Sonntag, 4. Juni 2023

Ein Parkplatz am Arbeitsplatz für 25 Franken pro Monat?

Insgesamt 53 Parkplätze soll das als Zusatzantrag zur Abstimmung stehende Parkhaus unter der Spielwiese zwischen dem heutigen Mehrzweckgebäude und der Liegenschaft Stadlerstrasse 6 (ehem. Sennerei und spätere Spenglerei Wolf) umfassen (Beleuchtender Bericht, S. 30).

Finanzierungskosten: Realistischer Zinssatz? Hmmm...

Der Gemeinderat schreibt dazu: «Die Finanzierung soll vollständig mit Fremdkapital erfolgen. Die Zinsfolgekosten bei einer Finanzierung mit 3.2 Mio. Franken Fremdkapital betragen bei einem angenommenen Zinssatz von 2 Prozent für den mittleren Kapitalbedarf 32'000 Franken jährlich» (Beleuchtender Bericht, S. 32). 

Soweit so klar. Ob der angenommene Zinssatz sich am Markt realisieren lässt, darf bezweifelt werden. Man sieht ja jetzt schon, wie der Referenzzinssatz für Mietobjekte in die Höhe schnellt. Und dass die Zentralbanken ihr Quantitative Easing wieder im alten Stil aufnehmen werden, wie in den Jahren ab 2008, das ist doch eher unwahrscheinlich.

Wischen reicht? Eine Augenwischerei?

Vollends abenteuerlich wird die Geschichte bei den Betriebskosten:

«Das «Kreisschreiben der Direktion der Justiz und des Innern über den Gemeindehaushalt» (§ 37, Stand 1. Oktober 2013) gibt als Richtwert für betriebliche Folgekosten einen Aufwand von 2 Prozent der Bruttoanlagekosten an. Da der Bau jedoch nicht beheizt wird und lediglich gewischt werden muss, kann mit reduzierten betrieblichen und personellen Folgekosten von 0.5 Prozent gerechnet werden. Das heisst, es ist mit 16'000 Franken pro Jahr zu rechnen» (Beleuchtender Bericht, S. 32).

Der Richtwert wird also, das Kreisschreiben in den Wind schlagend, einfach mal so auf einen Viertel reduziert? Was ist, wenn dann doch beheizt werden muss, z.B. um Feuchtigkeitsschäden zu vermeiden? Was, wenn sich der Unterhaltsaufwand nicht mit Wischen allein erledigen lässt? Etwas gar optimistisch, diese Rechnung. 

Anwendung des Verursacherprinzips? Fehlanzeige?

«Betriebliche und personelle Folgekosten sollen mit den Erträgen der Tiefgarage gedeckt werden. Ein entsprechendes Konzept «Parkplatzregime» besteht» (Beleuchtender Bericht, S. 33).

Nur die Betriebskosten? Ernsthaft, jetzt? Wir befinden uns mitten im Dorfzentrum, haben regelmässigen öV-Anschluss direkt vor der Haustüre und trotzdem wird die exzessive Nutzung von privaten Fahrzeugen durch Gemeindeangestellte massiv subventioniert? Wohlverstanden aus Steuermitteln einer Gemeinde, die behauptet, mit ebendiesem Infrastrukturprojekt eine verbesserte Umweltbilanz hinbekommen zu wollen? Einer Gemeinde, deren Exekutive nun alles mit Photovoltaik vollpflastern lassen will, nachdem bisher in der Bewilligungspraxis gemauert wurde, was das Zeug hielt?

Was müsste ein Parkplatz wirklich kosten?

Ein Parkplatz soll also nur 25 Franken pro Monat einbringen müssen, um diesen bewusst kleingerechneten Aufwand von 16'000 Franken pro Jahr hereinzuholen?

Nur so zum Vergleich: Laut dem sich aktuell aus der Gemeinde verabschiedenden ehemaligen Gemeinderatskandidaten Michael Frauchiger kostet ein Tiefgaragenplatz in Neu-Weiach in einer der Crowdhouse-Immobilien immerhin CHF 130 pro Monat (Auskunft Twitter-DM Frauchiger 8.2.2023). So viel müssten es also mindestens sein.

Nehmen wir den Richtwert aus dem oben zitierten Kreisschreiben und die vom Gemeinderat angegebenen Kapitalfolgekosten, dann sollten 96'000 Franken pro Jahr hereinkommen (vorausgesetzt, die Wette mit den 2 % Zinskosten geht auf, siehe oben).

Nach Strübis Rächnigsbüechli (vgl. WeiachBlog Nr. 1850) müsste ein Tiefgaragenplatz eigentlich minimal 150 Franken kosten, um verursachergerecht abgerechnet zu werden. Also das Sechsfache dessen, wovon der Gemeinderat ausgeht!

Unzumutbar bei diesen Lehrerlöhnen?

Die Frage ist jetzt: Wird die Gemeinde wenigstens diese 150 Franken pro Monat von Lehrkräften und anderen Gemeindeangestellten einfordern? Oder aus Gründen der Arbeitsplatzattraktivität darauf verzichten und nur einen wesentlich kleineren Obolus verlangen - eventuell gar überhaupt nichts?

Allein schon die in diesen Zeilen hier durchexerzierte Milchbüchlein-Rechnung lässt einen ernsthaft am Finanzverstand des Weiacher Gemeindevorstandes zweifeln. Fazit: Wer derart nonchalant mit Steuermitteln herumfuhrwerkt, hat sich an der Urne kein Ja verdient! Weg damit!

Samstag, 3. Juni 2023

Vor einem halben Jahrhundert begann das Weiacher Buszeitalter

«Am 3. Juni 1973 [...] wurde die auf den 1. Dezember 1969 eingeführte neue Kursstrecke Bülach–Hochfelden–Neerach–Stadel, die 1970 nach Windlach verlängert worden war, nun bis zur Station Weiach-Kaiserstuhl weitergeführt.»   (Brandenberger, U.: Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, 6. Aufl. – S. 73).

So beschreibt es das Neue Bülacher Tagblatt (s. Quellen und Literatur ganz unten). Der Ausbau der heute als fast alleinige Anbindung der Gemeinde ans öV-Netz fungierenden Busverbindung bis an den Weiacher Bahnhof war keineswegs selbstverständlich. Wie es dennoch dazu gekommen ist, beschreibt die Ankündigung des Fahrplanwechsels in der Zeitung «Die Tat» (1935 von Migros-Gründer Duttweiler iniitiert; 1978 eingestellt) vom 31. Mai 1973:

PTT-Linien 691 d und 697

«Mit dem neuen SBB-Fahrplan treten am 3. Juni auch einige namhafte Verbesserungen im Busnetz der PTT und VBZ in Kraft. Die Zunahme des Personenverkehrs von und nach dem Zürcher Unterland hat die Gemeinden schon vor Jahren veranlasst, die Planung des öffentlichen Buslinien-Netzes an die Hand zu nehmen. Die Verkehrsvereinigung Zürcher Unterland erstellte aufgrund von Gutachten, die ihrerseits auf Umfragen und Erhebungen basieren, eine Dringlichkeitsordnung für den Ausbau und die Neuschaffung zusätzlicher Buslinien. Diese Bestrebungen führten nun zu den folgenden erfreulichen Verbesserungen im Busnetz, die alle vom kommenden Sonntag, den 3. Juni, an in Kraft treten: 

  • Verlängerung der PTT-Linie 691 d (Bülach—Hochfelden—Neerach—Stadel—Windlach bis zur SBB-Station Weiach-Kaiserstuhl). 
  • Verlängerung der Buslinie Bülach—Höri über Niederglatt—Niederhasli nach Dielsdorf (neue PTT-Linie 691 e). 
  • Verlängerung der Buslinie Niederglatt—Neerach—Windlach bis zur SBB-Station Weiach-Kaiserstuhl (bisher konzessionierte Buslinie, neu PTT-Linie 697 mit Anschluss in Niederglatt an die neue Postautolinie Bülach—Dielsdorf). 
  • Neue Buslinie Dielsdorf—Regensdorf (Nr. 56 der Verkehrsbetriebe Zürich). 
  • Dielsdorf—Regensberg : Die bisherige PTT-Linie wird Teil der neuen VBZ-Verbindung Nr. 56 (Dielsdorf—Regensdorf). [Also: Regensdorf—Regensberg]

Diese Fahrplan-Verbesserungen werden noch ergänzt durch eine weitere positive Neuerung: VBZ und PTT haben gemeinsam ein kombiniertes Monatsabonnement geschaffen, das sowohl auf einer der Postautostrecken bis Dielsdorf als auch auf dem angrenzenden Furttal-Netz der VBZ gültig ist. Einzelheiten sind den nächstens erscheinenden neuen Fahrplänen zu entnehmen. Die besonderen Regionalfahrpläne der PTT, in welchen auch die neuen Verbindungen der VBZ enthalten sind, können bei den Poststellen an den Postautobuslinien sowie bei den Wagenführern kostenlos bezogen werden. Die Fahrpläne geben auch Aufschluss über weitere Fahrplan-Verbesserungen auf den bestehenden Linien im Postautonetz des Zürcher Unterlandes. [...]»

So gross dieser Schritt für Weiach auch gewesen ist, der Kommentar in derselben Nummer der «Tat» befindet, es sei für den öV im Unterland noch lange nicht genug getan damit. Der Text zeigt, dass die Frage, ob man zuerst das Angebot erhöhen muss und damit die gewünschte Nachfrage erzeugt, oder es umgekehrt zu sein hat, schon damals eine heftige diskutierte war:

Besser, aber nicht befriedigend 

( -f . ) Da also haben die PTT nun gemeldet, dass das Unterländer Busnetz erweitert worden sei! Ein Busnetz, mit dem bisher eigentlich bis auf wenige Ausnahmen weder die PTT selber noch die Verkehrsvereinigung Zürcher Unterland, noch der Benutzer richtig glücklich gewesen sind. Kann man es in Zukunft sein? Sicher ist, dass bei der neuen Fahrplangestaltung vor allem und ganz bewusst auf die Mittelschule Zürcher Unterland in Bülach Rücksicht genommen wurde. Ans allen Teilen des Unterlandes, von Weiach ebenso wie von Dielsdorf und Niederglatt, können jetzt die Schüler die öffentlichen Buslinien benutzen. Und dort, wo der erste Bus nicht auf den Schulanfang ankommt (morgens sieben Uhr), wird ein Schülerkurs geführt. Und selbst die Klotemer Schüler — das betrifft vor allem die «Lehramts-Kandidaten»  — haben gute Verbindung in den Bezirkshauptort, obwohl ihr Bus immer noch «Sammelbus» quer durchs Land ist. Denn eines gibt es auch im neuen Fahrplan nicht: den Schnellbus Bülach—Kloten—Bülach. Eine einzige Linie wird direkt geführt, und zwar schon morgens um 6.18 Uhr ab Bülach — und das auch nur, weil hier der Personenverkehr aus Richtung Schaffhausen nach Kloten übernommen wird. Aber damit ist es bereits fertig. Es gibt keinen analogen Abendkurs! Und solange die Unterländer offenbar immer noch ihr Auto — vielleicht auch ihr Moped oder das Velo — bevorzugen, wird es keine direkte Verbindung zum Flughafen geben. Ebenso wenig wie man bei den Abendkursen auf Bülacher Veranstaltungen Rücksicht nehmen konnte. Noch immer sind, so wurde uns von der PTT gesagt, die Unterländer Busbetriebe defizitär. Noch immer, trotz wesentlich dichterem Fahrplan, wird die Möglichkeit, das öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, zu wenig benützt. Und das Defizit, so die PTT, würde noch grösser, baute man am Abend die Buslinien so aus, dass man die Besucher der Veranstaltungen in Bülach sowohl hin als auch zurücktransportieren könnte. Schon jetzt seien bei den wenigen Spätlinien nach 22 Uhr die Mitfahrer zu zählen.

Und da ist man zum Schluss wieder bei der Frage, die man sich immer stellt: Wird die Fahrplangestaltung erst dann befriedigend, wenn der Unterländer beweist, dass er bereit ist, seine Autos zuhause zu lassen? Wie allerdings soll er es beweisen, wenn er keine Alternativlösung hat? Den Embrachern scheint die Beweisführung irgendwie gelungen zu sein: Von Teufen bis Seebach kann man nach dem neuen Fahrplan schnell und zu vernünftigen Zeiten gelangen. Das gleiche gilt für die Dielsdorfer, die sicher noch so gern nach Regensdorf nicht nur zum Arbeiten, sondern im neuen Einkaufszentrum zum «Shopping» fahren werden. Alles in allem kann man ganz sicher sagen: Den Mittelschülern, den Bewohnern von Furt- und Embrachertal wird ganz sicher ein weitaus besserer Busdienst angeboten als bisher. Das Zürcher Unterland um Bülach herum leidet nach wie vor darunter, dass es sowohl dem Buslinien-Netz wie auch den SBB angeschlossen ist. Und hier wird es wohl erst dann ganz wesentlich besser, wenn ... siehe oben, der Autofahrer sein Auto zuhause lässt und am Bus Schlange steht.»

Quellen und Literatur

  • Bemerkenswerte Verbesserungen der Buslinien ins Unterland. Am 3. Juni ändern die Fahrpläne der SBB , PTT und VBZ. In: Die Tat, 31. Mai 1973 – S. 4. Mit Kommentar auf derselben Seite.
  • 50 Jahre Postauto-Betrieb Bülach–Kloten und Bülach–Höri. In: Neues Bülacher Tagblatt, 4. Oktober 2000.

Freitag, 2. Juni 2023

Zu riskant unterwegs? Flyer mit drastischer Bildsprache

Ein Flyer, der heute in die Weiacher Briefkästen gelegt wurde, ist der Aufreger des Tages. Jedenfalls unter den Befürwortern des grossen Gemeindeinfrastrukturprojekts.

«NEIN DANKE! FINANZIELL UNTRAGBAR!» Würden diese Worte so wie hier in Grossbuchstaben gesetzt in einem Social-Media-Kanal veröffentlicht, so würden sie wohl als lautes Schreien verstanden.

In grossen roten Lettern steht diese Kernbotschaft auf dem zweiten Flyer im selben Design und damit mutmasslich aus derselben Ecke der Gegnerschaft der Abstimmungsvorlage «Zukunft 8187».

Die Bildsprache, die von der «Interessengemeinschaft für eine nachhaltige Gemeinde Weiach» diesmal gewählt wurde, ist noch um einiges drastischer als das letzte Symbolbild mit dem zerschlagenen Sparsäuli (vgl. WeiachBlog Nr. 1926):


Das Bild: ein ikonisches. Es zeigt das Kreuzfahrtschiff Costa Concordia (hier zur MS Weiach umbenannt) nach ihrer Havarie an der Küste der italienischen Insel Giglio. Das für 3780 Passagiere (und über 1000 Besatzungsmitglieder) zugelassene Kreuzfahrtschiff ist im Januar 2012 bei einem riskanten Manöver (einer sogenannten «Verneigung») zu nahe an der Insel vorbeigefahren und hat sich an einem unter Wasser aufragenden Felsen vor dem Inselchen Scola Piccola den Rumpf aufgerissen.

Empörte Reaktionen

«Einfach geschmacklos dieses Foto für die kampagne zu verwenden. Schämt euch», schreibt die Autorin, die das obige Bild des Flyers auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» gepostet hat. 

In den Kommentaren darunter ist der Tenor ähnlich: «Absolut völlig daneben so zu politisieren. Pfui!!». Einige diskutieren die Frage, ob die Nutzung des Bildes auch rechtmässig sei. Und einer ergänzt dazu: «Wenn man bedenkt, dass beim Unglück der Costa Concordia 32 Menschen gestorben sind und einige davon noch im Wrack auf dem Bild sind... muss den Urheber vom Flyer wohl eher in der tieferen Bildungschicht der Weiacher gesucht werden.»  Letzteres ist keine Einzelmeinung: «Zeigt das Niveau der Gegner.», schreibt ein anderer und schiebt nach: «Und vor allem untragbar sind die Behauptungen die auf diesem „ Ding“ stehen!!»

Untragbare Behauptungen?

Mit dem «Ding» meint er wohl den Flyer selber. Mit der Empörung sind auch die Ausrufezeichen auf dem Flyer auf die Kommentatoren übergesprungen. Diese Satzzeichenhäufung springt - korrespondierend zu den Grossbuchstaben - sofort ins Auge, wenn man die Begründungen liest, die gemäss dem/den Urheber/n für ein (oder zwei) Nein am 18. Juni sprechen:

«⟹ Warum: 

- Sämtliche Baukosten übernimmt die Gemeinde Weiach!
  Keine Beteiligung von Fisibach und Kaiserstuhl!

- Verschleierung der Betriebskosten!
  Fisibach und Kaiserstuhl decken diese nicht.

 Abbruch grosser Teile der Schulanlage (sogar des neuen Kindergartens Farbtupf)!

 Die RPK lehnt das Projekt klar ab!   [Vgl. WeiachBlog Nr. 1925]

 Die grossen Kieserträge gehen zu Ende! Ab 2027 steigt auch ohne Bauprojekt der Steuerfuss massiv an!

 Schulanlage ist finanzverträglich ausbaubar!»

Und der Flyer schliesst mit der rhetorischen Frage «Wollen wir dieses überrissene Infrastrukturprojekt?». Die Antwort ist klar: «NEIN DANKE!»

In den nächsten Tagen wird WeiachBlog diesen Begründungen der Projektgegner nachgehen und prüfen, ob etwas und wenn ja, was daran untragbar ist.

Scola Piccola-Klippe. Nur geschmacklos oder doch prophetische Metapher?

Über die Tragödie der realen Costa Concordia sind bereits viele Worte verloren worden. Was der Zufall (oder die Hand Gottes) in solchen Situationen ausmacht, zeigt sich schon an der Frage, ob 32 Todesopfer viele seien. Berücksichtigt man den Umstand, dass an der Endlage des Schiffes der Abhang auf lediglich einer Schiffslänge von 5 auf 100 Meter Wassertiefe abfällt, eher nicht. Hätte der Wind das Schiff nicht an die Klippe gedrückt, sondern von ihr weg, dann wäre es unweigerlich untergegangen. Und das hätte zu deutlich höheren Opferzahlen geführt (vgl. Anm-30 im Wikipedia-Artikel).

Was nun die «MS Weiach» betrifft, geht es für uns um die Frage, ob am 18. Juni tatsächlich eine finanzielle Havarie bevorsteht, ob das Infrastrukturprojekt mit Schulräumen dem Felsen an der Scola Piccola vergleichbar sei, samt Totalschaden für das Gemeinwesen, wie der Flyer unterstellt. 

Es geht darum, ob der Kapitän im Vorfeld des an die Wand gemalten Schreckensszenarios die richtigen Entscheidungen trifft bzw. getroffen hat, damit ebendieses nicht eintritt. Ob die Kommunikation auf der Brücke funktioniert (hat) und wie krisenresistent sie ist. Vor allem aber darum, ob die Reederei (in diesem Fall der Souverän, d.h. die Stimmberechtigten) die richtigen Informationen in ihre Entscheidungen einfliessen lässt. Und sie damit ihr Schiff auf den richtigen Weg und nicht auf Kollisionskurs in den Untergang schickt. 

Die Grosskatastrophe der Costa Concordia ist dabei gleich in mehrfacher Hinsicht eine interessante Denkvorlage. Denn Kapitän Schettino ist zwar als Hauptverantwortlicher abgeurteilt worden. Aber längst nicht der einzige, der dazu beigetragen hat, dass diese Havarie überhaupt möglich wurde. Dazu gehört immer auch Organisationsversagen.

[Veröffentlicht am 3. Juni 2023 um 02:10 MESZ]

Mittwoch, 31. Mai 2023

Die Legende vom Ende des Schulstandorts Weiach

Letzte Woche hat Frank Lehmann, Kampagnenführer der Zukunft 8187-Befürworter, wieder einmal die Legende vom Ende unseres Schulstandorts zum Besten gegeben:

«Ich muss schon nochmals erwähnen das wir ohne zusätzlichen Schüler 2013 die Schule hätte schliessen müssen» (Facebook-Gruppe Du bisch vo Weiach, wenn..., 27. Mai 2023, 12:08)

Diese Erzählung gehört seit spätestens 2015 sozusagen zum festen Bestand des «gesicherten Wissens» bei all denjenigen, die Weiach als zentralen Schulstandort sehen und dieser Idee in Beton, Holz und Glas materielle Gestalt verleihen wollen.

So wie sie erzählt wird, stimmt sie aber nicht. Wie bei jeder Legende gibt es einen faktenbasierten Kern. Aber darum herum viel Hinzugedichtetes.

Fakt 1: Kleine Schulen müssen nicht schliessen

Wenn man sich die Daten der kantonalen Bildungsstatistik ansieht, dann zeigt sich deutlich: Ein kleiner Schülerbestand heisst noch lange nicht, dass der Standort gefährdet ist. 

Neben ein paar Zwergschulgemeinden im Weinland (bspw. Truttikon mit 26 Primarschülern) weist auch der Bezirk Dielsdorf zwei Gemeinden mit kleinen Primarschulen auf: Bachs (59) und Regensberg (61 Schüler). Das sind die jüngsten verfügbaren Zahlen (Schuljahr 2021/22). Und auch bei diesen beiden Gemeinden wird der Betrieb seitens der Bildungsdirektion weiterhin zugelassen.

Der Grund: Es wäre ein zu massiver Eingriff in die Gemeindeautonomie, eine Schulgemeinde zur Auflösung ihres Standortes zu zwingen.

Warum kommt es dann zu dieser Legende, ohne die Schüler aus dem Aargau hätte Weiach seine Schule schliessen müssen? Wie diese Angsterzählung zustande gekommen sein dürfte, zeigt die Entwicklung der Schülerzahlen für Weiach.

Fakt 2: Sinkende Zahlen ja, aber Trendumkehr schon 2012/13

Die dunkelblauen Balken basieren auf den Zahlen aus der Bildungsstatistik, die hellblauen auf dem Gemeindeporträt des Statistischen Amts des Kantons.

Wenn man nun die Zahlen ab 2011/12 ausblendet (z.B. mit der Hand abdeckt), dann wird schnell klar, wie es damals zu einer Torschlusspanik gekommen ist. Linear weitergeschrieben wäre die Primarschule Weiach nach dem Schuljahr 2014/15 ausgestorben.

Dieses schlagende Argument, sowie die kolportierte (aber nicht durch reale Kompetenzen des Kantons unterfütterte) Geschichte, die Schule werde durch den Kanton geschlossen, haben dann die Verhandlungen mit Kaiserstuhl und Fisibach angestossen.

Fakt 3: Verzögerte Grossüberbauungen wurden erst ab 2015 realisiert

Bekanntlich haben sich die Quartierpläne See/Winkel, Bedmen und Büel während Jahren verzögert. Einer der Gründe: Immissionsgrenzwerte (Zürcher Fluglärm-Index ZFI). Noch im Jahre 2007 war man der Meinung, die Oskar Meier AG aus Bülach werde das, was heute als fleischfarbene Überbauung Rheinblick am Dammweg zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie steht, innert zweier Jahre bauen. Wie man auf der Gebäudealter-Karte von maps.zh.ch sehen kann, hat es dann fünfmal so lang gedauert.

Hätte die Bautätigkeit in Neu-Weiach früher eingesetzt, dann wäre auch die Trendwende bei den aus der Gemeinde stammenden Schülern früher eingetreten. Der Schulstandort Weiach wäre also früher aus der «Gefahrenzone» herausgewachsen. Dann wäre es wohl auch nie zu dieser «Aussterbepanik» gekommen.

Der Befürchtung, dass die Schule aussterbe, hätte man damals mit Gelassenheit begegnen können. Es war ja klar, dass mit den Grossüberbauungen vom Bedmen bis zum Alten Bahnhof auf über 10 Hektaren die Schülerzahlen wieder ansteigen werden. Ganz ohne Zuzug aus dem Aargau.

Fakt 4: Aargauer Kinder wirken als Überkompensation. Schülerzahlen explodieren

Weil aber die Verhandlungen mit den Aargauern auf fruchtbaren Boden gefallen waren, wollte die Schulpflege trotz deutlich erkennbarer Trendwende nicht mehr davon abrücken. Den Effekt sieht man in der Schülerstatistik am Sprung auf das Schuljahr 2016/17.

Grösser kann in diesem Fall tatsächlich besser sein, weil sich die Zahlen glätten. Dieser Umstand lässt sich statistisch beweisen. Die Volatilität bei den Schülerzahlen ist wesentlich kleiner, je grösser eine Schulgemeinde ist. Bei einer Kleinschule wie in Truttikon fällt hingegen eine zu- oder wegziehende Familie mit vielen Kindern massiv ins Gewicht.

Letztlich war der eigentliche Beweggrund für den Vertrag mit den Aargauern also ein ökonomischer. Man hat die Vorteile grösserer Schülerzahlen nutzen wollen. Die Angst einflössende Erzählung vom Ende der Weiacher Schule haben die Verantwortlichen als eine Art weisser Lüge gern genutzt, um 2015 den Entscheid für die Hinzunahme der Aargauer Schüler durch die Gemeindeversammlung zu bringen. 

Die mit Fakten widerlegbare Legende vom aussterbenden Schulstandort - ob ihre Verbreitung behördlicherseits aktiv gefördert oder bloss nicht richtiggestellt wurde, soll hier nicht erörtert werden - steht am Anfang einer zunehmenden Entfremdung der beiden Gruppierungen, die sich heute als Befürworter und Gegner des Projekts Zukunft 8187 gegenüberstehen.

[Veröffentlicht am 1. Juni 2023 um 00:55 MESZ]

Dienstag, 30. Mai 2023

Schulfinanzierung. Eine halbbatzige Angelegenheit

Da die Gemeinde Weiach aktuell vor der Frage steht, ob sie einen zweistelligen Millionenbetrag für ein Grossprojekt mit Schulräumen namens «Zukunft 8187» auszugeben gewillt ist, wollen wir eine Rückschau auf einen anderen gewichtigen Ausgabenposten werfen: die Betriebskosten.

Zur Zeit der Helvetik, konkret 1799/1800, als die neue Zentralgewalt des Direktoriums in der Person von Minister Stapfer eine grosse Schul-Umfrage durchführen liess, war das in Weyach sozusagen eine halbbatzige Angelegenheit. 

Nur eine kleine Münze pro Woche

Die Antwort auf die Frage IV.14 «Schulgeld. Ist eines eingeführt? Welches?» lautete nämlich: «Jst eins eingeführt von jeden Kind wochentlich im Winter 1/2 Bazen.»

Halbbatzen (5 Rappen-Stück) von 1799. Quelle: schweizer-geld.ch

Laut dem Schweizerdeutschen Wörterbuch, dem Idiotikon, steht der Begriff «halbbatzig»(Id. IV, 1974) für zweierlei:

«1. einen Halbbatzen (2 Kreuzer, 5 Rappen) kostend

2. nicht viel wert, gering, wenig taugend, von Sachen und Personen (phys. und mor.)»

Ob letzteres auch damals zutraf, dem gehen wir in der Folge nach.

Je mehr Schüler, desto grösser die Einnahmen

Die Helvetische Republik übernahm den Batzen, den es bereits seit Jahrhunderten gegeben hatte, in ihre Einheitswährung «als 1/10 des Frankens, geprägt nach dem bernischen Münzfuss». Batzen, Halbbatzen und Rappenstücke waren als Billon ausgeführt. Damit ist eine Legierung gemeint, «die weniger als 50% Silber bzw. mehr als 50% Kupfer oder andere Legierungsbestandteile (z.B. Zink oder Zinn) enthält. Diese Legierung wurde ausschliesslich für kleinere Münznominale verwendet.» (Artikel Billon und Batzen im Historischen Lexikon der Schweiz). Wertvollere Münzen waren in Silber oder Gold geprägt (sog. Bimetallismus).

10 Franken von 1800, umgerechnet nach dem Historischen Lohnindex von Swistoval entsprechen 1169 Franken im Jahre 2009. Bei 73 Schülern, die 1799 laut den Antworten auf die Schul-Umfrage (II.6) von Martini (11. November) bis zum 1. April täglich 6 Stunden (II.9) die Winterschule besuchten, waren das 3 Franken 65 Rappen pro Woche. Hochgerechnet auf die 142 Tage, die die Winterschule dauerte (also rund 20 Wochen) sind das 73 Franken für das Winterhalbjahr. Das Schulgeld belief sich umgerechnet in heutige Werte somit auf höchstens 8500 Franken. Was mit diesem Geld bezahlt wurde, ist nicht klar. 

Eine Zulage zur Lehrerbesoldung?

Nötig wäre es gewesen. Denn laut Punkt IV.16 «Einkommen des Schullehrers» der Umfrage belief sich dieses auf gerade einmal 14 Gulden 8 Schilling aus staatlichen Töpfen, entsprechend rund 2500 Franken. Dazu kam als Naturalleistung «ein Fuder Holz».

Schon damals war es so, dass die Gemeinde über 80 % des Lehrerlohns zu tragen hatte. Aus dem staatlichen Almosenamt in Zürich (gab es nach dem Ende des alten Staates 1798 offenbar noch) kamen lediglich 3 Gulden. Der Rest ging auf Kosten des Weyacher Armenguts.

Ist die Annahme berechtigt, dass diese Besoldung eher eine Art Grundlohn war und der Schullehrer den Hauptteil aus den «halbbatzigen» Schulgeldern ziehen musste? Lehrer als Akkordarbeiter nach Stück bezahlt? Affaire à suivre.

Quellen und Literatur

  • Schmidt, H.R. / Messerli, A. / Osterwalder, F. / Tröhler, D. (Hgg.), Die Stapfer-Enquête. Edition der helvetischen Schulumfrage von 1799, Bern 2015, Nr. 629: Weiach.
  • Brandenberger, U.: Martini: Schulbeginn und Zinszahlungstermin. WeiachBlog Nr. 1609 v. 11. November 2020.

[Veröffentlicht am 31. Mai 2023 um 21:26 MESZ]

Montag, 29. Mai 2023

Auf der Suche nach dem Geburtshaus des Auswanderers

Wie gestern berichtet, hat David Randall Wilson, der laut familysearch.org in 9. Generation von einem Weiacher Auswanderer abstammt, am 1. Mai 2023 die alte Heimat seines Vorfahren besucht (vgl. WeiachBlog Nr. 1928).

Bereits vor 25 Jahren fand zum zweiten Mal ein grosses Baumgartner-Treffen in Weiach statt. Wilson hat damals davon gehört. Eine solche Reise konnte er sich aber nicht leisten. Denn damals hatte er mit seiner Frau Linette bereits drei Kinder und der Uni-Abschluss lag noch nicht lange zurück. Eltern um die 30 haben mehr als genug zu tun und das Geld braucht man für Wichtigeres. 

Der Besuch bei den eigenen Wurzeln, die bei der HLT-Kirche (Mormonen) auch aus theologischen Motiven wichtig sind, musste auf die Zeit verschoben werden, da die mittlerweile fünf Kinder des Paares flügge geworden sind. Also jetzt. Es war wohl ein spezielles Gefühl, zu wissen, dass der eigene Vorfahr exakt das Gebäude, das unser Ortsmuseum beherbergt, noch mit eigenen Augen gesehen hat, wenn auch nur einen Teil davon (den 1646 erstellten). Was die Frage aufwirft: In welchem Haus ist mein Vorfahr geboren? Gibt es das noch?

Von der oben erwähnten International Baumgardner Reunion des Jahres 1998 ist eine bebilderte Seite auf der universitären Website des Organisators Marion F. Baumgardner (1926-2020) überliefert, auf der es heisst:

«Hosted by Marion and Maralee Baumgardner, this tour retraced some of the route Heinrich Baumgardner and family followed as they began their journey to the New World. It went as far as the ancestral home town of Weiach, Switzerland, and visited the house where Heinrich was born in 1695.» (Nur noch auf archive.org verfügbar)

Nun ist allerdings in Weiach nur noch sehr wenig originale Bausubstanz aus dem 17. Jahrhundert vorhanden, bei der dieses Alter mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen ist.

Gab es das Geburtshaus damals überhaupt noch? 

Welches Gebäude vor 25 Jahren als Geburtshaus angesehen wurde, das weiss leider auch der auf einem der Fotos auf dieser Webseite (baum4) links neben Marion abgebildete Willi Baumgartner-Thut nicht mehr. Aber es steht zu vermuten, dass Co-Organisatorin Ruth Baumgartner-Jucker (genannt «Tante Ruth», vgl. WeiachBlog Nr. 140) ihr eigenes Wohnhaus zwischen Kirchenbezirk und Schulareal (ehemals Wohnhaus der sog. unteren Amtsrichters, heute unter dem Namen «Baumgartner-Jucker-Haus» im Gemeindeeigentum stehend) als solches betrachtet haben könnte.

Dieses Gebäude weist laut Altersangabe in den Lagerbüchern der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich allerdings das technische Gebäudealter 1820 auf (vgl. WeiachBlog Nr. 623 sowie StAZH RR I 575.1). Da m.W. bislang weder ein bauhistorisches Gutachten noch eine dendrochronologische Analyse vorliegt, könnten durchaus ältere Elemente von einem Vorgängerbau an gleicher Stelle vorhanden sein. Bei Holzteilen wäre jedoch zu überprüfen, ob sie seit der Zeitperiode ihrer Entnahme aus dem Wald in situ verblieben sind, es sich somit nicht um Bauteilrecycling handelt (wie mutmasslich beim Schwellenbalken von 1515 in der Pfarrscheune, vgl. WeiachBlog Nr. 1591).

Nur wenige oberirdische bauliche Strukturen aus der Zeit des Ancien Régime erhalten

Es ist daher derzeit völlig unbekannt, wo sich 1695 der Wohnort von Heinrichs Eltern befunden hat. Und wenn sie zu diesem Zeitpunkt nicht zufälligerweise im Mietverhältnis in einem der wenigen aus dieser Zeit bis heute erhalten gebliebenen Gebäude gewohnt haben, dann dürfte im besten Fall noch ein Fundament bzw. ein Keller davon übriggeblieben sein.

Aus der Zeit vor dem 18. Jahrhundert sind (neben dem Pfarrhaus) nämlich nur noch drei Bauernhäuser erhalten:

1. Die auf 1628 datierte Liegenschaft Oberdorfstrasse 27/29 (neben dem Haus Nr. 25 mit der von Fauquex bemalten Fassade) könnte das gesuchte Gebäude sein. Es war bis 1704 in den Händen eines den Untervogt stellenden Zweigs der Bersinger. Falls Heinrichs Ehefrau, die den Familiennamen Bersinger trug, zu diesem Zweig gehörte, dann erscheint eine solche Zuordnung zumindest nicht unmöglich, wenn man annimmt, dass sie mit ihrem Mann im elterlichen Haus wohnen durfte.


Oberdorfstrasse 25/27/29; Nr. 25 mit durch Eugen Fauquex bemalter Fassade, Nr. 27/29 von 1628, Kellergeschoss von Nr. 29 aus dem 13. Jahrhundert, Deckenbalken dendrochronologisch datiert. (Foto: Randy Wilson)

2. Für das oben erwähnte Lieberthaus (Ortsmuseum; südlicher Teil errichtet aus Bäumen, die in den Wintern 1644/45 bzw. 1645/46 geschlagen wurden, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 63, Ausgabe 2019) liegen Eigentümerangaben zum 17. und 18. Jahrhundert bislang nicht vor.

3. Bliebe noch das Haus Chälenstrasse 21a, das nach dem grossen Dorfbrand von 1658 errichtet wurde. Dessen Eigentümer und deren verwandtschaftliche Beziehungen bis zu diesem Jahr zurückzuverfolgen, ist aber bislang noch nicht gelungen.

Auszuführende Arbeiten

In allen drei Fällen ist eine kombinierte Auswertung von Gerichtsprotokollen sowie den sogenannten ökonomischen Tabellen vorzunehmen:

  • Ab Mai 1645 erhaltene Protokolle des Dorfgerichts Weiach im fürstbischöflich-konstanzischen Obervogteiamt Röteln  (StAZH B VII 42), subsidiär auch die Protokolle der Kanzlei Neuamt (ab 1635; StAZH B XI 26)
  • Tabellen von 1774 (StAZH B IX 5 und subsidiär die landwirtschaftliche Beschreibung in StAZH B IX 47 a) und 1791 (StAZH B IX 4).
Diese Unterlagen könnten im Zusammenspiel mit genealogischen Daten aus den Kirchenbüchern (StAZH E III  136) sachdienliche Angaben liefern.

[30.5.2023 09:53 MESZ: Richtigstellung Name von Randy selber und der Glaubensgemeinschaft, der er angehört.]

Sonntag, 28. Mai 2023

Neunte Generation. Ein Kurzbesuch in der Heimat des Vorfahren

Im Mai 1743 hat Heinrich Baumgartner (48) mit seiner Frau Margretha (49) und zwei Teenagern (Barbara, 19 und Cleophea, 16) den grossen Sprung gewagt und seine Heimat Weyach für immer hinter sich gelassen (Faust 1920; Mitteilung von Pfr. Wolf, 14. April 1744; vgl. die Anmerkung unten). 

Allen jahrelangen Versuchen der Zürcher Obrigkeiten ihm dies auszureden zum Trotz, ist er zusammen mit seiner vier Jahre älteren Schwester sowie einer verwitweten Weiacherin und deren Sohn in die Neue Welt ausgewandert. Nach Amerika!

Und ja, es war ein Wagnis, aber darben und sterben konnte man damals auch in Weiach, denn wirtschaftlich war im Staate Zürich kaum ein Fortkommen, ausser für Stadtbürger. 

Einfach wurde es für Heinrich nicht. An den Strapazen der wochenlangen Überfahrt per Schiff ist ihm seine Frau gestorben. Ohne eine tüchtige Partnerin kann man die Arbeit auf einem zu gründenden Landwirtschaftsbetrieb aber kaum bewältigen. So blieb Heinrich nichts anderes übrig, als sich Mitte August 1744 in seiner neuen Heimat, der damals noch britischen Kolonie Pennsylvanien, mit der fast 30 Jahre jüngeren Maria Balzer zusammenzutun.

Zahlreiche Nachkommen

Zumindest was die Vitalität der Nachkommenschaft anbelangt, war diese Verbindung eine äusserst fruchtbare. Jedenfalls dürfte Mary mehr oder weniger dauerschwanger gewesen sein. In den folgenden 18 Ehejahren bis zu ihrem vorzeitigen Tod im Jahre 1762 (mit lediglich 38 Jahren) hat sie mindestens neun Kinder zur Welt gebracht, von denen nicht weniger als acht (!) das Erwachsenenalter erreichten. Angesichts der damals (auch in der alten Heimat Zürich) sehr hohen Kindersterblichkeit und der Risiken, denen gebärende Frauen ausgesetzt waren, ist das ziemlich bemerkenswert. Nur schon ein zu grosser Fötus, der nicht durch den Geburtskanal passt, war für Mutter und Kind meist das Todesurteil. 

Aber bei Heinrich und Mary scheint anatomisch, erbbiologisch und auch beim Aufwachsen der Kinder fast alles relativ problemlos gelaufen zu sein. So kam es, dass dieser Heinrich heute als einer der wichtigeren Stammväter des Geschlechts der Baumgardner (auch Bombgardner geschrieben) in den Vereinigten Staaten von Amerika gilt.

«We loved every minute of it!»

Am Anfang stand eine Anfrage zum obgenannten Vorfahr und allfälligen, noch in Weiach lebenden Nachfahren. Eingereicht wurde sie über das Kontaktformular des Weiacher Gemeindepräsidenten. Aus Gründen des Datenschutzes können da weder die Gemeinde selber noch das Zivilstandsamt in Bülach weiterhelfen. Stefan Arnold reichte die Frage daher an den Wiachiana-Verlag weiter. 

In den letzten Apriltagen ergab sich dann dank des Engagements der Ortsmuseumskommission eine Zeitreise der besonderen Art:

Am 1. Mai 2023 hat Randy Wilson aus Riverton im Bundesstaat Utah, ein Nachkomme Henry Baumgardners in 9. Generation, in Begleitung seiner Ehefrau Linette dem Herkunftsort seines Schweizer Ahnen einen kurzen Besuch abgestattet.

V.l.n.r.: Randy Wilson, Linette Wilson, Willi Baumgartner-Thut, Karin Volkart, Anita Meierhofer-Müller und Bruno Koller

Empfangen wurden sie von drei Mitgliedern der Ortsmuseumskommission, Bruno Koller, Anita Meierhofer und Karin Volkart. Mit von der Partie: Willi Baumgartner-Thut, der um viele Ecken herum mit Randy verwandt sein dürfte. Wie genau, muss noch geklärt werden. Wilson sitzt dafür sozusagen an der Quelle, der 56-jährige IT-Spezialist arbeitet nämlich für den Genealogie-Datendienst familysearch.org, ein Projekt der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (grösste Glaubensgemeinschaft der christlichen Konfessionsgruppe der Mormonen).

Mit einer Privat-Führung durch das nach der wohl letzten Werkschau des 2022 verstorbenen Hans Rutschmann-Griesser noch nicht wieder eingemottete Weiacher Ortsmuseum am Müliweg, sowie einem Rundgang durch den historischen Ortskern gelang es den vier engagierten Weychern, den Gästen aus Übersee trotz des wenig erbaulichen, da verregneten Wetters viel Freude zu bereiten.

Haste Töne? Dieses Harmonium hat sie noch

Umgekehrt ist dies aber auch gelungen. Denn Linette schaffte es, der im Dachgeschoss des Ortsmuseums platzierten pump organ (d.h. ein Harmonium) Töne zu entlocken, die man so nicht erwartet hätte. Ein per Handy aufgenommenes Video beweist: Das Instrument funktioniert noch. All der Stillstandsjahre zum Trotz. Man muss nur die (richtigen) Register ziehen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Randy und Linette haben überdies viele Fotos geschossen, die dank ihrer hohen Auflösung (ZIP-Datei, 122 Elemente,  904 MB!) und guter Ausleuchtung einen wertvollen Beitrag zur Dokumentation der Sammlung des Ortsmuseums geben.

Das Ortsmuseum vor 300 Jahren und heute

Den älteren, auf das Jahr 1646 zurückgehenden Teil des Lieberthauses, das heute unser Ortsmuseum beherbergt, den hat Henry Baumgardner als Amerikaner erster Generation noch mit eigenen Augen gesehen. Nicht aber den heutigen Baubestand der benachbarten Mühle im Oberdorf, denn die ist 1748 abgebrannt und musste komplett neu gebaut werden (vgl. das Deckentäferstück im Ortsmuseum, datiert auf 1752).

Zur Frage, ob man Heinrichs Geburtshaus besichtigen kann, gibt der Artikel von morgen Pfingstmontag Auskunft.

Anmerkung

Über den Verbleib der beiden Teenager ist bislang nichts bekannt. Sind sie ebenfalls bei der Überfahrt gestorben? Die Datenbank familysearch.org (Stand 27. Mai 2023) ordnet Barbara und Cleophea (als Cleopha) mit denselben Geburtsjahren einem anderen, älteren Ehepaar Baumgartner-Bersinger zu (Hans Heinrich Baumgartner, 1683–1750 und Maria Bersinger 1686–1734). Aufgrund des laut den Mandaten des Zürcher Rates geltenden Auswanderungsverbots für ledige junge Frauen, sowie der Vorschrift, dass man nur auswandern durfte, wenn keine allenfalls noch zu unterstützende Angehörige am Leben waren (Hans Heinrich starb erst 1750) ist eher von einer Abstammung vom 1695 geborenen Heinrich auszugehen, wozu auch dessen mutmassliches Heiratsjahr 1722 passt. Es sei denn, Pfarrer Wolf hätte am 14. April 1744 tatsächlich schriftlich bestätigt, dass im Vorjahr zwei junge Frauen illegal ausgewandert sind, was man ihm obrigkeitlicherseits gewiss angekreidet hätte, denn dann hätte er seine Aufsichtspflicht verletzt. Die entsprechenden Kirchenbücher sind zur Klärung dieser Frage genau unter die Lupe zu nehmen.

Quellen und Literatur

  • Faust, Albert B.: Lists of Swiss Emigrants in the Eighteenth Century to the American Colonies. Volume I, Zurich, 1734-1744.  National Genealogical Society, Washington D.C. 1920 - S. 94-95 [Datei auf archive.org] [No. 89 List of Persons, who from 1734-1744 foolishly left the parish Wyach to go to other strange Countries; laut Faust auf den 14. April 1744 datierte Liste des Weiacher Pfarrers Wolf.]
  • Heinrich Henry Baumgardner, 30 June 1695–1763. Datensatz LZMC-QYZ auf ancestors.familysearch.org 
  • Anfragen David Randall Wilson an Stefan Arnold, Gemeindepräsident Weiach, vom 31. März und 24. April 2023 mit Beilagen (Stammbaum).
  • Fotos 1. Mai 2023 von David Randall Wilson und Linette B. Wilson, Riverton, Utah, USA.
[30.5.2023 09:45 MESZ: Richtigstellung Name von Randy selber und der Glaubensgemeinschaft, die familysearch.org betreibt.]

Samstag, 27. Mai 2023

Die erratische Informationspolitik der Baukommission «Zukunft8187»

Haben Sie schon von Schrödingers Katze gehört, die gleichzeitig sowohl lebendig als auch tot ist? Oder von einer Frau, die ein bisschen schwanger ist? Nun, die Baukommission «Zukunft 8187» bringt ein ähnliches Kunststück zustande. Sie ist sozusagen selektiv schwanger mit ihrem Projekt.

Sie äussert sich nicht, sie äussert sich (vielleicht eben doch)

Nachdem sich Gemeinderat und Baukommission anfangs dieser Woche in selbstgewähltes Schweigen gehüllt haben, mit der Begründung, sie dürften sich aus rechtlichen Gründen nicht mehr zur Abstimmungsvorlage äussern (s. Kasten Wichtige Mitteilung unten), so ist die Situation jetzt, am Ende derselben Woche, um es mit Erwin Schrödinger quantenmechanisch zu beschreiben, in einem überlagerten Zustand. Heisst: Die Kommission darf sich sowohl äussern als auch nicht. Ersteres aber nur per e-mail.

So sieht die Startseite von zukunft8187.ch nämlich aktuell aus:


Neu ist ein Einschub zwischen Haupttext und P.S.:

«Haben Sie trotzdem noch Fragen zum Projekt? Zögern Sie nicht, stellen Sie Ihre Fragen an die Baukommission ‹ info@zukunft8187.ch ›
Wir werden versuchen, im Rahmen der rechtlichen Vorgaben Ihre Fragen umgehend zu beantworten.»

Es stellen sich Fragen. Fragen zu rechtlichen Fragen.

Erneut wird hier die seit Jahren sattsam bekannte Politik der Dunkelkammer zelebriert. Erneut wird der Geheimniskrämerei Tür und Tor geöffnet. 

Was ist bei dieser Informationspolitik jetzt genau der Unterschied zwischen der Zeit vor der Veröffentlichung des Beleuchtenden Berichts und der Zeit danach?

Wie kommt es, dass eine solche Informationstätigkeit hinter den Kulissen rechtlich überhaupt als zulässig beurteilt wird?

Kann die jetzt doch nicht mehr mit klösterlichem Schweigegelübde geschlagene Baukommission bitte einmal erläutern, welche Fragen noch im Rahmen der rechtlichen Vorgaben sind und weshalb? Beziehungsweise, welche Art von Fragen sie aus welchen Gründen nicht mehr beantworten darf (und nicht nur nicht beantworten will)?

Freitag, 26. Mai 2023

Gemeindefinanzen kaputtschlagen? IG will nachhaltiger investieren

Die Rechnungsprüfungskommission (RPK) spricht in ihrem mit 5 zu 0 Stimmen beschlossenen Abschied zur Abstimmungsvorlage «Zukunft 8187» von Überschuldung (also einer Verschuldung, aus der man kaum oder gar nicht mehr herauskommen kann, vgl. WeiachBlog Nr. 1925).

Ein Flugblatt, das in etwa zum Zeitpunkt des Versands der Abstimmungsunterlagen (samt Beleuchtendem Bericht) in den Weiacher Briefkästen gelandet ist, stösst ins selbe Horn.

Einer der vier Alarmrufe lautet, das sog. Infrastrukturprojekt «Treibt die Gemeinde in die Total-Verschuldung!», was man als volkstümliche Übersetzung von Überschuldung verstehen muss.

Wie man auf dem Flugblatt sieht, nimmt die bisher völlig unbekannte «Interessengemeinschaft für eine nachhaltige Gemeinde Weiach» neben dem Thema Ver-/Überschuldung auch weitere Bedenken der RPK auf:

«Sämtliche Baukosten übernimmt die Gemeinde Weiach. Keine Beteiligung von Fisibach und Kaiserstuhl!»

«Kieserträge gehen ab 2027 zu Ende. Der Steuerfuss wird massiv steigen!»

«Schulanlage ist finanzverträglich ausbaubar!»

Und das Bild vom zerschlagenen Sparsäuli wird flankiert mit den Parolen «Ein klares NEIN! zum überrissenen Infrastrukturprojekt!» sowie «NEIN DANKE für das Bauprojekt «Zukunft8187»».

Klare Kante also. Die Initianten der neuen IG wollen sich in Anbetracht der Anfeindungen, die sie im Rahmen der Informationsveranstaltungen der letzten Jahre erlebt hätten, nicht mit Namen exponieren. Und der hier Schreibende kann das angesichts der heftigen Reaktionen, die sich in den letzten Tagen in seine Richtung entladen haben (Gruss an Frank Lehmann et al.), nur allzu gut verstehen.

Die befürwortende Seite kann (und muss) sich also selber einen Reim darauf machen, wer diese Initianten sind. The usual suspects eben. Solche, die nicht so internetaffin sind, wie sie selber (daher keine Website). Solche, die keine Challenges organisieren (vgl. WeiachBlog Nr. 1917). Aber gestandene Persönlichkeiten, die noch rechnen können und ihre Sicht auf die realen Verhältnisse nicht durch die rosarot getönten Brillen des Gemeinderates und der Baukommission verfälschen lassen.

Donnerstag, 25. Mai 2023

Überschuldung! RPK Weiach einstimmig gegen «Zukunft 8187»

Mit der offiziellen Veröffentlichung des Beleuchtenden Berichts auf zukunft8187.ch in der Nacht auf Montag, 25. Mai, ist nun für alle einsehbar geworden, was die Spatzen schon seit längerem von den Dächern pfeifen: Die Rechnungsprüfungskommission Weiach stellt sich einstimmig gegen die beiden Abstimmungsvorlagen vom 18. Juni!

Eine RPK prüft nicht nur die Jahresrechnungen, sondern auch finanzrelevante Vorlagen für Gemeindeversammlungen und Urnenabstimmungen. Die fünfköpfige Kommission unter Leitung von Peter Lamprecht begutachtete das Projekt «Zukunft 8187» damals noch zusammen mit ihrem Mitglied Jürg Koller. Jürg ist am 18. Mai plötzlich und unerwartet verstorben (vgl. Amtliche Publikation der Gemeinde vom 22. Mai).

Der Auftrag des Rechnungsprüfers, richtig verstanden

Eine RPK soll so etwas wie ein Spürhund sein, der treu und unbestechlich zu seinem Herrn, dem Souverän steht. Wenn eine RPK ihren Job richtig macht, dann lässt sie sich vom Gemeinderat kein X für ein U vormachen, sondern prüft so unvoreingenommen wie nur möglich, was die Vorlagen für die Gemeinde mit sich bringen, insbesondere, ob mit den Steuergeldern haushälterisch umgegangen wurde. Oder eben künftig wird, wenn es sich um einen Kreditantrag handelt.

Bei einem der wichtigsten Vorhaben der Gemeinde Weiach im Verlauf der letzten Jahrzehnte hat die RPK jetzt sehr dezidiert eine grell leuchtende Warnlampe angeschaltet. Sie formuliert ihre Vorbehalte zwar zurückhaltend. Aber der Inhalt hat die Wirkung einer Sprengladung.

Hauptantrag: Überschuldung, unrichtige Zahlen bei Folgekosten, etc.

Natürlich können sich die Stimmberechtigten immer noch entscheiden, diese Warnung in den Wind zu schiessen und den Antrag des Gemeinderates und der Baukommission trotzdem anzunehmen. Bei einem zustimmenden Entscheid hätte es wenig bis gar keinen Diskussionsbedarf gegeben. Aber bei gleich 2 deutlichen NEIN?

Beim Hauptantrag werden nicht weniger als sieben (!) Mängel aufgeführt. Die in Klammern gesetzten Buchstaben bezeichnen die einzelnen Alinea. Im Original stehen dort simple Beistriche. Die Kennzeichnung soll der Referenzierung in künftigen Artikeln auf WeiachBlog dienen.

Nachstehend der volle Wortlaut (gemäss den Teildokumenten RPK auf zukunft8187.ch):

Hauptantrag (Abstimmungsvorlage 1)

Kreditantrag von CHF 28,3 Mio. (inkl. MwSt) für das Gemeindeinfrastruktur-Bauprojekt "Zukunft8187"

Beschlussfassung über das Gemeindeinfrastruktur-Bauprojekt «Zukunft8187»

Die Rechnungsprüfungskommission hat den beleuchtenden Bericht und die Vorlage eingehend geprüft. Sie fasst einstimmig folgenden Beschluss:

[1.] Die Rechnungsprüfungskommission anerkennt den Bedarf nach einer Modernisierung der Gemeindeinfrastruktur und zusätzlichem Schulraum. 

[2.] Die Rechnungsprüfungskommission prüft gem. Art. 59 Ziff. 2 Gemeindegesetz das Projekt auf finanzielle Angemessenheit. 

[3.] Die Rechnungsprüfungskommission erachtet das Projekt für die Gemeinde als langfristig nicht tragbar und empfiehlt der Bevölkerung[,] die Abstimmungsvorlage 1 «Gemeindeinfrastruktur-Bauprojekt» vom 18. Juni 2023 abzulehnen. 

Der Beschluss wird wie folgt begründet:

[A] Die Umsetzung dieses Projekts führt zu einer massiven, langfristigen Überschuldung der Gemeinde.

[B] Die Fremdverschuldung sollte pro Einwohner nicht mehr als 3'000 Franken betragen. Mit Annahme des vorliegenden Projekts wird eine Pro-Kopfverschuldung von über 9'000 Franken erwartet. Im Bericht vom 24. Oktober 2022 empfiehlt die Swissplan (Strategische Finanzplanungen für Gemeinden) eine Reduzierung und Optimierung des Projekts.

[C] Die ausgewiesenen, langfristigen Fremdkapitalkosten sind in der aktuellen Zinssituation als zu niedrig ausgewiesen und können zu einer zusätzlichen Steuerprozenterhöhung führen.

[D] Die ausgewiesenen Zinsfolgekosten von jährlich 160'000 Franken sind in der Übersicht der Gesamtfolgekosten in den ersten Jahren nicht korrekt ausgewiesen (Bsp. 16 Mio. Franken Fremdkapital zu 2 Prozent im ersten Jahr ergeben 320'000 Franken). Das führt in den ersten Jahren nach einer Inbetriebnahme zu deutlich höheren Folgekosten als ausgewiesen.

[E] Im Projektkredit sind keine Reserven enthalten.

[F] Die Folgekosten für die Sanierung des «alten Schulhauses» sind im Kredit von 28.3 Mio. Franken nicht enthalten.

[G] Die Annahme, dass die Abbauerträge über die nächsten 13 Jahre aus dem Kiesabbau stabil bleiben, kann nicht nachvollzogen werden.

Zusatzantrag: Unnötige Zusatzbelastung mit fraglicher Ertragslage

Auch der Zusatzantrag kam bei den Rechnungsprüfern nicht besser weg. Und auch hier empfehlen sie einstimmig ein NEIN:

Zusatzantrag (Abstimmungsvorlage 2)

Falls der Hauptantrag angenommen wird, zusätzlicher Kreditantrag von CHF 3,2 Mio. (inkl. MwSt) für den Bau einer Tiefgarage (inkl. Sanierung Sportanlage)

Beschlussfassung für den Bau einer Tiefgarage (inkl. Sanierung Sportanlage)

Die Rechnungsprüfungskommission hat den beleuchtenden Bericht und die Vorlage eingehend geprüft. Sie fasst einstimmig folgenden Beschluss:

Die Rechnungsprüfungskommission erachtet das Projekt für die Gemeinde als langfristig nicht tragbar und empfiehlt der Bevölkerung die Abstimmungsvorlage 2 «Zusatz-Kreditantrag für den Bau einer Tiefgarage (inkl. Sanierung Sportanlage)» vom 18. Juni 2023 abzulehnen.

Der Beschluss wird wie folgt begründet:

[ZA]  Die Kosten von 3.2 Mio. Franken sind für die Gemeinde langfristig nicht tragbar und stellen eine unnötige Kostenbelastung dar.

[ZA]  Die Annahme, dass betriebliche und personelle Folgekosten mit potenziellen Erträgen der Tiefgarage gedeckt werden sollen, kann nicht nachvollzogen werden. Es wurden keine Folgekosten in Schweizer Franken genannt.

[ZC]  Im Projektkredit sind keine Reserven enthalten.

Eintretenswahrscheinlichkeit 100 Prozent

Am gravierendsten ist wohl der Befund, es trete durch das Bauvorhaben eine «massive, langfristige Überschuldung» ein. Es besteht nicht etwa nur das Risiko. Nein, die Eintretenswahrscheinlichkeit für dieses Szenario ist 1. Also 100 %!

Und da steht nicht etwa VERschuldung. Sondern ÜBERschuldung. Aus ersterer könnte man sich noch herausarbeiten. Bei letzterer wird das schon sehr schwierig bis nahezu unmöglich.

Denn: «Überschuldung liegt vor, wenn weder vorhandenes Vermögen noch erwartete Einnahmen eines Schuldners dessen bestehende Verbindlichkeiten abdecken». Bei einem Unternehmen in dieser Lage kann ohne Betreibung sogleich der Konkurs eröffnet werden (Art. 192 SchKG). Was das für eine Gemeinde bedeutet, soll in den nächsten Tagen erläutert werden.