Donnerstag, 29. Dezember 2005

Nicht mehr gangbare Obstbäume ausgerissen

Gestern war die Rede von der Witterung vor 50 Jahren. Präsentiert wurde ein Vollzitat aus der Weiacher Jahreschronik 1955.

Der Chronist, Walter Zollinger, kannte die Gemeinde bereits seit dem Ende des 1. Weltkriegs. 1919 wurde er Lehrer für die oberen Klassen; eine Stelle die er über mehr als 40 Jahre innehatte. Daher war er geradezu die Idealbesetzung für die Führung dieser Jahreschronik. Zumal er auch Einblick in die damals noch breiten Kreisen als Lebensgrundlage dienende Landwirtschaft hatte.

Das Leben war viel stärker von den Zyklen der Natur bestimmt als heute. Vor 50 Jahren wurden beispielsweise die Schulferien noch auf Heuet und Ernte abgestimmt und den Bedürfnissen entsprechend kurzfristig angesetzt.

Heute folgt der nächste Teil der Jahreschronik 1955, der die Landwirtschaft und ihre Erträge behandelt:

«Das Landwirtschaftsjahr 1955 kann keineswegs zu den erfreulichen gezählt werden. Der verhältnismässig trockenkühle Frühling und der feuchte Sommer hinderten sowohl das gute Gedeihen der Baum- wie der Bodenfrüchte, auch das Getreidewachstum litt darunter. Das beweisen die nachfolgenden, gegenüber 1954 (ohne Heu und Emd) durchwegs geringeren Ernteablieferungen [q = Zentner]:

Brotgetreide: 1'209 q
Speisekartoffeln: 1'792 q
Futterkartoffeln: 2'406 q
Tafelobst: 150 q
Mostobst: 96 q
Steinobst: 7 q
Heu und Emd: 520 q

Das Getreidedreschen erforderte rd. 550 Stunden, das
Kleedreschen deren rd. 170 Stunden.

Der Ertrag an Tabak brachte auf 122 Aren Pflanzland 3'374 kg Tabakblätter im Werte von Fr. 12'939.-.

Anfangs Februar wurde eine sogen. "Baumaktion" durchgeführt; d.h. es konnten durch Vermittlung des landw. Kreisvereins ca. 100 alte oder nicht mehr gangbare Sorten tragende Bäume mittels Traktor und Seilwinde ausgerissen und so billig und rasch gefällt werden. Was den landw. Organen dabei wertvoll erschien, war, dass auf diese Weise mancher untaugliche Obstbaum wegkam, der wohl ohne diese gemeinsame Aktion noch lange stehen geblieben wäre.
»

Noch 1850 wuchsen in Weiach über 120 Apfel- und ca. 50 Birnensorten (Pfr. Konrad Hirzel im Kapitel Obstbau der Ortsbeschreibung von 1850). Heute sind es wohl nur noch ein paar wenige - und von den damaligen dürfte gar keine mehr dabei sein.

Ausmerzaktionen dieser Art sind aus heutiger Sicht eine Torheit. Jedem Sortenforscher dürfte bei solchen Zeilen das Herz bluten, wenn er an die genetische Vielfalt denkt, die dabei unwiederbringlich verloren ging. So ändern sich die Vorstellungen darüber, was wertvoll zu nennen ist.

Quelle: Zollinger, W.: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1955. Weiach, Herbst 1957 -- S. 5. [Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich]

Link: Inventar der Obst- und Beerensorten in der Schweiz

1 Kommentar:

Elisabeth hat gesagt…

Heute kommt "man" mehr und mehr zur Erkenntnis, dass alles was wir "der Natur antun" irgendwann und irgendwie wieder zurück auf uns Menschen fällt.
Vide auch meine homepage

http://www.licht-farben.ch/wichtig.htm
oder hier:
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