Freitag, 30. Juli 2021

In welche Kassen die Bussgelder fliessen (Art. 31 GO 1596)

Können Sie sich noch erinnern, wie der Autor dieser Sommerserie in WeiachBlog Nr. 1665 etwas maliziös das Verhalten der Niedergerichtsherren ganz zu Beginn der Verhandlungen über die künftige Holzordnung kommentiert hat? Bevor überhaupt klar war, dass dieser multilaterale Vertrag zustande kommt, brachten sie die Verteilung der Bussgelder aufs Tapet. Und verlangten, dass sämtliche Bussgelder bis 9 Pfund Pfenning ihnen gehören sollten. 

Demarkationslinie 9 Pfund Pfenning

Das war die Grenze, die gemeinhin zwischen Niedergericht und Hochgericht eingezogen war. Nur Inhaber der Hochgerichtsbarkeit, die über sog. Malefitz-Sachen entscheiden durften (d.h. Verbrechen und Vergehen mit Strafandrohungen bis hin zur Todesstrafe), durften Bussen höher als 9 Pfund verhängen. Was Neuamtsobervogt Stampfer auch getan hatte, um die Verhandlungen punkto Weiacher Wälder in Gang zu bringen.

In einigen der im Rahmen der Sommerserie 2021 in den letzten Wochen besprochenen Artikeln der Holzordnung sind Bussgeld-Beträge mit Destinatärangaben versehen, so z.B. bei der Bestimmung zum Gemeinwerk (wo die Busse vollumfänglich in die Gemeindekasse floss; vgl. WeiachBlog Nr. 1707 vom Mittwoch) oder bei der Fridhäg-Bestimmung (wo zwei Drittel an die Gerichtsherren und ein Drittel an die Gemeindekasse ging; vgl. WeiachBlog Nr. 1691).

Vertragliche Sicherung der Scheidelinie 9 Pfund

Als letzten Artikel der Holzordnung, Art. 15 HO, haben die drei Vertragsparteien (Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich, Fürstbischof v. Konstanz, Freiherr zu Wasserstelz) einen Auffangparagraphen gesetzt, der diejenigen Fälle regeln sollte, wo die Zuteilung nicht aus dem Text einer Bestimmung hervorgeht.

Bei Weibel liest sich die Transkription der Urkunde in diesem Punkt wie folgt:

«[15.] Alles mit dem wytern bescheid unnd erlütherung, was fürterhin obgerürter massen für buossenn gefallen unnd nit antzeigt worden, wem dieselben heimbdienen unnd gefolgen, da sölle hiemit angesechen unnd beschlossen syn, was biß uff die nün pfund pfenning oder darunder sige, das sölle unns, den nidernn grichtsherren, was aber ob den nünen biß uff die achtzechen pfund pfenning oder darob jst, unns, denen von Zürich als der hochen oberkeit zuo gehören unnd blyben, unnd unnder uns dhein [kein] theil den andern daran sumen noch verhindern jnn dheinen weg.»

Hier wird sie also feierlich festgehalten, die von den Niedergerichtsherren geforderte 9-Pfund-Regel.

Mit dieser Regel ist auch gleich festgeschrieben, wer in einem Fall von Missachtung einer der Regelungen der Holzordnung die Strafverfolgung an die Hand nehmen musste. Bei Bussandrohung bis 9 Pfund ging der Fall vor den fürstbischöflichen Obervogt bzw. das Dorfgericht Weiach, das von einem Abgesandten dieses Vogts präsidiert wurde (i.d.R. ein Kaiserstuhler). Alles, was darüber lag, landete beim zürcherischen Obervogt des Neuamts.

Bei Renitenten müssen die Zürcher in die Hosen

In der Bussgeldbestimmung Art. 15 HO ist als Absatz 2 auch gleich ein Wiederholungstäter-Passus eingebaut:

«Unnd das ouch wir, die grichtsherren, mit nammen unsere verfalne buossen mit unnsern gepotten biß uff die nün pfund jntzüchen mogen; unnd wann dieselben nützit verfachen weltint, alß dann erst unnser, dero von Zürich, vogt zuo Wyach, umb die pott der achtzechen pfunden antzerüffen schuldig syn söllen.»

Warum hier 18 Pfund explizit genannt werden? Das hängt möglicherweise damit zusammen, dass dies die Maximalbusse für Widersetzlichkeit gegen niedergerichtliche Vorgaben darstellte.

Die Fassung nach Art. 31 GO

In der Gemeindeordnung von 1596 erhielten die oben aufgeführten Bestimmungen den Titel «Wem die Bußen zugehören» und der Text liest sich wie folgt:

«Was obgerürter Maßen für Bußen gefallen und nit anzeigt worden, wem dieselben heimb dienen und gevolgen, da ist angesehen und beschlossen, was biß uf die nün Pfund Pfenning oder darunter ist, das soll den nideren Grichtsherren, was aber ob den nünen bis uf die achtzehen Pfund Pfenning oder darob ist, minen Herren von Zürich als der hohen Oberkeit zugehören und beliben, und kein Theil den anderen daran sumen noch verhinderen in keinen Weg; und das auch die Grichtsherren ire verfallenen Bußen mit iren Gebotten biß uf die nün Pfund inzüchen mögen. Und wann dieselben nützit verfahren [wohl verschrieben v. verfahen] weltind, alsdann erst miner Herren von Zürich Vögt zu Wyach umb die Pott der achtzechen Pfunden anzerüfen schuldig sin söllint.»

Interessant ist, dass hier bei der Renitenzklausel der Plural Vögt verwendet wird, in der Urkunde (nach Weibel) jedoch der Singular Vogt. Korrekt ist wohl der Singular, wie sich aus dem Kontext ergibt, denn der zürcherische Untervogt (der Einsitz im Weiacher Dorfgericht hatte) musste seinem Vorgesetzten, dem zürcherischen Obervogt, in einem solchen Fall Meldung erstatten. Dazu kommt, dass der Neuamts-Obervogt ja nicht in Weiach ansässig war, sondern in der Stadt Zürich seinen Amtssitz hatte (wie bei allen sog. inneren Vogteien üblich; nur Landvögte residierten auf der Landschaft draussen, wie in Regensberg, Eglisau oder auf der Kyburg)

Ratifikationsvermerk

In der Urkunde von 1567 folgt dem Text des letzten Artikels noch eine Ratifizierungs- und Gewährleistungsfloskel, d.h. die Bekräftigung der Annahme der vorstehenden Bestimmungen durch die Vertragspartner, verbunden mit der Aufforderung an die Rechtsunterworfenen (wer auch immer das im Einzelfall konkret war), diesen Vorgaben nachzuleben:

«Unnd wann nun wir, obgemelten vordern [!; nicht «hohen»] unnd nidern grichtsherren, obgenanter unser verordneten ansechen unnd gestelte ordnung verhört unnd darjnne nützit untzimlichs, sonnder alle billigckeit befunden, so habennt wir die zuo gefallen angenommen, die zuo chrefften erkent, bestät unnd wellennt, das hinfüro allem dem, so obstat, thrüwlich gelept unnd nachkommen, unnd dawider niemer nichts fürgenommen noch gehanndlet werde jnn dheinen [keinen] weg, alles gethrüwlich unnd ungefarlich.»

Am Falz unter diesem Text hängen die Siegel der drei Vertragsparteien.

Dass sich kurz darauf sowohl die Kaiserstuhler, sowie im Gefolge auch die Weiacher nicht wirklich an diese Vorgaben gehalten haben (jedenfalls aus Sicht der Zürcher bzw. des Herrn zu Wasserstelz) geht aus Interventionen vom September 1568 bzw. April 1570 hervor (vgl. letzten Abschnitt von WeiachBlog Nr. 1347, s. RQNA Nr. 180, Bemerkungen 1 u. 2, S. 392.)

Quellen
  • Ott, F.: Offnung der Gmeind Weyach von Anno 1596 [14. Wintermonat 1596]. In: Zeitschrift für schweizerisches Recht, Alte Folge Bd. 4 (1855) – II. Rechtsquellen, S. 183. [vgl. RQNA 180: Holzordnung].
  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt [=RQNA]. Aarau 1996 – S. 391-392.

Inhaltsübersicht zu Gemeindeordnung und Holzordnung

Donnerstag, 29. Juli 2021

Privilegierte Herbstweide für Gemeinwerk-Zugvieh

Der Einsatz von Körperkraft war vor Jahrhunderten entscheidend, wenn es um die Instandhaltung von Wegen, Brücken, Zäunen, etc. in Frondiensten und Gemeinwerk ging. Gemeindebürger ohne Zugvieh (Tauner, Tagner oder Taglöhner genannt) setzten ihre Körperkraft ein. Solche mit Zugvieh (Bauern) konnten dieses arbeiten lassen, wie man im Beitrag von gestern (WeiachBlog Nr. 1707) feststellen kann.

Auch nach dem Erlass der Holzordnung (von 1567) durch den Hoch- und die Niedergerichtsherren gemeinsam, einem Schiedsspruch von 1594 über die Weiderechte von Kaiserstuhl auf Weiacher Gebiet, der von den Zürchern dekretierten Weiacher Gemeindeordnung von 1596, sowie einer ebenfalls von Zürich herausgegebenen Regelung des Weidgangs «jn Großen Wißen» von 1598 (wohl nur die Rechte der Weiacher untereinander betreffend, vgl. auch letzten Abschnitt unten) waren die Ressourcenkonflikte keineswegs gelöst.

Das Weidgangsdekret von 1682

Einer im Staatsarchiv des Kantons Zürich erhalten gebliebenen Urkunde (StAZH C II 6 Nr. 604.12; RQNA 194) ist zu entnehmen, weshalb es in den 1680er-Jahren wieder einmal Streit gab:

«Kund und zue wüßen sey hiermit, demnach sich ein streit von deß weidgangs wegen under einer ersammen gemeindt undt burgerschafft zue Weyach erhebt, deßendtwegen eß einer weithläuffigkheit rechtenß und einer gantzen verwirung bethrowet, [...]»

Der Streit war so heftig, dass Gerichtsverfahren und Schlimmeres zu befürchten waren. Um «dem unheil aber vor zue komen,» griff «der wohlgeboren herr Frantz Ernst, freiherr Zweyer von Evebach, der röm[schen] kay[serlichen] may[estät] rath und zue mal hochfürstl[icher] bischofflicher constantzischer obervogt der statt Kayserstuel und deß ambts Röttellen» in dieser letzteren Funktion ein und erliess anlässlich des Herbstgerichts am 28. September 1682 eine Regelung (da vom katholischen Amtsuntervogt zu Kaiserstuhl aufgesetzt, datiert wohl nach gregorianischer Zeitrechnung).

Die Hofwiese wird reserviert

Als Artikel 3 dieser Regelung wird verordnet, dass die Hofwiese, also das Stück Land zwischen Chälen, Büel und Oberdorf, auf dem sich heute das Schulareal befindet, wie folgt genutzt werden solle:

«Zum dritten. Erstlich solle man fahren in die Hoffwißen auff stund und tag, wie eß vor der gmeind ermeret worden, aber eintzig und allein mit dem zug vich, so da sind mit namen roß und stieren, auch die s[alvo] h[onore] khüö, welche den oberkheitlichen fron dienst verrichtet und der gemeind werckh erstadtet, auch alß zugvich durch den winter und summer gebrucht worden, aber darin nüt lenger beleiben sollen, alß abenß von drey uhren biß am morget umb sechs uhren wider darauß fahren sollen.

Allß dan, so mag der khüö hirt mit der allgemeinen s[alvo] h[onore] vich herd darin fahren und weiden, will er mit dem vich zue eäßen findt.»

An einer Gemeindeversammlung sollte also darüber abgestimmt werden, ab welchem Zeitpunkt man die Herbstweide auf der Hofwiese beginnen wolle. Zwischen nachmittags um drei Uhr und dem folgenden Morgen um 6 Uhr durfte dann das Zugvieh dort grasen. 

Allerdings nur Pferde, Stiere (wohl auch Ochsen) und Kühe, die in Frondiensten für die Gerichtsherren oder im Gemeinwerk zugunsten der Gemeinde selber als Zugtiere eingesetzt worden waren.

Weitere Einschränkung: Diese Tiere mussten im verflossenen Winter und Sommer von ihren Eigentümern schon als Zugtiere eingesetzt worden sein. Ein Zukauf im Hinblick auf die Herbstweide sollte so verhindert werden.

Den Tag über (also von 6 bis 15 Uhr) durfte dann das übrige Rindvieh auf der Hofwiese sein Futter suchen.

Zeitlich befristet und lokal eingeschränkt in Kraft

Die oben aufgeführte und alle weiteren Regelungen dieses fürstbischöflichen Dekrets hatten interessanterweise ein Ablaufdatum, nämlich 1691 und war überdies auf ganz bestimmtes Wiesland beschränkt, wie der abschliessende Artikel 8 festhält: 

«Soll diße erleütherung neün jahr jn krefften verbleiben und auff die Groß Wißen, Hoff-, Leweren- und Klein Wißen gemeindt und verstanden werden

Untergegangene Urkunde

Interessant ist, dass der fürstbischöfliche Obervogt das Basisdokument, nämlich «den brieff, so von lobl[icher] statt Zürich anno 1598 auffgericht wegen weidgangs jn Großen Wißen und der gmeind Weyach übergeben worden», nicht angetastet hat. Der solle (so Artikel 2) «gentzlich in seinen krefften verbleiben».

Thomas Weibel, der dieses Herbstweide-Dekret Zweyer von Evebachs für den Rechtsquellenband Neuamt transkribiert hat, vermerkt in einer Fussnote (S. 441), dieser «brieff» von 1598 sei «nicht erhalten». Wir haben also leider keine Ahnung, was genau der Inhalt dieser Weideregelung gewesen ist. 

Was Weibel nicht erwähnt, ist, wo er überall gesucht hat, um zu diesem Fazit zu kommen, z.B. ob er auch die Missiven (durch die Stadtkanzlei erstellte Kopien ausgehender Briefe) durchforstet hat.

Dass das Dokument im Weiacher Gemeindearchiv nicht mehr vorhanden ist, dürfte (wie schon mehrfach erwähnt) am während der Einquartierung von Truppen entstandenen Brand des Gemeindehauses liegen (vgl. WeiachBlog Nr. 1441 für die Diskussion des Brandzeitpunkts).

Quelle

  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt [=RQNA]. Aarau 1996 – Nr. 194. Nutzung der Herbstweide. S. 440.

Mittwoch, 28. Juli 2021

Kommunales Gemeinwerk und Fronarbeiten (Art. 30 GO 1596)

Eine Bestimmung in der ältesten Weiacher Gemeindeordnung, Art. 2 GO 1596, befasst sich mit dem Thema Strassen (vgl. WeiachBlog Nr. 887). Für deren Unterhalt waren die Anstösser zuständig und die geschworenen Dorfmeier hatten «Ufsehens und Acht» darauf zu haben, dass die nötigen Arbeiten auch tatsächlich ausgeführt wurden.

Bereits im zweitletzten Artikel der Holzordnung von 1567 (Art. 14 HO), der als Artikel 30 in die Gemeindeordnung übernommen wurde, ist hingegen festgelegt, dass Unterhalt an der dörflichen Infrastruktur mittels im Gemeinwerk zu verrichtender Arbeit bewerkstelligt werden soll. 

Wie die Abgrenzung zwischen diesen beiden Bestimmungen funktioniert hat, ist unklar. Bei den in Art. 2 GO erwähnten Arbeiten dürfte es sich wohl um die kleineren Angelegenheiten gehandelt haben, bei den in Art. 30 GO um die umfangreicheren, wie sich aus dem nachstehend diskutierten Wortlaut ableiten lässt.

Arbeiten und arbeiten lassen. Der Unterschied zwischen Bauern und Tagnern

Die Holzordnung äussert sich jedenfalls sehr ausführlich zu Gemeinwerk und Fronarbeit für öffentliche Zwecke, die mit den Waldungen direkt nichts zu tun haben. In der Transkription Weibel (erstellt ab der Originalurkunde) liest sich Art. 14 HO wie folgt:

«Sovil dann die bruggen, stäg, weg unnd der gmeind zünung zuo verbessern antrifft, da söllinnt die puren, so roß- oder rinder züg habent, jeder zyt zuo demselben allem alle nothurfft zuohin zefüren schuldig syn, unnd dann die tagner alle gmeinlich mit jren lyben jre tagwan unnd jr bests thuon.»

Hier ist er wieder deutlich zu erkennen, der Unterschied zwischen Bauern und Taunern (vgl. WeiachBlog Nr. 1675). Ein Tagner, Tauner oder Taglöhner wird hier geradezu dadurch definiert, dass er aus eigenen Mitteln kein Gespann (ob mit Kühen oder gar Pferden) zusammenstellen kann. Deshalb muss er seinen Anteil am Gemeinwerk mit eigener Körperkraft leisten. Die Bauern waren nach diesem Absatz nur zu Transportdienstleistungen verpflichtet, diese allerdings in unbegrenzter Höhe. Von eigener körperlicher Arbeit steht da gar nichts.

Es galt die Gemeinwerk-Ersatzpflicht

Man konnte sich aus dieser Fronarbeit auch befreien, wie die weiteren Absätze des Artikel 14 HO erläutern:

«So aber einer söllichen tagwan selbs nit thuon köndte oder möchte, das dann einer dermassen einen knecht dahin stellen, der den tagwan wol versechen unnd vollstrecken möge; unnd sy die strassen all, so jnen zemachen zuostand, dermaßen machen unnd bessern, das die guot unnd wol zewandlen sigen.»

Dieser zweite Satzteil kommt einem nach Lektüre des Strassenartikels (Art. 2 GO 1596) ziemlich bekannt vor. Der Strassenzustand musste so sein, dass man darauf gut gehen, reiten und fahren konnte. Dass es auch anders sein kann, sieht man heute noch in den weiten Ebenen Russlands, wo regelmässig die Rasputiza (Schlammzeit) zuschlägt: Liegenbleibendes Wasser aus Schneeschmelze und Regenfällen, das die Strassen unpassierbar macht. Zum Glück ist die Landschaft bei uns nicht so topfeben. In Weiach hat man die Möglichkeit, Niederschlagswasser Richtung Rhein abzuleiten.

Zu wenig arbeiten können oder nur anwesend sein? Reicht nicht!

Zurück zur Ersatzpflicht. Ein selbst nicht anwesender Gemeinwerkpflichtiger konnte auch einen Dritten (z.B. einen seiner Knechte) zum Gemeinwerk abkommandieren. Der musste allerdings nicht nur körperlich in der Lage sein zu arbeiten, sondern auch tatsächlich arbeiten wollen:

«Wann aber einer einen knaben dahin schickte, der den tagwan nit volbringen möchte, oder einer von puren ald tagneren nit an das werch keme, oder ob sy glych daselbs weren unnd aber nit werchen weltind, alßdann sölle die gmeind gwalt haben, knecht an derselben statt an das werch zestellen, volgentz die ungehorsammen denselben heissen den lon geben, unnd wer derselben stucken eins übersicht, umb ein pfund pfenning zestraffen, unnd dieselb buoß jnen, der gmeind, belyben.»

Die Gemeinde konnte somit auf Kosten nicht arbeitender Gemeinwerkpflichtiger (aus welchen Gründen auch immer die Arbeit von ihnen nicht erledigt wurde) Realersatz organisieren und den Pflichtigen zur Bezahlung desselben zwingen. Darüber hinaus war dann noch eine Busse von 1 Pfund fällig, welche vollumfänglich in die Gemeindekasse floss. Damit war eine der «Unordnungen», die zur Gemeindeordnung geführt hatten, erneut adressiert und bekräftigt (vgl. WeiachBlog Nr. 883, Beschwerde Nr. 6).

Die Bestimmungen als Art. 30 GO

In der Mitte des 19. Jahrhunderts von Friedrich Ott publizierten Transkription einer Abschrift der Weiacher Gemeindeordnung ist der Artikel mit der Überschrift «Bruggen, Stäg und Wäg sc.» versehen. Hier der gesamte Text ohne zwischengeschaltete Kommentare:

«So vil die Bruggen, Stäg und Wäg und der Gemeind Zünung zu verbeßeren antrifft, da söllent die Puren, so Roß oder Rinder Züg habent, jederzit zu demselben allem alle Nothurfft zuhin ze führen schuldig sin, und dann die Tagner alle gmeinlich mit iren Liben ire Tagwen und ihr bests thun; so aber einer sollichen Tagwen selbst nit thun köndte oder möchte, das dann einer dermaßen einen Knecht dahin stellen, der den Tagwen wol versehen möge; und si die Straßen all, so inen zu machen zustand, dermaßen machen und beßeren, daß die gut und wol ze wandlen sigen. Wann aber einer einen Knaben dahin schickte, der den Tagwen nit vollbringen möchte oder einer von Puren ald Tagneren nit an das Werk keme oder ob sie glich daselbs weren und aber nit werchen weltind, alsdann solle die Gmeind Gwalt haben, an derselben Statt Knecht an das Werk ze stellen, volgents die unghorsamen denselben heißen den Lohn geben; und wer derselben Stuken eins übersicht, umb ein Pfund Pfenning ze straffen und dieselb Buß der Gmeind beliben.»

Quellen
  • Ott, F.: Offnung der Gmeind Weyach von Anno 1596 [14. Wintermonat 1596]. In: Zeitschrift für schweizerisches Recht, Alte Folge Bd. 4 (1855) – II. Rechtsquellen, S. 183. [vgl. RQNA 180: Holzordnung].
  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt [=RQNA]. Aarau 1996 – S. 391.

Inhaltsübersicht zu Gemeindeordnung und Holzordnung

Dienstag, 27. Juli 2021

Tigerhund mit Glasauge zugelaufen

Etliche Beiträge in der Facebook-Gruppe Du bisch vo Weiach, wenn... betreffen vermisste Katzen. Seltener werden Schildkröten oder Hunde vermisst oder laufen zu. Aber auch das kommt vor, samt entsprechendem Video, das die glückliche Wiedervereinigung von Frauchen und Hund dokumentiert.

Wie ein Weiacher im Jahre der Gründung unseres Bundesstaates auf die Suche nach dem Eigentümer eines ihm zugelaufenen Hundes ging, das ist in der «Züricher Freit.Zeitung» vom 6. Oktober 1848 festgehalten: 

«Zugelaufen. Lezten Zürich-Schließmarkt ein großer Tigerhund, männlicher Art, mit Halsband ohne Zeichen, einem Glasaug und langem Schwanz. Der Eigenthümer kann diesen Hund gegen Ein[r]ückungsgebühr und Futtergeld innert 8 Tagen abholen, ansonst er als Eigenthum betrachtet würde. Weyach, den 2. Oktober 1848. Heinrich Näf.»

Was ist unter der Bezeichnung «Schließmarkt» zu verstehen? Ein abgeschlossener Markt? Sozusagen, ja. Gemäss dem Deutschen Rechtswörterbuch bezeichnet der Begriff den «letzten Tag eines mehrtägigen (Jahr-)Marktes». 

Nicht ganz klar ist, ob nur das Datum des letzten Markttages gemeint ist (der Hund wäre also in Weiach zugelaufen), oder tatsächlich der Zürcher Herbstmarkt als Ort. Wenn letzteres der Fall ist, dann könnte Heinrich Näf als Verkäufer anwesend gewesen sein. Und der erwähnte Hund wäre dann einem anderen Marktfahrer oder einem Marktbesucher verloren gegangen.

Ein Tiger?

Wie dem auch sei und ob Näf den Hund am Schluss behalten hat, oder nicht: unter diesem «Tigerhund» ist wohl ein Hund mit geschecktem, getupftem oder gepunktetem Fell (damals als Tigerung bezeichnet) aus der Gruppe der Altdeutschen Hütehunde gemeint. Tiger des süddeutschen Typs werden als vergleichsweise häufig bezeichnet (vgl. Wikipedia-Artikel, s. Quellen).

Besonders auffällig ist einerseits das Glasauge (!), ein Merkmal, das man bei einem Arbeitshund eines Schäfers nicht unbedingt erwarten würde, das aber auch für die Wertschätzung seitens seines Eigentümers spricht.

Hundemarke und Leinenpflicht. Schon im Ancien Régime Vorschrift.

Andererseits ist der Umstand bemerkenswert, dass der Hund kein Zeichen trug. Es ist damit durchaus möglich, dass es kein Hund eines Zürchers war. Denn im Staate Zürich war es damals schon seit Jahrzehnten Pflicht (spätestens ab 1787), jeden Hund behördlich anzumelden und mit einer Marke zu kennzeichnen. Wurden Hunde ohne diese Marke auf der Strasse angetroffen, so durfte der Wasenmeister (Abdecker) sie einfangen. War der Hund dann nicht im Verzeichnis eingetragen (und nicht bloss ohne Marke unterwegs), dann musste der Wasenmeister dieses Tier töten. 

Neuer Hund? Anmeldung innert 4 Wochen

Nach der regierungsrätlichen Verordnung von 1835 (s. Quellen) hatte der «Zeichenaustheiler» ein Tierarzt zu sein, der verpflichtet war, über die verabgabten Hunde ein genaues Verzeichnis zu führen, das «die Nummer des Zeichens, eine Beschreibung des Hundes, nahmentlich in Bezug auf Race und Farbe, nebst dem Nahmen des Eigenthümers» beinhalten sollte (§ 5).

Jeweils in der ersten Hälfte des Monats Mai musste jeder Hundehalter beim zuständigen Tierarzt eine neue Marke lösen. «Wer in der Zwischenzeit der jährlichen Bezeichnung durch Kauf, Tausch, oder auf andere Weise Eigenthümer eines Hundes wird, ist gehalten, ihn vor Abfluß von 4 Wochen auf seinen Nahmen einschreiben und, wofern er nicht bereits mit einem Zeichen versehen ist, auch bezeichnen zu lassen, wofür die im §. 6 genannten Gebühren ebenfalls zu bezahlen sind.» (§ 8). Für einen neu angemeldeten Hund waren das 4 Batzen, entsprechend 40 Rappen. Nach Swistoval.ch sind das je nach verwendetem Index in heutigen Geldwerten 7 Franken (KPI) bzw. 46 Franken (HLI).

Quellen

Montag, 26. Juli 2021

Fluch über dem Platz wegen illegaler Rodungsaktion?

Etliche (vor allem ortsfremde) Besucher des römischen Wachtturms im Weiacher Hardwald kennen die Hintergründe des dortigen Flurnamens «Verfluchter Platz» nicht. Da kommen dann schon einmal Vermutungen auf, dass da Hexen und Zauberer oder gar die Römer selber dahinterstecken könnten (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 108, S. 432-433).

Es dürften aber wohl profanere Gründe vorliegen. 1850 wurde die Herkunft des Flurnamens in der Weiacher Ortsbeschreibung (Edition: Wiachiana Fontes Bd. 3) überzeugend hergeleitet. Alt Zunftgerichtspräsident Baumgartner erklärt ihn mit einem «verfehlten Cultur-Plane» (d.h. falscher Anbaustrategie nach der Rodung). Diese Kultivierungsbemühungen seien, so Baumgartner, «vor 80 Jahren» erfolgt, also um das Jahr 1770 herum.

Nun sass zu diesem Zeitpunkt das Ancien Régime der Gnädigen Herren zu Zürich, bzw. für die fürstbischöfliche Verwaltung zu Meersburg am Bodensee, noch im Sattel und die alte Weiacher Holzordnung von 1567 (HO 1567) war noch in Kraft. Folgt man den noch vorhandenen Unterlagen im Staatsarchiv des Kantons Zürich, dann wurde nämlich erst 1796 durch die (zürcherischen) Neuamtsobervögte eine neue Holzordnung erlassen (vgl. Weibel 1996; Bemerkung 3 zu RQNA Nr. 180, S. 392). Inwiefern die hochobrigkeitlichen Waldschutzverordnungen des 18. Jahrhunderts Einfluss hatten (vor allem das Erneuerte Waldungs-Mandat von 1773), ist bislang nicht geklärt.

Nach Art. 13 HO 1567 (Zählung n. Weibel 1996, vgl. WeiachBlog Nr. 1704 von gestern) war es explizit verboten, Wald zu roden, jedenfalls «one unnser, der ober unnd nidern grichtsherren, wüssen unnd erlouptnuß, by achtzechen pfunden buoß», eine hohe Geldstrafe, die bei Verhängung vollumfänglich in die Zürcher Staatskasse floss. Wir haben vor einigen Tagen gesehen, dass dies 36 Tageslöhnen eines Handwerkers entsprach (vgl. WeiachBlog Nr. 1692). Und wenn man die heutige Praxis beachtet, dass der Tagessatz bei einem Strafbefehl nicht auf dem Bruttoeinkommen, sondern auf dem steuerbaren Einkommen abgestützt wird, dann sind 18 Pfund Busse schon sehr viel.

Dass auf Weiacher Gemeindegebiet im 17. und 18. Jahrhundert Wald gerodet wurde und dies mit dem Wissen und der Bewilligung der Obrigkeiten erfolgte (oder zumindest bestraft wurde), ist erwiesen, sonst hätte der Weiacher Pfr. Wolf 1740 nicht erfolgreich den Zehnten auf sogenanntem «Neugrüt» im Sanzenberg beziehen können, also kürzlich gerodeten Flächen, wie aus einem im Archiv der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach liegenden Dokument (ERKGA II.A.3) hervorgeht.

Könnte es sein, dass man da im Hardwald nahe des Rheins illegalerweise Waldflächen gerodet und einen Anbauversuch gemacht hat? Und als das dann nicht klappte, sich wie der Fuchs in der Äsopschen Fabel verhielt, der die für ihn zu hoch hängenden Trauben hocherhobenen Hauptes als sauer diffamiert?

Selbst wenn die Rodung mit Bewilligung erfolgte: Der Frust über den Fehlschlag war dadurch nicht kleiner. Die Verminderung des Verlustgefühls durch die Herabsetzung der Qualität des Bodens ist in der Psychologie bekannt: als Saure Trauben-Effekt. Ist immer noch besser als den Misserfolg dem eigenen Versagen zuordnen zu müssen.

Sonntag, 25. Juli 2021

Rodung und Holzverkauf nur mit Bewilligung! (Art. 29 GO 1596)

Nach zwei Wochen mit anderen Themen geht es nun weiter mit der Sommerserie zum zweiten Teil der ältesten Weiacher Gemeindeordnung (GO 1596), der die Bestimmungen der Holzordnung von 1567 enthält, vgl. letzten Beitrag Nr. 1691 zum Schutz der Fridhäge.

Der Artikel 13 HO 1567 nimmt wieder das Kernanliegen der forstpolizeilichen Stossrichtung der Vereinbarung zwischen den drei Obrigkeiten auf. Er stipuliert ausdrücklich und strikte
  • einerseits die Genehmigungspflicht für Urbarmachungen jeglicher Art, sowie 
  • andererseits die Bewilligungspflicht für alle Arten, Holz an Dritte abzugeben (ob gegen Entgelt oder gratis).
Ausdrücklich!!

Diese Vorschrift liest sich in der Transkription von Weibel wie folgt:

«Unnd ouch mit namlichen worten unnd heiterm geding von der gmeind hinfüro dhein holtz mer ußgrüt noch weder gegenn jrem ziegler noch jemant anderm, darinne niemant ußgenommen, verkoufft, verschenckt oder annderer gestalt hingeben werden one unnser, der ober unnd nidern grichtsherren, wüssen unnd erlouptnuß, by achtzechen pfunden buoß. Sy, die gmeind, möchte sich ouch harjnne dermassen so unghorsam unnd ungepürlich ertzeigen, man wurde sy höcher unnd wyter nach der gepür straffen.» 

Was ist mit dem «heitern geding» gemeint? Da hilft das Schweizerische Idiotikon weiter. Im 1891 gedruckten zweiten Band wird das Wort heiter erläutert: «von Gegenständen der Erkenntniss und von sprachlicher Darstellung derselben: klar, ausdrücklich, offen» (Id. 2, 1768 Ziff 3). Der Begriff G(e)ding konnte vielerlei bedeuten. Im obigen Zusammenhang ist wohl das Ergebnis einer Rechtssetzung (d.h. der Abmachung zwischen den drei Obrigkeiten) im Sinne einer Einschränkung, Auflage oder Forderung gemeint (Id. 13, 519 Ziff 2c).

Zürcher Einfluss auf den Energiehunger der Ziegelhütte

Das Verbot, ohne Bewilligung Holz aus Gemeindewäldern abzugeben, betrifft also explizit auch den Ziegler, d.h. den jeweiligen Pächter der fürstbischöflichen Ziegelhütte zu Weiach. Dass dies so im Vertrag drinsteht ist wohl hauptsächlich den Zürchern zu verdanken. Sie hatten ja auch wenig davon, wenn Weiacher Holz in Rauch aufging, um Ziegel und Kalk für die Stadt Kaiserstuhl oder die Wasserstelz-Schlösser zu brennen. Sollen die ihren eigenen Wald dafür verheizen. Davon hatten sowohl die Stadt wie der Herr von Wasserstelz auch nicht wenig.

Schuldendeckung bewilligungsfähig

Der Artikel 13 HO wird in der Urkunde von 1567 immerhin mit dem Zusatz versehen:

«Doch mit dem anhang, diewyl sy, die gmeind, (wie wir berichtet) vil schuldig, wellenn wir jnen hiemit zuogelaßen haben, an ettlichen unschädlichen ordten ein antzal holtzes ab dem boden zuo verkouffen unnd uß dem erlößten gelt die schulden zuo betzalen, doch das sy das mit unserm wüssen thuon, unnd dieselben höw ouch widerumb als obstat jnschlachen söllint.»

Hier wird also der Hinweis gegeben, dass zur Deckung der Schulden der Gemeinde (die sich auf über 200 Gulden beliefen) mit einer Holzschlag- und -verkaufsbewilligung gerechnet werden könne, sofern die Holzschläge an dazu geeigneten Orten erfolgten und man sie ordnunggemäss einzäunte um den Wiederaufwuchs sicherzustellen.

In der GO 1596 blieb nur die Bewilligungspflicht

Von dieser Schuldendeckungsoption ist in die von Friedrich Ott verwendete Abschrift der Gemeindeordnung nichts übernommen worden. Bei Ott trägt Artikel 29 GO 1596 den Titel «Die Gmeind soll für sich selbs kein Holz ußrüten noch sonst hingeben» und liest sich wie folgt:

«Und mit namlichen Worten und heiterem Geding soll von der Gmeind hinfüro kein Holz mehr ußgrüt noch weder gegen dem Ziegler noch jemand anderen, darin niemand ußgenommen, verkauft, verschenkt, oder anderer Gstalt hingeben werden, ohne der oberen und nideren Grichtsherren Wüßen und Erloubtnus, bi achtzehn Pfünder Buß; die Gmeind mochte sich auch hierinn so unghorsam und ungebürlich erzeigen, man wurde si höher und witer nach der Gebür straffen.»

Hochobrigkeitliche Drohkulisse

Diese Busse von 18 Pfund war die Drohkulisse des Hochgerichtsherrn, in dessen Kasse sie bei Verhängung auch vollumfänglich floss. Die Zürcher Regierung setzte damit die Bussandrohung fort, mit welcher der Obervogt des Neuamts im Vorfeld der Vertragsverhandlungen zwischen den drei Obrigkeiten jede Art von Holzerei untersagt hatte, um die Parteien an den Verhandlungstisch zu zwingen und so endlich Ordnung in die Angelegenheit bringen zu können (vgl. WeiachBlog Nr. 1665, Abschnitt Absolutes Holzschlagverbot! Paukenschlag und Canossagang).

Die Gemeinde Weiach selber wurde durch den letzten Absatz des Artikels 29 besonders unter Druck gesetzt und in die Pflicht genommen. Denn es wird ausdrücklich festgehalten: bei Fehlverhalten durch Amtsträger der Gemeinde ist die mögliche Busse nach oben nicht begrenzt!

Quellen
  • Ott, F.: Offnung der Gmeind Weyach von Anno 1596 [14. Wintermonat 1596]. In: Zeitschrift für schweizerisches Recht, Alte Folge Bd. 4 (1855) – II. Rechtsquellen von Zürich, S. 182-183. [vgl. RQNA Nr. 180: Holzordnung].
  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt [=RQNA]. Aarau 1996 – S. 391.

Inhaltsübersicht zu Gemeindeordnung und Holzordnung

Freitag, 23. Juli 2021

Einbruch im Weiacher Pfarrhaus, Anno 1760

In den «Mit Hoher Verwilligung von Zürich auszugebenden Donnstags-Nachrichten», einem Anzeigeblatt ohne eigentlichen redaktionellen Teil, ist am 11. und 18. September 1760 ein Inserat des damaligen Weiacher Pfarrers Junker Hartmann Escher erschienen. 

Der Herr Pfarrer wurde nämlich kurz zuvor Opfer eines Einbruchs in seiner gleich neben der Kirche von 1706 stehenden Wohnstätte und avisierte die Leserschaft des Zürcher Blattes in der Rubrik «Verlohrne und gefundene Sachen» wie folgt: 

«Da den 8. dises Monats in dem Pfarrhof zu Weyach ein gewaltthätiger nächtlicher Einbruch geschehen, und von Kleidern, meistens Weiberkleidern und hausräthlichen Sachen, viles weggeraubt worden; als wird jedermann, deme Kleider von verdächtigen Leuten angetragen würden, und sonderheitlich die Herren Goldarbeiter, denen silberne Löffel zu kaufen gebracht würden, ehrerbietig ersucht, solche Leute, wo möglich, anzuhalten, und dise Stüke an benanntem Ort güetigst bekannt zu machen, wofür man alle geziemende Dankbarkeit erzeigen wird.» [Inserat 5 der Rubrik]

Hier nahm der Herr Pfarrer die polizeilichen Ermittlungsarbeiten also sozusagen in die eigenen Hände.

Quelle
  • Donnstags-Nachrichten, No. XXXVII, 11. Herbstmonat 1760   [1760.09.11]
  • Donnstags-Nachrichten, No. XXXVIII, 18. Herbstmonat 1760   [1760.09.19]

Donnerstag, 22. Juli 2021

Das Gesangfest in Zeiten der Cholera

Die Cholera war im 19. Jahrhundert so etwa das, was wir heute mit SarsCov2 erleben. Ein Einschnitt im Leben der Menschen. Und eine heftige Kontroverse dazu.

Wie die Medizinhistorikerin Ritzmann im Historischen Lexikon der Schweiz schreibt (vgl. Quellen), habe es von ihrem ersten Auftreten an (in den 1830er-Jahren) bis über die Entdeckung des Erregers durch Robert Koch im Jahre 1883 hinaus einen heftigen «Streit über die Ursache der Cholera und die davon abgeleiteten medizinischen, wirtschafts- und sozialpolitischen Strategien zu ihrer Bekämpfung» gegeben.

«Die Kontagionisten gingen von einem ansteckenden Keim aus; die vorgeschlagenen Massnahmen lauteten deshalb Quarantäne, Isolierung, Meldepflicht und Grenzsperren. Die Miasmatiker postulierten dagegen ein ortsgebundenes Gift und beschränkten ihre Forderungen auf hygienische Verbesserungen. Insbesondere stellten sie sich vehement gegen jede Einschränkung des Handels und der individuellen Freiheit. Während die Bevölkerung mit Panik und Flucht reagierte, versuchten die Regierungen häufig, ihr epidemisches Auftauchen möglichst lange zu verschweigen.»

Der dritte Seuchenzug von 1867 erfasste auch den Kanton Zürich (der damals rund 280'000 Einwohner zählte) mit ziemlicher Wucht und tötete 500 Menschen, wobei offenbar vor allem die Ärmeren starben. Das verwundert nicht weiter, wenn man sich die hygienischen Verhältnisse der damaligen Zeit (insbesondere punkto Abwasserentsorgung) vor Augen führt.

Trotz dieser Seuchenlage liess sich Weiach offenbar nicht davon abbringen, ein Gesangsfest durchzuführen, wie die in Bern erscheinende Zeitung «Der Bund» am 17. September 1867 mitteilte:

«Zürich. Der Wohlthätigkeitsverein konnte bereits die Summe von Fr. 2281 (für heimgesuchte Familien, Cholerakranke u. s. w.) sammt vielen Gaben an Kleidung, Wein und Nahrungsmitteln verdanken.» [...]

«Wir freuen uns, aus diesem schwer heimgesuchten Kanton auch noch von einem Gesangfeste zu hören, welches in Weiach trotz Seuche und Ungewitter gefeiert wurde. 

Freitags war der Bestand der Cholerakranken 97; vom Freitag auf den Samstag kamen von neuen Fällen hinzu: in Zürich 14, in Außersihl 10, in Unterstraß 5, in Oberstraß 4, in Altstetten 3, in Stadel 2, in Riesbach, Wiedikon, Oerlikon, Adlischweil und Adlikon je 1. Todesfälle fanden 3 im Absonderungshaus, 11 auswärts statt. Es werden 7 Genesungen angegeben. Samstag Mittags war der Bestand 119, wovon 30 im Absonderungshaus.»

Was für ein Unterschied zwischen damals (Gesangsfest wurde durchgeführt) und heute (Dorffest 750 Jahre Weiach im September ist abgesagt).

Quellen

  • Der Bund, 18. Jahrgang,  N° 255, 17. September 1867
  • Ritzmann , I.: Cholera. In: Historisches Lexikon der Schweiz (e-HLS), Version vom 23.02.2005.

Mittwoch, 21. Juli 2021

Gegen den Willen der Armenpflege entlaufen

«Die E. Gemeindsbehörden werden ersucht, dem Felix Baumgartner von hier, 20 Jahre alt, der sich gegen den Willen der unterzogenen Behörde von Hause entfernte, keine Aufenthaltsbewilligung zu ertheilen, sondern denselben in seine Heimatgemeinde zurückzuweisen. 

Weiach, den 22. Januar 1844.   Im Namen der hiesigen Armenpflege.»

Sie mag etwas seltsam erscheinen, diese Kurzmitteilung an die ehrenwerten Gemeindebehörden im Einzugsgebiet der Zeitungen, in welche dieses Inserat eingerückt wurde. So etwas war aber damals gang und gäbe. Denn für Sozialhilfe war immer die Heimatgemeinde zuständig. Auf diese konnte eine Wohngemeinde Rückgriff nehmen. 

Der Stillstand (der gleichzeitig als Armenpflege amtierte), hatte also wohl seine Gründe, diesen Rückruf gerade so zu formulieren, wie er hier steht. Welche das genau sind, müsste dem Armenprotokoll 1838-1885 zu entnehmen sein, vgl. AGA Weiach IV.B 1a, nach dem Verzeichnis von 1935 (StAZH GA 157.8).

Zu vermuten ist, dass die Sozialbehörde befürchtete, der (wohl bisher schon armenrechtlich unterstützte) junge Gemeindebürger werde andernorts mehr Kosten verursachen als in heimatlichen Gefilden, wo man annehmen konnte, ihn besser unter Kontrolle halten zu können.

Quelle

Dienstag, 20. Juli 2021

Luftaufklärung. Zum Flurnamen «Rodig» im Hard

Der heutige Weiacher Hardwald ist punkto Fläche nur noch ein kümmerlicher Rest dessen, was er noch vor zwei Jahrhunderten dargestellt hat.

Man vergleiche nur einmal die beiden nachstehenden topographischen Karten. Oben die sog. Wildkarte, die vor 1846 aufgenommen worden sein muss. Und unten die sog. Siegfriedkarte, die in den 1870ern im Auftrag der Eidgenossenschaft messtechnisch erfasst wurde. Der Unterschied ist augenfällig.


Zwischen dem heutigen Restbestand des im 17. Jahrhundert noch viel grösseren Weiacher Hardwaldes und dem Standort des Ofenhofs («Hint. Ofen» auf den obigen Karten) liegen zwei Ackerfluren, die in den nächsten Jahren unseres 21. Jahrhunderts durch den Kiesabbau beansprucht werden. 

Die ältere (d.h. früher gerodete) dieser Fluren heisst «Hardrütenen» und weist eine Art L-Form auf. Die jüngere, nördlich des Ofen gelegene nennt man «Rodig». In den unterschiedlichen Namen zeigt sich der Wandel der Sprache in den letzten zweihundert Jahren. 

Denn die Hardrütenen ist kurz vor der Mitte des 19. Jahrhunderts zu Ackerland umgewidmet worden, als sogenanntes «Armenland» (ca. 39 ha; der Umfang erschliesst sich aus dem Vergleich der beiden Karten oben). 

Letzte Rodungsaktion im Rahmen der Anbauschlacht

Die Rodig hingegen datiert kurz vor Mitte des 20. Jahrhunderts. Sie ist im Rahmen des Schweizer Anbauwerks entstanden (martialischer unter dem Namen «Anbauschlacht» oder «Plan Wahlen» bekannt). In beiden Fällen wurde zum jeweiligen Zeitpunkt dringend benötigtes Ackerland urbar gemacht.

In der LUBIS-Datenbank von Swisstopo findet man eine Luftaufnahme von 1940, die den Hardwald noch in dem Umfang zeigt, den er seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte (am unteren Bildrand der Ofenhof):


Die zweite Luftaufnahme, von der gestern bereits ein kleiner Ausschnitt vorgestellt wurde, stammt vom Sommer 1944 und zeigt den Zustand kurz nach den Rodungen, die durch Insassen des Arbeitslagers Zweidlen/Weiach ermöglicht wurden. Den Verlauf des alten Waldwegs (Rheinsfelderweg), der die direkte Verbindung ins Dorf Weiach darstellt, sieht man noch deutlich:


Anhand dieses Bildes wird der Zusammenhang zwischen dem Standort des Arbeitslagers und der sich in unmittelbarer Nähe befindlichen Rodungsfläche sehr deutlich.

Rodungsarbeiten erstreckten sich über einen längeren Zeitraum

Und noch etwas fällt auf, wenn man den Zustand vom 26. Juli 1944 mit dem heutigen Stand vergleicht. Das ehemalige Waldstück im Umfang von ca. 10 Hektaren, das heute Rodig genannt wird, ist nicht (wie von Willi Baumgartner-Thut in seiner Chronologie des 20. Jahrhunderts angegeben) bereits 1942/43 vollständig gerodet worden. 

Die westliche Ecke im Umfang von ca. 2.2 Hektar hat man erst nach Juli 1944 in Angriff genommen. Auf einer weiteren Luftaufnahme vom 28. Mai 1946 (vgl. Link in den Quellen) ist dann auch diese Fläche als gerodet erkennbar.

Und so präsentiert sich die Situation heute (mit nach Süden verlegter Hauptstrasse):

Quellen

  • Topographische Karte des Kantons Zürich (sog. Wildkarte), 1852-1867, StAZH PLAN A 4
  • Topographischer Atlas der Schweiz (sog. Siegfriedkarte), 1870-1926. [Hintergrundinfo Swisstopo]
  • Bundesamt für Landestopographie swisstopo (Hrsg.): 19405898010628  Luftaufnahme vom 10. Oktober 1940; 19440380030951  Luftaufnahme vom 26. Juli 1944; 19460020020024 Luftaufnahme vom 28. Mai 1946.
  • Baumgartner-Thut, W.: Chronologie des 20. Jahrhunderts. In: Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, Sechste, erweiterte Auflage. Ausgabe V6.36, April 2021 – S. 92. (PDF, 2.88 MB)
  • Situationsplan ARV Zürich, Stand 20.7.2021 [Link auf GIS ZH].