Montag, 16. Januar 2006

Alfred Escher, Mister Schweiz

Auch viele Stadtzürcher haben wohl nicht allzu viel Ahnung davon, wer der Herr war, dessen Statue auf dem Brunnen vor dem Zürcher Hauptbahnhof steht.

Ein König auf dem Sockel

Dabei steht Alfred Escher (1819-1882, Bild aus der Wikipedia) goldrichtig. Was den Hannoveranern ihr Ernst August I., das ist den Zürchern ihr Alfred Escher: ein Monarch. Wie in der Schweiz üblich allerdings ein ungekrönter.

Hinter sich den Hauptbahnhof, vor sich die immer noch recht berühmte Einkaufsmeile namens Bahnhofstrasse, die direkt zum Paradeplatz führt, dem Herzen des Bankenplatzes Zürich.

Für beides, den Eisenbahnknotenpunkt wie den Finanzplatz, hat der zu Lebzeiten ebenso verehrte wie gehasste «Eisenbahnkönig» derart viel beigetragen, dass man es gar nicht hoch genug einschätzen kann. Zürich wäre ohne Escher nicht, was es heute ist - der grösste Wirtschaftsmotor der Schweiz.

Die Weltwoche weist in der Titelstory ihrer Ausgabe 2/06 völlig zu Recht auf die Rolle dieses herausragenden Liberalen hin (auf einen Link verzichte ich, weil der Artikel schon in wenigen Stunden im kostenpflichtigen Archiv verschwindet). Alfred Escher glaubte an die liberale Revolution und er war das, was man heute einen unermüdlichen Macher nennt: Die Nordostbahn war ebenso seine Schöpfung wie die Schweizerische Kreditanstalt (heutige Credit Suisse).

Ein Kaiserstuhler mit US-Vermögen

Escher ist einer der wenigen Zürcher, die es in ihrer Heimatstadt auf einen Denkmalsockel gebracht haben. Mit dem Reformator Huldrych Zwingli und dem Bürgermeister Hans Waldmann teilt er das Schicksal, dass man ihn zwar bewunderte, aber (aufgrund derselben Eigenschaften) auch abgrundtief hasste.

Alle drei kamen frühzeitig ums Leben. Waldmann durch Enthauptung, Zwingli im Schlachtengetümmel und Escher, weil man ihn der Anerkennung seines Lebenswerks beraubt hatte. Alle drei haben auch gemeinsam, dass sie selbst oder ihre Vorfahren von ausserhalb des Zürcher Herrschaftsbereichs nach Zürich kamen. Waldmann aus dem Zugerland, Zwingli aus dem Toggenburg und die Escher ursprünglich aus der Grafschaft Baden, genauer: aus dem Städtchen Kaiserstuhl am Rhein.

Die Vorfahren der Escher-Clans in Zürich mussten um 1400 aus ihrem Heimatstädtchen Kaiserstuhl verschwinden. Sie waren dort mit Handel zu Reichtum gekommen und massgeblich am Versuch beteiligt, der Stadt mehr Rechte nach dem Vorbild Badens zu sichern. Der Stadtherr Kaiserstuhls, der Bischof von Konstanz, wusste dies allerdings zu vereiteln. Fortan konnten sich die Escher, obwohl in Kaiserstuhl und Umgebung sehr begütert, dort nicht mehr etablieren. Das störte aber nicht. Zürich war seit der Mitte des 13. Jahrhunderts eine einflussreiche Reichsstadt und als Operationsbasis für ihre Geschäfte daher wesentlich besser positioniert. Den Grossgrundbesitz in Weiach konnte man auch von Zürich aus verwalten.

Und das US-Vermögen? Wie der Weltwoche-Artikel verrät, hatte Alfred Eschers Grossvater sein Vermögen verspekuliert und musste daher 1788 aus Zürich verschwinden. Sein Sohn kam als Geschäftsmann in den USA zu einem beträchtlichen Vermögen und kehrte später nach Zürich zurück. Dort wurde er aber von der etablierten Gesellschaft geschnitten.

Die liberale Revolution frisst ihren Princeps Escher

Umso stärker wird man es bei der alten Aristokratie empfunden haben, dass Alfred Escher ab 1845 zu einer derart starken Figur wurde. Und letztlich wird dies auch einer der Faktoren gewesen sein, die ihn schliesslich nach 1866 zu Fall brachten:

«Der Widerstand gegen Eschers Omnipotenz formierte sich ausgerechnet im Kanton Zürich, der ihm alles verdankte. Und doch überrascht das nicht. Nirgendwo war seine Präsenz erdrückender. Besonders auf der Landschaft und in den kleinen Städten schlossen sich die Übergangenen und die Herausforderer zusammen. Als Demokratische Bewegung, geführt von einigen Notabeln in Winterthur, gelang es ihnen, 1869 Eschers Partei, die Liberalen, von der Macht zu vertreiben.

Vorangegangen war eine beispiellose Kampagne gegen das «System Escher», wie es nun polemisch genannt wurde. Dabei spielte ein Journalist, Friedrich Locher, ein scharfzüngiger, «kleiner Advokat», eine hervorragende Rolle. Selten ist ein Politiker unerbittlicher verfolgt worden als Alfred Escher. Unter dem Titel «Die Freiherren von Regensberg» veröffentlichte Locher gut geschriebene Pamphlete, worin er prominente Gefolgsleute Eschers nach allen Regeln der Kunst auseinander nahm. Alles, was man einem Menschen vorwerfen kann, warf Locher seinen Opfern vor: «Mein bester Kunde war stets der Herr Obergerichtspräsident Ulmer» zitierte Locher eine Bordellbesitzerin, gleichzeitig hielt er dem Richter vor, sich einen Doktortitel erschwindelt, seinen Geschwistern die Heirat verboten, Recht gebeugt und mit Aktien betrogen zu haben


Über diese beispiellose Kampagne berichtet aus der lokalen und regionalen Perspektive des Zürcher Unterlandes der Artikel Nr. 55 aus der Reihe «Weiacher Geschichte(n)»: «Saufgelage!» - Statthalter verklagt Gemeinderatsschreiber. Öffentliche Schlammschlacht anlässlich der Wahlen 1866.

Quelle
Somm, M.: Der Vaterlandsvater. In: Die Weltwoche, Nr. 2, 12. Januar 2006 - S. 44-49.

1 Kommentar:

WG(n) hat gesagt…

Der Weltwoche-Artikel über Alfred Escher hat es doch nicht so eilig, im Archiv zu verschwinden. Er ist noch frei abrufbar. Sogar als mp3-Audiodatei. Hier der Link.