Montag, 6. Juli 2020

Keine Beschwerden gegen Weiacher Pfarrer beim Kirchenrat

Wer einen Archivbesuch plant, der oder die tut gut daran, sich vorgängig mit der Struktur des Archivplans vertraut zu machen. Denn die sogenannte Tektonik bildet die Grundlage jeder archivischen Ordnung, sie bestimmt nämlich die Gliederung aller Bestände im Archiv. Und wer die Tektonik versteht, findet auch was er sucht. Oder findet heraus, wo wahrscheinlich wenig bis nichts zu finden sein dürfte.

Von dicken Büchern...

Wo früher vor Ort noch dicke Folianten, von fleissigen Archivaren handschriftlich erstellt, später mit der Schreibmaschine getippte Findmittel durchsucht werden mussten, da beginnt diese Arbeit heutzutage am heimischen Computer, im Idealfall lange bevor man sich physisch ins Archiv begibt. 

... über die Volltextsuche...

Natürlich kann man auf eine simple Volltextsuche abstellen. Aber die findet halt auch heute längst nicht alles, was für die eigene Forschungsfrage von Belang ist, denn viele Archivalien sind entweder überhaupt noch nicht tiefenerschlossen, oder aber die Findmittel, Regesten, o.ä., in denen diese Arbeit (zumindest teilweise) geleistet wurde, sind noch nicht vollständig digitalisiert und in den Online-Katalog eingepflegt.

... zur Tektonik-Auswertung

Spätestens da schlägt dann die Stunde der Archivplansuche, wo die oben erwähnte Tektonik ins Spiel kommt. Nehmen wir den Online-Katalog des Staatsarchivs des Kantons Zürich als Beispiel. 

Da kann man dank dieser Suchoption für die Kirchgemeinde Weiach feststellen, dass es zwischen 1806 und 1928 offenbar keine Beschwerden gegen Weiacher Pfarrherren dieser Zeit bis zum Kirchenrat geschafft haben. Jedenfalls nicht solche, die die Eröffnung eines Dossiers gerechtfertigt hätten (vgl. T 27.9). Vielleicht gab es «konfuse Beschwerden» aus Weiach (vgl. T 27.1). Aber man darf doch feststellen, dass die Bachser und die Stadler Beschwerden gegen insgesamt drei ihrer Pfarrer anhängig gemacht haben, die Weiacher gegen die ihren aber keine einzige. 

Wirklich keine Beschwerden?

Auch wenn es nun so aussieht, dass es keine Beschwerden gab, so wären zur definitiven Klärung der Frage dann doch noch einige andere Bestände zu sichten, die man ebenfalls über die Tektonik findet. 

So T 6 und T 7 über die Bezirkskirchenpflegen (denn bei dieser Aufsichtsbehörde werden Unstimmigkeiten zuerst manifest, vor allem wenn sie zwischen Pfarrer und Kirchenpflege entstanden sind), weiter T 11.9 über die Visitationen im Bezirk Dielsdorf (der vor 1871 Bezirk Regensberg hiess), dann T 13 über Wahlen und Entlassungen von Pfarrern, Helfern, Vikaren, Errichtung neuer Stellen, wo es auch Hinweise auf Probleme geben kann und nicht zuletzt auf T 21.17 über die Pfarrstelle Weiach von 1837 bis 1910. 

Schliesslich sollte man noch in T 46 Kirchliche Gemeindebehörden (Stillstände) hineinschauen. Im Jahre 1837 durften die Weiacher erstmals eigenständig ihren Pfarrer wählen und damit wurde der Stillstand, dessen Jahresberichte sich in dieser Archivklasse befinden könnten, mit viel grösserer Macht ausgestattet. Vorher war der Pfarrer nämlich noch unabhängiger, da von der Obrigkeit gewählt. Jetzt musste er viel stärker auf die Wünsche der Stillständer achten.

Sonntag, 5. Juli 2020

Alt Lehrer Meierhofer der Brandstiftung beschuldigt

Vor drei Tagen hat WeiachBlog über die radikalen Säuberungsmassnahmen der Schulreformer um Ignaz Thomas Scherr berichtet (vgl. WeiachBlog Nr. 1538). Auch der Weiacher Schulmeister genügte deren neuen Anforderungen nicht mehr und wurde in den Ruhestand versetzt.

Wie dieser Schulmeister hiess, wie hoch seine Pension ausfiel und dass er bei seiner Absetzung erst 51 Jahre alt war, das kann man Zeitungen entnehmen, die mehr als zwanzig Jahre später erschienen sind. Alt Lehrer Rudolf Meierhofer geriet nämlich im höheren Alter noch ins Visier der Strafverfolgungsbehörden und musste vor dem Geschworenengericht in Zürich antreten:

«Zürich. Schwurgericht. Gestern [d.h. am 4. März 1856] wurde noch ein Fall von Brandstiftung verhandelt, der gerechtermaßen mit einer Freisprechung endigte. In der letzten Stunde des 7. Januar brach in einer Stube im obern Stockwerk der den Gebrüdern Grieser gehörenden Wohnung in Weiach Feuer aus, das aber bald wieder gelöscht werden konnte. Der Verdacht fiel auf Rudolf Meierhofer, einen 73jährigen Mann, der die Stube ganz allein bewohnte. Er war bis 1834 Schullehrer gewesen, wurde damals aber entlassen und lebte von einer kleinen Pension von 50 alten Fr. für sich. Man wußte nichts Böses über ihn, als daß er etwas gern ins Glas guckte. Das Haus sollte schon längst abgerissen werden und er am 14. Januar die Wohnung verlassen. Darüber scheint er etwas ungehalten gewesen zu sein und im Wirthshause äußerte er sich kurz vor dem Brand, ehe er das Haus verlasse, werde es noch etwas absetzen. Das war Alles, was gegen ihn vorlag. Den Eigentümern des Hauses kam der Brand nicht gerade ungelegen, doch waren sie als sehr gut beleumdet von jedem Verdachte frei. Dagegen ist die Möglichkeit einer zufälligen Entstehung des Feuers nicht ausgeschlossen. Die Geschwornen sprachen nach kurzem Besinnen das Nichtschuldig und der gutmüthige alte Mann zog frei von hinnen.» (Eidgenössische Zeitung, Nummer 65, 5. März 1856, S. 259)

Die 1838 gegründete Eidgenössische Zeitung erschien damals täglich, selbst am Samstag und Sonntag. Die bereits seit 1705 herausgegebene Freitagszeitung war hingegen immer noch ein Wochenblatt. Gerichtsberichterstattung gab es auch in diesem Blatt. Einleitend ist jeweils aufgeführt, wer die Richter waren. In der fraglichen März-Woche 1856 war die Zusammensetzung die folgende:

«Schwurgericht. — Präsident Hr. Oberrichter DändIiker. Richter Herren A. von Orelli und Gerichtspräsident Denzler. Geschworne: Herren Präsident Nägeli von Marthalen, Obmann, Paur von Zürich, Hotz von Hinweil, Hegetschweiler von Ottenbach, Welti auf dem Stock Enge, Kuhn von Dübendorf, Lüssi von Wyla, Suter von Schönenberg, Baumann von Horgen, Scherer von Niederhasle, Kienast von Riesbach, Bindschädler von Zürich.»

Im weiteren Verlauf des Berichts dann die Kurzfassung zum Weiacher Brandfall:

«Dienstag[, 4. März 1856]. Der 73 jährige R. Meierhofer war in Verdacht gerathen, daß er in dem Hause zu Weiach Feuer eingelegt habe, in welchem er eine Stube allein bewohnte; er hatte sich mißmuthig gezeigt, weil er ausziehen mußte, da das Haus niedergerissen werden sollte. Die Eigenthümer des Hauses waren als sehr gut beleumdet von keinem Verdacht getroffen. Aber auch den alten Mann sprachen die Geschwornen nach kurzem Besinnen frei, dem man weiter nichts vorwerfen konnte, als daß er gern ins Glas gucke, und dabei vielleicht im Wirthshaus eine verfängliche Aeußerung gethan hatte.» (Zürcherische Freitagszeitung, Nummer 10, 7. März 1856, S. 3)

Interessant ist, dass ein sehr guter Leumund der Eigentümer (Gebrüder Griesser) bereits völlig ausreichend war, um jeglichen Verdacht (und offenbar auch Ermittlungen und Strafverfahren) von ihnen fernzuhalten. Und das, obwohl ihnen der Brand nicht ungelegen gekommen ist. Dafür hat man sich auf den abgehalfterten Schulmeister eingeschossen.

Quellen und Literatur

Samstag, 4. Juli 2020

«Wir geraten somit aus der Kohlennot in die Notelektrifikation...»

Am 1. Juli 1945 wurde die Bahnstrecke Eglisau–Koblenz offiziell dem elektrischen Betrieb übergeben. Mit feierlichen Empfängen an den Bahnhöfen entlang der Strecke (vgl. WeiachBlog Nr. 1537).

Nun war das allerdings nicht ganz so, dass der Schalter umgelegt wurde und ab sofort nur noch elektrische Lokomotiven auf dieser Strecke unterwegs gewesen wären. Da gab es wohl doch noch die eine oder andere Dampflokomotive, denn Elektroloks waren Mangelware. Ausserdem wurde die Strecke im Schnellverfahren umgebaut, ein Vorgehen, das man schon am Ende des 1. Weltkriegs kannte und als «Notelektrifikation» bezeichnet hatte.

Doppelspur und Elektrifikation. Zürich und die Ostschweiz als Stiefkinder

Die Hintergründe dazu sind interessanterweise in einer ausländischen Zeitung erklärt, dem in Vaduz seit 1936 erscheinenden «Liechtensteiner Vaterland». Die Ausgabe vom 4. Juli 1945 enthält einen Beitrag, der wohl von einem Mitarbeiter des SBB-Kreises III (mit Sitz in Zürich) verfasst worden ist (oder einem Journalisten mit direktem Zugang zur SBB) und den Titel «Ostschweizerische Verkehrsfragen» erhielt. Nachstehend sei der Artikel auszugsweise wiedergegeben:

«Der dritte Bundesbahnkreis, umfassend die Ostschweiz, ist ein Stiefkind, denn in bezug auf die Streckenlänge der Doppelspuren weist er prozentual das Minimum auf und wenn wir die Elektrifikation ins Auge fassen, so wies dieser Kreis zudem 1939 noch am meisten Dampfbetriebstrecken auf. Dabei ist der Verkehr dicht, die großen Orte folgen sich rasch aufeinander und die Bevölkerungsdichtigkeit ist ebenfalls groß.»

Man hört den Ärger über die Zurücksetzung seitens der Bundesverwaltung in Bern förmlich. In weiteren Verlauf echauffiert sich der Autor darüber, dass Doppelspurstrecken trotz der starken Beanspruchung des Bahnnetzes (auch aufgrund der wirtschaftlichen Stärke der Region) an entscheidenden Stellen nach wie vor fehlen würden und kommt dann auf das zweite Thema der Kriegszeit zu sprechen, die drohende Einstellung jeglichen Bahnbetriebs auf den Dampfstrecken:

«In bezug auf die Elektrifikation ist zu sagen, daß die Bundesbahnen nach dem Abschluß des großen Programms [in den 1920er-Jahren] noch einige ausgewählte Bahnstrecken absichtlich im Dampfbetrieb belassen wollten. Man muß dabei an die Tatsache erinnern, daß vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges die Kohlen billig waren und daß deshalb die Ausdehnung der forcierten Elektrifikation sich nicht absolut aufdrängte. Eine Pause war aus mehreren verwaltungsinternen Gründen zu verantworten. So blieben die Randlinien der Schweiz im Dampfbetrieb, nämlich Stein–Säckingen, Bülach–Winterthur, Winterthur–Andelfingen–Schaffhausen–Konstanz–Romanshorn, sodann Winterthur–Etzwilen–Singen, Winterthur–Wald–Rüti, Effretikon–Wetzikon–Hinwil, Oberglatt–Niederweningen und Wil–Wattwil. Mit dieser Gruppierung waren die Dampflokomotiven in Winterthur zentralisiert und von dort aus gestaltete sich deren Versorgung rationell. Eine ähnliche Gruppierung des Dampfbetriebs ergab sich auch in der Westschweiz mit Payerne als Mittelpunkt.»

Diese Liste ist nicht ganz vollständig. Es fehlt u.a. die eingangs erwähnte Linie Eglisau–Koblenz auf der alten Nordostbahnstrecke Winterthur–Koblenz, von der der Abschnitt Bülach–Eglisau bereits im oben genannten Programm (1928) elektrifiziert worden ist.

Wenn die Kohle fehlt. Muss man den Bahnbetrieb ganz einstellen?

«Als der zweite Weltkrieg ausbrach und nach und nach die Kohlen teurer und vor allem rarer wurden, empfanden die von Dampflinien durchzogenen Gebiete immer schmerzlicher den technischen Rückstand ihrer Schienenstränge, denn so lange die Fahrpläne noch als gut zu bezeichnen waren, war der Dampfbetrieb erträglich. Erst als zwangsweise die Fahrpläne reduziert werden mußten, verlangten die Anwohner mehr oder weniger temperamentvoll die schleunige Elektrifikation ihrer Schienenstränge.»

Im Mai 1945 forderten beispielsweise rund 2000 Personen aus dem Tösstal an einer Volksversammlung die «rasche Elektrifikation der Tößtalbahn». (Die Tat, 12. Mai 1945; dieser und weitere Beiträge zum Thema Elektrifikation aus dem Jahre 1945 in e-newspaperarchives.ch).

«Unter dem Titel der Kriegselektrifikation wurden Winterthur–Andelfingen–Schaffhausen, Wil–Wattwil, Effretikon–Hinwil, Wald–Rüti, Turgi–Koblenz und Stein-Säckingen–Koblenz in den elektrischen Betrieb überführt. Derzeit steht die Teilstrecke Koblenz–Eglisau im Umbau auf elektrischen Betrieb. In nahe Aussicht genommen ist auch die Elektrifikation auf der Strecke Schaffhausen–Konstanz–Romanshorn, sowie als Abschluß die Strecke Bülach–Winterthur. Im Falle einer Fahrplanreduktion ist namentlich die große Ortschaft Kreuzlingen in einer wenig beneidenswerten Lage, weil sie überhaupt von allen drei Seiten her nur mit Dampfzügen erreicht werden kann, wobei allerdings der Personenverkehr der privaten Mittelthurgau-Bahn durch Dieseltriebwagen bedient wird. Doch fließt das Schweröl auch nur in sehr dünnen und rationierten Bächlein.»

Man erkennt schon an diesem Textabsatz, dass die Schweizer Importprobleme durch den Zusammenbruch der Kriegswirtschaft in Europa massiv zugenommen haben müssen.

«Unterdessen sind wir in eine wahre Kohlennot hineingerutscht. Wohl hat der neue Fahrplanentwurf auch die Dampflinien nicht allzu stiefmütterlich bedacht, die Tößtalbahn ausgenommen, doch basiert der Fahrplanentwurf auf der Annahme, er werde den ersten Friedensfahrplan darstellen. Inzwischen ist aber der Krieg leider noch nicht fertig und als besondere Erschwernis kommt hinzu die völlige Unterbindung der Einfuhr von Kohle aus Deutschland. So leben wir denn tatsächlich von den Reserven und es war keineswegs verfrüht, wenn Lokomotiven seit geraumer Zeit im Stillstand mit Holz, auf der Fahrt zum Teil mit jugoslawischem Lignit geheizt werden. Uebrigens haben auch die Lignitzufuhren aufgehört. Es ist durchaus möglich, daß von einem Tag zum andern der Fahrplan auf den Dampflinien grundsätzlich auf 4 tägliche Züge reduziert werden muß.» 

In diesem und dem vorangehenden Textabsatz wird ersichtlich, dass der Anfang Juli im Vaterland erschienene Bericht bereits etliche Wochen zuvor verfasst worden sein muss, weil zu diesem Zeitpunkt a) der Umbau der Strecke Koblenz–Eglisau im Gange und b) der Krieg noch nicht vorbei war, man aber sein Ende aufgrund des unaufhaltsamen Vorrückens der Alliierten sozusagen jederzeit erwartet hat (vgl für die Entwicklung der letzten Kriegstage: WeiachBlog Nr. 1504).

Amerikanisches Tempo

Die drohende Betriebseinstellung, verbunden mit dem Druck aus Volk und Wirtschaft, hat die SBB-Verantwortlichen zur Wahl von unkonventionelleren Methoden der Elektrifikation bewogen. Einem Notverfahren mit behelfsmässigen Installationen:

«Glücklicherweise hat man im Bau der elektrischen Fahrleitungen sozusagen ein amerikanisches Tempo ersonnen, sodaß man zur Technik einer gewissen Notelektrifikation greift, welche als erstes und höchstes Ziel die raschmögliche Errichtung des elektrischen Fahrdrahtes überhaupt vorsieht und erst nachher die zusätzlichen Arbeiten vornimmt. Auf diese Weise konnte die Einführung des elektrischen Betriebs zwischen Stein und Koblenz enorm gefördert werden. So wird es auch bei den künftigen Elektrifizierungen gehen müssen. Wir geraten somit aus der Kohlennot in die Notelektrifikation und werden dabei mit hergebrachten Meinungen aufräumen müssen. Als rein äußeres Zeichen der Notelektrifikation erblicken wir die hölzernen Masten und die Ersatzfahrdrähte.»

Charakteristikum: Holzmasten

Für die Weiacherinnen und Weiacher dürfte sich demzufolge in den ersten Jahren nach der Elektrifikation ebenfalls dieses Bild von Holzmasten entlang ihrer Bahnlinie geboten haben, die selbstverständlich den Wettereinflüssen nicht allzu lange standhielten.

«Inzwischen aber hat mit der wachsenden Zahl der notelektrifizierten Strecken die Zahl der verfügbaren Lokomotiven nicht Schritt gehalten und so ist es erfreulich, daß die Bundesverwaltung soeben zehn neue elektrische Lokomotiven bestellt hat. Es betrifft kleinere Typen, die überall eingesetzt werden können. Ein sichtbarer Beweis des Mangels an elektrischen Lokomotiven ist die Indienstnahme der roten Pfeile, die nachträglich mit Kuppelungen versehen worden sind und nun normale Wagen mitschleppen können. Damit ist der Kardinalfehler der roten Pfeile behoben, die damals als Alleinfahrer gebaut wurden und sich deshalb mit Recht der Kritik des Personals aussetzten. Der zweite Weltkrieg hat hier korrigierend eingegriffen.»

Dass es uns im Unterland verglichen mit den Dörfern im schaffhausischen Klettgau punkto Bahnverkehr noch vergleichsweise gut ging, zeigt der letzte Abschnitt des Artikels im «Vaterland»:

«In einer überaus heiklen Lage befinden sich die Stationen der Deutschen Reichsbahn im Kanton Schaffhausen, deren Fahrplan nicht mehr eingehalten werden kann. Unter Umständen wird hier die schweizerische Bundesbahn einspringen müssen und sie kann es, wenn man Vorurteile über Bord wirft und den reinen eidgenössischen Brudersinn walten läßt.»

Lehre daraus? Abhängigkeiten reduzieren!

Man sieht, dass es damals so lief wie heute. Man hat sparen wollen (billige Kohlen!) und war dann gezwungen zu einem Zeitpunkt zu investieren, der auch optimaler hätte sein können.

Der einflussreiche ehemalige Chef des Schweizerischen Bauernverbands, Prof. Dr. E. Laur, erklärte die mit hohen Kosten forcierte Elektrifizierung des Bahnbetriebs im Walliser Volksfreund vom 9. Januar 1945 zur Frage von Sein oder Nichtsein:

«Die Elektrifikation der Bundesbahnen hat in der Kriegszeit unsere Volkswirtschaft gerettet. Daß in den ersten Jahren viele Lastautos ihren Betrieb einstellen mußten, war gewiß unangenehm. Die Stillegung der Bahnen wegen Kohlenmangels wäre aber eine Katastrophe gewesen. Das Benzin und die Gummireifen und mit ihnen die Autos haben versagt, die elektrisch betriebenen Bundesbahnen aber haben sich auch in der Kriegszeit bewährt. Was wäre aus unserer Landwirtschaft, aus dem Bauernstande[,] aber auch aus den Konsumenten geworden, wenn die Bundesbahnen nicht trotz der hohen Kosten rechtzeitig au elektrischen Betrieb umgestellt hätten?»

Ob man ihm nun recht geben will oder nicht; wenn eines klar ist, dann das: Wir befinden uns heute wieder einmal in einer ganz ähnlichen Lage. Über Jahrzehnte hinweg sind alle Versorgungsprozesse weltweit auf Kante genäht worden. Just-in-time, reduzierte Lagerbestände, etc. Die damit verbundene Verletzlichkeit unserer heutigen Volkswirtschaft ist offensichtlich. Und auch die Parallele zur Illusion der billigen Kohlen, die ja jederzeit importiert werden konnten (in den 1930ern), ist offensichtlich.

Der Verfasser dieses Blogbeitrags erinnert sich noch gut daran, wie er anlässlich der Klärung von Position und Vorgehen des Bundes gegenüber der Ernährungssicherheitsinitiative als Mitarbeiter des Bundesamts für Bevölkerungsschutz von einigen Vertretern anderer Ämter mitleidig belächelt wurde. Die hatten sich zuvor auf den Standpunkt gestellt, die Ernährungssicherheit sei immer gegeben, da man ja problemlos aus aller Welt importieren könne. Meine simple Frage, was denn bei einer Grenzschliessung oder einer grossen weltumspannenden Krise geschehe, lag für sie komplett quer in der Landschaft. So etwas gebe es heutzutage nicht mehr.

Mittlerweile hat sich am Beispiel von Masken und medizinischen Gerätschaften im Rahmen der Corona-Krise überdeutlich gezeigt, wie schnell es zu potentiell gravierenden Engpässen bei essentiellen Gütern nur schon dadurch kommen kann, dass die lieben Nachbarn sie nicht freigeben wollen.

Die Preisfrage ist nun, was in der aktuellen und den Krisen der nächsten Jahre das Äquivalent zur Elektrifikation sein wird. Die Notdigitalisierung?

Quellen
  • Laur, E.: Bundesbahnen und elektrischer Betrieb. Leserbrief. In: Walliser Volksfreund, 9. Januar 1945 – S. 1. [Online verfügbar auf: e-newspaperarchives.ch]
  • N.N.: Ostschweizerische Verkehrsfragen. In: Liechtensteiner Vaterland, 4. Juli 1945 – S. 4. [Online verfügbar auf: eliechtensteinensia]

Donnerstag, 2. Juli 2020

Unfähige Lehrer zu Dutzenden in den Ruhestand versetzt

Am Dienstag, 30. Juni hat WeiachBlog ein Lob des aus dem Württembergischen stammenden Schulreformers Ignaz Thomas Scherr für die Stadler und Weiacher zitiert, das die beiden Gemeinden fünf Jahre nach den Unruhen des Stadlerhandels von 1834 rehabilitierte (vgl. WeiachBlog Nr. 1536).

Die Schulpflege Weiach hatte der Bezirksschulpflege im Anschluss an die tumultartig verlaufene Gemeindeversammlung vom 30. November 1833, bei der u.a. das im Vormonat aufgegleiste Schulhausprojekt bachab geschickt wurde, die Rückmeldung gegeben, dass «die Lehrer selbst nicht die gehörige Kenntniß besizen» würden, um die neuen Lehrmittel richtig einzusetzen und daher auch «nicht die erwünschte Frucht davon einzuerndten» sei. (Protokoll der Schulpflege zu Weÿach, 1831-1852 – S. 9)

Man muss das schon als eine Art Hilferuf werten. Der damalige Weiacher Schulmeister hatte es offensichtlich nicht so ganz drauf, um es einmal etwas plakativ zu formulieren und auch der ihn beaufsichtigende, 1833 schon relativ altersschwache Weiacher Pfarrer Johann Heinrich Burkhard (61), hatte – trotz seines Amtes als Bezirksschulinspektor (das er seit der Helvetik im Jahre 1802 im damaligen Grossbezirk Bülach (inkl. heutiger Bezirk Dielsdorf) bekleidete) – entweder nicht mehr genug Einfluss auf seine Gemeinde oder gar selber insgeheim Zweifel an den neuen Lehrmitteln.

Wie sich das Misstrauen gegen den neuen Lehrplan entwickelte

So sieht es zumindest Scherr, der in seinem «Handbuch der Pädagogik» ab S. 267 folgende Zeilen einrückte:

«Fast gleichzeitig mit den Schulbüchern für den Sprachunterricht wurde eine Sammlung biblischer Geschichten, ein biblisches Spruchbüchlein von Seminarlehrer Dändliker, ein religiöses Liederbüchlein von Kirchenrath Vögelin, das Gesangtabellenwerk und das Schulgesangbuch von Nägeli eingeführt. Diese neuen Lehrmittel, deren Inhalt und Zweck das Volk nicht verstehen konnte, die neue Methode, welche das Buchstabiren ausschloß und das Schreiben mit dem ersten Leseunterricht verband, erregte im Volk großes Aufsehen. Durch Jahrhunderte  waren ihnen der Lehrmeister, der Katechismus und das Testament als die besten Schulbücher geheiligt worden. Es schien ihnen ein Abbruch in der religiösen Bildung, wenn diese Bücher nicht mehr als Schulbücher gebraucht würden. Die Wörter und einfachen Sätze, welche in den elementarischen Sprachübungen vorkamen, und sich zunächst auf die gewöhnlichen Dinge im Leben beziehen, waren ihnen nicht nur höchst lächerlich, sondern ganz unwürdig für die Schule. Zuerst scherzten und spotteten sie über die Hausthiere, die auf den Sprachtabellen vorkommen. Als es aber mit der Sache ernst wurde, und die kleinen Kinder wirklich solche Sätze lesen und schreiben lernten, die kirchlichen Lehrsätze und anderer religiöser Stoff nicht mehr einzig als Gedächtnißübungen benutzt wurden: da verbreitete sich Besorgnis und Kummer in vielen Ortschaften und Familien. Wo der Lehrer, der Pfarrer, oder andere verständige Männer Einfluß hatten, und wo gute Fortschritte der Kinder die Zweckmäßigkeit der Methode bezeugten, da legte sich bald die Unruhe, und Eifer und Freude trat an die Stelle des Mißtrauens; wo aber der Lehrer selbst nur in der Schulverbesserung eine höhere Besoldung suchte, über die stärkern Forderungen unzufrieden war, von den Lehrmitteln eine verkehrte Anwendung machte; wo der Geistliche die ganz neue Ordnung der Dinge, und namentlich das neue Schulwesen mit schelem Blicke ansah, und durch zweideutige, besorgliche Aeußerungen die Unruhe unter dem Volk noch vergrößerte; wo überhaupt in einer Gemeinde verständige Männer keinen Einfluß hatten: da mußte endlich die Spannung in offene Widersetzlichkeit übergehen. Die geschah zunächst in dem Bezirke Regensberg, und zwar hauptsächlich in den Gemeinden Stadel, Bachs und Weiach.»

Stadler und Raater Mob randaliert

Es folgt eine Darstellung der Ereignisse des eigentlichen Stadlerhandels aus Sicht der Schulreformer um Scherr.

Zitiert wird ein Brief des Stadler Pfarrers vom 15. Mai 1834 an den Erziehungsrat. Darin schildert er die dramatischen Ereignisse zuerst in Raat (wo die neuen Schulbücher im Schulhaus herumgeworfen worden seien und man kein Kind mehr in die Schule geschickt habe) und kurz darauf in Stadel (wo ein Mob von 200 Leuten den Pfarrer dazu gezwungen habe, das Schulhaus zu öffnen, die neuen Lehrmittel daraus entfernte und sie dem Lehrer vor das Haus geworfen habe, dann die Schule abschloss und den Schlüssel mitnahm).

Daraufhin erfolgte die Konfrontation der Aufständischen mit einer Polizeieinheit, welche die Zürcher Regierung im Eilverfahren nach Stadel abkommandiert hatte, um den Aufruhr mit geeigneter Interventionsstrategie unter Kontrolle zu bringen. Dies gelang nach Darstellung Scherrs dadurch, dass der Kommandant dieser Landjäger-Truppe eine gute Mischung aus Verhandeln und Drohkulisse zustande brachte. Weil sich gleichzeitig die konservativen Drahtzieher des Aufruhrs, die aus dem Verborgenen die Fäden gezogen hatten, feige verdünnisierten, und damit die dörflichen Wortführer im Stich liessen, wurden diese zwar verhaftet und nach Zürich gebracht, letztlich aber selbst die Anführer nur milde bestraft.

Dieses Vorgehen trug dazu bei, dass sich auch die Stadler und Weiacher relativ rasch zu einer neuen Sicht der Dinge durchringen konnten (Kommentar WeiachBlog: zumindest nach aussen hin, wohl um der Staatsmacht nicht noch mehr Anlass zum Durchgreifen zu bieten).

Mit eisernem Besen den Lehrkörper ausgemistet

Die Regierung in Zürich liess dem polizeilichen Durchgreifen weitere Taten folgen und schrieb am 22. Mai 1834 an den Erziehungsrat:

«Nach Annahme eines vom Statthalteramte Regensberg unterm 17. Mai erstatteten Berichts über die in Stadel stattgehabten Vorfälle hat der Regierungsrath nebst andern Verfügungen beschlossen, den Erziehungsrath einzuladen, unter gegenwärtigen besonders dazu geeigneten Umständen dafür zu sorgen, daß die Schulgesetze in allen Gemeinden, welche befähigte Lehrer haben, vollständig ins Leben treten.»

Scherr zeigt auf, dass das angesprochene Gremium daraufhin nicht lange fackelte:

«Diese Zuschrift des Regierungsrathes war dem Erziehungsrathe eine sehr erwünschte Mahnung. Zunächst beschloß er, die Lehrer in Stadel, Bachs, Windlach, Weiach und Rath sollten unverzüglich vor einer Prüfungskommission erscheinen, insofern sie nicht ihre Entlassung einreichen wollten. Alle fünf Lehrer wurden in den Ruhestand versetzt und kräftige Seminarzöglinge auf diese Stellen abgeordnet.»

Leider wird hier nichts darüber gesagt, ob die Schulmeister aus dem Norden des Bezirks Regensberg in der Folge durch die Prüfung gerasselt waren, oder es vorgezogen haben, gleich ihren Rücktritt einzureichen.

Das war aber nur der Anfang, denn nach einem weiteren Beschluss des Erziehungsrates vom 17. Juni 1834 musste nun jeder Lehrer im Kanton zu einer Prüfung antraben, die auch eine Probelektion vor seinen Schülern umfasste. Tat er dies nicht, verlor er jeglichen Anspruch auf Pensionszahlungen. Von rund 400 Lehrkräften wurden 75 noch im Herbst desselben Jahres 1834 in den Ruhestand versetzt und damit aus dem Schuldienst entfernt. Diese Massnahme sei als «zu hart, zu rasch, sogar als despotisch» kritisiert worden. Das sei aber leider dennoch sehr nötig gewesen, meint Scherr und schildert die Missstände in drastischen Worten:

«Um aber richtig zu urtheilen, mußte man die Erfahrung haben, welche Leute im Jahr 1834 im Kanton Zürich noch als Schulmeister figurirten. Man wird es nicht glauben, und doch ist es wahr, daß einige derselben kein Geschriebenes lesen konnten, daß Einer förmlich erklärte, er wisse nicht, das auf der Wandtafel deutlich Geschriebene zu lesen, er habe noch nie so etwas gesehen; daß ein Andrer ganz offen gestand, er habe kein Buch im Hause, sein Vater habe ihm zwar noch eine Bibel hinterlassen, die jedoch seit vielen Jahren nicht mehr geöffnet worden sei, weil ihm vom Lesen die Augen wehe thun. Mehrere waren nicht im Stande, nur vierstellige Zahlen anzuschreiben. Am meisten aber mußte auffallen, daß in einer Zeit, die man wegen ihrer religiösen Gläubigkeit besonders rühmt, sehr viele Schulmeister angestellt waren, die von der biblischen Geschichte, ja sogar von der Lebensgeschichte Jesu nur äußerst dürftige Kenntnisse hatten; die Namen Luther und Zwingli waren unbekannte Namen. Ueber Realkenntnisse durfte man kaum prüfen, weil die lächerlichsten Antworten selbst die Kommissionsmitglieder hätten aus der Fassung bringen können. So behauptete einer ganz bestimmt, die drei Eidsgenossen müssen sein: Kaspar, Melcher und Balthasar; ein Anderer: in der Schlacht bei Sempach sei Goliath ums Leben gekommen; ein Dritter: Basel liege am Meer; ein Vierter: die Thiere werden eingetheilt in Säugethiere, Vögel und anderes Vieh u.s.w.»

Man muss aber festhalten, dass es durchaus ältere Lehrer gab (nach Scherr mehr als 20), bei denen die Kommission die höchste Note «sehr fähig» beantragen konnte!

Seminaristen an die Front

Um die vielen Abgänge zu ersetzen und die entstandenen Lücken raschmöglichst zu schliessen, liess der Erziehungsrat kurzerhand die Seminaristen in die Hosen steigen: «Aeltere, an Bildung vorgerücktere Zöglinge mußten in der Regel nach einjährigem Kurse als Schulverweser Dienste leisten

Einer dieser blutjungen Seminaristen, der in diesem denkwürdigen Jahr 1834 in Weiach Schuldienst leistete, tat sich im späteren Verlauf seines Lebens als Kolonist und Naturforscher in Südostasien hervor. Doch davon in einem späteren Beitrag.

Quelle

Mittwoch, 1. Juli 2020

Vor 75 Jahren: elektrifizierte Strecke Eglisau-Koblenz eingeweiht

Fast 69 Jahre lang, vom 1. August 1876 bis zum 30. Juni 1945, waren qualmende Dampflokomotiven auf der Strecke Eglisau–Koblenz ein vertrautes Bild für die Weiacher Dorfbevölkerung. 

Die Mitglieder des Weiacher Frauenvereins, die 1910 auf die Habsburg (vgl. WeiachBlog Nr. 1530) und 1912 nach Kemptthal reisten (Weiacher Geschichte(n) Nr. 66), taten das noch mit Kohlekraft. Auch den Zug, der im Herbst 1944 von US-Kampfflugzeugen angegriffen wurde, zog noch eine Dampflokomotive (Weiacher Geschichte(n) Nr. 41).

Mit dem 1. Juli 1945, also wenige Wochen nach dem offiziellen Ende des Zweiten Weltkriegs (8. Mai), änderte das Bild des Triebfahrzeugs radikal. Mit dem heutigen Tag ist es nun 75 Jahre her, seit die Strecke dem elektrifizierten Betrieb übergeben worden ist. 

Die am Abschnitt zwischen Winterthur und Bülach liegenden Gemeinden der ehemaligen Nordostbahn-Strecke mussten noch zwei weitere Wochen auf die Einweihung warten: bis am 15. Juli. Die Strecke zwischen Bülach und Eglisau war bereits 1928 mit elektrischen Oberleitungen ausgerüstet worden.

Diese Umrüstung hätte ohne den Zweiten Weltkrieg wohl nicht so schnell stattgefunden. Sie war Teil des kriegsbedingt beschlossenen Elektrifizierungsprogramms für Bahnstrecken. Aber auch danach  gab es noch einige Jahre Dampfloks im Zürcher Unterland. Die Wehntalbahn (Strecke Oberglatt–Niederweningen) wurde erst am 28. Mai 1960 elektrifiziert.


Die damals «Elektrifikation» genannte Umstellung wurde auch von den Weiachern gebührend gefeiert. Das obenstehende Bild im Privatbesitz von Hanni Rutschmann-Griesser zeigt den festlichen Empfang des ersten mit Strom fahrenden Zuges am Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl am 1. Juli 1945.

Im Bild vorne links mit Hut: Lehrer Walter Zollinger, der Verfasser der ersten im Druck erschienenen Weiacher Ortsgeschichte. Die Kinder auf diesem Foto (mutmasslich aus Weiach, Kaiserstuhl und Fisibach) sind heute um die 80 Jahre alt.

Quellen

Dienstag, 30. Juni 2020

«...und ebenso die Aufbauung eines Schulhauses zu verweigern.»

Als «schallende Ohrfeige» für Gemeinderat und Primarschule bezeichnet Martin Liebrich, stellvertretender Chefredaktor und Redaktionsleiter des «Zürcher Unterländer», das Resultat der Urnenabstimmung vom 28. Juni 2020. Etwas gar dick aufgetragen, findet WeiachBlog. Von einem Misstrauensvotum zu reden wäre wohl eher angebracht.

Den Behörden zum Trost sei gesagt: Dass die Weiacher Stimmbürger nicht so wollen wie ihre Schulpflege, das ist keineswegs aussergewöhnlich. Blenden wir zurück in die Zeit kurz nach der liberalen Revolution von 1830/31, als sich die Gemeinden von der Stadt Zürich emanzipierten. Die Landbewohner wollten nun das Heft selber in die Hand nehmen. Zu 100% – vor allem bei der Bildung. Da mussten sie ja schliesslich (fast) alles selber zahlen. Und wer zahlt, der befiehlt – oder etwa nicht?

Alternativloses Vorhaben

Noch am 10. Oktober 1833 hatten die Weiacher akzeptiert, ein neues Schulhaus bauen zu müssen. Die Schulpflege begründete das Vorhaben mit folgenden Worten: «Wenn die gegenwärtigen Schuhlgeseze und die Forderungen derselben mit unserm gegenwärtigen Schulhause in Vergleichung gegen einander gesezt werden, so wird die absolute Nothwendigkeit der Aufbauung eines neuen Schuhlhauses wohl Niemand in Abrede sein können». (Traktandum 5; vgl. Weiacher Geschichte(n) 107, s. unten). Opposition gab es keine, zumindest steht im Gemeindeprotokoll nichts davon.

Unter Gewühl und Beschimpfung

Aber schon am 30. November 1833 kassierte die kommunale Schulbehörde in einer Gemeindeversammlung eine krachende Niederlage. Nachdem man den Anwesenden erläutert hatte, dass sie sich dem neuen, von der Obrigkeit festgelegten Lehrplan samt neuen Lehrbüchern zu beugen hätten, reagierten die Weiacher höchst ungnädig, wie dem Bericht an die Bezirksschulpflege zu entnehmen ist:

«Wann die unterzeichnete Gemeindschulpflege es sich zur Pflicht machte, den gesezlichen Anordnungen zu Erzwekung eines guten Schulunterrichts möglichst Folge zu leisten und die vorgeschriebenen Lehrmittel anschaffte, bey der widrigen Volksstimmung und da die Lehrer selbst nicht die gehörige Kenntniß besizen, nicht die erwünschte Frucht davon einzuerndten, und deshalb vorher bei einer abzuhaltenden Gemeinde die Bürgerschaft nicht nur von dem Nuzen der zwekmäßigen Anwendung dieser Lehrmittel, sondern auch daß jeder Staatsbürger vermöge Eid und Pflicht schuldig sey, sich den Gesezen und Verordnungen des Gesezgebers und der Regierung zu unterziehen, und dieses in heutiger Gemeindsversammlung geschehen – der Erfolg davon war dieser:

Mit großer Mehrheit ward unter Gewühl und Beschimpfung beschloßen, den Gebrauch des ersten Lesebüchleins und des Scherrischen Tabellenwerks nicht anzunehmen, noch den Gebrauch derselben an hiesiger Schule zu gestatten, und ebenso die Aufbauung eines Schulhauses zu verweigern.
» (Protokoll der Schulpflege zu Weÿach, 1831-1852 – S. 9)

Vor allem der Weyacher Gemeinderat Rudolf Bersinger soll sich an dieser tumultartigen Versammlung mit der Behauptung hervorgetan haben, Ignaz Thomas Scherr, den die Zürcher Regierung mit der Schulreform beauftragt hatte, wolle «mit der neuen Lehre die Religion hinwegthun».

Ursachenforschung, neuer Anlauf und dickes Lob

Die Weigerung, ein neues, den Anforderungen gerecht werdendes Schulhaus zu bauen, war also vor allem dem Ärger über den neuen Lehrplan geschuldet. Kurz darauf wurde das vorher abgelehnte Bauvorhaben offensichtlich dennoch bewilligt. Denn am 24. November 1836 weihte der Weyacher Pfarrer (und Bezirksschulinspektor) Johann Heinrich Burkhard ein neu errichtetes Gebäude ein: Das heutige Alte Schulhaus (Schulweg 2). Wenig verwunderlich: Gemeinderat Rudolf Bersinger war nicht in der Baukommission.

Die Weiacher erhielten 1839 aus der Feder des von ihnen heftig kritisierten Scherr trotzdem ein durch die Druckerpresse öffentlich verbreitetes, dickes Lob. Für ihre aufgeschlossene Haltung nach dem Stadlerhandel von 1833/34. Und nicht zuletzt für ihren Schulhausbau:

«Man muß namentlich den Gemeinden Stadel und Weiach die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie von nun an kräftig zur Schulreform mitwirkten. So hat Stadel mit nicht unbedeutenden Opfern eine Sekundarschule gegründet und Weiach ein sehr schönes Schulhaus erbaut.» (Scherr 1839 – S. 271)

Wie es die damalige Weiacher «Gemeindschulpflege» zustande gebracht hat, den Stimmungsumschwung hinzubekommen, das ist leider (noch) nicht bekannt – vielleicht findet sich ja dereinst in von WeiachBlog noch nicht gesichteten Unterlagen ein Hinweis.

Der heutigen Behörde ist zu wünschen, dass sie a) zeitnah herausfindet, an welchen Hürden sie diesmal gescheitert ist, b) genügend Gegner ins Boot holt, um eine neuerliche Abstimmung zu gewinnen und dann c) rasch ein mehrheitsfähiges, abgerundetes Projekt aufs Gleis bringen kann. Eines, aus dem ein Bau entsteht, der dann ähnlich lange Bestand habe möge wie unser Altes Schulhaus.

Quellen und Literatur

Sonntag, 28. Juni 2020

59 Prozent Nein. Projekt «Balance» an der Urne versenkt

Herbe Niederlage für den Gemeinderat und die Schulpflege Weiach. Das von ihnen propagierte «Generationenprojekt» Neubau Schul- und Mehrzweckanlage Weiach ist mit nur 41% Ja-Stimmenanteil deutlich gescheitert. Und das bei immerhin 44.15 % Stimmbeteiligung, was für Weiacher Verhältnisse sehr hoch ist. Einen Mobilisierungseffekt hatte die Vorlage also auf jeden Fall.

Umso wichtiger ist es nun, die Hintergründe aufzuarbeiten und die Motivlage des Souveräns abzuklären. Denn es ist durchaus möglich, dass in diesem Fall viele Hunde des Hasen Tod waren. Sprich: Unterschiedlichste Gründe zu einem Nein geführt haben. 

Ein wesentlicher Faktor dürfte eine nicht wegzudiskutierende Unsicherheit gewesen sein. Mit absehbaren Folgen, getreu dem aus den USA bekannten Motto: «Confused? Many are. When in doubt, play safe, vote NO!» (frei übersetzt: Sie sind verwirrt? So geht es vielen. Wenn Sie Zweifel haben, gehen Sie auf Nummer sicher. Stimmen Sie mit NEIN.)

Kommentar WeiachBlog

Wie ist es zu diesem Ergebnis gekommen? Nachstehend ein Versuch, es einzuordnen. Aus der Perspektive eines langjährigen ehemaligen Einwohners der Gemeinde – und nicht unbedingt der eines Neuzuzügers.

Der 2015 gefällte Entscheid, die Kaiserstuhler und Fisibacher Kinder in Weiach aufzunehmen, ist damals in seiner Tragweite offensichtlich nicht richtig erfasst worden.

Bei genauem Hinsehen und -hören kann das wenig verwundern. Denn die mentale Disposition vieler Weiacherinnen und Weiacher ist immer noch die der Bewohner eines kleinen Dorfes, das nur für sich selber verantwortlich ist, mit seinen Nachbarn auf Augenhöhe streitet und sich so mit ihnen einigt, dass die eigenen Interessen maximiert werden.

Das war auch lange Zeit völlig ausreichend. Über Jahrhunderte hinweg wurde in Kaiserstuhl massgeblich über die Geschicke der Gemeinde Weiach mitentschieden. Dort sass auf dem nördlichen Brückenkopf (auf Rötteln) der fürstbischöflich-konstanzische Obervogt. Und aus Kaiserstuhl kam in dessen Auftrag bis 1798 der Vorsitzende des Weiacher Dorfgerichts. Kaiserstuhl hatte sozusagen die Führung. Das war auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht anders, als die Weiacher Sekundarschüler die Bezirksschule in Kaiserstuhl besuchten (vgl. WeiachBlog Nr. 1522)

Heute aber, 765 Jahre nach der Gründung von Kaiserstuhl, finden sich die Hiesigen plötzlich in eine völlig ungewohnte Führungsrolle hineinversetzt. Die Gemeinde Weiach zählt 2000 Einwohner, Kaiserstuhl und Fisibach zusammen nicht einmal die Hälfte. Und seit dem Entscheid von 2015 ist man nun auch für deren Kindergarten- und Primarschüler mitverantwortlich.

Von der Entwicklung überrollt

Ebenfalls zu wenig erfasst in seiner Tragweite ist der Entscheid für die Bewilligung der Quartierpläne See/Winkel und Bedmen (vgl. WeiachBlog Nr. 221). Um Max Frisch in abgewandelter Form zu zitieren: Wir setzten auf Bauentwicklung und es kamen Menschen mit Kindern.

Die Implikationen der eigentlich völlig logisch ableitbaren künftigen Verschiebung der Gleichgewichte im Aussenverhältnis (zu den Nachbargemeinden), aber auch der relativen Bevölkerungsexplosion im Binnenverhältnis (Stichwort: zu viele Neuzuzüger in zu kurzer Zeit) sind bei den politisch Verantwortlichen noch nicht angekommen – nicht bei allen jedenfalls.

Einige scheinen irgendwie noch nicht wirklich realisiert zu haben, dass Weiach nicht mehr wie früher in der Regel nur 600-700 Einwohner hat, die Vereine aber praktisch gleich viele Mitglieder zählen wie anno dazumal, was z.B. bedeutet, dass nicht mehr jede(r) jede(n) kennt. Folglich hätten die Behörden viel stärker auf elektronische Partizipation setzen müssen. Vornehmlich amtlich zwingend vorgeschriebene Publikationen auf der Gemeindewebsite zu veröffentlichen, das reicht nicht.

Nicht genügend breit abgestützter Meinungsbildungsprozess

Nur so ist es zu erklären, dass Gemeinderat und Schulpflege allen Ernstes geglaubt haben, ein paar Projektpräsentationen am Modell im Gemeindehaus, sowie eine Videopräsentation ohne hochauflösende Pläne im Internet, eine Informationsveranstaltung in der Turnhalle, verbunden mit einem in geschönte Beschwichtigungen verpackten Beleuchtenden Bericht (Stichwort: Finanzielle Tragbarkeit), seien ausreichend, um eine solch grosse Kiste wie die Abstimmung zum Projekt «Balance» den Stimmberechtigten zu unterbreiten. Unter denen gibt es auch viele, die es kaum je an eine Gemeindeversammlung oder Informationsveranstaltung schaffen, weil ihre Arbeit so etwas nicht erlaubt. Und trotzdem sind sie Weiacher Stimmbürger und haben dieselbe Stimmkraft. Und: dasselbe Recht auf sachdienliche, umfassende und gebündelte Information, die man sich nicht überall zusammensuchen muss.

Nur so ist es zu erklären, dass teilweise Leserbriefe an den Zürcher Unterländer geschickt wurden (vgl. WeiachBlog Nr. 1525), ohne dass man seine aktuellen und/oder früheren Amtsfunktionen offenlegt. Das gilt sowohl für Gegner wie Befürworter des Projekts «Balance». Wer ausser den Alteingesessenen weiss schon, dass Werner Ebnöther einst Weiacher Gemeindepräsident war (und u.a. für den Bau des heutigen Gemeindesaals im Jahre 1995 verantwortlich)? Wer ausser denjenigen, die in den letzten Jahren die Gemeindepolitik verfolgt haben, weiss, dass Heidi Meier aktuell in der Rechnungsprüfungskommission Weiach sitzt und Maya Bütler von 2003 bis 2015 Mitglied der Primarschulpflege Weiach gewesen ist (vgl. MGW, Mai 2015, S. 10). Für Neu-Weiacher wären das wichtige Informationen zur Einordnung ihrer Voten gewesen.

Feuer im Dach

Ein Bauprojekt für CHF 19.7 Mio mit Abriss des 1974 bis 1976 gebauten Mehrzweckbaus mitten im Dorf, Ersatzbau und einem zusätzlichen Kindergarten sorgt unter den propagandistisch als alternativlos dargestellten Umständen natürlich für signifikante Unruhe in der Gemeinde.

Unter anderem auch, weil der Vorwurf (aufgebracht vom oben erwähnten W. Ebnöther) nach wie vor im Raum steht, die Kaiserstuhler und Fisibacher würden für ihre Kinder (die seit einigen Jahren in Weiach zur Schule gehen) massiv zu wenig zahlen. Oder anders formuliert: dass die Weiacher auswärtige Schulkinder dadurch schon heute im Umfang von mehreren Steuerprozenten subventionieren. Überzeugend widerlegt werden konnte diese Aufrechnung nämlich bisher nicht. Weder durch den Gemeindepräsidenten noch durch den Präsidenten der Schulpflege.

Diese Gemengelage ergab eine erhitzte Debatte, bei der schnell Feuer im Dach ist. Metaphorisch passt der Dachstockbrand der Liegenschaft Müliweg 4 am 25./26. Juni 2020 (das ehemalige Wohnhaus von Walter Zollinger-Funk, dem langjährigen Dorfschullehrer und Ortschronisten) da ganz gut ins Bild.

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten

Nach diesem Abstimmungskampf gilt es nun, wieder aufeinander zuzugehen. Befürworter und Gegner der Vorlage müssen sich zusammenraufen. Denn dass es eine Lösung für die offensichtlichen Probleme braucht, das ist wohl unbestritten. Nur nicht, welche.

Die zu diskutierende Hauptfrage lautet: Wo soll es hingehen? Was will diese Gemeinde wirklich? Dazu muss man aber eine Mehrheit der Stimmberechtigten auf die Reise mitnehmen können und wollen. Die Art und Weise, wie man nun vorgeht, die muss folglich wesentlich breiter abgestützt und mit kleinen Schritten vorangeführt werden. Gemeinderat und Schulpflege sollen nach einem vom Souverän genehmigten Masterplan vorgehen können. Nur dann haben sie genügend Rückendeckung.

Samstag, 27. Juni 2020

Schulkinder als Briefträger für Abstimmungspropaganda

Mitte dieser Woche, kurz vor dem Abstimmungstermin für den «Ersatzneubau Schul- und Mehrzweckanlage Hofwies» am morgigen Sonntag, 28. Juni, hat sich auch noch der Lehrkörper der Schule Weiach ins Kampfgetümmel eingemischt.

Und zwar mit einem Elternbrief. Unter dem offiziellen Logo der Primarschule Weiach und versehen mit dem bereits von der Politischen Gemeinde auf einer Einladung für die Informationsveranstaltung vom 12. Juni verwendeten Parolen-Banner (vgl. WeiachTweet Nr. 2930) schreiben die Weiacher Primarlehrer:

«Liebe Eltern

Die Schule Weiach steht auch weiterhin vor grossen Veränderungen. Der [sic!] enorme Wachstum in den letzten Jahren hat die Schule Weiach schon weit über ihre Kapazitätsgrenzen katapultiert. Drei externe Kindergärten und eine Containerlandschaft, in denen drei weitere Schulklassen unterrichet [sic!] werden, sind bezeichnend für unsere Raumsituation.

Durch die fehlenden Schulzimmer, Gruppenräume, Therapiezimmer, Zimmer für die dringend benötigten Tagesstrukturen und eine teilbare Turnhalle ist ein differenzierter Unterricht nicht mehr möglich. Die Vorrausetzungen [sic!] für das Lehren und Lernen sind heute andere als noch vor 30 Jahren.

Es ist uns ein grosses Anliegen, dass Ihre Kinder in einer Lernumgebung arbeiten und lernen können, in der sie sich wohlfühlen und wir Ihren Kindern einen qualitativ hochwertigen Unterricht und eine zeitnahe Infrastruktur bieten können.

Mit dem Ersatzneubau der Schul- und Mehrzweckanlage Hofwies kann und muss genau dies ermöglicht werden. Sie bietet nicht nur während der Schulzeit, sondern auch für diverse Freizeitangebote eine ausgezeichnete Infrastruktur.

Deshalb appellieren wir nicht nur als Pädagogen, sondern auch als besorgte Mitglieder dieser tollen Gemeinde an Sie:

Gehen Sie abstimmen! Stimmen Sie mit JA! Denken Sie an die Zukunft Ihrer Kinder!

Das Team der Schule Weiach»

Dieses Schreiben wurde den Weiacher Schulkindern mitgegeben, mit dem Auftrag, es ihren Eltern auszuhändigen.

Wie man schon an den zahlreichen Schnitzern orthografischer und grammatikalischer Art sieht (vgl. die «[sic!]», welche anzeigen, dass der jeweilige Fehler so im Original steht), scheint das Papier mit ziemlich heisser Nadel gestrickt worden zu sein.

Auf Nachfrage von WeiachBlog erklärte Guido Moll, Vizepräsident der Schulpflege, dass seine Behörde von dieser Aktion im Vorfeld keine Kenntnis gehabt habe. Sonst hätten sie der Schulleitung explizit davon abgeraten.

Grenzwertige Aktion mit höchst fragwürdigen Argumenten

Jede andere Antwort seitens der Behörde wäre auch höchst bedenklich gewesen. Denn ein solches Verhalten der Schulleitung und des Lehrkörpers ist zumindest grenzwertig, wenn nicht gar justiziabel. Eine Beschwerde bei der Aufsichtsbehörde müssen sich die Weiacher jedenfalls überlegen.

Immerhin wird hier mit teils fragwürdigen Argumenten versucht, eine Zielgruppe zu beeinflussen, die besonders vulnerabel ist. Welche Eltern wollen schon nicht das Beste für ihre Kinder? Da verfangen platte Appelle wie «Denken Sie an die Zukunft Ihrer Kinder!» besonders gut.

Analysiert man den Inhalt, dann stossen gleich mehrere Argumente sauer auf:
  • Negativ konnotiert wird eine «Containerlandschaft». Was ist an Containern konkret unhaltbar? Dass man ihnen den provisorischen Charakter ansieht?
  • Nicht teilbare Turnhalle. Weshalb muss die zwingend unterteilbar sein? Es mag ja sein, dass der Stundenplanordner dann weniger Kapazitätsengpässe umschiffen muss. Aber sonst? Man kann ja auch zwei Klassen zusammenlegen und gemeinsame Turnprogramme entwickeln. Alles eine Frage der Flexibilität der Lehrkräfte. Dann ist auch Differenzierung möglich.
  • Infrastruktur, in der sich die Kinder wohlfühlen? Auch Neubauten sind keineswegs eine Garantie für Wohlbefinden. Fragen Sie mal die Kindergärtler, ob sie lieber den Kindergarten im Pfarrhaus (Baujahr: 1564) oder den «Farbtupf» (Baujahr: 2015) besuchen. Da gewinnt das Pfarrhaus um Längen!
Besonders hübsch ist die Forderung nach einer «zeitnahen» Infrastruktur. Wo es doch «zeitgemässen» heissen müsste. Aber da scheint wieder der Appell nach zeitnaher Umsetzung durch.

Und dann wäre da noch die Klage, die Voraussetzungen seien heute andere als vor 30 Jahren. Ja klar sind sie das, wir wissen auch um den Lehrplan 21, der uns von den erziehungsdirektorialen Obrigkeiten aufs Auge gedrückt worden ist. Aber wieso 30 Jahre? Die heutige Schulanlage ist Mitte der 1970er-Jahre gebaut worden. Also vor 45 Jahren.

Fazit: Lehrkräfte sollen sich auf ihre Kernaufgabe beschränken. Das Politisieren ist nicht ihr Metier.

Dienstag, 23. Juni 2020

Projekt Ersatzneubau Hofwies: Vom Beginn weg der Wurm drin?

«Ein gut vorbereitetes und fair durchgeführtes Verfahren gibt die Gewähr für eine optimale Lösung in konzeptioneller, gestalterischer, ökologischer, wirtschaftlicher und technischer Hinsicht.» (Uebersicht Wegleitungen SIA 142/143)

Auch mit dem Architektenstand nicht allzu Vertrauten sind die Normen des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) ein Begriff. In den Nummern 142 und 143 wird die gute Praxis für Wettbewerbe beschrieben.

Seit 2013 gibt es für den Raum Zürich den Verein Beobachter für Wettbewerbe und Ausschreibungen, kurz BWA genannt, der von folgenden Organisationen gegründet wurde:
  • SIA Sektion Zürich, SIA Sektion Winterthur [Schweizerischer Ingenieur- und Architektenverein]
  • BSA Ortsgruppe Zürich [Bund Schweizer Architekten]
  • BSLA Regionalgruppe Zürich [Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen]
  • USIC Regionalgruppe Zürich [Schweizerische Vereinigung Beratender Ingenieurunternehmungen]

BWA - der Wachhund für Wettbewerbe, Studienaufträge und Ausschreibungen

Dieser somit breitmöglichst abgestützte Verein setzt sich aktiv für die Förderung von konformen Wettbewerben, Studienaufträgen und Ausschreibungen ein und beurteilt diese Verfahren nach den sia Ordnungen 142, 143 und 144 sowie geltenden Gesetzen.

«Mit der Bewertung will der BWA seine Mitglieder auf Qualitäten und Mängel von laufenden Verfahren aufmerksam machen und damit eine Unterstützung beim Entscheid zur Teilnahme an einem Verfahren bieten.» (Journal BSLA)

Stellen die Unternehmen, die an der kritisierten Ausschreibung teilgenommen haben, also schon einmal eine gewisse Negativauslese dar? Das muss man zumindest im Hinterkopf behalten...

Weiacher Ausschreibung durch die Prüfung gefallen!

Die Ausschreibung der Politischen Gemeinde und der Primarschulgemeinde Weiach im Spätherbst 2018 (Simap-ID: 169963) mit dem SIA-Mitglied Landis Ingenieure + Planer AG als Beschaffungsstelle wurde von der BWA Zürich unter die Lupe genommen (Übersicht).

Und fiel mit Pauken und Trompeten durch (vgl. das nachstehend in Bild und Text wiedergegebene Kurzgutachten) von Anfang 2019.



Objekt: Ersatzneubau MZH und Erweiterung Schulanlage Hofwies
Ort: Weiach
Art des WB: Gesamtleistungssubmission
Verfahren: selektiv, nicht anonym
Veranstalter: Politische Gemeinde und Primarschulgemeinde Weiach
Publikation: 23.11.2018
Datum / Nr.: 18/16

Mängel des Verfahrens
  • Das Verfahren ist ein klarer Wettbewerb, wird jedoch bewusst und irreführend als Gesamtleistungssubmission bezeichnet und publiziert. Der verlangte architektonische Entwurf, der Leistungsumfang und die Zuschlagkriterien sind eindeutig Elemente eines nicht anonymen Gesamtleistungswettbewerbs. Dies zeigt unter anderem die 55%-tige Gewichtung des Kriteriums „Architektonisches Konzept“ gut auf.
  • Der Submissionsausschuss soll die Eingabe bewerten. Die Fachjury ist so momentan ersichtlich auf 2 Personen beschränkt. Im Beurteilungsgremium fehlen qualifizierte Fachpersonen (z.B. Fachpersonen für die Umg[eb]ungsgestaltung).
  • Abgesehen von der Absichtserklärung (Zuschlag), welche das weitere Vorgehen und den Umfang des Auftrags beschreibt, sind weder das Urheberrecht noch andere Ansprüche der Teilnehmer geregelt.
Beurteilung des BWA

Der Verfasser ergänzt das Verfahren einer Generalplanersubmission mit einer Projektidee und im weiteren Verlauf des Verfahrens sogar mit einem Vorprojekt mit Gesamtpreis (Kostendach, mit offener Abrechnung). Dies für 20'000 Fr. pro Team. Die fachliche Qualifikation der Jury lässt sich nur erahnen und die Stimmrechtsverteilung ist nicht benannt. Qualifizierte Fachpersonen der Aufgabe entsprechend, so z.B. für die Landschaftsarchitektur fehlen.

Grundlegend ist eine Mischung von lösungsorientierter und leistungsorientierter Beschaffungsform nicht richtig. Die hier verlangte Aufgabe ist eindeutig eine lösungsorientierte Beschaffungsform. Das Programm und Verfahren sollte deshalb auf den vorgesehenen sia Ordnungen 142 oder 143 aufbauen.

Die Bauherrschaft hat sich entschlossen, die Planung und Realisierung einem Gesamtleistungsanbieter (GLA) zu übertragen. Unabhängig von den oben genannten Punkten stellt sich der BWA die Frage, ob sich Bauherrschaft und Nutzer der Nachteile und Risiken einer GLA – Submission bewusst sind. Der öffentliche Bauherr fordert eine komplexe Projektorganisation, welche die Möglichkeit die Kosten im Verhältnis zu Nutzen und Qualität im Projektverlauf weiter zu optimieren deutlich erschwert. [Hervorhebung: WeiachBlog]

Indem der verdeckte Wettbewerb nicht auf den dafür vorgesehenen sia Ordnungen 142 oder 143 aufbaut, vermindert die Gemeinde und Schulgemeinde Weiach die Chance für qualitativ hochwertige Projektvorschläge unnötig, weil das Verfahren in dieser Art wenig Attraktivität für kompetente Gesamtleister, Architekten und Ingenieure aufweist. Aus Sicht des BWA wäre ein Wettbewerb oder Studienauftrag, anschliessend die Ausarbeitung des Projektes und die Vergabe an einen GU/TU der faire und richtige Weg.

Der BWA lehnt dieses Programm und die gewählte Verfahrensart klar ab und empfiehlt ernsthaft zu prüfen, das Verfahren neu auszuschreiben.

Fazit

Dieses Prüfergebnis stimmt einen schon ziemlich bedenklich. Und man fragt sich, wer da falsch beraten hat oder beraten wurde. Ob der ausgesprochenen Empfehlung nachgelebt wurde ist WeiachBlog nicht bekannt.

Höchst alarmierend sind jedenfalls die beiden Aussagen, dass (a) in der Jury qualifizierte Fachpersonen fehlen würden und (b) die komplexe Projektorganisation die Möglichkeit zur Optimierung des Kosten/Nutzen/Qualitäts-Mixes deutlich erschwere.

Das heisst im Klartext nämlich: die Weiacher bekommen für den zu zahlenden hohen Preis nicht, was sie eigentlich bekommen könnten!

Quelle

Offizielle Gegendarstellung vom 27. Juni 2020

Gregor Trachsel, alt Gemeindepräsident, Architekt und Bauherrenvertreter im Projekt Balance, sowie Guido Moll, Vizepräsident der Schulpflege und Liegenschaftsverantwortlicher, haben mündliche Rückmeldungen zu diesem Artikel gegeben.

[Die nachstehende Gegendarstellung wurde von WeiachBlog verfasst und ist durch die Genannten autorisiert worden]

Die von der BWA geäusserten Kritikpunkte erachten wir als gegenstandslos. Deshalb gab es auch keine Veranlassung, vom gewählten Vorgehen der Generalplaner-Submission abzuweichen.

Zu den im Fazit genannten Punkten:

(a) Was die Fachjury anbelangt, kann man sich selber auf deren Websites davon überzeugen, dass sie über die nötige Fachkompetenz verfügen:

Mitglieder der Fachjury:

  • Marc Ryf (Zürich, Architekt) [https://www.ryf-partner.ch/]
  • Elias Leimbacher (Winterthur, Architekt) [https://www.el-ar.ch/]
  • Brigitte Wegmüller (Zürich, Architektin) [https://www.architektur-wegmueller.ch/]

Insbesondere Elias Leimbacher hat Erfahrung im Schulhausbau.

(b) Die gewählte Form der Ausschreibung mit einer stark integrierten Organisationsstruktur unter Führung eines Generalplaners ermöglicht es, unter Abstimmung aller am Bau Beteiligten die jeweils optimale Lösung zu finden und sie unter dem vereinbarten Kostendach zu realisieren. Mit dem von der BWA favorisierten Vorgehen hätte man sich zuerst für ein Architektur-Konzept entschieden und erst viel später erfahren, was es kostet. Ein solcher Ablauf hätte Zeitverzögerungen zur Folge gehabt, die sich angesichts der drängenden Probleme (Platzbedarf, Raum in Kaiserstuhl nur noch für beschränkte Zeit verfügbar) fatal auswirken würden.

Sonntag, 21. Juni 2020

«The Bridge»: Kompetenzüberschreitung bei Landkauf im Bedmen?

«The Bridge» war der Plan des Weiacher Gemeinderates für eine Mehrzweckhalle am Übergang zwischen dem alten und dem neuen Dorfteil, unter der Hochspannungsleitung am Bedmenweg gelegen (vgl. WeiachTweet Nr. 742 und Ausschnitt aus der Amtlichen Vermessung unten).


Das Projekt «The Bridge» ist mittlerweile Makulatur. Auch weil sich die Exekutiven von Politischer Gemeinde und Primarschulgemeinde (endlich) zusammengerauft und eine Lösung für das Mehrzweckhallenproblem am Standort Hofwies gefunden haben. Gewonnen hat den Architekturwettbewerb eine Eingabe mit dem Namen «Balance».

Im Verlauf der Fragerunde der Informationsveranstaltung vom 12. Juni 2020 zum Bauprojekt «Balance» ist der Vorwurf in die Runde geworfen worden, der Gemeinderat habe damals seine Kompetenz überschritten und im Umfang von weit über CHF 500'000 Land für das Projekt «The Bridge» angekauft.

Ausgelöst wurde die Frage u.a. wohl durch die folgende Passage im FAQ zum Projekt «Balance» (Stand 4.6.2020), einer Antwort, in der es um Finanzierungsmöglichkeiten für «Balance» geht:

«Die Behörden haben sich klar gegen einen voreiligen Verkauf der rund 4'500 m2 Land im Bedmen entschieden. Ein realistischer m2-Preis liegt zwischen 450.- bis 550.- was Einnahmen von bis 2.5 Mio. ergeben würde. Ein Verkauf von Finanzvermögen in dieser Grössenordnung liegt in der Kompetenz der Gemeindeversammlung.»

Antworten des Präsidenten

Auch nach der mündlichen Antwort des Gemeindepräsidenten am 12. Juni hängt der Vorwurf der Kompetenzüberschreitung im Raum.WeiachBlog stellte Stefan Arnold deshalb am 17. Juni folgende Fragen:

1. Können Sie spezifizieren, welche Parzellen am Bedmenweg bereits vor dem Landkauf der Politischen Gemeinde Weiach gehört haben und welche erst für «The Bridge» zugekauft wurden?

2. Können Sie den Wortlaut der Gemeinderatsbeschlüsse für diese Landkäufe zur Verfügung stellen?

Am einfachsten wäre es wohl, wenn Sie mir auch PDFs der Grundbuchauszüge zustellen lassen können.

Am 19. Juni 2020 nahm Gemeindepräsident Arnold wie folgt Stellung [Weblinks von WeiachBlog gesetzt]:

«Gemäss Art. 19 (Pkt. 5 Verfügungen über Grundeigentum) der Gemeindeordnung ist der Gemeinderat zu Kauf / Verkauf von Grundeigentum des Finanzvermögens bis CHF 500'000.- (im Einzelfall) befugt [Hervorhebung im Original]. Bei den Verkäufern handelt es sich in allen vier Fällen um unterschiedliche (natürliche / juristische) Personen. Aus diesem Grund kann ich die Rechtmässigkeit dieser Geschäfte bestätigen. Zum besseren buchhalterischen Verständnis möchte ich noch darauf hinweisen, dass mit diesen Transaktionen das Umlaufvermögen abgenommen (-) und dafür das Anlagevermögen (Finanzvermögen) zugenommen (+) hat.

Folgende Transaktionen wurden getätigt:

Juni 2017
Kauf 1'019 m2, Kat.Nr. 1393, CHF 417'790.-  [CHF 410/m2]

November 2017
Kauf 924 m2, Kat.Nr. 1397, CHF 207'000.-  [CHF 224/m2]
Kauf 457 m2, Kat.Nr. 1396, CHF 193'940.-  [CHF 424/m2]
Kauf 515 m2, Kat.Nr. 1392, CHF 98'000.-  [CHF 190/m2]

Hinweis: je nach Lage/Parzelle wurde bereits in der Vergangenheit eine NOK-Entschädigung für die Nutzungseinschränkung bezahlt, was entsprechend in der Kaufpreiszahlung in Abzug gebracht wurde.

Wortlaut aus den GR-Beschlüssen:

Mit dem Beschluss vom 17. März 2017 hat der Gemeinderat das Planungsbüro Frei+Saarinen Architekten, beauftragt, eine Machbarkeitsstudie auszuarbeiten, als Entscheidungsgrundlage für die Planung eines Mehrzweckgebäudes auf dem Grundstück, Kat-Nr. 1395, im Bedmen. Im Laufe der Planung hat sich gezeigt, dass auf dem gemeindeeigenen Grundstück eine Mehrzweckhalle realisiert werden kann, allerdings nicht ohne Einschränkungen. Mit dem zusätzlichen Erwerb der Nachbargrundstücke könnte die Projektierung einer Mehrzweckhalle variantenreicher und flexibler erfolgen. Den Eigentümern der angrenzenden Grundstücke im Bedmen wurde deshalb der Kauf ihrer Grundstücke durch die politische Gemeinde angeboten.»

Die Parzellen 1394 und 1395 sind gemäss weiteren Angaben Arnolds bereits vor seinem Amtsantritt im Jahre 2014 ins Gemeindeeigentum übergegangen. Grundbuchauszüge wurden WeiachBlog keine zur Verfügung gestellt.

Massiver Landwertverlust unter der Hochspannungsleitung

Abgesehen davon, dass die im FAQ erwähnten rund 4500 Quadratmeter eigentlich eher 4100 sein müssten, da der Bedmenweg (Parzelle 1394) selber wohl in Gemeindeeigentum verbleiben würde, stellt sich doch die Frage:

Ist der angegebene mögliche Verkaufspreis von CHF 450 bis 550 pro m2 wirklich realistisch? Liegt er nicht eher bei CHF 200 pro m2?

Die NOK (oder eine ihrer Nachfolgeorganisationen Axpo bzw. Swissgrid) kommt auch bei einer hohen Einmalzahlung von CHF 200 / m2 noch gut weg, denn das Bauen unter einer solchen Leitung ist schon heute mit etlichen kostentreibenden Auflagen verbunden.

Ganz abgesehen davon, dass auch die Mietzinse nicht allzu hoch sein können. Es gibt ja wissenschaftlich abgesicherte Studien, die ein signifikant erhöhtes Gesundheitsrisiko festgestellt haben für Personen, die im Einflussbereich solcher Leitungen leben (müssen).

Künftig könnten je nach Entwicklung der Rechtsprechung und des wissenschaftlichen Diskurses also mit Verweis auf solche Schädigungen auch noch Mietzinsreduktionen gefordert werden.

Es besteht Grund zur Annahme, dass dieses Bauland auch heute schon nur noch für die Errichtung von Lagerhallen o.ä. genutzt werden kann, in denen sich höchstens sporadisch Menschen aufhalten dürfen (vgl. dazu die Vollzugshilfe des Bundesamtes für Umwelt zur Verordnung über den Schutz vor nichtionisierender Strahlung (NISV). Entwurf zur Erprobung vom Juni 2007 – S. 25-26).

Betrachtet man die Landkäufe aus dieser Warte, dann hat der Gemeinderat 2017 den privaten Landeigentümern vor allem ermöglicht, sich auf elegante Weise ihrer schlecht marktgängigen, jedoch teuer zu versteuernden Parzellen zu entledigen.

Nur der Vollständigkeit halber sei hier erwähnt, dass in nächster Nähe (auf der Parzelle 1398) überdies ein Transformatorenhäuschen steht und wenige Meter nördlich auch noch die Bahnstrom-Leitungen durchführen. Also ein verschärfendes Zusammentreffen von gleich drei Einwirkungen künstlicher elektromagnetischer Felder.

Kompetenzüberschreitung?

Art. 19 Ziff. 5 GO Weiach 2005 erlaubt dem Gemeinderat «Kauf und Verkauf von Grundeigentum des Finanzvermögens bis Fr. 500’000.- im Einzelfall».

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: rein nach dem Wortlaut des Art. 19 der Gemeindeordnung kann man dem Gemeinderat kein unrechtmässiges Verhalten vorwerfen, weil jedes einzelne Rechtsgeschäft unter der angegebenen Schwelle liegt.

Ob allerdings der Sinn und Geist dieser Bestimmung, die sich explizit auf den «Einzelfall» bezieht, auch auf ein ganzes Bündel von praktisch zeitgleichen Transaktionen im selben Perimeter anwendbar sein soll, das ist eine Frage, die sich die Stimmberechtigten im Hinblick auf künftige Fälle solcher Art genau überlegen sollten. Eine Gemeindeordnung lässt sich ja auch revidieren.

Fazit WeiachBlog:  Fragwürdige Investition? Ja. –  Kompetenzüberschreitung? Jein.