Samstag, 30. Oktober 2010

«Nur Futter vom eigenen Hof»

«Sündiger Sonntagsbraten», titelte der Tages-Anzeiger am 4. Mai 2010. Dabei stellte der Autor Hans-Martin Brandt schon im Artikelanriss die plakative Behauptung auf, Tierfabriken produzierten Fleisch klimaschonender als Kleinbauern.

Diese Aussage findet man interessanterweise nur noch in Swissdox und den vielen Blogposts, welche über den Artikel berichten - in der Online-Ausgabe des Artikels selbst nicht mehr (siehe Link oben). Heute lautet der Online-Titel: «Tierfabriken schlagen Kleinbauern». Und seltsamerweise wird der Autorenname schlicht unterschlagen (den findet man auch nur in Swissdox).

Zu stark abkürzen verfälscht die Tatsachen

Aber selbst mit dieser Kosmetik-Massnahme zeigt sich: Journalistische Vereinfachungen können furchtbar in die Hose gehen. Selbst im zweiten Versuch. Wie in dieser Passage des Beitrags (Online-Version): «Sogar in den ärmsten Ländern der Welt entstehen immer mehr Tierfabriken. Positiv daran ist, dass sie immerhin den Ausstoss von Klimagasen pro Kilogramm Fleisch vermindern, weil viel weniger Land pro Tier notwendig ist. «Intensivierung der Produktion kann die Freisetzung von Treibhausgasen durch Abholzung und Überweidung reduzieren», schreibt die FAO.»

Davon, dass auch Rinder in Tierfabriken Methan erzeugen und dieses ein wesentlich stärkeres Treibhausgas ist als das durch Abholzung entstehende Kohlendioxid, kommt hier nicht zur Sprache.

Die eigentlich wichtigen Punkte sind die Transportdistanz und die Frage nach der standortgerechten Nutzung des Bodens. Also klassische Fragen der Nachhaltigkeit. Ansätze, diese ins Zentrum zu stellen, gibt es im Artikel durchaus:

«Regula Kennel von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, warnt davor, ausländisches mit Schweizer Fleisch zu vergleichen. Zwar entstünden auch bei der Produktion von Steaks in der Schweiz klimaschädigende Gase. Doch das einheimische Produkt habe deutliche Vorteile: «Bei uns wird Land für Fleischproduktion genutzt, das sonst nicht nutzbar ist. Und die Transportwege zum Verbraucher sind kurz.»

Wieviele Tiere gibt das in der Schweiz produzierte Futter her?

Leider steht das Kennel'sche Zitat im Zusammenhang des Artikels ziemlich verloren in der Landschaft. Peter Straub aus Näfels nahm diesen journalistischen Kunstfehler auf der TA-Leserbriefseite vom 5. Mai auf's Korn:

«Regula Kennel von der Proviande darf uns im Artikel sagen, bei uns werde das Fleisch auf Land produziert, das sonst nicht nutzbar sei. Dass das unkommentiert abgedruckt wird, ist äusserst unschön. Bei uns werden Milch und Fleisch zu einem schönen Teil so produziert, wie in allen Industriestaaten: mit Heu aus Polen, Weizen aus Kanada, Mais aus den USA und Soja aus Brasilien. Und weil es für die Produktion von einem Kilogramm Fleisch sieben Kilogramm Futter braucht, sind die Transportwege unter dem Strich viel länger, als wenn wir das Fleisch importieren würden. Der einzige Grund, «Industriefleisch» hier zu produzieren, liegt darin, dass «Schweizer» Fleisch für ein Mehrfaches des Weltmarktpreises verkauft werden kann.»

Den Einwand aus dem nördlichen Glarnerland konterte Katharina Baumgartner aus Weiach mit einem Leserbrief, der am 7. Mai 2010 auf der Leserbriefseite publiziert wurde:

«Herr Straub ärgert sich über den Satz von Regula Kennel im Artikel vom 4. Mai, worin sie erwähnt, dass bei uns Fleisch auf Land produziert werde, das sonst nicht nutzbar sei. Dieser Satz stimmt vollumfänglich. Wir bewirtschaften einen Hof im Zürcher Unterland mit einer Mutterkuhherde, welche wir zu 100 Prozent mit hofeigenem Futter ernähren. 95 Prozent besteht aus Gras (inkl. Heu, Emd, Silage), welches an für die Getreideproduktion zu steilen oder zu nassen und schattigen Orten wächst. Nur rund 5 Prozent füttern wir Mais dazu, ebenfalls hofeigener. Unsere Kühe fressen niemandem etwas weg. Dasselbe gilt für viele Betriebe in der Schweiz, vor allem in hügeligem Gebiet. Auf die gleiche Weise werden Schafe ernährt. Unser Fleisch wird von Coop als Naturabeef verkauft, ein Label, das für eine naturnahe Haltung mit sehr viel Auslauf für Kühe und Kälber steht.»

Fassen wir zusammen.

Fakt ist: In einem schon vor Jahrhunderten (durch den mittelalterlichen Landesausbau) gerodeten und für Landwirtschaft nutzbar gemachten Gebiet wie der Schweiz gibt es viele Lagen, welche sich für Ackerbau nicht eignen. Für dieses Grasland kann es eigentlich nur eine sinnvolle Nutzung geben: Futterbau für Tierhaltung. Sonst bliebe nur noch, das Land sich selber zu überlassen. Das Resultat wäre Verbuschung und Verwaldung.

Fakt ist aber auch, dass sehr grosse Mengen an Futtermitteln in die Schweiz importiert werden - und damit hierzulande viele Tiere aufgezogen werden können, welche der einheimische Futterbau nicht wirklich hergibt, vgl. dazu den Kassensturz vom 1. September 2009.

Fazit: Es gibt Unterschiede zwischen alten Kulturlandschaften wie der Schweiz und neu für agroindustrielle Zwecke verwüsteten Flächen in Südamerika. Und es gibt die Importproblematik, welche die beiden miteinander verbindet.

Die Lösung? Nur Futter vom eigenen Hof!

Importverzicht für Futtermittel-Bestandteile würde bedeuten, dass in der Schweiz weniger Tiere aufgezogen werden können. Wenn man ihnen kein Kraftfutter gibt, wachsen sie langsamer, stehen länger auf dem Hof und kosten den Landwirt dadurch mehr. Dasselbe gilt für strenge Vorschriften über Auslauf und tierfreundliche Stallhaltung, sowie die Bedingung, dass das Futter praktisch nur vom eigenen Betrieb stammt, wie es u.a. die Label «Bio-Knospe» und «Coop Naturaplan» zwingend vorschreiben.

All das ermöglicht zwar eine artgerechte Tierhaltung und ökologische Produktion von Fleisch und Milch. Aber es kostet mehr. Entweder ist nun der Verkaufspreis im Laden höher als der für konventionell aufgezogene Tiere oder die Mehrkosten/Mindererlöse werden durch staatliche Direktzahlungen ausgeglichen. Wenn die durch den von billigen fossilen Energien befeuerten globalisierten Markt erzeugten Verzerrungen nicht durch solche Massnahmen ausgeglichen werden, dann wird unweigerlich Futtermittel von weit her importiert. Oder eben gleich Fleisch. So lange man das Geld dazu hat.

Würden die Konsumenten der Industriestaaten nur noch lokal produziertes Biofleisch und vor Ort angepflanzte Früchte und Gemüse konsumieren (wie anderswo mangels finanzieller Ressourcen immer noch üblich), dann wäre für das globale Nährstoffgleichgewicht, den Umweltschutz und den Klimaschutz viel gewonnen.

Fleisch wäre dann allerdings wieder ein selteneres Vergnügen. So wie Jahrtausende zuvor - und danach. Denn unser fossiles Zeitalter ist vor dem Hintergrund der menschlichen Kulturgeschichte wohl nur «a single match in the darkness of eternity».

Quellen
  • Baumgartner, K.: Nur Futter vom eigenen Hof. Leserbrief zum Artikel: Fleischkonsum - Ein sündiger Sonntagsbraten, TA vom 4. Mai. In: Tages-Anzeiger, 7. Mai 2010 - S. 11.

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