Dienstag, 13. April 2021

Kontaktschuld? Kantonspolizist Bill und die Frau des SS-Offiziers

Kontaktschuld ist ein politischer Begriff, der in Deutschland geprägt wurde und insbesondere die Frage betrifft, ob jemandem Verfassungsfeindlichkeit nachzuweisen ist. In diesem Zusammenhang werden Organisationen, in denen, sowie «Orte, an denen er sich aufgehalten hat, oder Personen, mit denen er gesprochen hat», als verdächtig erachtet «und sodann ein Rückschluss auf die politische Einstellung des Angegriffenen selbst gezogen.» (vgl. Wikipedia-Artikel Kontaktschuld).

In die Nähe des Dunstkreises von als problematisch gesehenen Personen zu kommen, kann also sehr heikel werden. Vor allem dann, wenn sich Spionageabwehr und Geheimdienst dafür interessieren. Und erst recht, wenn man Amtsträger desjenigen Staates ist, für welchen diese Dienste tätig sind. Der Fall des zwischen 1940 und 1946 in Weiach stationierten Kantonspolizisten Otto Bill (*21.1.1910) kann da als Beispiel dienen.

Bill hatte damals Wohnung und Büro an der Stadlerstrasse 4 in der Wohnung oberhalb des VOLG-Ladens (wie Willi Baumgartner-Thut zu berichten weiss). Er war Bürger der bernischen Gemeinde Kernenried im Unteremmental (nahe Burgdorf). Aufgewachsen war er aber in Nesslau im oberen Toggenburg.

Ebenfalls dort aufgewachsen war Berta Diebold, verwitwete Huber (*2.12.1911). Sie geriet im Frühjahr 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, voll ins Visier der Spionageabwehr der Armee sowie des Staatsschutzes mehrerer Kantone. Weshalb, kann gleich zwei Dossiers im Bundesarchiv entnommen werden. Beide wurden von der Bundesanwaltschaft angelegt, eines über ihre Person, eines über ihren Ehemann Paul (vgl. Quellen und Literatur).

Sich an Schülerinnen vergriffen und aus der Armee ausgeschlossen

Der 1908 in Kreuzlingen geborene Paul Diebold war ursprünglich im Lehrdienst tätig, bis er 1938 wegen Sittlichkeitsdelikten verurteilt wurde und dadurch nicht nur seine Stellung als Lehrer verlor, sondern darüber hinaus unehrenhaft aus der Armee entlassen wurde. 

Für einen Sohn des Kreuzlinger Gemeindeschreibers, der es bis dahin immerhin zum Oberleutnant gebracht hatte, war das ein brutaler Einschnitt. Mit gravierenden Folgen, wie einem ausführlichen Bericht des Thurgauer Polizeikommandanten Ernst Haudenschild vom 13. August 1942 zu entnehmen ist:

«Nun schien es, als ob Diebold nirgends mehr Halt finden konnte, indem er Verbindungen mit politisch verdächtigten Elementen anknüpfte, was natürlich auch über seine Person Verdachtsmomente einer ev. illegalen Tätigkeit des verbotenen Nachrichtendienstes aufkommen liess. Der Armeestab, Spab [d.h. die Spionageabwehr], welcher sich inzwischen dieser Angelegenheit angenommen hatte, verfügte deshalb im März 1940 die Postsperre über den Vorerwähnten und im Mai 1940 musste er sogar, zufolge seines verdächtigen Verhaltens auf Weisung des Kdos. der Gz.Br.7 [der in diesem Abschnitt zuständigen Grenzbrigade der Schweizer Armee] verhaftet werden, wurde dann aber, weil die Untersuchung nichts Positives zeitigte, wieder auf freien Fuss gesetzt.»

Illegal nach Deutschland ausgereist

Trotzdem konnte Diebold eine Stelle als Büroangestellter bei der Nähmaschinenfabrik Fritz Gegauf AG (Marke Bernina!) in Steckborn ergattern. Später war er dann beruflich in Schaffhausen tätig. Dort hatte er offenbar Kontakt mit führenden Frontisten (u.a. Karl Meyer von der Nationalen Gemeinschaft Schaffhausen) und deutschen Staatsangehörigen mit nationalsozialistischen Denkmustern.

«Am 12. Februar 1942 gelang es ihm nun», schreibt Haudenschild weiter, «illegal nach Deutschland auszureisen, wo er sich, wie durch die Schaffhauser Polizei anlässlich einer dienstlichen Verrichtung in Singen in Erfahrung gebracht werden konnte, zur Waffen-SS anwerben liess.»

[Anmerkung: Paul Diebold selber spricht in einem Lebenslauf zuhanden der Waffen-SS vom 11. März 1942, vgl. Weber 2014, S. 91]

Vor allem aus diesem Grund wurde Paul Diebold in Abwesenheit zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt und im Schweizerischen Polizeianzeiger zur Verhaftung ausgeschrieben.

Auch die Geliebte reist nach Deutschland

Haudenschild weiter: «Unterm 18. April d.J. erhielten wir nun von einer Amtsperson die vertrauliche Mitteilung, dass die in Salenstein wohnhafte Frau Berta Huber geb. Brunner, Metzgerei z. ”Schäfli”, deren Mann vor einigen Tagen verstorben war, um Ausstellung einer Passempfehlung zur Ausreise nach Deutschland nachgesucht habe und dieselbe mit "Geschäftsangelegenheiten" begründe. Da unsere Vertrauensperson wusste, dass der mehrfach erwähnte Diebold, dessen politische Einstellung ihm bekannt war, s.Zt. bei Frau Huber sein Logis hatte, traute er der Angelegenheit nicht mehr recht und ersuchte uns deshalb, diese Sache an die Hand zu nehmen, umsomehr, weil er auch wusste, dass Diebold öfters mit verschiedenen gleichgesinnten Personen im Hause Huber zusammengekommen war.

In der Zwischenzeit reiste die Huber nach Deutschland aus und zwar überschritt sie nicht in Kreuzlingen, sondern in St. Margrethen die Grenze [Österreich gehörte seit 1938 zum Deutschen Reich]. Die auf dem Zollamt Kreuzlingen vorgesehene körperliche Visitation konnte somit nicht vorgenommen werden. Unsererseits wurde dieser Fall an die Spab abgetreten, welche dann bei der Einreise der Huber deren Verhaftung anordnete.»

Der in die Waffen-SS Eingetretene hatte also seine spätere Frau Berta in Mannenbach kennengelernt. Im dortigen Gasthof Schäfli hatte Diebold ein Zimmer. Sie war damals noch mit dem Schäfli-Wirt und Metzgermeister Huber verheiratet.

Ist die Waffen-SS-Uniform nur eine Tarngeschichte?

Haudenschild schliesst seinen Bericht mit den Worten: «Eine illegale Tätigkeit konnte ihr bis heute nicht nachgewiesen werden. Immerhin möchten wir Ihnen empfehlen, die nunmehrige Frau Diebold diskret überwachen zu lassen. Vielleicht muss Diebold ja gar nicht an die Ostfront und kommt ev. unter falschem Namen zu Spitzelzwecken in die Schweiz. In diesem Falle würde er ganz sicher auch Verbindung mit seiner jetzigen Frau aufnehmen.» (Quelle: Als vertraulich klassifiziertes Schreiben vom 13. August 1942 an das Polizeikommando des Kantons St. Gallen)

Die Überwachung lief da bereits. Denn schon am 11. August hatte die Ortswehr Salenstein (eine von über 2800 im Jahre 1940 aufgestellten kommunalen Freiwilligenformationen der Schweizer Armee) dem Polizeiposten Nesslau mitgeteilt, dass die «Jhnen unterm 3. August gemeldete Frau Diebold» die «Luftpost» ab Dübendorf nach Deutschland benütze. Das vom Posten Nesslau informierte Kommando in St. Gallen hatte danach den Thurgauer Polizeikommmandanten angefragt und das oben ausführlich zitierte Schreiben erhalten. 

Bereits am 22. August schrieb das Kommando der Ortswehr Salenstein erneut an den Nesslauer Polizeiposten: «Im Lauf nächster Woche wird Frau B. Diebold [...] Besuch erhalten, nämlich Herr & Frau R., Bahnangestellter, Mannenbach. Bitte Sie aufzupassen, denn es ist die gleiche Brut, oder richtig gesagt, noch ärger.» Mit anderen Worten: Herr und Frau R. waren wohl Frontisten.

Die Massnahmen, die gegen die knapp über 30-jährige Berta Diebold eingeleitet wurden, hatten es also in sich. Es wurde nicht nur ihre gesamte Post mitgelesen (von einem St. Galler Polizisten), sie wurde auch auf vielen Reisen beschattet, was man an zahlreichen erhaltenen Protokollen ablesen kann. Vor allem aber hatte der in Nesslau postierte Landjäger Kpl. Kuster ein sehr wachsames Auge auf das Zielobjekt.

Wer ist Otto Bill?

Auf diesem Posten landeten auch die (heute noch sattsam bekannten) Hotelmeldezettel aus seinem Verantwortungsbereich. Darunter der hier: 


Und dieser Otto Bill hatte sich in den Augen des Polizisten höchst verdächtig verhalten. Er habe die Diebold nicht nur besucht, sondern sei auch in  ihrer Begleitung gesehen worden, schrieb Kuster am 5. September 1942 ans Kommando. Was kein Wunder ist, denn sie wohnte zu diesem Zeitpunkt mitten in Nesslau in der Nähe der Kirche.


Damit geriet Bill ins Visier der Spionageabwehr. Was hatte er mit der Diebold zu tun? War er ein Fröntler, ein Nazi-Sympathisant? Das Polizeikommando des Kantons St. Gallen wollte das herausfinden und fragte in Zürich nach:

Die Kantonspolizei Zürich ihrerseits brauchte nicht lange um herauszufinden, um wen es sich bei diesem kantonalen Angestellten handelte. Der Gesuchte gehörte zu ihren eigenen Leuten, was natürlich einige Alarmglocken läuten liess.

Persönliche Beziehung, minutiös seziert

Am 16. September 1942 fand ab 08.00 das Verhör statt. Bill wurde von einem Polizeioffizier im Range eines Leutnants mit dem passenden Namen Hammer in die Zange genommen. Und das ausführlich, das Protokoll umfasst nicht weniger als sieben Seiten (von 47 in diesem Dossier)!

Bill erläuterte dem Offizier, woher er die Überwachte kannte und wie es dazu kam, dass er sie wieder getroffen hat. Denn nach der Schulentlassung habe er sie nur noch einmal per Zufall gesehen. Die Sommerferien 1942 verbrachte Otto Bill damit, die ehemalige Wohnung seiner Mutter in Lichtensteig zu räumen, seiner Schwester bei der Montage der von der Mutter übernommenen Möbel zu helfen und bei den neuen Logisgebern seiner Mutter beim Heuet mitzuhelfen. Letztere Hilfe nahmen diese gewiss gern an, vor allem wenn der Vater oder Sohn sich gerade im Aktivdienst befand.

Bei diesem Ferienaufenthalt, so Bill, habe er Josef Brunner, den Bruder von Berta Diebold getroffen und sich über das Wohlergehen seiner Angehörigen erkundigt. «Dabei habe ich vernommen, dass sich seine Schwester Berta in Mannenbach aufhalte, wo sie im Restaurant "Sohäfle" wohne. Auch habe ich dabei vernommen, dass ihr Mann bereits gestorben und ihre Schwester ebenfalls bei ihr wohne. Auch vernahm ich, dass dessen Onkel, Jakob Brunner, z.Zt. die Geschäfte in der Metzgerei in Mannenbach tätige. Ich eröffnete ihm, dass ich gedenke mit dem Velo dem Bodensee entlang nach Schaffhausen zu fahren. Wenn ich diese Route durchfahre, so werde ich bei seiner Schwester (Frau Huber) vorbeigehen und einen Gruss bestellen.»

Treffen am Untersee, Juni 1942

«Am Abend des 24. Juni 1942 kam ich mit dem Velo nach Mannenbach, wo ich im Restaurant Schäfle abstieg. Ich traf hier Berta Brunner sowie ihren Onkel Jakob Brunner. Ich habe die beiden seit mindestens 12 Jahren erstmals wieder gesehen. Erst am darauffolgenden Tage habe ich von der Schwester der Frau Huber, die mit einem Lehrer verheiratet ist (den heutigen Namen habe ich nicht in Erinnerung) habe ich vernommen, dass die verwitwete Frau Huber bereits wieder verlobt sei. Dabei hat man mir durchblicken lassen, dass es sich um einen fortgejagten Lehrer handeln soll, der nach Deutschland gegangen sei, um Kriegsdienst zu leisten. Am Abend des 25. Juni 1942 habe ich Frau Huber vorgehalten, was ich vernommen hatte.»

Lt. Hammer: «Was wurde Ihnen damals des weiteren über die Person des Verlobten der Frau Huber bekannt?»

PolSdt. Bill: «Frau Huber war mir bei der Auskunftsgabe über ihren neuen Verlobten ziemlich zugeknöpft. Sie erzählte mir dann jedoch, dass sie vor etwa 14 Tagen besuchshalber in München gewesen sei, wo sie sich verlobt habe. Ich war natürlich überrascht zu vernehmen, dass die Trauer nicht ernster gewesen war. Dabei hat sie mir dann aus ihrem Familienleben mit Huber erzählt. Ich konnte daraus schliessen, dass sie mit diesem nicht gut gelebt hatte, und dass ihre Eltern ihr Vorgehen mit Diebold sanktioniert hatten. Ueber die Person des Diebold habe ich sowohl von Frau Huber wie Ihren Angehörigen vernommen, dass es sich um einen Lehrer handelte, der wegen eines Sittlichkeitsdeliktes das Lehrerpatent verloren und schwarz über die Grenze nach Deutschland ausgereist sein musste.»

Lt. Hammer: «Wurde Ihnen auch erzählt, dass dieser Paul wegen des gleichen Deliktes aus der Armee ausgestossen und vom Grade eines Oberleutnant der Artillerie entsetzt wurde?»

PolSdt. Bill: «Nein. Ueber die militärische Einteilung von Diebold bezw. über seine Tätigkeit in Deutschland habe ich damals noch nichts vernommen.

Lt. Hammer: «Hat Ihnen Frau Huber erzählt, dass sie vor kurzem in Deutschland gewesen und anlässlich ihrer Rückkehr in die Schweiz verhaftet worden sei?»

PolSdt. Bill: «Kurz vor meiner Abreise von Mannenbach hat mir ihr Götti, Jakob Brunner sowie ihre mit einem Lehrer verheiratete Schwester durchblicken lassen, dass Frau Huber einen unüberlegten Schritt gemacht, sich von Diebold habe beeinflussen lassen und deshalb mit der Polizei in Konflikt geraten sei. Ich habe vernommen, dass sie einen Tag in Steckborn verhaftet gewesen sei.»

Lt. Hammer: «Wie haben Sie sich nach Kenntnisnahme dieses Sachverhaltes Frau Huber gegenüber verhalten?»

PolSdt. Bill: «Ich habe vorerst versucht von ihr möglichst viel über Diebold zu vernehmen. Sie war jedoch ziemlich zugeknöpft. Schliesslich erzählte sie mir, dass sie bei ihrer Rückkehr aus Deutschland verhaftet worden sei, da man vermutet habe sie treibe Spionage.»

Lt. Hammer: «Haben Sie sich daraufhin nicht schon damals sagen müssen, dass sich der Umgang mit einer solchen Person für einen Kantonspolizisten nicht geziemt?»

PolSdt. Bill: «Die Sache beschäftigte mich insofern, als ich mir sagen musste, dass meine ehemalige Schulkameradin eine grosse Dummheit begangen hatte. Ich habe auch auf sie eingeredet und ihr nach Rücksprache mit ihrem Onkel vorgehalten, was eine Heirat mit Diebold für ihre 3 Knaben für Folgen haben könnte. In Bezug auf meine Stellung habe ich mir keine weiteren Gedanken gemacht, da ich per Zufall auf die Sache gestossen war und es sich bei Frau Huber um eine alte Bekannte aus der Schulzeit handelte.»

Treffen im Toggenburg, September 1942

Im weiteren Verlauf des Verhörs kam dann die Angelegenheit mit dem verdächtigen Treffen in Nesslau zur Sprache. Das kam so zustande: Bill hatte Ferien und war am 2. September bei seiner Schwester in St. Gallen zu Besuch und da er wusste, dass Jakob Huber, der Onkel von Berta, gleich vis-à-vis wohnte, ging er auch dort noch kurz vorbei. Er habe dann feststellen müssen, dass dieser sich in Nesslau aufhalte. Darauf habe er sich entschlossen, per Bahn noch dorthin zu fahren. Am Abend des 3. September traf er in Nesslau auf Berta und Jakob. Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen, habe er sich im Hotel Traube einquartiert (vgl. den Meldezettel oben).

«Am Vormittag des 4. Sept. 1942 machte ich dann einen Spaziergang mit Jakob Brunner allein. Dabei äusserte Jakob Brunner Bedenken in Bezug auf die Zukunft seiner Nichte Berta.»

Lt. Hammer: «Hat sich Frau Diebold Ihnen gegenüber des näheren über ihre Hochzeit und ihren Gatten geäussert?»

PolSdt. Bill: «Ich habe vernommen, dass Frau Diebold nach Stuttgart geflogen war [das meinte die Ortswehr Salenstein also mit der Luftpost!], dass sie von dort weg mit ihrem Verlobten nach Berlin weitergereist sei. Hier habe die Trauung stattgefunden. Sie hat mir auch eröffnet, dass sie Schweizerbürgerin geblieben sei, indem ihr Mann Bürger von Kreuzlingen sei.»

Lt. Hammer: «Haben Sie damals zum ersten Mal erfahren, dass dieser Diebold von dem Sie wussten, dass er in deutschen Militärdienst [sic!] stehe, Schweizerbürger sei?»

PolSdt. Bill: «Ich war der Auffassung dass Diebold Deutscher sei, d.h. ich vermutete, dass er möglicherweise Doppelbürger sei, da er in der Schweiz als Lehrer tätig gewesen sein konnte. Nachdem ich von Frau Diebold gehört hatte, dass sie nun Schweizerbürgerin geblieben sei und ihr Mann als Schweizer fremden Kriegsdienst leistete, war ich überrascht. Ich habe dabei von ihr näheres zu erfahren gesucht. Sie sagte mir dann, dass er irgendwo in Polen Dienst leiste. An eine Einteilung erinnere ich mich nicht mehr. Sie zeigte mir dann eine Photo, worauf ich ersah, dass er der SS zugeteilt sein musste. Auch vernahm ich, dass er als Oberleutnant Dienst leistete.»

Lt. Hammer: «Es ist Ihnen bekannt, dass der Eintritt in fremden Kriegsdienst unter Strafe gestellt ist [Art. 94 MStG; seit 1928 in Kraft]. Fühlten Sie sich nicht verpflichtet, Ihre Vorgesetzten oder die Kantonspolizei St. Gallen auf Diebold aufmerksam zu machen?»

PolSdt. Bill: «Da ich wusste, dass die damalige Frau Huber seinerzeit, d.h. nach der Rückkehr von Deutschland verhaftet und über ihre Beziehungen zu Diebold verhört worden war, wusste ich, dass bereits die nötigen Schritte gegen Diebold eingeleitet waren».

Dann wollte Hammer noch wissen, aus welchem Grund er die zweite Nacht in Nesslau (4./5.9.1942) im Hotel Sternen verbracht habe und nicht mehr in der Traube. 

Die Mata-Hari-Frage

Danach bohrte der Befrager noch tiefer. Denn es war schon damals ein offenes Geheimnis, dass Frauen als Agentinnen eingesetzt werden und der gegnerische Dienst sie zu diesem Zweck ihre Reize spielen lässt.

Lt. Hammer: «Hatten Sie oder haben Sie heute noch intime Beziehungen zu Frau Diebold?»

PolSdt. Bill: «Nein. Ich habe wirklich nur freundschaftlich verkehrt. Ich kannte Frau Diebold von der Schule her. Um auch nur einen falschen Schein zu vermeiden, bin ich absichtlich beide Nächte in einem Gasthof abgestiegen.»

Lt. Hammer: «Ist Ihre Frau über Ihre Freundschaft zu Frau Diebold auf dem Laufenden?»

PolSdt. Bill: «Ja. Ich habe meiner Frau nach der Rückkehr aus den Ferien von meinem Aufenthalt [...] erzählt. Auch habe ich ihr alles erzählt, was ich gehört hatte.»

Lt. Hammer: «Ist Ihnen bei Frau Diebold sonstwie etwas verdächtiges aufgefallen?»

PolSdt. Bill: «Etwas Besonderes ist mir eigentlich nicht aufgefallen. Dagegen halte ich Frau Diebold für leicht beeinflussbar. Ich muss schon sagen, dass ich mich entweder sofort zurückgezogen oder dann aufs Ganze gereist wäre, wenn ich nur im geringsten hätte feststellen können, dass sich Frau Diebold zu irgend einer Handlung gegen unser Land hergegeben hätte.»

Lt. Hammer: «Haben Sie zu dieser Angelegenheit noch etwas zu bemerken?»

PolSdt. Bill: «Ich habe mir bei diesen Besuchen keine weiteren Gedanken gemacht. Es handelte sich hier lediglich um 2 zufällige Besuche bei alten Bekannten. Die Person des Diebold war mir nur vom Hören-sagen bekannt. Richtig ins Bild gesetzt über diesen Mann wurde ich auch erst anlässlich meines zweiten Besuches in Nesslau. Ich habe rein freundschaftlich mit Frau Diebold, die mir immer nur als Berta bekannt war, verkehrt. Ueber sämtliche Besuche habe ich meine Frau immer orientiert.»

Otto Bill wurde danach mit dem expliziten Hinweis entlassen, dass es in seinem «eigensten Interesse» liege, wenn er «jeden weiteren Verkehr mit Frau Diebold und ihrer Familie in Zukunft unterlasse», insbesondere unter Berücksichtigung seiner Stellung als Polizist.

Offenbar gelangte das Polizeikommando des Kantons Zürich nach diesen Aussagen zur Auffassung, dass man Bill trauen können und teilte St. Gallen noch am selben Tag mit, die Beziehungen Bills zur Zielperson seien «harmloser Natur» und würden keine weiteren Massnahmen erfordern (vgl. nachstehenden Brief).

Für Bill war die Sache damit erledigt. Für die Diebolds natürlich nicht. Nach einem Schreiben der politischen Abteilung der Kantonspolizei St. Gallen vom 22. April 1943 befand Paul Diebold sich zu diesem Zeitpunkt nach wie vor «als SS Obersturmführer im deutschen Kriegsdienst», weshalb gegen seine Ehefrau seit mindestens einem Jahr eine Postkontrolle erfolgte.

Warum bekommt die Diebold Geld aus Deutschland, trotz Devisenausfuhrsperre?

Besonderen Argwohn erregte der Umstand, dass Berta Diebold, die seit einigen Monaten in Nesslau ansässig sei, «pro Monat Fr. 372.-- durch den Clearing-Verkehr ausbezahlt» erhalte. Das wären nach dem Konsumentenpreisindex umgerechnet auf den Stand 2009 immerhin 1900 CHF: Mehr als die von der AHV ausbezahlte maximale Witwenrente im Jahre 2009, also ein nicht unerheblicher Betrag.

Es stehe nicht einwandfrei fest, schrieb der Polizeibeamte weiter, ob diese Sendungen auf Veranlassung deutscher Stellen oder ihres Ehemannes erfolgten. Das sei übrigens kein Einzelfall. Solche Transaktionen seien «zu Gunsten einer ganzen Reihe Angehöriger illegal ausgereister und in deutschen Kriegsdiensten stehender Schweizer, sowie solcher wegen Landesverrates Verurteilter» erfolgt.

Da das Deutsche Reich damals eine strenge Devisenausfuhrkontrolle kannte, mussten alle Auslandzahlungen über spezielle Stellen ausgeführt werden. Waren das etwa Zahlungen für Spionagetätigkeit? Sicher konnte man sich da nie sein.

Der O-Ton eines Frontisten

Bleibt noch die Frage: Was trieb Paul Diebold an? Kurz gesagt: Es war eine Kombination aus individueller Sackgasse und dem Gefühl, persönlich etwas gegen die Bedrohung durch den Bolschewismus tun zu müssen. Um das herauszufinden muss man allerdings schon tief graben.

In den beiden Dossiers gibt es nur eine einzige Aussage von seiner Hand. Am 1. Juni 1943 richtete der Rapperswiler Rechtsanwalt Dr. Ferdinand Elsener im Auftrag Berta Diebolds ein Schreiben an die kantonale Fremdenpolizei St. Gallen, dem er einen Brief des Mannes seiner Klientin beilegte. Paul Diebold (damals offenbar wg. Verletzung nicht an der Front) schreibt am 21. Mai 1943 aus dem SS-Standortlazarett München-Dachau u.a.:

«Es erübrigt sich bestimmt, hier zu begründen was mich zur illegalen Ausreise nach Deutschland bewog, aber immerhin möchte ich feststellen, dass ich nie gegen meine Heimat agitierte; im Gegenteil bin ich der Auffassung, dass ich für meine Heimat kämpfe, kein Landesverräter bin, wie das in der Schweiz ausgelegt wird. Der Krieg ist heute eine europäische Angelegenheit und schlussendlich steht oder fällt die Schweiz mit dem Deutschen Reiche. Wenn das in der Eidgenossenschaft nur endlich begriffen würde. Auch glaube ich kaum, dass man Leute die sich freiwillig zum Kampfe stellen und die Gefahren und Strapazen der Ostfront auf sich nehmen, einfach mit dem unschönen Namen Feiglinge betiteln darf, wie dies leider in der Heimat mit uns geschieht

In der ersten Jahreshälfte 1943 konnte man eine solche Haltung noch verstehen (auch aus der Sicht eines rein rational kalkulierenden Opportunisten), denn zu diesem Zeitpunkt war es wohl gerade für untere Chargen noch nicht offensichtlich, dass der Zusammenbruch der Achsenmächte unausweichlich wäre. Finanzielle Erwägungen waren wohl auch im Spiel. Aber Diebold wollte an der Ostfront kämpfen. Denn er war (wie auch die Frontisten, mit denen er in Schaffhausen Kontakt hatte) davon überzeugt, dass die Rote Gefahr für Europa nur abgewendet werden könne, wenn Deutschland gegen die Sowjets gewinne. Für die Hintergründe und weitere Aussagen zur Person von Diebold aus seiner eigenen Feder, vgl. die Masterarbeit von Sarah Weber von 2014 (s. Quellen und Literatur).

[Anmerkung: In ihrer Befragung durch die Bundesanwaltschaft am 26. Januar 1944 äusserte sich Berta Diebold gemäss Protokoll wie folgt über die Beweggründe ihres Mannes: «Diese Vorstrafe [Urteil zum Sittlichkeitsdelikt von 1938] wurde ihm zum Verhängnis indem ihm diese Strafe bei jeder Gelegenheit vorgehalten wurde. Er erklärte in der Folge, dass er ein neues Leben beginnen wolle und zwar in Deutschland, wo ihm wegen seiner Vorstrafe keine Schwierigkeiten mehr gemacht würden.»]

Verbotener fremder Militärdienst. Kommts auf die Gesinnung an?

Dazu ergänzte der Rechtsanwalt: «Aus dem Briefe ergibt sich meines Erachtens mit aller Deutlichkeit, dass es nicht eine ehrlose Gesinnung war, die Diebold veranlasste, seine Heimat zu verlassen und in die deutsche Waffen-SS einzutreten. Beweggrund war zweifellos eine ehrliche Begeisterung, - ob es eine irrige Begeisterung war und ist, kann erst die Zukunft mit Sicherheit erweisen.

Auf Paul Diebold trifft zu, was Philipp Anton von Segesser im Nationalrat im Jahre 1859 anlässlich einer Debatte über die fremden Kriegsdienste ausdrückte:

"Und wie mancher junge Mann, der etwa eines Raufhandels wegen in den Händen der Justiz unfehlbar zugrunde gegangen wäre, hat im auswärtigen Kriegsdienst sich zu einem wackern und geehrten Manne emporgeschwungen. Alle diese Leute gehen nicht aus dem Lande, um Kattundrucker, Schornsteinfeger, Türhüter zu werden; es sind die kräftigeren und stolzern Naturen aus allen Ständen des Volkes." (Ph.A. v. Segesser, Sammlung kleiner Schriften, Bd.3)»

Die angesprochenen Worte von Segessers fielen im Zusammenhang mit der Diskussion über ein Verbot des Militärunternehmertums in Form der Schweizerregimenter in fremden Diensten, wie es sie zugunsten des Königreichs beider Sizilien bis dahin noch gab; vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 29, Gesamtausgabe S. 49.

Bis am 31.12.1927 konnten Schweizer noch individuell Dienst bei einer fremden Armee leisten. Mit dem Inkrafttreten des Militärstrafgesetzbuches war es auch damit vorbei. Seit dem 1. Januar 1928 verbietet Artikel 94 jeglichen fremden Militärdienst, aus welchen Beweggründen auch immer er geleistet wird. 

Rein juristisch war der Brief des Rapperswiler Anwalts also ziemlich nutzlos, wenn nicht gar kontraproduktiv. Denn der einzige Grund, aus dem SS-Offizier Diebold nach Militärstrafgesetz hätte freigesprochen werden müssen, wäre das deutsche Bürgerrecht gewesen. Die Regelung nach Art. 94 Abs. 2 MStG, wonach Doppelbürger, die im andern Staat niedergelassen sind und dort Militärdienst leisten (und dies im Krieg nach dessen Gesetzgebung auch müssen), galt nach einem notrechtlichen Bundesratsbeschluss wohl bereits ab 1940 (vgl. Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über die Teilrevision des Militärstrafgesetzes und der Militärstrafgerichtsordnung vom 22. Juli 1949. BBl 1949 II 137; Art. 94 auf S. 142).

Quellen und Literatur

  • Diebold-Brunner Berta, verw. Huber, 2.12.1911, Radolfzell/D; ND-Verdacht, Ehemann Paul, 1908, illeg. ausgereist, Of. der Waffen-SS. Dossier der Bundesanwaltschaft. Entstehungszeitraum: 1942-1944. Signatur: BAR E4320B#1993/214#3147*
  • Diebold Paul Albert, 25.4.1908; illeg. Ausreise, Dienst als Of. in der Waffen-SS. Dossier der Bundesanwaltschaft. Signatur: BAR E4320B#1993/214#3148*
  • Weber, S.: Between Nazism and Opportunism. Swiss Volunteers in the Waffen-SS. Master Thesis, Holocaust and Genocide Studies, University of Amsterdam, June 2014 – S. 44-46, sowie 83-84, 88-90, 121-122 u. 150. Mit weiteren Quellen zu Paul Diebold, insbesondere seine Lebensläufe.
[Abschnitt Der O-Ton eines Frontisten am 14.4.2021 ergänzt: Motivation Bolschewismus herausgeschält]

Sonntag, 11. April 2021

Flugblätter an französische Soldaten bereits 1939 abgeworfen

Wer sucht, der findet. Allerdings nicht immer das Gesuchte. Eigentlich ging es mir um die frühe Weiacher Siedlungsgeschichte (vor weit über tausend Jahren). Unverhofft beantwortet wurde dabei eine offene Frage zum Zweiten Weltkrieg. Ein aktueller Werkstattbericht.

Gräberfund beim Stellungsbau?

1979 hat man beim Kiesabbau im Raum Leeberen (in der Nähe eines damals aufgrund des Bewässerungssystems noch bestehenden Arms des Dorfbachs) mehrere Steinplattengräber angebaggert. Zugeschrieben werden sie aufgrund einer Grabbeigabe (einem als «Scramasax» bezeichneten Kurzschwert) dem Frühmittelalter.

Dazu schrieb die Kantonsarchäologie im Weiacher Mitteilungsblatt: «Ob die beim Stellungsbau im Jahre 1939 zum Vorschein gekommenen Gräber zum gleichen Gräberfeld gehörten, ist ungeklärt». (Nagy, P.: Neues zu den Anfängen von Weiach. In: Mitteilg. f. d. Gde. Weiach (MGW), Juni 2001 – S. 11.)

Die auf Weiacher Gebiet im genannten Zeitraum mit ebendiesem Stellungsbau beauftragte Grenzfüsilierkompanie I/269 hat (wie von den vorgesetzten Stellen befohlen) über ihre gesamte Aktivdienstzeit Tagebuch geführt und die entstandenen Bände vorschriftsgemäss abgeliefert, sodass sie heute noch im Bundesarchiv eingesehen werden können. Begebenheiten aus diesen Tagebüchern sind im Beitrag «E luschtigi Söili-Jagd», Weiacher Geschichte(n) Nr. 96 (MGW, November 2007) festgehalten.

An einen Tagebuch-Eintrag, in dem der Fund von Gräbern thematisiert wurde, kann ich mich nicht erinnern. Habe ich bei der Durchsicht des Originals etwas übersehen? Normalerweise müsste ich nun den Gang nach Bern antreten. In diesem Fall aber nicht. 

«Auf Bestellung digitalisieren wir analoge Dossiers»

Dank dem grossangelegten Digitalisierungsprojekt des Bundesarchivs werden Aktenbestände sukzessive elektronisch erfasst und im Format PDF, verpackt in ZIP-Ordnern, zum Download bereitgestellt. Welche Akten das sind, erfährt man aber nur, wenn man sich beim Schweizerischen Bundesarchiv einschreibt. Das nötige Login läuft über den eGovernment-Zugang des Bundes (Bundesangestellte können mit ihrer sog. PKI-Karte zugreifen, ohne die im Bundesumfeld kein PC oder Laptop läuft).

Dass sämtliche Tagebücher der Grenzfüsilierkompanie I/269 bereits digital vorliegen, verdanken wir auch der freien Journalistin und Niederweninger Ortschronistin Katrin Brunner, die bereits vor mehr als zehn Jahren einen Beitrag über die Normalität im Wahnsinn des Krieges im Zürcher Unterländer platziert hat (vgl. WeiachBlog Nr. 939 v. 24. Oktober 2010). 

Am 22. Januar 2021 erschien ihr Artikel über den Alltag an der Grenze auf dem Blog des Nationalmuseums  und dafür brauchte sie ein hochaufgelöstes Bild der eingefangenen Kompaniesau Jda, die vor 13 Jahren den Titel von Weiacher Geschichte(n) Nr. 96 inspiriert hat. 

Wie bestellt, so digitalisiert. Das Resultat (alle 11 Tagebücher) ist rund 180 MB «schwer». Es kann bequem heruntergeladen und auf dem heimischen PC in aller Ruhe gesichtet werden. In Zeiten, wo es dem Bundesrat oder einem Regierungsrat alle paar Tage einfallen kann, wieder sämtliche Bibliotheken und Archive für unbestimmte Zeit schliessen zu lassen (vgl. WeiachBlog Nr. 1500), ist das sehr praktisch.

Die Flugblatt-Verwirrung

Von einem Gräberfund ist in den Tagebüchern der Gz Füs Kp I/269 für das Jahr 1939 an keiner Stelle die Rede. Dafür aber von Flugblättern, was an eine Anmerkung in Walter Zollingers blauem Büchlein (Rückentitel «Chronik Weiach») erinnert:

«Eine Illustrierte mit Bildern dieser Zerstörungen im Kraftwerkgebiet und kleine Zeitungsabschnitte sowie ein Aufruf an die «soldats français», abgeworfen aus deutschen Flugzeugen, sind ebenfalls im Ortsmuseum Weiach.» (Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Auflage. Weiach 1972 – S. 93, Anmerkung 80)

Diese Anmerkung wurde auch in spätere Auflagen ab 2003 übernommen. Ich habe sie dort allerdings mit einem Fragezeichen versehen, weil diese Flugblattgeschichte keinen Sinn zu ergeben schien, denn Angriffsspitzen der französischen 1. Armee (Rhin et Danube) hatten ja erst kurz vor dem Kriegsende  unseren Abschnitt des Hochrheins erreicht (vgl. WeiachBlog Nr. 1504). Was sollten da an französische Soldaten gerichtete Flugblätter? Und wie waren die abgeworfen worden, wenn die deutsche Wehrmacht schon im Jahre 1944 grösste Mühe hatte, der alliierten Luftüberlegenheit auch nur ansatzweise etwas entgegenzusetzen (vgl. WeiachBlog Nr. 1639)? 

Deshalb habe ich sogar in Frage gestellt, ob diese «Propagandazettel wirklich aus der Luft abgeworfen und dann auf Weiacher Gebiet gefunden worden sind». (Fn-275 der 6. Auflage bis zur Version 6.35 v. März 2021, PDF 2.88 MB).

Soldatische Schützenhilfe für Zollinger

Der vorstehend angesprochene Tagebucheintrag findet sich in Bd. 3 unter dem 17. November 1939 und lautet wie folgt:

«Deutsche Flieger werfen auf Schweizergebiet Flugblätter mit französischem Text ab. Die franz. Soldaten werden darin gegen England aufgehetzt. Um 15.25 überfliegt eine deutsche Aufklärungsmaschine aus der Richtung Belchen kommend im Tiefflug ca 200 m Höhe unsere Stellungen. Da die ganze Kp. in diesem Momente mit Erdarbeiten und Abtransport [der Betonmaschine aus dem Kaibengraben nach Kaiserstuhl] beschäftigt war, konnte das Flugzeug von uns nicht beschossen werden. Die Maschine flog auf Schweizergebiet  Rhein aufwärts, stieg dann plötzlich in die Höhe als der Pilot das grosse Schweizerkreuz auf dem Kraftwerk Rheinsfelden erblickte. Im Hinterland sollen am gleichen Tage auf [recte: auch] Flugblätter abgeworfen worden sein, sodass angenommen werden muss, die Flieger haben sich durch das sehr schlechte Flugwetter verflogen.»

Der dazugehörende Wettereintrag: «Leichte Niederschläge. Aufhellung gegen Abend. Starker Wind.»

Darauf muss man auch erstmal kommen: Flugblätter, die über Frankreich (konkret wohl: dem Elsass) hätten abgeworfen werden sollen, fielen also u.a. in Weiach zu Boden! Da hatte sich jemand wirklich ziemlich heftig verflogen, möglicherweise abgetrieben durch den starken Wind. Immerhin: die «feindliche» Seite des Rheins hatte der «Propagandabomber» erwischt.

Diese Flugblätter waren offenbar Teil der psychologischen Kriegführung, die letztlich zur Vorbereitung des Blitzkriegs nach Westen (sog. Sichelschnittplan) diente. Dieser wurde dann ab dem 10. Mai 1940 unter Umgehung der Maginot-Linie über die Benelux-Staaten vorgetragen.

In diesem Fall kann man Zollinger also vollumfänglich rehabilitieren. Das Flugblatt im Ortsmuseum wurde tatsächlich von einem deutschen Flugzeug abgeworfen. Nur eben schon 1939!

P.S.: Ab der Version 6.36 vom April 2021 wird die Ortsgeschichte auf S. 79 diesen Zufallsfund rezipieren.

Quelle

  • Armeestab: Tagebücher der Stäbe und Einheiten (1939-1945). Gz Füs Kp I/269, Bd 1-11. Signatur: BAR E5790#1000/948#1871* (hier: Bd. 3, unpaginiert).

Samstag, 10. April 2021

Amerikanische Luftüberlegenheit 1944 aus deutscher Sicht

«Als Luftüberlegenheit wird der Grad an militärischer Kontrolle über den Luftraum über einem definierten Gebiet und eines bestimmten Zeitraums bezeichnet, der eigene Operationen ohne wesentliche Einwirkungsmöglichkeit eines Gegners ermöglicht. Vollständige Kontrolle über einen Luftraum wird als Luftherrschaft oder totale Luftüberlegenheit bezeichnet.» (Wikipedia-Artikel Luftüberlegenheit; wesentlich ausführlicher der Beitrag in der englischsprachigen Ausgabe Air supremacy)

Seit dem Zweiten Weltkrieg ist das Erringen einer Überlegenheit in der dritten Dimension das entscheidende Element in allen konventionell geführten Konflikten. Wer den eigenen Luftraum nicht kontrolliert, der kann am Boden praktisch keine Truppenbewegungen ausführen, ohne grosse Verluste zu riskieren. Deshalb ist es für eine Armee so wichtig, eine Luftwaffe zu haben, die auch wirklich etwas taugt. Sonst kann man die Bodentruppen auch gleich weglassen.

Jagd auf Eisenbahnzüge

Die Bedrohung aus der Luft wurde den Weiacherinnen und Weiachern vor allem 1944 eindrücklich vor Augen geführt:

Am 9. September 1944, zwei Monate vor der Bombardierung des Kraftwerks Eglisau bei Rheinsfelden (vgl. WeiachBlog Nr. 1617), griffen US-Jagdflugzeuge Eisenbahnzüge bei Rafz und Weiach an. Solche Angriffe waren für die Amerikaner je länger desto risikoärmer, denn: 

«Seit dem Februar [1944] beherrschen die Alliierten den Himmel über dem ganzen Reichsgebiet.» (Amerikanische «Luftgangster»? Weiacher Geschichte(n) Nr. 41. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, April 2003; Gesamtausgabe S. 85.)

Top-Piloten als letztes Aufgebot

Dass dem wirklich so war (also allierte Luftüberlegenheit herrschte), konnte man 2003 online erst vereinzelt lesen. Und vor allem in US-Quellen. Die Deutschen selber sahen das aber ähnlich, so u.a. das Flieger-As Günther Rall, der mit seiner Messerschmitt Me-109 an der Ostfront viele Luftkämpfe gegen sowjetische Piloten für sich entschieden hat:

«Im April 1944 wurde er, nunmehr im Rang eines Majors und mit 273 Luftsiegen zu diesem Zeitpunkt erfolgreichster Jagdflieger der Luftwaffe, zur Reichsverteidigung in den Westen beordert, wo er Gruppenkommandeur im JG 11 [Jagdgeschwader an der Nordsee] wurde. Am 12. Mai 1944 wurde er unmittelbar nach seinem 275. und letzten Luftsieg abgeschossen.»

Die Anmerkung zu diesem Abschnitt: «dabei kämpften 25 Flugzeuge der Luftwaffe gegen 900 schwere Bomber der US-Luftwaffe, geschützt durch 800 Jagdmaschinen.» (Interview Ralls mit der Süddeutschen Zeitung; SZ, 5. April 2009)

Auch wenn Rall, dem späteren Inspekteur der Luftwaffe der Bundeswehr, diese Zahlen erst durch seine NATO-Kontakte zur US Air Force bekannt geworden sein sollten: Die Überlegenheit muss schon damals deutlich fühlbar gewesen sein. Denn es war nicht nur die schiere Zahl an Flugzeugen. Auch ihre technischen Eigenschaften waren teils deutlich besser als die der deutschen Jagdmaschinen:

«Ende 1943/Anfang 1944 übertrafen die alliierten Jäger – vor allem die North American P-51 – die Flugleistungen der hauptsächlich eingesetzten Bf 109 G-6 erheblich. Die modernere Focke-Wulf Fw 190 wurde immer mehr eingesetzt, war aber in Höhen über 7000 m – zumindest bis zum Erscheinen der Fw 190 D Ende 1944 – den alliierten Jägern ebenfalls unterlegen.» (Wikipedia-Artikel Messerschmitt Bf 109).

Die P-51 Mustang war übrigens der Flugzeugtyp, der am 9. September beim Luftangriff auf Weiacher Gebiet zum Einsatz kam. 

«Total superiority of the air»

In einem aktuellen Quora-Beitrag von Peter Feigal, einem US-Künstler der auf Militärthemen spezialisiert ist, wird die ausweglose Lage der deutschen Kampfpiloten noch deutlicher:

«He [Rall] said he was a bit fatalistic about facing the American P-47’s and P-51’s but was a soldier and did his duty. His fears were justified when, after he had jumped one of Zemke’s Wolfpack’s P-47’s, (Rall always used the hit-and-run tactics, NEVER got into tight turning contests, had no use at all for “dogfighting” and taught all his students, including Barkhorn and Hartmann that “if they ever found themselves “dogfighting” they had done something majorly wrong,” and considering these were the three greatest aces in history, I believe he had a point,) shooting it down, he was instantly attacked by other P-47’s. Already diving on the attack, he had no choice but to continue down, but his 109 was a terrible diver/roller and no aircraft except perhaps a P-38 could out dive a P-47 and no plane except perhaps a FW 190 could out roll it. He took many hits, including, “a bit disconcertingly!” a .50 that severed his left thumb. He bailed out and survived, but was, thankfully, out of the action for good. He said it ultimately saved his life as the Allies had total superiority of the air and he doubted he could have survived many more encounters.» (Feigal, P.: Is it true that most Luftwaffe pilots would rather be sent to the Eastern Front than the Western Front? In: Quora.com, 7. April 2021)

Es kann also auch ein Glück sein, rechtzeitig abgeschossen zu werden, wie Rall am 12. Mai 1944. Denn eigentlich war der Kampf längst aussichtslos, wie Bob Smith in einem Kommentar zu Feigal klarmacht:

«The death of the Luftwaffe actually occurred on the Western front from late 1943 onward.»

Wenn also das Piloten-As Günther Rall noch ab April 1944 an der Westfront zum Einsatz kam, dann gehörte er buchstäblich zum letzten Aufgebot. Der Materialschlacht der Allierten konnte sein Jagdgeschwader nur noch wenig entgegenhalten.

Mittwoch, 7. April 2021

Die Alamannen siedelten sich erst zwei Jahrhunderte später an

Im blauen Büchlein (der sog. «Chronik») des 1986 verstorbenen Ortshistorikers Walter Zollinger findet man die folgende Passage zum Übergang der Herrschaft von den Römern auf die Alamannen, die später durch die Franken (ebenfalls ein Germanenstamm) abgelöst worden seien:

«Im Verlauf des 5. Jahrhunderts nach Christus wurde die Römerherrschaft durch die von Norden her vordringenden Germanenstämme abgelöst. Schon um 260 bis 300 verbreiteten diese sporadischen Alemanneneinfälle Angst und Schrecken unter der römisch-helvetischen Bevölkerung südlich des Rheines. Und als dann das Römische Reich durch innere Zwistigkeiten geschwächt und deshalb gezwungen war, die bei uns stationierten römischen Söldner zurückzuziehen, drangen die Alemannen endgültig bei uns ein und nahmen das Land in Besitz; dies geschah etwa 450 nach Christus. Bereits 496 schlug aber der aus dem Geschlechte der Merovinger stammende Frankenkönig Chlodwig (466 bis 511) die Alemannen und nun beherrschten er und seine Nachkommen unser Land.» (Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach, 1. Auflage. Weiach 1972 – S. 15)

An dieser Darstellung stimmt nach heutigen Erkenntnissen gleich einiges nicht, was hiermit richtiggestellt werden soll.

Eins muss man Zollinger zugutehalten. Er erweckt wenigstens nicht direkt (wie andere Autoren seiner Zeit) den Eindruck, dass anfangs des 5. Jahrhunderts ein «Alemannensturm» in Form eines Dammbruchs auf heute zürcherisches Gebiet erfolgt sei. Ein plötzliches, katastrophenartiges Einströmen mit anschliessender Besiedlung der eroberten Gebiete ist nämlich weder in den spärlichen schriftlichen Quellen noch in archäologischen Befunden festzustellen. Und zwar für keine Zeitperiode.

Helvetien ist nur zum Plündern gut

Was man nach heutigem Stand des Wissens sagen kann: 

1. In den Jahren ab 259 (Schlacht von Mediolanum, dem heutigen Mailand) gab es tatsächlich etliche grössere und kleinere Raubzüge von Alamannen, die teilweise weit ins Reichsgebiet vorgestossen sind. Helvetien war u.a. 277 betroffen. Diese Ereignisse haben die galloromanische Bevölkerung in unserer Gegend nachhaltig verunsichert und die bisher betriebene Latifundien-Landwirtschaft mit grossen Gutsbetrieben in etlichen Fällen zum Erliegen gebracht (vgl. dazu WeiachBlog Nr. 167). Dass der Schutz durch Grenztruppen wirklich effektiv war, darf für weite Zeiträume bezweifelt werden. 

2. Um das Jahr 300 (je nach Quelle: 298 oder 302) fand eine der grossen Schlachten der Römer gegen Alamannenheere in unserer unmittelbaren Nachbarschaft statt (vgl. Wikipedia-Artikel Schlacht von Vindonissa). Der siegreiche Kaiser Constantius I. konnte dadurch die Rheingrenze auf Jahrzehnte hinaus sichern.

3. Bis ins Jahr 378 gelang es den Römern, die Alamannen in ein Föderaten-Verhältnis zu manövrieren und sie damit teilweise zu neutralisieren. Den einen oder anderen Plünderungszug unternahmen sie dennoch.

4. Im Jahre 401 verlor unsere Gegend endgültig den Schutz durch die römischen Grenztruppen, der seit dem Ausbau der Verteidigungslinie Donau-Iller-Rhein (darunter der Wachtturm im Weiacher Hard) unter Kaiser Valentinian I. um 370 verstärkt worden war. Diese Preisgabe befahl der berühmte Magister militum (d.h. Heerführer) Flavius Stilicho (um 362 – 408) um gegen die Goten vorgehen zu können: 

«Weshalb die westgotischen foederati unter Alarich 401 Illyrien verließen und nach Italien zogen, ist nicht ganz geklärt. [...] Stilicho sah sich jedenfalls gezwungen, in großem Umfang Truppen von den Grenzen in Gallien und Britannien abzuziehen, um Alarich in Italien entgegenzutreten.» (Wikipedia-Artikel Stilicho)

5. Eine Art Dammbruch gab es im Jahre 406 tatsächlich. Nur eben nicht am Hochrhein. Eine grosse militärische Offensivaktion von Germanengruppen wurde (sehr wahrscheinlich zwischen Mainz und Worms) über den Rhein hinweg vorgetragen (vgl. den Wikipedia-Artikel Rheinübergang von 406). Die damals ins Römische Reich gelangten Kriegerverbände liessen sich nicht mehr vertreiben und verursachten in den Folgejahren mannigfaltige Probleme. So drangen beispielsweise die Wandalen 409 auf die iberische Halbinsel vor und setzten sich 429 in Nordafrika fest.

6. Bis ca. 430 sollen die Burgunden den Schutz der Grenze am Hochrhein noch aufrechterhalten haben.

7. Die gemäss Zollinger ab 450 erfolgte Landnahme der Alamannen in unserem Gebiet ist offenbar eher in westlicher Richtung (gegen die Franken) bzw. östlicher Richtung (gegen Noricum) erfolgt. Das erklärt auch, weshalb die Alamannen mit den Franken über Kreuz kamen, vgl. das nachstehende auführlichere Zitat aus dem Abschnitt Expansion und Unterwerfung des Wikipedia-Artikels Alamannen

«Ein Konflikt mit den benachbarten Franken führte nach Gregor von Tours irgendwann zwischen 496 und 507 zu entscheidenden Niederlagen der Alamannen gegen den fränkischen König Chlodwig I. aus dem Geschlecht der Merowinger. Dieser soll in Zusammenhang mit dem Sieg nach einer entscheidenden Schlacht den christlichen (katholischen) Glauben angenommen haben. Die Entscheidungsschlachten waren möglicherweise die Schlacht von Zülpich sowie die Schlacht bei Straßburg (506). Die nördlichen alamannischen Gebiete kamen dadurch unter fränkische Herrschaft. Der Ostgotenkönig Theoderich gebot der fränkischen Expansion zunächst Einhalt, indem er die südlichen Teile Alamanniens unter ostgotisches Protektorat stellte und Flüchtlinge der besiegten Alamannen unter seinen Schutz nahm. Aber schon 536/537 überließ der von byzantinischen Truppen bedrängte Ostgotenkönig Witigis dem Frankenkönig Theudebert I. unter anderem Churrätien und das Protektorat über "die Alamannen und andere benachbarte Stämme", um sich die Unterstützung der Merowinger zu erkaufen. Damit befanden sich alle Alamannen unter fränkischer Herrschaft.»

Hinweis: Die Machtübernahme durch die Franken in unserem Gebiet sieht das Historische Lexikon der Schweiz (HLS) bereits im Jahre 531 (vgl. unten). [Gemäss dem Artikel über die Burgunder (Burgundiones) im HLS besiegelte eine neuerliche Niederlage bei Autun im Jahre 532 ihr Schicksal]

8. Die Alamannen hatten es trotz allem nicht so mit dem Wandern. Sie siedelten nach der Aufgabe des Obergermanischen Limes (nach 260) im ehemaligen Dekumatland (südwestlicher Teil des heutigen Baden-Württemberg) und interessierten sich für das Gebiet südlich des Rheins nur insofern, als sie dort Plünderungszüge durchführten.

Herrschaftsverhältnisse zwischen 400 und 700 n. Chr.

Wie Renata Windler, Ressortleiterin Archäologische Projekte bei der Kantonsarchäologie Zürich, im Historischen Lexikon der Schweiz (e-HLS) schreibt, sei «über die politische Ordnung vom 5. bis 7. Jahrhundert [..] wenig bekannt. Nominell gehörte das Gebiet bis 476 zum weströmischen Reich und dürfte in den folgenden Jahrzehnten in den Besitz des Burgunderreichs gelangt sein, bis es 531 an das Merowingerreich überging, als dessen Amtsträger für das 6.-7. Jahrhundert alemannische Herzöge belegt sind.» (Artikel Zürich (Kanton), Abschnitt 1.2 Frühmittelalter, 1.2.2. Formen der politischen Ordnung und Christianisierung)

Was hier nur zwischen den Zeilen steht: In den spätantiken und frühmittelalterlichen Schriftzeugnissen aus dieser Zeit nach dem Abzug von 401 steht wenig, was für die regionale Siedlungsgeschichte sachdienlich wäre. Damit bleibt zur Gewinnung von gesicherten Erkenntnissen nur die archäologische Herangehensweise (im wesentlichen die Auswertung von Grabbeigaben), womit Windler genau die richtige Fachfrau für diese Zeitperiode ist.

Für unsere Zwecke kann festgehalten werden, dass die Franken (mit den Merowinger-Königen an der Spitze) in unserer Gegend zuerst dauerhaft Fuss gefasst haben. Die Alamannen kamen erst später ab dem Ende des 6. Jahrhunderts als Siedler in unser Gebiet, wahrscheinlich veranlasst durch ihre Führungsschicht. Das macht auch durchaus Sinn, wenn man den Einfluss der Burgunden und die gallorömisch geprägte Kultur in Betracht zieht. Was will ein Alamanne da?

Ins gleiche Horn stösst auch Lucie Steiner in ihrem Artikel über die Völkerwanderung (ebenfalls im e-HLS):

«Die ersten Zeugnisse für die Anwesenheit von Germanen im Mittelland tauchen ab dem 6. Jh. auf und werden mit Vertretern der fränk. Herrschaft in Zusammenhang gebracht (Basel-Bernerring, Elgg). Daneben behauptete sich die rom. Bevölkerung weiterhin, und zwar nicht nur in den befestigten Orten Kaiseraugst und Arbon, sondern auch auf dem Land (Galloromanen). Erst ab dem 7. Jh. tauchten im Mittelland vermehrt Gegenstände und Bräuche aus dem germ. Kulturkreis auf, als eine eigentliche alemann. Einwanderung einsetzte, die sich namentlich anhand reicher Grabfunde in einigen Kirchen wie Bülach und Altdorf (UR) feststellen lässt. Es handelt sich dabei um den Anfang eines jahrhundertelangen Prozesses, der zur Herausbildung einer überwiegend germ. Sprach- und Kulturregion führte (Deutsch).» (e-HLS, Artikel Völkerwanderung)

Romanische Kultur war noch zwei Jahrhunderte vorherrschend

Nach dem Abzug der römischen Grenztruppen blieb die galloromanische Bevölkerung noch für rund 2 Jahrhunderte weitgehend unter sich. Sie musste zwar mit Überfällen von Norden her rechnen und sicherte sich daher mit befestigten Plätzen ab (sog. Kastelle), scheint aber weitgehend sich selbst überlassen worden zu sein. Verwaltungspraxis, Kultur und Sprache blieben somit stark provinzialrömisch geprägt.

Es gibt zwar einige Beispiele für germanische Siedler aus dem 5. Jahrhundert. Diese sind jedoch nach Ansicht Windlers den Grenztruppen zuzuschreiben (limitanei genannt; vgl. auch WeiachBlog Nr. 1475):

«Einzelne archäologische Überreste germanischer Prägung der Zeit um 400 und möglicherweise auch die Gräber bei Flaach (um 450 bis um 500) sind noch in Zusammenhang mit der spätantiken Grenzsicherung durch germanische Stammesgruppen zu sehen.» (e-HLS, Artikel Zürich (Kanton), 1.2.1 Bevölkerung und Besiedlung). Diese Germanen waren aber keine Alamannen, denn sie sollten ja die Galloromanen gegen alamannische Übergriffe schützen. Für das ablehnende Verhältnis der Alamannen zu den provinzialrömischen Nachbarn, vgl. WeiachBlog Nr. 169

Dass es auch im Zürcher Unterland mehrere Ansiedlungen von Gallorömern ausserhalb explizit befestigter Plätze gegeben haben muss, zeigen die Siedlungsbezeichnungen, die auf «-acum» (bzw. heute «-ach») enden: bspw. Bülach, Embrach, Weiach und Windlach. Da diese Endung eine Hofstelle anzeigt (auf Weiacher Gebiet soll das Landgut des Veius gestanden haben), kann man daraus ableiten, dass sie alle mehrheitlich landwirtschaftlich geprägt waren.

Eher nebeneinander als miteinander

Ab etwa dem Jahr 600 sind vermehrt alamannische Gruppen eingewandert (wie oben erwähnt wohl unter dem Einfluss ihrer Führungsschicht). Ihre Sprache und Kultur unterschied sich nicht nur deutlich von der galloromanischen, sondern grenzte sich auch gegen diese ab. Unter den Galloromanen im Gebiet der heutigen Schweiz gab es bereits früh christliche Gemeinden, nicht so bei den Alamannen. 

Da die Neuzuzüger in ihrer überwiegenden Zahl ebenfalls landwirtschaftlich tätig waren, ist es nachvollziehbar, dass sie offensichtlich in etlichen Fällen eigene Siedlungen gründeten, deren Namen konsequenterweise nach germanischen (alamannischen bzw. fränkischen) Benennungskonventionen gebildet wurden.

An der Flurnamenlandschaft etlicher Gebiete in der heutigen deutschsprachigen Schweiz lässt sich ablesen, dass die romanische Kultur sukzessive verdrängt bzw. die Romanen majorisiert und dadurch alemannisch akkulturiert wurden (wie das heute auch mit den Rätoromanen passiert, wo jede(r) auch Deutsch spricht). So ist zum Beispiel der Walensee eigentlich der «Walchensee», also der See der Welschen (d.h. Romanen), da hinter ihm Rätien begann. Selbst ennet dem Hochrhein, im mittleren Schwarzwald, soll sich bis ins 9./10. Jahrhundert noch eine romanische Sprachinsel gehalten haben, die sog. Schwarzwaldromania.

Den umgekehrten Prozess der Anpassung der eingewanderten germanischen Burgunden an die zahlreichere Stammbevölkerung kann man in der Westschweiz feststellen, wo die burgundische Führungsschicht bald einmal romanische Bräuche und Sprache annahm.

Aber selbst in der Alamannia, dem Einflussgebiet der Alamannen war es nicht so, dass christliche Elemente vollständig abgelehnt wurden, so gibt es schriftliche und archäologische Hinweise auf Synkretismus, d.h. der Vermischung von christlichen und germanischen Religionsvorstellungen und -gebräuchen. 

Auch technische Errungenschaften der Römer nahmen die Alamannen an, jedenfalls soweit sie in ihre Lebens- und Wirtschaftsweise passten. So wurde bereits im 5. Jahrhundert eine Weiterentwicklung des Pfluges vorgenommen, die demjenigen in den provinzialrömisch dominierten Gebieten deutlich überlegen war (doch davon mehr in einem späteren Beitrag).

Quellen und Literatur

  • Windler, R.: Besiedlung und Bevölkerung der Nordschweiz im 6. und 7. Jahrhundert. In: Fuchs, K. (Hrsg.): Die Alamannen. Theiss, Stuttgart 1997 – S. 261-268.
  • Brandenberger, U.: Römische Gutshöfe in Helvetien um 260 n. Chr. zerstört. WeiachBlog Nr. 167 v. 20. April 2006.
  • Brandenberger, U.: Die Alamannen – ein Fall verfehlter Integration. WeiachBlog Nr. 169 v. 22. April 2006.
  • Steiner, L.: Völkerwanderung. In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 15. April 2015, übersetzt aus dem Französischen. Stand: 6. April 2021.
  • Windler, R. et al.: Zürich (Kanton). In: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 24. August 2017. Stand: 7. April 2021.
  • Brandenberger, U.: Zu Höhe und Besatzung der römischen Wachttürme am Hochrhein. WeiachBlog Nr. 1475 v. 16. Februar 2020.

Sonntag, 4. April 2021

Wie kam der Leuenchopf zu seinem Namen?

Facebook Messenger entpuppt sich als niederschwelliger Fragenbriefkasten. In der Nacht von Karfreitag auf Karsamstag erhielt der WeiachBlog-Redaktor auf diesem Weg von einem jungen Weiacher die nachstehende Frage:

«Wie ich weiss sind Sie der Dorfhistoriker von Weiach. Ich wollte Sie mal fragen wie der Löwenkopf in Weiach zu seinem Namen gekommen ist? Wissen Sie das?»

Ja, eine gewisse Ahnung hatte ich. Nachsehen in den Unterlagen lohnt sich aber auch hier. Deshalb sei diese Frage dem anonym bleiben Wollenden herzlich verdankt. Eine ausführlichere Antwort wird heute als Osterei allen Interessierten frei Haus geliefert.

Wie fast immer bei Fragen der Toponomastik (also der Ortsnamenkunde) liegt die Herkunft des Namens im Dunkeln. Aber es gibt immerhin Deutungen, was längst nicht bei allen Weiacher Flurnamen der Fall ist.

Vor den Toren von Kapstadt

Ein Namensvetter unseres Löwenkopfs, der aus touristischer Sicht der bekannteste Weiacher Hausberg sein dürfte, ist als Teil des Tafelberg-Massivs einer der Hausberge der südafrikanischen Metropole Kapstadt. Gemeinsam ist den beiden Felsformationen, dass man sie nur zu Fuss erreichen kann.

Für den 669 Meter hohen Löwenkopf bei Kapstadt ist die Herkunft des Namens bis ins 17. Jahrhundert rückverfolgbar. Die 1652 am Kap gelandeten Holländer nannten den Berg «Leeuwen Kop», entweder wegen der an einen Sphinx-Kopf erinnernden Form, oder weil dort damals tatsächlich Löwen anzutreffen waren (vgl. den Wikipedia-Artikel Lion's Head). In der Nähe der namibischen Hauptstadt Windhoek gibt es überdies einen Berg namens Löwenhaupt.

In der Schweiz ist der Name einzigartig (wie eine Suche in der Online-Datenbank ortsnamen.ch ergibt), auch sonst ist er im deutschsprachigen Raum selten: bei Wellheim im oberbayerischen Landkreis Eichstätt (auf halber Strecke zwischen Nürnberg und München) gibt es einen Aussichtspunkt mit diesem Namen.

Noch im 19. Jahrhundert unbekannt

Für den Weiacher «Leuenchopf», wie er auf Landeskarten neueren Datums offiziell genannt wird, oder «Löiechopf», wie man ihn in Flurnamenlisten findet, gibt es keinerlei Belege aus der Periode vor der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. 

So wird in der sogenannten Ortsbeschreibung Weiach, die in den Jahren 1850/51 von Mitgliedern des Weiacher Landwirthschaftlichen Vereins zusammengestellt worden ist, lediglich der Namen «Wörndel» erwähnt. Dass damit auch die Felsformation mit der prähistorischen Wall-Graben-Anlage gemeint war, ist anzunehmen.

Hedingers Deutung

Die älteste mir bislang bekanntgewordene Namensnennung datiert auf das Jahr 1937, als der Regensberger Regionalhistoriker Dr. h.c. Heinrich Hedinger folgende Beschreibung samt Erklärung publiziert hat: 

«Oben auf dem Wörndel mächtige Felskuppe, die vom Tale her aussieht wie ein Löwenkopf und auch so benannt wurde [...]»

Das Aussehen macht's. Also eine ähnliche Herleitung wie beim Kapstädter Pendant. Es ist denn auch bezeichnend, dass Hedinger diesen Satz einem touristischen Büchlein einverleibt hat: dem Wanderatlas der Zürcher Jllustrierten Nr. 10A. Zürich Nord-West (vgl. S. 76-77 im Original; rezipiert in: Weiacher Geschichte(n) Nr. 76, Gesamtausgabe S. 261).

In der Flurnamenliste von Lehrer Adolf Pfister (1936-1942 in Weiach), die mutmasslich in den ersten Jahren des 2. Weltkriegs erstellt worden ist (Teil des sog. Ortskundeordners im Archiv des Ortsmuseums) findet man ihn in Mundartform in der Notierung «Löiechopf». Da diese Liste lediglich Namen aufführt, gibt es jedoch keinen Hinweis auf den Ursprung.

Warum ein Löwe?

Dass es ein Löwe sein muss (und nicht sonst irgendein Tier), das hat wohl mit der Zugehörigkeit Weiachs zum zürcherischen Herrschaftsbereich zu tun. Denn der Löwe ist seit Jahrhunderten das Zürcher Wappentier. 1698 hat sich das in einer Karte niedergeschlagen hat, die in Form eines Löwenkopfes daherkommt (und wo Weiach Teil der Mähne ist, vgl. WeiachBlog Nr. 191).

Zollinger sieht's wie Hedinger

Walter Zollinger (1919-1962 Weiacher Lehrer), der als Ortschronist bekannte Kollege Pfisters, hat den Flurnamen in seiner lediglich als Typoskript vorliegenden Jahreschronik 1953 (Signatur: ZBZ Hs. G-Ch Weiach 1953) gleich zweimal erwähnt:

«Die Ueberreste von Refugien auf dem Wörndel (im Volksmund unserer Bewohner "Leuechopf" benannt), [...]» sowie:

«Zwei [..] hinter der "Fastnachtfluh" liegende Felskuppen erhielten ihres Aussehens wegen vom Volksmund die Namen "Güllefass" und "Leuechopf".»

Wie bei Zollinger üblich, wird die relative Lage von Ortsbezeichnungen vom Dorfzentrum aus beschrieben. Und er folgt für seine Erklärung der Namensherkunft derjenigen Hedingers, der für ihn auch sonst in vieler Hinsicht Vorbildcharakter hatte.

Zürcher Flurnamensammlung

Der Namenforscher Bruno Boesch hat 1958 von seinen Weiacher Gewährspersonen (u.a. der damalige Gemeindepräsident Albert Meierhofer-Nauer) die Form «Im Löiechopf» aufgenommen, die er überdies eng mit dem Flurnamen «Im Wörndl» verbindet und auf derselben Karteikarte Nr. 22 notiert hat (vgl. Eintrag bei Ortsnamen.ch).


(Quelle: StAZH O 471.1, Sammlung der Orts- und Flurnamen des Kantons Zürich, Belege 1951-1977)

Spätestens Mitte des 20. Jahrhunderts ist also diese Bezeichnung den Weiachern geläufig geworden. Wie man bei Boesch sieht, war aber den Alteingesessenen klar, dass der ursprüngliche Name «Wörndel» lautet. Auf seinem Plan macht es den Anschein, dass dieser Flurname direkt an der Felsnase hängt.

Früher war nur Wörndel Trumpf

Auf Landkarten des 19. Jahrhunderts sieht das allerdings anders aus. Bei der genauen Lokalisierung gerade dieser Flurnamen gibt es über die Jahrzehnte hinweg markante Verschiebungen.

Nach älterer Ansicht überstreicht der Wörndel eine Fläche, die bei Boesch mit der Bezeichnung «Winzlen» belegt wird. So bei der Wildkarte aus den Jahren 1843 bis 1865 (vgl. Abbildung unten), wie bei den davon abgeleiteten Ausgaben der Siegfriedkarte (ca. 1880 und ca. 1930), die auf maps.zh.ch einsehbar sind:

Der Leuenchopf hat das Szepter übernommen

Spätestens seit Boesch ist es nun so, dass der Wörndel sozusagen den Löffel abgeben musste. Das zeigt sich an neueren Verortungen der Swisstopo, wo der Wörndel vom Plateau verdrängt wurde und mittlerweile den Westabhang unterhalb des Leuenchopfs bezeichnet. 

Das Zürcher Amt für Raumentwicklung hat diese Sichtweise 1:1 übernommen und zeigt sie auf seinem aktuellen Vektor-Übersichtsplan (vgl. maps.zh.ch) so an:


Mit einem Augenzwinkern darf bemerkt werden, dass der Leu Vortritt bekommt, sei logisch, denn der Geodatenkatalog der Zürcher trägt ja auch den Namen «Geolion» (da ist der Löwe eingebaut). 

Auf einigen Karten des Bundesamts für Landestopografie (swisstopo) seit der Mitte der 1950er-Jahre ist es sogar so, dass es nur noch den Leuenchopf gibt.

Fazit: die rund 505 m ü.M. erreichende Felsformation hat dauerhaft den jüngeren Namen angenommen. Im swissNAMES3D (Geografische Namen der Landesvermessung) stehen die beiden Namen zwar einträchtig nebeneinander und beide werden als «offiziell» bezeichnet. Aber die neue Hierarchie ist klar.

Freitag, 2. April 2021

Tiefsitzende Angst, Jesus Christus und die Weiacher Hexen

Heute ist Karfreitag. Einer der höchsten Feiertage in christlich geprägten Gesellschaften. Gedacht wird an diesem Tag der Kreuzigung von Jesus Christus, dem abrupten brutalen Ende seines irdischen Daseins als Mensch aus Fleisch und Blut.

Was dieser symbolträchtige Tag ausgerechnet mit Hexen zu tun hat? Gar mit den fünf Frauen aus Weiach, die als solche denunziert, verhaftet, gefoltert, verurteilt und verbrannt worden sind? Darum soll es nachstehend gehen.

Gemeinsam ist Jesus und den Hexen, dass einflussreiche Kreise Angst vor ihnen hatten. Oder zumindest glaubten, Angst haben zu müssen. 

Jesus, die Pharisäer und Pilatus

Jesus war ein bunter Hund. Dazu noch einer der Klartext redete und damit zu viel Anklang bei den Leuten fand. Er fiel den Priestern negativ auf, da er unter anderem mit geschäftsschädigenden Forderungen Furore machte, man denke nur an die Episode, als er die Geldwechsler aus dem Tempel warf. Darüber hinaus bewirkte er Wunder mit Spontanheilungen von Kranken, mit der mysteriösen Vermehrung von Lebensmitteln, usw. usf. War er ein Zauberer? Das warf man ihm (zumindest offiziell) nicht vor.

Im Lukas-Evangelium (Lk 23,2-5) findet man die folgenden Anklagepunkte seitens der jüdischen Autoritäten: Jesus verführe das Volk. Er zahle dem Kaiser keine Steuern. Überdies behaupte er, er sei Messias und König. Also: Volksverhetzung, Steuerhinterziehung und Amtsanmassung.

Dann war da Pilatus. Der wusch bekanntlich seine Hände in Unschuld. Eigentlich wollte er diesen Jesus gar nicht verurteilen. Aber er hatte Angst. Angst vor der Reaktion derjenigen, die diesen Angeklagten verurteilt und beseitigt sehen wollten. Da passt man sich besser an, man will ja auch keinen Ärger mit den Vorgesetzten in Rom.

Dem spirituellen Machtvakuum zum Opfer gefallen

Bei den Hexenprozessen, die von Weiacher Boden ausgingen, war das in mancher Hinsicht ähnlich. Ein heiligenmässiges Leben wird diesen Frauen kaum zuzuschreiben sein. Aber sie waren negativ aufgefallen, waren oft Aussenseiter oder gehörten zu unterprivilegierten Familien. Und: sie lebten in einer Zeit des Umbruchs, die in Weiach überdies durch eine Art spirituelles Machtvakuum gekennzeichnet war. Wie kam es dazu?

Mit der Reformation, die spätestens zu Beginn der 1530er-Jahre umgesetzt wurde, verloren die Weiacherinnen und Weiacher die seelsorgerliche Betreuung. Sie waren beim Bibellesen weitgehend auf sich selber gestellt, oder konnten nur noch heimlich und gegen die obrigkeitlichen Weisungen aus Zürich in die Messe nach Kaiserstuhl oder Hohentengen gehen oder einen Priester treffen. 

Erst in den 1540ern erhielten die Weiacher neugläubige Prädikanten fix zugeteilt. Aber die wechselten oft (teilweise nach wenigen Wochen) und waren auch nicht in Weiach ansässig. Bis 1589 zählt man über 60 von ihnen! Und das in einer Zeit der Unsicherheit, des beschleunigten Wandels, der rasanten Überbevölkerung und der zunehmenden Streitereien im Dorf.

Die Suche nach Sündenböcken ging bei Problemen deshalb ungehindert vor sich. Denn es gab ja keine Obrigkeit vor Ort, die mitbekam, wenn sich die Weiacher in etwas hineinsteigerten, keinen, der ihnen bei Bedarf im persönlichen Gespräch und von der Kanzel herab auch ins Gewissen reden konnte. Deshalb ist es bezeichnend, dass vier der fünf als Hexen Hingerichteten in die Zeit fallen, als Weiach keinen bei Ihnen wohnhaften Pfarrer hatte.

Und selbst Ursula Baltassin, die fünfte als Hexe verbrannte Weiacherin, starb in einer Zeit, als Weiach keine stabile Persönlichkeit als spirituelle Stütze hatte: in der Amtszeit von Hans Lux Wydler (1609-1618). Da gab es bereits 1613 Klagen, er haushalte schlecht und 1614 musste er «wegen Exzessen» in Zürich vor dem Examinatorenkonvent, der kirchlichen Aufsichtsbehörde, antraben. 1618 schliesslich erstach er im Streit seine Ehefrau und flüchtete ausser Landes.

Die Gerichtsherren fanden sich in einer ähnlichen Lage wie weiland Pilatus. Wenn es vor Ort Probleme gab und in Weiach zu deren vermeintlicher Lösung der Kopf einer Hexe gefordert wurde, dann gaben die Behörden in Kaiserstuhl und Zürich gerne einmal nach. Aus Angst vor dem Verlust der Kontrolle in der Grenzgemeinde. Und wohl auch aus Konkurrenzdenken. Denn keiner konnte es sich leisten, vor den Untertanen als Schwächling dazustehen. Ob sie letztlich an Hexerei glaubten oder nicht, ist völlig irrelevant. Es ging primär um Fragen des Machterhalts.

Wir haben die Verantwortung

Und was heisst das jetzt für uns? Wir leben genauso in Zeiten wachsender Unsicherheit. Die Welt gerät aus den Fugen. Alles scheint verrückt geworden zu sein. Regierungen versuchen die Kontrolle zu behalten. Nicht nur bezüglich aus dem Ruder laufender Gesundheitsrisiken. Nein, es geht auch in vielen anderen Bereichen um Deutungshoheit und letztlich um den Machterhalt.

Wir brauchen keinen Gemeinderatsbeschluss, der diese Justizmorde anerkennt. Oder einen feministischen Abendspaziergang zum Gedenken an die fünf eingangs genannten Opfer. 

Nein, die Weiacher Opfer des Hexenwahns sollen jede und jeden von uns immer wieder von neuem daran erinnern, wie schnell wir doch bereit sind, unsere eigenen Dämonen und Ängste auf andere zu projizieren. Daran, wie schnell wir geneigt sind Sündenböcke zu suchen und abstrafen zu lassen.

Wenn wir daraus unsere Lehren für den Alltag ziehen, dann sind diese fünf Frauen wenigstens nicht umsonst gestorben. 

Frohe Ostern!

[Veröffentlicht am 3. April 2021 um 00:37 MESZ]

Montag, 29. März 2021

Politikabstinenz. Eine Mitteilung des Wiachiana-Verlags

Heute um 14:22 wurde die nachstehende Mitteilung in eigener Sache auf der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» veröffentlicht:

In den letzten Monaten sind auf WeiachBlog mehrere Beiträge erschienen, die als unzulässige einseitige Einmischung in innere Angelegenheiten der in Weiach Wohnenden empfunden werden können. 

Es wurde der Vorwurf laut, der Chronist lasse es an der für diese Funktion nötigen Neutralität mangeln. Ja, es wurde ihm Spalterei und Hetze vorgehalten.

Damit sich die Wogen wieder glätten können und Drittpersonen nicht in Schwierigkeiten geraten, habe ich mich entschieden, ab sofort keine aktuellen politischen Themen mehr aufzugreifen, weder auf WeiachBlog noch in dieser Facebook-Gruppe.

So ist garantiert, dass sich niemand über mangelnde Neutralität ärgern muss.

Ich wünsche der Gemeinde bei der Bewältigung der bevorstehenden Herausforderungen (Einheitsgemeinde, Bauvorhaben auf dem Campus Hofwies, Weiterentwicklung, etc. pp.) viel Glück und Gottes Segen.

Ulrich Brandenberger

Freitag, 26. März 2021

Ein Zebra einsperren?

Derzeit kursiert in den Social Media ein regierungskritischer Witz in einem Stil, wie er weiland zu Zeiten der DDR oder der Sowjetunion hinter vorgehaltener Hand gepflegt wurde:

Parmelin und Berset sitzen im Bundeshaus-Restaurant und haben es sichtlich lustig. Ein Journalist, der das mitbekommt, geht auf die beiden zu und fragt, was sie denn so erheitere. «Wir planen die Massnahmen für die nächste Welle», erklärt Berset. «Darf man fragen, wie die aussehen?», antwortet der Journalist. «Mais bien sûr», antwortet Parmelin, «wir werden 8,5 Millionen Menschen und ein Zebra einsperren!» -- «Aber warum denn ein Zebra?», fragt der Journi entgeistert. Da klopft Berset dem Parmelin auf die Schulter und sagt: «Siehst Du, es funktioniert! Keiner interessiert sich für die 8,5 Millionen!»

In Abwandlungen mit angepassten Zahlen und anderen politischen Akteuren gibt es den Witz gegen die Corona-Massnahmen auch für Deutschland (mit Spahn und Lauterbach) und Österreich (mit Anschober und Kurz). Eine Schweizer Variante findet man auf dem Twitter-Auftritt des Weiacher Imageberaters Hanspeter Bühler.

Aufmerksamkeitssteuerung

Die Promoter der Campus Hofwies-Ideologie wenden im Kern genau diese Zebra-Taktik an. Die Aufmerksamkeit wird gezielt umgelenkt. Beispiel gefällig?

Von den Steuerzahlern in Kaiserstuhl und Fisibach, die nicht ihren fairen Anteil an den Kosten der Weiacher tragen müssen (nur maximal 85% der Vollkosten, vgl. WeiachBlog Nr. 1631), wird geschickt abgelenkt. Wie? Indem man ein grosses Geschrei erhebt, es sei unfair, die Kaiserstuhler und Fisibacher Kinder (!) für die höheren Kosten des Schulbetriebs in Weiach verantwortlich zu machen. 

Warum man nicht die Erklärung brachte, die am Gemeindeversammlungsabend im Ebianum gegeben wurde? [Die war, nur damit das hier festgehalten ist, dass die massive Erhöhung des Steuerfusses der Primarschulgemeinde um 12% auf die vor Abschluss des Schulanschlussvertrags angefallenen Kosten der Schulhaussanierung (weinrote Hülle des Schulhauses von 1976) und den Neubau des Kindergartens Farbtupf zurückzuführen sei.] 

Ganz einfach: diese Erklärung hat keinen emotionalen Wert. Kinder hingegen (oder eben Zebras) wecken die Emotionen. Und werden geschickt instrumentalisiert. 

Gefühle sind das A und O

Als netter Nebeneffekt brauchte die Schulpflege auf die sachlich einzig gerechtfertigte Forderung: «Die Behauptung der Projektgegner [von Balance] bedarf einer transparenten Überprüfung», wie sie zuerst der Kaiserstuhler Stadtammann Ruedi Weiss geäussert hat (ZU, 12.9.2020, vgl. Quellen), erst gar nicht mehr einzugehen.

Denn für die in Fisibach am 16. März 2021 mehrheitlich anwesende Klientel geht es nicht um Zahlen, sondern primär um Gefühle. Die wurden an diesem Abend auch perfekt orchestriert bedient.

Als Tüpfli auf dem i musste Eusi-Schuel-Stratege Frank Lehmann nur noch die im abendlichen In-Fight im Ebianum gefallene Aussage «Das lässt mich kalt» des zum Lord Voldemort von der Fasnachtsflue hochstilisierten Hauptinitianten Werner Ebnöther emotional wirken lassen und schon war die Frontstellung klar und das Ziel der Fangemeinde deutlich vor Augen geführt.

So gesehen ist das Resultat der Abstimmung über die Kündigungsinitiative keine Überraschung, umso weniger als viele Weiacherinnen und Weiacher, die die Vorlage befürwortet hätten, der Gemeindeversammlung fernblieben. Sei es aus Protest gegen den Tagungsort, Angst vor Corona, oder aus welchen Gründen auch immer.

P.S.: Mit Zebras ist nicht zu spassen

Die Wirkmacht von Zebras kennt die Weiacher Gemeindepolitik übrigens aus jahrelanger eigener Erfahrung. 

Als der Kanton 2009 die Zebrastreifen über die Stadlerstrasse entfernte, da regte sich hartnäckiger Widerstand. Besonders die Eltern schulpflichtiger Kinder gingen auf die Barrikaden. Denn, so ihre Vorstellung: Nur auf einem Zebrastreifen ist mein Kind sicher! Da konnte der Gemeinderat argumentieren wie er wollte. Auch der Kanton und all seine Verkehrsfachleute bissen bei den Zebra-Aktivisten auf Granit. Und sie trugen den Sieg davon. Seit 2013 gibt es die Zebrastreifen wieder und der Kanton zahlte laut den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach sogar dafür! (Vgl. Weiterführende Beiträge unten)

Federführend bei diesem zähen Ringen war übrigens eine Gruppierung namens F.O.R.U.M Weiach, gegründet am 27. Oktober 2007 (vgl. WeiachBlog Nr. 551 bis 553). Sie ist so etwas wie eine ältere Schwester des Familienvereins Weiach (gegr. 2019) oder der IG Eusi Schuel (gegr. 2021). In dieser Gruppe wurde der Zebra-Kampf vorbereitet und geführt.

Mit den Zebraisten musste man rechnen. Sie als Gegner zu haben? Sehr dumme Idee, da konnte man als Gemeindepolitiker nur verlieren. Also wurden sie integriert (um es nicht gleich «kooptiert» zu nennen). Mit Andy Brüngger (Gemeinderat) und Carlo Losurdo (RPK) sitzen heute gleich zwei dem F.O.R.U.M. zuzurechnende Personen an den Schalthebeln der Macht.

Ein Zebra einsperren? Das will gut überlegt sein. Es sei denn, man will es sowieso zu Tisch bitten.

Quellen und weiterführende Beiträge
  • Brandenberger, U.: «Zebrastreifen braucht es hier nicht». WeiachBlog Nr. 750 v. 22. Januar 2010.
  • Brandenberger, U.: Wenn Volkes Stimme Fussgängerstreifen fordert. WeiachBlog Nr. 1135 v. 10. Mai 2013.
  • Abazi, A.: Schule Weiach plant grenzübergreifend. In: Zürcher Unterländer. 12. September 2020 – S. 5.

Montag, 22. März 2021

Stimmrechtsbeschwerde gegen Abstimmungen im Ebianum

Am 16. März 2021 fand die wohl erste exterritoriale Weiacher Schulgemeindeversammlung statt (vgl. WeiachBlog Nr. 1622). Coronabedingt in einem Saal, der grössere Kapazität hat als der Gemeindesaal unter der Weiacher Turnhalle oder die Turnhalle selber: dem grossen Saal des Ebianum in Fisibach.

Die nachstehenden Erörterungen enthalten Überlegungen, die letztlich auch auf andere Gemeindeversammlungen zürcherischer Gemeinden ohne Parlamentsbetrieb anwendbar sind. Sie zeigen Sicherheitslücken auf und machen Vorschläge für deren Behebung. Deshalb werden in der Folge auch Details aufgeführt, die den an dieser Gemeindeversammlung Anwesenden wohlbekannt sind.

Der Standort und die Sitzanordnung

Der erwähnte grosse Saal nimmt unter normalen Bedingungen mehr als 700 Personen auf. Mit dem von der Betreibergesellschaft aufgestellten Schutzkonzept, das einen Abstand von 1.5 Metern von Sitz zu Sitz verlangt, sind es weniger als 300. Das reichte gerade aus, um die 276 Personen aufzunehmen, die an diesem Dienstagabend nach Fisibach gekommen waren. 

Die Sitzreihen für die nach offiziellen Angaben 240 anwesenden Stimmberechtigten waren in sechs Sektoren unterteilt, für die je ein Stimmenzähler zuständig war. Dahinter sassen die Nichtstimmberechtigten in zuerst drei, danach - als es für die Stimmberechtigten nicht mehr ausreichte - noch zwei Reihen. Es gab keine Barriere welche die Nichtstimmberechtigten von Stimmberechtigten trennte.

Rechts auf der Seite waren Plätze für die Medien (nicht stimmberechtigt) ausgeschieden. Vorne links war das Schulbüro platziert, in der Mitte die Rednertribüne, rechts davon der Tisch der Schulpflege (stimmberechtigt).

Die behandelten Geschäfte

Zwei Geschäfte standen auf der Traktandenliste: 1. die Initiative zur Kündigung der RSA-Anschlussverträge mit den Aargauer Gemeinden Kaiserstuhl und Fisibach, sowie 2. ein Kredit über 395'000 Franken für die Planung und sog. Totalunternehmer-Submission neuer Schulräumlichkeiten.

Beide Geschäfte (die sachlich eng miteinander verknüpft sind) waren stark umstritten und haben Anlass zu einer in der Gemeindegeschichte bisher beispiellosen Politmarketing-Kampagne gegeben, vgl. WeiachBlog Nr. 1630. Wie man anhand der grossen Zahl an Anwesenden (die rund 20% aller Stimmberechtigten entspricht) feststellen kann, war die Mobilisierungswirkung gross.

Der Antrag der Rekurrentin

Innerhalb der für Stimmrechtssachen nach dem zürcherischen Verwaltungsrechtspflegegesetz (Art. 19 Abs. 1 lit. c VRG) gesetzlich vorgesehenen Frist von 5 Tagen (vgl. § 22 Abs. 1 VRG) hat nun eine Stimmberechtigte Rekurs beim Bezirksrat Dielsdorf eingereicht (der zuständigen Behörde gemäss § 10 Abs. 1 BezVG). Das entsprechende Schreiben sowie eine Aufgabebestätigung der Schweizerischen Post vom Samstag liegen der Redaktion WeiachBlog in Kopie vor. 

Die Rekurrentin, welche mit den Initianten des Traktandums 1 nichts zu tun hat, beantragt die Wiederholung der Gemeindeversammlung bzw. der beiden Abstimmungen. Dies begründet sie im Wesentlichen damit, dass keine genügende Überprüfung der Stimmberechtigung stattgefunden habe.

Das Anmeldeformular

Im Vorfeld der Schulgemeindeversammlung war auf der Website der Schule ein elektronisches Anmeldeformular aufgeschaltet, das vorerst den Anschein machte, als gebe es eine Anmeldepflicht (ein Eindruck, der durch den bei solchen Formularen üblichen Hinweis auf Pflichtfelder verstärkt wurde). Nach Intervention einer Stimmberechtigten (mit der späteren Rekurrentin nicht identisch) brachte die Schulverwaltung oberhalb des Formulars einen Hinweis an, wonach Stimmberechtigte selbstverständlich auch ohne Anmeldung erscheinen dürften. Man sei einfach froh um eine Anmeldung, weil man so die Transportkapazität des eigens bestellten Shuttlebusses sowie die Zahl der zu betreuenden Kinder im Voraus planen könne.

Der Knackpunkt: Mangelhafte Einlasskontrolle

Weiach ist in den letzten zehn Jahren extrem stark gewachsen. Die Bevölkerung hat sich verdoppelt. Noch in den 80er- oder 90er-Jahren wären Nichtstimmberechtigte (auch in kleinerer Zahl) an einer Gemeindeversammlung sofort aufgefallen, zumal dort immer in etwa dieselben Personen aufzutauchen pflegen. Mit dem gewaltigen Zuwachs an neuen Stimmberechtigten ist es nun aber sehr viel schwieriger geworden, die Stimmberechtigung sozusagen per Augenschein festzustellen. Die obligate Frage des Versammlungsleiters, ob die Stimmberechtigung eines Anwesenden bestritten werde, wird daher immer illusorischer, denn es will sich ja niemand blamieren und einen Neuzuzüger zu Unrecht beschuldigen.

Die Mobilisierungswirkung der IG Eusi Schuel hat sich auf alle Eltern mit schulpflichtigen Kindern erstreckt. Auch viele tatsächlich stimmberechtigte Personen dürften in Weiach zum ersten Mal an einer Gemeindeversammlung teilgenommen haben.

Es stellt sich daher die Frage, wie die Stimmberechtigung überprüft wurde. Am Abstimmungsabend waren im Erdgeschossbereich des Ebianums zwei Tische aufgebaut, wo je eine Person anhand der Anmeldungslisten das Eintreffen der Stimmberechtigten erfasste. Wer nicht angemeldet war, wie beispielweise die Rekurrentin sowie deren Mutter, wurde lediglich nach dem Namen und einer Telefonnummer gefragt. Es fand also die in Pandemiezeiten üblich gewordene Erfassung zwecks Contact Tracing statt. Ein amtlicher Ausweis zur Identitätsüberprüfung wurde nicht verlangt.

Für die Rekurrentin (und eine weitere mit ihr nicht verwandte Person, die zu einem anderen Zeitpunkt erschienen ist) war nicht ersichtlich, dass eine eigentliche Überprüfung der Stimmberechtigung durch sofortigen Abgleich mit dem Stimmregister stattgefunden hätte. Diese konnte somit lediglich für die bereits vorgängig angemeldeten Personen erfolgt sein, wenn überhaupt. Es entstand für die Rekurrentin der Eindruck, dass hier jedermann hätte hereinspazieren und anschliessend als Stimmberechtigte(r) in den Saal gehen können.

Anders als bspw. bei Delegiertenversammlungen politischer Parteien üblich, oder wie bei einer Urnenabstimmung im Abstimmungslokal hatten die Stimmberechtigten überdies auch keine Stimmrechtskarten zur Verfügung, die ein weiteres Element der Legitimation hätten sein können.

Im oberen Stock des Ebianums, wo sich der grosse Saal befindet, wurden Nichtstimmberechtigte in den hintersten Teil des Saales verwiesen. Mangels Stimmrechtskarten o.ä. konnten die Platzanweiser am oberen Ende der Treppe jedoch nicht mit Sicherheit feststellen, welcher Kategorie die eintreffende Person zuzuweisen ist. Man vertraute ganz einfach darauf, dass sich schon niemand unlauter verhalten werde.

Es ist daher nachvollziehbar, dass die Rekurrentin den Verdacht hegt, es könnte hier einiges nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.

Wie wahrscheinlich ist es, dass das Ergebnis beeinflusst wurde?

Man wird sehen, wie der Bezirksrat im Falle dieses Rekurses den § 27b VRG interpretiert, der da lautet: «Die Wiederholung einer Volkswahl oder Volksabstimmung wird nur dann angeordnet, wenn Gründe für die Annahme bestehen, dass die Unregelmässigkeit den Ausgang der Wahl oder Abstimmung mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat

Das Resultat der Abstimmung beim Traktandum 1 fiel mit 69 Ja zu 159 Nein vordergründig sehr deutlich aus (Ja-Anteil von 28.75% der anwesenden Stimmberechtigten), was die Initiativgegner zur Bemerkung veranlasst hat, die Initianten seien mit ihrem Vorhaben «kläglich gescheitert» (vgl. Website der IG Eusi Schuel).

Rechnen wir nach: Ausgehend von 240 durch die Versammlungsleitung als Stimmberechtigte ausgewiesenen Personen im Saal ergibt sich die Zahl von 12 impliziten Enthaltungen. Diese Enthaltungen können dadurch verursacht worden sein, dass die vom Wortführer der Initianten am Schluss seines Eintretensvotums verlangte Geheimabstimmung nicht die erforderliche Stimmenzahl von 25% der anwesenden Stimmberechtigten erreicht hat. 

Der Umstand, dass viele Initiativbefürworter offensichtlich nicht begriffen haben, wie wichtig eine Geheimabstimmung im Rahmen der Gemeindeversammlung für die Erzwingung einer Urnenabstimmung gewesen wäre, das war das grosse Glück der Phalanx der Initiativgegner. Mit anderen Worten: der Ausgang war wesentlich knapper als es den Anschein macht.

Denn: etliche Befürworter, die sich in Abhängigkeitsverhältnissen zur politischen Gemeinde oder der Schulgemeinde, bzw. zu Personen befinden, von denen bekannt war, dass sie Gegner der Initiative sind oder sein dürften, haben sich dadurch nicht getraut, mit JA zu stimmen oder sahen sich gar genötigt, mit NEIN zu votieren, weil sie sonst mit Schwierigkeiten bis hin zur Entlassung rechnen müssten.

[Ergänzung vom 22.3. 21:15: Seitens einer Exponentin der IG Eusi Schuel wurde der Redaktor darauf hingewiesen, dass es auch den umgekehrten Fall gebe. Stimmberechtigte, die Angst davor hatten, einem der Initianten durch ein NEIN-Votum negativ aufzufallen und von diesem in der Folge keine Aufträge mehr zu erhalten. Die hätten dann mit JA gestimmt. Auch eine Verfälschung der Willensäusserung in diese Richtung ist selbstverständlich nicht auszuschliessen.]

Die verhinderte Urnenabstimmung

Geht man nun von lediglich sechs Stimmenden aus, die entgegen ihrer eigentlichen Intention mit NEIN gestimmt haben, und zählt man die Hälfte der Enthaltungen dazu, dann wäre bereits ein Quorum von mehr als einem Drittel der anwesenden Stimmberechtigten überschritten (d.h. mind. 81). Das hinwiederum wäre die für eine Urnenabstimmung nötige Anzahl gewesen.

Es kann also sein, dass wenige Nichtstimmberechtigte im Saal, z.B. interessierte Eltern aus Fisibach, die unberechtigterweise mit NEIN gestimmt haben, den Ausgang der Abstimmung so beeinflusst haben, dass dadurch dem Wortführer der Initianten das Begehren, darüber abstimmen zu lassen, ob eine Urnenabstimmung durchgeführt werden soll, von vornherein als sinnlos erschien. 

Wie man bei der Abstimmung über das Grossbauprojekt Balance gesehen hat (vgl. WeiachBlog Nr. 1535), unterliegen jedoch Urnenabstimmungen insbesondere in dieser Angelegenheit nicht den bei Gemeindeversammlungen mit offenem Handmehr wirkenden Psychodynamiken. 

Ausserdem hätte die Initiative in der Urnenabstimmung mit der dort möglichen Briefwahl nur schon deshalb wesentlich grössere Chancen gehabt, weil viele als Initiativbefürworter bekannte ältere Personen sich aufgrund der Corona-Empfehlungen aktuell nicht trauen, Grossveranstaltungen zu besuchen, wie sie eine Gemeindeversammlung mit über 250 Teilnehmern nun einmal darstellt.

Da die Schulpflege dies wusste, kommt ihr Entscheid, trotz den gegebenen Umständen einer besonderen Lage durch die Pandemie, nicht nur eine Gemeindeversammlung durchzuführen, sondern sie noch dazu in Fisibach stattfinden zu lassen, einer nicht legitimen Beeinflussung der Zusammensetzung des Elektorats gleich.

Leserkommentare per e-mail

Am 23. März um 15:13 ist folgender Text eingegangen (e-mail-Adresse der Redaktion bekannt):

«Ich kann diesen Artikel nur bestätigen und wie folgt ergänzen:

Vor mir sassen mehrere Leute die im Gespräch ihre Herkunft nicht preisgeben wollten. Ebenfalls warf das Bild, bei dem Weiacher und Aargauer Kinder weinend getrennt wurden ein falsches Licht auf die Vorlage. Die von der RPK präsentierten Zahlen lassen sich für mich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Fisibach als Beispiel konnte die Steuern um 3% senken, die Zahlen von Kaiserstuhl blieben für mich unter Verschluss. Was ist die Begründung dass Weiacher Steuergeld in Millionenhöhe bisher und zukünftig in den Nachbarkanton verschleudert werden? Dass Weiach sogar finanziell durch die Nachbargemeinden Profit mache ist eine klare Lüge. Ich bin sehr gespannt auf das Resultat der Stimmrechtsbeschwerde. Eine Urnenabstimmung hätte wohl ein anderes Resultat bewirkt. Eine Überprüfung der Teilnehmerliste würde vermutlich ebenfalls Ungereimtheiten zu Tage fördern

Gruss weiacher1291»  -- Update 23.3. 17:44