Dienstag, 30. April 2024

Walburgas Nacht. Eine Hexe als Heilige?

Sagt Ihnen die Bezeichnung «Münschterlinge Seesiite» etwas? Für Thurgauer ist das dasselbe wie für einen Zürcher das «Burghölzli». Dorthin werden diejenigen gebracht, die – wie der Volksmund voller Schauder sagt – fällig seien für's «gääle Wägeli» (vgl. WeiachBlog Nr. 584). Die heutige Psychiatrische Klinik wurde vor mehr als 1000 Jahren als Augustinerinnenabtei gegründet, gewidmet der Hl. Walburga. Dieses Kloster habe (so wird überliefert) seit Anbeginn den Schwerpunkt seiner Tätigkeit auf die Krankenpflege gelegt.

Hochstapelei oder glaubwürdige Wundertäterin?

Das Patrozinium der St. Walburga passt perfekt zu dieser Aufgabe. Denn Walburga (* mutm. um 710 im südenglischen Wessex; † mutm. 25. Februar 779, nach anderen Quellen 780 in Heidenheim), eine Tochter des Königs Richard von Wessex ist von der römisch-katholischen Kirche nicht zuletzt aufgrund von wundersamen Krankenheilungen zur Heiligen ernannt worden.

Laut ihrem Hagiographen, der ihre Geschichte zwei Jahrhunderte nach ihrem Wirken aufgezeichnet hat, soll sie «einmal ein Kind mit Hilfe dreier Ähren vor dem Verhungern gerettet und ein anderes Mal erfolgreich einen tollwütigen Hund beruhigt haben. Auch von Krankenheilungen und der Rettung einer im Kindbettfieber danieder liegenden Wöchnerin wird berichtet. Daher gilt sie neben vielerlei anderen Zuständigkeiten auch als Schutzheilige gegen Krankheiten und Seuchen, Tollwut, Hungersnot und Missernte sowie als Patronin der Kranken und der Wöchnerinnen, aber auch der Bauern.» (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Walburga)

Gut für Walburga war, dass sie aufgrund ihres Hochadelsstatus (und damit einem sehr hohen Schutzgrad) nicht so einfach als Zauberin diffamiert werden konnte. Denn man stelle sich vor, eine Normalsterbliche hätte derartige Wundertaten vollbracht. Ich meine: Wie soll das denn gehen, ein Kind mit drei Ähren vor'm Verhungern retten!? Come on... das ist doch völlig unglaubwürdig, oder? Hochstaplerin! Mindestens. Die Tochter eines zum König Gesalbten hingegen, das ist ein anderes Kaliber. So zumindest die mittelalterliche Auffassung. Allein schon die Berührung durch einen solchen König konnte (so glaubten die Untertanen) Wunderheilungen vollbringen.

Tanz in den Mai

Wie komme ich jetzt darauf? Nun, heute ist der letzte Tag vor dem Mai. Zeit für den «Tanz in den Mai». Es ist die berühmt-berüchtigte Walpurgisnacht. Als Gedenktag der Walburga im Mittelalter deshalb in Gebrauch, weil sie am folgenden Tag, dem 1. Mai, heiliggesprochen wurde. Heute wird eher der 25. Februar mit ihr in Verbindung gebracht.

Die Vigilfeier für den mittelalterlichen Walpurgistag fand in der Nacht auf diesen Tag statt. Der Abend des 30. April ist aber ausgerechnet der Termin für ein traditionelles vorchristliches Fest mit Feuerbräuchen, wo man sich in geselliger Runde zum Tanz traf. Und das konnte durchaus auch bis weit über Mitternacht hinaus dauern.

Mit der Walpurgisnacht hat sich dann die Erzählung vom Hexensabbat verbunden, zu dem die Hexen angeblich in ebendieser Nacht auf den Blocksberg (oder irgendeinen anderen Hügel) geflogen sein sollen, um sich dort mit dem (bzw. ihrem eigenen) Teufel zu verlustieren.

Die Flugroute einer Weyacher Hexe

Ob es sich um eine Walpurgisnacht gehandelt hat, in der eine in Weyach verheiratete, aus Wasterkingen gebürtige «Hexe» Ende des 17. Jahrhunderts per Eierschale über den Rhein gefahren (d.h. wohl geflogen) sein soll (vgl. WeiachBlog Nr. 2068), ist nicht aktenkundig. 

Mutmassliche Flugrouten von Weyach (rot), Wasterkingen (Magenta) und Bühl (D; schwarz)
nach Berwangen (D) oben rechts im Bild 
(Basis: Wildkarte Mitte 19. Jh)

Vom Hörensagen zum Todesurteil

In den Aufzeichnungen findet sich nur die Zeugenaussage des Untervogts (entspricht einem heutigen Gemeindepräsidenten) einer Nachbargemeinde. Der glaubte, eine ihm nur vom Hörensagen bekannte Geschichte dem Pfarrer und dann dem Landvogt von Eglisau hinterbringen zu müssen, worauf er seine Zeugenaussage gegen die in Haft sitzende Anna Wieser (24) am 19. Mai 1701 vor den Nachgängern (Untersuchungsbeauftragte) des Zürcher Rates wiederholen musste:

«Worauf vorderst Undervogt Hanss Keller von Hüntwangen ausgesagt, vor ohngefehr 14 jahren in dem letsten jahr der Regierung Herren Landvogt Werdmüllers selg. seye er nach Wasterkingen auf seine alldorthige güeter gegangen, da ihnen die Els Kellerin, nun Michaels Kellers selg. Wittib erzellet, die Anna Wisserin (damahlen 10 oder 12 jahr alt) Habe ihro und anderen in dem Kunkler oder stubetenhauss gesagt, was gestalten sie hinder ihrer Mutter auf einem Schürgsteken auf den Tanz zu Berwangen ausgeritten, ihre Bass von Weyach seye auf einer eyerschalen über Rhein dahin gefahren, Schmid von Büel auf einem Geissbok geritten und eine Frauw aus dem Schaffhauserbieth auf einer Ent, Jacob Spüeler, so nun tod, habe mit der Maria Ruetschmannin gedantzet, ihr Grossvatter darzu gezündet, und seye der schmid zu Büel doch gewesen, haben alle brav geessen und getrunken, diese sachen, wie und was sie auf dem Tantzen gemachet, [...]»  (StAZH A 18.3, Nr. 1)

Der ach so pflichtbewusste Untervogt war also nicht einmal selbst dabei, als die junge Anna Wieser (damals noch ein Kind) diese verhängnisvollen Dinge erzählt haben soll! Er stützte sich einzig auf eine (angebliche) Zeugin des Vorfalls, Els Kellerin, die mit dieser der Hexerei und Lachsnerei (zum Begriff vgl. WeiachBlog Nr. 514) verdächtigen Familie näher zu tun hatte.

Gemeindepräsidenten, die solches heutzutage von sich gäben, wären jedenfalls problemlos valable Kandidaten fürs gääle Wägeli.

Quelle und weiterführende WeiachBlog-Beiträge

  • Abschrift der Akten und von Ratsbeschlüssen über den Hexenprozess von Wasterkingen, September 1743. Signatur: StAZH A 18.3, Nr. 1.
  • Brandenberger, U.: Lachsnen ist auch heute noch verboten. WeiachBlog Nr. 514, 3. September 2007.
  • Brandenberger, U.: Fällig für s «gääle Wägeli»? WeiachBlog Nr. 584, 26. Dezember 2007.
  • Brandenberger, U.: Auf einer Eierschale von Weyach über den Rhein gefahren. WeiachBlog Nr. 2068, 31. März 2024.

Montag, 29. April 2024

Staatenlosigkeit eines Weiacher Bürgers verhindert

Der Begriff Landrecht stand laut Anne-Marie Dubler «ab dem 16. Jahrhundert für den (subjektiven) Rechtsstatus eines in dem betreffenden Land bzw. der Landvogtei oder dem Amt vollberechtigten Niedergelassenen, ferner für das Niederlassungsrecht bzw. die Niederlassungsgebühr.» 

Auf heutige Begrifflichkeiten umgesetzt, ist darunter das Kantonsbürgerrecht zu verstehen. Dies im Gegensatz zum Gemeindebürgerrecht, was bedeutet, dass man in seiner Heimatgemeinde nicht Niedergelassener, sondern vollwertiger Gemeindebürger ist. Diese beiden Rechte haben gegenüber früher (jedenfalls für die Eingebürgerten) zugunsten des Schweizerbürgerrechts stark an Bedeutung eingebüsst.

Der Schultheiss und der Oberamtmann haben keine Bedenken

Wir blenden hundert Jahre zurück, als das Deutsche Reich und die Schweizerische Eidgenossenschaft noch keine Doppelbürgerschaft kannten. Wollte man damals als Schweizer Deutscher werden, dann musste einen die für den Bürgerort zuständige Kantonsregierung erst aus dem Landrecht entlassen. Diesen Antrag stellte ein Weiacher an die Zürcher Regierung:

«Mit Eingabe vom 22. April 1923 stellt Ferdinand Baumgartner, Sägereiarbeiter, von Weiach, wohnhaft in Frickenhausen, Oberamt Nürtingen, Württemberg, geboren in Weiach, Kanton Zürich, am 13. Dezember 1899, durch Vermittlung des Schultheißenamtes Frickenhausen das Gesuch, es möchte ihm die Entlassung aus dem zürcherischen Gemeinde- und Kantonsbürgerrecht und dem Schweizerbürgerrecht erteilt werden. Laut einer zu den Akten beigebrachten Erklärung des Oberamtes Nürtingen, datiert 19. April 1923, wird dem Ferdinand Baumgartner die württembergische Staatsangehörigkeit verliehen, sobald er eine Bescheinigung der zuständigen schweizerischen Behörde über seine Entlassung aus dem Schweizerbürgerrecht vorlegen wird.» (StAZH MM 3.37 RRB 1923/1486)

Die Direktion des Innern stellte fest, dass die gesetzlichen Bedingungen schweizerischerseits erfüllt seien, es keine Einsprachen dagegen gebe und sowohl der Gemeinderat Weiach als auch der Bezirksrat Dielsdorf beantragten, dem Gesuch zu entsprechen. 

Folgerichtig beschloss der Regierungsrat am 28. Juni 1923 die Entlassung aus dem zürcherischen Gemeinde- und Kantonsbürgerrecht und dem Schweizerbürgerrecht: «Die Entlassung erstreckt sich ohne weiteres auch auf die Ehefrau und allfällige minderjährige Kinder des Gesuchstellers.» 

Meine Herren, wir haben ein gröberes Sicherheitsproblem

Damit wäre die Angelegenheit nun erledigt gewesen, wenn da nicht eine unerwartete Hürde aufgetaucht wäre. Entgegen der Aufnahmezusicherung durch das Oberamt Nürtingen beschloss die Regierung des Schwarzwaldkreises nämlich am 9. November 1923, das Einbürgerungsgesuch des Ferdinand Baumgartner abzulehnen. Die Sicherheitsorgane in diesem Regierungsbezirk des ehemaligen Königreichs Württemberg (seit 1918 als «Volksstaat Württemberg» unterwegs) betrachteten Baumgartner offenbar als Staatsfeind! Was genau ihm vorgeworfen wurde, ist bislang unklar. 

Im Protokoll der Zürcher Regierung vom 29. April 1924 (am heutigen Datum vor 100 Jahren) steht dazu: «Laut Note der deutschen Gesandtschaft an das eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement vom 10. April 1924 beabsichtigt das Oberamt Nürtingen, den Baumgartner wegen staatsfeindlicher Umtriebe aus Württemberg auszuweisen, und verlangt dessen Übernahme durch die schweizerischen Behörden.» (StAZH MM 3.38 RRB 1924/1057). Was für ein Sinneswandel innert eines Jahres! Aber wohl dem Befehl von oben geschuldet.

Einen Staatenlosen zurücknehmen. In diesem Fall alternativlos

Laut dem Regierungsratsprotokoll hatte das Eidg. Justiz- und Polizei-Departement (EJPD) festgestellt, dass der Niederlassungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und der Schweiz vom 13. November 1909 die gegenseitige Rücknahme eigener Staatsbürger im Fall ihrer Ausweisung vorsehe. Dasselbe galt nun aber auch für frühere Angehörige des jeweiligen Vertragspartners, soweit sie nicht zwischenzeitlich Bürger eines Drittstaates geworden waren: «Angesichts dieser Vertragsbestimmung kann die Verpflichtung zur Übernahme des Baumgartner nicht abgelehnt werden.» 

Nun war unser Weiacher durch die abrupte Kehrtwende des Oberamts Nürtingen als aus dem Schweizerbürgerrecht Entlassener heimatlos (heute würden wir sagen: ein Staatenloser) geworden. Die Direktion des Innern hielt deshalb fest: «Damit würde Baumgartner als heimatlos geduldet werden müssen, wobei früher oder später eine Zuweisung an den Kanton Zürich zur Heimatloseneinbürgerung doch stattfinden würde.» Sie beantragte daher, die Landrechtsentlassung infolge nachträglichen Wegfalles einer gesetzlich wesentlichen Voraussetzung zu widerrufen, «womit ohne weiteres für Baumgartner und seine Ehefrau und allfällige minderjährige Kinder das Gemeindebürgerrecht von Weiach wieder auflebt.» 

Und so kam es dann auch. Der Regierungsrat widerrief seinen Beschluss über die Landrechtsentlassung und beschloss weiter:

«II. Der Gemeinderat Weiach wird eingeladen, dem Ferdinand Baumgartner auf dessen Verlangen und nach Erfüllung seiner militärischen Verpflichtungen an Stelle des zurückgegebenen Heimatscheines für Ledige, einen neuen Heimatschein für Verheiratete auszustellen.

III. Mitteilung an Ferdinand Baumgartner, Sägewerkarbeiter, in Frickenhausen, an den Gemeinderat Weiach, an den Bezirksrat Dielsdorf, an die Polizeidirektion mit der Einladung, das Übernahmeverfahren zu erledigen und bei dieser Gelegenheit dem eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement zu Handen der deutschen Gesandtschaft von dem Verhalten des Oberamtes Nürtingen Kenntnis zu geben, sowie an die Direktion des Innern.»

Also ein sanfter Hinweis ans EJPD, man möge dem deutschen Botschafter das zürcherische Missfallen über das Verhalten des Oberamts Nürtingen übermitteln.

Quellen und Literatur

Sonntag, 28. April 2024

Not in my backyard? Bauprojekt Asylunterkunft unter der Lupe

Am 11. April fand – noch kurzfristig per Banner auf der Gemeindewebsite nachbeworben – eine Informationsveranstaltung der Gemeinde statt (vgl. WeiachBlog Nr. 2072). 

Am darauffolgenden Samstag dann der Bericht des ZU-Journalisten Astrit Abazi mit einem unmissverständlichen Lead-Text (eine Art Zusammenfassung direkt unter dem Titel):

«Weiach muss insgesamt fast 1,5 Millionen Franken für zwei Bauprojekte investieren. Über die neue Asylunterkunft muss aber zuerst die Gemeindeversammlung befinden.»

Mehrheitlich aus der Ukraine

Platzmangel, so Abazi weiter im Artikel, herrsche nun nicht mehr nur bei der Schule, sondern auch im Asylbereich. Derzeit würden 26 Personen in der Gemeinde Weiach untergebracht, davon 17 mit Status S, «mehrheitlich aus der Ukraine». Das seien sieben mehr als vor einem Jahr, als das zu übernehmende Kontingent noch bei 19 Personen lag.

Mehrheitlich? Erklärung: «Der Schutzstatus S wurde 1998 als Reaktion auf die Fluchtbewegungen im Zuge der Balkankriege eingeführt. Erstmalig aktiviert wurde er allerdings erst im März 2022 für Geflüchtete aus der Ukraine.» (Quelle: Schweizerische Flüchtlingshilfe)  Status S bedeutet, dass der Aufenthalt auf 1 Jahr begrenzt ist (mit Verlängerungsmöglichkeit) und frühestens nach 5 Jahren ein B-Ausweis erlangt werden kann (vgl. Art. 4 AsylG und Kapitel 4 desselben Gesetzes).

Seit Juni letzten Jahres müssen Gemeinden im Kanton Zürich pro 100 Einwohner 1.3 Asylanten übernehmen. Und schon im Juli 2024 steigt die Quote auf 1.6 Prozent. Was nach Andreas Brüngger, dem zuständigen Gemeinderat, 34 Personen entsprechen dürfte. Abazi zitiert ihn so: «Der heutige Platz reiche dafür nicht mehr aus, und die kommenden Jahren werde es noch enger.»

Oberdorfstrasse 9 fällt aus 

«27 Jahre lang konnte Weiach die Asylsuchenden günstig in einer privaten Liegenschaft unterbringen. Der Besitzer habe nun allerdings Pläne, diese zu sanieren, weshalb gleich mehrere Plätze ausfallen. Nachdem mehrere Anfragen an Privatpersonen erfolglos geblieben waren, entschied man sich für eine Bauvariante.»

Damit ist auch klar, wie dramatisch die Lage im Asylbereich der Gemeinde wirklich ist. Schlimmer als man aufgrund der Suche nach Wohnraum (vgl. die Aufrufe im MGW und auf der Website der Gemeinde) annehmen musste. Anstelle des alten Bauernhauses (ex Wiesendanger) wird dort wohl ein weiteres Wohnobjekt im Hochpreissegment entstehen, wie es mit dem Ersatzbau auf der benachbarten Parzelle in den letzten Monaten vollendet wurde.

Was nun für die Asylanten gebaut werden soll

In den Worten Abazis: «Die vergleichsweise günstige Unterkunft soll vier Kleinwohnungen mit zwei Schlafzimmern, eigenem Badezimmer, Küche und Aufenthaltsraum haben. Diese teilen sich jeweils vier Personen, womit total 16 Personen Platz hätten. Die Investitionskosten betragen 490'000 Franken, die jährlich wiederkehrenden Kosten liegen bei rund 95'000 Franken. Bei Bedarf könne man gleich nebenan eine weitere ähnliche Unterkunft bauen und damit die Kapazität verdoppeln.»

Also vier Mal eine Dreieinhalb- bis Vierzimmerwohnung. Ob der Preis von CHF 490'000 angemessen ist, das darf die Rechnungsprüfungskommission genauer unter die Lupe nehmen. Unübersehbar ist jedenfalls, dass dieser Betrag bereits über 20 Prozent mehr ausmacht als die CHF 400'000, die der Gemeinderat für 2024 ursprünglich budgetiert hatte (und die damals schon von der RPK als überrissen angeprangert wurden, vgl. WeiachBlog Nr. 2018).

Ich bin auch eine Sozialwohnung

Diese Wohnungen, so Gemeinderat Brüngger auf Nachfrage von WeiachBlog, könnte man, wenn sie denn kurzfristig frei seien, auch als Sozialwohnungen vergeben. Was gut tönt, denn an bezahlbarem Wohnraum und erst recht an Wohnungen für ältere und sozial schwächere Einwohnerinnen und Einwohner mangelt es in Weiach ja bekanntlich nicht erst seit gestern. 

Wie die Realität dann aussieht, das steht auf einem ganz anderen Blatt. Wie oben erwähnt: Geringer wird der Zustrom bei der aktuellen Weltlage garantiert nicht, dafür sorgen allein schon die von Bundesrätin Baume-Schneider angeschobene Afghanistan-Policy und der Entscheid, Asylbewerber quer übers ganze Land zu verteilen.

In der Landwirtschaftszone soll es sein. Aber wo?

Über die Frage, wer als Flüchtling anerkannt wird, muss der Gemeinderat sich keine Gedanken machen. Das liegt ausserhalb seiner Kompetenz. Erheblichen Entscheidungsspielraum hat er aber in der Frage, wo die zu errichtende Asylanten-Unterkunft zu stehen kommt.

Der Kanton habe es den Gemeinden erlaubt, auch Parzellen in der Landwirtschaftszone nach geeigneten Plätzen für solche Asylunterkünfte zu prüfen, erklärte Gemeinderat Brüngger gegenüber WeiachBlog. Die Beantwortung der Frage, wie ein solcher Freibrief mit Art. 24 RPG in Einklang zu bringen ist, würde einen separaten Artikel erfordern.

Was sonst nur landwirtschaftlich tätige Bauherren mittels langwierigem Bewilligungspapierkrieg erwirken können (nämlich das Bauen ausserhalb der Bauzone), das wird nun also für Asylsuchende im Handumdrehen genehmigungsfähig gemacht. Es gehe ja, so die implizit darin verpackte Begründung, nur um eine vorübergehende Besetzung dieser Fläche zu Wohnzwecken. Wie vorübergehend, das liegt dann allerdings nicht einmal in der Hand des Bundesrates.

Nein, nicht bei der ARA

Der Gemeinderat Weiach ging nun also auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Laut Brüngger habe man auch die Parzelle 513 am Rhihofweg mit der ehemaligen kommunalen Abwasserreinigungsanlage in Betracht gezogen. Davon sei der Gemeinderat aber wieder abgekommen, weil dort die Integration nicht sichergestellt sei. So kam der Rat zu einem Beschluss, den Abazi so formuliert: 

«Als Standort hat man sich für eine Parzelle in der Nähe der Gleise beim Bachweg entschieden.»

Der Bachweg beginnt dort, wo die Büelstrasse nach Südosten abbiegt, verläuft an der ehemaligen Post (Bachweg 2; heute Kita-Standort) vorbei und ennet der Hauptstrasse am Westufer des Dorfbachs entlang bis zur Bahnlinie, dann nach Westen dem Bahndamm folgend, bis er nach einer Kurve bei den fleischfarbenen Blöcken am Dammweg in den Rhihofweg einmündet.

Ausschnitt aus dem Plan der Amtlichen Vermessung

Wieso nicht auf Gemeindeland?

In dieser letzten Kurve, auf den Parzellen 61 und 62, soll sie also zu stehen kommen, die neue Unterkunft. Nr. 61 gehört der Unterhaltsgenossenschaft Weiach (einem gesetzlich vorgesehenen Zusammenschluss aller Eigentümer von Landwirtschaftsparzellen auf Gemeindegebiet), die Nr. 62 einer Privatperson aus Bassersdorf.

Auf Nachfrage von WeiachBlog erläuterte Gemeinderat Brüngger, weshalb nicht die im Eigentum der Gemeinde stehenden (ursprünglich für das Projekt The Bridge angekauften) Parzellen an der Sackgasse mit dem Namen Bedmenweg (östlich des Rhihofwegs) zum Standort der Asylunterkunft werden sollen. Für diese Flächen wolle man die Handlungsfreiheit bewahren. Logisch, die sind ja auch in der Bauzone.

Integration, oder doch Soziale Kontrolle?

An der Informationsveranstaltung gab diese Platzierung zu reden, wie Abazi berichtet: «Das Projekt wurde von einigen der Anwesenden kritisch betrachtet. Einige Personen äusserten Bedenken über die Nähe zum Siedlungs- und Naherholungsgebiet. Der Gemeinderat erwiderte, dass man mit den untergebrachten Personen in den vergangenen Jahren nie Probleme gehabt habe. Weitere Weycherinnen und Weycher stimmten dem zu und waren der Meinung, dass die Nähe zum Dorfkern sogar die Integration fördern würde.»

Nimmt man diese Aussage des Gemeinderats zum Nennwert, dann stellt sich allerdings schon die Frage, weshalb man dann ausgerechnet einen Standort am Bahndamm auswählen musste. Es gibt doch rund um den alten Dorfkern etliche Landwirtschaftsflächen, auf denen man Asylunterkünfte platzieren kann. 

Warum in Neu-Weiach und nicht beim alten Dorfkern?

Warum hat sich der Gemeinderat nicht beispielsweise für die Parzelle 890 entschieden, die vom Leiacherweg (Feldweg) und dem Gartenweg (einem geteerten Fussweglein) begrenzt wird? Ist das etwa zu nahe am Haus des Gemeindepräsidenten? Zu nahe am Schulareal? Gibt es also doch Probleme mit Asylanten?

Selbst wenn die Befürchtung, der Verkehrswert der eigenen Liegenschaft könnte leiden, aus der Luft gegriffen sein sollte: um eine materielle Enteignung handelt es sich allemal. 

Es stellen sich brisante Fragen:

1. Warum sind Stockwerkeigentümer am Dammweg in dieser Hinsicht sozusagen Bürger zweiter Klasse? 

2. Warum wird den Bewohnern der Überbauung Dammweg sozusagen die Sozialkontrolle über die ennet dem Rhihofweg platzierten Asylanten zugeschoben?

Brisanter Platzierungsentscheid. Vorabinformation für die Dammwegler?

Hier handelt es sich also um einen klassischen Nimby-Entscheid (Not in my backyard), wie ihn die Weiacher Dorfgemeinschaft als Ganzes in den letzten Jahrzehnten mehrfach über sich hat ergehen lassen müssen. 

Stichworte dazu: Einrichtung der Flugschneise zur Blindlandepiste vor bald 50 Jahren. Probebohrung NAGRA in den 80er-Jahren. Inertstoffdeponie in der Nordgrube der Weiacher Kies AG. Und jüngst: Entscheid Tiefenlager mit Oberflächenanlage im Haberstal bei Windlach. Kurz: Weiach ist der Abfallkübel für den Rest des Kantons bzw. der Schweiz. So kann man das zumindest sehen.

Bei diesem Erfahrungsrucksack müsste der Gemeinderat eigentlich entsprechend sensibilisiert sein. Ist er das auch? Hat er ein partizipatives Verfahren gewählt, das die Bevölkerung proaktiv einbezieht? Das Problem mit dem mangelnden Wohnraum für Asylanten zeichnet sich ja schliesslich nicht erst seit gestern ab. Von einem solchen offenen Verfahren ist (zumindest für mich) nichts zu erkennen.

Hat der Gemeinderat wenigstens die Einwohner am Dammweg über seinen Entscheid vorab informiert (d.h. VOR dem Informationsanlass)? Wurden die dortigen Eigentümer in die Planung der neuen Asylunterkunft involviert? Oder werden sie es wenigstens jetzt?

Am 11. Juni geht es auch um Gerechtigkeit

In der Gemeindeversammlung vom 11. Juni, an der es laut «Zürcher Unterländer» um den Baukredit für das Asylantenheim geht, steht damit nicht nur eine Abstimmung über eine weitere Finanztransaktion auf der Traktandenliste.

Nein, diese Abstimmung ist auch und vor allem ein Plebiszit über die Frage, welcher Dorfgegend die zusätzlichen Lasten aufgebürdet werden, die es laut dem Gemeinderat gar nicht gibt.

Nachtrag MGW Mai 2024

In der Mai-Nummer des Mitteilungsblatts der Gemeinde Weiach (online veröffentlicht am 29. April um 09:09) ist auf den Seiten 6 und 7 unter «Diverses» die Sichtweise des Gemeinderates zu den Kernaussagen der Informationsveranstaltung abgedruckt.

Quelle und Literatur

  • Abazi, A.: Weiach braucht dringend Asylunterkünfte und Klassenzimmer. In: Zürcher Unterländer, 13. April 2024 – S. 5.
  • Brandenberger, U.: RPK hält Steuerfusserhöhung 2024 für rechtswidrig. WeiachBlog Nr. 2018, 5. Dezember 2023. 
  • Brandenberger, U.: Wär nöd gnau luegt oder kä Zyt het, dä het gha? WeiachBlog Nr. 2072, 5. April 2024.

Samstag, 27. April 2024

Den Volkssparwagen gab's in der Bahnhof-Garage Weibel

Heute findet man an der Kaiserstuhlerstrasse 47 einen Avec-Laden kombiniert mit einer BP-Tankstelle. Und im Laden drin noch ein Blumengeschäft. Shop-in-shop.

Vor exakt 50 Jahren war an diesem Ort noch eine Autogarage: die Bahnhof-Garage Weibel. Telefonisch erreichbar unter 01 94 22 64.

Für welche Marke man dort die Vertretung hatte? Wenn Sie es anhand des Artikeltitels noch nicht herausgefunden haben, dann hilft Ihnen das Inserat aus der Zeitung «Die Tat» vom 27. April 1974 (S. 25) sicher weiter:


Heckscheibenheizung als Extra ohne Aufpreis...

Amag, der Generalimporteur für Volkswagen, zog alle damals verfügbaren Register der Anpreisungskünste:

«Jetzt, wo's drauf ankommt, dass Sie sparsam fahren. Dafür haben die neuen Käfer ihre VWirtschaftlichkeit.
Jetzt, wo's drauf ankommt, dass Sie zuverlässig ankommen. Dafür haben die neuen Käfer den luftgekühlten, robusten Heckmotor. Sicherheitsfahrwerk mit negativem Lenkrollradius (ab 1303). VW-Computer-Diagnose. VW-Service überall.
Jetzt, wo's drauf ankommt, dass Sie nichtsdestotrotz mit Extras ohne Aufpreis verwöhnt werden. Dafür haben die neuen Käfer Heckscheibenheizung. Dreipunkt-Sicherheitsgurten. Rückfahrscheinwerfer. Ein erstklassiges Radio.
Jetzt, wo's drauf ankommt, dass Ihnen ein Auto vernünftigerweise zum Fahren denn zum Prahlen angeboten wird. Dafür haben die neuen Käfer einen beispielhaft vernünftigen Preis.
Noch nie war er so aktuell wie heute.»

Wissen Sie, was ein Sicherheitsfahrwerk mit negativem Lenkrollradius ist? Fazit: Früher musste man noch Fahrkönnen haben, um ein Auto fahren zu können. Dank dieses neuen Features war das ab da ein bisschen weniger der Fall.

... und warum es drauf ankommt, sparsam zu fahren

Aber eines ist heute ähnlich. Die Krisenstimmung. Damals war sie dem sogenannten Ölpreisschock geschuldet. Den hatten die OPEC-Staaten ausgelöst, indem sie Preisabsprachen eingingen und damit ab dem Herbst 1973 versuchten, den Verlust durch die mit der Ablösung des Goldpreises vom US-Dollar ausgelöste Inflation auszugleichen. 

Diese Bindung hatte US-Präsident Nixon Mitte August 1971 aus heiterem Himmel aufgekündigt. Denn die USA wollten aufgrund des extrem teuren Vietnamkriegs Geld drucken. Und haben damit das Bretton-Woods-System von 1944 in eine ernste Krise manövriert. Der Zusammenbruch dieses Systems fester Wechselkurse erfolgte dann im Frühling 1973.

Freitag, 26. April 2024

Schulpflicht – vor 200 Jahren leistungsorientiert definiert

Können Sie sich noch an die Examen in Ihrer Volksschulzeit erinnern? Da kamen Schulpfleger und Eltern ins Schulzimmer und waren bei einem doch eher lockeren Unterricht dabei. Prüfungsstress hatte da allenfalls die Lehrkraft, die Schulkinder eher weniger. 

Ob das vor 200 Jahren noch etwas anders war? Damals war nämlich die Anzahl der obligatorischen Schuljahre nicht fix festgelegt. Das Examen fand jeweils anfangs April statt und war ein Anlass, bei dem darüber entschieden wurde, ob ein bestimmtes Kind aus der Pflicht zum Besuch der Alltagsschule entlassen werden kann.

§. 17. Examen.

«Es soll alle Jahre nach geendigter Winterschule von dem Pfarrer und den Vorgesetzten und Stillständern ein Schulexamen gehalten werden, sowohl mit den täglichen als Repetierschülern, wobey die Schulrödel ordentlich vorgelegt werden sollen. Ebenso soll auch bey Eröffnung der Schule von dem Pfarrer in Beyseyn der Vorgesetzten und Stillständer dem Schulmeister die Schul feyerlich übergeben, an den Lehrer und die Kinder eine herzlich-kräftige Ermahnung gehalten und den Vorgesetzten und Stillständern die Schulbesuche empfohlen werden.»

Bei den Schulrödeln handelte sich laut § 10 um nach Vorgaben geführte Listen mit Anwesenheits- und Leistungsvermerken für jedes einzelne Schulkind. Mit den Vorgesetzten sind die Gemeinderäte und mit den Stillständern die Kirchenpfleger gemeint.

Diese Paragraphen hat die Zürcher Kantonsregierung im Dezember 1803 mit dem Gesetz, enthaltend eine Schulordnung für die Landschaft des Kantons Zürich erlassen. Für die nächsten dreissig Jahre bildete dieses die Grundlage auch für den Schulunterricht in der Gemeinde Weyach. 

Tiefere Anforderungen nur für Mädchen möglich

In besagtem Erlass ist keine Rede davon, wieviele Schuljahre zu absolvieren sind. Entscheidend war, ob ein Schulkind die Prüfung durch den Herrn Pfarrer bestand. Wenn ja, musste es dann bis zur Konfirmation nur noch in die Repetierschule (ein Halbtag pro Woche; mit weniger als einem Viertel der Stundenanzahl der Alltagsschule):

§. 18. Entlassung der Schüler.

«Bey diesen öffentlichen Examen soll auch jedesmal gemeinschaftlich bestimmt werden, welche Kinder der täglichen Schule entlassen, und in die Repetierschule mögen aufgenommen werden, da den Eltern nicht überlassen seyn soll, ihre Kinder eigenmächtig aus der Schule zu nehmen. Auch mag in der Zwischenzeit diese Entlassung, aber nie anders geschehen, als auf das Zeugniß des Schulmeisters, und auf eine von dem Pfarrer selbst in Beyseyn wenigstens Eines Stillständers angestellte Probe. Mithin ist unser ernstlicher Wille, daß kein Schulkind unter irgend einem Vorwand der täglichen Schule entlassen werde, bis es fertig und verständlich lesen und ordentlich schreiben kann, und zum sittlich-religiösen Unterricht dienliche Stellen und Sprüche, mit Verstand auswendig gelernt, auch das Einmal-Eins mit einigen Anfängen des Kopfrechnens inne hat. Für die Töchter mag des Schreibens halber vom Pfarrer und Stillstand eine Ausnahme bewilligt, aber kein Knabe soll entlassen werden, ehe er schreiben gelernt hat.»

Für eine Frau, so kann man daraus schliessen, reichte damals die sittlich-religiöse Erziehung notfalls völlig aus, Schreiben musste sie nicht unbedingt können. Ein Mann hingegen, der nicht schreiben kann, das geht gar nicht.

Quelle 

Mittwoch, 24. April 2024

Jetzt klauen uns die Stadtzürcher unsere Hexen!

Oder: Ein Plädoyer wider zentralisierte Mahnmale. 

Mit Denkmälern ist das so eine Sache. Die sollen ja etwas ausdrücken, an etwas erinnern. An Vorbilder und deren Tugenden, die auch in Zukunft weitergeführt werden sollen. 

Oder eben gerade an das Gegenteil. An Schandtaten, die nie wieder passieren dürfen. Beispielsweise Justizmorde. Staatlich sanktionierte Beseitigung von Personen, die den Vorwurf der Hexerei gestanden haben und dafür hingerichtet wurden.

Um letzteres geht es einem feministisch inspirierten Verein: Pro Mahnmal.

Ein Patriarchatsproblem?

Alles schön und gut. Das Problem ist, dass sich hier Feministinnen eines Themas bemächtigen, sich unsere Hexen krallen und zu einem politischen Statement gegen das böse Patriarchat aufbauen. Primär wird damit die Frauenfeindlichkeit der Zürcher Ratsherren angeprangert.

Denn diese böse, machtgierige Herrscherclique – so das implizite Narrativ – habe die Hexenprozesse aus reiner Misogynie und zwecks Unterdrückung weiser Frauen organisiert oder zumindest Folter und Todesurteile aus reiner Niedertracht angeordnet.

Das mag im einzigen Stadtzürcher Fall, in dem die reiche Witwe Agatha Studlerin durch Ertränken in der Limmat vom Leben zum Tode befördert wurde, ja tatsächlich zutreffen. Für diesen Fall Studler gibt es an Agathas ehemaligem Wohnhaus «Zur Meerkatze» (Untere Zäune 1) eine Plakette, die diesen Justizmord thematisiert. Gut so.

Effekthascherische Zahlenakrobatik

Nun betreibt der Verein Pro Mahnmal aber weiterhin seine Agenda, bedrängt die linke Zürcher Stadtregierung, redet ihr ein Schuldbewusstsein ein (was nicht allzu schwierig ist) und will ein zentrales Mahnmal. Dafür steht die aktuell noch formal höchste Zürcherin ein: Sylvie Fee Matter, Kantonsratspräsidentin 2023/24.

Auf der Website des Vereins und in den Worten von Pfrn. Sibylle Forrer anlässlich der GV 2024 tönt das dann so:

«Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit wurden tausende Menschen Opfer eines Hexenwahns. Sie wurden angeklagt, Verbrechen begangen zu haben, die man nicht begehen kann. Wer wegen Hexerei gefoltert und hingerichtet wurde, wurde unschuldig ermordet.
Der Verein pro mahnmal setzt sich dafür ein, dass mit einem Mahnmal für die etwa 80 Zürcher Opfer des Hexenwahns ein Zeichen gesetzt wird. Ein Mahnmal ist nicht nur ein Denkmal, mit dem der Opfer gedacht werden soll. Ein Mahnmal soll etwas im Gedächtnis halten, von dem man hofft, dass es nie wieder geschieht.»

Frage 1: Tausende? Allein im Einflussbereich von Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich? Das ist völlig übertrieben. Wieso werden hier europäische Zahlen mit denen von Zürich (80 Opfer) zusammengemixt?

Frage 2: Das Mahnmal soll nur an die Todesopfer erinnern? Was ist mit denjenigen, die sich von der Folter nicht haben brechen lassen und daher von Rechts wegen nicht hingerichtet werden durften? Sind das etwa keine Opfer, nur weil sie mental zu stark waren oder ganz einfach Glück hatten?

Aktion Hexenklau

Pro Mahnmal will also die Errichtung eines zentralen Mahnmals mitten in der alten Stadt.

Das ist – mit Verlaub – in etwa dasselbe wie cultural appropriation durch die Herrscherklasse (aka «alte weisse Männer») ehemaliger Kolonialmächte! Hier wird sozusagen zum Hexenklau aufgefordert.

Denn, wie oben erwähnt: Es stammt gerade einmal ein einziges wegen Schadenzauberei/Hexerei hingerichtetes Opfer aus der Stadt. Alle anderen kommen von der Landschaft. 

Stellt die Zürcher Stadtregierung nun so ein Mahnmal wie einen Solitär auf, dann nimmt sie den Gemeinden der Zürcher Landschaft quasi ihre Hexen weg. Sie übernimmt Verantwortung für etwas, was in erster Linie Gemeinden angeht, aus denen heraus Hexenprozesse angestossen wurden.

Die Erinnerung gehört auf die Landschaft

Denn diese Landbewohner waren es in erster Linie, die die Herren Land- und Obervögte in vielen Fällen überhaupt erst dazu gezwungen haben, zwecks Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung die Verhaftung einer angeblichen Hexe anzuordnen – und damit auch das ganze damals übliche Instrumentarium der Strafverfolgung in Anschlag zu bringen. Vom Kerker, über psychische bis zur physischen Folter. Und im Extremfall zur Hinrichtung.

Ich erinnere an den Fall der angeblichen Weiacher Hexe Christa Baumgartner:

«Wiewol die Boumgarterin von Wygach vor jaren (alß sy ettwas bös arggwons halb gefanngen ward) keynerdings gichtig ald bekanntlich [geständig], sonnder ganntz reyn und unschuldig sin wolt, wirt sy doch (wie du wol weyßt) uß menngerlej ursachen yetz abermals sovyl verlümbdet, das zů besorgen, sy nit glaßluter, sonnder gar ful, schalckhafft unnd der boßheyt hafft und ergëben syge.» (StAZH B IV 16, fol. 300; Missiven, Brief an den fürstbischöflich-konstanzischen Obervogt zu Rötteln bei Kaiserstuhl, 12. Juni 1546 st.v.)

Diese Frau war auch nach ihrer zweiten Verhaftung nicht der Hexerei geständig und blieb deshalb am Leben. Die Schuld an ihrem Martyrium trägt die Weiacher Dorfgemeinschaft. Damit hat die Stadt nichts zu schaffen.

Über die Stadtmauern hinaus

Deshalb darf es nicht nur ein zentrales Denkmal geben. Das kann die Stadt Zürich errichten, wenn sie will. Passenderweise in der Nähe der Stelle auf den Kiesbänken der Sihl, wo die meisten Hexen verbrannt wurden.

Nein, dieses Mahnmal-Projekt sollte in etwa so umgesetzt werden wie bei den Holocaust-Stolpersteinen (vgl. für die Schweiz: stolpersteine.ch). Nur so wird endlich auch über den Tellerrand der Stadt hinaus gedacht!

Hexenerinnerungssteine gehören in diejenigen Gemeinden, aus denen die hingerichteten Hexen und Hexer stammen. Fünf nach Weiach und acht nach Wasterkingen, beispielsweise. Einer nach Zürich-Höngg und zwei nach Zürich-Altstetten (vgl. Sigg, Hexenprozesse mit Todesurteil, 2012).

Wenn man sich denn nur auf die Hingerichteten beschränken will. Das greift aber zu kurz. Momentan kann man die Gesamtzahl der Verfolgten nur grob schätzen. Deshalb lieber noch etwas länger forschen. Die Grundlagen hat das Staatsarchiv des Kantons Zürich ja nun geliefert (vgl. Quellenstudie Hexereiprozesse StAZH, Version 3.0).

Weiterführende Literatur zu den Weiacher Hexenprozessen

Dienstag, 23. April 2024

Den «Steinberg» von Ober-Raat aus aquarelliert

Seinen Namen kennen wohl die meisten Einwohner von Weiach nicht. Seine Werke haben hingegen viele schon gesehen: die kleinen Ortsplänchen von Weyach, denen eine naturalistische Darstellung des Wahrzeichens der Gemeinde – die unserer Kirche – beigeben ist. Eine dieser Radierungen hängt auch im Gemeindesaal unter der Turnhalle.

Der Urheber dieser Darstellungen ist Heinrich Keller (1778-1862), der als Kartograph, Panoramenzeichner und Verleger tätig war. So wie Jahrzehnte später unseren Dorfkünstler Hans Rutschmann-Griesser hat man auch ihn immer wieder in der Landschaft angetroffen. Zeichnend und aquarellierend. Man muss ja schliesslich eine eigene Vorstellung davon haben, was man dann zuhause radiert oder gar in Kupfer sticht, zumal wenn man das Resultat danach kommerziell anbieten will. Und dafür muss man vorher viele Skizzenbücher füllen.

Aus einem dieser Alben stammt die nachstehende Darstellung, auf einer Seite mit vier weiteren eingeklebten Zeichnungen, Entstehungszeit unbekannt. Erkennen Sie das Sujet?


Blick nach Nordwesten

Wer selber anhand der markanten Felsenformation noch nicht drauf kommt: hier ist unser «Stein» abgebildet, nur halt aus einer Perspektive, die sich vom Dorfkern aus nicht bietet. Auf der Vignette ist zu lesen: «Steinberg». Und darunter: «gezeichnet bey'm obersten Haus zů Ober Rath».

Diese obersten Häuser (465 m ü. M.) stehen heute alle westlich der 1845/46 als Kunststrasse neu errichteten Regionalverbindungsstrasse, die in Weiach «Stadlerstrasse» und in Raat «Kaiserstuhlerstrasse» genannt wird.

Blickt man von diesen Gebäuden in Oberraat aus nach Nordwesten (vgl. Situation: https://maps.zh.ch/s/sh2j4mxn), dann sieht man das, was Keller mit Tinte und aquarelliert zu Papier gebracht hat.

Das Plateau des Steinbergs liegt auf rund 545 m ü.M. Beim Ausläufer linkerhand handelt es sich um die Fasnachtflue (504 m ü.M.) mit der prähistorischen Wall-Graben-Anlage des Ebnet.

Die alte Landstrasse verlief übrigens südwestlich der heutigen in natürlich (d.h. nicht auf dem Reissbrett) entstandenen Schwüngen über die heutige Bannacherstrasse, die Baawis, weiter auf Weiacher Gebiet mit der Eichwis und oberhalb des heutigen Felsenhofs, dem Schärerschrüz und den Höfen im Hinter- und Vorderberg, die Bergstrasse hinunter in den Weiacher Dorfkern.

Quelle und Literatur

Sonntag, 21. April 2024

Gärten auf der Zürcher Landschaft im 19. Jahrhundert

Gottlieb Binder, der Verfasser der ersten zwischen harte Buchdeckel gebundenen Geschichte unserer Nachbargemeinde Stadel, hat 1930 in der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung (dem heutigen Zürcher Unterländer) einen mehrteiligen Beitrag über die Landwirtschaft in der Gemeinde Weiach abdrucken lassen.

Die Informationen dazu hat der aus dem Unterland stammende, in Kilchberg am Zürichsee als Lehrer tätige Binder, aus einer 1852 publizierten Broschüre, die von Seminarlehrer Kohler aus den 1851 eingegangenen Wettbewerbsbeiträgen für landwirtschaftliche Ortsbeschreibungen zusammengestellt wurde.

Kohler stützte sich auf die Verhältnisse in den Gemeinden Weisslingen, Zürich-Höngg, Thalwil, Oberrieden, Uitikon, Wangen-Brüttisellen und Weiach. Allenfalls hat er auch noch weitere Informationen aus eigener Anschauung beigetragen. 

Paraphrasiert aus Kohlers Broschüre

Die untenstehende Passage in der Fassung von Binder 1930 stammt, teils gekürzt und teils umformuliert, eindeutig aus Kohlers Vorlage. Dem Inhalt an sich tut das aber keinen Abbruch. Und so sei hier, trotz oder gerade wegen des aktuellen Zweitwinter-Einbruchs im Original von 1930 festgehalten, wie es zu Beginn und in der Mitte des 19. Jahrhunderts um die Gärten im Züribiet bestellt war [Verlinkung durch WeiachBlog]:

«Der alte schöne Grundsatz, es müsse bei jedem Hause auf dem Lande auch ein Garten sein, ist in unseren Gemeinden überall und von altersher ausgeführt worden, und es findet sich wohl selten ein Haus ohne Garten. Noch vor einem halben Jahrhundert, also um 1800 herum, waren unsere Gärten meistens sehr einfach angelegt und selten eingehagt; auch in der Bepflanzung war wenig Abwechslung zu sehen: Mangold (Kraut), Spinat (Binätsch), Käfen, Kohl und "Bölle" waren die gewöhnlichen Gartenprodukte. Andere Gemüse, wie Buschbohnen (Höckerli), Stickelbohnen, aber auch Käfen, Zwiebeln und Kabis wurden, wie heute (1850) noch in den Reben, besonders in den neueingelegten gepflanzt. Blumen waren spärlich vorhanden, am meisten die hundertblättrigen Rosen, einige Nelkenarten, Reseden, Levkoien (Straßburger), Lack (Maiennägeli). Als Topfpflanzen wurden gezogen Myrten, Geranien, gefüllte Nelken. Nirgends fanden sich in den Gärten Zwergobstbäume mit feinem Obst, dagegen da und dort aus den Steinen gezogene Aprikosen (Barillen) und Pfirsiche. Auf den Sonnseiten der Häuser aber wurden Reben am Geländer oder in Bogen gezogen.

Um 1850 war schon vieles anders geworden. Sowie die Verbesserungen in der Landwirtschaft Fortschritte erzielten, trat auch in den Gärten mehr Sinn für das Schöne und Liebliche zu Tage. Fast alle, selbst die kleinen Gärten, sind schönre und lieblicher geworden. Von den größeren wurden manche geschmackvoll angelegt und bieten nun dem Auge die mannigfachste Abwechslung im Hinblick auf Gemüse, Blumen, Obst- und Zierbäume. Besonders reich bedacht sind die Blumen. Die mannigfaltigsten Rosenarten in niederer Form, in Halb- und Hochstämmchen, die so schönen und unübertrefflichen Dahlien, Nelken, Straßburger, und eine Menge Sommerflor zieren unsere kleinen und großen Gärten. Primeln und Hiazinthen, Tulpen u.a. eröffnen im Frühjahr den Reigen. In einigen Gärten findet man auch schöne Gruppen und Anlagen von Gesträuchen und Zierpflanzen. Die meisten Gärten sind mit hölzernem, meist grün gestrichenem Lattenwerk eingefaßt. Es gibt daneben aber abseits von den Straßen und Dorfgassen auch Gärten, die ganz offen sind. Die meisten sind in schöne, von Buchs eingefaßte Beete eingeteilt, die verschieden geformt sind.»

Es fällt auf, dass Kohler keine Angabe zur Farbe des Lattenzauns macht (vgl. S. 66), Binder hingegen sehr wohl. Für ihn ist Lattwerk auf der Zürcher Landschaft «meist grün» gestrichen.

Keine Weiacher Alleinstellungsmerkmale

Festzuhalten ist: Entgegen den Aussagen Binders in der Einleitung zu seinem Beitrag sind die Angaben zum Aussehen der Hausgärten und zu den Pflanzen, die dort angebaut wurden, nicht Weiach-spezifisch. 

Kohler kann nichts dazu aus der Weiacher Ortsbeschreibung von 1850 u. 51 entnommen haben, die man bei der grossen Restauration der 1960er-Jahre in der Turmkugel unserer Kirche gefunden hat. Diese Schrift enthält nämlich höchstens kursorische Angaben zu den Hausgärten und den dort wachsenden Pflanzen. 

Für die Verfasser der Ortsbeschreibung, die Protagonisten des Weiacher Landwirtschaftlichen Gemeindsvereins, fielen ihre Hausgärten offensichtlich nicht unter den Begriff Landwirtschaft.

Quellen und Literatur

  • Ortsbeschreibung Weiach von 1850 u. 51. Handschrift, fadengeheftet. Signatur: OM Weiach KTD 7.
  • Kohler, Johann Michael: Landwirthschaftliche Beschreibung der Gemeinden Dettenriedt, Höngg, Thalweil-Oberrieden, Uitikon, Wangen, Weyach, bearbeitet nach den von genannten Orten eingegangenen Ortsbeschreibungen von J. M. Kohler, Seminarlehrer, und als Beitrag zur Kenntniß des Landbaues im Kanton Zürich, herausgegeben von dem Vorstande des landwirthsch. Vereines im Kanton Zürich. Druck von H. Mahler, Zürich 1852. https://doi.org/10.3931/e-rara-30931 Vgl. insbesondere S. 65-66.
  • Binder, Gottlieb: Die landwirtschaftlichen Verhältnisse der Gemeinde Weiach um 1850. In: Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung, 1930, Nr. 86-89 (5 Teile). Hier: Dienstag, 28. Oktober 1930, Nr. 87. Unterhaltungsblatt [Teil] 3 [auf 2. Blatt].
  • Ortsbeschreibung Weiach Anno 1850/51. Abschrift des Originals durch Walter Zollinger, fertiggestellt 17. März 1969. Handschrift, Ringheft.

Donnerstag, 18. April 2024

Gemeindeförster für 4 Tage bei Wasser und Brot inhaftiert

Der Online-Katalog des Staatsarchivs des Kantons Zürich verzeichnet nicht nur die generellen Sachgebiete zu einem bestimmten Dossier. Manchmal gibt er auch Hinweise auf Trouvaillen der eher unerwarteten Art, wie sie der Titel dieses Beitrags zum Ausdruck bringt. 

So beispielsweise beim Konvolut «Korrespondenz 1828 - 1888 - Gemeindewaldung Weiach» mit der Signatur StAZH Z 31.1300. Unter der Rubrik «Inhalt und Form» liest man doch tatsächlich:

«Enthält zahlreiche Briefe; u. a. Mitteilung vom 7. Februar 1828 an den Forstmeister, dass der Gemeinderatsweibel den für vier Tage in Regensdorf bei Wasser und Brot inhaftierten Gemeindeförster Rudolf Meyerhofer vertreten werde,  [...]».

Handelt es sich wirklich um Regensdorf...?

Was sich unser damaliger Förster hat zuschulden kommen lassen, geht allenfalls aus diesem Schreiben von 1828 hervor. 

Mit einigem Erstaunen vermerkt der hier in die Tasten hauende Ortshistoriker aber, dass da auch nach Augenreiben immer noch RegensDORF steht. Nicht RegensBERG. 

Nun ist es tatsächlich so, dass in der per Eingemeindung 1896 massiv gewachsenen Stadt Zürich dringend Platz geschaffen werden musste. Daher verlegte man das Zuchthaus auf eine grüne Wiese im Furttal und riss die jahrhundertelang als Gefängnis und Arbeitshaus genutzten Gebäude des ehemaligen Dominikanerinnen-Klosters Oetenbach ab.

So kam es, dass Regensdorf ab dem Jahr 1901 für viele Zürcher zum Synonym für schwedische Gardinen geworden ist. Kein Wunder, denn sie hiess ja auch explizit Strafanstalt Regensdorf. Da ist die heutige Bezeichnung Justizvollzugsanstalt Pöschwies schon neutraler. 

...oder doch eher um Regensberg?

Wie oben erwähnt geht es hier aber um einen Straffall von 1828. Damals gehörte Weyach zwar bereits zu demjenigen Verwaltungsgebilde, das später zum Bezirk Regensberg (ab 1871: Bezirk Dielsdorf) werden sollte. Das war aber noch ein sogenanntes Oberamt. Und der Oberamtmann fühlte sich schon fast wieder wie weiland ein Landvogt auf Schloss Regensberg. So sahen es jedenfalls etliche Untertanen. Was Wunder, schliesslich war dort oben auch das Bezirksgericht ansässig. Entsprechend gab es da auch Arrestzellen.

Es ist daher ziemlich sicher, dass Rudolf Meyerhofer seine Strafe im Städtchen auf dem Lägernsporn absitzen musste, oder wie man damals sagte «auf dem Buk». Ein für viele höchst negativ konnotierter Ort, an den man entsprechend ungern erinnert wurde. Was in den 1860ern im Kampf um die Verlegung des Bezirkshauptorts ins Tal nach Dielsdorf von den Befürwortern dieser Änderung auch gnadenlos instrumentalisiert worden ist.

Rückmeldung Staatsarchiv (Nachtrag vom 22. April 2024)

Martin Leonhard, stellvertretender Abteilungsleiter Individuelle Kundendienste im Staatsarchiv, teilt heute per e-mail mit:

«Tatsächlich wurde der Brief in Z 31.1300 bei der Verzeichnung falsch gelesen. Wie Sie in der beiliegenden Arbeitskopie sehen, informierte der damalige Weiacher Gemeindeammann Johannes Baumgartner den «Herrn Forstmeister» am 07.02.1828 darüber, dass am Vortag der Weiacher Förster Rudolf Meyerhofer wegen Verleumdung und «sehr grober Aufführung gegen mich» vom Amtsgericht Regensberg zu vier Tagen Haft bei «Wasser und Brod» verurteilt worden sei. Wo dieser seine Strafe verbüssen musste – naheliegend wäre Regensberg –, erwähnt Baumgartner aber nicht.»

Signatur des Briefes: StAZH Z 31.1300, Nr. 1

Mittwoch, 17. April 2024

Pfarrherr betrauert Pesttod seiner Tochter in poetischer Form

Johannes Frey (1538-1607; WPZ21 Nr. 29) war einer der vielen Pfarrer, die im 16. Jahrhundert die nicht sehr beliebte Pfarrstelle von Wyach aufs Auge gedrückt bekamen. 

Da gab es nämlich kein Pfarrhaus. Bis zur Einrichtung eines minimalen Pfrundgutes samt Ankauf eines sehr bescheidenen Häuschens im Jahre 1591 musste der für Weiach zuständige Pfarrer zu Fuss von Zürich aus dorthin und wieder zurück. Denn diese Stelle war hundsmiserabel besoldet und es gab nur in Zürich halbwegs standesgemässe zusätzliche Verdienstmöglichkeiten (z.B. als Hilfslehrer).

Inschriftlich verewigt...

Für Frey war Wyach nicht wirklich ein Problem. Es war seine erste richtige Pfarrstelle. Bereits 1560 ordiniert, war dieser Karriereschritt 1562 auch an der Zeit. Weiach war dann das Sprungbrett zu besseren Verdienstmöglichkeiten – wie bei vielen anderen Jungpfarrern. Noch im selben Jahr erhielt er die Stelle eines Diakons in Kappel am Albis. Und am 15. März 1566 wählten ihn die Meilemer zu ihrem Pfarrer.


Als Pastor Ioannes Liberianus ist er sogar an der Stirnseite des Podests zum Turmeingang inschriftlich verewigt, wie man bei Jakob Stelzer in seiner Geschichte der Gemeinde Meilen (S. 129) lesen kann.

... und als guter Verseschmied

Im Historisch-biographischen Lexikon der Schweiz wird Frey als «guter Poet» bezeichnet (HBLS III S. 247 Nr. 19). Und damit war er laut Stelzer nicht der einzige seiner Zunft unter den Meilener Pfarrern. Die Goldküstengemeinde war sozusagen ein Pfarrschriftsteller-Anziehungspunkt:

«Die Pfarrer von 1547 bis 1693 waren mit Ausnahme von nur drei (1585 bis 1625) als Epigramm- und Liederdichter oder Schriftsteller bekannt.»

Es blieb ihm nicht erspart, dass er Frau und Kind zu Grabe tragen lassen musste (Stelzer S. 130/132):

«Johannes Frei, insignis poeta, schrieb im August des Pestjahres 1582 ins Totenbuch:

Filia Lyberi virgo Susanna ministri
In domino obdormit, spiritus astra petit,
Aeterna in coelis cum Christo hic gaudia captat
Rursus corpus suscitet ille suum
Tunc animus et corpus iuncta salute fruentur
Coelesti in patria perpetuoque simul.

Jungfrau Susanna Frey des Pfarrers / ehliche / Tochter
In dem Herrn entschlief und sternenwärts schwang sich ihr Geist
Ewger Wonnen genießend im Himmel mit dem Erlöser,
Der aus dem Grabe dereinst wird auferwecken den Leib;
Seele und Leib alsdann, sie werden gemeinsamen Heiles
Ewiglich sich erfreun im himmlischen Vaterlande.

Er dichtete auch deren Grabschrift und ein Lied auf seine an der Pest verstorbene Gattin.»

Wie alt seine Tochter zum Zeitpunkt ihres Todes war, ist mir nicht bekannt. Sie dürfte jedoch kaum erwachsen gewesen sein, oder sogar noch ein Kind. Denn vor 1562 konnte Frey von einer Familiengründung aus wirtschaftlichen Gründen vernünftigerweise nur träumen.

Quelle

  • Stelzer, J.: Geschichte der Gemeinde Meilen. 1. Band: Von den Anfängen bis 1830. Verlag der Mittwochgesellschaft Meilen, 1934 – S. 129, 130 & 132 [https://doi.org/10.20384/zop-4721].

Dienstag, 16. April 2024

Auf Betteltour in Würenlos gestorben

Wie wir am Samstag gesehen haben (vgl. WeiachBlog Nr. 2080) hat die Gemeinde Weiach anfangs der 1690er-Jahre ihren Dorfarmen mangels genügender Mittel in der Gemeindekasse und zugleich ausbleibender Unterstützung durch das Almosenamt der Stadt Zürich die Bettelfreigabe erteilt. An drei Tagen in der Woche durften namentlich bestimmte Arme vor den Häusern «heuschen». Ganz offiziell.

Solche aus Weyach stammenden Bettler zogen natürlich auch sonst im Land umher und versuchten sich auf diese Weise irgendwie über Wasser zu halten. Was nicht immer gelang:

«Heinrich Trüllinger von Wejach natus Ao 59. 3. Apr. gieng mit seiner Schwester bettlen, starb zu Würenlos, ward verbeümt und kein Kosten gfond, wyl Hr. Pfr. Brennwald sich der Armut der Kilch und Gmeind halber geklagt.»

Wenn jemand verbäumt wird

Das Verbum verbaume(n) bezeichnet laut dem Schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon (Id. 4,1251) den Vorgang der Einsargung. Baumer wird ein Schreiner genannt, der Särge herstellt. 

Ein Sarg wird beerdigt und was danach folgt, wissen wir alle. Interessant ist deshalb die zweite Bedeutung dieses Wortes verbaume(n): «vermodern, morsch werden, ersticken, von Holz und andern pflanzlichen Stoffen; durch Alter verdorben werden, von Waren» (Id. 4,1253)

Endstation Otelfingen

Der obige Eintrag, datiert auf den 16. Februar 1694, ist im Sterberegister der Zürcher Grenzgemeinde Otelfingen im Furttal zu finden. Warum das so ist, erläutert ein Beitrag in der Zeitschrift Der Schweizer Familienforscher aus dem Jahr 1961:

«Das Sterberegister der reformierten Pfarrgemeinde Otelfingen (Staatsarchiv Zürich E III 87, 2) besitzt die Besonderheit, daß in ihm in Baden verstorbene Reformierte aufgeführt werden. Der Pfarrer von Otelfingen betreute nämlich auch die zu Würenlos in der damaligen Grafschaft Baden, jetzt Kt. Aargau, wohnhaften Reformierten. In Baden selber, das damals ganz katholisch war, durfte kein reformierter Gottesdienst gehalten werden auch nicht privat und nicht einmal für den Landvogt und die Tagsatzungsherren, obschon diese doch die Obrigkeit repräsentierten (vgl. Barth. Frikker, Geschichte der Stadt und der Bäder zu Baden, Aarau, Sauerländer 1880, Seite 300 ff.). Starb ein Reformierter in der Bäderstadt, so mußte seine Leiche in die nächstgelegene reformierte Gemeinde, und das war eben Otelfingen im Kanton Zürich, verbracht und dort bestattet werden. So wurden diese Todesfälle im Pfarrbuch Otelfingen eingetragen gewöhnlich mit dem Vermerk «von Baden aus bestattet», [...].»

Kostenübertragung abgewendet

Heinrich Trüllinger wurde also in Otelfingen beerdigt. Und zwar auf Kosten der Otelfinger! Wie aus dem Eintrag auch hervorgeht, gelang es dem Weiacher Pfarrer Brennwald (seit 1693 im Amt) nämlich erfolgreich, durch Hinweis auf die desolate Finanzlage der Kirchgemeinde Weiach, eine Kostenüberbindung abzuwenden. Sehr praktisch. So wurde nicht einmal Platz auf dem Friedhof im Oberdorf benötigt (den heutigen im Büel gibt es erst seit 1706).

Quelle
  • Schulthess, K.: Reformierte Ortsfremde im Sterberegister von Otelfingen 1650–1785. In:  Der Schweizer Familienforscher = Le généalogiste suisse. Band (Jahr): 28 (1961), Heft 3-5 – Hier: Nr. 109  Trüllinger. 16. Febr. 1694.

Sonntag, 14. April 2024

Diebische Untreue ergibt Pranger und Verbannung, Anno 1693

Zeiten der Not wie die der Hungerkrise 1692/93 (vgl. den vorangehenden Beitrag WeiachBlog Nr. 2080) sind Prüfsteine für die Dorfgemeinschaft, die Familien und Individuen. Und manchem ist in solchen Situationen nicht nur das Hemd näher als der Rock, es liegt ihm auch der Griff in fremde Taschen näher.

Da muss die hohe Obrigkeit natürlich beweisen, dass sie die Lage im Griff hat. Bewerkstelligt wurde dies mit den damaligen Mitteln und nach dem Motto: Bestrafe die Täter in aller Öffentlichkeit und erziele optimalen Abschreckungseffekt bei allen anderen. Für die Delinquenten fing die Abschreckung schon bei der Strafuntersuchung an:


Verhaften, einkerkern, befragen, mit Folter drohen

Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Der oben abgebildete Textausschnitt stammt aus dem Unterschreiber-Ratsmanuale des Baptistalrats für das Jahr 1693 (StAZH B II 643, 27.09.1693 (st.v.), S. 120-121). «Mittwochs den 27. 7bris» fassten Bürgermeister und Kleiner Rat der Stadt Zürich u.a. folgenden Beschluss: 

«Der wegen vilfaltig-diebischen angriffen in dem Wellenberg verhaffte, Conrad Meyer von Weyach, soll mit nebent bezeichneter Tortur ersucht und umb seine fehrnere diebstähl befräget, auch seine Muter mit der Marter geschrekt, weiters examinirt und künfftigen Samstag beyder vergicht an Mghh gebracht werden.»

Welche Foltermethoden mit dem am linken Rand notierten Zahlenpaar «1/2» gemeint ist, habe ich bislang trotz ziemlich breiter Suche nicht eruieren können. Es dürfte sich aber um einen Code handeln, bei dem jedem Nachgänger (d.h. den Untersuchungsrichtern, die selber Ratsmitglieder waren) klar war, was darunter zu verstehen ist.

Die Mutter des im Gefängnisturm mitten in der Limmat inhaftierten Conrad Meyer sollte laut Ratsbeschluss ebenfalls befragt werden. Auch die Androhung von körperlichen Zwangsmassnahmen wird explizit erlaubt, falls dies zur Erhöhung der Aussagebereitschaft als erforderlich angesehen wird.

Bereits drei Tage später wird das Urteil gefällt und sofort vollstreckt

Wie beauftragt wurden die beiden Tatverdächtigen in die Zange genommen und in der Ratssitzung vom 30. September dem Gremium rapportiert. Noch in derselben Sitzung dann das Urteil gefällt (StAZH B II 643, 30.09.1693 (st.v.), S. 124-125):

«Hans Conradt Meyer von Weyach, soll wegen begangner diebischer untreüwe uber außgestandene gefangenschafft und peinliches Examen, dießen nachmitag ein stund lang an den prangen gestellt, auf dann [1] jahr des Landts verwiesen; [...] sine Muther, welche ihme hierin Byhülf geleistet, nebend den prangen geführt, auch sambt Elsbetha Meyer[,] ihrer Tochter, welche hierumb wüßens gehabt, nechstgestellt werden.»

Hans Conrad Meyer wurde also der Folter unterzogen. Noch am selben Samstag ist er (wohl mitten in der Stadt Zürich) eine Stunde lang in aller Öffentlichkeit an den Pranger gestellt (d.h. an einer Säule festgekettet) worden, wobei seine Mutter wegen Beihilfe zur Veruntreuung und seine Schwester wegen Mitwisserschaft daneben stehen mussten.

Landesverweis auf Jahr und Tag

Gleich anschliessend wurde der einjährige Landesverweis aus dem Zürcher Herrschaftsgebiet wirksam. Interessant ist, dass hier kein Wort von einer hohen Busse oder dergleichen steht.

Was den Meyern genau vorgeworfen wurde, geht aus diesen kurzen Einträgen nicht hervor. Das findet sich vielleicht in den Kundschaften und Nachgängen des Jahres 1693, d.h. den Protokollen der Untersuchungsrichter, sofern noch vorhanden (vgl. das Dossier StAZH A 27.118).

Samstag, 13. April 2024

Hungersnot und leere Gemeindekasse: Strassenbettel erlaubt!

Das letzte Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts war im Kanton Zürich ein Schreckensdezennium. Der Historiker Walter Letsch hat sich auf die Demographie unseres Kantons in der Frühen Neuzeit zwischen Reformation und dem Zusammenbruch des Ancien Régime spezialisiert. Er spricht in seinem Beitrag «Die unbekannte Hungersnot von 1692/93» (vgl. Zürcher Taschenbuch 2022, S. 73-96) von einer der grössten Katastrophen, die die Zürcher Bevölkerung je erleiden musste. Der Autor schätzt, dass von 127'000 Einwohnern nicht weniger als 14 Prozent verhungert sind.

Sozialhilfeempfänger haben nichts mehr zu melden

Über diese Zeit hat auch Dr. h.c. Heinrich Morf publiziert. Das Neujahrsblatt 1874 der Hülfsgesellschaft Winterthur brachte seinen Aufsatz «Aus der Geschichte des zürcherischen Armenwesens».

Aus diesem Werk hat die Neue Zürcher Zeitung (Nummer 609, 31. Dezember 1972) für einen Beitrag über die Neujahrsblätter der Zürcher Landschaft die folgenden Informationen entnommen:

«Im Gegensatz zu den Armen der Stadt, die ihr Brot am Samstag im Refektorium des Augustinerklosters bezogen, empfingen es jene der Landschaft am Sonntag nach der Morgenpredigt vor versammelter Gemeinde. Vorgängig wurde jeweils daran erinnert, daß die Empfänger des Almosens von der Gemeindeversammlung ausgeschlossen seien.»

Kollekte in der Kirche wenig ertragreich

Kein Wunder also, dass niemand von Sozialhilfe abhängig sein wollte, bei dieser Art der doppelten öffentlichen Stigmatisierung. Wer ein Brot aus der Armenkasse nahm, der hatte politisch nichts mehr zu melden. Er war sozusagen ehrlos und musste – ohne mitreden zu können – trotzdem die Beschlüsse der Gemeinde mittragen.

«Da das Almosenamt befürchtete, trotz guten Einkünften seinen Aufgaben nicht gerecht werden zu können, wurden die Gemeinden 1620 aufgefordert, inskünftig nach der Sommer- und Herbsternte Steuern in Form von Naturalien für die Armen einzuziehen. Das Ergebnis war gering; denn lange nicht alle Gemeinden kamen dieser Aufforderung nach. Von 1622 an mußte daher zur Aeufnung eines Armengutes an jedem Sonntag oder wenigstens an jedem Fest- und Bettag in der Kirche das «Säcklein» aufgehoben werden. Diesem «Säckligeld» blieb jedoch der Erfolg ebenso versagt wie dem jahrzehntelangen Kampf gegen Bettelei.»

Ökonomische Enquête 1692

Bürgermeister und Rat liessen es halt dann achselzuckend einfach schleifen, was in besseren Zeiten noch halbwegs tragbar war, jedenfalls aus Sicht der Obrigkeit. In dieser Grosskatastrophe 1692/93 aber, da konnte man nicht mehr wegsehen und wurde gezwungen, auf Ursachensuche zu gehen:

«Um den Grund des Uebels erfassen zu können, veranlaßte der Rat 1692 eine genaue Abklärung der ökonomischen Verhältnisse in allen Gemeinden des Kantons. Die Pfarrer hatten in sämtlichen Haushaltungen ihrer Gemeinde ein genaues Verzeichnis der Familienmitglieder aufzunehmen sowie abzuklären, welche «Handarbeiten» diese verrichten konnten, und ob beziehungsweise in welcher Form Almosen empfangen würden. [...] Gesamthaft betrachtet, ergibt sich aus dem ganzen Kanton ein recht düsteres Bild. In vielen Gemeinden war mindestens die Hälfte der Bevölkerung auf Brotspenden der Kirche angewiesen; daneben wurden immer wieder «blutarme Haushaltungen» erwähnt, die sich weigerten, Almosen zu empfangen, damit die Hausväter nicht von der Gemeindeversammlung ausgeschlossen wurden.»  (Vgl. zu Weiach: Auszug der Ökonomischen Kommission: StAZH B IX 50)

Bettelnde Kinder: Weiach und Stadel förderten das

«Kinder aus solchen Familien zogen bettelnd umher, was zwar verboten war. Es gab aber Gemeinden wie Stadel und Weiach, die, weil die Erträge des Almosenamtes nicht weit reichten, den Armen erlaubten, drei Tage in der Woche vor den Häusern zu «heuschen». 

Insgesamt dürften im Jahre 1692 von der 128 000 Einwohner zählenden Landbevölkerung 21 300 Personen unterstützt worden sein. Dabei reichten die Gaben niemals aus, um allen eine richtige Ernährung und ausreichende Kleidung zu gewährleisten. Oft verfügte eine Familie nur über ein einziges Paar Schuhe und Strümpfe. In Fehljahren aßen viele während Wochen nichts anderes als «Gesott von Krüsch und Habermähl», das mit soviel Mutterkorn vermischt genossen wurde, daß etliche «toll und tumlend im Hirne» wurden.»

Mit 16.6 Prozent wies das Zürcher Herrschaftsgebiet also eine sehr hohe Sozialhilfequote auf. Und trotzdem reichte es hinten und vorne nicht. Kein Wunder, dass in diesem Hungerjahr etliche Weiacherinnen und Weiacher definitiv den Entschluss gefasst haben, auszuwandern.

Freitag, 12. April 2024

Eine Frau aus dem falschen Nachbarort kam teuer zu stehen

Sie haben sich in eine Frau aus dem Nachbardorf verliebt, wollen heiraten und sie soll zu Ihnen ziehen? Glückwunsch, dass Ihnen das heute passiert.

Zu Zeiten der alten Landvögte mussten Heiratswillige selbst innerhalb des Zürcher Herrschaftsbereichs sehr genau hinschauen. Denn wer die Frau aus dem falschen Dorf holte, der zahlte eine happige Strafsteuer. Es gab nämlich eine Art vogteiabhängige Heiratsstrafe. Grund: Die Land- und Obervögte wollten damit das abfliessende Steuersubstrat abgegolten haben.

Schon Zweidlen war für Weyacher vogteitechnisch Ausland

Der Glattfelder Pfarrer Arnold Naef beschrieb das Phänomen 1863 in seiner Monographie über seine Kirchgemeinde wie folgt:

«Wie beim Einziehen in die Gemeinde eine Einzugssteuer, so mußte auch eine Abzugssteuer entrichtet werden, wenn Einer oder Eine mit Vermögen aus der Gemeinde wegzog. Ein Brief von 1662 bestimmte: Wenn Einer in eine andere Gemeinde wegzieht oder wenn hiesiges Gut an einen andern Ort ererbt wird, so soll vom wegziehenden Gut 5 fl. vom Hundert der Gemeinde zur Ersetzung der Steuer bezahlt werden. Aus einer Urkunde von 1607 geht hervor, daß auch für Zweidlen diese Abzugssteuer Geltung hatte: Zwei Zolleren nämlich von Weiach und ein Winkler von Hochfelden, welche Kellerinnen von Zweidlen geheirathet hatten, wollten für das Vermögen derselben den Abzug nicht bezahlen, behielten aber nicht Recht, weil Zweidlen in die Herrschaft Eglisau gehöre, in welcher in allen Gemeinden dieser Brauch bestehe.» (Naef, S. 30)

Die beiden Zoller aus Weiach und der Winkler aus Hochfelden waren an Orten ansässig, die zur Obervogtei Neuamt gehörten. Heirat über die Vogteigrenze = Zur Kasse bitte!

Falls Sie sich gewundert haben, warum man früher noch eher die Tendenz hatte, direkt über den Miststock zu heiraten. Das hatte wohl auch handfeste finanzielle Gründe.

In der Gemeinde Glattfelden war's noch komplizierter...

Das Dorf Glattfelden selber gehörte niedergerichtlich zur Landvogtei Eglisau, weil dieses Recht einst den Freiherren von Tengen gehört hatte, die Hochgerichtsbarkeit stand aber den Kyburgern zu, danach per Erbübergang den Habsburgern (und ab 1424 den Zürchern). Erst 1678 kamen auf Verlangen der Glattfeldner auch die Hochgerichte von der Landvogtei Kyburg zur Landvogtei Eglisau.

Zweidlen hingegen gehörte auch mit der Hochgerichtsbarkeit von jeher den Herren von Tengen und damit ab 1496 vollumfänglich zur Landvogtei Eglisau und damit zum Zürcher Hoheitsgebiet. 

Damit wurde eine Heirat zwischen Zweidlen und Glattfelden dann doch einiges billiger.

Noch einmal anders war die Situation des Weilers Schachen (südlich der Glatt). Er gehörte ursprünglich ebenfalls zur Grafschaft Kyburg, wurde aber 1442 abgetrennt und war fortan Teil der damals eigens gegründeten Obervogtei Neuamt, bis diese mit dem Ancien Régime unterging. Vgl. für diese Dreiteilung die Grenzmarkierungen auf der Gygerkarte von 1667.

Ein Vorzugstarif für Frauen?

Wie wir von Pfr. Naef wissen, lag der Steuersatz bei 5 % des abgezogenen Vermögens. Das geht auch aus den Rechnungen der Neuamtsobervögte hervor, so hier der ältesten erhaltenen Jahresabrechnung für 1683/84:

Was fällt auf? Die Zahlen:

24 lib. [d.h. Pfund Pfenning] «zalt Verena Meyerhoferin von Weyach, so dissmalen zur ehe hat Hanssen Käller zu Glatfelden in der herrschafft Eglisauw, wegen dahin gezogener ungefahr 700 lib. verfangen gut, zu zahlungen ohne zinss gestelt.» 

Also nach Strübis Rächnigsbüechli eine Steuer zu einem Vorzugstarif von 3.4 Prozent! Und erst noch verzugszinsfrei. Ob das damit zu tun hatte, dass hier die Frau zahlen musste? Jedenfalls wurde für diese drei abzugssteuerpflichtigen Männer in besagter Rechnungsperiode der Normaltarif von 5 Prozent veranlagt. Auch wenn es nur um eine Erbschaftsangelegenheit ging, wie bei Hans Huber aus Dielsdorf.

Quellen und Literatur

Donnerstag, 11. April 2024

Weiacher Wirt verklagt Raaterin, die eine Beiz eröffnen will

Auf dem Chistenpass zu Oberraat – so liest man jüngst in der Facebook-Gruppe Du bisch vo Weiach, wenn... – sei im Restaurant Freihof ein neuer Wirt am Werk (der frühere Glattfelder Löwen-Wirt). Und das dort servierte Essen wird in höchsten Tönen gelobt. Zumindest von diesem einen Kunden, der mit vollem Magen seine Rezension abgegeben hat.

Streitbare Wirte

Vor 400 Jahren hätte ein Gastronom in besagtem Raat keinen Fuss auf den Boden bekommen, jedenfalls nicht in Form eines durchgehend gültigen Wirtepatents. Dafür sorgten 1603 der Stadler Wirt Junghans Huser sowie 1607 sein Weyacher Berufskollege Ulrich Bommeli. Sie gingen gegen alle vor, die auf dem Chischtepass in ihr ehaftes Recht (d.h. Monopol) zur Gästebewirtung eingriffen.

Am 13. Juli 1603 hatten Bürgermeister und Rat der Stadt Zürich (BmuR) entschieden, dass Hans Lang von Raat keine Hochzeitsgesellschaften mehr bewirten dürfe und seine Beiz am Pass auch nur an den Tagen öffnen dürfe, wo auf der Zurzacher Messe Markttag sei (vgl. SSRQ ZH NF II/1, Nr. 146). An diesen Tagen waren nämlich derart viele Marktbesucher aus dem Züribiet von und nach Zurzach unterwegs, dass die Gasthöfe in Stadel und Weiach immer noch genug Gäste bewirten konnten.

Obrigkeitliche Bedarfsanalyse

Am 22. August 1607 reagierte der Zürcher Rat dann auf eine ähnlich gelagerte Beschwerde des Weiacher Wirts. Thomas Weibel, der Bearbeiter des Rechtsquellenbandes Neuamt, beschreibt den Fall regestartig unter Verwendung von Teilen des Originaltextes:

«Als auch Barbara Lang und deren Söhne zu Raat eine Wirtschaft betreiben wollen, erkennen BmuR auf Klage des Wirtes Ulrich Bommelj von Weiach: Diewyl zuo Stadel und Wyach an jedtwederm ort, als die so wyt nit von ein anderen und den gen Zurzach und anderschwo hin reißenden personen nit ungelegen, an einem wirt gnuog jst, so sölle nit allein vilbemelter Hans Lang synes bißher gebruchen, sonder auch die gedacht Barbara Langin sambt jren söhnen jres vorhabenden wirtens ruewig und dasselbig jnen hiemit beidersyts abkhendt syn. Jedoch mit dem anhang, das ein jeder theil zur Zyt der jerlichen Zurtzacher jarmerckten den wyn, so jedem an synen räben gewachßen were, wol vom zapfen ußschëncken und verwirten möge. Da dem genannten Langen nach dißern khünfftigen Zurtzach merckten, wie ers bißhar gebrucht, zewirten zuogelaßen, aber er dannenthin ruewig syn und oberzelter unserer urteil statt thuon.»

Hier wird also obrigkeitlich festgestellt, dass die Ortschaften Stadel und Weiach nicht allzu weit auseinander liegen würden und daher sowohl der lokale Bedarf wie der von Reisenden gedeckt sei, wenn in jeder der beiden Ortschaften je ein Wirtshaus betrieben wird.

Nur anlässlich des Zurzacher Marktes und nur eigenen Wein

Vor allem aber wird das Urteil von 1603 teilrevidiert, indem Hans Lang statt an den Zurzacher Markttagen immerhin noch eine Speisewirtschaft betreiben zu dürfen, nur noch eine Weinschenke öffnen und dort auch nur noch den Ertrag von den eigenen Reben zapfen sollte. Dasselbe Recht also, wie es auch Barbara Lang und ihren Söhnen zugestanden wird, die nun ihre ursprüngliche Geschäftsidee zu grossen Teilen beschnitten sahen.

Konkurrenz erfolgreich gebodigt! Ulrich Bommeli in Wyach und Junghans Huser in Stadel war es hingegen gestattet, fremden Wein zuzukaufen und auszuschenken. Sie durften überdies auch warme Mahlzeiten servieren und (zumindest im Fall des Weiacher Wirts) auch Gäste beherbergen.

Die beiden Urteile findet man in den sog. Ratsurkunden, das sind laut Online-Katalog des Staatsarchivs «Entwürfe und Abschriften von durch obrigkeitliche Autorität und Vermittlung zustande gekommenen Urteilen und Verträgen in privaten und körperschaftlichen Angelegenheiten».

Quelle

Mittwoch, 10. April 2024

Militärpension für die Eltern eines Rekruten

Vor 125 Jahren wurde der Tod eines Armeeangehörigen mit einer jährlichen Rentenzahlung entschädigt. Diese sog. Militärpensionen wurde von einer eidgenössischen Kommission beraten und dann durch den Bundesrat genehmigt. Deshalb finden wir die Pensionsbeschlüsse in den Bundesratsprotokollen.

Am 3. August 1899 beschloss der Bundesrat unter anderem

«11) den Eltern des am 12. Mai 1898 verstorbenen Infanterie-Rekruten Gottfr. Rüedlinger, nämlich dem Vater Felix Rüedlinger, geb. 1824, und der Mutter Anna geb. Neukomm, geb. 1845, von und in Weiach (Zürich), eine Jahrespension von Fr. 150 zuzusprechen, für 1898 pro Rata vom Todestage des Sohnes (12. Mai 1898) an zu rechnen.»  (BRB 1899 3118; Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#8955*)

Umgerechnet nach dem Historischen Lohnindex (HLI) von Swistoval.ch wären des heute rund CHF 6700. Diese lebenslang ausbezahlte Pension ging also an die Eltern des verstorbenen Rekruten, dessen Vater (75) schon in sehr vorgerücktem Alter war, die Mutter (54) hingegen eine Generation jünger als ihr Ehemann.

Früher Tod der Mutter spart dem Bund die Rente

Allzu lange musste die Eidgenossenschaft aber nicht bezahlen, wie man dem Beschlussprotokoll vom 6. Januar 1905 entnehmen kann. Auf Antrag des EMD vom 29. Dezember übernahm der Bundesrat die Beschlüsse der Kommission:

«Die eidg. Pensionskommission hat in ihrer Sitzung vom 22. Dezember in folgenden Pensionsfällen die nacherwähnten Beschlüsse gefasst: [...]

No. 661. Felix und Anna Ruedlinger-Neukomm, Landwirt in Weiach. Da beide Eltern Ruedlinger gestorben, der Vater am 1. September 1904, die Mutter am 14. Oktober 1904, beschloss die Pensionskommission, die Pension auf den 14. Oktober als erloschen zu erklären und den zwei Söhnen, sowie der Tochter der Verstorbenen die Pensionsrate pro 1904, plus dem Sterbequartal, auszurichten.» (BRB 1905 0033; Signatur: CH-BAR E1004.1#1000/9#9594*)

Dienstag, 9. April 2024

Das EMD erwirbt den Unterstand im Stubengraben

Wenn es in einem Verteidigungsfall schnell gehen muss, wie anfangs des Zweiten Weltkriegs im Herbst 1939, dann werden Geländeverstärkungen auf Privatgrund gebaut, ob das dem jeweiligen Eigentümer gefällt oder nicht. Er hat es im höheren Landesinteresse zu dulden.

Im Sommer 1944 ging das «Bureau für Landerwerb» im Eidgenössischen Militärdepartment (EMD) daran, denjenigen Weiacher Eigentümern, auf deren Grundstücken permanente Kampfbauten errichtet worden waren, ihren Grund und Boden abzukaufen. Gleichzeitig entschädigte man sie auch für zusätzlich erlittene Verluste.

Beispielhaft sei hier der Unterstand im Stubengraben (auch «Kaibengraben» genannt) aufgeführt. Dort hat der Kdt Gz Füs Kp I/269 übrigens beim Bau selbigen Unterstands einen Siebenschläfer gefangen, der dann im Kompaniebüro in einen Käfig gesperrt wurde, ausbrach und durch den Kommandanten höchstpersönlich wieder eingefangen werden musste, vgl. WeiachBlog Nr. 298.

Das Holz ist viel mehr wert als der Holzboden

Der alte Eigentümer, «Paul Bedin-Baumgartner, Maurer in Weiach», erhielt von der Eidgenossenschaft für 397 Quadratmeter Wald in diesem längst trockengefallenen Graben einen Kaufpreis von Frk. 39.70 vergütet (was nach dem Historischen Lohnindex von Swistoval.ch heute rund das Zwölffache (CHF 1.20) für den Quadratmeter Waldboden ausmachen würde).

Wesentlich höher veranschlagt wurde das auf diesem Flecken Erde stehende Holz: die «Entschädigung für Holzbestand, geschlagenes Holz und Wegrechtseinräumung» betrug Frk. 277.20 (nach heutigen Werten immerhin rund CHF 3400).

Die Begründung im Antrag an den vorgesetzten Liegenschaftsdienst des EMD: «Abgelegenes Grundstück, ungünstige Zufahrtsverhältnisse, Entschädigung für Holz gemäss Holzwertberechnung. Uebrige Entschädigungen sind angemessen.»

Leider ist der Plan in den ins Bundesarchiv abgelieferten Unterlagen nicht enthalten. Später hat die Eidgenossenschaft diesen Unterstand aufgegeben und das Land wieder veräussert, jedenfalls findet sich dort laut GIS Kanton Zürich heute keine Parzelle mehr, die der Eidgenossenschaft gehört.

Quelle

  • Direktion der eidgenössischen Militärverwaltung. Liegenschaftsdienst. Landerwerb Truppe. Weiach 1944-1946. Aktenzeichen 50.01.24. Signatur CH-BAR E5001F#1972/50#23*.

Montag, 8. April 2024

Pfeil, Schachtel und Banane. Botschaft an die «classe politique»

Heute Montag ging in Bundesbern zwar keine Session über die Bühne der Staatsoper, es fand lediglich eine Sitzung der Staatspolitischen Kommission des Ständerats (SPK-S) statt. [N.B.: Beide Zürcher Ständeräte gehören dieser Kommission an.]

Die dort zur Diskussion stehenden Geschäfte 23.473 bis 23.475 haben allerdings bereits im Vorfeld mediale Wellen geschlagen, so im rechtskonservativen Nebelspalter, der eine weitere Transition in Richtung Berufsparlament moniert.

In der Folge hat heute in aller Herrgottsfrühe selbst die Pendlerpostille 20 Minuten den Ball aufgenommen und titelt «Brisante Vorstösse: Heute will sich das Parlament den Lohn erhöhen». 

Mit durchschlagendem Erfolg. Um 20 Uhr war die Kommentarfunktion bereits wieder geschlossen, 341 separate Einträge innert wenig mehr als einem halben Tag! Wer sie durchsieht, erkennt ohne Lupe: Das Thema erhitzt die Gemüter. Für manche wurde besagte Kommissionssitzung zum Anlass für eine Protestaktion der besonderen Art.

Stumm platziert, aber unmissverständliche Symbolik
 
Man konnte sie leicht übersehen, heute Nachmittag auf dem Bundesplatz in Bern: Eine vor dem Rezyklieren zweitverwendete Kartonschachtel, per Pfeil befestigt in einer abgesplitterten Mörtelfuge zwischen vier Steinplatten. 

Platziert wurde sie dort von zwei eigens per SBB angereisten jungen Weiachern, die definitiv nicht zur Kategorie Wutrentner gehören. Vom Verdacht einer SVP-Affinität sind die mindestens so weit entfernt wie die deutschen Grünen vom Wiedereinstieg in die Kernkraft.


Diese Vorbemerkung ist nötig, wenn wir uns hier nun den Text auf besagtem Karton zu Gemüte führen: «Liebe ReGIERung, bitte bedenke heute, WARUM Erstaugustfeuer brennen!». Kombiniert mit dem Pfeil und dem Bild einer Burg im Vollbrand.

Spesenbananen als Kartonbeschwerer

In der Hinterhand hat der Karton noch zwei besondere Botschafter: Bananen. Genauer gesagt: Spesen-Bananen, eine Anspielung auf die Selbstbedienungsmentalität eines Berner Regierungsrats, die Mitte Januar diesen Jahres vom Tages-Anzeiger zum Bananengate ernannt und in den Rang der grössten helvetischen Skandale aller Zeiten erhoben wurde.

Die Spesen-Banane

Bananen im Hinterhalt

Auf dem von der Grabkerze beschwerten Zettel steht: «Für die, die sich wundern, was wir hier machen: das Parlament plant heute sich selbst eine Gehaltserhöhung zu schenken, u.A. auf Kosten 1'000'000 Schweizer*innen, die in Armut leben. Das ist nicht schweigend tolerierbar!!»

Burgenbruch? Wilhelm Tells Geschoss?

Ist das ein Aufruf zum Krawall? Die Initiantin dieser Kunstinstallation sieht das auf Nachfrage von WeiachBlog anders:

«Ich weise lediglich auf eine historische Tradition hin. Wir wollen ja alle nicht, dass sich die Geschichte wiederholen muss, nicht wahr!

Wir werden nicht einmal die Kerze entzünden, die ist nur Symbol. Es geht nicht ums Ärger machen, sondern um der Obrigkeit so höflich wie nur möglich den Mittelfinger zu präsentieren

Und nach erfolgreich beendeter Aktion erhielt WeiachBlog noch diese Rückmeldung: 

«Die müssen da Geld sch....n, so viele Massanzüge liefen da in 2 Stunden rum...»  

Nun, was soll man in dieser Umgebung und direkt vor der Nationalbank auch anderes erwarten?

Fazit

Was den Mächtigen in diesem Land schon einigermassen zu denken geben sollte, ist dies: Von unten betrachtet herrscht nach Meinung der working class offenbar ein mit Selbstbedienungsmentalität gesegneter gouvernemental-parlamentarisch-lobbyistischer Komplex, bei dem eine Gewaltenteilung nicht wirklich erkennbar ist. Nur so ist die Anspielung auf die Zeit der verhassten Landvögte zu verstehen. Das Ancien Régime führte ja bekanntlich auch aus einer Hand. Ständeräte, die ihr im Majorzverfahren gewählt werdet und daher dem Volk besonders nah sein müsst: Höret die Signale!