Mittwoch, 5. Juli 2017

Replik aus der «Schnarchecke des Kantons»

Gestern Dienstag, den 4. Juli 2017 hat der Tages-Anzeiger eine weitere Folge der Kolumne «Agglo»  seines Redaktors Daniel Schneebeli veröffentlicht. Sie trägt den vielsagenden Titel «Schnarchecken des Kantons». Nachfolgend der volle Wortlaut:

Der Titel soll wohl lustig tönen. Und aus der Sicht eines Lesers, der sich selber als hipper Städter sieht und sich gerne über die tumben Agglos an der Peripherie draussen lustig macht, tut er das auch.

Aber eigentlich ist das eine astreine Beleidigung - insbesondere im Zusammenhang mit der Bezeichnung «Kaff am Rhein», mit dem Schreiberlin Schneebeli Weiach schon in einer früheren Kolumne bedacht und geschmäht hat: «Daniel Schneebeli, @tagesanzeiger, beleidigt #Weiach als «Kiesgruben-Kaff am Rhein» (TA, 23.5.2017, S. 22). Wieder ein Städter ohne Ahnung.» (Arm dran in Zürich. WeiachTweet Nr. 800 vom 23. Mai 2017, 16:16 MESZ)

Scheuklappensicht eines Städters

Statt durchgehend den etwas weniger negativ besetzten Begriff der «Schlafgemeinde» zu verwenden, greift Schneebeli gezielt zum Begriff «Schnarchen». Die negative Konnotation und der direkte Draht zu den pejorativen Wortgebilden «verschnarcht» und «Schnarchnasen» ist gewollt und wird nicht nur billigend in Kauf genommen. Die Diffamierung trifft alle Agglomerationsgemeinden:

«Insbesondere gehen wir der Frage nach, ob es stimmt, dass der typische Agglo zwar in der Agglo wohnt, aber dann nach Zürich abschleicht, wenn er aus dem Haus geht. Sollte sich dies erhärten, läge der Schluss nahe, dass Agglo-Gemeinden zum Schnarchen langweilig sind.»

Langeweile definiert Schneebeli hier erneut aus der Scheuklappensicht eines Städters. Tenor: Nur wo es möglichst viele Gastrobetriebe gebe, da würde diese nicht aufkommen, will der Schreiberling uns weismachen. Den flügellahmen «Beweis» tritt er dann mit dem Statistischen Jahrbuch an:

«Als Erstes wird die Beizendichte geprüft. Und in der Tat: Sie ist in Zürich höher als in Weiach, jenem Kaff am Rhein, das wir als die am schnellsten wachsende Gemeinde im Kanton identifiziert haben. In Zürich gibt es 1206 Restaurants, umgerechnet eines auf 338 Einwohner. In Weiach gibt es nur eine Beiz für 1377 Einwohner. Da auch Glattfelden und Eglisau nicht mit vielen Gaststätten gesegnet sind, liegt es auf der Hand: Fürs Vergnügen fahren Weiacher nach Zürich.»

Ende Welt an der Kantonsgrenze

Woher wollen Sie denn das wissen, Herr Schneebeli? Wenn Sie nur ein bisschen weiter nach Westen geblickt hätten, dann wäre es ein Leichtes gewesen, in Kaiserstuhl und Fisibach mindestens 3 weitere Restaurants zu finden. Und ennet dem Rhein gleich noch einige dazu, darunter ebenfalls solche, die mit guten Restaurants in der Stadt locker mithalten können. Nach Zürich «abschleichen» muss man da nur, wenn man die ach so tolle Metropole als Nabel der Welt betrachtet und es als «Must» empfindet, in irgendwelchen Szenebars abzuhängen.

Missbräuchlicher Umgang mit Statistik

Hat es in Weiach nur eine Beiz für 1377 Einwohner? 1377, das war die Einwohnerzahl per Ende 2015. Die Anzahl Beizen in der kantonalen Statistik bezieht sich jedoch auf das Jahr 2014 (vgl. den Ausschnitt unten) - und damals lag die Einwohnerzahl im Schnitt noch um die 1100 Personen herum (Ende 2013: 1076; Ende 2014: 1170).


Ja, die Caffè-Bar Chamäleon hatte zwischenzeitlich geschlossen und es ist wohl auch so, dass das Lokal vom Kanton nicht als Restaurant einklassiert wird. Faktisch ist es aber eins, denn auf Voranmeldung erhält man dort ganze Menus serviert. Auch der Bigfood Imbiss am Alten Bahnhof ist eindeutig ein Restaurant, auch wenn einem dessen «Höcklerstube» nicht ins Konzept passt, weil sie in Containern und dergleichen untergebracht ist.

«Eingefleischte Agglos wenden ein, die Auswahl von Weiach sei für die Agglo nicht repräsentativ. Doch auch Schlieren oder Opfikon haben bei weitem nicht die Beizendichte von Zürich.»


Nicht nur eingefleischte Agglos, Herr Schneebeli. Auch Statistiker würden in die gleiche Kerbe hauen. Sie haben da Zahlenmaterial ohne Sinn und Verstand verwurstet, sorry!

Wegpendler definieren Agglomeration

Noch absurder wird die Schreibe des Schneebeli, wenn er noch die Wegpendler- und Zupendler-Zahlen heranzieht. Absurder, weil diese ja gerade die Definitionsbasis für eine Einordnung einer Gemeinde in die Agglomeration einer Metropole darstellen (Weiach wird zum sechsten Agglomerationsgürtel von Zürich gezählt):

«Nicht nur zum Vergnügen fahren Agglos nach Zürich, sondern auch zur Arbeit. Das beweist die Statistik. Es gibt mehr Menschen, die in Zürich arbeiten als dort wohnen. Auch in diesem Bereich wird Weiach als Schnarchecke des Kantons entlarvt. Die Zahl der Einwohner ist hier sechsmal grösser als die der Beschäftigten. Die Goldmedaille für die Schlafgemeinde Nummer eins im Kanton geht allerdings nach Wasterkingen. Nirgends gibt es weniger Beschäftigte als dort.»

Was soll dieses Weiach-Bashing, Schneebeli? Wenn schon, dann wäre doch Wasterkingen die Schnarchecke, oder? Aber dem Kolumnisten geht es mehr darum, das «Kiesgruben-Kaff am Rhein» einmal mehr in die Pfanne zu hauen. Für Wasterkingen gibt's stattdessen den entschärften Begriff (siehe oben) und Gold um den Hals.

Unvoreingenommenheit?

Die Krönung bildet dann etwas später im Text der Satzanfang: «Doch Agglo-Kolumnisten sind unvoreingenommen [...].»

Unvoreingenommen? Wenn die eigenen Scheuklappen den Blick innerhalb der Kantonsgrenze halten? Wenn man eine Gemeinde zwanghaft als «Kaff» bezeichnet und als «Schnarchecke» «entlarven» muss, nur um daran sein Mütchen zu kühlen?

Fazit: Null Ortskenntnis kombiniert mit Städter-Arroganz, mangelhafter Recherche und ungenügendem Verständnis von Statistik. So produziert der Herr Redaktor Schneebeli diffamierende Fake-News von erlesener Güte. Warum sich eine Zeitung, die solche Machwerke publiziert, noch mit dem Label «Qualitätsjournalismus» schmückt, das verstehe wer will.

Quellen
  • Schneebeli, D.: Schnarchecken des Kantons. Kolumne Agglo. In: Tages-Anzeiger (Zürich), 4. Juli 2017 - S. 24.
  • Website des Statistischen Amtes des Kantons Zürich (statistik.zh.ch)
[Veröffentlicht am 23. Februar 2019 um 12:25 MEZ]

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