Donnerstag, 21. November 2019

Eine Wasserleiche im Rhein, gefunden 26. August 1787

Wann wurde Weyach erstmals in der Neuen Zürcher Zeitung erwähnt? Und in welchem Zusammenhang? Sie können es sich wohl denken. Aus ähnlichen Gründen, wie wenn der Ortsname heutzutage in den Massenmedien erscheint. Bei ausserordentlichen Ereignissen. Unglücksfälle und Verbrechen bevorzugt.

Zwei Namensgleiche

Das damals noch «Zürcher Zeitung» genannte, gerade einmal rund acht Jahre alte Blatt (erstmals erschienen am 12. Januar 1780) veröffentlichte am Mittwoch, 19. September 1787 eine behördliche Anzeige der Zürcher Staatskanzlei, die textgleich auch in anderen Zeitungen erschienen ist. 

So zwei Tage darauf, «Freytags, den 21. Herbstmonat» (September) in dem unter dem Namen «Zürcherische Freitagszeitung» oder im Volksmund als «Bürklizeitung» bekannten Blatt, das sich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls «Zürcher Zeitung» nannte. Ob dieser Namensgleichheit gerieten sich die beiden Verleger Salomon Gessner (NZZ) und David Bürkli in die Haare und die Angelegenheit musste schliesslich gerichtlich geklärt werden.


Die Zürcherische Freitagszeitung wurde übrigens bereits 1674 von Barbara Schaufelberger (1645-1718) unter dem Namen «Ordinari Wochen-Zeitung» gegründet. Der Begriff Zeitung bezeichnete damals noch eine Nachricht oder Neuigkeit. Mit dem Zusatz «Ordinari» wurde signalisiert, dass dieses Nachrichtenblatt regelmässig (z.B. kurz nach Eingang der ordentlichen Postbotenkurse) erschien.

Anzeige einer Wasserleiche zu Handen der Angehörigen

AVERTISSEMENT.

Den 26sten des lezt verwichenen Augstmonats wurde in dem Rhein unweit Weyach, eine unbekannte Weibsperson von ungefähr 50 Jahren, mitlerer Statur, und magerem Körper, mit schwarz-grauen Haaren, zerrissenen Kleidern und einem an der Brust hängen[d]en Crucifix todt gefunden; welches in der Absicht bekannt gemacht wird, daß die allfähligen Verwandten derselben von diesem Unglück Wissenschaft bekommen, und bey Endesunterzeichneter die nähern Umstände erfahren möchten.

Signatum den 15ten Septempris 1787
Canzley der Stadt Zürich


Behördliche Nachforschungen waren offensichtlich ergebnislos geblieben, so dass man zu dieser Art öffentlicher Ausschreibung Zuflucht genommen hat. Ob die Angehörigen der unglücklich zu Tode gekommenen Frau gefunden werden konnten, ist mir nicht bekannt.

Mittwoch, 20. November 2019

Nur eine Hanföl-Gült gekauft, nicht einen ganzen Hof

Bei unserem Ortschronisten Walter Zollinger (1896-1986) kommt es leider wiederholt vor, dass sachlich relevante Irrtümer einer Richtigstellung bedürfen.

Das betrifft insbesondere den Text seiner 1972 erstmals publizierten Monografie zur Geschichte von Weiach (vgl. WeiachBlog Nr. 1292). Auffallend ist vor allem seine etwas spezielle Art, Zitate aus Urkunden bzw. Urkundenregesten (also den Zusammenfassungen in Urkundenbüchern) zu übernehmen. Diese wirkt sich in mehreren Passagen sinnentstellend aus.

Richtigstellungen betreffen das Mittelalter

Man erinnere sich an die von Zollinger selber aus einem anderen Text (wohl von 1560) eingeschmuggelte Ortsangabe für die vor über dreihundert Jahren geschleifte alte Kirche (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 90), die es so aussehen lässt, als hätte es bereits 1381, also in vorreformatorischen Zeiten, eine Kirche im Oberdorf gegeben.

Oder an die falsche Darstellung der Verkäufer/Käufer-Verhältnisse für die älteste erhaltene Erwähnung des Ortsnamens 1271 (vgl. WeiachBlog Nr. 453). Auch vom Anonymus, der im Exemplar der Nationalbibliothek handschriftliche Anmerkungen eingetragen hat, wurde letzterer Fehler korrigiert (vgl. WeiachBlog Nr. 1283).

Weiter hat der anonyme Annotator einen von Zollinger falsch datierten Text aus der St. Blasianischen Urkunde von 1279 erkannt und berichtigt (vgl. WeiachBlog Nr. 1284).

«Den Zins darab»? Auch nicht ganz!

Schliesslich hat der oder die Unbekannte einen weiteren Fehler, betreffend eine Urkunde von 1392  erkannt und handschriftlich mit dem Zusatz «den Zins darab» sowie einer Anmerkung 15a ergänzt. Und darum soll es in diesem Artikel gehen.


Aus der obigen Formulierung Zollingers kann man nur den Schluss ziehen, Dietrich Ortolf habe dem Peter Stadler einen in Weiach gelegenen Hof abgekauft und den gesamten Ertrag der Kaiserstuhler Stadtkirche St. Katharinen gestiftet, was impliziert, dass Ortolf den Hof in sein Eigentum übernommen hätte.

Es ging um das Seelenheil der Verstorbenen

Dem ist aber keineswegs so. Sieht man sich das Regest von Paul Kläui (vgl. Bild unten) genau an, dann verhält es sich nämlich wie folgt: Dietrich Ortolf hatte eine sog. Gült gekauft, also ein Wertpapier, das auf dem nach wie vor im Eigentum des Peter Stadler stehenden Hof lastete und dessen Pächter dazu verpflichtete, vorgängig jeder anderen Zinsverpflichtung zehn Viertel Hanfsamen abzuliefern.

Gemäss der Urkunde von 1392 ging diese Lieferung direkt an die Verwalter der Kaiserstuhler Stadtkirche, wo mit dem daraus gepressten Öl das Ewige Licht am Brennen gehalten werden sollte. Alle anderen Einkünfte von diesem Weiacher Hof gingen weiterhin an den Eigentümer Peter Stadler (soweit der Hof nicht noch mit anderen, nachrangigeren Verschreibungen belastet war).

Stifter der ewigen Gülte (und Käufer des in der Urkunde genannten Hanfsamens) war – gemäss Regest Kläuis – jedoch Ortolfs Sohn. Die Stiftung hängt offenbar direkt mit Heinrich Baldenweg und dessen Vorfahren zusammen. Was gleich mehrere Fragen aufwirft: a) ob der verstorbene Baldenweg zu Lebzeiten selber bereits eine Stiftung vorgenommen hat (oder dies nur testamentarisch verfügte), b) ob Dietrich Ortolf zum Zeitpunkt der Verurkundung bereits tot war und sein Sohn aus diesem Grund als Käufer auftrat, sowie c) in welcher Beziehung Baldenweg zu den Ortolfs stand. Es ist möglich, dass die Frau Dietrich Ortolfs eine Tochter dieses Heinrich Baldenweg war. Der Sohn Ortolfs wäre dann einer seiner Enkel.

Wenzinger Plüss verortet Baldenweg'sches Ewiges Licht im Jahr 1392

Franziska Wenzinger Plüss spekuliert 1992 in ihrer Arbeit über das kirchliche Leben im spätmittelalterlichen Kaiserstuhl nicht über diese Fragen. Für sie ist klar, dass die Baldenweg'sche Stiftung 1392 erfolgte – ob nun gleichzeitig mit oder erst direkt durch Dietrich Ortolf bzw. seinen Sohn (vgl. auch S. 98):

Es ist zu vermuten, dass Seelgeräte statt in die Pfarrkirche [Hohentengen] schon bald nach der Errichtung der Stadtkirche [nach 1255] in diese gestiftet wurden. Urkundlich belegen lässt sich dies jedoch erst für das Jahr 1392. In die Stadtkirche wurde damals ein Ewiges Licht für das Seelenheil des verstorbenen Heinrich Baldenweg und seiner Vorfahren gestiftet. Dietrich Ortolf von Lindau hatte dafür zum Preis von 50 gl zehn Viertel Hanfsamen jährlich von einem Hof in Weiach gekauft. Die Stiftung errichtete Dietrich Ortolfs Sohn, die Fertigung holte der Kaiserstuhler Bürger Peter Stadler, Eigentümer des genannten Hofes in Weiach, von Schultheiss und Rat der Stadt ein [Anm-130]. Ewige Lichter sind seit dem 11. Jahrhundert in Altarnähe bezeugt, im Spätmittelalter war dieses Brauchtum
weit verbreitet, wobei die Brenndauer trotz des Namens auch nur eine zeitweilige sein konnte [Anm-131]. (Wenzinger Plüss –  S. 99-100; Ergänzung in [ ] durch WeiachBlog)

Anm-130: StAK U 22 zu 1392 IV 26; AU XIII Nr. 34, S. 24.
Anm-131: Reallexikon zur deutschen Kunstgeschichte. Bd. 6. München 1973. Sp. 600-618.

Was bedeutete das für den Weiacher Bauern Hans Locher?

Unter einem Viertel ist ein Getreidehohlmass zu verstehen. Wenn damit das Kaiserstuhler Viertel für unentspeltztes Getreide gemeint ist (in diesem Fall also geschälte Hanfnüsse), dann waren das 22.42 Liter (vgl. WeiachBlog Nr. 117), mithin also ca. 225 Liter geschälte Hanfsamen. Nicht gerade wenig.

Gemäss dem Wikipedia-Artikel Hanföl ergibt sich bei 30-35% Ölgehalt ein Ertrag von 180-350 Liter Hanföl pro Hektar Anbaufläche. Für die Hanfsamen aus Weiach wären das 75 Liter Öl, entsprechend einer Hanfplantagenfläche von 0.4 Hektar (Ertrag 180 l/ha bei Ölgehalt 33%), bei guter Düngung auch weniger.

Jahr für Jahr mindestens die geforderte Menge Hanfsamen hinzubekommen, war dann das Problem von Bauer Locher und seinen Nachfolgern auf diesem Hof. Da sie Hanf auch für den Eigenbedarf anbauten (aus Hanffasern machte man u.a Kleider, vgl. Weiacher Geschichten(n) Nr. 94), musste die Hanfpünt einfach genug gross sein, damit sie diesen Teil des Pachtzinses entrichten konnten.

Korrekturen in Publikationen des Wiachiana-Verlags

1. Da sich die ortsgeschichtliche Monographie in der Tradition Zollingers bewegt und ab 2003 (dritte Auflage) viel von seinem Material übernommen wurde, muss nun auch die entsprechende Passage angepasst werden. Wo Zollinger noch geschrieben hat:

1392 urkundet «Lütold Grebel, schultheiss zue Keyserstuel», dass Peter Stadler «burger daselbst, einen hoff gelegen zue Wiiach hetti .... den hans Locher von Wiiach buwet.... dem Dietrich Ortolf von Lindöw ... umb fünfzig gueter guldin an gold und an gewicht» verkauft hat. Letzterer stiftete dann den Ertrag dieses Gutes an die «kapelle in der statt (Kaiserstuhl) und der reinen jungfröwen sant Katherinen ... » (Schutzheilige von Kaiserstuhl). [Vgl. Zollinger, W.: Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Aufl. 1972, S. 19.]

... so steht nun in der 6. Auflage der Weiacher Ortsmonographie, Version 6.19 vom November 2019 die folgende Darstellung:

1392 urkundet «Lütold Grebel, schultheis ze Keyserstůl», dass Peter Stadler, Bürger daselbst, «einen hoff gelegen ze Wiiach» habe, «den Hans Locher von Wiiach buwet» und er Zinsanteile davon dem Dietrich Ortolf «von Lindouw […] umb fünfzig gůter guldin an gold und an gewicht» verkauft habe. Sein Sohn stiftete diesen Ertrag der «kapelle in der statt [Kaiserstuhl] und der reinen jungfrouwen sant Katherinen» (Katharina von Alexandrien) [Fn-79].

Fn-79: Zehn Viertel Hanfsamen für das Ewige Licht; vgl. Aargauer Urkunden, Band XIII, Nr. 34 u. WG(n) Nr. 94.

Vgl. Brandenberger, U.: Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. 6. Aufl. Version 19; November 2019, S. 22 (Stand vom 20.11.2019)

Hinweis: Bei der heiligen Katharina von Alexandrien, einer Märtyrerin, handelt es sich wohl um eine Kunstfigur, die der von fanatisierten Christen ermordeten paganen Mathematikerin, Astronomin und Philosophin Hypatia nachempfunden sein soll.

2. Der Artikel Weiacher Geschichte(n) Nr. 94 (Gesamtausgabe S. 355 unten) wurde ebenfalls umformuliert. Der Abschnitt lautet neu:

In einer Urkunde des Stadtarchivs Kaiserstuhl, die auf den 26. April 1392 datiert ist, wird ein Geschäftsabschluss zwischen dem Kaiserstuhler Bürger Peter Stadler und dem Sohn Dietrich Ortolfs von Lindau besiegelt. Ortolf junior erwarb für 50 Gulden eine jährliche Lieferung von «zehen fiertel gůtes hanfsamen» von einem Hof in Weiach, welche «gan sont […] an die kappelle in der statt und in der ere uinser lieben frouwen und der reinen jungfrouwen sant Katherinen, also das da ein ewig liecht in der vorgenanten kappelle vor fron altare bruinnen sol […].»

In die Stadtkirche von Kaiserstuhl wurde damit ein Ewiges Licht für den verstorbenen Heinrich Baldenweg und seine Vorfahren gestiftet. Ewige Lichter in Altarnähe sind seit dem 11. Jahrhundert bezeugt, im Spätmittelalter war dieser Brauch dann weit verbreitet. (Wenzinger Plüss 1992)

Vgl. Quellen unten für den vollständigen Artikel in der alten und der neuen Fassung.

Quellen und weiterführende Artikel

Samstag, 16. November 2019

Auch Bismarck würde gnadenlos betrieben

Manche Stilblüten machen die Runde durch die Gazetten. Vor allem wenn sie träf sind und noch ein wenig schräg daherkommen. Dann nehmen sogar geographisch weit entfernte Redaktoren davon Notiz und kolportieren sie in ihrem Blatt.

Mit einem Weiacher Thema war das gegen Ende des Jahres 1881 der Fall. Die Armengemeinde Weiach, damals (und bis Ende der 1920er-Jahre) eine eigene Körperschaft wie die Primarschulgemeinde oder die Kirchgemeinde war offensichtlich etwas knapp bei Kasse. Das ist kein Wunder, denn sie war mit irdischen Gütern (Land, Wald und Kapital) nicht gerade üppig ausgestattet um ihre Aufgabe, die Sozialhilfe, erfüllen zu können.

Dass in dieser Behörde meist auch der Herr Pfarrer und einer der Lehrer Einsitz hatten, zeigt sich an der aufgepfefferten Version einer amtlichen Anzeige, die es über den Bülach-Dielsdorfer Volksfreund (später: Neues Bülacher Tagblatt) in eine andere freisinnige Regionalzeitung schaffte, das heutige Thuner Tagblatt:

«Amtlicher Styl. Im „Bülach-Dielsdorfer Volksfreund" liest man folgende Anzeige von Weiach: „Weil diesen Winter kein Steckenhau unter die Bürger vertheilt wird und man die gewöhnlichen Maßregeln nicht in Anwendung bringen kann, so haben die Ausstehenden, und wenn es selbst Bismarck wäre, sofortigen Rechtstrieb zu gewärtigen. Die Armengutsverwaltung."» (Quelle: Thuner-Blatt, 3. Dezember 1881)

Der amtierende deutsche Reichskanzler Bismarck musste also als Vergleich herhalten. Auch gut Vernetzte mit Zahlungsrückstand, die teils mit Glacéhandschuhen angefasst wurden, erhalten hier einen Schuss vor den Bug: Zahlung oder Betreibung!

In einem Dorf wie Weiach blieb das zwar kaum einem verborgen, wenn der Gemeindeammann (Betreibungsbeamter) bei jemandem vorstellig wurde.

In diesen Jahren ging es allerdings vielen Weiachern wirtschaftlich sehr schlecht, was sich in einer extremen Häufung von Betreibungen, Konkursen und Versilberungsganten äusserte. Entsprechend unbeliebt machte sich der Gemeindeammann – ein öffentliches Amt, das man als Gewählter so schnell wie möglich wieder loszuwerden versuchte.

Dass eine solch klare öffentliche Ansage gerade in diesen Jahren stattfand ist also indirekt auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an die Adresse des Weiacher Gemeindeammanns. Denn der wurde im selbigen Jahr «gerichtlich wegen fahrläßiger Amtspflichtverletzung bestraft», wie schon sein Amtsvorgänger im Jahre 1876. Das kann man den «Rechenschaftsberichten» des Obergericht an den Kantonsrat für die fraglichen Jahre entnehmen (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 36).

Quellen

Sonntag, 10. November 2019

Staatliches Angstmanagement

«Hexen! Überall Hexen!» – diesen Alarmruf ihrer Untertanen vernahmen die «ehrenvesten» und «wysen» Herren des Zürcher Rates ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert immer häufiger, drängender. Auch aus Weiach. Zu grosse Bevölkerungsdichte, Missernten, Streit in der Dorfgemeinschaft. Die Menschen bekamen es zunehmend mit der Angst zu tun.

Hexenglaube war Mainstream

Nun waren weite Teile der Bevölkerung felsenfest davon überzeugt, dass es a) Hexen gebe, die mit dem Teufel im Bunde stehen, b) diese den Schadenzauber beherrschten und damit äusserst gefährlich seien und c) man sie nicht am Leben lassen sollte. Das letztere erfuhren auch einfache Leute (da sie seit der Reformation vermehrt selber in der Bibel lesen konnten) aus dem 2. Buch Mose 22, 17, wo es heisst: «Eine Zauberin sollst Du nicht am Leben lassen». Todesstrafe für Hexen war also ein Auftrag direkt aus der Bibel. Und: Hexenglaube war Mainstream.

Und das blieb er noch bis weit in die Aufklärung hinein auch in Mitteleuropa, wie man dem «Grossen vollständigen Universallexicon» von Johann Heinrich Zedler von 1735 entnehmen kann. Nach ausführlicher Erklärung, was man unter Hexen zu verstehen habe, hält der Zedler fest: «Ob es nun dergleichen Hexen gebe, wie wir sie beschrieben haben, darüber ist ein grosser Streit. Der gemeine Hauffen spricht ja, etliche wenige sonderbare Köpffe aber sprechen nein.»

Es spielt nun keine Rolle, ob man als Zürcher Stadtbürger, der sich als Obervogt, Landvogt oder Pfarrer mit diesem Volksglauben konfrontiert sah, an Hexerei glaubte oder nicht. Wenn die Ängste der Untertanen so übermächtig werden, dass sie die eigene Macht gefährden, dann muss man handeln. Zumal dann, wenn aus der eigenen Führungsschicht auch einige der Massgebenden die Vorstellungen des Volkes teilen. Und erst recht, wenn diese bereit sind, jemanden, der nicht an Hexerei glaubt und daher geneigt ist, eine als Hexe denunzierte Person laufen zu lassen, ohne Umschweife als selber mit dem Teufel im Bunde Stehenden zu diffamieren. Im besseren Fall konnte einen das Amt und Würden kosten, im schlechtesten Gesundheit und Leben.

Und so machte wohl mancher beim Hexenwahn des 16. und 17. Jahrhunderts mit, auch wenn er insgeheim daran zweifelte, dass die zum Tode Verurteilten schuldig seien oder auch nur, dass sich mit deren brutaler physischen Vernichtung die Ängste der Untertanen auch nur halbwegs aus dem Weg räumen liessen. Bevor man also ob dieser – heute offensichtlichen – Justizmorde (u.a. an fünf Frauen aus Weiach, die in Zürich auf einer Kiesbank in der Sihl verbrannt wurden) den Stab über den Urteilssprechern bricht, sollte man sich die Frage stellen: «Wie hätte ich in dieser Situation gehandelt?»

Erst die fortschreitende Aufklärung hat eine Mehrheit der Personen in Machtstellungen darin bestärkt, auf den Volksglauben (vgl. Zedler-Zitat oben) nicht mehr allzu viel zu geben. Ausnahmen mit Todesurteil, wie der Wasterkinger Hexenprozess von 1701 oder gar die letzte Hexenhinrichtung der Schweiz (Anna Göldi im Kanton Glarus, 1782) bestätigen die Regel.

Und heute?

Wir Heutigen befinden uns zusehends in einer ähnlichen Lage. Lautstarke Gruppen mit Social Media-Megaphonen gehen im globalen Dorf umher und zeigen mit dem Finger auf postmoderne Äquivalente von Hexen.

Die heutigen Hexen, das sind Personen, die sich als Kristallisationspunkt der gefühlten diffusen Bedrohung der eigenen Lebenswelt, Zukunft, etc., kurz: der persönlichen Sicherheit, eignen. Und die damit als Sündenböcke für eine aus den Fugen geratende Welt herhalten sollen. Die sogenannten Qualitätsmedien unserer Tage verstärken solche Trends (gewollt oder ungewollt), denn Zuspitzungen aufs Emotionale kommen immer gut an – und letztlich soll ja auch die Kasse stimmen.

Wie ist das mit den Ängsten? Nehmen wir Flugzeugabstürze als Beispiel. Die haben einen ganz hohen Schreckensfaktor. Weil man da in einer Blechdose sitzt, nicht aussteigen kann und den Piloten vorne voll und ganz vertrauen muss. Den Strassenverkehr empfinden dagegen viele als kleineres Risiko, weil man da glaubt, es selber im Griff zu haben und obwohl man wissen könnte, dass in kleinen Portionen gesamthaft täglich um Grössenordnungen mehr Menschen ums Leben kommen als bei den medial im Wochentakt aus der ganzen Welt gemeldeten Flugzeughavarien.

In einer Welt, die dank moderner Technik für die Mehrheit der in Mitteleuropa Lebenden weit sicherer ist als noch vor einigen Jahrzehnten, in dieser Welt werden alle möglichen und unmöglichen Unwägbarkeiten des Lebens zu unerträglichen Bedrohungen aufgebauscht.

Dämonenbewirtschaftung

So werden die inneren Dämonen der Menschen auch heute bewirtschaftet. Darüber sind sich in Verantwortung Stehende heutiger Tage nur allzu bewusst. Ein Shitstorm mit freundlicher Begleitung durch den Kampagnenjournalismus kann einen locker die Position kosten. Also ist man äusserst vorsichtig. In modernem Neusprech: risikoavers. Und: Risikoaversion ist Mainstream.

Kein Wunder erliegen Parlamentarier jeglicher Couleur der populistischen Versuchung, bei jedem für sich selber stehend noch so kleinen – wenn auch für das Opfer tragischen – Vorfall, sofort mit der ganz grossen Keule «Abhilfe» schaffen zu wollen. Mit Postulaten, Motionen, Interpellationen und was der Rats-Instrumente mehr sind.

Ein paar Raser – die es notabene seit dem Aufkommen der Automobile gegeben hat – reichen aus, um die Strafbestimmungen des Strassenverkehrsgesetzes mit knallharten Artikeln anzureichern, bei denen das vom Richter zwingend zu berücksichtigende Strafmass in keinem Verhältnis zu anderen Vergehen und Verbrechen steht. Ein durchgeknallter Armeeangehöriger, der mit dem Sturmgewehr eine an einer Bushaltestelle wartende junge Frau erschiesst, reicht letztlich aus, um heute ALLE Stellungspflichtigen einer sogenannten Personensicherheitsprüfung zu unterziehen. Und da werden dann proaktiv Stellungspflichtige aussortiert, deren Jugendsünden in früheren Jahrzehnten selten aktenkundig geworden wären.

Diese Entwicklung ist wenig verwunderlich. Denn: macht man nichts, kann man als Verantwortlicher sicher sein, dass einen die «Qualitätsmedien» spätestens beim nächsten ähnlich gelagerten Vorfall öffentlich zum Abschuss freigeben werden.

Rechtsstaat ade in der Uujäääää!-Gesellschaft?

Regierungsräte, Bezirksstatthalter, KESB-Verantwortliche, Gemeindepräsidenten, Richter, Staatsanwälte, Polizeikommandanten. Sie alle müssen damit rechnen beim Übersehen eines aktenkundig gewordenen Vorfalls medial in die Pfanne gehauen zu werden, wenn sie nicht plausibel abstreiten können, von all dem nichts gewusst zu haben. Und diese Abstreitbarkeit ist halt nur dann gegeben, wenn nichts, aber auch wirklich gar nichts Schriftliches vorhanden ist, was Whistleblower leaken oder Journalisten ausgraben könnten.

Die herrschende Nullrisikomentalität in unserer Gesellschaft führt dazu, dass, wie Daniel Binswanger gestern auf republik.ch schreibt, der «Präventionsgedanke» den Rechtsstaat immer häufiger aushebelt. Heisst: eine mögliche Tat proaktiv verhindert werden soll. Es gebe einen «Paradigmenwandel» von der Sanktion (Freiheitsstrafe oder Geldbusse) hin zu präventiven Massnahmen. Und das selbst dann, wenn noch keine Straftat begangen wurde, die beispielsweise eine Verwahrung rechtfertigen würde.

Die Angst vor Rückfällen macht Strafjustiz immer häufiger zu einer Präventionsveranstaltung. Forensische Psychiater (wie Frank Urbaniok), die modernen Schamanen des Risikomanagements, machen sich bewaffnet mit elektronischen Tools aller Art auf, den Verantwortlichen im Justizsystem den Hintern abzusichern. Und weil natürlich auch diese aus dem Dunstkreis der Medizin stammenden Fachpersonen sich absichern wollen, werden sie im Zweifel gegen den «Angeklagten» entscheiden und ihre Gutachten entsprechend vorsichtig formulieren. Sicher ist sicher. Dasselbe gilt für die Hersteller der Beurteilungssoftware. Im Zweifel produzieren sie lieber ein paar «false positives» zu viel. Alle Beteiligten können sich damit beruhigen, dass die modernen Hexen «nur» noch sozial und beruflich verbrannt werden. Oder in Raten von jeweils fünf Jahren letztlich lebenslänglich weggesperrt.

Man kann sich fragen, wo all das noch hinführt. Schon heute nimmt der Staat Armeeangehörigen die Dienstwaffe auf unbestimmte Zeit weg, wenn auch nur der kleinste Hinweis auf Eigen- oder Fremdgefährung nicht durch ein forensisch-psychiatrisches Gutachten vollständig ausgeräumt werden kann. Wann werden wohl Strassenverkehrsämter auf die Idee kommen, gestützt auf Art. 16 Abs. 1 Bst. c SVG bei diesen Armeeangehörigen vorsorglich auch gleich einen unbefristeten Führerausweisentzug wegen fehlender Fahreignung zu verfügen?

Sicher ist schliesslich sicher, oder?

Lesehinweis

Donnerstag, 31. Oktober 2019

Der Briefträger des Oberstkorpskommandanten

Zum 14. Geburtstag des WeiachBlog (vgl. Nr. 1) eine kleine Anekdote aus den Erinnerungen unseres Dorfkünstlers Hans Rutschmann-Griesser. Er war bekanntlich über Jahrzehnte hinweg als Briefträger in Bülach tätig - und deshalb passt es auch perfekt, dass er seit den 50er-Jahren an der Alten Poststrasse 4 in Weiach wohnt.

Als Briefträger war Hans für das Quartier Niederflachs zuständig, das zwischen der Kaserne und der Bülacher Altstadt liegt. Schon Ende der 60er-Jahre gab es da viele Wohnblöcke, in denen vornehmlich Arbeiterfamilien lebten. Die Väter verdienten in der Glasindustrie, bei Sulzer, Landert Motoren, etc. den Lebensunterhalt.

Hans erzählte dem Redaktor des WeiachBlog, er habe letzthin von «Oberstkorpskommandant» Aldo Schellenberg gelesen. Und sich erinnert, dass in seinem Zustellbereich auch die Familie Schellenberg-Forlin (Nachname der Ehefrau nach Gehör notiert) gewohnt habe.

Einmal habe er einen eingeschriebenen Brief abgeben müssen. Mutter Schellenberg habe diesen gleich vor ihm aufgerissen und gelesen. Dabei sei sie in Tränen ausgebrochen. Tränen der Freude:  «Aldo hat die Aufnahmeprüfung in die Kantonsschule bestanden!». Ja, und jetzt sei aus dem Arbeiterbub Aldo ein Oberstkorpskommandant geworden.

Gradkenntnisse aus der RS bleiben im Gedächtnis

Von der seit 1977 veralteten Bezeichnung «Oberstkorpskommandant» ist unser mittlerweile 91-jähriger Mitbürger nicht abzubringen. Die ist fest im Gedächtnis verankert. Gelernt ist gelernt. Denn wahrscheinlich hat die Schweizer Armee ihren Rekruten schon in den Nachkriegsjahren als erste Lektion Gradkenntnisse und militärisches Grüssen beigebracht. Wie das noch heute am ersten Tag der RS der Fall ist.


Dass es sich bei diesem Buben aus dem Quartier Niederflachs tatsächlich um Korpskommandant Aldo C. Schellenberg, Chef Kommando Operationen und Stellvertreter des Chefs der Schweizer Armee (Bild: vtg.admin.ch) handelt, legt die Formulierung «Schellenberg besuchte die Schulen in Bülach, zuletzt die Kantonsschule Zürcher Unterland, die er 1979 mit der Matura Typus C abschloss» im Wikipedia-Artikel zu seiner Person nahe. Der Wikipedia-Autor mit dem Pseudonym «=» verweist in der Quellenangabe zu seinem Eintrag auf den Lebenslauf in Schellenbergs Dissertation von 1991.

Fazit: in unserem Land ist die soziale Durchlässigkeit von unten nach ganz oben Realität. Ein Arbeitersohn kann es via Studium, Doktorat und Generalstabskarriere bis in die oberste Armeespitze schaffen, vgl. das Curriculum Vitae Schellenbergs.

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Ein Telefon in jeder Küche - wegen Einweihung der Wasserversorgung

Die nachfolgende Kurzmeldung wurde vom Redaktor ohne weiteren Kontext in sein nach ihrem wöchentlichen Erscheinungstag «Freitagszeitung», vom Volksmund «Bürkli-Zeitung» genanntes Blatt gesetzt:

«Eine Wasserversorgung wurde am Sonntag in Weiach eingeweiht. Das Plauderstündchen am Dorfbrunnen soll künftig durchs Telephon, das in jeder Küche anzubringen wäre, ersetzt werden.»

Diese Zeilen werfen Fragen auf.

1. Die erste Haus- und Löschwasserversorgung der Gemeinde Weiach stammt aus dem Jahr 1877. Sie wurde völlig unabhängig vom Leitungs- und Reservoir-System der Dorfbrunnen konzipiert und gebaut. Zwanzig Jahre später kann es also nur um eine Erweiterung der Kapazität, bzw. eine Druckerhöhung gegangen sein, z. B. mit einem zusätzlichen Reservoir für die Hauswasserversorgung. Was da genau eingeweiht wurde? Bleibt einstweilen im Dunkeln.

2. Aus welcher Feder die scherzhaft gemeinte Ankündigung stammt, dass nun jede Küche mit einem Telefonanschluss ausgerüstet werden müsste, ist ebenfalls nicht bekannt. Dass das Telefon ausgerechnet in der Küche platziert werden sollte (also dort, wo die Frauen hingehörten...), ist ein deutlicher Seitenhieb auf den Dorfklatsch, der beim Wasserholen an den Laufbrunnen ausgetauscht werden konnte. Diese Tätigkeit war nun einmal weitgehend Frauensache, vor allem wenn es um Wasser für Wasch- und Kochzwecke ging.

Dass die Zeilen aus Weiach oder der unmittelbaren Nachbarschaft eingesandt wurden, ist nicht unwahrscheinlich, zumal die erste öffentliche Telephon- und Telegraphenstation in Weiach 1895 eingerichtet wurde. Die Idee eines privaten Telefons in jeder Küche einer Landgemeinde erschien wohl damals derart absurd, dass man auch in der Stadt Zürich (Telefonsystem ab 1880 im Aufbau) beim Lesen schmunzelte.

Noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein waren Telefone in Weiacher Privathaushalten keineswegs selbstverständlich. Da musste man schon auf der Post oder in einer Gastwirtschaft anrufen. Und der Gesprächspartner wurde dann ans Telefon gerufen.

Quelle

  • Zürcherische Freitagszeitung, Nummer 48, 26. November 1897

Montag, 28. Oktober 2019

Der Storch im Stall

Es sind nicht nur Unglücksfälle und Verbrechen oder die eine oder andere Sportnachricht, die den Ortsnamen Weiach in Massenmedien verbreiten. Manchmal sind es auch Kuriosa. In früheren Zeiten allerdings eher als heutzutage. Anfangs des 20. Jahrhunderts brachte der Bote vom Untersee, eine Thurgauer Regionalzeitung, die folgende Kurzmeldung:

«Zürich. In Weiach ließ sich laut "L.-B." ein Storch, der wahrscheinlich die Südreise mit seinen Kameraden nicht mehr mitmachen konnte und von denselben verstoßen wurde, von einem Bürger ganz willig fangen. Er fühlt sich seither ganz heimelig neben den andern Haustieren im Stalle und erfreut sich der besten Gesundheit. Bei warmem Wetter macht er seine Promenaden.»

Mit «"L.-B."» ist ziemlich sicher der «Lägern-Bote» gemeint, der 1949 mit der «Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung» zum «Zürcher Unterländer» fusioniert hat.

Die zitierte Kurzmeldung war in der Rubrik «Kantone» eingefügt. Sie folgte nach dem Leitartikel auf Seite 1 und den Rubriken «Eidgenossenschaft» und «Thurgau». Über das «Ausland» wurde erst nach den Kantonen berichtet.

Unfreiwillig komisch wirkt der Titel des Leitartikels derselben Ausgabe, in dem sich der Weiacher Stall-Storch findet: «Die Gefährlichkeit der Haustiere für die Gesundheit des Menschen»!

Damals problemlos, heute nur mit obrigkeitlicher Bewilligung und Ausbildung erlaubt

Heutzutage müsste jeder, der einem Storch in seinem Stall einfach so Asyl gewährte, damit rechnen, ins Fadenkreuz des Kantons zu geraten, der dann mit der Tierschutzverordnung (TSchV) wedelt.

Der Storch gilt als nicht domestiziert und damit gemäss Art. 2 Abs. 1 Bst. b TSchV als Wildtier. Stelzvögel, wozu auch die Störche zählen, dürfen von Privaten gemäss Art. 89 Bst. d TSchV nur mit einer Bewilligung (des Kantons) gehalten werden.

Dann schlägt Art. 85 Abs. 1 TSchV zu: «In bewilligungspflichtigen Wildtierhaltungen müssen die Tiere unter der Verantwortung einer Tierpflegerin oder eines Tierpflegers betreut werden

Unser Bauer von 1902 hätte aber Glück, dass es nur um diesen einen Storch geht. Nach Art. 85 Abs. 2 TSchV muss er deswegen keinen ausgebildeten Tierpfleger anstellen. Aber er braucht wohl noch eine «fachspezifische berufsunabhängige Ausbildung» gemäss Art. 197 TSchV. Ich würde aber fast wetten, dass es einen solchen Kurs nicht gibt.

Wie das Bewilligungsverfahren abläuft, lässt Art. 94 erahnen: «Für das Gesuch ist die Formularvorlage des BLV nach Artikel 209a Absatz 2 zu verwenden.» Artikel 209 derselben Tierschutzverordnung natürlich.

Damit aber nicht genug. Die Räume, in denen der Storch lebt, müssen nicht nur für ihn geeignet sein. Auch ein Entweichen muss ausgeschlossen sein (Art. 95 TSchV). Also nix mit freien Spaziergängen bei schönem Wetter. Und: es muss eine Tierbestandeskontrolle geführt werden (Art. 93 TSchV).

O, sankta Bürokrazia!

Quellen
  • Bote vom Untersee. Publikations-Organ für den Bezirk Steckborn (späterer Titel: Bote vom Untersee und Rhein), 19. November 1902 - S. 2 (Link auf: e-newspaperarchives.ch)
  • Schweizerischer Bundesrat: Tierschutzverordnung (TSchV) vom 23. April 2008 (Stand am 27. November 2018; PDF)

Samstag, 26. Oktober 2019

Die Einweihung unserer Neidhart&Lhôte-Orgel

Am heutigen Tag vor genau 50 Jahren wurde die gegenwärtige Orgel in der Reformierten Kirche Weiach offiziell eingeweiht.

Nach dem 1866 beschafften Trayser-Harmonium und der 1930 erbauten Kuhn-Orgel (Opus 648) ist es das dritte der Kirchenmusik gewidmete fixe Instrument in diesem Gotteshaus (das von erst dem zweiten von der Kirchgemeinde angestellten Organisten gespielt wird, vgl. WeiachBlog Nr. 1385).

Im Jahre 2020 soll die neobarocke Neidhart-Orgel totalrevidiert werden. Das bedeutet, dass man sie zu Beginn der Renovation der Kirche komplett demontieren wird, Einzelteil für Einzelteil. Diese werden dann alle gründlich unter die Lupe genommen, wo nötig aufgefrischt und schliesslich bis zum Abschluss der im Innern der Kirche erforderlichen Bauarbeiten extern eingelagert.

Ende 2020 (oder Anfang 2021) soll die wieder am alten Platz montierte Orgel erneut in alter Pracht erstrahlen - samt dem hölzernen Schleiergitter des Rückpositiv-Prospekts mit dem Weiacher Wappen, das farblich mittlerweile doch ziemlich gelitten hat.

Festgottesdienst am Morgen, Barock-Konzert am Nachmittag

Nachstehend soll es um die beiden zur Einweihung der Orgel organisierten Anlässe gehen. Zur Einweihung hat die Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Weiach ein Faltblatt drucken lassen (Bild des Titelblatts nachstehend), welches das Programm des Tages wiedergibt, zu den technischen Details jedoch fast vollständig schweigt.



Die nachfolgende Transkription der Seiten 2 bis 4 ist für diesen Artikel mit Links auf die Komponistenartikel der Wikipedia sowie Interpretationen der aufgeführten Werke von Youtube angereichert. Auffallend an den gewählten Werken ist ihre durchgehende Verankerung in der Zeit des Barocks. Mit Ausnahme von Bach und Händel haben diese Kirchenmusiker und Komponisten ihre aktive Zeit vor dem Bau der Weiacher Kirche gehabt.

Den Vormittag bestritt an der neuen Orgel der Weiacher Organist Walter Harlacher, den Nachmittag der Orgelexperte Jakob Kobelt.

[Seite 2]

Gottesdienst

09.30-09.45 Uhr: Einläuten zum Familiengottesdienst

Eingangsspiel der Orgel

Eingangswort

Kirchenchor: «Schaffe in mir Gott, ein reines Herze»
[Melodie von:] Georg Winer, 1583-1651 [auch bekannt als: Johann Georg Wiener]

Psalmgebet und Loblied der Gemeinde: 52, 1. 5.  «Lobe den Herren»

Bittwort, Schriftlesung

Kirchenchor: Das geistliche Konzert Nr. 75 (Magnificat)
Andreas Hammerschmidt, 1612-1675 [Evangelisch-lutherischer Kirchenkomponist]
Gemeint ist wohl: Der Lobgesang der Maria  Meine Seele Gott erhebt (Magnificat), 1962 erschienen in der Serie Geistliche Chormusik des Stuttgarter Hänssler-Verlags.

Predigt über Psalm 150: «Alles, was Odem hat, lobe den Herrn»

Lied der Gemeinde: 53, 1. 9. 10. «O dass ich tausend Zungen hätte»

Anzeigen

Fürbitte und Gebetsstille

Segen

Schlusslied der Gemeinde: 213, 1. 5. «Brunn allen Heils, dich ehren wir»

Ausgangsspiel der Orgel

Walter Harlacher, Orgel
Kirchenchor Weiach
Solisten, Instrumentalisten
Leitung: Herbert Rumhold

[Seite 3]

Konzert zur Einweihung der neuen Orgel

Einläuten: 14.30-14.45 Uhr

Ausführende:
Hans Suter, Bass
Kammerorchester Kobelt
Jakob Kobelt, Orgel

Programm

Dietrich Buxtehude: Präludium, Fuge und Ciacona in C-Dur für Orgel  [BuxWV 137; Tonbeispiel]

Johann Pachelbel: Partita über «Was Gott tut das ist wohlgetan» für Orgel  [Tonbeispiel]

Dietrich Buxtehude: Kantate «Mein Herz ist bereit» für Bass, Streichinstrumente und Orgel
[Tonbeispiel]

Gerolamo Frescobaldi: Toccata in g für Orgel  [Tonbeispiel]

Domenico Zipoli: Versetten und Pastorale für Orgel [Tonbeispiel]

Arcangelo Corelli: Conterto [sic!] grosso in g-moll für Streichorchester und Orgel  [sog. Weihnachtskonzert; Tonbeispiel]

Johann Sebastian Bach: Drei Orgelchoräle  [gemeint sind wahrscheinlich die Choralvorspiele für Orgel]
a) Komm Schöpfer, Geist  [BWV 631; Tonbeispiel 1; Tonbeispiel 2Tonbeispiel 3]
b) Ich ruf zu dir, Herr Jesu Christ  [BWV 639; Tonbeispiel]
c) Vater unser, im Himmelreich [unklar ob BWV 636, 682 oder 737]

Tripelfuge in Es-Dur  [BWV 552; Tonbeispiel]

Georg Friedrich Händel: Rezitativ und Arie für Bass, Streichorchester und Orgel aus dem «Messias»
Rezitativ und Arie für Bass, Streichorchester und Orgel aus dem «Messias»
Rezitativ: «Denn blick auf, Finsternis deckt das Erdreich»
Arie: «Das Volk, das im Finstern wandelt»

Konzert für Orgel und Orchester in F-Dur  [Aufgrund dieser Angabe kommen mind. 3 Werke in Frage: HWV 292: Orgelkonzert in F-Dur, Op 4 No 4; HWV 293: Orgelkonzert in F-Dur, Op 4 No 5; sowie HWV 295: Orgelkonzert in F-Dur, Der Kuckuck und die Nachtigall]

Eintritt frei -- Kollekte für die Mission

Wie man den obigen Angaben in eckigen Klammern entnehmen kann, ist aufgrund der Angaben im Programm nicht bei jedem aufgeführten Werk zweifelsfrei eruierbar, um welches es sich genau gehandelt hat.

[Seite 4]

Unsere neue Orgel

Im November 1966 hat die Kirchenpflege Weiach eine kleine Schrift herausgegeben mit dem Titel: «Eine neue Orgel für die Kirche Weiach». Am Schluss derselben heisst es: «Wenn alles gut geht, wird die Orgel auf den Advent 1970 in unserer Kirche sein.»

Zu unserer grossen Freude ist alles über Erwarten gut gegangen. Am 1. Oktober dieses Jahres war unsere Orgel fertig eingebaut und gestimmt. Sie besteht aus 3 Teilen: Hauptwerk, Rückpositiv und Pedal. 16 klingende Register mit mehr als 1000 Pfeifen sollen die Ehre Gottes preisen.

Erfreulich gross war das Echo auf die Bitte der Kirchenpflege. Mehr als 200 Gaben im Gesamtbetrag von über 40 000 Fr. sind eingegangen. Der Kreis der Spender erstreckt sich weit über die Grenze unserer Kirchgemeinde hinaus.

Glaubensgenossen von nah und fern bekundeten auf diese Weise ihre stille Verbundenheit mit unserer Dorfkirche. Besonders möchten wir die kräftige Mithilfe der reformierten Kirchgenossenschaft Kaiserstuhl-Fisibach erwähnen.

Im Namen der ganzen Gemeinde möchten Kirchenpflege und Pfarramt allen Spendern von Herzen danken. Viele haben die äussere Gestalt unserer neuen Orgel auf der Empore schon gesehen. Alle sind freundlich eingeladen, ihre Stimme zu hören. Möge sie mit der gewaltigen Fülle ihrer Töne und der Reinheit ihrer Harmonie uns allen helfen, dass wir zusammenfinden und einstimmen in das Lob Gottes.

Experte: Jakob Kobelt, Mitlödi
Gestaltung: Paul Hintermann, Rüschlikon
Ersteller: Neidhart und Lhôte, St. Martin NE

Bereits einige Tage vor der Einweihung (am 22. Oktober 1969) erschien in den Regionalzeitungen Zürcher Unterländer und Zürichbieter der nachstehende Artikel:



[Veröffentlicht am 28. Oktober 2019]

Mittwoch, 23. Oktober 2019

Wahlsiegerin: die Partei der Stimmabstinenten (PdSa)

Eine Zahl ist in Weiach exakt gleich wie vor 4 Jahren. Bei den Nationalratswahlen 2015 wurden gleich viele gültig eingelegte Wahlzettel gezählt wie in diesem Jahr. Nämlich 355.

Damals waren allerdings erst 869 Wahlberechtigte zur Urne gerufen. Dieses Jahr 1114, ein Zuwachs von 28.2%. Bei gleichbleibender Anzahl Stimmzettel stürzt natürlich die Wahlbeteiligung ab. Und zwar massiv. Von 40.8% auf nur noch 31.9%.

Platzhirsch hält sich gleichem Niveau

Vordergründig hat in Weiach die SVP ihren Platzhirsch-Status verteidigt, so wie sie das seit vielen Jahren eindrücklich und mit fast gleichbleibenden Prozentwerten tut. Was bei dem in den letzten Jahren erfolgten massiven Bevölkerungszuwachs doch einigermassen erstaunt.

Nationalratswahlen 2003:
SVP 51.5 %, SP 15.9 %, FDP 7.7 %, EVP 6.8 %, GP 6.3 %, CVP 4.5 %.

Nationalratswahlen 2007:
SVP 54.8%; SP 12.9%; FDP 8.0%; GP 5.9%; GLP 5.1%; CVP 4.7%; EVP 4.3%.

Nationalratswahlen 2011:
SVP 49.9 %, SP 10.3 %, FDP 9.7 %, BDP 7.1%; GLP 5.9%, EVP 4.4 %; CVP 3.7 %, GP 1.9 %. Im Wahljahr 2011 war die SVP erstmals nicht mehr mit absoluter Mehrheit der abgegebenen Stimmen vertreten. Der Grund ist in der Abspaltung der BDP zu suchen.

Nationalratswahlen 2015:
SVP 56.4%, SP 12.1%, FDP 8.2%, EVP 4.7%, GLP 4.7%, BDP 4.5%; GP 2.4%, EDU 2.5%, CVP 2.0%.

Nationalratswahlen 2019:
SVP 55.6%, SP 10.0%, FDP 9.5%, GLP 6.9%; GP 4.8%, CVP 4.7%, EVP 4.0%, BDP 2.7%.

Die heimliche Siegerin

Berechnet man nun aber die tatsächlichen Prozentanteile an allen Wahlberechtigten, dann versammeln die Nichtwählenden in Weiach eine immer stärkere absolute Mehrheit hinter sich. Da kann auch die SVP glatt einpacken. Die Zahlen 2019: Stimmabstinente: 68.1%; SVP: 17.7%; SP: 3.2%; FDP: 3.0%; etc. In anderen Gemeinden ist das Resultat kaum anders. Nur die Reihenfolge hinter den Stimmabstinenten variiert.

Die Partei der Stimmabstinenten (PdSa) ist also eine extrem mächtige Gruppierung. Sie besteht mutmasslich aus Dutzenden von Splittergruppen, die eine geheime Nicht-Listenverbindung eingegangen sind. Darunter der aus dem Süden inspirierte «Movimento Tutti Ladri» (zu deutsch: SaGP; Sowieso-alles-Gauner-Partei), die Bürgerunbewegung «Mir-isch-glich», das Bündnis «Chume-nöd-druus» und weitere, lediglich Soziologen, Meinungsforschern und dem einen oder andern nicht auf den Kopf gefallenen Journalisten zugängliche Gruppen.

Trotzdem gut, dass es Parlamente gibt

Die PdSa zeigt ihre Macht in unserer direkten Demokratie vor allem bei Sachvorlagen. Da erwischt es die Etablierten regelmässig auf dem linken Fuss. Nicht nur die Parteien, den Bundesrat gleich mit.

Und das ist gut so, sonst könnte unsere Landesregierung glatt auf die Idee kommen, sich des lästigen Parlaments zu entledigen. Und nur noch mittels Dekreten und dem einen oder anderen Volksentscheid durchzuregieren (vgl. WeiachBlog Nr. 1410).

Ohne die manchmal als Schwatzbude und Lobbyisten-Karussell verschrieene Institutition Bundesversammlung, welche die Vielfalt der Meinungen zumindest in Ansätzen abbildet, könnte sich die Regierung wie weiland zu Zeiten der Helvetik ganz einfach auf die schweigende Mehrheit abstützen.

So wie bei der Abstimmung zur Zweiten Helvetischen Verfassung von 1802: Wer nicht abstimmte, dem wurde unterstellt, er sei für die Regierungslinie. Und so sagten die Weiacher im Mai 1802 geschlossen Ja (weil 100% PdSa!, vgl. WeiachBlog Nr. 663).

Freitag, 18. Oktober 2019

Neidhart&Lhôte-Orgel Weiach: Nur ein Rückpositiv bringt's!

Gegen Ende Oktober vor 50 Jahren konnte die gegenwärtige Weiacher Orgel als eines der letzten Elemente der Gesamtrestauration festlich eingeweiht werden. Dass sie so aussieht, wie wir sie heute kennen, nämlich mit einem Rückpositiv (RP), das über der Emporenbrüstung platziert ist, ist keineswegs selbstverständlich.

Eidgenössische Kommission droht mit Entzug aller Bundesubventionen

Die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (EKD) sowie die Kantonale Denkmalpflege Zürich waren erklärte Gegner eines Rückpositiv. Dieses würde den bisherigen optischen Eindruck der Empore massiv beeinträchtigen, fanden sie.

Der Orgelexperte Jakob Kobelt, die Orgelbaufirma Neidhart & Lhôte, der Architekt der Gesamtrestaurierung, Paul Hintermann sowie die Kirchenpflege Weiach hingegen wollten nicht auf ein zweites Manual verzichten und argumentierten u.a., ein Oberwerk statt eines Rückpositivs würde mehrere Monate im Jahr unbenutzbar sein (vgl. unten).

Dieser Streit mit verhärteten Fronten dauerte mehrere Monate lang an und blockierte den Bau unserer Orgel. Aus den handschriftlichen Unterlagen des Orgelexperten, die als Teil seines Nachlasses in der Musikabteilung der Zentralbibliothek Zürich liegen, geht hervor, dass die Denkmalpfleger der Kirchgemeinde Weiach im Sommer 1966 mündlich gar den vollständigen Entzug aller Bundessubventionen angedroht hatten, sollte man auf dem Bau eines Rückpositivs beharren!

Sechs bis sieben Monate im Jahr unbrauchbares Oberwerk?

Dieses Rückpositiv war aber aus Sicht der Gemeinde unverzichtbar, wie nach Versuchen und Nachforschungen von Georges Lhôte klar wurde.

Lhôte schrieb im Januar 1967 an den Architekten Hintermann, am gegebenen Standort auf der Empore ein Oberwerk einzubauen, führe zu grossen Problemen:

«L’OW se trouve beaucoup trop près du plafond de l’église, à un niveau où il se produit toujours une couche de concentration de la chaleur. Ce clavier sera injouable pendant 6 ou 7 mois par an!» (Brief Nr. 8 im Nachlass Kobelt, Dossier Weiach; Signatur: ZBZ Mus NL 118: W6, Fasz. 1)

Technisch sei ein Oberwerk zwar realisierbar, aber in allen anderen Aspekten völlig unbefriedigend. Ein Unterwerk sei auch keine Lösung, da man es nicht mehr höre, wenn Sänger auf der Empore darum herum gruppiert seien. Seiner Meinung nach gebe es deshalb keine andere Lösung als ein Rückpositiv, wenn man eine zweimanualige Orgel wolle.

Und die Kirchgemeinde Weiach wollte unbedingt wieder eine zweimanualige Orgel, um neben der Gottesdienstbegleitung auch das ein oder andere Konzert veranstalten zu können.

Vier Varianten zur Diskussion

Am 22. Mai 1967 schliesslich schrieb der von der Kirchgemeinde Weiach beauftragte Orgelexperte Jakob Kobelt, der gleichzeitig auch Konsulent der EKD war, aus Mitlödi GL an die Eidgenössische Kommission für Denkmalpflege (Sekretariat an der Gasometerstrasse in der Stadt Zürich), vertreten durch den Kommissionspräsidenten, Prof. Dr. A. Schmid (Brief Nr. 10 im Nachlass Kobelt, Dossier Weiach; Signatur: ZBZ Mus NL 118: W6, Fasz. 1):

Betrifft: Orgel, Kirche Weiach

Sehr geehrter Herr Professor,

Die Angelegenheit mit dem Einbau einer neuen Orgel in der Kirche Weiach wurde vom Orgelbauer Georges Lhôte, vom Architekten Paul Hintermann, von Herrn Dr. Albert Knöpfli
[Mitglied der EKD] und mir nochmals gründlich beraten. Verschiedene Vorschläge und Projekte wurden einander gegenübergestellt, und vor allem wurde die von der EKD empfohlene Lösung (HW+OW, ohne Rückpositiv) geprüft.

Von verschiedenen Vorschlägen wurden Plan-Skizzen angefertigt, ich beziehe mich im folgenden auf die diesem Schreiben beiliegenden Pläne.

1. Plan A    Orgel mit reduziertem Rückpositiv
2. Plan A1  Orgel wie in Projekt
3. Plan B    Orgel mit Oberwerk, über geteiltem Hauptwerk
4. Plan C    Orgel mit Oberwerk, hinter Hauptwerk zurückgesetzt






Alle vier Lösungen sehen eine zweimanualige Orgel mit Pedal vor. Die Forderung der Gemeinde Weiach auf ein Orgelwerk mit zwei Manualen und Pedal ist berechtigt, ein einmanualiges Instrument kommt nicht in Frage.

Der Vorschlag der EKD und die Forderung der Kant. Denkmalpflege, auf das Rückpositiv zu verzichten, wurde eingehend geprüft und in den Plänen B und C aufgezeichnet.

Zu den Vorschlägen sei folgendes bemerkt:

I. Die Lösungen mit Oberwerk (Pläne B und C)

Beide Lösungen haben folgende Nachteile:

a) Das Oberwerk kann aus Platzgründen nur 2-füssig gebaut werden. Da das HW auf 8'-Basis steht, stehen die beiden Werke nicht im richtigen Verhältnis zueinander. Die 8'-Basis für das HW ist durch die Grösse des Raumes gegeben. Die klangliche Relation zwischen HW und OW ist gestört.


[Seitenwechsel]

b) Steht das OW in der gleichen Front wie das HW (Lösung B), so muss das HW geteilt werden, eine für diesen Raum unbefriedigende Lösung: der Klang des HW wird gespalten.

c) Steht das OW hinter dem HW (Lösung C), dann kann das HW wohl zusammengebaut werden, optisch gibt es keine befriedigende Lösung, das zurückgesetzte OW stört das Bild.

d) Während der ganzen Heizperiode kann die Orgel nicht in Stimmung gehalten werden. Das OW steht unmittelbar unter der Decke und ist mit seinen kleinen Pfeifen ausserordentlich heikel in Bezug auf Stimmungsschwankungen, hervorgerufen durch die wärmere Temperatur unmittelbar unter der Decke. Das Spiel auf dem OW wäre während der ganzen Heizperiode, also gut ein halbes Jahr lang, in Frage gestellt.

Beide Lösungen können vom Orgelbaulichen her nicht verantwortet werden. Als Orgelbauberater der Gemeinde Weiach muss ich die Lösungen mit einem OW ablehnen. Zum gleichen Standpunkt sind die Herren Dr. A. Knöpfli, Architekt Hintermann und vor allem auch der Orgelbauer gekommen.

II. Die Lösungen mit dem Rückpositiv (Pläne A und A1)

Bei A 1 handelt es sich um die von der Denkmalpflege angefochtene Lösung. HW und RP stehen auf der Basis 8' bzw 4'. HW- und RP-Prospekt beginnen mit C.

Demgegenüber schlagen wir als Lösung die Orgel nach Plan A vor. Die Prospekte beginnen ab E, die Gehäuse werden also reduziert. Nur die Lösung mit dem RP kann als werkgerecht und orgelbaulich in jeder Beziehung befriedigend bezeichnet werden.

Das RP kann ohne konstruktive Störung der Empore und Brüstung eingebaut werden.

Die oben genannten Herren sind einhellig der Ansicht, dass nach ernsthafter Prüfung der verschiedenen Vorschläge nur die Lösung nach Plan A in Frage kommen kann. Ich beantrage daher, die Denkmalpflege möchte die Sache nochmals prüfen und auf ihren Beschluss (kein Rückpositiv!) zurückkommen. Der berechtigte Wunsch der Gemeinde, eine gute Orgel zu erhalten, ein Instrument, das der kirchenmusikalischen Praxis in allen Belangen gerecht werden kann, sollte nicht einfach übergangen werden. Der restaurierte Kirchenraum soll dem lebendigen Gottesdienst der heutigen Gemeinde dienen, und an diesem hat die Kirchenmusik doch einen wesentlichen Anteil.

Mit vorzüglicher Hochachtung

[Durchschlag nicht unterzeichnet]

Beilagen
Kopie mit Plänen A, A1, B, C an Herrn Dr. A. Knöpfli, 8355 Aadorf
Kopie ohne Beilagen an Herrn Paul Hintermann, Architekt, 8803 Rüschlikon