Mittwoch, 3. August 2022

Strübis Rächnigsbüechli

«Nach Strübis Rächnigsbüechli». So hört man es – zuweilen verschrieben als «Stübis Rächnigsbüechli» – von Personen mit Wurzeln im bernischen Macht- und Einflussbereich. Die volkstümliche geflügelte Redewendung bedeutet dasselbe, wie wenn ein Deutscher sagt, er rechne «nach Adam Ries(e)». Damit erhebt man Anspruch auf die Richtigkeit eines Rechnungsergebnisses.

Was steckt dahinter? Eine reale Person? Und wie sieht dieses ominöse Rächnigsbüechli aus, von dem da immer wieder die Rede ist?

Lang ist's her...

Ja, Strübi hat wirklich gelebt. Im 16. Jahrhundert. Also in einer Zeit des grossen Umbruchs. Die Folgen der Entdeckung und Kolonisation der neuen Welt westlich des Atlantik, die Umwälzungen im wirtschaftlichen Bereich durch den überhand nehmenden Finanzkapitalismus, Reformbewegungen im religiösen Bereich und vieles mehr erschütterte das damalige Europa in seinen Grundfesten. 

Am 1. August war in WeiachBlog Nr. 1848 die Rede vom schönen Schweizer Stier. In just diesen Jahren als besagtes patriotische Flugblatt gedruckt wurde, da erschien 1588 in Zürich bei Froschauer auch ein 260-seitiges Werk unter dem Titel «Arithmetica. Ein neüw kunstlich Rechenbüchlin mit der Zipher», verfasst durch einen Heinrich Strübi, Rechenmeister (wie er sich in der Vorrede selber bezeichnete):

Wie damals üblich war der Titel auch eine Werbebotschaft und erfüllte den Zweck den heutzutage Klappentexte und dergleichen erfüllen: «Arithmetica. Ein neüw kunstlich Rechenbüchlin mit der Zipher, in wellichem die Anfeng unnd Gründ dess Rechnens in gantzen und gebrochnen so klar unnd verstendtlich begriffen und an Tag geben werden, dergleich vor nie in Truck kommen, dass auch ein yeder so zimlichs verstands, das Rechnen von sich selbst daruss wol ergreiffen mag / mit Fleiss zuosammen getragen durch Heinrich Strübi, der neüwen Teütschen Schuol zuo Zürych Ordinarium Schuol und Rechenmeister».

Wer nicht ganz auf den Kopf gefallen sei, der könne sich mit diesem Werk autodidaktisch das Rechnen beibringen, so das Verkaufsargument von Verleger und Autor.

Mathematik-Lehrbuch für Autodidakten. Deutsch und deutlich.

Erschienen ist das Werk im Oktavformat. Und im Jahre 1599 wurde ein Nachdruck herausgegeben (Graf 1889, S. II 12). Das Besondere war, wie bei Adam Ries (1492/93-1559), der seine Büchlein zum Rechnen auf dem Rechenbrett 1518 («Rechnung auff der linihen») und 1522 veröffentlicht hatte, dass sie in deutscher Sprache verfasst sind.

Mit diesen Werken konnte auch jemand, der nicht eine Lateinschule besucht hatte, also kein Gelehrter war, auf einfache Weise kaufmännisches Rechnen lernen. Rieses Werk von 1518 wurde in der zweiten Auflage ausdrücklich als für Kinder geeignet bezeichnet. Und sein bekanntestes Werk von 1522 erfuhr über die Zeit hinweg mindestens 120 Auflagen (Raubkopien sind da noch nicht eingerechnet).

Dass diese Fähigkeit bei ständig zunehmender Bedeutung des Geldwesens von ganz besonderer Bedeutung ist, bedarf keiner Erläuterung. Diese Rechenlehrwerke waren sozusagen finanzielle Selbstverteidigung. Und wie gesagt: Dazu musste man nur Deutsch lesen können. Die Bibel wurde von Luther und Zwingli in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in ebendiese Volkssprache übersetzt und war dank Buchdruck für breitere Kreise erschwinglich, namentlich für das Bürgertum der Städte. Wer die Bibel lesen konnte, der konnte jetzt auch rechnen lernen. 

Wie Strübis Werk eingebernert wurde

Aus protestantischer Sicht war Rieses einziger Mangel, dass er aus dem katholischen gebliebenen Fürstbistum Bamberg stammte. Da kam in Zürich natürlich ein Werk wie das von Strübi wie gerufen.

Heinrich Strübi war Lehrer an der Teütschen Schuol zuo Zürych, derjenigen Lehrinstitution, in der man sich abseits akademischer Gelehrsamkeit praktische Kompetenzen aneignen konnte. Und gemäss Leu's Lexicon (Bd. XVII, S. 689) aus dem Jahre 1762 stammt er auch aus einer Zürcher Familie:

«Ein ausgestorbenes Geschlecht der Stadt Zürich, aus welchen einige Pfarr-Dienst bekommen, und Heinrich A. 1588. Arithmeticam oder Rechenbuch in Druck gegeben, welches An. 1685 in 8vo zu Bern wieder gedruckt worden.»

Hier haben wir einen Hinweis darauf, warum Strübi in bernischen Landen noch heute ein Begriff ist, sich hingegen in Zürich ausser ein paar Fachspezialisten kein Mensch an ihn erinnert.

In Bern hatte man Strübis Rechenlehrbuch bereits 1619 nachgedruckt. Und 1685 eine erweiterte Fassung auf den Markt gebracht, wie Graf 1889 festhielt:

«Heinrich Strübi, deutscher Schul- und Rechenmeister in Zürich, hat für die Schweiz dieselbe Bedeutung wie Adam Riese für Deutschland und starb am 12. XII 1594, indem er «ab einem pferdtstall» fiel. Sein Büchlein wurde 1619 bei Abraham Weerli in Bern neu aufgelegt und erlebte sogar noch 1685 in Bern eine neue Auflage.»

«Arithmetica; das ist, Ein Rechenbuch mit der Ziffer: Darinn die Anfäng und Gründ der Rechenkunst, im gantzen und gebrochnen aufs klarlichste dargethan sind / Durch H. Heinrich Struebi, Bey leben Ordinari-Schul- und Rechen-Meister in Zürich. Aufs neue übersehen, und an vielen Orten verbessert. Sampt einer kurtzen Anweisung, wie underschiedliche Müntz-Sorten der benachbarten Orten, in Schweitzer- oder Bärner-Währung, und diese in obangezogene geschwind können umgesetzt werden. Getruckt zu BERN, In Hoch-Oberkeitlicher Truckerey, durch Andreas Hügenet. 1685»

Für die durch die Staatsdruckerei (!) produzierte Ausgabe von 1685 (Universitätsbibliothek Bern, MUE Rar alt 9976; Nationalbibliothek L Nat 1543) wurde das Vorwort Strübis stark gekürzt und dafür im Anhang mit Umrechnungs-Anweisungen versehen, die für einen Berner von Belang waren:

«Kurtzer Bericht von underschiedlichen Müntz-Sorten, wie solche in benachbarten Orten geführt, und gegen Schweitzer- oder Bärn-Währung geschwind und leicht können umgesetzt werden. Folget ein Bericht, in was Valor allerhand aussländische Müntzen in hiesiger Statt Bärn und andern benachbarten Orten seyen.»

Vom abrupten Ableben des Heinrich Strübi

Oben ist bereits Graf 1889 zitiert mit dem Hinweis, Strübi sei am 12. Dezember 1594 gestorben, weil er vom Dach eines Pferdestalls hinuntergefallen sei. Ältere Sekundärliteratur (Originalquellen über Strübi sind rar) hingegen sieht die Todesursache völlig anders. So schreibt Johann Rudolf Wolf in seinen Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz:, zu Strübi müsse nachgetragen werden, «daß er nach Meiß "ab einem pferdtfal" 1594 XII. 12 starb, und daß von seiner Arithmetik noch 1685 zu Bern eine neue Auflage veranstaltet wurde.» (Wolf 1862, S. 63, Fn-20). Nach Meiss ist Strübi also vom Pferd gefallen und an den direkten oder mittelbaren Folgen dieses Sturzes gestorben.

«Ab einem pferdtfal» (1862) vs. «ab einem pferdtstall fiel» (1889). Da hat sich Graf wohl verlesen, was vorkommen kann, den f und s sehen sich in Frakturschrift sehr ähnlich. Nicht die einzige Ungenauigkeit bei Graf, denn seine Formulierung «Heinrich Strübi, deutscher Schul- und Rechenmeister in Zürich» lässt für sich stehend die Interpretation zu, dass er aus Deutschland war. Gemeint sein sollte aber, dass er Lehrer an der teutschen Schule in Zürich war (einer Art Realschule), dies im Gegensatz zur Latein-Schule, dem Carolinum (einer Art Gymnasium). 

Auch aus einem späteren Werk von Wolf über Astronomie von 1890/91 geht deutlich hervor, dass Strübi in Zürich geboren und ebenda gestorben ist. Strübi war also Schweizer. Adam Ries (1492/93-1559) stammte aus dem Fürstbistum Bamberg (heute zu Bayern), war also eindeutig Deutscher. Auch schon nach damaliger Auffassung, denn die faktische Abspaltung der Eidgenossenschaft vom Reich hatte sich nach dem Schwabenkrieg 1499 vollzogen:

«Aus dem 16. Jahrhundert sind als Rechenmeister "par excellence" Adam Riese (Staffelstein zu Bamberg 1492 - Annaberg 1559; Lehrer der Arithmetik und Besitzer eines Vorwerks zu Annaberg) und Heinrich Strübi (Zürich 1540? - ebenda 1594; Lehrer in Zürich), sowie ihrer Rechenbücher "Rechenung nach der Lenge auf der Linihen und Feder. St. Annenberg 1550 in 4., - und: Arithmetica oder new-künstliches Rechenbüchlein mit der Ziffer. Zürich 1588 in 8." zu erwähnen.»

Hier ist also sogar noch eine (mit Fragezeichen versehene) Geburtsjahrangabe verfügbar. Dazu könnte ein Eintrag vom 18. Juli 1580 im Tauf- und Ehenbuch des Grossmünsters (StArZH VIII.C.1) passen: «Strübi, Heinrich, getraut mit Stimmer, Susanna» (StAZH TAI 1.735 (Teil 2); StadtAZH VIII.C. 1., EDB 1458).

Nachfolger gibt einen Strübi-Appendix heraus

«Nach Heinrichen Strübis sel., des eltern tütschen Schulmeisters, tödtlichen Abgang.» (Idiotikon 11, 1943) gelangte Philipp Geiger auf Strübis Stelle und nutzte gezielt auch den guten Ruf seines Lehrers und Vorgängers:

«Philipp Geigger = Gyger von Zürich (15691623) gab 1609 zu Zürich einen «newen und kunstreychen Rechentisch» heraus, IIte Ausgabe 1617 in Basel unter dem Titel «abaci Pythagoraei adornatio» ; ferner liess er erscheinen : «Appendix Arithmeticae Strubianae», ein Anhang zu Heinrich Strübi's Arithmetica ; ferner erschien: «Arithmetica compendiosissima» I. Theil Basel 1617 und 1622 in 4°, der II. Theil erschien nie; ferner für nicht so weit Vorgerückte: «eine arithmetische Stufenleiter» Zürich bei Georg Hornberger 1622 4°, ferner für das Haushaltungsrechnen : «Zwei künstliche aussgerechnete Rechenbüchlein» Zürich 1618, 2 Bde. in 8° und endlich «Newe arithmet. Kriegsordung [sic!] Basel 1617.»  (Graf 1889, II 12)

Mehr Geld für Import von Perücken als von fremden Büchern

Wo der Zürcher Heinrich Strübi bei den Bernern noch in Ehren gehalten wird, da ist er bei uns – wie erwähnt – längst vergessen. Entgegen den Ermahnungen Strübis in seiner Vorrede hat man auf der Zürcher Landschaft seitens der Obrigkeit noch fast zwei Dutzend Jahrzehnte nicht wirklich dafür gesorgt, dass die Mathematik den Stellenwert erhielt, der ihr angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung auch für den unbedeutendsten Einwohner zukommt. 

Wie wäre es sonst zu erklären, dass der Weiacher Pfarrer noch bei der Zürcher Schulumfrage 1771/72 achselzuckend den Kommentar abgibt, im Rechnen werde in der Weiacher Schule nichts unternommen und das damit begründet, der (ihm unterstellte!) Schulmeister beherrsche diese «edle Kunst» nicht (vgl. WeiachBlog Nr. 1769). Nach dem Massstab der Werbetrommel Strübis auf dem Titelblatt von 1588 müsste man da ja annehmen, dass es diesem Lehrer an den geistigen Kapazitäten gemangelt hat.

Vielleicht war's so wie auf der katholischen Seite, wo der Obervogt von Landsee 1778 in seinem Enchiridion Helveticum schrieb, Bücher würden bei den Landleuten eher Schaden als Nutzen stiften (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 15). Wo käme man da hin, wenn jeder Untertan rechnen könnte?

Oder es war ganz einfach so, dass man in der Führungsschicht eben auch für sich selbst andere Werte bevorzugt hat, wie man dem Protokoll der Bernerischen Naturforschenden Gesellschaft vom 21. März 1788 entnehmen kann (zit. n. Wolf 1858):

«Herr Manuel legte der Gesellschaft eine Ao. 1687 vom damaligen Commerzien-Rath verfertigte Verzeichniß und Anschlag der fremden alljährlich ins Land kommenden Waaren vor, darin die Importation der fremden Perruques auf Crn. 10000, und die Importation der fremden Bücher auf Crn. 9000 geschätzt wird, – woraus man schließen möchte, daß unsere lieben Ahn-Väter ihr Gehirn eher durch äußerliche Wärme als durch innerliche Mittel zur Reife zu bringen bedacht waren.»

Quellen und Literatur

  • Strübi, H.: Arithmetica. Ein neüw kunstlich Rechenbüchlin mit der Zipher. Zürich 1588 – VD 16 S 9749; Vischer C 1116. Bibliotheksnachweis: NB  A 17583 Res 
  • Wolf, J. R.: Biographien zur Kulturgeschichte der Schweiz, Band 1 [Erster Cyclus], Orell, Füßli & Comp., Zürich 1858 – S. 96. Band 4 [Vierter Cyclus], Orell, Füßli & Comp., Zürich 1862 – S. 63-64. [Links auf die Inhaltsverzeichnisse: Cyclus 1 ; Cyclus 2 ; Cyclus 3 ; Cyclus 4].
  • Graf, J. H.: Geschichte der Mathematik und der Naturwissenschaften in bernischen Landen vom Wiederaufblühen der Wissenschaften bis in die neuere Zeit. Ein Beitrag zur Geschichte der Mathematik u. der Naturwissenschaften in der Schweiz. Zweites Heft, S. 12 [Das XVII. Jahrhundert.]  Bern/Basel 1889. [URL nbdig-40897]
  • Wolf, [J.] R.: Handbuch der Astronomie, ihrer Geschichte und Literatur. Erster Halbband. [Kapitel III. Einige Vorkenntnisse aus der Arithmetik. 15. Einleitendes.] S. 54 – Zürich 1890/91.
Danksagung

Auf die richtige Spur gebracht zu den Hintergründen von Strübis Rechnungsbüchlein wurde WeiachBlog durch Andreas Berz vom Swissinfodesk der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern. Ihm verdanke ich insbesondere den Hinweis auf das Werk von Graf, das als nbdig-40897 auf e-helvetica.nb.admin.ch verfügbar ist.

Dienstag, 2. August 2022

In eichene Eisenbahnschwellen investiert

Was macht man als mittelständischer Unternehmer, um die erwirtschafteten Erträge einigermassen sicher anzulegen? Das ist gerade in Zeiten der Unsicherheit, galoppierender Inflation und anderer wirtschaftlicher Katastrophen eine existentielle Frage.

Für den Weiacher Tierarzt Heinrich Willi war die Antwort um die Mitte des 19. Jahrhunderts klar. Er investierte in Sachwerte mit Werterhaltungs- und einem gewissen Wertsteigerungspotential: Eisenbahnschwellen!

Sachwerte mit hoher Wertkonzentration

Das war damals ein gefragtes Gut, man denke nur an die erste Bahn auf Zürcher Boden (Zürich-Baden, die sogenannte Spanischbrötlibahn), die ab 1847 in Betrieb war. Von da weg war das Eisenbahnfieber für Jahrzehnte nämlich nicht mehr aus den Schweizern herauszubekommen. Jede Region wollte jetzt einen Bahnanschluss.

Und so kaufte Heinrich Willi eben Eisenbahnschwellen als Anlageobjekte. Weshalb er danach verauffallt wurde (wie man das in den Konkurs gehen damals nannte) ist WeiachBlog zurzeit nicht bekannt. Jedenfalls erschien in der Züricher Freitags-Zeitung vom 18. Februar 1853 das nachstehende amtliche Inserat:

«Unter Ratifikationsvorbehalt des löbl. Bezirksgerichtes Regensberg werden Montags den 21. dieß, Nachmittags 2 Uhr, aus dem Auffalle des Thierarzt Heinrich Willi in Weiach zirka 370 Stück Eisenbahnschwellen gegen Baarzahlung öffentlich verkauft. Das Gantlokal ist bei Schmiede in Weiach.

Niederglatt, den 12. Februar 1853.  Notariatskanzlei Neuamt: Landschreiber Bänninger.»

Wo war das Gantlokal?

Wie man sieht, war also das Notariat in Niederglatt (zu dem Weiach noch heute gehört) damals auch das Betreibungs- und Konkursamt.

Wo sich das Gantlokal, die Schmiede, damals befand, ist nicht gesichert, es darf aber angenommen werden, dass damit eine Werkstätte im Bereich der unteren Chälen gemeint war. Das wäre jedenfalls nahe genug am Gasthof zum Sternen, in den man sich bei Kälte und schlechtem Wetter notfalls zurückziehen konnte.

Es liegen viele Schwellen auf Gemeindegebiet

Leider steht im Inserat nicht, ob es sich um Eichenschwellen gehandelt hat. Das darf man aber annehmen. Gerade in Weiach, wo aus dem Hardwald immer wieder stattliche Eichenstämme entnommen werden konnten, denn nach den Verheerungen in der Franzosenzeit (im Hardwald lagerten 1799 helvetische und französische Truppenteile und brauchten Bau- und Feuerholz) war dann doch wieder einiges nachgewachsen. 

370 Schwellen. Ein ziemlicher Berg an Holz. Bei einer Länge von 240 cm, 26 cm Breite und 16 cm Höhe (wie bei heutigen Holzschwellen üblich) ergibt sich ein Holzbedarf von rund 0.1 m3 pro Schwelle, also eine Kubatur von mehr als 37 Ster (bei diesem Raummetermass ist ja noch Luft zwischen den Schwellen). Bei einem Gewicht von durchschnittlich 650 kg pro Kubikmeter sind das rund 60 kg pro Schwelle, also ca. 22 Tonnen Eisenbahnschwellen.

Wenn damals, wie heute im Eisenbahnbau üblich (vgl. Lüthard, J.: Gleisbau, Entwurf März 2012), alle 60 cm eine solche Schwelle verlegt wurde, dann reichte dieses Quantum aber nicht weit: für eine Streckenlänge von gerade einmal 222 Streckenmetern. Das ist die Distanz von der Kantonsgrenze bis zur ersten Weiche bei der alten Station Weiach-Kaiserstuhl.

Was dann ab 1872 für die Linie Winterthur-Koblenz an Bahngleisen gebaut wurde, hat auf Weiacher Gemeindegebiet eine Streckenlänge von rund 3.4 km (einfache Strecke, ohne Ausweichstellen und Abstellgleise). Mit den Rangiergleisen der Station Weiach-Kaiserstuhl und insbesondere den Bahnanlagen der Weiacher Kies AG und Fixit AG, die über hunderte von Metern zwei Rangiergleise benötigt, kommt man auf zusätzliche 4.6 km; Weichen und dergleichen noch nicht eingerechnet. Auf Gemeindegebiet sind somit – nach Strübis Rächnigsbüechli – über 13000 Eisenbahnschwellen verbaut!

Wie ägyptische Mumien den Bahnbau beeinflussten

Dass solche Mengen an Holz bei einem Eisenbahn-Bauboom, wie er in der Mitte des 19. Jahrhunderts in unserem Land einsetzte, die Holzreserven in den Wäldern strapaziert haben, ist klar. Zumal man ja nicht einfach irgendein Holz verwenden kann. Es sollte schon eines sein, das ein hohes Gewicht und eine natürliche Widerstandskraft gegen Fäulnis und Insektenbefall hat, wie Eichenholz. Das ist aber rar und entsprechend teuer.

In Frankreich hatte man 1846 Pappelholzschwellen verbaut, die zuvor «in Steinkohlentheer eingetaucht» worden waren, wie das Schweizerische Forst-Journal 1852 berichtete, davon seien rund 90 Prozent (nach höchstens sechs Jahren im Einsatz!) noch brauchbar gewesen. Im selben Artikel wird auf die Stockton- und Darlington-Bahn verwiesen, eine der ersten Bahnlinien modernen Typs überhaupt, der wir unser Normalspurmass von 1435 mm verdanken. Dort (und anderwärts in England) habe man, angeregt durch einen Wissenschaftler, der ägyptische Mumien untersucht hatte (!), eine Mischung aus «Kreosot mit destillirtem Mineraltheer» angewandt, um weniger geeignete Hölzer für die Verwendung als Schwellen brauchbar zu machen. Kommt uns bekannt vor.

Solche Schwellen müssen heute als Sonderabfall verbrannt werden. Da macht man sich natürlich Gedanken über andere Materialien wie Beton, Stahl oder gar Kunststoff und Verbundmaterialien. 

Bei all dem Gesagten kann auch nicht verwundern, dass heutigentags (Stand 2012 nach Lüthard) ein Streckenkilometer Oberbauerneuerung rund 2 Millionen Franken kostet. Nur die Erneuerung von Gleis, Schotter und Schwellen wohlgemerkt. 

Anders formuliert: Tierarzt Heinrich Willis Investment in Eisenbahnschwellen wäre wohl auch heute keine schlechte Idee, wenn's um die Werterhaltung geht. Nur den Lagerplatz für 37 Ster muss man halt schon haben.

Quellen

Montag, 1. August 2022

Die Freiheit anderer verteidigen. Der «schöne Schweitzer Stier»

Patriotische Botschaften sind an einem 1. August wohlfeil. Zumal in Festansprachen von Politikern aller Couleur. Wichtige Probleme, die dabei angesprochen werden können, gibt es zuhauf. Massiver Bevölkerungszuwachs, geopolitische Umwälzungen, Klimakrise, drohender Blackout im nächsten Winter, der Ukrainekrieg, etc.

Auch schon vor bald viereinhalb Jahrhunderten, einer Zeit des explodierenden Grosskapitalismus und der Rivalität um die Vormacht in Europa wurden Aufrufe zum Zusammenstehen gegen Bedrohungen verfasst, gedruckt und in Flugblattform verbreitet. Das zeigt die Burgerbibliothek Bern mit einem Hinweis auf eine Trouvaille aus ihren Beständen. Die BBB schreibt dazu auf ihrer Facebook-Seite:

«Wahrscheinlich stammt dieses Flugblatt aus den 1580er Jahren, als das Gedicht in verschiedenen Formaten verbreitet wurde. Diese Version haben wir aber nirgendwo sonst nachweisen können.

Die damalige Dreizehnörtige Eidgenossenschaft, der «schöne Schweitzer Stier», wird darin zur Einigkeit aufgerufen, zu Widerstand gegen Tyrannen und zur Verteidigung der Freiheit anderer – im eigenen Interesse.»


Die von Wappenfiguren gehaltenen Schilde der 13-örtigen Eidgenossenschaft umrahmen dabei den Text. Sie stehen für die Stände: 

1 Zurich, 2 Bern, 3 Lucern, 4 Ury, 5 Schwytz, 6 Underwalden, 7 Zug, 8 Glaris, 9 Basel, 10 Fryburg, 11 Solothurn, 12 Schaffhusen, 13 Appenzell. 

Schildhalter der Basler ist ein Basilisk, der Unterwaldner dürfte Niklaus von Flüe sein.

Zentral ist aber vor allem der Text, den WeiachBlog hier zum Nationalfeiertag 2022 im vollen Wortlaut wiedergibt (und soweit möglich kommentiert):

Der Schweitzer Stier.

«Es tregt der schöne Schweitzer Stier
Dreyzehen ort, seins Kranztes zier,
Inn hörnern eingeflochten;

Lößst auff den Krantz, brichst ab die horn,
Allgmach wirt die Freyheit verlorn,
Drum wir lang hand gefochten.

GOtt hat der Eydgnoschafft inn gemeyn,
Natürlich Muren geben,
Die Alpen, den Roddan, den Rein,
Dorff, Schlösser, Stett darneben:

Inn Grentzen sie zwo forstett hat,
zwey hörnern ichs vergleiche,
Gegen Teutschland Costanz die Statt,
Genff gegen Franckenreiche:

Die erst im Teütschen krieg durch list
Der Spanniern war abtrungen,
Doch durch den Teütschentreuwe, ist
Jnen nicht weitters glungen:

Kompt aber Genff inn frömbde hand,
Wirt dieser Schlüssel gnommen,
Werden so bald ins Schweitzer Land
Viel schwartzer geste kommen.

O küner Stier sich auff dein schantz,
Die Walen mit geferden
Buolen umb deiner freyheit Krantz:
Zum Pfarren wirst du werden.

Gemeint ist mit einem Farren od. Pfarren wohl ein Zuchtstier, vgl. Idiotikon I, 903. Die Walen sind Welsche (romanische Sprache Sprechende); in diesem Zusammenhang die Savoyer, vgl. unten.

Wo du dein stercke nicht erhebst,
Andrer freyheit z'erhalten,
Nicht denn Tyrannen widerstrebst,
Wie gthan hand deine Alten.

Daß feür ist angezündet schon
Inn der Nachbawren hause:
Löschst nicht bey zeit, wirt auff dich konn
Daß joch durch Krieges grause.

D'Religion hat dich bißhar
Mit gwalt nicht konnen spalten:
Hüt dich, daß nicht durch listig gfar
Dein Bündtnuß thue erkalten:

Gott wölle deinen walten.»

Politische Umwälzungen unter dem Einfluss der Reformation

Das Gedicht nimmt auf die machtpolitischen Umstände Bezug, wie sie sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts entwickelt haben. 

Den Konstanzer Bürgern gelang es zwar, am 6. August 1548 spanische Truppen (vom Habsburger-Kaiser Karl V. eingesetzt) vor dem nördlichen Rheintor erfolgreich abzuwehren. Nach der Belagerung durch die Österreicher einige Wochen später musste Konstanz aber am 13. September 1548 kapitulieren, fiel dadurch an Habsburg. Es verlor den Status als Freie Reichsstadt und wurde letztlich als vorderösterreichisches Bollwerk gegen die Expansion der Eidgenossen nach Norden genutzt. Konstanz war also für die Eidgenossen verloren.

Bei Genf sah das noch etwas anders aus. 1526 schloss Genf ein Bündnis mit Bern und Freiburg. Nach der Reformation 1536 lösten die Freiburger ihre Bündnisverpflichtung auf, worauf Genf mehrmals vergeblich versucht hat, als Zugewandter Ort in die Schweizerische Eidgenossenschaft aufgenommen zu werden. Die Berner wurden so etwas wie der Schutzpatron der Genfer.

Es ist daher sehr wahrscheinlich, dass dieses Gedicht vom Schweizer Stier aus einer Berner (allenfalls einer Zürcher) Schreibstube stammt. Genf wird als Bollwerk gegen finstere Mächte verstanden. Wenn dort Feuer ausbricht, dann muss man im eigenen Interesse löschen helfen.

Jahrelanger Abwehrkampf gegen Savoyer-Herzog

Und wie kommt die Burgerbibliothek auf die 1580er-Jahre? Nun, der Regierungsantritt Karl Emmanuels von Savoyen im Jahr 1580 wendete das Blatt auf die kriegerische Seite. Der neue Machthaber war aus politischen wie aus religiösen Gründen fest entschlossen, Genf zurückzuerobern. 1582 schlug eine Belagerung fehl, und dieser Angriff verschaffte Genf 1584 einen neuen Verbündeten, nämlich das reformierte Zürich. Karl Emmanuel griff daraufhin zu einer Blockade.

Am 5. Oktober 1586 schlossen die sieben katholischen Stände Uri, Schwyz, Unterwalden, Luzern, Zug, Solothurn und Freiburg ein Separatbündnis, den sog. Goldenen Bund (benannt nach dem vergoldeten Anfangsbuchstaben der Vertragsurkunden; vgl. WeiachBlog Nr. 1465).

Aus dieser äusseren Bedrohung der Genfer und der inneren Bedrohung des Zusammenhalts in der Eidgenossenschaft heraus kann man dieses Gedicht verstehen.

Im Jahre 1589 eskalierte der Konflikt zu offenen Kriegshandlungen. Erst nach der berühmten Escalade von 1602, einer kläglich gescheiterten Geheimoperation zur handstreichartigen Eroberung der Stadt Genf durch savoyische Truppen, musste der savoyische Herrscher 1603 in einen Friedensvertrag einwilligen, welcher die Unabhängigkeit Genfs implizit anerkannte.

Andere Stierdarstellungen zeigen ihn lädiert

Der Stier auf dem Flugblatt in der BBB ist insofern anders als die anderen Darstellungen aus dieser Zeit, als er den Stier in voller Pracht und ohne jedes Zeichen der Lädiertheit zeigt.

Die Abbildungen aus 

sind nicht nur datiert (und zwar auf das Jahr 1584), sondern zeigen den Stier durchgehend mit einem im oberen Teil abgebrochenen rechten Horn, was wohl den Verlust von Konstanz symbolisieren soll.

Quelle und Literatur

  • Original der Burgerbibliothek Bern, Signatur: Mül var 4579
  • BBB (ed.): Archivtrouvaillen: Einzigartiger Stier? Facebook-Auftritt BBB, 6. Juli 2022.

Samstag, 30. Juli 2022

Gemeinderat falsche Adresse für Hausiererpatent

Das Dasein als Hausierer war im Zürcher Herrschaftsgebiet spätestens seit der Reformation eine eher dornenvolle Angelegenheit. Die Obrigkeit erliess umfangreiche Verbote und erteilte fremden Händlern auch Landesverweise  vorgeblich, um ihre Landbevölkerung vor «Verschwendung und unnötigen Kosten» zu bewahren (vgl. bspw. das Mandat betreffend Ausweisung aller fremden Hausierer, Landfahrer und Krämer aus dem Zürcher Herrschaftsgebiet vom 2. Juli 1539, StAZH W I 6.2.15). Dass damit gleich auch die eigenen Händler aus der Stadt Zürich vor zu grosser Konkurrenz geschützt wurden, ist offensichtlich.

Käsehausierer aus Kaiserstuhl

Auf der Landschaft ist man sich also diese Art hochobrigkeitlicher Eingriffe in die Handels- und Gewerbefreiheit seit vielen Jahrhunderten gewohnt. Insbesondere ist klar, dass man für die Tätigkeit als Hausierer eine Bewilligung braucht.

Im Gemeinderatsprotokoll der Gemeinde Weiach findet man unter dem 6. Mai 1930 den folgenden Eintrag:

«Auf Gesuch von Paul Widmer in Kaiserstuhl um Bewilligung für ein Käsehausierpatentes [sic!] im Kt. Zürich, soll demselben mitgeteilt werden, dass der Gemeinderat Weiach hiezu nicht zuständig sei, sondern dass er sich an das Patentbureau in Zürich zu wenden habe.»

Damit lag der Gemeinderat völlig richtig. Die Gesetzgebung zu Hausierern und anderen reisenden Verkäufern befand sich damals noch vollumfänglich in der Regelungskompetenz der Kantone.

Fremdenpolizei überwacht Hausierer, auch zürcherische

Im Kanton Zürich war die Fremdenpolizei zuständig (auch für einheimische Hausierer). Sie hat u.a. eine «Hausiererpatent-Kontrolle» geführt und Gewerbe-Legitimations-Karten ausgegeben (vgl. u.a.: StAZH PP 41d.7 Gewerbe-Legitimationen (1914-1931)).

Im selben Jahr zog aber der Bund die Angelegenheit zwecks Vereinheitlichung an sich. Die Bundesversammlung beschloss die Annahme des «Bundesgesetzes vom 4. Oktober 1930 über die Handelsreisenden» (BS 10 219), welche die Regelungen des Gewerbepatentgesetzgebung des Kantons Zürich ab da mitbestimmte: 

«Seit dem Inkrafttreten des Handelsreisendengesetzes im Jahre 1930 beträgt die Patenttaxe für Kleinreisende 200 Franken. Aus der zu damaliger Zeit nicht unbedeutenden Taxe [Anm. WeiachBlog: Historischer Lohnindex HLI n. Swistoval.ch: rd. 2800 CHF] ist ersichtlich, dass mit dem HRG auch gewerbepolitische und fiskalische Zwecke verfolgt wurden: Der ortsansässige Handel, welcher der Besteuerung in seinem Absatzgebiet unterliegt, sollte durch die Kleinreisendentaxe gegen die Konkurrenz der dieser Besteuerung nicht unterliegenden auswärtigen Firmen geschützt
werden.
» (Quelle: BBl 2000 4218)

Feststellung von Identität und Integrität

Auch wenn der Gesetzgeber keinerlei protektionistische Hintergedanken hat: einen unabweisbar wichtigen Grund für die Aufrechterhaltung von Hausiererpatenten gibt es bis heute, wie der Bundesrat schreibt:

«Im Gegensatz zum lauterkeits- und obligationenrechtlichen Schutz bei Haustürgeschäften – das OR räumt u. a. ein siebentägiges Widerrufsrecht ein –, stellt die Bewilligungspflicht sicher, dass das kaufende Publikum die Identität der Reisenden feststellen kann. Wenn der Konsument die Identität des Verkäufers nicht kennt, nützt ihm auch das Widerrufsrecht nichts. Durch die Ausweiskartenpflicht wird gewährleistet, dass die anvisierte Kundschaft sich über die Identität der verkaufenden Person vergewissern kann.» (BBl 2000 4206)

Ein Hausiererpatent kann überdies nur erlangen, wer keinen Strafregistereintrag hat, oder höchstens einen, der wenigstens nicht vermuten lässt, dass Konsumenten zu Schaden kommen könnten (Art. 4 Abs. 1).

Fahrende Schnaps- und Waffenläden sind verboten

Das aktuell die Hausiererei regelnde Bundesgesetz über das Gewerbe der Reisenden (SR 943.1; in Kraft seit 1. Januar 2003) schreibt fest, dass Personen, die gewerbsmässig «Konsumentinnen oder Konsumenten Dienstleistungen jeglicher Art anbieten, sei es im Umherziehen oder durch das ungerufene Aufsuchen privater Haushalte» (Art. 2 Abs. 1 Bst. b) alkoholhaltige Getränke nicht direkt verkaufen dürfen (Art. 11 Abs. 1). Und im Anhang 1 RGV, der Verordnung zum Gesetz, sind weitere Warengruppen aufgeführt, die Reisende gar nicht oder nur eingeschränkt vertreiben dürfen. Darunter Waffen, Munition und Sprengstoffe. Aber auch Arzneimittel.

Käse taucht in diesem Anhang nicht auf. Wodurch einem Käsehausierpatent nach heutiger Rechtslage nichts entgegenstehen dürfte. 

Quellen
  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934. Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV.B.02.11.
  • Rechtslage vor dem Inkrafttreten des Bundesgesetzes vom 23. März 2001 über das Gewerbe der Reisenden (SR 943.1). In: Bundesblatt (BBl) 2000, S. 4186ff.

Freitag, 29. Juli 2022

Von Haus zu Haus für die Nationale Frauenspende 1915

Nach über 140 Jahren wechselhafter Geschichte, verschiedenen Namen, Erscheinungsformen und Aktivitätsgraden hat sich einer der für das soziale Leben der Gemeinde wichtigsten Vereine, der Frauenverein Weiach, in diesen Sommertagen mit einem grossen Ausflug ins March-Gaster-Gebiet und an den Walensee selber ein letztes Mal auf grosse Reise begeben. Und sich mit der Rückkehr ins Heimatdorf für aufgelöst erklärt (vgl. Abschied vom Frauenverein Weiach, in: Mitteilungsblatt Gemeinde Weiach, August 2022, S. 19; sowie WeiachBlog Nr. 1470).

Von diesem Nachruf wusste der Verfasser dieser Zeilen noch nichts, als ihm heute in seinem Ortsgeschichte-Kasten ein umgekippter Pressspan-Ordner aufgefallen ist. Inhalt: Ausdrucke von Scans des ältesten erhaltenen Protokollbandes des Frauenvereins aus dessen Arbeitschul-Phase in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Über die per Zufall aufgeschlagene Seite – einen Kurzbericht der Aktuarin über die Nationale Frauenspende 1915 – sei hier in wehmütiger Erinnerung an unseren Frauenverein berichtet. 

Nationale Frauenspende?

Ich muss zugeben, dass ich bis heute noch nie von etwas in der Art gelesen habe. Die Idee zu einer solchen Spendenaktion hatte insbesondere die Präsidentin des Schweizerischen Lehrerinnenvereins und Frauenstimmrechtsaktivistin Dr. Emma Graf (1865-1926) aus dem bernischen Oberaargau. 

Ihr gelang es zusammen mit Julie Merz (1865-1934), die ab 1915 Redaktorin des Zentralblatts des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins (SGF) war, diesen konservativ und doch fortschrittlich gesinnten Dachverband für ein patriotisches Engagement zu begeistern, die «Sammelaktion für die Nationale Frauenspende, die vor allem der Finanzierung der Soldatenfürsorge diente.»

Bild: Nationaler Spendenaufruf der Frauen von 1915 zugunsten der Soldatenfamilien. Privatarchiv Franziska Rogger (Quelle: https://hommage2021.ch/geschichte)

Dazu muss man wissen, dass es im 1. Weltkrieg noch keine Erwerbsersatzordnung (EO) gab, die dem Wehrmann einen Lohnausfall bezahlt. Die seit der Julikrise im Gefolge des Attentats von Sarajevo in den Landesverteidigungsdiensten eingerückten Soldaten waren also in den meisten Fällen nicht mehr in der Lage, ihre Familien zu unterstützen (ausser in den wenigen Fällen, wo ihr Arbeitgeber eine freiwillige Lohnfortzahlung leistete).

Die nicht dienstverpflichtete weibliche Hälfte der Gesellschaft beklagte sich dennoch nicht (zumindest im ersten Kriegsjahr noch nicht), sondern wurde tätig: «In Krisen- und Kriegszeiten stellten sich die Frauen [..] unverbrüchlich in den Dienst des darbenden oder bedrohten Vaterlandes. Im 1. Weltkrieg sammelten sie in der nationalen Frauenspende von 1915 mehr als eine Million Franken, bauten für die Soldaten längs der Grenze Hunderte von Soldatenstuben auf und unterstützten notleidende Familien zuhause.» (Quelle: https://hommage2021.ch/geschichte)

Patriotischem Aufruf ohne Hintergedanken gefolgt

Auch die Weiacherinnen liess der Aufruf nicht kalt, wie man dem Eintrag zur Sitzung vom 31. Oktober entnehmen kann:

«Traktanden:
I. Bestimmung der Weihnachtsgeschenke.
II. Bezug des Jahresbeitrages.
III. Abnahme der Jahresrechnung 1914/15.
IV. Nationale Frauenspende.»

Zu den Punkten II und III äusserte sich die Aktuarin (die nur mit «Frau Baumgartner» zeichnete) mit keiner Zeile, zu Traktandum IV hingegen mit folgenden Worten:

«Was heisst denn Nationale Frauenspende?

Eine Anzahl hervorragender Schweizerfrauen erliessen einen Aufruf an die gesamte Frauenwelt unseres l. Schweizerlandes, es möchte eine jede, je nach Stand u. Vermögen einen Beitrag leisten, zur Mithilfe an die Kosten der Mobilisation, u. zugleich als Dank für den uns zu Teil gewordenen Heimatschutz durch unsere verehrten Wehrmänner. – Um diesem Aufruf gerecht zu werden, ordnete unser Verein 5 Mitgl. ab, denen die hohe Ehre zu Teil wurde von Haus zu Haus zu gehen u. die großen u. kleinen Gaben in Empfang zu nehmen, u. dann als Ganzes im Betrage von 103.50 Frk. an eine leitende Schweizerdame abgegeben.»

Das ist in diesem Protokollband übrigens der erste Hinweis auf die Kriegszeit. Für das Sammlungsergebnis hat die Aktuarin im Text eine Lücke belassen; und es mit Bleistift nachgetragen.

Pflichten erfüllen heisst Rechte begründen?

Die Nationale Frauenspende war ein ziemlicher Erfolg, wie man der Timeline zum Frauenstimmrecht in der Schweiz (NZZ, 4. Jan. 2021) entnehmen kann:  

«Zwischen 1915 und 1916 sammeln Frauenverbände 1,16 Millionen Franken für die nationale Frauenspende, die sie dem Bundesrat unter dem Motto «Pflichten erfüllen heisst Rechte begründen» übergeben.» 

Umgerechnet mit dem Historischen Lohnindex HLI von Swistoval ergibt dieses Sammlungsergebnis in Werten von 2009 mehr als 35.3 Mio. CHF! Und wie man dem Motto ansieht, wurde die Aktivität Nationale Frauenspende ganz eindeutig mit politischen Hintergedanken ins Werk gesetzt! Ob die Spenderinnen von diesen Motiven der Frauenstimmrechtsaktivistinnen Graf und Merz wussten? 

Die Mehrheit im gesamtschweizerischen Frauenstimmrechtsverein lehnte nämlich ein solches Vorgehen klar ab. Begründung: Das Stimmrecht sei ein Menschenrecht und es brauche daher keine Vorleistung, schreibt die Historikerin Elisabeth Joris 2019, und führt weiter aus:

«Begeistert zeigt sich dagegen der Schweizerische Gemeinnützige Frauenverein, der Grafs Vorschlag unter dem Titel Nationale Frauenspende höchst erfolgreich umsetzt. 1915 wird dem Bundesrat mehr als eine Million unter Schweizerinnen gesammelten Franken übergeben, zur freien Verfügung. Diese Summe dient dann primär unter dem Titel Wehrmannsfürsorge der Unterstützung armer Familien von eingezogenen Soldaten, die wegen der Mobilisierung grosse Not erleiden. Das Motto der Initiantin Emma Graf, «Pflichten erfüllen heisst Rechte begründen», impliziert, dass den Frauen als Dank für ihre Übernahme von Pflichten das Frauenstimmrecht gegeben werde. Die Enttäuschung ist gewaltig: Ihrer voreiligen Pflichterfüllung ist keinerlei Erfolg beschieden, ihnen geht es nicht besser als den Streikenden vom November 1918 mit ihrer Forderung nach Einführung des Frauenstimmrechts. Sie werden zwar nicht wie diese von der Armee in die Knie gezwungen, vielmehr von dieser für ihren Einsatz gelobt, mehr aber nicht. Und neue Rechte oder Gleichstellung schon gar nicht.»

Leicht erhöhte Freiwilligkeit

Aus Weiach kam jedenfalls (mit HLI indexiert auf 2009) ein Betrag von 3150 Franken zusammen. Im 1. Weltkrieg zählte die Schweiz rund 3.8 Mio Einwohner, Weiach rund 600. 

Das unterdurchschnittliche Sammlungsergebnis (für Weiach wären rund 183 Franken durchschnittlich gewesen) zeigt, dass viele finanziell nicht grad auf Rosen gebettet waren und wohl viele dennoch etwas gaben.

Der soziale Druck (bis zu fünf Mitglieder des Frauenvereins vor der Türe und alle Nachbarinnen sahen zu!) dürfte auch nicht ganz unwesentlich gewesen sein. Man wusste ja im Dorf recht genau, welchen Haushalten es finanziell ordentlich und welchen es schlecht ging, nicht nur der öffentlich einsehbaren Steuerregister wegen.

Nicht für Kriegsmaterial, aber für vom Militärdienst finanziell Versehrte

Wenn der Historiker Georg Kreis schreibt: «In den Kriegsjahren erbrachten Frauen ausserordentlichen Anstrengungen sozusagen als Vorleistungen in der Erwartung, dass sie dann mit der Gewährung des Frauenstimmrechts gleichsam belohnt würden», dann kann man sich schon fragen, ob das nicht bloss die Erwartung der Aktivistinnen Graf und Merz gewesen ist. Die Weiacherinnen dürften – jedenfalls nach dem Protokolleintrag zu schliessen – mehrheitlich patriotische Motive gehabt haben, ganz ohne Suffragetten-Hintergedanken.

Kreis weiter: «Zu diesen Anstrengungen gehörten: die Soldatenstuben und Kriegswäschereien, die Frauenzentralen für Arbeitsvermittlung und Beratung, 1915 eine vom Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenverein durchgeführte, aber vom Schweizerischen Verband für Frauenstimmrecht nicht mitgetragene Sammelaktion für eine Nationale Frauenspende, was eine freiwillige Zusatzsteuer war, die über eine Million Franken erbrachte, aber gemäss ausgesprochenen Erwartungen nicht für Kriegsmaterial verwendet werden sollte.» (Kreis, o.J., mit Verweis auf Mesmer 2007, vgl. Quellenangaben)

Die Mitglieder des Frauenvereins Weiach werden wohl einfach erfreut gewesen sein, dass es auch dank ihrem Frauenspende-Batzen Erleichterungen im Sinne einer Erwerbsersatzordnung gab. Auch wenn das nur ein Tropfen auf den heissen Stein gewesen ist.

Quellen und Literatur

  • Protokoll des Frauenvereins der Arbeitschule Weiach, 31. Oktober 1915.
  • Beatrix Mesmer, Staatsbürgerinnen ohne Stimmrecht. Die Politik der schweizerischen Frauenverbände 1914-1971. Zürich 2007 – S. 353.
  • Kreis, G.: Die Schweiz zur Zeit des Ersten Weltkrieges und die Schweiz von heute. Ohne Ort, [2015]. In: Website Haus zum Dolder, Beromünster
  • Joris, E.: 30 Jahre Abstimmung über die Abschaffung der Armee. In: Friedenszeitung Nr. 31, Dezember 2019, S. 11
  • hommage2021.ch – Website zu 50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht.
  • Joris, E.: Schweizerischer Gemeinnütziger Frauenverein (SGF). Dachverband Schweizerischer Gemeinnütziger Frauen. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Version vom 26.07.2022. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016502/2022-07-26/.

Freitag, 22. Juli 2022

Eidg. Schützenfest 1872 überfordert die Herdöpfelbahn

Die «Herdöpfelbahn» war ab 1865 die erste Eisenbahnverbindung des Zürcher Unterlands in die Limmatmetropole. Offiziell hiess sie Bülach-Regensberg-Bahn (nach den beiden Bezirkshauptorten) und führte ab Oerlikon nach Oberglatt, wo sie sich Richtung Dielsdorf bzw. Bülach verzweigte (vgl. WeiachBlog Nr. 1650 zur Eröffnung des Unterländer Ypsilons). 

Die Nordostbahndirektion hatte sie auf Betreiben der Unterländer mehr zähneknirschend als freudestrahlend erbauen lassen und das dorthin abgestellte Rollmaterial war eher bescheiden gehalten. Denn: was wollte man an Transporteinkünften auch erwarten aus einer rein landwirtschaftlich geprägten Region. Der NOB ging es schliesslich um den Profit. 

Die Rafzerfelder stürmen die Bahnwaggons

Zu besonderen Anlässen hätte die NOB allerdings durchaus Umsatz machen können. Nur fehlte es dann wohl hinten und vorne an der Kapazität. Das lässt ein Ausschnitt aus der Monographie von Dr. Rainer Siegenthaler über dieses Bähnchen vermuten. Er stützt sich auf (mittlerweile 150 Jahre alte) Zeitungen und schreibt:

«Vom 13. bis 23. Juli 1872 brachte das 24. Eidgenössische Freischiessen in Zürich beträchtlichen Personnenverkehr auf die B.R.: 

«Über das Eidgenössische Schützenfest hat unsere Gegend ihrer Bahn den Namen «Erdäpfelbähnli» abgeschafft. Sie konkurrierte flott mit den grossen Bahnen, man muss sie gesehen haben, die Menge Volkes, welche dem Bülacher Bahnhof zuströmte. Vornehmlich haben die Rorbasser Talbewohner Zeugnis, dass der Weg nach Zürich sie in gerader Linie über Bülach führt. Die Rafzerfelder zeigten in grosser Zahl, wie erwünscht ihnen eine Fortsetzung der Linie von Bülach nach Schaffhausen sei, oder dass wenigstens die von Winterthur beanstandete Linie Embrach-Bülach-Eglisau baldmöglichst ausgeführt werde. (*)»

Aus Schaden klug: Weycher und Stadler setzten nicht auf die Eisenbahn

Schon bei dieser Einleitung kann man sich etwa ausmalen, wie gross der Ansturm gewesen sein muss. Das galt besonders für die beiden Sonntage, den 14. und den 21. Juli:

«Am 21. Juli 1872 sollen in der Frühe gegen 400 Personen aus Niederglatt, Stadel oder Weiach per Wagen zum Schützenfest gewallfahrtet sein, weil sie vor 8 Tagen in Niederglatt ergrämt von 6 bis 9 Uhr warten mussten. Und sie hatten recht. Es wäre ihnen am 21. wieder gleich gegangen, denn schon in Bülach füllten sich um 6 Uhr morgens 26 Wagen mit Passagieren. Es war ein Zug, der im Bahnhof lange nicht ganz einfahren konnte und der Abend führte in drei ebenfalls gewaltigen Zügen die voll Freude gestimmten Festbesucher wieder den heimischen Dörfern zu.»»

Die erwähnten 400 Personen entsprachen damals rund einem Fünftel der Gesamtbevölkerung dieser drei Gemeinden (unter der Annahme, dass Raater, Schüpfemer und Windlemer auch mitgezählt wurden, obwohl zwischen 1840 und 1907 von Stadel separate Gemeinden). Auch nicht so klar ist, in welchem Bahnhof der NOB-Zug aus Bülach nicht einfahren konnte. In Zürich HB?

Leider gibt Siegenthaler nicht an, aus welcher Zeitung er obiges Zitat entnommen hat (mögliche Kandidaten wären da die Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung, der Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, oder auch der Lägernbote. Und das ist noch längst nicht alles. Denn damals gab es noch eine grosse Fülle von regionalen Blättern – trotz kantonsweit lediglich rund 300'000 Einwohnern, d.h. 20 % der heutigen Zahl.

Kein billiges Vergnügen, aber dafür wenigstens ein Sitzplatz

Auch für die nachstehenden Inseratinformationen mangelt es an einer Herkunftsangabe: «Ausser einem Extrazug der NOB für den 14. und 21. Juli 1872 inserierten Fuhrhalter Fahrgelegenheiten ab Kaiserstuhl um 04.50 Uhr morgens für 1.50 Fr. und ab Weiach 4.30 morgens für 1.20 Fr., beide boten Rückfahrgelegenheit am Abend.»

Diese 120 Rappen von vor 150 Jahren würden heute nach dem Historischen Lohnindex (HLI) von Swistoval.ch rund 70 Franken entsprechen. Es war also nicht gerade billig, sich zu frühester Morgenstunde an die Limmat kutschieren zu lassen. Wollte man aber nicht die ganze Strecke zu Fuss gehen (weil man in Niederglatt stehengelassen wurde), dann blieb halt nur ein beherzter Griff ins Portemonnaie.

Quelle

  • Siegenthaler, R.: Die Bülach-Regensberger-Bahn (B.R.). Dampfeisenbahn II. Classe im Volksmund «Herdöpfelbahn» genannt. 30. April 1865 - 31. Dezember 1876. Der Anfang der heutigen S-Bahnlinie 5. Akeret Druck, Bülach 2007 [Broschüre 12 S.] – S. 10.

Freitag, 15. Juli 2022

In Holzburdeli loderte Feuer. Grossbrand grad noch verhindert.

Grossbrände waren leider auch in Weiach keine Seltenheit. Heute vor 150 Jahren ist die Gemeinde allerdings knapp an einem solchen vorbeigekommen. Die NZZ schrieb dazu etliche Tage später unter der Rubrik Vermischte Nachrichten:

«Brandfall. In Weyach drohte den 15. ds. Mts. im Hause des Hrn. Duttweiler ein Feuerausbruch, der sehr gefährlich hätte werden können. Es wurde nämlich von einer Nachbarin, Frau Meierhofer, noch rechtzeitig entdeckt, daß in einem im Hause aufgeschichteten Haufen Heizewellen schon Feuer loderte; der schnell herbeigerufenen Hülfe gelang es, des Feuers, bevor dasselbe das Haus ergriff Herr zu werden. Böswillige Brandlegung wird vermuthet. Das Haus ist sehr groß und alt und von vier Familien, bestehend aus zirka 30 Personen, bewohnt. Da in dortiger Gemeinde Wohnungsmangel herrscht, hätten die Leute nicht so leicht untergebracht werden können.»

Ob es sich dabei um das Haus des Ofeschniders (Jean Baumgartner) gehandelt hat, das im heute als Garten genutzten Gelände hinter der ehemaligen Post (1955-1991) an der Verzweigung Alte Post-Strasse/Oberdorfstrasse gestanden hat? Eher nein. Dieses Gebäude würde zwar mit seinen vier Assekuranznummern nach der 1895er-Nomenklatur zu obiger Beschreibung passen. Aber im Lagerbuch der Gebäudeversicherung (StAZH RR I 575.1) findet sich für diese Häuser kein Eigentümer namens Duttweiler. 

Die heute in Weiach ansässigen Duttweiler haben übrigens keine direkten familiären Verbindungen zu diesem Hauseigentümer gleichen Namens. Er oder einer seiner Verwandten wurde 1840 als Opfer eines doch nicht ganz alltäglichen Diebstahls in der Züricher Freitagszeitung erwähnt: vgl. WeiachBlog Nr. 1731.

Die Duttweiler sind alteingesessene Zürcher Unterländer. Sie lassen sich als Bürger des alten Zürcher Stadtstaates vor allem im Wehntal, aber auch im Furttal und am Rhein nachweisen. Zu den alten Bürgerorten vor 1800 gehören gemäss Familiennamenbuch der Schweiz: Dielsdorf, Dänikon, Oberweningen, Otelfingen, Schleinikon sowie Glattfelden und Weiach.

In der Ehedatenbank des Staatsarchivs ist allerdings für die Kirchenbücher von Weiach und Glattfelden ein völliges Fehlen von Einträgen männlicher Bürger dieses Namens festzustellen, wohingegen man für Wehntaler Gemeinden etliche findet.

Quelle

Donnerstag, 14. Juli 2022

Klauten die Weyacher mehr Holz als andere?

Der Oberförster des Kantons Zürich musste seinem Dienstherrn jährlich über die Tätigkeit seines Amtes Bericht erstatten. Da sich der Holzschlag überwiegend in den Wintermonaten abspielt, war die Berichtsperiode kalenderjahrübergreifend.

Der Bericht pro 1886/87 enthielt eine Aufstellung über die sog. Frevelfälle, sprich illegalen Holzschlag und Holzdiebstahl, die in der Schweizerischen Zeitschrift für das Forstwesen abgedruckt wurde:

Unter dieser Tabelle die Bemerkung: 

«Interessant ist die Wahrnehmung, dass der IV. Kreis immer die Hälfte der Frevelfälle des Kantons aufzuweisen hat, trotzdem dort die öffentlichen Waldungen an Fläche weitaus am stärksten vertreten sind, und hier sind es dann wieder die Gemeinden mit grossem Waldbesitz, so Bülach mit 49, Rafz mit 44, Rümlang mit 21 und Weiach mit 27 Fällen. Im III. Kreis steht obenan Winterthur mit 125 Frevelfällen.» (S. 29)

«Trotzdem»? Müsste man nicht eher «weil» schreiben? 

Denn wo das Gemeinwesen viel Wald besass, da fühlten sich mehr Menschen dazu berechtigt, sich im öffentlichen Eigentum fehlendes Brennholz zu beschaffen. Nicht?

Oder ist es eben doch so, dass Gemeinden mit viel Waldeigentum eher darauf bedacht waren, dieses zu schützen und erwischte Fehlbare konsequent zur Anzeige brachten? Man muss ja den Diebstahl auch bemerken. Und das geht am ehesten, wenn es einen aus öffentlichen Mitteln besoldeten Gemeindeförster gibt, der den Auftrag hat (wie nachweislich derjenige von Weiach) jeden Tag nach den Hölzern zu schauen.

«Die Behandlung der Frevelwerthung und die Bestrafung ist eine sehr verschiedene. Immer neigen die Förster dahin, die Frevel hoch zu werthen, und die Gemeindräthe in der Mehrzahl, die Bussen tief zu halten. Das letztere ist begreiflich und sehr oft begründet, das erstere dagegen geradezu ungerecht. Die Gerichte strafen ohne Ausnahme scharf.» (S. 30)

Daraus kann man schliessen, dass die Förster eher als harte Hunde verschrieen waren, die Gemeindeväter dagegen weniger. Also hohe Anzeigequote, aber Bussen eher tiefer, wenn es nicht gerade ein Gerichtsurteil gab. Wie man oben an den Zahlen «Werth» und «Schaden» vs. «Busse» sieht, wäre selbst bei einer Entdeckungsquote von gerade einmal 25 Prozent gefrevelten Holzes der monetäre Schaden im Kantonsdurchschnitt abgedeckt.

Auch wenn also 4.4 Prozent aller in diesem Oberförsterbericht aufgeführten Frevelfälle die Gemeinde Weiach betrafen, so kann man die im Titel dieses Beitrags gestellte Frage nicht zwingend bejahen. Vielleicht war auch nur unser damaliger Förster ein guter Kriminalist, der sofort merkte, wenn etwas fehlte, bzw. wundersamen Brennholzzuwachs an bestimmter Stelle im Dorf einer Täterschaft zuordnen konnte.

Quelle 

  • Mittheilungen. Kanton Zürich. Aus dem Jahresbericht des Oberforstamtes pro 1886/87. In: Schweizerische Zeitschrift für das Forstwesen. Bd. 40 (1889) – S. 29-30.

Sonntag, 10. Juli 2022

Wenn man dem lebenden Bäbi die Haare schneidet

In den 1921 gedruckten Kindheitserinnerungen der aus Weiach in die USA ausgewanderten Susanna Louise Patteson (geborene Luise Griesser, 1853-1922; vgl. WeiachBlog Nr. 1487 und folgende) finden sich viele kulturhistorisch und familiengeschichtlich bedeutsame Hinweise auf die örtlichen Verhältnisse in ihrer alten Heimatgemeinde.

Luise wohnte an der Büelstrasse 10 auf der Höhe der Einmündung der Luppenstrasse. Und ihr Zuhause war offensichtlich ein für Kinder attraktiver Spielplatz: 

«Vreneli, Setti, and Lizzie often came to my house to play. I was nearest to a brickyard where we got our clay for making mud-pies.» (S. 26)

Mit diesem «brickyard» ist die ehemals obrigkeitliche Ziegelhütte gemeint, die an der Stelle stand, wo sich später das Näpferhüsli befand (heutiger Standort der Gemeindeliegenschaft Luppenstrasse 2).

Auf diesem alten Kärtchen von 1831 sind die obrigkeitlich privilegierten Betriebe mit Signaturen eingetragen. Der Gasthof Sternen (disloziert 1830) ist noch an der Verzweigung Oberdorfstrasse-Winkelstrasse (südlich der Kirche) eingezeichnet, die Mühle im Oberdorf an der korrekten Stelle, die Ziegelhütte im Büel ebenfalls.

Schnipp, schnapp

Ausser mit der Herstellung von Lehmkuchen befassten sich die vier Mädchen vorzugsweise damit, «Familie» zu spielen: Vater, Mutter, Kind und Anverwandte. Es fehlte nur noch das kleine Kind. Aber auch das fand sich in der nächsten Umgebung:

«Playing “house” was one of our favorite pastimes. I would be the mother, Vreneli the father, because she was taller than I, Setti and Lizzie the aunts. We used to borrow a neighbor girl to be our baby. In Switzerland a family is often named after the trade of the father, or after some peculiar trait of an ancestor. The little girl we used to borrow was known as “Brod-Hanse Mari,” because her father’s name was Hans, and he at one time had been a dealer in bread — Brod. Mari had long blonde curls, and one day we girls concluded that they were too long. I got the scissors and Vreneli held Mari while I trimmed those curls to suit our taste.» (S. 26)

Beim Wasserholen eingeladen

Wie alles im Leben, so hatte auch diese doch recht eigenmächtige Aktion ihre Folgen:

«Soon after that one day I met Mari’s mother coming from the village fountain, and carrying a “gelte” of water on her head. Mari was walking beside her with a tiny gelte of water also on her head. A gelte is similar to a small tub, and different sizes are made for old and young, of both wood and copper. Mari’s mother invited me most cordially to go home with her. I did so, and when we got inside she closed the door, gave me a terrible spanking and sent me home saying, “I guess you know what it’s for.”» (S. 27)

Wie es so schön heisst: Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Und auch wenn das heute nicht mehr als angemessen gelten würde: Diese von der Mutter des unfreiwillig coiffierten kleinen Mädchens – wohl auf Luises Hintern – verabreichten Schläge dürften die Zustimmung ihrer Erziehungsberechtigten gefunden haben. Es ist daher nicht sehr wahrscheinlich, dass Luise sich daheim über diese Art der Bestrafung beschwert hat.

Kulturhistorisch von Interesse ist die Schilderung, wie Mari und ihre Mutter das Wasser vom Dorfbrunnen in auf dem Kopf balancierten Gelten aus Holz oder Metall nach Hause tragen mussten. In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Weiach noch keine Hauswasserversorgung; das erste Leitungsnetz mit Hausanschlüssen wurde erst 1877 gebaut.

Da dem WeiachBlog-Autor noch unbekannt ist, um welche Familie es sich bei den «Brodhanse» gehandelt hat, gibt es auch keinen Hinweis, von welchem Brunnen aus sie das Wasser geholt hat.

Zum Spielen weniger geeignete Heimstätten

Warum Vreneli, Setti, Lisi und Luise weniger bei den drei erstgenannten spielten, erklärt die Autorin gleich anschliessend an die Schilderung der Strafaktion.

«Once in a while we played in Vreneli’s house. She was almost as near to the brickyard as I was, but she had a fretful grandmother and we never stayed there very long.» (S. 27)

Die quengelige Grossmutter hat die spielende Mädchenschar also vertrieben. Hier kommen nur wenige Häuser im Büel infrage, die alle nahe bei der Ziegelei gestanden haben. Die fraglichen Familien sollte man daher mit etwas Recherchieraufwand eruieren können. Dann dürften auch Vreneli, Setti und Lisi ihre Nachnamen erhalten und sich in Stammbäumen einordnen lassen.

«At Lizzie’s house it was unpleasant because her father had his tinker shop in the living-room and it was full of queer odors. In cold weather sometimes also the cow was bedded in there in a corner. Many a time I have seen her there with a dear little calf beside her.» (S. 27-28)

Die Kesselflicker-Werkstatt von Lizzies Vater befand sich also in der Stube und dass es da von Metalldämpfen und dergleichen gerochen hat, ist leicht vorstellbar. Wie viele andere in Weiach hielt auch diese Familie zu Selbstversorgungszwecken eine einzelne Kuh, die dazu regelmässig gedeckt werden musste. Kuh und Kalb hatten offenbar keinen wintertauglichen Stall, sodass sie bei Kälte ebenfalls in der Stube lebten. Und da beim Heizen mithalfen.

Auch die Heimstätte der dritten Freundin Setti eignete sich nicht zum Spielen. Denn dabei dürfte es sich um den ehaften Gasthof zum Sternen gehandelt haben, dessen Gebäude sich seit den 1830ern am heutigen Standort befinden:

«Setti lived at the inn, where there were always many people, so, taking it all around, my home was the best to play in.» 

Quellen

Freitag, 8. Juli 2022

Nau.ch – Entgenderungsspezialisten mit Recherchierschwäche

«Der Gemeinderat Weiach hat entschieden, das Mitteilungsblatt in gedruckter Version nur noch an Abonnenten, d.h. auf Bestellung zu versenden. Das Mitteilungsblatt wird wie bis anhin auf der Webseite zum Download aufgeschaltet und es besteht die Möglichkeit das Mitteilungsblatt im Abonnement zu bestellen. Dieses kann über den Online-Schalter auf der Webseite der Gemeinde oder per Mail (info@weiach.ch) bestellt werden. Eine einmalige Anmeldung reicht, damit das Mitteilungsblatt monatlich zugestellt wird. Das Abonnement ist für Einwohnerinnen und Einwohner kostenlos.»

Dieser Text steht in jedem Mitteilungsblatt. In wirklich jedem. Unverändert. Seit Monaten. Nachzulesen jeweils auf den ersten Seiten in der Sektion Politische Gemeinde, Abschnitt Gemeinderat und Gemeindeverwaltung

Das Weiacher Mitteilungsblatt wird natürlich auch von Blog-Autoren (wie dem hier in die Tasten hauenden) und Journalisten (Zürcher Unterländer, etc.) durchforstet und für ihre Zwecke nutzbar gemacht.

Von Nau Lokal verwurstet

Nau.ch gehört zum «Werbevermarkter Livesystems», ansässig in Liebefeld bei Bern, weiss Wikipedia: «Nau publiziert Nachrichten und zumeist kürzere Meldungen zu aktuellen Themen. Der Fokus liegt dabei auf Regionalität, es sollen vor allem Pendler bedient werden.»  Ausgespielt wird das Kurzfutter dann vor allem über die Info-Bildschirme in öffentlichen Verkehrsmitteln (Bahn und Bus).

Journalisten dieser mittlerweile fünfjährigen Online-Plattform haben den eingangs zitierten Text am 2. Juni wie folgt verwertet:

Titel: «Mitteilungsblatt nur noch für Abonnenten»

Spitzmarke: «Wie die Gemeinde Weiach informiert, wird das Mitteilungsblatt in gedruckter Version nur noch an Abonnenten versendet.»

Text: «Der Gemeinderat Weiach hat entschieden, das Mitteilungsblatt in gedruckter Version nur noch an Abonnenten, das heisst auf Bestellung, zu versenden. Das Mitteilungsblatt wird wie bis anhin auf der Webseite zum Download aufgeschaltet und es besteht die Möglichkeit, das Mitteilungsblatt im Abonnement zu bestellen.

Dieses kann über den Online-Schalter auf der Webseite der Gemeinde oder per Mail bestellt werden. Eine einmalige Anmeldung reicht, damit das Mitteilungsblatt monatlich zugestellt wird. Das Abonnement ist für Einwohner kostenlos.»

Ein astreines Paraphrase-Plagiat. Mit dem nicht zu unterschätzenden Mehrwert einer Entgenderung. 

Tolle Leistung. Vor allem, wenn man den Umstand berücksichtigt, dass das ja keine wirkliche Neuigkeit ist (vgl. Tweet unten). Und, dass «Nau» anscheinend für «Neu, aktuell, unterhaltsam» stehen soll. Die ersten beiden Punkte können wir hier gleich kassieren und dafür den Unterhaltungswert hervorheben.

Kritikfähigkeit: Fehlanzeige

Denn auf diese Kritik von WeiachTweet:

reagierte @nau_live vordergründig noch professionell, im Hintergrund aber höchst verschnupft:

Der Wiachiana-Verlag als Herausgeber von WeiachTweet und WeiachBlog stellt nun nach einem Monat Schonfrist – bei einem im Bernbiet angesiedelten Medienhaus ein Gebot der Fairness – leider fest, dass die angekündigten Nachgänge komplett versandet sind.

Zugutehalten muss man dem (wohl mehrheitlich aus schlechtbezahlten Praktikanten bestehenden) Redaktionsteam die in der Branche übliche Unterressourcierung. Für diese Pleite sind die Eigentümer zuständig. Ein mimosenhaftes Verhalten der Leute an der Front, wie das oben dokumentierte, ist dennoch nicht angebracht.

Es braucht auch Kritik pro domo

Auch die Redaktion des Weiacher Mitteilungsblatts muss sich ihren Anteil an dieser Posse anrechnen lassen. Dort wurde schlicht nicht berücksichtigt, dass man aktuelle und wiederkehrende Informationen nicht vermischen sollte. Tut man das trotzdem, dann müsste gekennzeichnet sein, dass es sich um einen vergleichsweise älteren Hut handelt. Zum Beispiel, indem der Text wie folgt abgeändert wird: 

«Der Gemeinderat Weiach hat im September 2019 entschieden, das Mitteilungsblatt in gedruckter Version nur noch an Abonnenten, d.h. auf Bestellung zu versenden. [...]»

Es war somit seit diesem Gemeinderatsbeschluss bereits Anfang Juni 2022 nicht «fast zweieinhalb Jahre» her, sondern schon etwas mehr. Und diesen Fall von Recherchierschwäche (vgl. den Tweet vom 7. Juni) nimmt der Wiachiana-Verleger auf seine Kappe.