Sonntag, 7. März 2021

Albertine Gaido-Kessler des Kantons Zürich verwiesen

Ja, Sie haben richtig gelesen. Des Kantons, nicht des Landes verwiesen. Was heute in der eidgenössischen Gesetzgebung geregelt ist und einen Gerichtsentscheid in Strafsachen erfordert (vgl. die Weisungen des Staatssekretariats für Migration), das war noch in den 1930ern teilweise noch kantonal geregelt. Das Bundesgesetz über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer aus dem Jahre 1931 hielt in Art. 10 Abs. 1 fest:

«Der Ausländer kann aus der Schweiz oder aus einem Kanton nur ausgewiesen werden:
a. wenn er wegen eines Verbrechens oder Vergehens gerichtlich bestraft wurde oder wenn er durch schwere oder wiederholte Missachtung von Ordnungsvorschriften das Gastrecht missbraucht hat;
b. wenn er infolge Geisteskrankheit die öffentliche Ordnung gefährdet;
c. wenn er oder eine Person, für die er zu sorgen hat, der öffentlichen oder privaten Wohltätigkeit zur Last fällt oder mit Sicherheit demnächst dauernd zur Last fallen wird.»

In Absatz 3 wurden überdies die Ausweisung gemäss Bundesverfassung und durch strafgerichtliches Urteil explizit vorbehalten. 

Entsprechend konnte ein ausländischer Staatsangehöriger aus dem Kanton weggewiesen werden, allerdings nur in besonderen Fällen: «Die Ausweisung soll nur ausnahmsweise auf das Gebiet eines Kantons beschränkt werden.» (Art. 10 Abs. 2)

Wer einen Ausländer heiratet, verliert sein Schweizerbürgerrecht

Im Fall der gebürtigen Schwyzerin Albertine Gaido-Kessler aus den Jahren 1932 bis 1940 kommt noch ein weiteres Element hinzu. Die Bürgerrechtsgesetzgebung der Schweiz sah vor, dass eine Schweizerbürgerin, die einen Ausländer heiratet, automatisch ihr Bürgerrecht verliert, da sie ja nun dasjenige ihres Mannes erworben hatte. Das war schon seit Jahren so Usus, vgl. WeiachBlog Nr. 1607 über das Schicksal der Witwe Scheerli.

Und so kam es, dass die junge Albertine Kessler nach ihrer Heirat mit einem in Weiach ansässigen Italiener namens Gaido nun auch Ausländerin war. Sie wurde jetzt als Bürgerin von Issiglio angesehen, einer kleinen Gemeinde in den südlichen Voralpen des Piemont, etwa auf halbem Weg zwischen dem Matterhorn und Turin.

Alteingesessene Weiacherinnen und Weiacher kennen die Gaido als Schuhmacherfamilie, die in unserer Gemeinde zu einer Zeit tätig war, als Schuhe noch ein reparierbarer Wertgegenstand waren, der einem kundigen Handwerker ein Einkommen verschaffen konnte. Bis 1950 stellten sie oberhalb der Werkstatt von Albert Erb, d.h. an der Oberdorfstrasse 1, auch Schuhe her, und zwar von A-Z (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 101, Gesamtausgabe S. 394).

Noch jung, aber schon einiges auf dem Kerbholz

Mit einer Kantonsverweisung musste sich Ende der 30er-Jahre tatsächlich noch der Regierungsrat befassen. Die Regierungsratsbeschlüsse seit 1803 sind durch das Staatsarchiv des Kantons Zürich transkribiert worden und können von jedermann mit einem Internetanschluss im Volltext in der Archivdatenbank gefunden werden. Auch der Fall Albertine Gaido-Kessler. Mit voller Namensnennung und haarkleinen Details. Sollte die Betroffene noch leben, kann sie heute ihren 111. Geburtstag feiern.

Doch lesen Sie selbst, was in dieser sog. Präsidialverfügung steht:

«Gaido, Albertine, genannt Dina, geborene Keßler, Tochter des † Anton und der Rosa geb. Hofstetter, geboren am 7. März 1910 in Schübelbach, Kanton Schwyz, als ledig dort heimatberechtigt, verheiratet mit Domenico Gaido, getrennt lebend, keine Kinder, zuständig nach Issiglio, Italien, zuletzt wohnhaft gewesen in Weiach, zurzeit in Haft bei der Kantonspolizei Zürich, wurde im Mai und August 1932 von der Stadtpolizei Zürich aufgegriffen und wegen Geschlechtskrankheit in die dermatologische Klinik eingewiesen. Für die Spitalkosten mußte die zürcherische Staatskasse aufkommen. An diese Unterstützungsauslagen von Fr. 256.50 hat Frau Gaido bisher nichts zurückerstattet. Der Regierungsrat beschloß daher im Herbst 1932 aus armenpolizeilichen Gründen die Kantonsverweisung der Albertine Keßler. Wegen unerlaubter Rückkehr in den Kanton Zürich mußte sie einmal gerichtlich bestraft werden. Albertine Keßler verheiratete sich im Jahre 1935 in Siebnen mit Domenico Gaido, wodurch die frühere Ausweisung hinfällig wurde. Hierauf übersiedelte sie mit ihrem Mann zu dessen Eltern nach Weiach. Anfänglich ging Frau Gaido in die Fabrik [gemeint ist mutmasslich die Schäftenäherei Walder beim Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl, allenfalls die Spinnerei Letten bei Rheinsfelden]. Sie erschien aber öfters unentschuldigt nicht zur Arbeit oder blieb unter Vorwänden davon fern. Sie verfiel bald wieder in ihren liederlichen Lebenswandel und trieb sich in dubioser Gesellschaft und vagierend herum. Ihrem Ehemann ist sie inzwischen davongelaufen, sodaß dieser jetzt das Begehren um Trennung eingereicht hat. Mitte Oktober 1937 wurde Frau Gaido verhaftet, weil sie wegen Logisgeldbetruges und wegen Unterschlagung von Schlüsseln gesucht war. Ferner wurde gegen sie wegen betrüglichen Erhebens von Kleidern von einem Warenhaus Strafanzeige erstattet. Das erste Verfahren wurde eingestellt, im übrigen wurde Frau Gaido am 18. Januar 1938 vom Bezirksgericht Zürich wegen einfachen Betruges im Betrage von Fr. 151.60 zu 3 Wochen Gefängnis verurteilt. Es erscheint somit geboten, Frau Gaido gestützt auf Artikel 10, Absatz 1, lit. a, des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer vom 26. März 1931 dauernd aus dem Gebiete des Kantons Zürich auszuweisen.

Der Regierungsrat,
auf Antrag der Polizeidirektion und in Anwendung von Artikel 10, Absatz 1, lit. a, des Bundesgesetzes über Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer vom 26. März 1931, 
beschließt:

I. Gaido geb. Keßler, Albertine, genannt Dina, geboren am 7. März 1910 in Schübelbach, zuständig nach Issiglio. Italien, zurzeit in Haft bei der Kantonspolizei Zürich, wird dauernd aus dem Gebiete des Kantons ausgewiesen. Die Polizeidirektion wird mit dem Vollzug beauftragt.

II. Der weitere Aufenthalt im Kanton Zürich und das Wiederbetreten desselben ohne die Bewilligung der zürcherischen Polizeidirektion wird der Ausgewiesenen verboten unter Androhung der Überweisung an den Strafrichter zur Bestrafung gemäß Artikel 23 Absatz 1, des oberwähnten Bundesgesetzes vom 26. März 1931 (Gefängnis bis zu 6 Monaten und Buße bis Fr. 10000), sowie nachheriger polizeilicher Ausschaffung im Zuwiderhandlungsfalle.

III. Mitteilung an: a) Albertine Gaido-Keßler, in extenso durch die Polizeidirektion gegen Empfangschein, b) die Polizeidirektion. c) die Direktion des Armenwesens, d) das Polizeiamt Zürich, e) das Zentralkontrollbureau.
»

1932 war Albertine also – damals noch als Schweizerbürgerin  als Sozialfall aus dem Kanton Zürich ausgewiesen worden, hielt sich aber nicht daran. Solche Kantonsverweise waren durchaus nicht unüblich. Vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 110, Gesamtausgabe S. 447, wo aus dem Weiacher Gemeinderatsprotokoll zitiert wird:

«Arbeitsscheuer» Aargauer wird 1930 samt Familie abgeschoben

Im Bereich der Sozialfürsorge («Armenpflege» genannt) wehte damals ein scharfer Wind. Den bekam auch eine Weiacher Familie zunehmend zu spüren: «Lt. Bericht des Gemeinderates Safenwil [sei] Paul Zimmerli-Meier zur Säge Weiach wegen Vernachlässigung der Familienpflichten und arbeitsscheuem Lebenswandel zu warnen, damit später, sofern eine Besserung nicht eintreten sollte, Zimmerli in die Zwangsarbeitsanstalt versorgt werden könne. Ebenso soll demselben mitgeteilt werden, dass die Unterstützungen bis zur Wiederaufnahme von Arbeit sistiert werden.» (27. Juli 1929)

Der Kanton fackelte da nicht mehr lange: «Lt. Protokollauszug des Regierungsrates des Kt. Zürich von 10. IV. 1930 wird die Familie Zimmerli-Meier von Safenwil Kt. Aargau wohnhaft in Weiach aus armenrechtlichen Gründen aus dem Kanton Zürich ausgewiesen.» (26. April 1930)

Die Zürcher Verwaltung liess im Fall Albertine Gaido-Kessler den Regierungsrat eine unbefristete Ausweisung aus dem Kanton Zürich verhängen. Sozusagen ein Rayonverbot für den ganzen Kanton. Sollen sich andere Kantone mit dieser missratenen Person herumschlagen, zum Beispiel ihre alte Heimat Schwyz. Wie man anhand einer Akteneinheit im Staatsarchiv Luzern erahnen kann, hielt sich Albertine 1939 und 1940 in Luzern auf und muss auch dort negativ aufgefallen sein.

Dass seitens der Zürcher nicht gleich ein Landesverweis aus der Schweiz erfolgte, ist wohl auch dem Umstand zu verdanken gewesen, dass Albertine gebürtige Schweizerin war und womöglich nicht einmal der italienischen Sprache mächtig gewesen ist. Gewissermassen mildernde Umstände also.

Quellen
  • Kantonsverweisung. Regierungsratsbeschluss Nr. 177 vom 25. Januar 1938. Signatur: StAZH MM 3.56 RRB 1938/0177.
  • R 5874 Kessler Albertine, Luzern, von Italien, 1939-1940. Ausweisungen im Jahr 1940. Signatur: StALU A 1326/288 im Staatsarchiv des Kantons Luzern.
  • Weitere Materialien unter dem Aktenzeichen N02383, Signatur: BAR E4264#1985/196#1763* im Bundesarchiv Bern. Diese Akten des Bundesamts für Polizeiwesen aus den Jahren 1938-1940 wurden 1985 abgeliefert und unterliegen keinen Zugangsbeschränkungen mehr.

Montag, 1. März 2021

Tod durch eine Fräse. Das Fabrikgesetz von 1877 in der Praxis.

Die Zürcher waren knapp dagegen und es war nur den Innerschweizer Kantonen zu verdanken, dass die 17. Vorlage, die in der Geschichte des Bundesstaates zur Volksabstimmung vorgelegt wurde, doch noch das Plazet des Volkes gefunden hat.

Die umstrittene Vorlage: das Fabrikgesetz. Mit vollem Namen: «Bundesgesez betreffend die Arbeit in den Fabriken». Angenommen am 21. Oktober 1877 mit 51.5 % Ja (Quelle: BBl 1877 IV 651). Der Parlamentsbeschluss, das Fabrikgesetz anzunehmen, war gerade einmal sieben Monate her. Gegen diesen Beschluss wurde das Referendum ergriffen. Und die Abstimmung fand noch vor der Publikation des Referendumsergebnisses statt. So schnell ging das damals. Vgl. die Chronologie zum Fabrikgesetz und das Resultatarchiv der Bundeskanzlei über die Volksabstimmungen.

Den vollen Wortlaut findet man im Bundesblatt: BBl 1877 II 483. Die alten Ausgaben dieses amtlichen Publikationsorgans des Bundes wurden vom Bundesarchiv digitalisiert und sind unter 
www.amtsdruckschriften.bar.admin.ch abrufbar.

Die Definition einer Fabrik? Bereits ab zwei Mitarbeitern war auch ein kleiner Gewerbebetrieb eine Fabrik und fiel unter die Bestimmungen dieses Gesetzes, das als wesentlicher Meilenstein für den Schutz der Arbeitnehmer gilt (vgl. u.a. die Wikipedia).

Mechanische Werkstätte am Mülibach

Auch in Weiach gab es deshalb Fabriken. So die Werkstätte des Herrn Etzensberger, die in der Liegenschaft Stadlerstrasse 3 untergebracht war. Dieses Gebäude wurde 1878 über den damaligen Verlauf des Mülibach hinweg gebaut, sodass er unter dem Haus durchfloss und seine Wasserkraft den Maschinen geliehen hat.


Das neue Gesetz stipulierte nicht nur Haftpflichtregeln für die Fabrikherren, nein es verlangte auch die Untersuchung von Vorfällen mit Verletzungs- oder gar Todesfolgen:

«Art. 4  Der Fabrikbesizer ist verpflichtet, von jeder in seiner Fabrik vorgekommenen erheblichen Körperverlezung oder Tödtung sofort der kompetenten Lokalbehörde Anzeige zu machen. Diese hat über die Ursachen und Folgen des Unfalles eine amtliche Untersuchung einzuleiten und der Kantonsregierung davon Kenntniß zu geben.» (BBl 1877 II 485)

Stoss durch einen Rebstickel war tödlich

Das tat die Zürcher Regierung u.a. am 2. Juli 1881. Der Beschluss Nr. 1281 trägt den Titel «Hafner v. Birmensdorf; Verletzung in d. mech. Werkstätte Etzensberger in Weiach».

Der Regierungsratsbeschluss hat folgenden Wortlaut:

«Gemäß Art. 4 des eid. Fabrikgesetzes [vgl. oben] machte der Gemeindrath Weiach mit Zuschrift vom 7. April die Mittheilung, daß Jakob Christof Hafner, Mühlemacher, von Birmensdorf, am 2. April in der mechan. Werkstätte des Hrn. Jakob Etzensberger, in Weiach, beim Rebstickelfräsen durch den Stoß eines Stickels auf die Magengegend verunglückt & an den Folgen dieses Unfalles gestorben sei.
Die Direktion des Innern betraute hierauf Hrn. Ingenieur Hirzel-Gysi, in Winterthur, Mitglied der Fabriksektion, mit der Vornahme einer Untersuchung in Bezug auf allfällig zu treffende Schutzvorrichtungen im Etablissement des Hrn. Etzensberger & es erstattet nun Hr. Hirzel folgenden Bericht:

Der Verunglückte sei ein geübter Arbeiter gewesen, habe jedoch die Unvorsichtigkeit begangen, statt die Stange seitwärts von sich zu halten, dieselbe hintenhergehend mitten vor sich zu nehmen; die nämliche Fräse sei, wenn in der Werkstätte aufgestellt, mit Verdeck versehen, welches an der Decke aufgehängt sei; überhaupt sei für Sicherung der Arbeiter in dieser Werkstatt nichts versäumt worden. Er habe nun Hrn. Etzensberger gerathen, ein Verdeck am Fräsentisch anzubringen, welches dann auch beim Gebrauch außerhalb der Werkstatt an der Fräse bleibe und bei den Arbeiten wenig hinderlich sei; Hr. Etzensberger habe sich mit diesem Vorschlag vollkommen einverstanden erklärt & sei gewillt, diese Schutzvorrichtung von sich aus anzubringen.

Der Regierungsrath,
nach Einsicht eines Antrages der Direktion des Innern,
beschließt:

1. Von der getroffenen Anordnung des Hrn. Ingenieur Hirzel-Gysi wird Vormerk genommen.
2. Im Uebrigen ist für den Regierungsrath keine Veranlaßung weder zu administrativem Vorgehen in dieser Angelegenheit, noch, abgesehen von der Kostenfrage, zu einer Ueberweisung ans Gericht vorhanden.
3. Mittheilung an das Statthalteramt Dielsdorf für sich & zu Handen des Gemeindrathes Weiach und des Hrn. Etzensberger und an Fabrikinspektor Schuler, in Mollis.
»

Man stelle sich vor, wie ein solcher Vorfall heutzutage für den Betriebsinhaber ausgehen würde. Eine Strafuntersuchung wegen fahrlässiger Tötung mit Befragung durch Polizei und Staatsanwaltschaft wäre das mindeste, was ihm blühen würde. 

So aber musste Etzensberger lediglich die Hinterbliebenen entschädigen. Und die angeordneten Arbeitssicherheitsvorkehrungen umsetzen.

Der in Ziffer 3 des Beschlusses genannte Fabrikinspektor war übrigens seit 1878 ein eidgenössisch ernannter Amtsträger, einer von dreien. Fridolin Schuler (1832-1903), im Fabrikkanton Glarus praktizierender Allgemeinmediziner, war für die Ostschweiz zuständig. Er hat massgeblich an der Entstehung des Gesetzes mitgewirkt.

Quelle
  • Regierungsratsbeschluss vom 2. Juli 1881. Scan des Originals - Transkription. Signatur: StAZH MM 2.233 RRB 1881/1281. [Das Original hilft bei der Korrektur von Transkriptionsfehlern, wie u.a. im Fall des Herkunftsorts von Mühlemacher Hafner, fälschlich «Birmersdorf»]

Sonntag, 28. Februar 2021

Nahe Verwandte: Die Kirchen von Niederhasli und Weiach

Mit ihrem himmelwärts strebenden, achtseitigen Spitzhelm auf dem Dachreiter gilt die evangelisch-reformierte Pfarrkirche von Weiach als Wahrzeichen des Dorfes. Ganz so einzigartig wie dieses Bauwerk wirkt, ist es im Zürcher Unterland allerdings nicht.

Emil Aftergut vergleicht in seiner Dissertation aus dem Jahre 1922 die Weiacher Kirche von 1706 explizit mit der 1683 erbauten Kirche Unterdorf in Affoltern bei Höngg (seit 1934: Zürich-Affoltern).

Darauf hat der Redaktor des WeiachBlog bereits in seiner Schrift zum 300-jährigen Jubiläum des Weiacher Gotteshauses hingewiesen.


Links die Kirche Unterdorf, Zürich-Affoltern, rechts die Kirche Weiach
(Abb. 9 auf S. 18 der Monografie «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach»)

Nun gibt es aber noch ein weiteres Bauwerk, das unserer Kirche sehr ähnlich sieht. Und dieses liegt geographisch sogar noch näher als Affoltern. Es handelt sich um die Reformierte Kirche Niederhasli.

Im Gegensatz zur Weiacher Kirche, die auf einem neuen Bauplatz errichtet wurde, steht die Niederhasler Kirche an der Nöschikonerstrasse am Platz ihrer Vorgängerinnen. Die Baugeschichte reicht nachweislich bis mindestens ins Jahr 1188 zurück, als die damalige Kapelle von der Kirche in Bülach abgelöst wurde.


Die Kirche von Niederhasli im Jahre 1943 (aus: Hauswirth, S. 145)

Der heutige Zustand datiert auf das Jahr 1703 zurück, als gemäss dem Niederhasler Chronisten Hauswirth, die 1469 fertiggestellte alte Kirche den Anforderungen nicht mehr genügte: «Die Barockzeit brachte die damals übliche Erweiterung zur Saalkirche. Anlass zum grossen Umbau gab die Baufälligkeit des Turmes.» 

Die Baupläne wurden offensichtlich nicht nur einmal verwendet

Man habe zwar eigentlich zuerst nur einen neuen Dachreiter bauen wollen, erläutert Hauswirth weiter. Als die Baukommission (bestehend aus dem Obervogt und einem weiteren Ratsherrn aus Zürich) jedoch feststellen musste, dass der Chor der Kirche aus dem 15. Jahrhundert (ein Wiederaufbau nach der Zerstörung der mittelalterlichen Kirche im Alten Zürichkrieg am 7. Juni 1443) zu alterschwach geworden war, entschloss sie sich, den heutigen polygonalen Chorabschluss erstellen und den Dachreiter darauf anbringen zu lassen.

Der genannte Obervogt war der des Neuamts, derselben Verwaltungseinheit, der auch Weiach von 1442 bis 1798 angehört hat. Es verwundert daher nicht wirklich, dass die Ähnlichkeit des Bauplans zu dem von Weiach frappant ist. Die Masse des Langhauses sind zwar nicht gleich, aber ähnlich:
  • Niederhasli: 9 m breit, ca. 19 m langer Saal (gemessen ohne Chorpolygon);
  • Weiach: 10 m breit, ca. 21 m langer Saal (ohne Chorpolygon) [geändert am 28.2. um 10 Uhr nach Fietz 1943; ursprüngliche Angabe: 12 m, aus dem Katasterplan herausgemessen].
Die Niederhasler Kirche konnte kleiner gebaut werden, weil es in den anderen Ortsteilen der damals (und noch bis 1840) Nöschikon und Niederglatt umfassenden Gemeinde weitere Gotteshäuser gab.

Als es 1705 um den Neubau der Weiacher Kirche ging, musste der Neuamts-Obervogt also nicht wieder bei Null anfangen, sondern konnte auf frische Erfahrungen aus der erfolgreichen Erweiterung in Niederhasli zurückgreifen.

Bemerkenswert ist es daher, wenn Pfr. Heinrich Brennwald im Weiacher Turmkugeldokument Nr. 2 von 1706 vermerkt, dass gleich eine ganze Reihe von Handwerkern aus Niederhasli und Nöschikon stammten, so der Maurermeister und einer seiner sieben Mitarbeiter, dann zwei der vier Steinhauer, sowie – mit einer Ausnahme – alle Zimmerleute!

Auch die Innenausstattung weist Ähnlichkeiten auf. So ist beispielsweise die Weiacher Kanzel mitsamt Schalldeckel in ähnlichem Stil gestaltet wie die von Niederhasli aus dem Jahre 1703 (vgl. Hauswirth S. 148 und Brandenberger 2006, S. 35).

Die Weiacher Kirche ist daher so etwas wie die jüngere Schwester der Kirche Niederhasli.

Quellen und Literatur
  • Brennwald, H.: Turmkugeldokument Nr. 2 vom 9. August 1706. Signatur des Originals: OM Weiach KTD 2. Volltext-Edition in Brandenberger, U.: Zeitkapsel Turmknopf. Weiacher Turmkugeldokumente Bd. 1. Wiachiana-Verlag, Trub 2017 (in Überarbeitung).
  • Aftergut, E.: Reformierte Kirchen im Kanton Zürich von der Reformation bis zur Romantik, Diss. Univ. Zürich 1922.
  • Fietz, H.: Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich [Kdm]. Band II: Die Bezirke Bülach, Dielsdorf, Hinwil, Horgen und Meilen. (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 15). Basel 1943 – S. 143-144. [Online auf ekds.ch]
  • Hauswirth, F.: Niederhasli. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Hrsg. vom Gemeinderat Niederhasli. Niederhasli 1988 – S. 144-145 u. 148. [Kapitel über die Kirchen: pdf, 9.0 MB]
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. Weiach 2006 – S. 18. [Online-Ausgabe 2007]
  • Brandenberger, U.: Pfarrer Brennwald beim Bau der Kirche zu Tode geärgert. WeiachBlog Nr. 1553 v. 25. Juli 2020.

Sonntag, 21. Februar 2021

Mehr Hunde als Rindviecher

Bekanntlich gehört Weiach zur Agglomeration Zürich. In den letzten Jahren ist die Gemeinde bevölkerungsmässig explosionsartig gewachsen. Mit Zuwachsraten wie sie sonst nur der Bevölkerungsdynamik von Drittweltstaaten entsprechen. 

Die weltweit zu beobachtende Verstädterung hat auch unser Dorf mit voller Wucht erfasst. Ablesbar ist das auch an einem statistischen Indikator: der Tierverkehrsdatenbank der Identitas AG in Bern. Diese Firma erfasst im Auftrag des Bundes alle individuell nachzuverfolgenden Heim- und Nutztiere. 

Bundesrechtliche Tierdatensammlung

Ende 2020 ist die einjährige Frist zur Meldung aller Ziegen und Schafe in der Schweiz abgelaufen. Schon länger besteht eine Meldepflicht für Rindvieh, Hunde und Equiden (letztere seit 2016). Unter die Equiden fallen Pferde, Wildpferde, Esel, Halbesel und Zebras sowie alle Kreuzungen unter den genannten Arten.

Auf der frei zugänglichen Website tierstatistik.identitas.ch findet man eine Fülle von Informationen, u.a. dazu, welche Rassen gehalten werden, oder zur Grösse der Tierhaltungen. Sogar die beliebtesten Tiernamen. 

Der jeweilige Hauptstandort der Tierhaltung bestimmt sozusagen den zivilrechtlichen Wohnsitz eines Tieres. So kann man für die Weiacher Tierhalter folgende Daten per 31. Januar 2021 herauslesen:

201 Hunde, 6 Ziegen, 81 Equiden, 115 Rindvieh, 0 Schafe

(Vgl. https://tierstatistik.identitas.ch/de/map-dogs-commune.html; Ersetze «dogs» durch goats, equids, cattle, sheep für die jeweilige Kategorie)

Städte sind auf den Hund gekommen

Es gibt also in Weiach mehr Hunde als Rindviecher. Schweine dürfte es zwar mehr geben als Hunde, sie werden vom Bund aber (noch) nicht individuell über ihren gesamten Lebensweg zurückverfolgt. Vergleicht man nun die Weiacher Identitas-Zahlen mit denen von Fisibach (56 Hunde, 45 Equiden, 299 Rindviecher), dann wird schnell klar, dass der westliche Nachbar noch etwas bäuerlicher geprägt ist.

Die Einwohner des Städtchens Kaiserstuhl (41 Hunde, aber keine Nutztiere) liegen punkto Hundedichte etwas unter Weiach. Von den Nachbargemeinden haben nur die Bachser mehr Hunde pro 100 Einwohner als die Weiacher. Weiach rangiert denn auch unter den 500 Gemeinden mit der höchsten Hundedichte pro Person von 2211 Schweizer Gemeinden.

Mit Fisibach haben die Bachser allerdings den hohen Rindviehbestand gemein: Die Weiacher zählen 6.4 Rinder pro 100 Einwohner, die Bachser mehr als das 10-fache: 83.4. Zum Vergleich: Noch 1971 hielten Weiacher Bauern insgesamt 490 Stück Rindvieh. Damals zählte Weiach rund 690 Einwohner. Also 71 Stück pro 100 Einwohner.

Was die Frage aufwirft: Seit wann ist Weiach kein Bauerndorf mehr? Schon seit den 1970ern?

Samstag, 20. Februar 2021

Heirat trotz Verbot. Wer waren die Wagemutigen?

Heinrich Näf (geboren um 1695) und Verena Matzinger (getauft 5. September 1697). Das sind mit höchster Wahrscheinlichkeit die beiden Personen, welche 1720 die Weiacher Gemeindeoberen zu einem amtlichen Eheverbot veranlasst haben (vgl. WeiachBlog Nr. 166 v. 19. April 2006). Und danach zur Ausbürgerung des Ehemannes, als sie dennoch die Frechheit hatten, im Schaffhausischen zu heiraten. Herausgefunden hat dies der Genealoge Willi Müller aus Wilchingen SH.

Die Eheschliessung fand erst am 20. Februar 1721 in der Kirche Buchberg-Rüdlingen statt (also genau heute vor 300 Jahren). Da war die Ursache für den Verheiratungswunsch bereits seit Wochen auf der Welt. Jakob wurde im Dezember 1720 geboren und war am 30. Dezember ebenfalls in dieser Kirche hoch über dem Rhein und dem Dorf Rüdlingen getauft worden. 

Es spricht für den werdenden Vater, dass er zu der von ihm Geschwängerten stand und schon während der Schwangerschaft die Ehe beantragt hat, trotz der Gegenwehr aus Weiach. Mit den erwähnten Folgen: Eheverbot und 1721 nach Bekanntwerden der Verehelichung Genehmigung des Entzugs des Weiacher Bürgerrechts und lebenslänglichem Landesverweis durch Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich.

Damit hat Weiach versucht, sich allfälliger Unterhaltsforderungen für das unehelich gezeugte Kind zu entledigen. Ob dies gelungen ist? Das Personenblatt führt als Bürgerort des Jakob Näf denselben wie für seinen Vater auf: Weiach. Haben die Schaffhauser die Ausbürgerung von Heinrich Näf ganz einfach nicht akzeptiert und als ungültig betrachtet? 

Wahrscheinlicher ist, dass - dem noch Ende 1720 geltenden Zustand folgend - Heinrich Näf im Februar 1721 zu Recht noch als Weiacher Bürger mit Zürcher Landrecht betrachtet wurde.

Hat Näf nach seiner Ausbürgerung das Schaffhauser Landrecht erworben? Hat er das Bürgerrecht von Rüdlingen erhalten (von dort stammte Verena Matzinger)? Oder ist er mit seiner jungen Familie ausgewandert? Letzteres scheint nicht ganz abwegig, denn aus der Familientafel der Herkunftsfamilie der Ehefrau Näfs geht deutlich hervor, dass nur von Verena und ihrem Bruder Hans Konrad (geb. 1706) kein Sterbedatum bekannt ist!

Wie so häufig bei Geschichtsmosaikstückchen mit Weiach-Bezug gilt: Es besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

Quellen und Literatur
  • Brandenberger, U.: Verbotene Heirat – Bürgerrecht weg! WeiachBlog Nr. 166 v. 19. April 2006 mit Verweis auf ders.: Heiraten verboten! Armenwesen und Finanzen vor 150 Jahren. Handout zum Vortrag anlässlich der GV 2005 der Anlegervereine Midas und Heureka. Zürich, 14. März 2005.
  • Müller, W.: Familien Geschichten Müller Meyer Rahm Schlatter. www.zurfernsicht.ch/tng
  • Brandenberger, U.: Persönliches Telefongespräch vom 31. Dezember 2020 mit Willi Müller
[Veröffentlicht am 21. Februar 2021 um 22:58; Korrektur zweitletzter Abschnitt, fehlendes Sterbedatum am 24.2.2021]

Freitag, 19. Februar 2021

Vor der Zweiten Schlacht um die Balance

Am 28. Juni letzten Jahres erlitt das von Gemeinderat und Schulpflege Weiach gemeinsam auf den Weg gebrachte Grossbauprojekt «Balance» (Investitionsvolumen: 19.7 Mio Franken) an der Urne Schiffbruch (vgl. WeiachBlog Nr. 1535).

Nun steht Weiach vor dem zweiten Schlagabtausch in diesem Themenkomplex. Dabei geht es um die Frage, ob das 2015 abgeschlossene Schulabkommen zwischen den Gemeinden Fisibach, Kaiserstuhl und Weiach auf den Ablauf der damals vereinbarten Rahmenfrist gekündigt werden soll oder nicht. Diese Kündigung wird in einer am 15. September 2020 durch alt Gemeindepräsident Werner Ebnöther und Mitunterzeichner eingereichten Einzelinitiative verlangt. Über diese Vorlage soll nun am 16. März abgestimmt werden.

Schulpflege will keine Urnenabstimmung

Gemäss Seite 11 des (unpaginierten) Beleuchtenden Berichts der Primarschulpflege lautet das Begehren wie folgt:

«Die Primarschulpflege Weiach wird beauftragt, die mit den Aargauer-Gemeinden Fisibach und Kaiserstuhl abgeschlossenen RSA-Anschlussverträge bezüglich Schulung der Kindergärtner und Primarschüler in Weiach nach der 10-jährigen Laufzeit oder auf den nächstmöglichen Kündigungstermin aufzulösen. Diese Anschlussverträge wurden am 10.06.2015 an der Versammlung der Primarschulgemeinde Weiach genehmigt und laufen bis Juli 2026. Die Primarschulpflege Weiach wird beauftragt, die Auflösung dieser Verträge den Weiacher Stimmberechtigten in Form einer Urnenabstimmung vorzulegen. Die Auflösung dieser Verträge muss bis spätestens Juni 2023 rechtskräftig bekannt gegeben wenden [sic!] (Kündigungsfrist ist 3 Jahre).»

Entgegen der Forderung der Initianten hat die Primarschulpflege entschieden, anlässlich einer ausserordentlichen Schulgemeindeversammlung über die Initiative befinden zu lassen. Es wird also erneut (wie 2015) nur eine exklusive kleine Minderheit der Weiacher Stimmberechtigten ihren Willen zum Ausdruck bringen (können).

Ausserkantonale Versammlung im Ebianum

Darüber hinaus wurde anlässlich der Informationsveranstaltung vom 9. Februar bekanntgegeben, dass die Versammlung nicht (wie üblich) in Weiach selber, sondern ausserkantonal im grossen Eventsaal des Ebianums (Baggermuseum der Firma Eberhard) in Fisibach durchgeführt werden soll. Dort stehe mehr Platz zur Verfügung. Gemäss Aussagen eines Vertreters der Schulpflege gegenüber WeiachBlog werden unter Corona-Schutzkonzept-Bedingungen 274 Plätze bereitstehen (also lediglich knapp über ein Drittel der vom Ebianum angegebenen 750 Personen Maximalkapazität).

Auch wenn diese Anordnungen den Vorschriften der Weiacher Schulgemeindeordnung und den Usanzen des Kantons Zürich nicht widersprechen und damit als legal zu beurteilen sind, stellt sich doch die Frage ob sie auch legitim seien. Und da gibt es schon einige Zweifel, wirkt sich doch die Verlegung des Versammlungsorts in Verbindung mit den seit Monaten von Bund und Kanton über alle Kanäle verbreiteten Aufforderungen an Risikogruppen (d.h. v.a. Personen über 70) möglichst keine Fremden zu treffen und zuhause zu bleiben, faktisch wie ein gruppenspezifisch installiertes Hindernis gegen die Ausübung der bürgerlichen Rechte aus.

Der Kerngehalt des Streits

Der Titel dieses Beitrags ist auch eine Anspielung auf den eigentlichen Kern, um den es bei dieser Auseinandersetzung geht, nämlich um die Frage, ob die gewählte Organisationsform des RSA-Vertrags für die vorliegende Konstellation zu einem für alle drei Partnergemeinden als ausgewogen zu beurteilenden Ergebnis führt. 

Letztlich geht es darum, ob das Weiterführen oder eben gerade die Kündigung des Vertrags dazu führen wird, dass die Gemeinde Weiach aus dem (finanziellen) Gleichgewicht gerät.

Konkret: Müssen die Weiacher Steuerzahler jedes Jahr draufzahlen, wie es die Initianten um Werner Ebnöther behaupten (vgl. WeiachBlog Nr. 1524)? Oder ist es im Gegenteil so, dass jedes Jahr ein finanzieller Gewinn herausschaut, der sich über die Jahrzehnte zu einer Millionensumme auftürme, wie es die Primarschulpflege in ihrem Beleuchtenden Bericht (auf S. 6 unten) darstellt?

Alles hängt davon ab, welche Zahlen man verwendet, ob sie für diesen Zweck geeignet sind und ob daraus die richtigen Schlüsse gezogen werden. Klar ist nur: mindestens eine der beiden Seiten liegt falsch. Die grosse Herausforderung für den Stimmberechtigten, der in diesem erbittert geführten Streit den Schiedsrichterpart übernehmen muss, ist es nun, den tatsächlichen Verhältnissen auf die Spur zu kommen.

Bekanntlich ist die Wahrheit immer das erste Opfer in jedem Krieg, denn Kriege beginnen immer auf der Propagandaebene. Ziel muss es also sein, Fakten von verführerischen Interpretationsangeboten zu unterscheiden und zu eruieren, was wirklich im besten Interesse der Gemeinde liegt.

Auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» wird von einem der IG «Eusi Schuel» nahestehenden Aktivisten behauptet, es sei «endgültig geklärt wie Positiv es Finanziell für unsere Gemeinde ausfällt wenn wir die Zusammenarbeit mit den Aargauer gemeinden weiterführen».

Von den Initianten wird diese Sicht auf die Dinge wohl heftig bestritten. Nachdem die Genannten sich mit ihren Zahlen nach wie vor bedeckt halten, gilt es aktuell, sich die bereits publizierten Zahlen der Primarschulpflege genauer anzusehen. 

Die Grundlagen müssen auf den Tisch

Aus dem Beleuchtenden Bericht (S. 6 unten) wird in keiner Art und Weise klar, mit welchen Szenarien, Annahmen und auf Basis welcher Datengrundlagen die präsentierten Zahlen im Detail erarbeitet und zum prospektiven Endergebnis von 8.2 Millionen (über einen Zeitraum von 30 Jahren) verrechnet wurden.

Noch weniger Fleisch am Knochen hat die Aussage der RPK Weiach, die auf S. 4 ohne vertiefte sachliche Erörterung zum Schluss kommt, die Initiative sei abzulehnen, zumal sonst als unmittelbare Folge der umgesetzten Kündigung eine Steuerfusserhöhung von 5-10 Prozent drohe. Interessant ist dabei der Umstand, dass die Primarschulpflege sich (auf S. 6) dahingehend äussert, die RPK habe «unabhängig eine eigene Berechnung» angestellt. Es fragt sich: inwiefern unabhängig? Mit eigenen Szenarien, eigenen Datengrundlagen?

Weiter wurde WeiachBlog zugetragen, dass Gemeindepräsident Stefan Arnold anlässlich einer der beiden Informationsveranstaltungen vom 9. Februar die Aussage gemacht habe, auch die Politische Gemeinde habe eigene Betrachtungen zum Thema angestellt und sei ebenfalls zum gleichen Schluss gekommen. Auch hier die Frage: Welche Überlegungen sind das im Detail? Wurden eigene Szenarien zugrundegelegt?

Die Präsidien der Schulpflege, der RPK und der Politischen Gemeinde werden hiermit aufgefordert, bis spätestens Ende Februar ihre jeweiligen Grundlagen in elektronischer Form so zugänglich zu machen, dass die Stimmberechtigten sich ein eigenes Bild zur Frage machen können, welche unterschiedlichen Überlegungen hinter den gleichlautenden Empfehlungen stehen (und zwar auch ohne, dass sie in Scharen in die jeweiligen Sekretariate pilgern und dort Akten wälzen gehen). 

Gerade in diesem Bereich ist der Lösungsweg das entscheidende Kriterium. Denn umstritten ist ja ebendiese Gültigkeit des Endresultats.

WeiachBlog freut sich auf eine ergebnisoffene Diskussion mit Befürwortern und Gegnern der Initiative.

Dienstag, 9. Februar 2021

Weiacher Radrennfahrerin Seraina Trachsel wird 40

Walter Baumgartner (*1953), seine Söhne Tobias und Benjamin. Und: Sereina Trachsel (*1981). Das sind die Weiacher Namen, die in den Ranglisten des Radrennsportes höchste Ränge erreicht haben. 

Sereina Trachsel, die heute 40 Jahre alt wurde, ist die mit Abstand erfolgreichste, wenn es um die Anzahl Titel geht (Quelle: Wikipedia): 

2004
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen
2005
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Mannschaftszeitfahren
2007
  • MaillotSuiza.svg Schweizermeisterin – Strassenrennen

Der erste dieser Titel kam ziemlich überraschend, schlug die bis dahin im Radsport nicht bekannte, bereits 23-jährige Sereina doch im luzernischen Pfaffnau sämtliche Favoritinnen. 

Von da an musste die Konkurrenz mit der zähen Bergspezialistin rechnen. Und Sereina erwies sich keineswegs als Eintagsfliege, sondern verteidigte im Folgejahr den Titel und holte ihn 2007 noch ein drittes Mal. Damit gehört die Weiacherin mit Barbara Heeb, Nicole Brändli und Jennifer Hohl zu den wenigen die diesen Titel dreimal geholt haben. Nur Edith Schönenberger (6x in Folge) und Luzia ZBerg (4x) waren seit der Erstaustragung 1982 häufiger Schweizermeisterin im Strassenrennen.

2008 wurde Sereina aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen nicht für die Teilnahme an den Olympischen Spielen selektioniert.

Mit dem vorübergehenden Aus für das Schweizer Frauenradteam Bigla per Ende 2009 hat sie ihre kurze, aber überaus erfolgreiche Radkarriere an den Nagel gehängt.

Heute lebt sie mit ihrer Familie in Luzern.

Sereina auf WeiachBlog

[Veröffentlicht am 10. Februar 2021 um 00:45 MEZ]

Mittwoch, 3. Februar 2021

Nicht den ganzen Eichenwald abgeholzt!

In der jüngsten Ausgabe des hiesigen Mitteilungsblatts ist ein vom Projektteam Musical Weiach geführtes Interview mit Raimund Wiederkehr abgedruckt. Das Musical mit dem Titel «Die Tigerin von Weiach» soll (wenn es die Corona-Vorschriften des Direktoriums der Helvetischen Republik zu Bern dannzumal zulassen) im September 2021 anlässlich der 750-Jahr-Feier als Freilichtspiel zur Aufführung gelangen. 

Wiederkehr, der Komponist der dazugehörenden Musik, sagt da an einer Stelle, das Stück spiele «in einer der dramatischsten Zeiten der Schweiz und Weiachs, als hier französische Soldaten stationiert waren, die nicht nur den ganzen stattlichen Eichenwald abholzten (historisch verbürgt), sondern auch sonst die Dorfgemeinschaft gehörig aufmischten.» (Mitteilungsblatt Gemeinde Weiach, Februar 2021 – S. 30)

Ganz so schlimm war's nicht

Dass sie letzteres getan haben, da kann der Redaktor des WeiachBlog nicht widersprechen. Das dürfte schon so gewesen sein. Keineswegs «historisch verbürgt» ist allerdings, dass die Franzosen gleich den ganzen Eichwald abgeholzt hätten. So schlimm haben sie dort dann doch nicht gehaust. 

Und im Übrigen ist auch nicht gesichert, dass sie für diese Schäden allein verantwortlich waren. Es ist nämlich mit schriftlichen Quellen belegt, dass bei Weiach zur fraglichen Zeit im Jahre 1799 auch helvetische Truppen campiert haben (vgl. u.a. die Aufzeichnungen von Hans Jakob Kern sowie Amtl. Sammlg. Akten Helv. Rep.)

Die unmittelbarste gedruckte Quelle für den im Wald angerichteten Schaden ist das Neue republikanische Blatt vom 24. Nivose VIII (nach dem Revolutionskalender; also dem 14. Januar 1800), wo es wörtlich heisst «der schöne Weyacher Wald» sei «verheert» worden. So ein Bericht, in dem es primär um Schäden in der Gemeinde Glattfelden ging (vgl. WeiachBlog Nr. 1485 für den Volltext) und wo nicht näher spezifiziert wurde, um welchen Wald auf Weiacher Boden es gegangen ist. Gemeint war aber wohl der weitherum bekannte Eichenbestand im Hardwald.

Ein Viertel geschlagen?

Aus einer Distanz von nicht ganz einem halben Jahrhundert zur Helvetik hat uns der Zürcher Beamte Friedrich Vogel in seinem Standardwerk Die alten Chroniken im Artikel über Weiach folgenden Wortlaut hinterlassen:

«In dem Kriegsjahr 1799 litt Weyach vorzüglich großen Schaden durch theilweise Verheerung und Abnutzung des herrlichen Eichwaldes, wo französische Truppen lange Zeit kampirten. Ein Viertheil desselben soll geschlagen worden sein.» (Vogel 1845/57 – S. 818; Vgl. WeiachBlog Nr. 383 v. 10. Februar 2007)

Woher diese Angabe von einem Viertel stammt, ist leider nicht bekannt.

Spätere Zeiten forderten auch ihren Tribut

Im Abschnitt über den Waldbau der Ortsbeschreibung Weiach von 1850/51 hat sich der frühere Zunftgerichtspräsident Baumgartner (die Zunft Stadel war eine Untereinheit des Bezirks) zu diesen Franzosenschäden wie folgt geäussert:

«Die Hardwaldung, vor allen andern Waldbezirken der Augapfel der Gemeinde, [...] misst 296 Juchart und hat noch gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts ungeachtet der für Hochbestand nicht sehr günstigen Bodenbeschaffenheit eine der schönsten Eichwaldungen  des Cantons gegolten. [...] Zu Anfang dieses Jahrhunderts schlugen die Franzosen im obern Theil dieser Waldung ein Lager auf, wobei ein bedeutendes Revier umgehauen und theilweise verbrannt wurde, dasselbe hat daher den Namen Franzosenhau behalten. Die Zahl der übrig gebliebenen Hochstämme belief sich noch im Jahre 1820 auf ca. 4'000. Es ist aber diese Zahl seit jener Zeit durch Absterben und Wegnahme zu Bauten und sonstigem Bedarf, ferner zur Äufnung des Armengutes auf ca. 2'500 zurückgekommen.»

Der Flurname Franzosenhau (den es auf Weiacher Gebiet gleich zweimal gibt), bezeichnet in diesem Fall den Abschnitt, der heute südlich der Bahnlinie an der Grenze zum Zweidler Gebiet liegt. Er reichte zur Zeit der Helvetik und auch zur Zeit der Ortsbeschreibung noch bis an den früheren Verlauf der Hauptstrasse Nr. 7 heran (vgl. WeiachBlog Nr. 568 v. 21. November 2007).

Bei der Schätzung mit Jahrzahl 1820 dürfte sich Baumgartner auf den Wirtschaftsplan der Gemeindewaldung Weiach von 1821 bezogen haben (vgl. StAZH Z 31.1298).

Fazit: ein grosser Teil der Eichenstämme im Hardwald ist nicht nur den Franzosen, sondern ebenso der Sozialhilfe zum Opfer gefallen. Dieser Verlust wäre den Fremden also höchstens mittelbar anzulasten.

Quellen und Literatur

  • Neues republikanisches Blatt. Herausgegeben von Escher und Usteri. Band I. N. XI. Bern, 14. Januar 1800. (24. Nivose VIII) – S. 44.
  • Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich von den ältesten Zeiten bis 1820 neu bearbeitet von Friedrich Vogel, Sekretär des Baudepartements. Zürich 1845 (Nachdruck 1857) – S. 818. 
  • Baumgartner, alt Zunftgerichtspräsident: Waldbau. In: Ortsbeschreibung Weiach Anno 1850/51, Handschrift aus den Turmkugeldokumenten; Signatur: OM Weiach KTD 7.
  • Hildebrandt, Walter: Bülach in den Kriegswirren der Jahre 1798-1800. Handschriftliche Aufzeichnungen von Hans Jakob Kern (1774-1840). In: Neujahrsblatt für Bülach und das Zürcher Unterland 1939 – S. 5-15.
  • Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik (1798-1803). 16 Bände. Bern 1886 bis Freiburg 1966. Bd. 4, pp. 192f, 1493f; Nr. 50 zum 17. April 1799.
  • Projektteam Musical Weiach (ed.): «Die Tigerin von Weiach» – das Musical zum Fest. Interview mit Raimund Wiederkehr. In: Mitteilungsblatt Gemeinde Weiach, Februar 2021 – S. 30-31.

Montag, 18. Januar 2021

Die kleindeutsche Lösung klopfte vor 150 Jahren an die Tür

Waren Sie schon einmal an der Schaffhauser Grenze? Da findet man bis heute hunderte von grossen Grenzsteinen, die allesamt die Jahrzahl 1839 tragen. Dazu die Buchstaben «GB» auf der deutschen und «CS» auf der Schweizer Seite. Der Canton Schaffhausen und das Grossherzogtum Baden markierten damals ihre neu vereinbarten Staatsgrenzen. Beide waren weitgehend unabhängig, gehörten aber je einem Staatenbund an, die beide im Gefolge des Wiener Kongresses 1815 entstanden waren.

1848 trat Schaffhausen dem Schweizer Bundesstaat bei. Das war auch das Jahr, in dem der Deutsche Bund seine Bedeutung faktisch völlig eingebüsst hat (vgl. Wikipedia). Grund: die angestrebte Bundesreform war gescheitert. In den nächsten Jahren zeichnete sich immer mehr ab, dass Preussen, Österreich und die vielen kleineren und mittleren Staaten (wie das Grossherzogtum Baden und das Königreich Bayern) unterschiedliche Interessen verfolgten, was 1866 sogar zum innerdeutschen Krieg führte (vgl. übernächster Abschnitt). 

Vermiedener eidgenössisch-preussischer Krieg

Dazwischen rasselten die Preussen beim Neuenburgerhandel 1856/57 vernehmlich mit dem Säbel, verzichteten dann aber (auch auf Vermittlung durch Napoléon III.) auf eine Intervention. 

Bis dahin war die République et Canton de Neuchâtel nämlich staatsrechtlich noch ein preussisches Fürstentum gewesen. 1848 hatten radikale Demokraten zwar die Republik ausgerufen. Die Royalisten warteten aber nur auf eine günstige Gelegenheit, die sie 1856 gekommen sahen. Der Putsch wurde mit eidgenössischer Hilfe rasch niedergeschlagen, führte aber dazu, dass die Preussen ihre Truppen mobilisierten und gegen die Schweiz ziehen wollten. 

In der Schweiz führte das zu einem unglaublichen Nationalgefühl. Der eidgenössische Generalstab unter General Dufour rechnete damit, dass die Badenser (die nicht gerade preussenfreundlich waren), sich zumindest nicht schweizfeindlich verhalten würden und plante einen Schlagabtausch auf badischem Territorium um die eigene Bevölkerung und Infrastruktur zu schonen! 

Wie es ausgegangen wäre? Dieser Praxistest blieb uns glücklicherweise erspart, denn wie sich kurz darauf zeigte, war mit den Preussen nicht zu spassen: schon 1864 führten sie Krieg gegen Dänemark.

Der Deutsche Bund zerlegt sich

Nach der verlorenen Schlacht bei Königgrätz 1866 (auf die ein Weiacher Gemeinderat bei einem Streit mit dem Regierungsstatthalter Bezug nahm, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 55, S. 147-148) mussten die Habsburger in eine kleindeutsche Lösung einwilligen. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst. Preussen erfuhr einen gewaltigen Machtzuwachs und war die treibende Kraft bei der Gründung des Norddeutschen Bundes von 1867. Im gleichen Jahr sah sich der österreichische Kaiser gezwungen, die k.u.k. Doppelmonarchie Österreich-Ungarn entstehen zu lassen, bei der beide Reichsteile gleichberechtigt waren.

Ein Kaiserreich geht unter, ein anderes entsteht

Und bereits am 19. Juli 1870 ging es mit den kriegerischen Ereignissen weiter, diesmal gegen Frankreich unter Kaiser Napoléon III (der übrigens Artillerieoffizier der Schweizer Armee und mit dem grossherzoglich-badischen Herrscherhaus verwandt war). 

An diesem Feldzug beteiligten sich auf deutscher Seite auch die Staaten im Süden, die nicht zum Norddeutschen Bund gehörten, d.h. auch das Grossherzogtum Baden. Bereits am 2. September ging das Kaiserreich unter (weil Napoléon III. bei Sedan in Gefangenschaft kam). Frankreich kämpfte als Republik weiter. 

Auf deutscher Seite einigten sich die beteiligten Fürsten auf einen gesamtdeutschen Bund, der am 1. Januar 1871 zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führte. Und heute vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871, (also lange vor Kriegsende am 10. Mai 1871) wurde der preussische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Weiach hatte nun eine Grenze zum Deutschen Reich. Nicht mehr zum Grossherzogtum Baden.

Die Weiacher spürten diese Ereignisse vor allem wirtschaftlich. Mental auch durch die Mobilisierungen der Armee und das prägende Ereignis des Übertritts der Bourbaki-Armee bei Les Verrières, einem schnell zusammengewürfelten Haufen, der froh war, nicht (mehr) kämpfen zu müssen.

Freitag, 15. Januar 2021

Die Weiacher Quarantäne-Baracke von 1720/21

Vor 300 Jahren fand sich die Zürcher Obrigkeit in einer ähnlichen Situation wie die heutige. Eine Seuche war südwestlich des eigenen Gebiets ausgebrochen, die marsilianische Pest (vgl. WeiachBlog Nr. 3 mit Verweisen auf Weiacher Geschichte(n) Nr. 9 und 10). Rund um die Staaten der Eidgenossenschaft griffen die Regenten zu drastischen Handels- und Einreisebeschränkungen. In Zürich musste man befürchten, mit einem «bando» belegt zu werden, wenn man nicht mitzog.

Also erliess die Regierung 1720 in kurzer Abfolge mehrere Mandate (vgl. WeiachBlog Nr. 1510, 1599 und 1606). Und man liess auch konkrete Taten an den Grenzen des eigenen Herrschaftsgebiets folgen. So kam der Grenzort Weiach zu einem sogenannten «Erlufftungshaus». 

Der Weyacher Pfarrer Rudolf Wolf erhielt vom Sanitätsrat (der obrigkeitlichen Gesundheitsbehörde) den Auftrag, zwei ehrliche ortsansässige Männer für den Dienst im Quarantäne-Haus vorzuschlagen. Berücksichtigt wurden schliesslich «Hanns Meyer zugenant Ludj Hanns» und Rudolf Herzog, ein Bäcker, «denen vonhier auff zugegeben worden, ein Ballenbinder, der Melchior Ammann von Hirschlanden».

Beim Bau gab es etliche Probleme. Noch Anfang Dezember beschwerte sich der Verantwortliche, Wände seien undicht und es dringe Wasser ein. Ob und wie dieser Mangel behoben wurde, ist dem Verfasser dieser Zeilen nicht bekannt. Jedenfalls konnte der reguläre Quarantäne-Betrieb bald aufgenommen werden. 

Man hörte, dass der Pest-Ausbruch in Marseille irgendetwas mit dem Textil-Handel zu tun habe. Entsprechend wurden einzuführende Güter insbesondere dieser Warengruppe in Quarantäne gesetzt.

Am 13. Dezember 1720 trafen die ersten 100 Säcke Baumwolle zur «Erlufftung» ein. Sie mussten der Länge nach aufgeschnitten und während drei Wochen gelüftet werden. Darauf sollten die Säcke gekehrt und auf der anderen Seite geöffnet werden. Auch die folgende Lagerungsperiode musste drei Wochen dauern. Sechs Wochen entsprechen rund 40 Tagen, man hat also die Quarantäne (quarante) wörtlich genommen.

Vorsichtshalber erliess man gleich für weitere Warengruppen Vorschriften. Für Seife und Öl durfte die Quarantäne halbiert werden. Die galten offenbar als weniger gefährlich.

Bei der Umsetzung dieser gutgemeinten Vorschriften in die Praxis tauchten nun aber unerwartete Hindernisse auf. Am meisten zu reden gaben die Kosten. 

Pfarrer Wolf schrieb bereits am 15. Januar 1721 (also genau heute vor 300 Jahren) nach Zürich: «Ist wol gut, dass die erste Quarantaine solle vollendet seyn, darmit ein andere komme, und also die entsetzlichen Cösten, die hier und dorten darübergehen, endlichen ein End haben werden.»

Literatur 

  • Ruesch, H.: Das «Erlufftungshaus» in Weiach (1720/21). Eine Studie zur Geschichte der obrigkeitlichen Pestprophylaxe im alten Zürich. In: Zürcher Taschenbuch auf das Jahr 1980, Zürich 1979 –  S. 123-136.
  • Brandenberger, U.: Mit Mörsern gegen die Pest. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 9. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), August 2000 – S. 9.
  • Brandenberger, U.: Europäisches Handelshemmnis und lokale Einnahmequelle. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) Nr. 10. Erschienen in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), September 2000 – S. 13-14.
  • Brandenberger, U.: Die Politik in den Zeiten der Vogelgrippe. WeiachBlog Nr. 3 v.  2. November 2005.
  • Brandenberger, U.: COVID-19 und Marsilianische Pest. Ein kleiner Rechtsvergleich. WeiachBlog Nr. 1510 v. 18. Mai 2020.
  • Brandenberger, U.: Vom Leben mit dem zweiten Pest-Mandat, d.d. 9. September 1720. WeiachBlog Nr. 1599 v. 9. Oktober 2020.
  • Brandenberger, U.: Vor 300 Jahren: Zürich sperrt Handels- und Reiseverkehr mit Genf. WeiachBlog Nr. 1606 v. 31. Oktober 2020.