Freitag, 8. Oktober 2021

Junge Herdöpfeldiebin in die Trülle gestellt

Am Freitag, 31. März 1797 standen zusammengezählt nicht weniger als 23 Weiacherinnen und Weiacher vor den Obervögten des Neuamt, bei denen sie wegen verschiedener Vergehen von den hiesigen Dorfbehörden angezeigt worden waren. 

Bei fast allen Delinquenten ging es um Übertretungen der Forstpolizeivorschriften aus der neuen Weiacher Holzordnung von 1796 – bis hin zu wüsten persönlichen Beschimpfungen gegen den Weiacher Förster.

In einem der sieben Verfahren, bei denen die beiden Obervögte, Herr Zunftmeister Friess und Herr Ratsherr Hirzel, ihr Urteil zu sprechen hatten, ging es jedoch nicht um den Schutz des Waldes:

«Da Jacob Baumgartters kleine Tochter eingestanden, daß sie etlichen Burgeren zu Weÿach Erdäpfel aus dem Feld gestohlen, dazu aber durch die Noth gezwungen worden zu seÿn, sich entschuldigte, so ward erkennt, daß sie in Gegenwart 2 Stillständer in das Pfarrhaus beschikt werden u. da einen angemessenen u. nachdenklichen Zuspruch erhalten, so dann am Montag eine Stund lang mit einer Erdapfel Staude in der Hand in die Trülle (doch ohne getrüllt zu werden) gestellt werden solle.»

Ein besonders tragischer Fall also. Diebstahl aus Hunger. 

Zuerst sollte nämlich der Weiacher Pfarrherr im Beisein von zwei Mitgliedern der Sittenaufsicht der Diebin ins Gewissen reden. Und am Montag (gemeint ist wohl der 3. April) war noch eine Stunde Trülle vorgesehen.

Eine Trülle, das war ein Käfig, den man um die eigene Vertikalachse drehen konnte und in den die junge Delinquentin eingesperrt wurde, wobei sie statt einem Zettel um den Hals eine Kartoffelstaude in der Hand halten musste. 

Offen ist die Frage, wo dieser mittelalterliche Pranger stand. In Weiach selber oder in Niederglatt (am Sitz des Amtsgerichts)? 

Quelle

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Zur Jahrzahl 1860 auf der Fahne des Gesangvereins Weiach

Ja, sie hat wahrlich bessere Zeiten gesehen, die Fahne des «Gesangverein Weiach» mit dem alten sechszackigen Weiacher Stern und der Jahrzahl 1860 (für den Stern vgl. Weiacher Geschichten(n) Nr. 84). Aber auch wenn sie stellenweise arg vom Zahn der Zeit gezeichnet ist: der zur Sammlung des Ortsmuseums Weiach gehörende, in leuchtenden Farben bemalte Stoff ist gleich zweifach ein greifbares Stück Dorfgeschichte. 

Material und Symbol

Da ist zum einen das Material der Fahne: reine Seide. Und es gibt Grund zur Annahme, dass es sich um Seide handelt, die zu grossen Teilen oder komplett in Weiach entstanden ist. Mitte des 19. Jahrhunderts wuchsen bei uns gemäss Ortsbeschreibung 1850/51 Maulbeerbäume, es wurden eine Seidenraupenzucht sowie etliche Webstühle betrieben, auf denen aus den feinen Fäden Stoff hergestellt wurde (vgl. Wiachiana Fontes Bd. 3). Auf der Wildkarte (ebenfalls in diesen Jahren entstanden) findet man für ein Gebäude in der Nähe des Schulareals die Bezeichnung «Seidnhf.» (Seidenhof; vgl. maps.zh.ch) und überdies existieren auch Familienzunamen wie «Seidenrudis» (vgl. WeiachBlog Nr. 941).

Zum andern haben wir den Symbolwert. Die Fahne ist eine Erinnerung an eine lebendige Dorfkultur, die sich auch über die Gemeindegrenzen hinaus Gehör verschaffte, denn gerade Gesangsvereine und die dazugehörenden Sängerfeste (auf Bezirks-. Kantons- und Bundesebene) waren ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Identitätsbildung in der Eidgenossenschaft des 19. Jahrhunderts, auf einer Stufe mit den Schützen- und Turnertraditionen.

Aufnahme: Zivilschutz GlaStaWei, KGS vom 26.5.2004

Vom Gesangverein zum Männerchor?

In der ersten seiner Gemeindechroniken über die Jahre 1952 bis 1967, die (soweit bekannt) nur als Typoskripte in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich erhalten geblieben sind, schreibt Walter Zollinger: 

«Von ganz besonderer Bedeutung war der Sommer 1952 für unseren Männerchor. Er hatte sich eine neue Fahne (die alte stammt aus dem Jahr 1860) vom bekannten Heraldiker Adrian Boller, Kilchberg schaffen lassen. Sie zeigt im blauweissen Zürcherschild den Weiacher Stern, ebenfalls blauweiss geteilt, dazu die Lyra, das Zeichen der Sänger.» (G-Ch Weiach 1952 - S. 12; Bild der Fahnenweihe vgl. WeiachTweet Nr. 1275)

Die Klammer verweist also auf eine Fahne von 1860, die Zollinger als alte Fahne des Männerchors bezeichnet. Was die Frage aufwirft: War der 1891 gegründete Männerchor Weiach (Zollinger 1972, S. 69) eine Nachfolgeorganisation des Gesangvereins Weiach und hat deshalb dessen Fahne geerbt?

Eine weitere Frage: Ist 1860 das Jahr der Fahnenanschaffung bzw. -weihe oder das Jahr der Vereinsgründung? (vgl. WeiachBlog Nr. 792 und 1432)

In der bayerischen Landeshauptstadt gibt es ja «1860 München». Dieser Kurzname des TSV 1860 München ist jedoch nur die Referenz an das zweite Gründungsdatum dieses Fussballklubs, denn offenbar gibt es den Verein bereits seit 1848.

Die Gemeinde zeigte sich sehr spendabel

Dank der kürzlich abgeschlossenen Digitalisierung der alten Ausgaben der NZZ von 1780 bis 1914 können wir nun eine dieser schon vor zehn Jahren gestellten Fragen beantworten. In der Ausgabe vom 30. Mai 1860 findet man nämlich diese Kurzmeldung:

«Zürich. Die Gemeinde Weiach hat dem Männerchor einen Beitrag von 150 Franken an eine Fahne zu verabreichen beschlossen.»

Im Jahre 1860 waren 150 Franken noch sehr viel Geld. Geht es nach dem Historischen Lohnindex (HLI) von Swistoval.ch, wären das heute über 13'000 Franken! Das Prestige, den Weiacher Stern auf einer eigenen Fahne präsentieren zu dürfen, war offensichtlich einen hohen Preis wert.

Starke Indizien: es ist das Anschaffungsjahr

Zollinger schreibt in der Anmerkung 76 seines blauen Büchleins (Weiach 1271-1971, S. 93) zum Gründungsjahr des Männerchors: «Im Ortsmuseum befindet sich zwar eine Fahne von 1860 mit der Aufschrift Gesangverein Weiach, was erkennen lässt, dass schon um die Mitte des letzten Jahrhunderts ein solcher bestanden haben muss.»  – Man beachte die vorsichtige Formulierung. Denn hier zeigt sich, dass Zollinger offenbar annahm, der Männerchor habe seine alte Fahne nur geerbt.

Trotzdem ist nun zweierlei sehr wahrscheinlich: 

Zum einen, dass 1860 tatsächlich das Anschaffungsjahr der Fahne angibt (und nicht das Gründungsjahr des Vereins). 

Zum anderen, dass es sich beim in der NZZ erwähnten Männerchor um den Gesangverein gehandelt hat und die beiden Namen damals synonym verwendet wurden.

Der Verein dürfte also bereits etliche Jahre vorher gegründet worden sein. Was sich zwischen 1860 und 1891 ereignet hat, liegt im Dunkeln, vielleicht ist der Gesangverein bzw. Männerchor damals ebenso eingeschlafen wie sein Nachfolger. Der absolvierte 1989 sein letztes Konzert, der letzte Präsident hat aber erst 2005 die Aktenbestände zur Archivierung vorbereitet (vgl. WeiachBlog Nr. 24).

Quellen und Literatur

  • Neue Zürcher Zeitung, Nummer 151, 30. Mai 1860.
  • Zollinger, W. (1952): Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1952. Weiach, Sommer 1954 – S. 12. Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich, Signatur: G-Ch Weiach 1952.
  • Zollinger, W. (1972): Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. Druckerei Akeret, Dielsdorf 1972 – S. 69 u. 93.
  • Sicherheitszweckverband Glattfelden-Stadel-Weiach, Kulturgüterschutz-Gruppe (Bearb.): Inventaraufnahme im Ortsmuseum Weiach vom 26. Mai 2004. CD-ROM mit Fotos und Inventarblättern.
  • Brandenberger, U.: Abgesang auf einen Männerchor. WeiachBlog Nr. 24 v. 24. November 2005.
  • Brandenberger, U.: Dorfzeichen, Wappen und Logo. Wie unsere Gemeinde zu ihren Erkennungszeichen kam (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) Nr. 84. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2006 - Gesamtausgabe S. 306. 
  • Brandenberger, U.: Alter der Fahne oder Jahr der Vereinsgründung? WeiachBlog Nr. 792 v. 13. März 2010.
  • Brandenberger, U.: Seidenspinnerei im Verlagssystem. WeiachBlog Nr. 861 v. 17. Juni 2010.
  • Brandenberger, U.: Eine Lehranstalt für Seidenweberinnen. WeiachBlog Nr. 862 v. 18. Juni 2010.
  • Brandenberger, U.: Weiacher Fahnen mit Turnerkreuz, Armbrust und Lyra. WeiachBlog Nr. 1432 v. 4. Dezember 2019.
  • Brandenberger, U.: Seidenweberei als staatlich gefördertes Heimwerk. WeiachBlog Nr. 1491 v. 18. April 2020. 

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Ein nicht mehr amtierender Fürstbischof als Landesherr?

Gestern wurde die älteste erhaltene Urkunde, die eine Weiacher Ziegelhütte erwähnt, exakt 600 Jahre alt (vgl. WeiachBlog Nr. 1757). Genannt wird in diesem Pergament aus dem Jahre 1421 Fürstbischof Albrecht Blarer, in dessen Namen der Übergang des Unternehmens von einem Pächter zum nächsten an einem Sonntag (!) notariell bestätigt wurde.

Nun bekleidete aber dieser Albrecht Blarer lediglich zwischen 1407 und 1410 das Amt des Bischofs von Konstanz! Zum Verurkundungszeitpunkt war sein Nachfolger Otto III. von Hachberg bereits über ein Jahrzehnt in Amt und Würden. Da stellt sich die Frage: Wie geht denn das? Ein Rechtsgeschäft wird im Namen eines gar nicht mehr im Amt befindlichen Bischofs abgeschlossen? 

Das muss etwas mit den Abmachungen zu tun haben, die zwischen Albrecht und seinem Nachfolger Otto bzw. dessen Vater getroffen wurden. Veronika Feller-Vest erwähnt in ihrem Artikel über Blarer dazu lediglich: «1410 überliess er das Bistum nach der Regelung der finanziellen Verhältnisse Otto von Hachberg.» 

Das kann aber nicht alles gewesen sein. Es scheint, als ob Blarer sozusagen für Teile des Fürstbistums noch die landesherrliche Würde belassen wurde. Es ist nämlich kaum denkbar, dass einem Amtsträger in Kaiserstuhl die Machtverhältnisse im Fürstbistum nicht klar gewesen wären.

Obwohl Blarer also formal wieder einfacher Domherr geworden war und seinen Lebensabend bis zu seinem Tod im April 1441 auf der Küssaburg verbracht haben soll, wird er als Inhaber der Bischofswürde geführt.

Die einzige weitere Fundstelle ausserhalb der Helvetia Sacra (HS I/2, 340-343 für Blarer sowie HS I/2, 343-348 für von Hachberg) ist «Elsbeth von Küssaberg», eine Erzählung von Wolf Pabst, die sich auf der Website der Gemeinde Küssnach findet (auf deren Gebiet liegt die Ruine der Küssaburg).

Dort heisst es: «Unser Herr, Bischof Albrecht Blarer, der erst drei Jahre zuvor sein hohes Amt von seinem Vorgänger Marquard von Randegg übernommen hatte, lag angeblich nach einer Herzattacke schwach und krank im Hospital. Notgedrungen musste er dann das Bischofsamt an seinen Nachfolger, der sich Otto III von Hachberg nannte, abgeben. Später erfuhr ich aber, dass er hierzu gezwungen worden war.»

Auch das erklärt noch nicht, weshalb der Spross einer Adelsfamilie aus dem Breisgau (die von Hachberg) einen Vertreter der wohlhabendsten Kaufmannsfamilie aus Konstanz (den Blarer) im Amt des Bischofs ersetzte. Die Blarer spielten in einer Liga mit den reichsten Zürchern und St. Gallern ihrer Zeit.

Wollte Albrecht Blarer sich dem Kampf gegen die aufständischen Appenzeller widmen, deren erbitterter Gegner er war (vgl. den HLS-Artikel Appenzeller Kriege (1401-1429))? Möglich wäre es, denn seine Familie war eng mit dem Fürstabt von St. Gallen verbunden und griff der Abtei auch finanziell unter die Arme. Affaire à suivre.

Quellen

Dienstag, 5. Oktober 2021

Älteste Erwähnung der Weiacher Ziegelei vor 600 Jahren

Um eine Ziegelei wirtschaftlich betreiben zu können, sollten sich Rohstoffe, Brennstoffe und Abnehmer der produzierten Waren möglichst nahe bei der Produktionsstätte befinden. Das trifft insbesondere dann zu, wenn der Transport über weite Strecken mangels Verkehrsnetz zum Scheitern verurteilt ist. 

Für das in der Mitte des 13. Jahrhunderts von einem hochadeligen Konsortium gegründete Städtchen Kaiserstuhl und sein Einzugsgebiet trifft das in fast schon idealer Weise zu. Den Lehm gibt es auf Fisibacher Gebiet (im Gebiet Leigrueb unterhalb des Tschudiwaldes, gleich ennet der Kantonsgrenze), In Weiach gibt es Kalkrippen, die oberhalb des gewachsenen Bodens anstehen, dazu viel Wald. Und in Kaiserstuhl ist Bedarf für Ziegel und Kalk vorhanden.

In Fisibach erst spät erwähnt...

Man darf annehmen, dass spätestens zu diesem Zeitpunkt der Stadtgründung erste Ziegeleien errichtet worden sind. Denn wer eine Stadt baut, wo vorher keine war, der braucht Ziegel. Viele Ziegel. Unbekannt ist bislang der Standort dieser Ziegelhütten.

Für Fisibach, wo heute eine (verglichen mit der Grösse des Dorfes gigantische) Produktionsanlage der FBB Unternehmensgruppe aus Bauma steht, liegen dem Autor dieser Zeilen lediglich schriftliche Hinweise vor, die auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen. 1890 betrieb der Einheimische Rudolf Bucher gleich vier Gewerbe: eine Getreidemühle, eine Gypsmühle, eine Bäckerei und eine Ziegelei. Die Firmenzentrale befand sich in der sog. Bauernmühle, die damals noch an der Hauptstrasse Koblenz-Winterthur lag (vgl. SHAB Band 8 (1890), Heft 184, S. 884).

... in Weiach sehr früh

Für Weiach hingegen ist die Existenz einer Ziegelhütte bereits für das Spätmittelalter schriftlich bezeugt. Im Stadtarchiv Kaiserstuhl liegt die Pergament-Urkunde StAK Urk 43, die mit dem heutigen Datum exakt 600 Jahre alt wird. 

Ausgestellt wurde sie gemäss Paul Kläui am 5. Oktober 1421, dem Sonntag nach St. Michael (Tag des Erzengels Michael, der in der Diözese Konstanz am 29. September gefeiert wurde). Nachstehend das Regest in vollem Wortlaut (Originalpassagen in Anführungszeichen, restlicher Text von Kläui):

Vor «Hans Glatt, zuo disen ziten sesshaft ze Keiserstuol», der «an statt des gnädigen herren hern Albrechtz Blarers in vogtz wise ze Kaiserstuol vor dem obern tor am Kugelhoff offenlich an gewonlicher richtstatt ze gerichte sazz», kauft «Haini Kessler von Siglistorff» von «Bärschy Friess» die «ziegelhütten ze Wyach im dorff gelegen mit aller zuogehört», mit der Verpflichtung, sie in Ehren zu halten und sie ohne Willen des Herrn von Konstanz und von Schultheiß und Rat von Kaiserstuhl nicht wieder zu verkaufen. Er übernimmt die Verpflichtung, «das er minem hern von Costentz und der statt Keiserstuol geben sölt ain tusend ziegel umb 36 schilling und ain fuoder kalchs umb 10 schilling haller.» Fertigung und Urkundenausstellung nach dem «gericht und gewonhait der vogty der vesty Wasserstellzen» auf Verlangen des Schultheißen von Kaiserstuhl, «Úelrich Öschli». Siegler: der Urkunder. - Orig. Perg. StAK Urk. 43. S. abgef.  (AU XIII, Nr. 57, S. 34)

Notariat unter freiem Himmel

Hans Glatt war also der Amtsträger, der im Namen des Stadtherrn, Fürstbischof Albrecht Blarer, die Funktion des Richters wahrnahm und hier unter freiem Himmel, am Gerichtssitz vor dem oberen Stadttor, einen Pachtvertrag besiegelte. Der Kugelhof, der auch in der Weiacher Marchenbeschreibung von 1558 erwähnt ist (und beim blinden Lärmen 1703 in der Schreibweise «Gugelhof»), muss sich etwa dort befunden haben, wo heute das herrschaftliche Anwesen zur Linde steht, also gleich neben dem grossen Kaiserstuhler Turm.

Standort im Bühl zu Weiach

Bärschy Friess war der bisherige Ziegelei-Unternehmer, Haini Kessler aus Siglistorf der neue. Und es ist offensichtlich, dass diese Ziegelei nicht erst seit gestern in Weiach mitten im Dorf ihre Produktionsanlage betrieben hat. Als Standort ist der Hügel des Bühl anzunehmen, genauer: das Areal des Näpferhüsli in unmittelbarer Nähe zur heutigen Dorfkirche (vgl. WeiachBlog Nr. 944). Denn es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass man einen einmal gewählten Standort verschoben hätte, zumal nicht innerhalb eines Dorfetters, wo der Platz begrenzt ist.

Nutzniesser und Eigentümer der Ziegelhütte

Klar wird auch, wer die Nutzniesser sind: nämlich der Fürstbischof von Konstanz mit seinem Schloss Rötteln am nördlichen Brückenkopf, wo die Verwaltung ihren Sitz hatte, sowie die Stadt Kaiserstuhl am südlichen Brückenkopf, vertreten durch ihren Bürgermeister und den Stadtrat. Ihnen musste der jeweilige Ziegler nämlich regelmässig festgelegte Mengen an Ziegeln und Kalk zu einem festen Preis liefern.

Der eigentliche Eigentümer war der Fürstbischof von Konstanz, wie man 1806 sehen kann, wo die Domänenverwaltung des Grossherzogtums Baden (die Rechtsnachfolgerin des Fürstbistums nach dem Reichsdeputationshauptschluss), die Weiacher Ziegelhütte verkaufte (vgl. WeiachTweet Nr. 1159). Es ist auch gut möglich, dass die Errichtung der Produktionsanlagen auf dessen Initiative zurückging. Denn im Vertrag zwischen dem Hochadeligen Jakob von Wart und dem Fürstbischof Heinrich II. von Klingenberg vom 8. Februar 1295 ist keine Rede von einer Ziegelei (vgl. StAZH C II 6, Nr. 466; UBZH N° 2323; Bd. VI, S. 289).

Quelle und Literatur

  • Kläui, P. (Bearb.): Die Urkunden des Stadtarchivs Kaiserstuhl. Aargauer Urkunden Bd. XIII. Aarau 1955 – S. 34.
  • Brandenberger, U.: «Blinder Lärmen». Wie die Weiacherinnen 1703 gegen die Franzosen kämpfen wollten. Weiacher Geschichte(n) Nr. 56. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juli 2004 – S. 11-16.
  • Brandenberger, U.: Bannumgang mit Trommeln und Pfeifen. Was die «Offnung zue Wyach» vom Juni 1558 den Weyachern bedeutete. Weiacher Geschichte(n) Nr. 103. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Juni 2008 – S. 10-17.
  • Brandenberger, U.: Wo der «Sternen» und die Ziegelhütte standen. WeiachBlog Nr. 944 vom 29. Oktober 2010.
  • Brandenberger, U.: WeiachTweet Nr. 1159 vom 14. Januar 2018, 20:29 MEZ.

Montag, 4. Oktober 2021

Sehr gefährlicher Einschleichdieb aus dem Badischen

In der Neuen Zürcher Zeitung vom 31. Mai 1872 findet man unter der Rubrik «Vermischtes» die folgende Meldung aus dem Bereich Unglücksfälle und Verbrechen. Der abseits von Inseraten schon damals sichersten Kategorie, unter der es kleine Dörfer wie Weiach in die Hauptstadtpresse schaffen:

«Erwischt. * Am Vormittag des 27. Mai kam die Jgfr. Grießer in Weiach vom Felde heim. Bei Hause war Niemand. Als sie in die Küche kam, bemerkte sie, daß Jemand ob der Küche in einer Kammer Geräusch verursachte. Beim Nachsehen stellte sich heraus, daß dies eine fremde Persönlichkeit und gerade im Begriff war, einen Kasten in dem zirka Fr. 600 aufbewahrt lagen, zu öffnen; die Tochter machte Lärm und es gelang, den Dieb, der sich inzwischen im Holzschopfe versteckt hatte, fest zu nehmen und in sichern Gewahrsam zu bringen. Es ist derselbe ein sehr gefährlicher, in Baden und Zürich schon oft bestrafter und erst kürzlich aus dem thurg. Zuchthause Tobel entlassener Dieb, Namens Joh. Rieger, von Grießen, Baden.»

Der gefasste badische Kriminelle hat also in ziemlicher Nähe seiner Heimat flugs diejenige Profession wiederaufgenommen, mit der er bei seiner Verhaftung aufhören musste. Griessen liegt nämlich gleich ennet dem Kalter Wangen, nur wenige Kilometer Luftlinie von Weiach entfernt.

Die erwähnten 600 Franken entsprechen, mit den Indexwerten von Swistoval der Uni Bern auf heutige Werte umgerechnet, einem Betrag in fünfstelliger Grössenordnung. Mit dem Historischen Lohnindex (HLI) wären das 2009 rund 36'000 Franken gewesen.

Die Thurgauer Strafanstalt Tobel wurde ab 1809 in den Gebäuden der seit 1226 entstandenen ehemaligen Johanniter-Komturei (auf Gemeindegebiet von Tobel-Tägerschen) eingerichtet und war bis 1973 in Betrieb (vgl. Website der Komturei-Stiftung).

Quelle

Freitag, 1. Oktober 2021

Wie die alte Hauptstrasse sich durchs Dorf schlängelte

Die überregionale Hauptstrasse von Kaiserstuhl nach Zürich verlief bis 1845 nicht etwa dort, wo wir heute die RVS 566 zwischen Seebach und der Kantonsgrenze bei Weiach sehen. Nein, diese Strasse hatte teilweise eine völlig andere Streckenführung. 

Stadel und Neerach beispielsweise lagen nicht an der alten Strasse. Denn nach der Ortsdurchfahrt von Raat führte diese alte Verbindung über Windlach am Kreuz vorbei, dort geradeaus weiter (heute ein Feldweg) in einer langgezogenen Kurve bis an den Strassbergwald, am Kernensee vorbei (um den herum die heutige Umfahrungsstrasse eine Kurve zieht) und von dort weiter nach Niederhöri. Bei Oberhöri querte die Strasse die Glatt und wechselte bei Grafschaft wieder auf die linke Flussseite. 

Ab dem Gasthof Löwen im Zentrum von Niederglatt (dem alten Zentrum der Obervogtei Neuamt) ist der Verlauf dann wieder ähnlich oder gar deckungsgleich mit dem heutigen.


Der obige Planausschnitt zeigt die Ortsdurchfahrt Weiach im Zustand von August 1844. Die von Ingenieur Ludwig Pestalozzi vorgeschlagene und später gebaute Stadlerstrasse als projektierte schnurgerade Verbindung ist in rötlicher Farbe dargestellt.

Die fette rote gestrichelte Linie ist der alte Streckenverlauf. Herkommend von Kaiserstuhl verläuft die Verbindung am seit 1830 am heutigen Standort befindlichen Gasthof Sternen vorbei. Bei der Einmündung der Chälenstrasse biegt sie in die Büelstrasse ein und folgt dieser an Kirche und Pfarrhaus vorbei, wo sie dem damals noch offenen Mülibach folgt, auf die heutige Oberdorfstrasse. An der Doppelgabelung im alten Zentrum (bis 1829 Standort des «Sternen»: Oberdorfstr. 7) nahm die Hauptstrasse eine Rechtskurve und zog sich über die Alte Post-Strasse und die Bergstrasse in Richtung  Raat.

Quelle
  • Pestalozzi, L.: Plan der alten Strasse von Seebach über Rümlang nach Weyach. [Situationsplan der projektierten Strasse von Seebach nach Weiach. Mit Verlauf der alten Strasse]. Format: 454.0 x 89.0 cm. Aufgenommen im August 1844. Signatur: StAZH PLAN S 385.
    Georeferenziert mit Overlay auf aktueller Karte: http://stazh.georeferencer.com/id/PLAN_S_385

Donnerstag, 30. September 2021

Der Plan des Weiacher Kirchenbezirks von 1921

Gestern und heute vor 100 Jahren hat ein Grundbuchgeometer namens Knupp die Daten der «Pfrundlokalität Weiach» aufgenommen und darauf basierend einen exakten Plan gezeichnet, der den gesamten heute als «Kirchenbezirk» bezeichneten Bereich umfasst:























Im Vergleich zur Situation von 1821 (siehe WeiachBlog Nr. 1520) sind die Pfrundgüter geschrumpft. Verkauft worden waren die nordöstlich gelegene Wiese (die 2004 zum neuen Friedhofsteil Fuori le mure wurde), sowie die Grünlandparzelle auf der Hofwisen (dem Areal, das heute noch teilweise unüberbaut zwischen Oberdorf und Chälen liegt und zum guten Teil zum Schulgelände gehört).

Das Reich des damaligen Pfarrers Albert Kilchsperger und seiner Frau Elisa Meierhofer beschränkte sich also auf den eigentlichen Pfarrgarten südwestlich des Pfarrhauses (von Mauer gegen die Büelstrasse eingefriedet) sowie den Hofraum zwischen Waschhaus, Pfarrscheune und Pfarrhaus.

Seit dem Abbruch der südwestlichen Friedhofsmauer samt dem Torbogen im Jahre 1838 mussten die Kirchgänger nicht mehr den Pfarrhof durchqueren, um in den Friedhof und zur Kirche zu gelangen. Die beiden Bereiche waren seither entflochten. 

Zwecks Friedhoferweiterung hat man neu eine näher an der Büelstrasse liegende Mauer mit Bogen gebaut und das Terrain dahinter aufgefüllt. Platz wurde auch dadurch geschaffen, dass damals das alte Pfarrwaschhaus abgebrochen und Richtung Pfarrscheune ein Neubau erstellt wurde (vgl. den Vertrag zwischen dem kantonalen Baudepartement (als Eigentümervertreter des Pfarrhauses) und der Gemeinde Weiach (als Eigentümerin des Friedhofes und der Kirche), StAZH M 30.606).  


Zoomen wir auf dem Plan etwas näher, dann fallen zwei Details auf, die anders sind als heute:
  • an der Verbindungsmauer von 1859 zwischen dem Alten Gemeindehaus (erbaut 1857) und der Kirche ist aussen das Spritzenhaus angebaut. Zumindest Teile der Feuerwehrausrüstung waren also vor hundert Jahren nicht im Erdgeschoss des Gemeindehauses gelagert;
  • auf dem Pfrundgrundstück selber findet man ungefähr dort, wo sich heute eine Feuerstelle befindet, ein Bienenhaus, das als Eigentum des Pfarrers ausgewiesen ist.
Verschieben wir den Ausschnitt nach rechts, dann sieht man, dass sich die Südecke des Pfarrgartens damals weiter in Richtung Oberdorfstrasse erstreckt hat als heute. Der 1921 vermerkte Nachbar, Wagnermeister Johann Stuber, verfügte noch über weniger Platz als sein Nachfolger Albert Erb, der dem Kanton eine Fläche von 100 Quadratmetern abkaufen und nur deshalb 1955 einen Schopf erstellen konnte (vgl. WeiachBlog Nr. 1602). Eine Ecke dieses Lagergebäudes (heutige Assek-Nr. 247) steht nämlich auf der alten Parzellengrenze.


Was man auf diesem Ausschnitt auch sehr schön sieht, ist die  Richtungsangabe «nach Raat» auf der als «Gemeinde-Strasse» bezeichneten Büelstrasse. Sie korrespondiert auf der anderen Seite des Plans mit  «nach Kaiserstuhl» und diese beiden Angaben verraten den alten Verlauf der Hauptstrasse von Kaiserstuhl über Raat nach Zürich, als man die Stadlerstrasse noch nicht auf dem Reissbrett geplant und 1845/46 als «Kunststrasse» erstellt hatte (vgl. WeiachBlog Nr. 1511). Die alte Strasse verlief nämlich am Pfarrhaus vorbei. Und daran sieht man auch, dass Geometer Knupp alte Pläne vorgelegen haben müssen (vielleicht auch der von 1838; StAZH PLAN R 1190). 


Zum Plan gehörte selbstverständlich auch ein Flächenverzeichnis. Der Ersteller war schliesslich Grundbuchgeometer. Die Assekuranznummern sind diejenigen, die zwischen 1895 und 1955 Gültigkeit hatten. Und die Flächenangaben zeigen ein Total von 1982 m2, also rund 40 m2 weniger als in WeiachBlog Nr. 1602 errechnet.


Quelle
  • Situationsplan über die Pfrundlokalität Weiach. Pfrundlokalität mit Kirche, Pfarrhaus und Umgebung; Grundriss. Mit Verzeichnis der Flächeninhalte der Gebäude und Güter sowie mit Angabe der Namen der Eigentümer von angrenzenden Privatgrundstücken und -gebäuden. Entstehungszeitraum: 29.-30.9.1921. Massstab: 1 : 200 (Massstabsleiste von 40 Meter). Format B x H (cm): 80.0 x 50.0. Tinte, Grafitstift, Aquarell. Papier auf Gewebe. Signatur: StAZH PLAN R 1841.
Literatur
  • Brandenberger, U.: Wie sich der Kirchenbezirk Weiach seit 1821 verändert hat. WeiachBlog Nr. 1520 v. 5. Juni 2020.
  • Brandenberger, U.: Wie gross war eine Weiacher Jucharte im Jahre 1821? WeiachBlog Nr. 1602 v. 16. Oktober 2020.

Mittwoch, 29. September 2021

«Erfahrungen und Erwartungen zählen nicht»

Ein Gastbeitrag von Michael Frauchiger, Im See 20, zum letzten Abstimmungssonntag

Weiach ist die politisch wohl interessanteste Gemeinde im Zürcher Unterland. Zumindest für mich als «Zuzüger». Als Stadtkind, aufgewachsen in Winterthur, bin ich mich Parteien und dadurch voraussehbare Ausgangslagen gewöhnt. Ich wurde jedoch eines Besseren belehrt in dieser schönen Gemeinde. Nichts ist vorhersehbar, nichts ist sicher, nichts kommt so wie gedacht und oder erwartet.

Als ich anfangs August 2016 nach Weiach zog, fand ich es schon speziell, dass 4 von 5 Gemeinderäten Parteilos waren. Nach den Wahlen und dem Parteiaustritt von Thomas Steinmann waren es sogar 5 von 5 Parteilose. Für mich als jemand der stets die Parteizugehörigkeit als Grund-Kompass sah, erst etwas eigen. Ich habe mich in den letzten fünf Jahren in diese Gemeinde eingelebt, versuche das Wahl- und Abstimmungsverhalten zu verstehen und bin immer wieder erstaunt. Immer wieder aufs neue. 

Zuletzt am Sonntag, 26.9.2021. Es standen 2 eidgenössische Vorlagen zur Abstimmung: Die «99 %-Initiative» der JUSO, welche auch in Weiach erwartungsgemäss deutlich verworfen wurde und die Gesetzesänderung zur «Ehe für alle». 

Bild: Ja-Stimmen-Anteile «Ehe für alle»

Als Koordinator des SVP-JA zur Ehe für alle-Komitees habe ich in einer Gemeinde wie Weiach, wo doch bei den National- und Ständeratswahlen 2019 immerhin 56 % die SVP wählten, beim besten Willen nicht erwartet, dass die Vorlage so deutlich angenommen wird. Nein, ehrlich, ich habe eigentlich erwartet, dass die Vorlage in unserer Gemeinde abgelehnt wird. Dass das Ja mit 57 % ziemlich deutlich ausfällt, überraschte mich positiv.

Wieso erwartet man in Weiach eigentlich ein Nein, auch zu einer Vorlage, die generell nicht umstritten war in der Schweiz? Für mich liegt das in diversen Punkten. 

Die Weycher Stimmbürger entscheiden nicht nach Mainstream, Umfrageergebnissen oder sonst was. Nein, sie haben sich immer selbst treu an das gehalten, was für uns das Beste ist. Das ist eine Eigenschaft, welche ich in dieser Gemeinde enorm schätze. 

Den Weycherinnen und Weychern soll nicht gesagt werden, was das Beste ist oder das Schlechteste, zuletzt zeigte sich dies auch bei der Abstimmung über den Schulhauskredit. Von allen Seiten wurde gesagt, wie wichtig ein JA sei, aber die Weycher haben anders entschieden (vgl. WeiachBlog Nr. 1535). Dies sieht man nicht oft in kleinen Gemeinden.

Weiach ist und bleibt für mich eine der spannendsten Gemeinden im Unterland. In politischen Angelegenheiten, ob auf Gemeinde-, Bezirks- oder auch auf Kantonsebene, zeichnet sich Weiach durch seinen stets selbst gewählten Weg aus und das ist etwas, was in dieser Gemeinde beibehalten werden soll und muss.

Ihr Michael Frauchiger


[Lektorat, Verlinkungen und Bilder: Redaktion WeiachBlog]

Dienstag, 28. September 2021

Die älteste Erwähnung des Weiacher Dorfgerichts

Die Gemeinde Weiach hatte im 17. und 18. Jahrhundert bekanntlich das Privileg, über ein eigenes Dorfgericht zu verfügen, vor dem selbst Tötungsdelikte verhandelt wurden. Wenn auch nur um summarisch festzustellen, dass eine höhere Instanz zuständig sei. 

Eine solche lokale Richterbank stellten damals längst nicht mehr alle Dorfschaften. Im Falle von Weiach blieb das sonst ab der Frühen Neuzeit sukzessive zugunsten des Amtsgerichts abgeschaffte Dorfgericht nur deshalb bis zum Ende des Ancien Régime erhalten, weil die Konkurrenz zwischen dem Fürstbistum Konstanz (Niedergerichtsherr) und dem Zürcher Stadtstaat (Hochgerichtsherr) eine derartige Delegation nach unten quasi erzwungen hat. 

Entstanden ist das Dorfgericht mutmasslich aus dem Twing und Bann des Niedergerichtsherrn heraus. Diese Funktion lag seit 1295 beim Fürstbistum Konstanz. 

Notarielles Grundstücksgeschaft vor einem Ad-hoc-Gericht

Folgt man der Auffassung von Thomas Weibel im Rechtsquellenband Neuamt von 1996, dann gab es unser Dorfgericht nachweislich seit Spätherbst 1352, also bereits Jahrzehnte vor dem Übergang der Hochgerichtsbarkeit an die Stadt Zürich im 15. Jahrhundert (Pfandsache Grafschaft Kyburg 1424 bzw. Eigentumsübergang Neuamt 1442). Die Anmerkung 3 zu RQNA Nr. 193 hält fest:

«Im Spätmittelalter gab es auch zu Weiach noch keine feste Richterbank. Im Zusammenhang mit einer 1352 vor dem Gericht zu Weiach getätigten Aufgabe eines Hofes ist vermerkt:

Dis beschach ze Wiiach, da ze gegen waren: Joh[ans] Wirch, Stadlers, Cuonrat Wirch, sin bruoder, Peter Meiier von Herdern, Joh[ans] von Stadeln, Joh[ans] Meiier von Wiiach, Cuonrat Meiier, sin bruoder, Lütolt Meiier, Uolrich und ander erber lüten vil.

Den Vorsitz des Gerichtes hatte Cuonrat, der vogt schulthesse ze Keyserstuol, inne (StAZH C II 6 Nr. 769).»

Bei diesem Hof handelt es sich um den sog. Büel-Hof, der einen grossen Teil der damals bewirtschafteten landwirtschaftlichen Flächen auf dem Gebiet von Weiach umfasste (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 52 und Nr. 54). 

Mit der «Aufgabe» ist nicht gemeint, dass die Bewirtschaftung eingestellt wurde, vielmehr haben die Lehensnehmer dem Lehensherr (hier das Kloster St. Blasien) den Hof gegen Zahlung einer Entschädigung zurückgegeben, sodass dieser ihn neu verleihen konnte bzw. musste.

Quelle

  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen. Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil: Rechte der Landschaft; Erster Band: Das Neuamt. Aarau 1996 – S. 439. [RQNA 193 Anmerkung 3]

Montag, 27. September 2021

Leeberen. Kantonale Scheuklappen in der Flurnamenforschung

Was auch immer man im Leben vorhat: Die für die Zielerreichung aufzuwendenden Ressourcen sind begrenzt. Man muss sich also einschränken. 

Wenn es gilt, Material für ein Orts- und Flurnamenbuch des Kantons Zürich zu sammeln, heisst das: Konzentration der Quellen auf das Kantonsgebiet. Für die historischen Belege also: Urkundenbücher und Regestenwerke über den Kanton Zürich sowie im Staatsarchiv des Kantons Zürich verfügbare Urbare durchforsten.

Aargauer Urkunden vergessen

Dabei kann man den Fokus aber auch zu eng setzen, wie man an den in den 1950er- bis 1970er-Jahren von Bruno Boesch (1911-1981) und Jörg Rutishauser im Hinblick auf ein Zürcher Namenbuch aufgenommenen Daten sieht. Auf diese Vorarbeiten stützen sich nämlich die aktuell von Mitarbeiterinnen des Schweizerischen Idiotikons verfassten Texte für das Zürcher Siedlungsnamenbuch, die gerade sukzessive in die Online-Datenbank von ortsnamen.ch eingearbeitet werden.

Eine Quelle fehlt da durchwegs: das Urkundenbuch über das Stadtarchiv Kaiserstuhl, das 1955 als Nr. 13 in der Reihe Aargauer Urkunden erschienen ist. Der Bearbeiter dieses Bandes, Paul Kläui (1908-1964), hat die Regesten teils sehr ausführlich gestaltet und in einigen Fällen ganze Flurnamenverzeichnisse ins gedruckte Werk eingerückt. Da Kaiserstuhl als Sitz des Priesters einer Grosspfarrei sowie als Wirtschaftszentrum für die ganze Region Bedeutung hatte, sind neben Urkunden, die Weiach betreffen, u.a. auch solche enthalten, in denen es um Steinmaur, Raat oder Windlach geht. Für diese vier zürcherischen Ortschaften vermerkt Kläui im Namenregister auch Flurnamen.

Nicht erst im 16. Jahrhundert erwähnt

Die meisten der Weiacher Flurnamenbelege stammen aus dem 16. Jahrhundert und sind damit nicht älter als die aus Urbaren gezogenen Fundstellen nach Boesch/Rutishauser. Für den Flurnamen Leeberen (https://search.ortsnamen.ch/de/record/7063757) hingegen stösst man auf eine wesentlich ältere Fundstelle: in einer Pergamenturkunde mit abgefallenem Siegel, ausgestellt im Jahre 1407!

Das Regest Nr. 43 (AU XIII, S. 29) ist datiert auf «samstag nach sant Uolrichs tag des bischofs», d.h. den 9. Juli und lautet:

«Vor Pantlion von Mandach, schultheiss ze Keiserstuol, der im Namen des hochwirdigen fuirsten bischofs Albrechtz von Konstanz ze Keiserstuol in der stat an offner strasse zu Gericht sitzt, verkaufen Cuonrat Gaessler und mit im sin tochter Gret dem Johans Scherer genant Bik ein wisen und ein aeckerli dar an, die gelegen werin ze Lewren an Wigacher bach, die ze der obren siten stosset an Johans Saltzmans wisen und ze der nidren siten an Cuonratz Wirtz wisen und ze der vordren siten an des Rafzers wisen, um 14 1/2 Pfund hlr. für ledig eigen. Fertigungs- und Währschaftsformel. Siegler: der Schultheiß. - Orig. Perg. StAK Urk. 30. S. abgef.» (vollständiger Originaltext; kursive Abschnitte von Kläui)

Das verkaufte landwirtschaftliche Grundstück befindet sich eindeutig auf Weiacher Gemeindegebiet, nämlich am «Wigacher bach» (Schreibweise mit g im Kanzleistil), d.h. dem Dorfbach nördlich des heutigen Dorfkerns.

Abb.: Die Archäologische Zone Nr. 4 Weiach-Leeberen 
(Quelle: Kantonsarchäologie Zürich auf maps.zh.ch)

Der Flurname «Lewren» passt in der Schreibweise zu «vnder Lewern» (1526 in StAZH G I 164, 644v), bzw. «bj der Oberen Leweren» (1560 in StAZH F II a 318, 250.) aus der Sammlung Boesch/Rutishauser.

Und man kann sogar anhand der Anstösser Vermutungen darüber anstellen, wo sich das Verkaufsobjekt exakt befunden hat, nämlich direkt am Ostrand des Bacheinschnitts, sehr nahe an den nicht konservierten Fundamentresten des zweiten spätrömischen Wachtturmes auf Weiacher Gebiet. Denn «obren siten» dürfte sich hier auf die Laufrichtung des Bachs beziehen, d.h. südlich. «Vordren siten» wäre dann in Richtung Rheinsfelden und die hintere Seite das Bachtobel.

Ein wehrhafter Heiliger

Der oben erwähnte Festtag des Hl. Ulrich ist der 4. Juli, der 1407 auf einen Montag fiel. Dieser Heilige wurde auch im Machtbereich des Bistums Konstanz verehrt. Es handelt sich um Ulrich von Augsburg, (890-973), einen Abkömmling des Hochadels, der sich bei den Ungarneinfällen schon 924 und bis zur Schlacht auf dem Lechfeld am 10. August 955 grosse Verdienste erworben hat. Er soll sich durch persönliche Tapferkeit im Kampf ausgezeichnet haben.

Eine auf diesen Heiligen bezogene Reliquie in Kreuzform, das sog. Ulrichskreuz, war «im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Amulett und Wallfahrtsmitbringsel aus Augsburg, auch mit teufelsbeschwörenden Sprüchen, im gesamten süddeutschen Raum und im Elsass» weit verbreitet (Quelle: Wikipedia-Artikel Ulrichskreuz; Stand 27.9.2021).

Der 4. Juli gehörte nach dem Festkalender der Diözese Konstanz zu den sog. festa fori. Das ist gemäss Ad Fontes die «Bezeichnung für die hervorragenden kirchlichen Festtage, an denen nicht gearbeitet wird und an denen das bürgerliche Leben ruht (z.B. kein Gericht, keine Schule)».

Die von Mandach als fürstbischöfliche Amtsträger

Dass der Kaiserstuhler Schultheiss 1407 ein Zürcher Unterländer Ministerialadliger aus dem Hause derer von Mandach war, hängt mit der im Mai 1406 durch Fürstbischof Marquard von Randeck gewaltsam beendeten Abspaltung zusammen. Die Familien Escher und Grebel hatten versucht, die Stadt Kaiserstuhl unabhängiger zu machen und sie indirekt habsburgischer Oberhoheit zu unterstellen. Pantaleon von Mandach wurde von Marquards Nachfolger Fürstbischof Albrecht Blarer offensichtlich als zuverlässiger eingestuft (obwohl es im Jahre 1301 auch unter seinen Verwandten solche gab, die versucht hatten, den damaligen Fürstbischof auszutricksen).

Quelle und Literatur

  • Kläui, P.: Die Urkunden des Stadtarchivs Kaiserstuhl. Aargauer Urkunden Bd. 13 (AU XIII), Verlag Sauerländer, Aarau 1955 – Nr. 43, S. 29.
  • Leonhard, M.: Mandach, von. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 8. Dezember 2009.

Sonntag, 26. September 2021

Nicht unter dem eigenen Stand verheiratet

Der älteste Eintrag der 1730 gegründeten Donnstags-Nachrichten von Zürich in dem Weyach erwähnt wird, findet sich in «Num. XXI. Den 24. May. 1731». Und es geht um eine amtliche Mitteilung:

«Vergangnen Sonntag sind folgende Ehen verkündet worden:
Bey dem Grossen Münster.
1. Herr Hans Konrad Keller / V.D.M und Jungfer Anna Barbara Wolff / Herrn Pfarrer und Decani Wolffen zu Weyach Jgfr. Tochter.
»

Man sieht hier, dass ein zum Verbi Divini Minister (also Diener des Gotteswortes) Ausgebildeter eine Pfarrerstochter geheiratet hat. Die Hierarchie blieb damit gewahrt und die Tochter war erfolgreich unter die Haube gebracht. Sie ging mit Kranz und Schäppeli zur Hochzeit, wie sich das für eine anständige Frau der damaligen Zeit gehörte.

Wenn man nun in der Ehedatenbank des Zürcher Staatsarchivs nachschaut, dann findet man auch die Vermählung selber. Und zwar unter dem Datum 29. Mai 1731.

Der Eintrag mit der bandwurmartigen Signatur StAZH TAI 1.740 (Teil 1); StadtAZH VIII.C.6., EDB 2594 lautet: «Keller, Hans Konrad, getraut mit Wolf, Anna Barbara» und ist mit Zusatzinformationen versehen. Beim Bräutigam: «Herr; getraut zu Weiach» und bei der Braut: «Jf.» (für Jungfer).

Im ältesten Weiacher Kirchenbuch (seit 1609 geführt) ist diese Trauung selbstverständlich auch eingetragen (Signatur: StAZH E III 136.1, EDB 720). Wohl vom stolzen Brautvater selber. Beim Bräutigam ist notiert: «Herr; VDM» und bei der Braut wie durch den Grossmünsterpfarrer der Umstand, dass sie noch Jungfrau war, sowie: «Pastor. loci Filia», was so viel heisst wie: «Tochter des Pfarrers des Ortes».

Doppelt genäht hält besser. Ob auch die Ehe gehalten hat und eine glückliche war, konnte bislang nicht in Erfahrung gebracht werden.

Samstag, 25. September 2021

Cheisere – ein jahrhundertealter Weiacher Familiennamenzusatz

Wer in Weiach aufgewachsen oder schon länger dort ansässig ist, der oder die hat den Übernamen «Cheisere» oder «Kaisers» sicher auch schon gehört. Gemeint ist eine Familie, die den hiesigen Allerweltsnamen Meierhofer trägt und in den letzten Jahrzehnten an der Bachserstrasse ansässig war. 

Zwecks Unterscheidung hat dieser Familienzweig von seinem dörflichen Umfeld einen Namenszusatz verpasst bekommen, der aber bei der schriftlichen Fixierung (anders als in gewissen Gemeinden der Westschweiz, bspw. nach dem Muster Perret-Gentil-dit-Maillard, u.ä.) nicht in diesen Eingang gefunden hat.

Dem Schreibenden ist bislang nicht bekannt, worauf die Namensgebung ursprünglich zurückgeht. Bei einem Zusatz wie «s' Presidänte» wäre das schon etwas klarer. Eine mögliche Erklärung findet sich in der Ehedatenbank des Zürcher Staatsarchivs:

Unter dem 28. August 1736 ist die Trauung des Weiachers Ulrich Meierhofer mit der Eglisauerin Magdalena Kaiser (geboren 20. Januar 1708) in den Kirchenbüchern eingetragen (Signatur: StAZH E III 136.1, EDB 756).

Eheverzeichnis und Schuldenruf

Wo sonst meist eine zeitliche Einordnung fehlt, ist das hier anders. Für den Namen «Kaisers» liegt uns sowohl in handschriftlicher wie in gedruckter Form je ein sog. terminus ante quem vor, d.h. der Zeitpunkt, vor dem er schon existiert haben muss.

In demjenigen Band, der noch von Pfr. Escher angelegt wurde (vgl. WeiachBlog Nr. 1748), steht unter dem 30. September 1800 ein Handeintrag zur Eheschliessung von Hans Jakob Meierhofer «Kaiser» mit Elisabeth Vogel, der Witwe des Rudolf Baumgartner «Balli». (Signatur: StAZH E III 136.2, EDB 346).

Im Zürcherischen Wochenblatt vom 7. März 1803 ist überdies ein «Ulrich Meyenhofer, Kaisers genannt von Weyach» erwähnt:


Bei diesem ab 1801 zweimal wöchentlich erscheinenden Zürcherischen Wochenblatt handelt es sich um dasselbe Print-Produkt, das ab 1730 einmal pro Woche unter dem Titel Donnstags-Nachrichten in der von Johann Jakob Lindinner (1683-1740) gegründeten Buchdruckerei Berichthaus und ab 1781 gleichenorts als Donnstags-Blatt produziert wurde.

Der Anlass für die Namensnennung ist leider ein unerfreulicher, handelt es sich doch um die Aufforderung des Distriktsgerichts Bülach an die Gläubiger des Genannten, mit ihren Schuldtiteln zur öffentlichen Konkursverhandlung zu erscheinen.

Quelle

Freitag, 24. September 2021

Das Tauff-Buch des Junkers Escher

Im Staatsarchiv liegen gut behütet die noch vorhandenen Weiacher Taufbücher, wobei die ältesten Aufzeichnungen auf das Jahr 1609 zurückgehen. Man darf nur Kopien davon einsehen. Fotografien ab diesen Kopien sind dann zwar schwarz-weiss, liefern aber immer noch bessere Resultate, als wenn nur ein Mikrofilm zur Verfügung stünde (ebenfalls schwarz-weiss). 

Das zweitälteste Taufbuch mit der Signatur StAZH E III 136.2, um das es in diesem Artikel geht, wurde von Pfr. Junker Hartmann Escher eröffnet. Dieser Pfarrer ist uns kein Unbekannter. Er hat auch das älteste erhalten gebliebenen Stillstandsaktenbuch der Kirchgemeinde Weiach begonnen und damit viele Details über die Herausforderungen der damaligen Zeit überliefert, samt Auseinandersetzungen zwischen dem Pfarrer und anderen Amtsträgern im Dorf.

Escher selber hat seinen Aufzeichnungen im ersten Teil dieses Bandes den folgenden Titel gegeben:


Tauff-Buch 

«Darinnen aufgezeichnet sind die Kinder der Christenlichen Gemeinde 
Weÿach 
welche durch die H. Tauff in den Gnaden-Bundt Jesu sind aufgenohmmen worden.

Ward angefangen under dem Dienst H. Eschers dieser Zeit Pfarrherren allhier. A. 1754.»

Von anderer Hand ist darunter notiert: «1754-1860». Zum Startjahr s. unten.

Weiter unten auf der Titelseite findet sich ein Widmungsgedicht, das mutmasslich ebenfalls von Pfr. Escher stammt: 

«Jesu Bluth wasch ab von Sünden
Die die Tauff empfangen;
Laß Sie seine gnade finden
Daß sie an Ihm hangen.»

Taufen bereits ab November 1753

Angefangen hat Pfarrer Escher das Buch wohl tatsächlich erst 1754. Aber einige der darin verzeichneten Kasualien, in diesem Fall Taufen, hat er bereits im November und Dezember 1753 vorgenommen, wie man der Seite 5 entnehmen kann (Ausschnitt vgl. Bild unten).

Die erste von Junker Hartmann Escher gefeierte Taufe fand am 18. November 1753 statt. 
Täufling war ein Felix, Sohn des Hans Conrad Kläusli und der Maria Näff. Als «Tauffzeugen» fungierten Felix Baumgartner Fridlis und Maria Maag, Heinrich Schneiders Frau. Unklar ist, ob sie auch die Patenfunktion übernahmen, was aber angenommen werden darf.


Quelle
  • Tauf- und Eheregister ab 1753. Signatur: StAZH E III 136.2. Eingangs: Notiz über die Wahl und Amtseinführung von Pfr. Hartmann Escher 1753 (von ihm selbst verfasst). Anschl. Taufen 1753-1860, S. 5-178 (zusätzlicher Inhalt gemäss Online-Katalog des Staatsarchivs: Einige unbedeutende Notizen über Taufe unehelicher Kinder. - 1800: Zahl der im 18. Jahrhundert in Weiach getauften Kinder. - 1819: Bericht über die Feier des Reformationstages). Ab S. 179 folgen Einträge zu Ehen ab Amtsantritt Eschers.

Donnerstag, 23. September 2021

Die Weiacher Nähschule. Auf lokale Initiative 1844 gegründet.

Der Frauenverein Weiach entstand in seiner heutigen Form im Jahre 1929 bekanntlich aus einem Unterstützungsverein zugunsten der hiesigen Handarbeitsschule heraus, dem «Frauenverein der Arbeitschule Weiach» (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 59).

Diese Vereinigung sponserte aktiv die Ausbildung in der Nähschule, wie man sie landläufig nannte und auch heute noch häufig nennt. Das kann man dem Protokoll vom 27. November 1910 entnehmen, wo die Weihnachtsgeschenke für die Handarbeitsschülerinnen aufgeführt sind (vgl. WeiachBlog Nr. 1530):

I. Kl.: Schere und Centimeter
II. Kl.: Nähschachtel u. Namenbüchli
III. Kl.: Stoff für Schürzen
IV. Kl.: Wolle für Binden
V. Kl.: Stoff für Schürzen
VI. Kl.: Stoff für Leibröcke.

Dieses Engagement kommt nicht von ungefähr, denn was heute institutionalisiert und aus Steuergeldern finanziert wird, das war im 19. Jahrhundert weitgehend privater Initiative überlassen. Und basierte meist auf der kommunalen Stufe.

Noch die Verordnung betreffend das Volksschulwesen vom 31. März 1900 bestimmte in § 122: «Das gemäss dem erziehungsrätlich genehmigten Lehrplan obligatorische Arbeitsschulmaterial, und zwar sowol für die Uebungsstücke wie für die Nutzgegenstände, ist den Schülerinnen durch die Gemeinde unentgeltlich abzugeben. Hiebei sind nicht inbegriffen die Strick-, Näh- und Stecknadeln, Masstab, Nähkissen, Schere und drgl.»

Diese Ausschlussliste erklärt denn auch, weshalb ausgerechnet die obgenannten Gegenstände als Geschenke ausgewählt worden sind.

Von der allgemeinen Armenschule zu Handarbeitslehrgängen

Wie aber ist diese Nähschule entstanden? Nun, die Weiacher lebten auch im 19. Jahrhundert nicht im luftleeren Raum und so bekamen sie mit, dass andernorts sogenannte Armenschulen gegründet wurden, an denen finanziell nicht auf Rosen gebetteten Kindern praktische Fähigkeiten gelehrt wurden, die sie in ihrem späteren Leben nutzbringend anwenden konnten. Darunter fallen die damals als «Wehrli-Schulen» bezeichneten landwirtschaftlichen Internate (in der Tradition der bernischen Armenschule Hofwyl, die 1804 gegründet worden war). 

Für junge Frauen hiess das: Arbeiten in Haus, Garten und Küche. Und vor allem Flicken und Anpassen von Kleidern. In der Landwirthschaftlichen Ortsbeschreibung Weiach von 1850 wird die Gründung einer Weiacher Handarbeitsschule erwähnt:

«Für die weibliche Jugend besteht schon seit 6 Jahren eine Nähschule, in der auf Erlernung der nöthigen weiblichen Arbeiten strenge gehalten u. wozu die Kinder der ärmeren Familien unter Bezahlung des Schulgeldes von der Armenpflege verpflichtet werden.» (Ortsbeschreibung 1850/51, Allgemeiner Theil, Bevölkerung)

An dieser Gründung (die wohl im Jahre 1844 erfolgt ist) dürfte der damalige Pfarrer Konrad Hirzel (ab 1843 in Weiach und Autor obiger Zeilen) zwar nicht ganz unschuldig gewesen sein. Ohne einen breiteren Konsens und die Überzeugung, damit entscheidendes gegen die weitverbreitete Armut zu tun, wäre diese Nähschule aber wohl nie aus der Taufe gehoben worden.

Mittwoch, 22. September 2021

Die Essensrationen im Arbeitslager Weiach, 1944

«Ohne Mampf kein Kampf», ist die Devise des Soldaten. Egal in welcher Armee oder bei welchem sonstigen Arbeitseinsatz: Wer chrampft, der muss auch etwas Nahrhaftes zwischen die Zähne bekommen. 

Im Zweiten Weltkrieg gab es – im Gegensatz zur Situation in vielen Lagern im Ausland – in schweizerischen Arbeitslagern offenbar keine Probleme mit den Essensrationen. Sprich, sie waren zumindest ausreichend.

So stellt es zumindest Silvano Longhi in seinem Werk über die Lebenssituation der italienischen Juden in der Schweiz dar: «Die Verpflegung in den Arbeitslagern war fast immer deutlich besser als in den militärisch geführten Lagern, auch weil für arbeitende Männer Sonderrationen vorgesehen waren.»

Fluchtpunkt Schweiz für italienische Juden 

Nach dem Zusammenbruch des Mussolini-Regimes in Italien wurde es für die Juden besonders gefährlich. Denn mit der Wehrmacht kamen auch SS-Einheiten, die Jagd auf diese spezielle Art von Feinden des Nazi-Staates machten.

Wenn ein italienischer Jude nicht Militärangehöriger war (und dadurch in ein Internierungslager kam) wurde er in der Schweiz meist in einem zivilen Arbeitslager untergebracht. Eines davon, das Lager Zweidlen-Weiach, stand auf Weiacher Gemeindegebiet, direkt vis-à-vis des Ofenhofs (vgl. WeiachBlog Nr. 1699 für ein Luftbild). 

Doch zurück zu den Rationen. Longhi lässt Lagerinsassen zu Wort kommen:

«In fast allen Memoiren und in vielen Briefen steht die Verpflegung im Zentrum, der Tenor ist dabei mit Blick auf die Arbeitslager fast immer gleich: So berichtet Mario Stock über das Lager Lajoux: „Das Essen ist bei Weitem besser als in Adliswil, zweimal die Woche Fisch und die anderen Tage Fleisch.“» [Fn-151] 

Eine erstaunliche Aussage über ein Lager in den Franches Montagnes im heutigen Kanton Jura, denn in vielen Schweizer Haushalten dürfte solcherlei damals keineswegs selbstverständlich gewesen sein.

250 Gramm Brot pro Tag

«Franco Levi schreibt über seine Erfahrungen in Hinterguldental: „Die Fülle von Brot überraschte mich: ein Viertel eines ein-Kilo-schweren Brotes, das war die Ration eines Tages Schwerarbeit.“» [Fn-152] 

250 Gramm Brot entsprechen rund 600 Kilokalorien. Das ist nicht gerade viel, wenn man bedenkt, dass bereits der Grundumsatz für einen 80 kg schweren Mann bei rund 2500 Kilokalorien/Tag liegt, bei körperlicher Arbeit steigt dieser Wert schnell auf 3500 an. In diesem Tal im Solothurner Jura muss es also noch anderes zu essen gegeben haben. Diese Ration allein reicht nicht.

«„Das Essen ist insgesamt gut“, so Carlo Cederna mit Blick auf das Lager in Weiach, „das Brot z. B. ist viel mehr … Abends Kartoffeln und Käse, was viel mehr ist, als ich in anderen Lagern hatte.“» [Fn-153: Cederna, Tagebuch, Einträge vom 9. und 10.2.1944: ASTi, Fondo Broggini.]

Mit diesem letzten Zitat haben wir noch eine Momentaufnahme für den Februar 1944 in Weiach: Brot, Kartoffeln und Käse. Also etwa das, was auch in Bauernhaushalten auf den Tisch kam.

Quelle

  • Longhi, S.: Exil und Identität. Die italienischen Juden in der Schweiz (1943–1945). De Gruyter, Berlin/Boston 2017 – S. 85.

WeiachBlog-Artikel zum Arbeitslager Zweidlen/Weiach
  • «Jugoslaven». Das Arbeitslager Zweidlen/Weiach im Jahre 1945. Nr. 1688 v. 7. Juli 2021.
  • Aus dem «Arbeitslager Zweidlen/Weiach» Entwichene. Nr. 1695 v. 14. Juli 2021.
  • Emigranten und Flüchtlinge. Ein rechtlicher Unterschied. Nr. 1696 v. 15. Juli 2021.
  • Arbeitslager Zweidlen/Weiach. Der Luftbildbeweis von 1944. Nr. 1699 v. 19. Juli 2021.
  • Luftaufklärung. Zum Flurnamen «Rodig» im Hard. Nr. 1700 v. 20. Juli 2021.

Montag, 20. September 2021

Fahndung nach jugendlichem Gewohnheitsausreisser, 1777

Die sog. Donnstags-Nachrichten ist eine der ältesten Zeitungen, die im Alten Zürich zur Zeit des ausgehenden Ancien Régime erschienen sind. Die Zeitung enthielt insbesondere Inserate, darunter solche von Privatpersonen, aber auch solche von offiziellen Stellen, die das Blatt als öffentliches Publikationsmittel nutzten.

So auch der Stillstand von Weyach, vertreten durch Pfarrer Johannes Irminger, der folgenden Text in die Ausgaben vom 25. Dezember 1777 und 1. Januar 1778 einrücken liess:

«Claus Meyerhofer, von Weyach, 15 Jahr alt, der schon etliche mal entloffen, ist, unter dem Vorwand, Kienholz in Zürich zu verkauffen, gewüß wieder in dem Bettel umherziehende; wer Nachricht von demselbigen hat, wird höflich ersucht, dem Pfarrer des Orts Nachricht zu ertheilen, um ihne wieder einmal einholen zu können.»

Unter einem Kienholz (häufiger Kienspan genannt) wird ein aus harzreichem Material gespaltenes, längliches Stück Holz verstanden, das man zu dieser Zeit als Lichtquelle verwendet hat (in wohlhabenderen Haushalten wohl schon als Anfeuerholz).

Quelle
  • Donnstags-Nachrichten, No. LII. Den 25. Christmonat, 1777. [Verschiedene Nachrichten  Nr. 7]; sowie: No. I. Den 1. Jenner, 1778. [Verschiedene Nachrichten Nr. 14].

Sonntag, 19. September 2021

Weisst Du, wie viel' Kandelaber stehen...?

Bei den Sternlein wird man es nie genau wissen. Und die Frage ist nicht erst seit der Veröffentlichung des Kinderliedes im Jahre 1837 kaum zu beantworten.

Bei den Leuchttürmen der kantonalzürcherischen Strassenbeleuchtung hingegen schon. Da können nun Krethi und Plethi nachschauen. Das Zählen wird ihnen erst noch relativ einfach gemacht. Und all das dank Veröffentlichung der Karte Verkehrstechnik (BSA) auf dem GIS des Kantons. Der Link für Weiach: https://maps.zh.ch/s/owsjf8mr. Das Ergebnis sehen Sie im Bild unten:


Weiach hat nicht ganz hundert

Zu jedem einzelnen Kandelaber auf Kantonsgebiet – so er denn nicht auf dem Gebiet der Städte Zürich oder Winterthur steht –  kann man zudem nicht nur die genaue Koordinate abfragen, sondern auch seine Nummer, sein Baujahr und ob die Beleuchtung aktuell grad eingeschaltet ist oder nicht. Anklicken genügt.

Auf Weiacher Gemeindegebiet hat der Kanton insgesamt 94 Kandelaber stehen: die Nr. 1-92 sowie 73A und 73G, die zwischen der Schulanlage Hofwies und dem Baumgartner-Jucker-Haus platziert sind.

Erstausstattung an einer Hand abzählbar

Nur fünf dieser Lichtträger stammen, was das Tragwerk anbelangt, noch aus dem letzten Jahrhundert (und zwar von 1961, als erstmals Strassenlampen an der Stadlerstrasse installiert wurden): die Nr. 83 (auf Höhe «Im Bungert») bis 87 (oberhalb Einmündung Brunngass); bei ihnen ist die Lichtquelle auf 9 m Höhe über Boden. 

Die südlich davon stehenden sind von 2014 (Nr. 88-92), die nördlich an der Stadlerstrasse aufgereihten von 2009 (Nr. 67-82). Am neuesten sind die Kandelaber Nr. 1-66 entlang der erst vor kurzem komplett ausgebauten Hauptstrasse Nr. 7 (Basel-Winterthur): sie wurden 2017 aufgestellt. Alle diese neuen Strassenlampen des 21. Jahrhunderts haben die Lichtquelle auf 10 Metern Höhe, sagt die Datenbank, die der Karte hinterlegt ist.

Wenn Sie also so ein Ding vor dem Haus haben und es nicht mehr funktioniert... dann können Sie dem Kanton jetzt nummerngenau mitteilen, welcher Kandelaber defekt ist – bzw. von irgendeinem Idioten per automobiler Rammung beschädigt oder gar umgelegt wurde. Andere Szenarien vorbehalten.

Mittwoch, 15. September 2021

«Was Frauen thun»? Leben und Sterben.

Diesen kleinen misogyn wirkenden Clickbait konnte ich mir jetzt nicht verkneifen. Da hat die für die Ausgabe vom 28. Januar 1894 verantwortliche Redaktorin der «Schweizer Frauen-Zeitung» aber auch ihren Anteil dran. Denn unter ebendieser Rubrik «Was Frauen thun» hat sie die folgende Notiz über eine hochbetagt verstorbene Weiacherin eingerückt:

«In Neunkirch starb 95 Jahre alt Frau Witwe Maag geb. Meierhofer aus Weiach, Kanton Zürich. Die Verstorbene war bis auf die letzten Tage, wo sie die Influenza befiel, gesund und besorgte ihre Hausgeschäfte selbst.»

Die Frau Maag war sozusagen eine Mina Moser des 19. Jahrhunderts (vgl. Literatur unten). Denn ein solch hohes Alter bei guter Gesundheit war damals noch ziemlich selten (sonst hätte dieser Umstand kaum Erwähnung gefunden). Die in Neunkirch (Kanton Schaffhausen; es sei denn es wäre Neuenkirch im Kt. Luzern gemeint) ansässig gewesene Weiacherin ist also wohl im Kriegsjahr 1799 geboren.



Die Notiz ist auch ein Beleg dafür, dass Grippeviren für die Risikogruppe der Hochbetagten sehr gefährlich sein können. Aber an irgend etwas muss man ja schliesslich sterben.

Interessant ist noch die Ausrichtung dieser im Wochenrhythmus erscheinenden Frauen-Zeitung. Sie bezeichnet sich auf dem Titelbild selber als «Organ für die Interessen der Frauenwelt». Und was diese Interessen zu sein hatten, daran liessen das Bild und der Untertitel «Blätter für den häuslichen Kreis» keinen Zweifel aufkommen. Die Ideen der Suffragetten mögen darin vorgekommen sein. Allerdings wohl eher nicht in ihrer radikal-feministischen Ausprägung.

Quelle und Literatur

  • Schweizer Frauen-Zeitung. Blätter für den häuslichen Kreis. Band 16 (1894), Heft 4 (28. Januar) – S. 15.
  • In memoriam Mina Moser-Nepfer, 12.3.1911-27.7.2017. WeiachBlog Nr. 1349 v. 31. August 2017.

Dienstag, 14. September 2021

Bereits im Jahre 1648 hatte Weiach einen Schulmeister

Im Staatsarchiv des Kantons Zürich gibt es sehr viele Aktenstücke zu Weiacher Themen, die im Online-Katalog noch nicht verzeichnet sind. Sei es weil sie «zu früh» publiziert wurden (nämlich im altehrwürdigen Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich, in dem Dokumente bis zum Jahr 1336 meist im Volltext abgedruckt sind), sei es weil sie nach 1460 entstanden sind (denn die Regestensammlung im Anschluss ans Urkundenbuch umfasst nur die Zeit bis 1460).

Einen Buchstaben zuwege schreiben

Im letzten Jahr des 30-jährigen Kriegs, 1648, entstand am 16. März das Dokument mit der Signatur StAZH C II 6, Nr. 504.20: Einige Notizen, die den damaligen Weiacher Pfarrer Erni und seinen direkten Unterstellten, den Schulmeister (also den Lehrer) betreffen. 

Auf der Regestenkarte, die man in einem der Karteikästen findet, steht der folgende Text:

«Hans Schmidt hat Schulmeister Jagle Herzog beschickt, damit er ihm einen Buchstaben zuwege schreibe.

Jagle Meyerhoffer und Heinrich Meyerhoffer, Heinrich Willi sowie andere Benachbarte haben dem Prädikanten Kundschaft sagen müssen.

Zuvor hat der Prädikant auf Begehren Melchior Schmidts von Rüti (Reüthi) Andreas Bersinger [von Weiach, s. C II 6, nr. 499, 7; 1648 März 8/18], Küfer Ulrich Bomgarter und Felix Meyerhofer verhört und nach Kyburg geschickt.»

Warum führte der Pfarrer das Verhör?

Ziemlich kryptisch, nicht wahr? Es geht offenbar um zwei verschiedene Rechtshändel, wobei der Weiacher Pfarrer Johann Rudolf Erni (der Prädikant) die Aussagen der Zeugen (die sog. «Kundschaft») aufnehmen musste.

Was das nun alles bedeutet (und warum ausgerechnet der Pfarrer das Verhör führte und die Befragten im zweitgeschilderten Fall in eine fremde Landvogtei schickte, nämlich auf die Kyburg), kann allenfalls dann eruiert werden, wenn man sich das vollständige Dokument ansieht. Das wird noch etwas dauern.

Was aber klar ist: bereits 1648 kannte Weiach das Amt des Lehrers. Stelleninhaber war Jagli (d.h. Jakob) Herzog. Und im Gegensatz zu einigen gestandenen Dorfbewohnern konnte der schreiben. Was auch nicht selbstverständlich war. 

Von diesem Familiennamen Herzog dürfte übrigens der hiesige Strassenname Herzogengasse stammen.

Montag, 13. September 2021

Sie wollen sich einbürgern lassen? Madame belieben zu scherzen!

Eine Frau, die selber entscheidet, dass sie eine andere Staatsbürgerschaft annehmen will? Das muss ein Scherz sein, oder? 

So dachte zumindest Richter Hutchins in Cleveland, Ohio als die Weyacherin Luisa Griesser (41) am 28. August 1894 sein Gerichtsgebäude betrat und ihre Einbürgerung in die USA beantragen wollte:

«The Cleveland “Leader” says: “Mrs. S. Louise Patteson enjoys the distinction of being the first woman in this county, and perhaps in Ohio, to apply for admission to citizenship. Judge Hutchins was greatly surprised Tuesday morning when Mrs. Patteson walked into his court-room and announced her determination to become naturalized. He at first took it as a joke, but the petitioner soon convinced him that she was thoroughly in earnest. So the Judge admitted her to full citizenship, restricted only by the laws which prevent women voting except on school questions. She was not required to take out “first” papers, as she came to this country before she was fourteen years of age. Mrs. Patteson is a native of Switzerland. She was born in Weyach on the Rhine, February 14, 1853, and came to America when a young girl, soon after the death of her mother.”»

Eine, die heraussticht

Was in der Zeitung The Cleveland Leader stand, wurde innert kürzester Zeit von der Zeitschrift The Outlook aus der Metropole New York verwertet. Zu diesem Zeitpunkt war Susanna Louise Patteson (1853-1922), geborene Griesser aus Weiach, noch keine bekannte Kinderbuch- und Tierbuch-Autorin.

Erfolg mit ihren Schriften hatte sie vor allem nach der Jahrhundertwende, also bereits in fortgeschrittenem Alter. Ihr für die Weiacher Ortsgeschichte wertvolles Büchlein When I was a Girl in Switzerland erschien erst 1921, kurz vor ihrem Tod. Vgl. WeiachBlog Nr. 1487 für weitere Informationen zu dieser bemerkenswerten Weiacher Bürgerin und die WeiachBlog-Beiträge Nr. 1488-1499, 1505-1507, 1509, 1512, 1517 und 1673 für ihr Spätwerk:


Volles Frauenstimmrecht? Ein langer Kampf.

Im Zitat aus dem Cleveland Leader wird en passant das women's vote erwähnt. Dazu noch einige Details, die im Rahmen der vor 50 Jahren erfolgten Einführung des Frauenstimmrechts auf nationaler Ebene von Interesse sein mögen.

Zu diesem Zeitpunkt (also 1894) gab es das volle Frauenstimmrecht in den USA lediglich in den Staaten Wyoming (seit 1869) und Colorado (seit 1893 mit Volksabstimmung). Utah hatte das Frauenstimmrecht 1870 eingeführt, 1887 wieder abgeschafft und gewährte es den Frauen erst 1896 wieder, als es um die Verteidigung der mormonischen Polygamie ging. 

Bis 1914 setzte sich das Prinzip in allen Staaten des Westens der USA (inkl. Alaska) durch. Entscheidend war einerseits die Trennung der Wahlfrage von der Rassengleichheitsdiskussion sowie die Erfahrung, dass die Frauen offenbar nicht anders abstimmten als die Männer.

Im mittleren Westen, Süden und Osten hatten Frauen, wenn überhaupt, nur partielle Stimmrechte. So wie in Cleveland, wo sie offenbar in Schulangelegenheiten mitbestimmen durften. Vgl. Wikipedia für die wechselvolle Geschichte des Frauenstimmrechts in den USA.

Quelle

  • The Outlook. A Family Paper. 1 September 1894 – S. 365.

Samstag, 11. September 2021

Molekulare Propagandakriegsführung

«Dritarja». Das ist Albanisch und bedeutet «Fenster». Vor 20 Jahren war dies der Name eines Gratismagazins mit Zielgruppe Jugend und junge Erwachsene, das im Nachkriegskosovo in hoher Auflage produziert und mit militärischen Kolporteur-Teams regelmässig auch in kleinen Dörfern unter die Leute gebracht wurde: ein Fenster zur Welt.

Das Ziel war klar: die Imprägnierung der Gedanken und Gefühle der jüngeren Generation mit «westlichen Werten». Sozusagen eine regelmässige Injektion von Erbgut aus dem Baukasten des globalistischen Denkens amerikanischer Prägung.

Mit welchen Inhalten hat man das versucht? Wenn Sie 20 Minuten (oder andere Pendlerzeitungen) kennen, dann wissen Sie, wie das geht. Mit dem, was junge Menschen halt so interessiert. Eine Mischung aus aktuellen News, gepaart mit vielen Rolemodel-Beiträgen, mehrheitlich über Hollywood-Grössen, international bekannte Musiker, etc. Dazwischengestreut Appelle für Umweltschutzbewusstsein und Bürgersinn. Vordergründig unaufdringlich. Aber unmissverständlich. Und doch mit einer verborgenen Absicht.

Kulturelle Normen umbiegen

Ich erinnere mich da einer Plakatkampagne mit der Botschaft «Mos rri në terr. Ndricoie qytetin tënd. Paguje rrymen». Passend dazu das Bild: eine im Halbdunkeln liegende, schemenhaft erkennbare Häuserlandschaft, denn übersetzt heisst das in etwa: «Bleibe nicht im Dunkeln. Erleuchte deine Stadt. Bezahl den Strom!». Bei den immer wieder auftretenden Stromausfällen eine Aufforderung, die doch einiges an Leidensfähigkeit, vor allem aber auch den Glauben an den guten Willen der staatlichen Stromgesellschaft KEK erforderte. Die kämpft wohl noch heute mit der sehr schwankenden Qualität der heimischen Braunkohle.

Aus einem schweizerischen Blickwinkel mag man darüber herzlich lachen. Natürlich muss man den Strom zahlen, was denn sonst? Wer nicht zahlt, dem kann der Strom abgestellt werden. In einem sozialistisch verfassten Land hingegen ist schlechte Zahlungswilligkeit noch lange kein Grund, jemandem den Strom abzustellen. Strom ist quasi ein Menschenrecht. Alle partizipieren an der schlechten Versorgungssicherheit, die durch die fehlenden Mittel verschärft wird. Wer damit ein Problem hat, der schafft sich halt ein Aggregat an. Weshalb es dann im Kosovo bei den reihum erfolgenden Abschaltungen im Siedlungsgebiet auch da und dort vernehmlich knatterte. 

Die Plakatkampagne war dazu gedacht, die kulturspezifische soziale Norm so umzubauen, dass die KEK nicht als Sozialschädling dastehen würde, wenn sie auf der Bezahlung ihrer Rechnung beharrt. Das geht aber nur, wenn eine genügend grosse Prozentzahl eben zahlt und es richtig findet, dass gegen Nichtzahler harte Massnahmen ergriffen werden.

Win the hearts and minds

Zurück zum eingangs erwähnten Jugendmagazin. Konzipiert wurde «Dritarja» von Spezialisten der Operativen Information der deutschen Bundeswehr, textlich und bildlich umgesetzt durch westlich vorgebildete Einheimische. 

Ob die heutige Staatspräsidentin der Republik Kosovo, Vjosa Osmani (39), die «Dritarja» gekannt hat? Nicht sehr wahrscheinlich, da sie aus Mitrovica, d.h. dem Norden stammt und die Bundeswehr im Süden um Prizren herum tätig war. Da man aber davon ausgehen darf, dass es auch in anderen Sektoren der seit Mitte Juni 1999 von der NATO-geführten KFOR besetzten jugoslawischen Provinz Kosovo solche Blätter gegeben haben dürfte, ist sie ein gutes Beispiel für die Art von Nachwuchskräften, die man exakt mit diesen Produkten auf die gewünschte Linie bringen wollte (man vergleiche den oben auf ihrem Namen verlinkten Wikipedia-Artikel).

Von anderen Akteuren mit globalem Hegemonialanspruch wurde der Kulturkampf in anderer Art und Weise geführt. Nämlich mit dem Bau von neuen Moscheen mit weithin sichtbaren Minaretten. Diese Bauten wurden von wohlhabenden Staaten aus der Golfregion finanziert, oft komplett ausgestattet mit Imam und einem Gemeindezentrum und kontrastierten in sehr auffälliger Weise mit der über weite Strecken noch völlig maroden oder gar nicht vorhandenen öffentlichen Infrastruktur. Das Ziel hier: konservativ (meist wahhabitisch geprägte) islamische Kultur verankern.

Was dabei schiefgehen kann

Selbst wenn (oder gerade weil?) man von westlicher Seite nach allen Regeln der subtilen Manipulation vorgeht, wie sie von Edward Bernays dargelegt wurden: Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit und stagnierenden Wirtschaftsentwicklung kann man sich fragen, welche Propagandabotschaften eine nachhaltigere Wirkung haben, zumal in ländlichen Gebieten, von wo die jungen Leute mangels Perspektiven fast geschlossen wegziehen (müssen).

Locals (wie die KFOR-Soldaten die Einheimischen nannten) können mit den gewählten Mitteln auch über einen Zeitraum von 20 Jahren kontinuierlicher Betreuung nicht in ausreichender Zahl so umgepolt werden, dass die Entwicklung quasi unumkehrbar wird. Die Verhältnisse in Afghanistan sind zwar in etlichen Punkten andere. Dieses Beispiel illustriert aber anschaulich, was schiefgehen kann, wenn die Überzeugungskraft nicht in den Herzen und Köpfen massgeblicher Teile der einheimischen Bevölkerung ankommt. Da hilft auch der Bau von Mädchenschulen wenig.

Nur im Ausland anzuwenden?

Vor 20 Jahren hat man uns erklärt, der Werkzeugkasten der (bei genauem Hinsehen als manipulativ erkennbaren) Methoden der Propaganda dürfe nicht auf die eigene Bevölkerung angewendet werden (also die zu Hause in Deutschland). Was unmittelbar einleuchtet, denn es handelt sich eindeutig um Instrumente einer Kriegsführung (auch wenn sie offiziell nicht so daherkommen).

Nach zwanzig Jahren des im Gefolge von 9/11 ausgerufenen War on terror und anderthalb Jahren eines kaum verhüllten weltweiten Gesundheitstotalitarismus muss man nun konstatieren, dass einem die in Mitteleuropa eingesetzten Methoden und Anwendungsbereiche, ja teilweise auch die sprachlichen Mittel, in ihrer Gesamtheit verdächtig bekannt vorkommen.

Individuelle Entscheidungsfreiheit unter Beschuss

Die Narrative sind heute auch an der Heimatfront (wieder) propagandistisch aufgeladen. Sie auch nur vorsichtig auf Inkonsistenzen abklopfen zu wollen, wird mittlerweile bereits als fast landesverräterisches Treiben eingestuft.

Selbst wenn man den französischen Präsidenten nicht hätte sagen hören, man sei im Krieg (diesmal zur Abwechslung nicht gegen Islamisten, sondern gegen ein Virus): Das über alle Kanäle seit Monaten in zunehmender Intensität verbreitete psychologische Trommelfeuer, es gebe nur noch EINEN Weg aus der (selbstgemachten) Krise – aktuelle Botschaft: «Sei ein guter Bürger. Unterstütze das Gesundheitswesen. Lass Dich impfen!!!» – wirkt sich immer stärker in Richtung einer handfesten Nötigung aus. 

Um das Strombeispiel aus dem Kosovo aufzunehmen: in den letzten 18 Monaten wurde die Propagandamaschinerie sukzessive auf ein Thema hin optimiert: Dass Impfen de facto eine Bürgerpflicht sei (wie sich das Department Parmelin ausdrückte). Es braucht eine genügend grosse Prozentzahl an Geimpften. Nur dann ist ein Konsens hinzubringen, dass man eine Person als Sozialschädling einstufen kann, wenn sie sich weigert, sich die von anderen tolerierten Injektion(en) geben zu lassen. Dann und nur dann wird es auch akzeptabel Massnahmen zu ergreifen. Im Kosovo Strom abschalten und in der Schweiz massive Benachteiligung für «Nichtgeimpfte». 

Etliche Zeitgenossen in der seit Jahrzehnten wenig kriegserprobten Schweiz erkennen diese Methoden vielleicht nicht als das, was sie eben letztlich sind: ein Anschlag auf die Freiheit, seine Gesellschaft so zu organisieren, wie man sich das in freier Auseinandersetzung vereinbart hat. Oder sie haben ganz einfach Angst. Vor dem Virus, oder vor den Behörden. Deshalb wirkt das Massnahmenpaket wohl auch so schnell:

Da gibt es Spitex-Mitarbeiterinnen, die ihrem eigenen betagten Vater als Privatperson aufgrund seiner mehrfach kontraindizierenden Vorerkrankungen vom Impfen dringend abraten würden. Und gleichzeitig betonen, als Fachkraft müssten sie darauf bestehen, dass er sich impfen lassen gehe. So gross ist die Angst vor dem langen Arm der Gesundheitsdirektionen mittlerweile. Die haben in den letzten Monaten bekanntlich eine andere Propagandakeule eingesetzt. Das Prinzip: Lass darüber berichten, wie EIN Arzt bestraft wird. Und erziehe damit tausend andere.

Da gibt es auch Arbeitgeber, die ihren Angestellten angesichts der am letzten Mittwoch ausgerufenen Zertifikatspflicht dazu nötigen, sich jetzt entweder impfen zu lassen oder wieder auf dem RAV zu landen. Bei einem über 50-jährigen Arbeitnehmer wirkt eine solche Drohung. Indirektes Nudging funktioniert. Und alles völlig «freiwillig». Vor einem Arbeitsgericht würde dieser Arbeitgeber wohl alt aussehen. Aber an dieses wird sich der Betroffene nicht wenden.

Fatal an der ganzen Entwicklung ist, dass das Vertrauen in medizinisches Personal massiv erodiert, weil man nicht mehr davon ausgehen kann, dass es einem die für die individuelle Situation beste Therapie angedeihen lässt, sondern aus schierer Angst fremden Anweisungen folgt.

Und noch schlimmer: dass sich bisher ganz friedliche Menschen für einen zunehmend brutaler werdenden molekularen Bürgerkrieg instrumentalisieren lassen. Hochobrigkeitlich sozusagen abgesegnet. Für eine neue kollektive Freiheit, die keine mehr ist. Man muss sich diese Angelegenheit nämlich nur einmal bis zum Ende durchdenken. Wollen wir dieses vergiftete Erbe von 9/11 wirklich antreten?

Freitag, 10. September 2021

Bundesrat Pilet-Golaz war zu schnell unterwegs

Ja genau, DER Pilet-Golaz, der kurz nach seinem Einstand beim Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (damals Politisches Departement genannt) im Sommer 1940 in den Geruch des Defätismus geraten ist:

«Am 25. Juni hält Bundespräsident Marcel Pilet-Golaz eine Radioansprache. Die Wortwahl ist höchst unglücklich. Der Romand, obwohl im Unterschied zu einigen Deutschschweizer Offizieren kein Nazi-Sympathisant, steht als Anpasser da.» (Aargauer Zeitung, 25. Juli 2015)

General Henri Guisan organisierte in der Folge den Rütli-Rapport, wo er der versammelten obersten Führungsebene der Armee die Reduit-Strategie erläuterte (vgl. den Wikipedia-Artikel mit weiteren Hinweisen).

Andere mussten früher gehen

Erstaunlicherweise hat sich der ab 1929 als Bundesrat aktive Waadtländer FDP-Mann Pilet-Golaz (1889-1958, vgl. den e-HLS-Artikel) trotz einem (nach der erwähnten Ansprache) erfolgten Empfang von Fröntlern noch bis Ende 1944 halten können. Erst nach dem missglückten Versuch, die diplomatischen Beziehungen mit der Sowjetunion wiederaufzunehmen, verlor er jeden Rückhalt und trat im Dezember 1944 zurück.

Andere erwischte es viel direkter. Der 1896 in Steinmaur geborene Berufsoffizier Gustav Däniker, Oberst und Autor militärischer Fachbeiträge, wurde beispielsweise hochkant aus dem Bundesdienst geschmissen, nachdem er 1941 die Einschätzung geäussert hatte, die Schweiz sollte ihre «freiwillige Eingliederung» in das (von den Nazis gerade aufgebaute) «neue Europa» anstreben.

Magistrales Erstaunen

Und dieser Bundesrat war zu schnell unterwegs? Nein, nicht auf der Strasse. Aber beim Versuch, möglichst zeitnah bei den Amerikanern wegen der Luftangriffe vom 9. September 1944 (vgl. WeiachBlog-Beitrag Nr. 1738 von gestern) Protest einlegen und Schadenersatzforderungen stellen zu lassen.

Im Dossier zu den Schäden in Rafz und Weiach ist auch eine Aktennotiz eines leitenden EDA-Beamten vom Sonntag [!] 10. September 1944, 10:45 Uhr, erhalten geblieben:

«Herr BR Pilet-Golaz hat angeläutet. [...]

2. Herr Pilet hat sich nach Mitteilungen betr. die Grenzverletzungen durch amerik. Jäger vom 9.9.44 erkundigt. Da ich ihm nur berichten kann, dass die üblichen Meldungen der Flieger+Flab-Trp. auf Formular vorlägen [Bild vgl. WeiachBlog v. gestern], ist er etwas erstaunt. Damit könne er in Washington nichts anfangen.»

Es war wohl auch besser, dass der Herr Bundesrat seiner Gesandtschaft in Washington nicht sofort den Marschbefehl erteilen konnte, nachdem wir gestern gesehen haben, dass die Armeeführung im Falle des Angriffs bei Weiach noch in den Zeitungen vom Montag, 11. September tatsachenwidrig hat verbreiten lassen, das Bahnwärterhäuschen auf der Höh sei in Brand geschossen worden. Da hat man sich eine Peinlichkeit erspart.

Quellen und Literatur

  • Grenzverletzungen vom 9. September 1944. Beschiessung von 2 fahrenden Güterzügen bei Rafz und Weiach durch amerikanische Jäger. Dossier mit Entschädigungsforderungen und Zusammenstellung der Schadensummen. Schweizerisches Bundesarchiv, Signatur: BAR E2001E#1967/113#1629*  (Online-Dossier 1751160, hier: Unterlagen 27).
  • N.N. (nomen nescio): Was General Guisans Rütli-Rapport heute bedeutet. In: Aargauer Zeitung, 25. Juli 2015.