Samstag, 22. April 2006

Die Alamannen - ein Fall verfehlter Integration

Aktuell wird ja eifrig über «Leitkulturen» debattiert und leidenschaftlich die Frage diskutiert, ob Bevölkerungsgruppen südosteuropäischer bis nahöstlicher Herkunft integrationswillig seien. Ja, es wird die Integrierbarkeit von Personen mit islamisch-patriarchalischem Weltbild gar grundsätzlich in Frage gestellt.

Vielleicht sollte man zuerst darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen Fremde sich überhaupt von der am Ort ihres Lebensmittelpunktes vorherrschenden Kultur assimilieren lassen wollen.

In diesem Zusammenhang sind ein paar Details zur Geschichte der Spätantike im Raum der heutigen Schweiz interessant. Sie stammen aus einem bereits vor zehn Jahren erschienenen Buch von Andres Furger, dem seitens des Bundesamtes für Kultur unter Beschuss geratenen heutigen Direktor der Musée Suisse Gruppe (besser bekannt als Schweizerisches Landesmuseum).

Kurz gesagt ist die Story die: bei den Burgundern klappte die Integration eines germanischen Stammes in das spätrömische Kulturumfeld (sie nahmen lateinische Sprache und Lebensformen an), bei den Alamannen scheiterte dieser Prozess kläglich. Die Frage ist: Warum?

Ein zusammengewürfelter Heerhaufen verbreitet Angst und Schrecken

Um 260 nutzten die Alamannen eine vorübergehende Schwäche des römischen Imperiums und drangen plündernd ins Gebiet der heutigen Schweiz ein. Sie zerstörten unter anderem Augusta Raurica und Aventicum. Die Beziehungen zwischen den Galloromanen und den Alamannen waren spätestens von da weg von gegenseitigem Misstrauen geprägt:

«So werden die Alamannen in einer römischen Quelle des 4. Jahrhunderts ausdrücklich als "Feinde der Menschheit" bezeichnet. Der Goliath begann sich vor einem David zu fürchten. [...] Die Alamannen spielten bei den Römern nur deshalb eine Rolle, weil sie nördlich der Alpen die ersten Boten der grossen Gefahr wurden. Wahrscheinlich wurde auch, wie seinerzeit die Gefahr der helvetischen Kelten für das Imperium Romanum, von der römischen Propaganda die alamannische Gefahr bewusst überzeichnet.»

Gegenseitiges Nichtverstehen

«Jedenfalls reagierte die römische Obrigkeit gereizt auf die Gefahr von aussen, indem beispielsweise das Tragen von als barbarisch geltenden Kleidungsstücken unter Strafe gesetzte wurde. So verbot Kaiser Honorius um 400 den Männern das Tragen ärmelloser bunter Jacken, weiter Hosen und langer Haare.» (Furger - S. 33)

Hat da jemand «Kopftuchstreit» gerufen?

Im Gegensatz zu den Franken und den Burgundern, die langsam in ihre Rolle als Erben des spätantiken Imperiums hineinwuchsen, blieb den Alamannen alles Römische fremd:

«Die Alamannen, die sich in den Jahrzehnten nach 260 in den von den Römern geräumten Dekumatenlanden allmählich niederliessen, (d.h. im Gebiet des heutigen Schwarzwaldes und südlich des Obergermanischen Limes) lernten somit die römisch-antike Welt eigentlich erst in einer späteren, weniger prägenden Phase und vermutlich in einer provinzielleren Ausführung kennen, als die Vorfahren der Franken.» (S. 48; vgl. auch den WeiachBlog vom 20. April)

Weit gravierender scheint aber gewesen zu sein, dass die Alamannen 357 gegen den späteren Kaiser Julian (361-363) bei Argentoratum (heute Strassburg) eine Niederlage erlitten, und nach dessen Tod - im Gegensatz zu den Franken - von hohen Posten innerhalb des römischen Militäradels (Generalität) ausgeschlossen wurden. Damit verlor die alamannische Führungsschicht und damit ihr ganzes Volk richtiggehend den Anschluss an die Spätantike.

Alamannen und Galloromanen in Helvetien: eine Jäger-Beute-Beziehung

In der älteren Literatur wird behauptet, es habe kurz nach 400 einen Alamanneneinfall in der Art eines Dammbruches gegeben. Mit anderen Worten: unmittelbar nach dem Abzug der römischen Truppen von der Rheingrenze seien die Alamannen in das entstehende Machtvakuum vorgestossen und dort sesshaft geworden. Das war aber offenbar nicht der Fall. Die Beziehungen zwischen den nördlich des Rheins lebenden Alamannen und den Romanen im Gebiet der heutigen Schweiz gleichen eher einem Jäger-Beute-Modell:

«Was uns die Schriftquellen für die zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts an alamannischen Aktivitäten berichten, sind offensichtlich weiterhin Raub- und Plünderungszüge, die schwerlich den Beginn eines Assimilationsprozesses eingeleitet haben dürften.» (S. 50)

Im Gegensatz zu den Franken machten sich die Alamannen die spätrömische Kultur nicht zunutze, sondern plünderten sie lediglich. Es wundere daher nicht, schreibt Max Martin in einem Abschnitt mit gleichem Titel wie dieser Artikel, dass «ihre Oberschicht noch um 500 und bis zum Verlust ihrer Unabhängigkeit in befestigten Höhensiedlungen prähistorischen Charakters residierte. Offenbar war die Abneigung der Alamannen, sich in Städten niederzulassen, die uns der römische Historiker Ammianus Marcellinus für die Zeit nach 350 explizit überliefert, noch im 5. Jahrhundert lebendig.» (S. 50)

Der Anti-Integrierbare-Limes von 374 n.Chr.

Wenn man dies berücksichtigt, wird klarer, weshalb Kaiser Valentinian I. ausgerechnet entlang der Linie Rhein-Iller-Donau einen neuen Limes errichten liess (vgl den WeiachBlog vom 17. April). Das ist nämlich genau die Grenze des «zivilisierten» Gebiets zu den «wilden» Alamannen:

«Es ist deshalb gut denkbar, dass die Alamannen nach dem Ausscheiden ihrer Anführer aus der spätrömischen Hierarchie den Anschluss an die antike Welt gar nicht mehr suchten, sondern seit dem späteren 4. Jahrhundert einer Lebensweise huldigten, die ständig auf den Zufluss und Nachschub neuer Ressourcen angewiesen war», schreibt Max Martin und fragt dann: «Die Alamannen als Herrenvolk rechts des Rheins, die tributpflichtig gemachte provinzialrömische Bevölkerung der gegenüberliegenden Grenzprovinzen an Rhein und Donau als Wirtsvolk, erstere von diesem getrennt und ausserhalb der Reichsgrenzen lebend?» (S. 50)

Wenn das stimmt, dann ist es mit der selbstbestimmten alemannischen Einwanderung in die Gebiete südlich des Rheins, von der die Historiker im 19. Jahrhundert ausgingen, nicht allzu weit her. Die «Alamannen» dürften wohl erst unter fränkischer Oberhoheit südlich des Rheins angesiedelt worden sein.

Das Misstrauen zwischen Galloromanen und Alamannen hat wohl noch einige Zeit gehalten. Der Grund für die Deutschsprachigkeit hängt möglicherweise damit zusammen. Die Alemannen erlangten nach und nach die Bevölkerungsmehrheit - die Reste der galloromanischen Bevölkerung wurden verdrängt. Nur noch einige Namen erinnern an sie: «Walensee» zum Beispiel, der See der «Walchen» oder Welsch Sprechenden.

Quelle
  • Furger, A. (Hrsg.): Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter. Archäologie und Geschichte des 4. bis 9. Jahrhunderts. Verlag NZZ, Zürich 1996 - S. 33 und 47ff.

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