenn er noch die Wegpendler- und Zupendler-Zahlen heranzieht. Absurder, weil diese ja gerade die Definitionsbasis für eine Einordnung einer Gemeinde in die Agglomeration einer Metropole darstellen (Weiach wird zum sechsten Agglomerationsgürtel von Zürich gezählt):

«Nicht nur zum Vergnügen fahren Agglos nach Zürich, sondern auch zur Arbeit. Das beweist die Statistik. Es gibt mehr Menschen, die in Zürich arbeiten als dort wohnen. Auch in diesem Bereich wird Weiach als Schnarchecke des Kantons entlarvt. Die Zahl der Einwohner ist hier sechsmal grösser als die der Beschäftigten. Die Goldmedaille für die Schlafgemeinde Nummer eins im Kanton geht allerdings nach Wasterkingen. Nirgends gibt es weniger Beschäftigte als dort.»

Was soll dieses Weiach-Bashing, Schneebeli? Wenn schon, dann wäre doch Wasterkingen die Schnarchecke, oder? Aber dem Kolumnisten geht es mehr darum, das «Kiesgruben-Kaff am Rhein» einmal mehr in die Pfanne zu hauen. Für Wasterkingen gibt's stattdessen den entschärften Begriff (siehe oben) und Gold um den Hals.

Unvoreingenommenheit?

Die Krönung bildet dann etwas später im Text der Satzanfang: «Doch Agglo-Kolumnisten sind unvoreingenommen [...].»

Unvoreingenommen? Wenn die eigenen Scheuklappen den Blick innerhalb der Kantonsgrenze halten? Wenn man eine Gemeinde zwanghaft als «Kaff» bezeichnet und als «Schnarchecke» «entlarven» muss, nur um daran sein Mütchen zu kühlen?

Fazit: Null Ortskenntnis kombiniert mit Städter-Arroganz, mangelhafter Recherche und ungenügendem Verständnis von Statistik. So produziert der Herr Redaktor Schneebeli diffamierende Fake-News von erlesener Güte. Warum sich eine Zeitung, die solche Machwerke publiziert, noch mit dem Label «Qualitätsjournalismus» schmückt, das verstehe wer will.

Quellen
  • Schneebeli, D.: Schnarchecken des Kantons. Kolumne Agglo. In: Tages-Anzeiger (Zürich), 4. Juli 2017 - S. 24.
  • Website des Statistischen Amtes des Kantons Zürich (statistik.zh.ch)
[Veröffentlicht am 23. Februar 2019 um 12:25 MEZ]

Freitag, 15. August 2025

Telefonieren in Weiach, Anno 1925

«Sofort antworten, wenn die Zentrale aufläutet» (S. 379) oder «In den Trichter hineinsprechen» (S. 385)! Mit solchen Appellen wurde der Abonnent vor 100 Jahren konfrontiert. Und zwar oben auf jeder Seite, wenn er das über 800 Seiten starke Telefonbuch aufschlug.

Das nannte sich offiziell «Amtliches Verzeichnis der Telephon-Teilnehmer», der Band III kostete Fr. 2.50 und wurde von der «Schweizerischen Telegraphen- und Telephon-Verwaltung» herausgegeben. Die hatte damals den oberen Teil eines Mastes mit je zwei auf gleicher Höhe montierten Isolatoren im Logo:


Anleitung für die Benützung des Telephons

Es gab natürlich auch einen Vorspann vor dem eigentlichen Verzeichnis, in dem erklärt wurde, wie das System funktioniert. Und dort wurde auch der Tarif durchgegeben: Die Taxe für ein Ortsgespräch (für Weiach: alle an der Zentrale Kaiserstuhl angehängten Abonnenten) betrug 10 Rappen. Umgerechnet nach dem Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) wären das heute rund 66 Rappen.

Die Taxe für Ferngespräche war nach Entfernung und Tageszeit abgestuft und wurde «für je 3 Minuten od. einen Bruchteil dieser Zeit» berechnet: Bis 10 km kostete das 20 Rappen, bis 20 km 30 Rappen und bis 50 km 50 Rappen. Das konnte also schnell teuer werden!

Auch eine höchstzulässige Dauer eines Gesprächs war vorgesehen. Es wurde vom Zentralisten nach 6 Minuten abgeklemmt, «wenn für den zu benutzenden Leitungsweg noch andere Anmeldungen vorliegen». Ortsverbindungen durften «nach vorhergehender Mitteilung an die Sprechenden durch die Zentrale unterbrochen werden, wenn der eine der Sprechenden zu einem Fern- oder Auslandsgespräche verlangt» wurde. Aber man war kulant: «Die nachträgliche Wiederherstellung der Verbindung erfolgt auf Wunsch unentgeltlich.» Im Lokalnetz längere Gespräche führen, das lag also durchaus drin.

Immerhin eine zweistellige Anzahl Telefonanschlüsse in Weiach


Auf dem Gebiet der Gemeinde Weiach gab es 1925 genau 10 Telefonanschlüsse (vgl. Bild oben). Die hatten ein- oder zweistellige Nummern und mussten für ein Gespräch die Zentrale in Kaiserstuhl aufläuten, die sie dann manuell durch Stöpseln weiterverbunden hat. 

Man sieht hier, wer in der Gemeinde zu den ersten Nutzern der Telephonie gehört hat: diejenigen, die der Zentrale Kaiserstuhl am nächsten waren: die Sägerei Meierhofer (heute Holz Benz AG) zwischen der Bahnstation und dem Städtchen (Nr. 9) sowie das Restaurant zum Bahnhof (Nr. 10). Und aus historischen Gründen die «Gemeindesprechstation» (Nr. 5), die 1925 im Gasthof zum Sternen installiert war. Das Restaurant zum Wiesenthal hatte seinen Anschluss noch nicht so lange, erkennbar an der Nr. 30.

Unsere Zentrale hatte nicht immer Dienst

Wie man der Titelzeile ansieht, war Weiach im Netz von Kaiserstuhl integriert. Auch wie die Zentrale bedient war, erschloss sich dem Leser des Telefonbuches durch den dahinter notierten Code: «ER-n»

  • «E» für «Zweiteiliger Tagdienst»: Sommer: 07:00-12:15, 13:15-20:00; Winter 07:45-12:15, 13:15-20:00.
  • «R» für «Beschränkter Sonntagsdienst»: 08:30-12:00, 18:30-20:00 (sommers wie winters).
  • «n» für «Bereitschafts-Nachtdienst: Beantwortung der Aufrufe während der Nacht gegen Bezahlung der reglementarischen Zuschlagsgebühren.»

Quelle

  • Amtliches Verzeichnis der Telephon-Teilnehmer. III. Zürich, Schaffhausen, Thurgau, St. Gallen, Appenzell Ausser- u. Inner-Rhoden, Zug, Schwyz [Teile], Glarus, Graubünden [ohne Misox], Fürstentum Liechtenstein. 1925-1926.   PTT-Archiv. Signatur: P-260-1_3_1925, S. 382. https://mfk.rechercheonline.ch/

Dienstag, 26. Dezember 2023

«Der Bezirk Dielsdorf». Rezension eines Weihnachtsgeschenks

Was hatten Sie unterm Tannenbaum? Bei mir war schon kurz nach dem Chlaustag Weihnachten. Nämlich, als ich ein dickes Paket mit dem gerade erst erschienenen Band «Der Bezirk Dielsdorf» aus der Reihe «Die Kunstdenkmäler der Schweiz» aus dem Postfach ziehen konnte.

Seither ist jeder Tag, an dem ich drin gelesen habe, ein bisschen wie Geschenke auspacken. Und wie das so ist mit Geschenken: Die Reaktionen können frei variieren zwischen «Wow!!!» und «Ojee...». Diese Rezension gibt eine kurze «tour de livre», die natürlich vor allem den Weiacher Abschnitt abdeckt.

Gut Ding will Weile haben

Können Sie sich noch an den Sommer 2018 erinnern? Da hat die Gemeinde die beiden einzigen Seiten über Weiach aus dem 1943 publizierten Kunstdenkmälerband auf ihrer Website zum Download bereitgestellt. Versehen mit der Bitte, den Experten der Uni Zürich, die mit einer Neubearbeitung betraut wurden, wo möglich behilflich zu sein.

Dieses Projekt der Kunstdenkmäler-Inventarisation war eines, das unsere Gegend nur alle paar Jahrzehnte erlebt. Wann interessieren sich heutige Historiker schon für die Gemeinde Weiach? Mit Regula Crottet, Anika Kerstan und Philipp Zwyssig waren in den letzten Jahren drei Fachleute am Werk, die nicht nur das Wissen haben, sondern auch die Zeit zur Verfügung gestellt erhielten, gründlich und tief genug in die Materie einzutauchen. So tief, dass sie den Dingen auch wirklich auf den Grund gehen konnten.

V.l.n.r.: Anika Kerstan, Regula Crottet, Philipp Zwyssig (Bild: zvg GSK)

Minutiöse Arbeit im Feld, in Archiven und Labors

Vor Ort und in den Archiven ist an vorderster Front und hinter den Kulissen Detektivarbeit geleistet worden, die uns in der Forschung weitergebracht haben. Das sieht man dem Inhalt des 560 Seiten starken Werk auch an. Zwei Beispiele seien herausgegriffen:

Philipp Zwyssig hat Verbindungen zwischen der Baugeschichte der Bachser Kirche (1713/14) und derjenigen von Weiach (1705/06) nachgewiesen, deren Spuren man nur findet, wenn man alte Ratsprotokolle ausfindig machen, sie entziffern und richtig einordnen kann. Die Gemeinsamkeit liegt in der Konzeption der Anlagen, die sowohl bei uns wie in unserer Nachbargemeinde die Handschrift des Festungsingenieurs Oberstleutnant Hans Caspar Werdmüller trägt.

Auf Veranlassung der Denkmalpflege des Kantons Zürich wurde die tragende Holzkonstruktion unseres Ortsmuseums durch das Laboratoire Romand de Dendrochronologie beprobt und analysiert. Resultat: Das Kleinbauernhaus am Müliweg 1 ist um Jahrzehnte älter als man bis dahin angenommen hat (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 63 auf dem Stand April 2019).

Gliederung des Bandes

Was findet man in diesem dicken Buch? Zunächst eine Einführung zu Geografie, Siedlungs- und Herrschaftsgeschichte über den gesamten Bezirk hinweg; sie stammt von Zwyssig. Die ausführliche Übersicht zur Architekturgeschichte des Bezirks hat die Kunsthistorikerin Crottet verfasst.

Danach folgen dem Alphabet nach die Gemeindeabschnitte: Der Geschichtswissenschaftler Zwyssig gibt für jede der 22 Gemeinden des Bezirks in einer Einleitung einen Abriss zu Lage, Geschichte und Siedlungsentwicklung. Die in den jeweiligen Dokumentationslisten genannten Literatur- und Archivbestände lassen nur erahnen, wie viel bisher unerschlossenes Material er gesichtet und transkribiert hat. Einen kleinen Einblick in diese Fülle vermittelt der Beitrag WeiachBlog Nr. 1395 vom 30. April 2019.

Weiacher Kirchenbezirk kommt gross heraus

Für den Weiacher Teil beschreibt die Kunsthistorikerin Kerstan eine Auswahl der heute noch vorhandenen Objekte in ihrem Ortszusammenhang. Beginnend mit bäuerlichen Mehrzweckbauten, bei denen in Weiach das dreigeteilte, sogenannte Mitterstallhaus vorherrscht (im Süden des Bezirks ist das Tenn in der Mitte, nicht der Stall), über Wohn- und Gewerbebauten, Bauten mit öffentlicher Funktion (mit besonderer Berücksichtigung der Schulbauten) werden Geschichte und Gestalt in den Kontext gestellt. 

Besonderes Augenmerk gilt selbstverständlich dem sog. Kirchenbezirk. Nach Auffassung der Fachleute besteht er aus der Kirche, dem Pfarrhaus und der Pfarrscheune. Für die Weycher gehört natürlich auch das Alte Gemeindehaus dazu (das im Kunstdenkmälerband aber nur indirekt erwähnt wird, nämlich in seiner verschwundenen Form als Schulhaus von 1802 bis 1836). Die ausführliche Würdigung des Weiacher Baudenkmals par excellence erstreckt sich über mehr als fünf Seiten, was rund einem Drittel des unserer Gemeinde gewidmeten Raums entspricht.

Eingehender besprochen werden auch das Ortsmuseum, die ehemalige Mühle im Oberdorf sowie das dreigeteilte Bauernhaus Oberdorfstrasse 25/27/29 (Nr. 25 = sog. Fauquex-Haus mit bemalter Fassade).

Dreiunddreissig Gebäude erwähnt

Alles in allem sind es 33 Weiacher Bauwerke, die Erwähnung finden, darunter zwei der alten Waschhäuser (eins im Büel und eins im Oberdorf). Aber auch (für mich) eher unerwartete Bauwerke, wie das ehemalige Kleinbauernhaus der letzten Gemeindeweibelin Hildia Maag (Chälenstrasse 20).  Dessen Innenausstattung lässt einen staunen und führt zur Erkenntnis, dass das Gebäude wesentlich älter sein dürfte, als die Angaben der kantonalen Gebäudeversicherung es bisher vermuten liessen.

 Ausschnitt aus der dem Abschnitt Weiach vorangestellten Übersichtskarte (Bild: KdS 146, S. 475)

Nachstehend die vollständige Liste (in eckigen Klammern die auf dem Plan eingetragene Nummer):
  • Alte Poststrasse 2, Vielzweckbauernhaus  [17]
  • Chälenstrasse 19/21a/21b, Vielzweckbauernhaus  [27]
  • Chälenstrasse 20, Bauernhaus  [28]
  • Büelstrasse 3, Vielzweckbauernhaus  [10]
  • Büelstrasse 6, Bauernhaus  [11]
  • Büelstrasse 13, ehem. Schul-, Gemeinde- und Spritzenhaus  [6]
  • Büelstrasse 15, ref. Kirche  [1]
  • Büelstrasse 19, ehem. Pfarrscheune, Kirchgemeindehaus  [2]
  • Büelstrasse 17, ref. Pfarrhaus  [3]
  • Büelstrasse 17.1, Waschhaus  [4]
  • Büelstrasse 17.2, Gartenpavillon  [5]
  • Büelstrasse 18, Wohnhaus, ehem. Fachwerkspeicher  [8]
  • Büelstrasse 18.1, Waschhaus  [7]
  • Luppenstrasse 1a, Trafostation  [9]
  • Müliweg 1, Vielzweckbauernhaus, Ortsmuseum  [22]
  • Müliweg 3, ehem. Vielzweckbauernhaus  [23]
  • Müliweg 4, Wohnhaus  [26]
  • Müliweg 7a/7b/7c, Wohn- und ehem. Mühlengebäude  [25]
  • Müliweg 7.1, ehem. Ökonomiegebäude  [24]
  • Oberdorfstrasse 2, Vielzweckbauernhaus  [14]
  • Oberdorfstrasse 9, Vielzweckbauernhaus  [18]
  • Oberdorfstrasse 9.1, Waschhaus  [18]
  • Oberdorfstrasse 13, Vielzweckbauernhaus  [19]
  • Oberdorfstrasse 20c.1, Waschhaus  [20]
  • Oberdorfstrasse 22, Vielzweckbauernhaus  [20]
  • Oberdorfstrasse 25/27/29, Vielzweckbauernhaus  [21]
  • Schulweg 2, Schulhaus  [15]
  • Stadlerstrasse 2, Wohn- und ehem. Wirtshaus Sternen  [13]
  • Stadlerstrasse 3, Wohn- und ehem. Gewerbebau  [12]
  • Stadlerstrasse 16, ehem. Vielzweckbauernhaus mit Restaurant Linde  [16]
  • Im See 2, Fabrikgebäude  [29]
  • Kaiserstuhlerstrasse 48, alter Bahnhof  [30]
  • Kaiserstuhlerstrasse 56, ehem. Sägerei, Holzgrosshandel  [31]

Man sieht, dass auch die ehemalige Schäftenäherei Walder und spätere Sattlerei Fruet beim Alten Bahnhof sowie die Gebäude des Holzhändlers Heinrich Benz AG Aufnahme gefunden haben.

Moderne Mittel im Einsatz

Wer das Buch zur Hand nimmt, erhält noch viele weitere Einblicke. Einen interaktiven Vorgeschmack erhält man über: 

  • ein Kurzvideo auf Youtube, das die Publikation bewirbt und ein paar Seiten zeigt; 
  • die Website der Herausgeberin, der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (GSK), wo man sich auf einen mit 360°-Kamera aufgenommenen virtuellen Rundgang durch zwei Zimmer des ehemaligen Amts- und Zeughauses Regensberg begeben kann (vgl. nachstehenden Screenshot)

Mit eindrücklichen Bildern illustrierte Einblicke in die Arbeit der drei Autoren gibt ein Artikel aus dem Hause TAmedia, verfasst von Sharon Saameli, ursprünglich wohl im Zürcher Unterländer erschienen. Er beschreibt den Wow-Effekt, den Regula Crottet hatte, als sie den Dachstuhl des Stadler Bauernhauses Bergstrasse 2 zu Gesicht bekam. Nun ist für dieses seltene Exemplar eines vor 400 Jahren weitverbreiteten Bautyps in unserer Gegend dendrochronologisch belegt, dass das Konstruktionsholz schon 1617, kurz vor dem Dreissigjährigen Krieg, aus dem Wald geholt worden ist.

Betonburgen? Auch «Göhnerswil» ist bauliches Kulturerbe

Neben diesen altehrwürdigen Zeugen der Baukultur haben aber auch neueste Erscheinungen der Architektur den Weg zwischen die Buchdeckel gefunden, wie man auf einer Website des Kantons Zürich herausfindet, die folgende Kurzbeschreibung des Werks gibt:

«Der Bezirk Dielsdorf im Nordwesten des Kantons Zürich zeichnet sich durch eine grosse baukulturelle Vielfalt aus. Das bauliche Kulturerbe der einst stark vom Acker- und Weinbau geprägten Region umfasst neben dem Landvogteistädtchen Regensberg mit dem Burgturm, dem Schloss und seinen ins 16./17. Jh. zurückreichenden Bürgerhäusern auch Wohnblocksiedlungen der 1960/70er-Jahre wie etwa die «Sonnhalde» der Ernst Göhner AG, neben dem Katzenrütihof (1563) des europaweit bekannten «philosophischen Bauern» Kleinjogg Gujer (1718–1785) und zahlreichen weiteren Vielzweckbauernhäusern des 16.–19. Jh. auch von der Expo 64 beeinflusste Aussiedlungshöfe, neben Chorturmkirchen mit bis ins Spätmittelalter zurückgehender Bausubstanz auch moderne Gotteshäuser von bekannten Architekten wie Ernst Gisel oder Justus Dahinden. [...]»

Einfach, standardisiert und doch höchst auffällig

In den Medienunterlagen findet man übrigens nicht etwa ein Bild der Bachser oder der Niederhasler Kirche. Obwohl es sich vom Prinzip her bei allen dreien um schlichte Saalkirchen mit Chorabschluss aus den ersten Jahren des 18. Jahrhunderts handelt und sich die Dachreiter von Niederhasli (1703) und Weiach (1706) fast zum Verwechseln gleichen: ausgewählt wurde dieses Bild, das unsere Kirche vor der letzten Renovation 2020 zeigt (erkennbar am abblätternden Putz an der Giebelseite):

Weiach, Büelstrasse 15, ref. Kirche von 1705–06. Um den Kirchhof, der aufgrund seiner Lage an der Konfessionsgrenze als militärischer Stützpunkt mit wehrhaften Umfassungsmauern ausgestaltet wurde, gruppieren sich neben der Kirche das Pfarrhaus und die ehem. Pfarrscheune. Das Ensemble gilt schweizweit als seltenes Beispiel einer «Wehrkirche». 
(Bild: Urs Siegenthaler, Zürich, 2019.)

Wer etwas hat springen lassen. Und wer nicht.

Abschliessend sei hier noch eine Randnotiz angebracht. Die finanziell (noch) gut gepolsterte Politische Gemeinde Weiach hat sich nicht zu einem Beitrag an die Erstellungskosten durchringen können. Die nicht ansatzweise so auf Rosen gebettete Evang.-ref. Kirchgemeinde Weiach hingegen sehr wohl (wie man dem Impressum auf Seite 4 entnehmen kann):


Literaturhinweise und Materialien
  • Hermann Fietz: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Band II: Die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 15). Bern 1943 – S. 143-144.
  • Regula Crottet, Anika Kerstan, Philipp Zwyssig: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich, Neue Ausgabe VII. Der Bezirk Dielsdorf (= Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 146). Bern 2023 – S. 474-491. ISBN 978-3-03797-827-6; CHF 120; Bezug über shop.gsk.ch
  • Medienmitteilung und Materialien zur Buchvernissage vom 13. November 2023 in Dielsdorf.

Mittwoch, 1. April 2026

V-Piste 14/32 – Ein halbes Jahrhundert Anfluglärm

Name: Runway 14/32. Übername: V-Piste. Signalement: 3300 m × 60 m Asphalt und Beton.

Dieses Bauwerk auf dem Flughafen Zürich-Kloten hat die Gemeinde Weiach im letzten halben Jahrhundert wohl stärker geprägt als jede andere bauliche Struktur. 

An der Kreuzung der Westpiste 10/28 mit der Instrumentenlandepiste 16/34.

Eine säkulare Zäsur für Weiach

Die offizielle Inbetriebnahme fiel auf den 1. April 1976. Kein Aprilscherz, leider. Mit diesem Tag hat sich die Taktung des Lebens der Weiacherinnen und Weiacher sozusagen für immer verändert. 

Der Rhythmus der Triebwerksgeräusche drückt unserer Lebensrealität den Stempel auf. So sehr, dass man als Weycher vor lauter Ruhe schon fast aus dem Konzept gerät, wenn sie einmal fehlen. 

Anfangs gab es in Hochbetriebsphasen alle drei Minuten einen Anflug, später alle 90 Sekunden. Wer im offenen Gelände eine Rede hält, sei es eine Grabrede auf dem Friedhof oder eine Erstaugust-Ansprache auf dem Schulhausplatz, der muss diese Geräuschkulisse auf dem Zettel haben.

Natürlich ist die Lautstärke nicht mehr so extrem wie zu Zeiten von Caravelle und Tupolew. Und meist überfliegen landende Jets unser Dorfzentrum, wesentlich leiser als startende Maschinen, wie sie auf der Westpiste abheben und die Gläser in den Rümlanger Küchenkasten erzittern liessen (vgl. die Ansprache von Regierungsrat Kägi, WeiachBlog Nr. 498). Aber trotzdem: Flüsterjets, wie einst versprochen, sind das auch heute nicht.

Ob Franken oder Kubikmeter. Für die Piste werden Millionen bewegt. 

Bereits weniger als ein Vierteljahrhundert nach der Eröffnung (im Jahre 1948) platzte der Flughafen aus allen Nähten. Durch das Pistenkreuz (vgl. den Blick auf die Kreuzung im Bild oben) war aber die Zahl der Flugbewegungen begrenzt. Auf der in der ersten Hälfte der 1970er grössten Baustelle der Schweiz liefen aus diesem Grund viele Aktivitäten, sodass nicht alles im Zeitplan fertig wurde. Die zusätzliche Start- und Landebahn hatte aber wohl die höchste Priorität, was man Mitte 1973 aus den Neuen Zürcher Nachrichten herauslesen konnte:

«Eröffnet wird aber so oder so im Früjahr [sic!] 1976 die neue Piste 14/32. Für diese 3300 Meter lange Piste sind seit Herbst 1971 rund 1,8 Mio. Kubikmeter Erde verschoben und im nördlichen Pistenbereich bis zehn Meter hohe Dämme geschüttet worden. Durch den Pistenbau mussten für mehrere Millionen Franken der Himmelbach verlegt und gleichzeitig wertvolle Biotope verpflanzt werden. Bald wird mit dem Auftragen der Auflast begonnen und 1974/75 mit der Stabilisierungsschicht des Belages. Ab 1976 schliesslich kann dank dieser neuen Piste die stündliche Zahl der Flugbewegungen von 35 auf 55 heraufgesetzt werden.» (NZN, 14. Juni 1973)

Der Übername V-Piste wird geprägt

Spätestens ein Jahr danach taucht der Übername in den Medien auf. Erwähnt wird, dass die neue Piste eigentlich bereits zu kurz sei und auch aus anderen Gründen dringend benötigt werde. Der Zustand der Blindlandepiste, die seit November 1948 in Betrieb war, machte den Verantwortlichen Sorgen: 

«Auf dem Flughafen Zürich nimmt die dritte Hauptpiste Gestalt an. Ihre Längsachse verläuft in der Richtung 140/320 Grad, und deshalb lautet ihre Bezeichnung in der Fachsprache 14/32. Bereits hat sie aber einen einprägsameren Namen erhalten: «V-Piste». Dem Bau dieser 3300 Meter langen Piste stimmten die Zürcher Bürger 1970 zu; sie bildet einen Bestandteil der dritten Ausbauetappe. Dagegen ist die Frage umstritten, ob die V-Piste verlängert werden soll. Da der Zustand des Belages der Instrumentenanflugpiste 16/34 sich in erstaunlich kurzer Zeit überraschend verschlechterte, wurde von den zuständigen Behörden die Möglichkeit geprüft, die V-Piste nordwärts zu verlängern, um sie während der Instandstellungsarbeiten an der Instrumentenanflugpiste als Ersatz für Starts von schweren Flugzeugen, die eine längere Startrollstrecke benötigen, verwenden zu können.» (NZZ, 9. Juli 1974)

«Endausbau» kurz vor dem Abschluss

Nachdem am 30. März der erste Jumbo Jet auf der V-Piste aufgesetzt hatte, war es heute vor 50 Jahren dann so weit: Die V-Piste wurde für den regulären Betrieb freigegeben. Was im Jahr davor und rund um diese neue Piste herum sonst noch so gebaut wurde, darüber berichteten u.a. wiederum die Neuen Zürcher Nachrichten am 31. März 1976:

«Es. Nach der letztjährigen Eröffnung des Terminal B und der Fingerdocks im Flughafen Zürich-Kloten wird nun am 1. April die neue Piste 14/32, auch V-Piste genannt, eingeweiht. Zur gleichen Zeit wird eine Fussgängerverteilebene im zweiten Geschoss des Parkhauses B, die unmittelbar über dem im Bau befindlichen SBB-Bahnhof der Flughafenlinie liegt, in Betrieb genommen. Ebenfalls eröffnet werden zahlreiche Geschäfte in dieser Kontaktzone sowie ein weiteres Flughafenrestaurant.

Eigens für die Presse wurde gestern Dienstagvormittag die erste Landung mit einem Jumbo-Jet der Swissair im Beisein der Regierungsräte Jakob Stucki und Alois Günthard durchgeführt. Sicher und fast auf den Millimeter genau setzte Flugkapitän Hürzeler, der übrigens mit diesem Flug in den «Pilotenruhestand» tritt, den rund 350 Tonnen schweren Stahlvogel auf der neuen Landebahn auf. Die neue Piste 14/32, mit deren Bau im Jahre 1973 begonnen wurde, ist 3300 Meter lang und rund 60 Meter breit. Die in erster Linie für Anflüge bestimmte V-Piste ist die dritte des Flughafens Zürich-Kloten. Sie wurde gebaut, weil die bestehenden Flugbahnen, die Blindlande- und die Westpiste, sich kreuzen und damit den Flugverkehr erschwerten.

Leistungsfähiges Dreipistensystem

Von der Leistungsfähigkeit des neuen Dreipistensystems kann erwartet werden, dass sie den Anforderungen über Jahre hinaus genügen wird. Doch ist sie definitiv erst auswertbar, nachdem die Sanierungsarbeiten der Blindlandepiste abgeschlossen sind. Im Dezember letzten Jahres haben die Stimmbürger der Erneuerung der Blindlandepiste zugestimmt. Im Herbst dieses Jahres werden denn auch die dazu erforderlichen Bauarbeiten beendet sein, und auf den 1. Oktober ist die Inbetriebnahme eingeplant. Wie Baudirektor Günthard in seiner Ansprache ausführte, werden die Tiefbauarbeiten mit dieser Pistensanierung ihren Abschluss finden. Denn im Herbst 1976 wird der Flughafen Zürich-Kloten über eine noch Jahre andauernde ausreichende Kapazität verfügen.

Fussgängerverteilebene

Im neuen von der Flughafen-Immobilien-Gesellschaft erstellten Parkhaus B, das gegenüber dem Terminal B liegt, wird am 1. April das zweite Geschoss, die Fussgängerverteilebene in Betrieb genommen. Diese Kontaktzone für Passagiere und Besucher liegt unmittelbar über dem im Bau befindlichen SBB-Bahnhof der Flughafenlinie, der bis 1980/81 ebenfalls fertiggestellt sein wird. In dieser Kontaktzone, die über eine Passarelle und Rolltreppe vom Terminal B oder direkt vom Parkhaus B erreicht wird, sind zahlreiche Geschäfte, Einkaufsläden und Dienstleistungsbetriebe untergebracht.  Zu den Neuheiten im Flughafen Zürich-Kloten gehört nun auch ein weiteres Restaurant am Ende der Fingerdocks, von dem man einen weiten Rundblick über das Flughafengelände geniessen kann.» (NZN, 31. März 1976)


Bildlegende: «Die neue Piste 14/32 von Norden her aufgenommen. Rechts die Instrumentenlandepiste 16/34, die während der nächsten sechs Monate erneuert wird.»

Quellen