Freitag, 11. November 2005

Murgänge auch im Mittelland möglich

Manchmal findet sich unverhofft Material über Ereignisse, die noch gar nicht stattgefunden haben. Jüngstes Beispiel: das 3rd Swiss Geoscience Meeting in Zürich:

Nagy, P. & Graf, H.R.: Das Zusammenspiel von Archäologie und Geologie am Beispiel des Rafzer­feldes und angrenzender Areale des Hochrheins. Session 7: Human-environment interactions in the Holocene. In: 3rd Swiss Geoscience Meeting Zurich 2005, 19. Nov­ember 2005 – S. 59-60. [Erster Download am 22. Oktober 2005]

In diesem Beitrag geht es auch um Weiach, das unter Geologen seit den NAGRA-Bohrungen ein Begriff ist. Bei den Archäologen ist die Ortschaft schon seit Jahrzehnten bekannt. Das Gemeindegebiet war in den letzten vier Jahren wieder im Fokus: 2001 führte die Kantonsarchäologie Zürich auf Kiesabbaugebiet im Gebiet Winkelwiesen eine Notgrabung durch. Die Grabungsberichte dürften nächstes Jahr erscheinen.

Der oben erwähnte Artikel für die Konferenz der Schweizer Geowissenschaftler zeigt, dass die beiden Fachbereiche eng zusammenhängen (können): P. Nagy arbeitet für die Kantonsarchäologie Zürich und H.R. Graf beim Geologiebüro Matousek, Baumann & Niggli AG in Baden, Kanton Aargau.

Bewegte geologische Vergangenheit

Schon länger bekannt ist, dass das Gebiet zwischen Kaiserstuhl und den Moränenzügen bei Buchberg (südliche Exklave des Kantons Schaffhausen) ein Sander im Vorfeld des Rheingletschers darstellt. Die mächtigen Schotter in der Ebene nordöstlich Weiach sind in dieser Zeit entstanden. Nach dem Rückzug dieses Gletschers veränderte sich die Oberfläche stärker als man a priori annehmen würde:

Die Fundstelle Weiach [d.h. die 2001 durchgeführte Grabung in Winkelwiesen] liegt auf einer Schotterfläche der letzten Eiszeit, die in der ersten Phase des Eisrückzuges erst um ca. 10 m abgetragen und anschliessend wieder rund 2-3 m aufgeschottert wurde.

Auf diese starke Umwandlung folgte vor ca. 4000 Jahren die Besiedlung dieser Ebene. Danach aber war die Landschaft erneut starken Veränderungen unterworfen:

Nachdem das Areal verlassen worden war, entstanden rund 1.5 m mächtige, lehmig-sandige Deckschichten.

Etwas weiter unten wird dann erklärt:

Es handelt sich um Sedimente von Murgängen oder Hangmuren. Es fanden sich bisher keine Hinweise, dass diese Murgänge die Ursache für die Aufgabe der Siedlung waren.

Die Befunde an den beiden besprochenen Lokalitäten zeigen mit aller Deutlichkeit, dass im Verlaufe der letzten Jahrtausende im Gebiet der Nordschweiz wiederholt grössere Murgangereignisse stattgefunden haben, welche möglicherweise durch eine zeitweise starke Ausholzung der Wälder begünstigt wurden. Die Befunde zeigen zudem, dass katastrophale Hangbewegungen unter ungünstigen äusseren Bedingungen auch im Mittelland jederzeit möglich sind.


Mit anderen Worten: grossflächige Hangrutschungen, wie dieses Jahr in der Innerschweiz, z.B. im Entlebuch, können sich auch im Zürcher Unterland ereignen - ungünstige Wetterlage vorausgesetzt.

Science Fiction ist das nicht. Kleinere Ereignisse dieser Art gab es in geschichtlich überlieferten Zeiten. Grossflächige Hangrutschungen im Ausmass von 40 Jucharten (ca. 1.5 Hektar) haben beispielsweise im März 1876 im Gebiet des "Stein" ein erst fünf Jahre altes Wohnhaus total zerstört. Der Auslöser war in diesem Fall eine längere Regenperiode welche den Untergrund aufweichte. (Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, 11. März 1876)

Kommentare:

WG(n) hat gesagt…

Patrick Nagy hat mir per e-mail mitgeteilt: Der Text unseres Referates vom Samstag 19.11.2005, den man auf der Homepage der SwissGeoscienceMeeting finden kann, ist bereits mehrfach von mir beanstandet worden. Es handelt sich um eine falsche, unvollständige und fehlerhafte Version!

WG(n) hat gesagt…

Der oben angegebene Link zum Paper von Nagy und Graf hat geändert. Neu downloadbar unter: http://geoscience-meeting.scnatweb.ch/SGM05_abstracts/07_Human_environment/07_PDF/Nagy_talk.pdf