Mittwoch, 11. September 2019

Weiach war 1949 gegen die Rückkehr zur direkten Demokratie

Der 11. September scheint es in sich zu haben. An diesem Tag werden Weichen gestellt. So 1973 in Chile, als Salvador Allende weggeputscht wurde. Aber auch 2001 in den USA und 1949 bei uns.

9/11

Heute vor 18 Jahren. Schauplatz: Prizren, KFOR-Camp VJ. Da sass ich abends kurz vor Lokalschliessung um 23 Uhr in einer sogenannten Betreuungseinrichtung der deutschen Bundeswehr mit dem etwas schrägen Namen «Unterm Abflussrohr» und sah mir die in Endlosschleife gesendeten Bilder der zusammenstürzenden Twin Towers an. Die meisten Menschen, die heute über 30 sind, erinnern sich noch genau, was sie damals taten, an diesem 11. September 2001, als sie von den fatalen Ereignissen hörten.

Mein ingenieurtechnisches Entsetzen über diesen Einsturz war fast noch grösser als die düsteren Überlegungen, wozu dieses Ereignis, «an act of war», wie sich der US-Präsident ausdrückte, in der Weltgeschichte noch führen würde. Denn bisher hatte ich zwar schon von etlichen Hochhausbränden gelesen und gehört. Aber noch nie von einem Wolkenkratzer, der als Folge eines Brandes eingestürzt wäre. Ein fataler Fehler in den Berechnungen der Ingenieure, die WTC 1 und 2 konzipiert hatten? Wie konnte das passieren?

In den nächsten Tagen war bei der KFOR Ausnahmezustand, weil der NATO-Bündnisfall nach Art. 5 ausgerufen worden war (vgl. Wikipedia-Artikel Bündnisfall). Und in den nachfolgenden Jahren haben wir alle erleben können, wie der Autoritarismus - heute mit den Worten «das ist alternativlos» verkleidet - weltweit alles in seinen Würgegriff genommen hat.

Direkte Demokratie

Heute vor 70 Jahren dürfte das Entsetzen spätabends auch im Bundeshaus zu Bern gross gewesen sein. Das Undenkbare war eingetreten. Die Stimmbürger hatten dem seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs umfassenden Vollmachtenregime des Bundesrates die rote Karte gezeigt. Das Verdikt war klar: die Volksinitiative «für die Rückkehr zur direkten Demokratie» war mit knapper Mehrheit angenommen worden.

Ein fataler Fehler im vorangegangenen Propagandafeldzug? Denn im Vorfeld der Abstimmung war der Bundesrat nicht müde geworden zu betonen, es sei in diesen Zeiten schlechterdings unmöglich, die Schweiz zu regieren, ohne über die gewohnten, quasi diktatorischen Vollmachten zu verfügen. Und dann so etwas. Ein - sinnigerweise von eher als demokratiefeindlich einzustufenden Kreisen aus dem Waadtland lanciertes - Volksbegehren erklärt das Volk wieder zum Souverän. Wie es die Intention bei der Gründung des Bundesstaats im 19. Jahrhundert gewesen war.

Weiach stramm auf der Vollmachten-Linie

Diese denkwürdige Volksabstimmung vom 11. September 1949, die 148. Vorlage über welche die Schweizer auf Bundesebene abgestimmt haben (vgl. Swissvotes.ch), ist jedenfalls nicht wegen den Weiachern angenommen worden. Die damals 190 Stimmberechtigten, von denen 134 zur Urne gingen (Stimmbeteiligung: 70.5 % !!) haben es nur mit 21.7 % Ja bedacht. Von 120 gültigen Stimmzetteln zeigten 94 ein Nein und nur 26 ein Ja. Damit war Weiach im Bezirk Dielsdorf  (29.9 % Ja) in bester Gesellschaft und hat sich auch nicht von den übrigen ländlichen Gebieten des Kantons abgehoben. Die Städte hingegen waren eher für die direkte Demokratie, wie man der Karte entnehmen kann (Daten für die Kantone Aargau und Fribourg fehlen):


Nur die Migros-Partei war für die Volksinitiative

Man sieht, dass es in ländlichen Gebieten keineswegs klar war, wie die Abstimmung ausfallen würde, so z.B. in den Kantonen Glarus oder St. Gallen.

Über alles gesehen war das Volksvotum nicht auf der Linie der Parteien. Für ein Ja hatte sich nur der Landesring der Unabhängigen (die von Gottlieb Duttweiler gegründete Partei) ausgesprochen, die damals gerade einmal 4.4% aller Wähler auf sich vereinigen konnte. CVP, FDP und die heutige SVP (damals im wesentlichen die Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei BGB) waren dagegen. Ja selbst die Sozialdemokraten und die Partei der Arbeit (PdA) votierten gegen die Volksinitiative. Also nicht nur ein Nasenstüber für den Bundesrat.

Dass der LdU für die direkte Demokratie war, ist kein Wunder. Denn das Vollmachtenregime hat der Migros grosse Steine in den Weg gelegt, z.B. mit dem Warenhausbeschluss vom 14. Oktober 1933, der klar verfassungswidrig war, da er sich letztlich gegen die Handels- und Gewerbefreiheit richtete. Dieser Beschluss verfügte «für alle Warenhäuser, Einheitspreisgeschäfte und Ladenketten das Verbot, neue Geschäfte zu eröffnen oder bestehende Geschäfte zu erweitern.» (vgl. Wild, R.: Auf Schritt und Tritt. Der schweizerische Schuhmarkt 1918–1948. NZZ Libro. Basel 2019 - S. 80-81).

Extreme Unterschiede bei der Stimmbeteiligung

Erstaunlich ist die durchweg extrem hohe Stimmbeteiligung im Kanton Zürich. Noch in den beiden roten Laternen (Langnau am Albis und Oberengstringen mit je 54.3%) ging über die Hälfte der Berechtigten zur Urne.

Bemerkenswert sind besonders die Unterschiede zwischen den Kantonen. In anderen Landesgegenden gab es nicht nur etliche Gemeinden, deren Stimmbürger die Abstimmung fast geschlossen boykottiert haben, so z.B. das Gotthelf-Dorf Lützelflüh im Kanton Bern mit 6.7 % (83 von 1244 Berechtigten). Auch der restliche Kanton Bern war eher desinteressiert (Stimmbeteiligung: 20.4 %), nur im heutigen Kanton Jura war die Beteiligung signifikant höher und dort war die Bevölkerung auch ganz deutlich für die direkte Demokratie (vgl. die grün eingefärbten Gebiete).

Diese extremen Unterschiede haben sich natürlich auch auf das Volksmehr ausgewirkt: der Kanton Zürich, wo damals 16.7% aller Stimmberechtigten wohnten, stellte an diesem Abstimmungstag mehr als ein Viertel (27.8%) aller abgegebenen Stimmen.

Ist direkte Demokratie gefährlich?

Fragt man heutige deutsche Politiker (ausser denen der AfD), dann ist das sehr wohl so. Da könnte ja die falsche Partei an die Macht kommen. Und je nach Struktur des Staates und der Mündigkeit ihrer Bürgerinnen und Bürger ist eine solche Befürchtung durchaus nicht pauschal von der Hand zu weisen.

Aber die Propaganda, direkte Demokratie würde den Staat funktionsunfähig machen, man könne eigentlich gar nicht mehr anders regieren als mittels Notrecht, d.h. letztlich einem extrakonstitutionellem Vollmachtenregime, das hat sich in den letzten Jahrzehnten doch weitgehend als übertrieben herausgestellt. Im Gegenteil: das Stimmvolk ist ein wichtiges Korrektiv gegen die Begeherlichkeiten der herrschenden Eliten, die über ihre Lobbyorganisationen den Lauf der Politik und Verwaltungstätigkeit mitbestimmen. Da schadet es nicht, wenn Volkes Stimme ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Ob ein Volksentscheid auch dann ohne Wenn und Aber gilt, wenn es an die Menschenrechte geht, das ist hingegen zu Recht eine höchst diffizile Frage.

Die Notrechts-Frage

Nicht nur das Stimmvolk ist allerdings in der Lage, autoritäre, freiheits- und menschenrechtsfeindliche Beschlüsse zu fassen. Das können die Regierungen noch viel eher, zumal wir hierzulande ja kein Verfassungsgericht haben. Und zwar dann, wenn sie sich auf Notrecht berufen.

Das Notrecht ist ihnen über die sogenannte polizeiliche Generalklausel immer zugänglich. Von einem eigentlichen Notrecht (oder wie es in anderen Staaten rechtlich geregelt ist: der Ausrufung des Notstands oder Ausnahmezustands) kann in der Schweiz keine Rede sein. Das sei in unserer Verfassung nicht vorgesehen, weil man das für so selten hielt, dass man es nicht drinhaben wollte, erklärte Andreas Kley, Professor an der Universität Zürich, am 7. September auf SRF 4 News.

Epochale Weichenstellung...

Die Abstimmung von 1949 war rückblickend dennoch von allergrösster Bedeutung, eine epochale Weichenstellung. Wir wären heute nicht das Land, das wir - zumindest im Selbstverständnis der Bürgerinnen und Bürger - heute sind. Eine direkte Demokratie, die sich eben gerade dadurch von den autoritärer regierten Staaten rundherum abhebt.

... und doch jederzeit gefährdet

Professor Kley ist aber der Meinung, dass es mit den am Horizont dräuenden Verwerfungen in wirtschaftlicher Hinsicht und der steigenden Kriegsgefahr auch in Europa nicht unwahrscheinlich sei, dass die Juristen auf Bundesebene sehr schnell wieder die alte Vollmachtenregelung aus der Schublade ziehen und dem Bundesrat erneut quasidiktatorische Kompetenzen zuschanzen würden. Wie schnell das geht, hat man ja bei der Rettung der UBS gesehen.

Es ist sehr wahrscheinlich, dass man dann mit derselben Begründung wie in den zwei vorangegangenen Weltkriegen operieren wird: es handle sich um eine «unvorhersehbare Notlage». Da werden dann in die Verfassung geschriebene Rechte (Menschenrechte, Eigentumsrechte, etc.) aus tagesaktuell behaupteter oder tatsächlicher Notwendigkeit schnell einmal zu Makulatur.

Weiterführende Dokumentationen

Dienstag, 3. September 2019

Eine Ehefrau geht nicht ohne ihren Mann ins Wirtshaus

Können Sie sich noch an den Nachruf auf Mina Moser (1911-2017) erinnern? Da habe ich unter dem 31. August 2017 geschrieben:

Sie [Mina] habe erzählt, sie hätte kurz gezögert das Restaurant zu betreten, kolportierte die Redaktorin, habe sich dann aber gesagt: «Äh ba, Mina. Du bisch über Nünzgi und es sind hüt anderi Ziite. Du gasch jetz da ine!» – Das bezog sich auf den Umstand, dass es sich in früheren Zeiten für eine Frau, die etwas auf ihren Ruf hielt, nicht schickte, sich allein (d.h. ohne männliche Begleitung) in eine Beiz zu begeben. (WeiachBlog Nr. 1349)

Über den volkskundlichen Beitrag «D Üürte» (zu hochdeutsch etwa: «Die Rechnung des Wirts») im Jahrheft 1981/82 des Zürcher Unterländer Museumsvereins (www.zumv.ch) bin ich vor etwa zwei Wochen auf die jahrhundertealten Wurzeln dieses Reflexes der bislang ältesten Einwohnerin Weiachs gestossen: ein Traktat des Zwingli-Nachfolgers Heinrich Bullinger mit dem Titel «Der christlich Eestand».

Bullinger, Der christlich Eestand, Zürich 1548 - S. 73 verso

Da heisst es doch tatsächlich: «Es sol sich ein eerenwyb hinder unn one jren Eemann nienan in kein gsellschaften, ürten oder schlaafftrünck ynlassen, und one jres manns vorwüssen unnd erloubnuß nienan hin gon, [...].»

Die Ürte war die Rechnung des Wirts für Speis und Trank. Wirtshäuser, Zunftstuben und dergleichen sollte eine ehrbare Ehefrau nur mit ausdrücklicher Genehmigung ihres Mannes besuchen.

Das war die Lehrmeinung des Antistes, des obersten Pfarrers des Standes Zürich und damit ex officio diejenige der Zürcher Kirche.

Und weil Zürich ab der Reformation zu einer Theokratie umgewandelt wurde – um nicht zu sagen: einem religiös verpackten Polizeistaat, wie man ihn heute auf der arabischen Halbinsel findet –  wurde dieses ab 1540 in mehreren Auflagen bei Froschauer gedruckte Werk schnell zur Leitlinie für die Ehegerichtsbarkeit.

Selbstverständlich war es auch auf der Zürcher Landschaft richtungsweisend: für die Pfarrherren und Stillständer (d.h. Mitglieder der Kirchenpflege), welche in den Dörfern die sittenpolizeiliche Aufsicht inne hatten.

Quelle und Literatur
  • Der christlich Eestand : von der heiligen Ee Harkummen, wenn, wo, wie unnd von wäm sy ufgesetzt und was sy sye, wie sy recht bezogen werde, was jro Ursachen Frucht und Eer, dargegen wie uneerlich die Huory und d'Eebruch sye : ouch wie man ein kommlichen Eegmahel erkiesen, eeliche Liebe, Trüw und Pflicht halten und meeren und die Kinder wol und recht ufziehen sölle / durch Heinrychen Bullingern beschriben. Zürich 1540  [https://www.e-rara.ch/zuz/content/titleinfo/798479]; Zürich 1548  [https://books.google.ch/books?id=QN5jAAAAcAAJ]
  • D Üürte. In: Volkskundliche Beiträge. 22. Jahrheft des Zürcher Unterländer Museumsvereins 1981/82 – S. 32.  
  • In memoriam Mina Moser-Nepfer, 12.3.1911-27.7.2017. WeiachBlog Nr. 1349 v. 31. August 2017.

Sonntag, 1. September 2019

Spitzenelemente der Weiacher Kirche

Zum früheren Inhalt der Turmkugel auf dem Dachreiter der Weiacher Kirche ist bereits ein Beitrag erschienen (vgl. WeiachBlog Nr. 1342 vom 1. Mai 2017).

Auch der heutige Inhalt ist in Kapitel 7 der Jubiläumsbroschüre von 2006 dokumentiert (Achtung: PDF, 16.75 MB). Nicht aber die mit blossem Auge sichtbaren Elemente.

Blickt man heute zur Spitze der Weiacher Kirche hinauf, so bietet sich einem folgendes Bild (aufgenommen am 1. August 2019):


Man sieht die vergoldete Turmkugel, gekrönt von einer Spitze mit integrierter Wetterfahne. Auf letzterer klar erkennbar: das Weiacher Wappen mit achtstrahligem Stern in gewechselten Farben.

Der Stern stand höher

So sah die Weiacher Kirchturmspitze aber nicht immer aus. Wie sie sich spätestens ab 1863 präsentierte, zeigt die nachstehende Skizze des Technischen Arbeitsdienstes (TAD) aus der Zwischenkriegszeit (Abb. 38 aus der Jubiläumsbroschüre «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach»):


Walter Zollinger notierte am 1. Mai 1967 in einem grünen Ringheft folgende Eckdaten zu diesen am 25. April 1967 abmontierten Spitzenelementen:

«Masse: 45 cm Durchmesser der Kugel
Wetterfahne: 2,80 m Höhe
Stern: Durchmesser = 56 cm
Zifferblätter: Durchm. – 1,96 m x 2.00 m
»

Wann kam der Stern auf die Spitze?

Gemäss dem von Pfr. Ludwig Schweizer verfassten Turmkugeldokument N° 9 wurden im Rahmen der Renovation 1863 «Wetterfahne, Stern & Knöpfe» (Zusammenfassung Zollinger 1967) angebracht. Schweizer selber schrieb damals zu den Vertragsinhalten, die «Baumeister Joh. Caspar Knabenhans von Wädensweil, sesshaft im Seefeld» zu erfüllen hatte, u.a.:

«b. Die Wetterfahne soll mit einem grössern Gegengewicht versehen u. deren Balance neu vergoldet werden. Im fernern soll die Wetterfahne einen Goldrand bekommen u. auf den beiden Seiten derselben das Kantonswappen in dauerhafter Farbe angebracht werden. Überdiess soll auf Einer Seite unterhalb des obern Randes die Jahreszahl in Gold zu lesen sein. Überall ist Blattvergoldung mit bestem Citronen-Blattgold verstanden. Der Übernehmer haftet für leichte u. richtige Beweglichkeit der Wetterfahne.

c. Dessgleichen soll der Stern u. die beiden Thurmknöpfe neu u. solid mit Citronen-Blattgold vergoldet werden.»

Dass bereits nach weniger als zehn Jahren eine neue Vergoldung nötig wurde, dürfte die Weiacher besonders geärgert haben, schreibt Schweizer doch etwas weiter oben in besagtem Turmkugeldokument, dass die 1855 «besorgte Vergoldung der Thurmknöpfe u. der Anstrich des Thurmes u. der Wetterfahnen sehr mangelhaft geworden» sei.

1863 wurde also der Stern vergoldet. Ein neuer Stern? Oder ein bereits früher montierter? Im Turmkugeldokument N° 8, verfasst von Pfr. Hirzel 1855 zum damaligen Sanierungsprogramm, ist keine Rede von einem Stern. Da heisst es: «Vergoldung der Knöpfe und Zeiger und Anbringung einer Balance-Kugel zum Gegengewicht der neu zu bemalenden Fahne, sammt einem Blitzableiter».

War der Stern damals nicht sanierungsbedürftig? Oder eben noch gar nicht vorhanden? Beides wäre möglich. Auch ersteres, denn es scheint schon, dass man 1855 gespart hatte, wo es nur ging.

Dorfzeichen über Kantonswappen

Für mindestens ein Jahrhundert gab es also dort oben auch einen sechsstrahligen Stern, der das Dorfzeichen repräsentiert. Und einen weiteren Turmknopf, der heute nicht mehr vorhanden ist.

Die Fahne zeigte das «Kantonswappen». Der Stern stand separat darüber. Das war auch 1863 noch so, als Krauers Wappentafel (publiziert 1860) bereits eine von älteren Vorbildern aus dem 18. Jahrhundert inspirierte Version des Weiacher Wappens – im Wesentlichen die heutige – in Umlauf gesetzt hatte.

Der abmontierte, stark verrostete Stern und die alte Wetterfahne befinden sich im Fundus des Ortsmuseums Weiach.

Quellen

  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. Weiach 2006  S. 52 (Abb. 38) sowie  S. 57-60 (Kapitel 7).
  • Turmkugeldokumente N° 8 u. 9, Textedition vgl: Brandenberger, U. (Hrsg.): Zeitkapsel Turmknopf. Weiacher Turmkugeldokumente Teil A; Wiachiana Fontes, Bd. 1.
  • Telefongespräch mit dem Präsidenten der Ortsmuseumskommission Weiach vom 1. September 2019.

Freitag, 23. August 2019

«Chälemerpack!» – die Trennlinie in den Köpfen Alteingesessener

Unter alteingesessenen Weiacherinnen und Weiachern ist die Bezeichnung «Chälenpack» noch weitherum bekannt.

Von einem anonym bleiben wollenden Mitglied der «Amtsrichters», einem im Weiacher Oberdorf ansässigen Familienverband, hat WeiachBlog jüngst zwei zu diesem Themenbereich passende Anekdoten mitgeteilt erhalten.

Chind mit Schnudernase

Die eine stammt ursprünglich von Mina Moser (1911-2017; vgl. den Nachruf in WeiachBlog Nr. 1349 vom 31. August 2017). Diese habe von ihrer Mutter, die als Hebamme tätig war, den Spruch gehört: «Chind mit Schnudernase lieferet de Storch i de Chälen ab, di schönä degäge im Oberdorf.»

Diese scherzhafte Bemerkung deutet direkt auf die im 19. Jahrhundert in der Chälen anzutreffenden sozialen und gesundheitlichen Missstände mit auffallend vielen kränklichen Einwohnern hin: Kropfträger, Skrofelkranke, Taubstumme und Kretins. Diese Häufung führte zu statistischen Auffälligkeiten, was wiederum dazu führte, dass dieser Umstand in medizinischen Fachzeitschriften aus ganz Europa die Runde gemacht hat. Mit Nennung des Dorfnamens!

Das dürfte nicht unwesentlich dazu beigetragen haben, dass die Weiacher in ihren Nachbargemeinden zum (heute aus dem Sprachgebrauch wieder verschwundenen) spottenden Übernamen «Weycher Chröpf» kamen. (Vgl. zu dieser These WeiachBlog Nr. 1369 vom 30. Juni 2018 mit Verweisen auf die erwähnten Fachzeitschriften in den Quellen).

Nun wusste man in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht, dass diese Krankheiten zu einem guten Teil auch erblich bedingt sind und nicht zwingend mit Unreinlichkeit in Haus und Stall oder dem Alkoholmissbrauch der Eltern zu erklären sind. Das aber waren die sichtbaren Begleitumstände. Und die prägten sich für Jahrzehnte ins kollektive Gedächtnis ein. Kurzum: an der Chälen haftete ein denkbar schlechter Ruf.

Zügeln unmöglich

Das zeigt sich auch an der zweiten Anekdote, die von meiner Quelle selber stammt. Eine ihr bekannte ältere Frau, die infolge Heirat ausgewandert und später in die alte Heimat zurückgekehrt war, habe ihr erzählt, ein in der oberen Chälen haushablicher, stattlicher Weiacher Bürger habe ihr seinerzeit, als sie ihren Ehemann noch nicht kannte, einen Heiratsantrag gemacht.

Dieser Chälemer gehörte notabene ebenfalls einer in Weiach alteingesessenen Familie an, die sich im Bauernhandwerk, in Vereinen und öffentlichen Ämtern durchaus bewährt hatte. Also eigentlich keine schlechte Partie.

Auf die Frage, warum sie denn auf den Antrag nicht eingegangen sei, habe die Bekannte geantwortet: «Ich ha doch nöd wele i d'Chäle überezügle!!!». Demnach gehörte sie einer im Oberdorf ansässigen Familie an. Und für Oberdörfler war es auch noch Mitte des 20. Jahrhunderts völlig undenkbar, sich mit dem «Chälemerpack» einzulassen.

Mittwoch, 14. August 2019

Geselliges Beisammensein, gutes Essen und ein Höhenfeuer

«1. Aug. Gemeinsame Bundesfeier aller Ortsvereine auf dem vergrösserten Schulplatz; der Gemeindeprsdt. Alb. Meierhofer-Nauer hält immer noch die unvermeidliche Rede und führt die Aufnahme der volljährig gewordenen Jungbürgerinnen und Jungbürger durch.» (Walter Zollinger: Gemeinde Weiach. Chronik des Jahres 1961 – S. 18; Original in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich. Signatur: G-Ch Weiach 1961)

Die Rede zum Nationalfeiertag war, wenn man den Worten von Ortschronist Walter Zollinger folgt, traditionell Aufgabe des Gemeindepräsidenten. Und sie fiel je nach Ausprägung seiner patriotischen Gesinnung mehr oder weniger lang aus. Im Falle von Albert Meierhofer-Nauer wohl eher länger.

Höhenfeuer sind in den Jahreschroniken von Walter Zollinger bereits für die 1950er-Jahre nachgewiesen. Sie haben bis heute Tradition.

Im Zentrum der Weiacher Bundesfeier stand (und steht) aber das gemeinsame Singen der Nationalhymne, verbunden mit geselligem Beisammensein bei einem guten Essen. Das Essen wird ebenfalls seit Jahrzehnten von der Politischen Gemeinde mit einem Bon (im Wert von 8 Franken) gesponsert, der an jeden Besucher abgegeben wird, seien es Einheimische oder Auswärtige.

Mitte der 1980er Jahre gab es ein Organisationskomitee eigens für den Bundesfeieranlass. Dieses scheint sich später nur noch informell konstituiert zu haben. Die Feierlichkeiten werden seither im Turnus durch die Dorfvereine organisiert. Ein Verein organisiert jeweils die Verpflegung und die musikalische Unterhaltung, ein anderer das Höhenfeuer. Dieses wird (wenn nicht feuerpolizeiliche Gründe dagegen sprechen) entweder an der Fasnachtflue (oberste Rebstrasse) oder auf dem Wingert abgebrannt.

Ansprachen zum 1. August von 1982 bis 2006

1982: [Bannumgang West mit Zusammensein beim Schützenhaus; kein Hinweis auf eine Ansprache]
1983: «Ansprache durch den Dorfkünstler Hans Rutschmann»
1984: «Begrüssung durch den Behördenvertreter, Gemeinderat Hans Griesser». Der Bundesbrief von anfangs August 1291 (vorgelesen durch Irma Troxler, Verena Troxler und Roland Baltisser), vgl. «Der Weiacher Jugend, den Weiacherinnen und Weiachern, Gruss und Wohlergehen!». Schriftliche Grussadresse von Mauro Lenisa in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 1984, S. 16.
1985: Begrüssung durch M. Lenisa, Gemeindepräsident
1986: Eröffnung der Feier durch M. Lenisa, Gemeindepräsident
1987: [Für die Ansprache ist samt Singen der Nationalhymne 15 Minuten veranschlagt]
1988: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1989: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1990: Gemeindepräsident Werner Ebnöther
1991: Gemeinsame Feier von Fisibach, Kaiserstuhl und Weiach. Kurzansprachen der drei Gemeindevorsteher mit dem Verlesen der Botschaft des Bundespräsidenten durch Schulkinder aus den drei Gemeinden.
1992: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1993: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1994: «Kurze Festansprachen» [ohne Angabe der Redner]
1995: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1996: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1997: «Kurze Festansprache» [ohne Angabe des Redners]
1998: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
1999: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
2000: Regierungsrätin Rita Fuhrer
2001: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]                                                                                                
2002: [Kein Hinweis auf eine Ansprache]
2003: Kantonsrat Matthias Hauser
2004: Gemeindepräsident Gregor Trachsel
2005: Begrüssung durch den Gemeindepräsidenten
2006: Festansprache [ohne Angabe des Redners]

Gefahr der parteipolitischen Vereinnahmung

Man sieht es der vorstehenden Liste unschwer an: Reden oder Ansprachen waren in den letzten Jahrzehnten nicht regelmässiger Bestandteil der 1.-August-Feier in Weiach.

Bundesfeieransprachen von Auswärtigen ohne engen persönlichen Bezug zur Gemeinde sind in Weiach eine relativ neue Erscheinung.

Dass dem so ist, könnte mit der traditionell wenig parteiaffinen Haltung der Weiacherinnen und Weiacher zusammenhängen. Parteipolitik spielt auf kommunaler Ebene schlicht keine Rolle. Da sind Persönlichkeiten gefragt, keine ideologisierten Programme.

Für die Jahre 2000 und 2003 sind zwei in den Mitteilungen für die Gemeinde Weiach dokumentiert, eine von Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) und eine von Kantonsrat Matthias Hauser (ebenfalls SVP; damals frisch gewählt). 2009 und 2014 kamen in der Region ansässige Politiker zum Zug (vgl. Inhaltverzeichnis). Erst seit der Präsidentschaft von Stefan Arnold wird mehrheitlich auf auswärtige Politiker gesetzt.

Da besteht die Gefahr der Vereinnahmung. Bundesfeierreden bergen immer das Risiko, dass politische Agenden transportiert werden vor allem in Wahljahren. Diese könnten die Harmonie stören und das Feiern des dörflichen Zusammenhalts gefährden.

Es ist daher eine interessante Entwicklung, dass sich der Gemeinderat im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts vor allem auf die Organisation des Redners bzw. der Rednerin konzentriert.

Mit dem massiven Zuzug von Neuweiachern der letzten Jahre ist es nämlich zu einer Herausforderung geworden, Zusammengehörigkeitsgefühl neu zu erfinden. Wenn rednerische Zugpferde dabei helfen, dann ist dagegen nichts einzuwenden.

Mittwoch, 7. August 2019

«Verantwortig übernäh!» – Ständerat Jositsch zum 1. August

In früheren Jahren war bekanntlich der Verein, der den Weiacher Bundesfeieranlass organisierte, auch für die Wahl des Festredners zuständig. Weil es dabei leider etliche Pannen gab, hat der Gemeinderat entschieden, die Ansprache sei nun Chefsache. Dieser Teil der Organisation ist jetzt Aufgabe des Gemeinderats, die Dorfvereine können sich dafür auf die Logistik konzentrieren.

Die bei schönem Sommerwetter auf dem Schulhausplatz Hofwies durchgeführte diesjährige Bundesfeier hat gezeigt, dass diese Arbeitsteilung ein Erfolgskonzept ist. Nur bei den Fähigkeiten der Musikgruppe (diesmal Gumboot Rednex), die Nationalhymne korrekt zu intonieren, muss man noch erheblich nachbessern. Ansonsten gibt es gute Noten.


Das von der Männerriege aufgetragene Buffet mit Salaten und verschiedenen Fleischangeboten vom Grill hat jedenfalls kulinarisch überzeugt – und dank einem Bon im Wert von 8 Franken, den die Politische Gemeinde jedem Besucher spendiert hat, waren die Preise auch für Menschen mit kleinem Budget im Rahmen.

Mit der Politik auf Tuchfühlung gehen

In einem Wahljahr wie diesem ist es naheliegend, dass – wie 2018 mit Nationalrätin Natalie Rickli – wieder ein auf Bundesebene aktiver Politiker eingeladen wurde.


Unser Gemeindepräsident konnte für die Ansprache 2019 Ständerat Daniel Jositsch, Sozialdemokrat aus Stäfa am Zürichsee (also von der sogenannten Goldküste) gewinnen. Jositsch ist beruflich als Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich und als Zentralpräsident des Kaufmännischen Verbandes Schweiz tätig.

Dass ein Linker in der SVP-Hochburg Weiach die 1. August-Ansprache hält, ist an sich schon bemerkenswert. Man durfte gespannt sein, was er den Weycherinnen und Weychern in dieser Feierstunde zu sagen haben würde.

Zumal eines klar ist: Daniel Jositsch (54) ist kein linker Ideologe, sondern ein Mann von staatsmännischem Format, der bei einer Majorzwahl, wie sie bei Ständeratsausmarchungen im Kanton Zürich stattfindet, auch bei Bürgerlichen Anklang findet und von ihnen gewählt wird.

Passt in kein Schächtelchen

Jositsch gehört eher zum rechten Flügel der SP. Er würde aber wohl auch bei den Grünliberalen, den Freisinnigen oder gar im linken Flügel der SVP als Zugpferd fungieren und einen Ständeratssitz erringen.

Dass dieser Mann in keine vorgefertigten Schachteln passt, zeigen auch seine nicht so bekannten Engagements, z.B. seine langjährigen Kontakte und soziales Engagement in Kolumbien oder ein hoher Dienstgrad in der Schweizer Armee (Oberstleutnant der Militärjustiz). Auch wenig bekannt ist, dass Jositsch der jüdischen Glaubensgemeinschaft angehört.

Wer eine solche Kombination von persönlichen Merkmalen aufweist und dennoch in der Politik ein gewichtiges Wort mitredet, der muss zwangsläufig gegen Anfeindungen und Vereinnahmungsversuche abgehärtet sein. Man denke nur an die mehr als kritische Haltung vieler seiner Parteigenossen, was die Armee und insbesondere deren Justizorgane betrifft.

Oder – auf religiös gefärbtem Parkett – die ziemlich einseitig palästinenserfreundliche Einstellung samt Boykottaufrufen gegen den Staat Israel und seine Siedlungspolitik, die sich die Linken im Allgemeinen zu eigen machen. Auf welcher Seite er sich da auch positioniert – auf der Parteilinie, auf der der zionistischen Agenda oder dazwischen: irgend ein ideologischer Falke wird immer daran Anstoss nehmen.

Freie Rede nach Stichworten

Umso bemerkenswerter ist es, dass Jositsch sich nicht mit einem ausgefeilten Redetext gegen alle Eventualitäten absichert. Auf die Anfrage von WeiachBlog, ob er bereit sei, auch seine Rede zur Publikation freizugeben (wie es mittlerweile seit 2007 zur Tradition geworden ist), antwortete er, er notiere sich lediglich Stichworte und schreibe «keine ausformulierte Rede».

Ich habe mich daher entschieden, in Absprache mit dem Festredner die Ansprache aufzunehmen und zu transkribieren. Auf Wunsch von Ständerat Jositsch wird sie – als Première auf WeiachBlog –  erstmals auf Züritüütsch veröffentlicht. Sie lesen sie also genau so, wie sie gehalten wurde. Dasselbe Verfahren wurde auch auf die einleitende Grussadresse und die Dankesworte des Gemeindepräsidenten angewandt. Lediglich die Zwischentitel sind redaktionelles Beiwerk aus der Tastatur des WeiachBlog-Schreiberlings. Sonst ist alles O-Ton (abzüglich Äähs und Ööhs).


«Es bruucht Brugge»

Einleitung und Grussadresse Gemeindepräsident Stefan Arnold

«Guete-n-Abig, liebi Fäschtgmeind! Ganz herzlich willkomme zum siebehundertachtezwängischte Geburtstag vo de Schwiizerische Eidgnosseschaft. Mini Frau und min Sohn sind mit Kollegä ufemene Campingplatz in Jesolo bi Venedig. Si chönd hüt also a dem schöne Fäscht in Weyach nöd teilnäh. So wiä au mit Hunderte vo andere Schwiizer wo a de Adria de Erscht Auguscht fiired. Aber kei Angscht, si trääged s’Schwiizerchrüz im Herze, d’ Schwiizerfahne hanget am Wohnwage, und: hüt abig git’s det Raclette! Und das bi drissg Grad. Also ich bin froh dörf ich hüt bi Eu si! [Gelächter]. Schön, dass si so zaalriich erschine sind und mit Eus i de Schwiiz und au da speziell in Weyach de Geburtstag vo de Schwiiz fiired.

Gschätzte Herr Schtänderaat, gschätzi Damen und Herre, liebi Weyacherinne und Weyacher! Als Gemeindspresidänt und im Name vom gsamte Gmeindraat vo Weyach heiss ich Sie ganz herzlich willkomme zur hütige Erschtauguschtfiir. Wän mir vor zwänzg Jaar öpper gseit hetti, ich dörfi im Jaar zwänzgnünzä en Erschtauguscht-Aaspraach vomene Schtänderaat aachünde, so hett ich diä Person sehr wahrschindlich usglacht. Ja, s’Läbe bringt oft Sache mit sich, diä mer nüd plant oder diä mer au nüd plane chann, und das isch eigentlich ganz guet eso.

Aalässlich vo de Schuelabschlussfiir i dem Jaar, vo mim Sohn, wo jetzt i d’Oberschtufe nach Schtadel wächslet händ die aawäsende Eltere d Schuel-Underlage vo de Chind dörfe-n-aaluege. Gern zitier ich ihne zwei drüü Uussage. Eis Chind hät gseit, vom Usland wänd vil Lüt i d’Schwiiz cho, zum gsee wie schön dases isch, wie guet s’Aesse schmöckt und wivill Spass das mer hät. Schoggi und Chäs sind die berüemtischte Sache i de Schwiiz. Es anders Chind hät gschribe: «I minere grächte Wält händ all es Huus, dörf niemert e Waffe ha, händ all Chleider, dörfs schwuli und lesbischi Paar gää, mues jedes Chind i d Schuel, mues jedes Chind Huusufgabe mache, mues jede Erwachsni en Job haa, und mues jede Gäld ha». Intressant isch ä gsi, es isch dänn na gschtande: «wänn eine kä Gäld hät, dänn chunt mers über». [Gelächter] Ja, ganz so eifach isch es dänn scho nöd, s’Läbe isch doch e bitzli andersch, aber dännoch glaub ich, das mir i de Schwiiz ganz ganz viles richtig mached, und einigi vo de Wünsch vo däne Chind au in Erfüllig gaa werded in Zuekunft. Wän ich hüt teilwiis de Politiker zuelose, dänn bechum ich ame s’Gfüül, das es us gwüssne Egge use iri Sicht isch und am beschte wäri wänns au – mer känned das us Amerika – wänns au rund um d’Schwiiz e Muur brüchti, d’Ohre und d’Auge gschlosse werde sötted und gschwige wird, wänns um Problem i däre Wält gaat. Mini Überzüügig isch aber, dass das absolut nüd schwiizerisch wär. Dänn de Schwiizer hilft, de Schwiizer will mitrede, de Schwiizer will mitbeschtimme, es bruucht deshalb kä Muure um euses Land, sondern es bruucht Brugge. Brugge zwüsched Mänsche i eusem Land. Brugge zwüsched Generatione. Es brucht au Brugge zwüsched Arm und Riich, Brugge zwüsched de Schtarche und de Schwache, es bruucht au Brugge zwüsched de Lingge und de Rächte und es bruucht Brugge zwüsched de Schwiiz und em Usland. Nur eso chönd mir diä Erfolgsgschicht vo de Schwiiz wiiter läbe und au wiiterschriibä. Ein Wunsch han ich aber au na a eusi Landesregiärig.

Was ich mir vo de Landesregiärig wünsche, isch, dass d’Schwiiz inskünftig bi politisch heiklä Fraage vill sälbschtbewusster ufträtte tuet gägenüber vo de anderne Schtaate. D’Schwiiz mues sich nüd immer büüge. Und si mues sich au nöd verschteckä. Als eis vo de innovativschte und sicherschte Länder dörfe-mir vill sälbschbewusster uufträtte.



Ich möcht aber hüt s’Wort eusem hüttige Fäschtredner, äm Herr Schtänderaat Jositsch übergää. Ich bin mir sicher, au er wird hüt Brugge schlaa. Eusen hütige Fäschtredner wiist en iidrückliche Läbeslauf uf. Uf en Uusfüerig mues ich leider verzichtä – zuvill Ziit wür das in Aaschpruch näh.

Sit 2004 isch de Härr Jositsch Strafrächtsprofässer a de Universität Züri. Sini politisch Tätigkeit hät aagfange im Jaar 2000 bis 2006 als Mitglied und Presidänt vo de Schuelpfläg in Stäfa. 2007 bis 2018 [recte: 2015; vgl. https://www.parlament.ch/de/biografie/daniel-jositsch/3891] isch er Mitglied gsi im Nationalraat. Und sit 2015 – also sit guet vier Jaar – isch er Mitglied vom Schtänderaat.

Gschätzte Herr Schtänderaat, dörf ich Sie bitte!» [Applaus]


«Verantwortig übernäh!»

Ansprache Ständerat Daniel Jositsch am 1. August 2019 in Weiach

«Sehr verehrte Härr Gmeindspresidänt, gschetzti Behördemitglieder, liäbi Weyacherinne und Weyacher!

Ich tanke Ihne für die iileitende Wort, wo ich durchus chan understütze und naavollzieh und sie händ ja gseit, Politiker sötted Brugge si. Ich hoffe, das ich das bin, wil ich glaube, als Schtänderaat isch mer eigentlich echli verantwortlich defür, de ganz Kanton z’röpresentiere und z’verträtte und drum versuche mir au immer - beid Schtänderöt – e bitzli Brugg zwüschend Linggs und Rächts z’si und drum glaub ich au, isch das öppis wo euses Land usmacht, das mer zäme nach Kompromisse suecht und das mer versuecht Lösige z’finde. Und das wird auch e bitzli s’Thema si vo mim, vo minen Uusfüerige, wo s da e bitzli fählt und wo me da e bitzli meh chönnted mache

Digitalisierig und iri Folge

«Ich bin vor e paar Monet als Presidänt vom Kaufmännische Verband, wo-n-ich au no bin, bin ich konfrontiert worde mit ere Schlagziile. Und d’Schlagziile hät gluutet: «Ein Drittel der kaufmännischen Berufe durch Digitalisierung gefährdet». Und da han ich mich natürlich gfröget: Mues mer sich da Sorge mache, mues ICH mir da Sorge mache? Mini Antwort isch gsi: Ja, me mues sich Sorge mache wäme sone Schlagziile gseet – aber, wie gaat mer mit däre Sorg um. Und ich glaub, der Erscht Auguscht isch e bitzli, s’git ja wi zwei Forme vo Erschtauguscht-Redä, di einte sind so diä rückblickende, wo 1291 aafanged. Und die andere sind so diä «nach vorne blickenden». Ich versuche ehner echli s’Zweiterä z’mache – und versueche e bitzli mir z’überlegge wie, was chömer mache zum uf gwüssi Useforderige wo sich büted i eusere Gsellschaft – und das isch natürlich d’Digitalisierig, isch es Thema wo all drüber reded – wiä gömmer da demit um


D’Schalterhale vo de Kreditaaschtalt

«S’erscht wo-n-ich mich gfröget han isch: Digitalisierig, isch das öppis Neus? Isch das jetzt cho und häts das vorhär nüd gää, häts vorhär kei Umwälzige gää i däm Sinn? Und dänn isch mir in Sinn cho, wo-n-ich d’Schuel abgschlosse han, sind sehr vill vo mine Kolleginne und Kollege, händ dänn e Banklehr gmacht. Und si erinnered sich vilicht, wänn sie früener ine Bank cho sind, aso ich han no s’Bild vor mir, d’Schalterhale vo de damalige Kreditanschtalt am Paradeplatz, da sind sie ine cho und dänn händ si rundume öppe vierzwänzg oder drissg Schalter gha, wo si händ chöne Gält abhebe und usegää und vill vo mine Kolleginne und Kollege sind a dene Schalter gsässe und händ det das Gält inegnoo und vor allem usegää, und si erinnered sich vilicht, also mindeschtes diä wo mindeschtens so alt sind wie-n-ich, und wän ich so luege isch s’Durchschnittsalter scho knapp über drissgi, also vo dem här gits doch na einigi wo das erläbt händ – damals hät me sich müese am Friitignamittag überlegge, wivill Gäld bruuch ich übers Wuchenänd, will dänn händ si namal müse uf d’Bank am Friitig, wil bis am Mäntig isch fertig gsi und wänn si dä falsch kalkuliert händ, händ sie bim Kolleg öppis müesse go uuslehne, süsch häts nüt gää. Und dänn sind diä Bankomate iigfüert worde, und hützutags gönd wahrschindlich die meischte vo ihne, gönd an Bankomat und gönd det go Gäld bezieh, 7 mal 24 Schtund und wänn si hütt i di gross Schalterhalle inechömed vo de damalige Kreditaaschtalt, wo hüt Credit Suisse heisst, dänn findet si kei Schalter me, sondern si finded Läde. Das heisst, s’hät sich fundamental gänderet

Neui Bruefsbilder

«Und jetzt di gross Fraag – zersch das isch natürli Digitalisierig gsi, bim Bankomat isch es Form vo Digitalisierig – häts damals uf Grund vo de Bankomate, häts früener meh Mitarbeiterinne und Mitarbeiter gää i de Finanzbranche als hüt? D’Antwort isch: Nei, hüt gits meh! Werum? D’Digitalisierig und generell Änderigsprozäss diä füered ja immer au wider zu neue Chance, das häts immer scho gää, wänn sie lueged [bi] de Erfindig vom Auto hät sich sofort d’Fraag gschtellt: was isch passiert mit allne Hufschmied, Pferdezüchter, Sattler, was mached diä, si stelled statt Huf Auto här und si züchted kä Ross me sondern importiered Auto. Das heisst, es git en Umwandligsprozäss. Jetzt, Veränderig zerschtört Alts, öffnet neui Möglichkeite, das tönt positiv. So positiv isches natürlich dänn ä wider nöd. Diä Umwandligsprozäss füered natürlich dezue, das im Übergang, dases Lüt git wo Verlürer sind, wo uf de Strecki blibed, oder, wänn si 50i oder 55i sind und sind bis jetzt Hufschmied gsi und jetzt chaufed all es Auto und käne will me es Ross, chönd si sich nöd eifach umschuele zum Automechaniker oder Autoimporteur. Das heisst, es git im Übergang, gits Verlürerinne und Verlürer. Trotzdem aber, es git au neui Chance

So schnäll chas gaa

«Und was hüt s’Spezielle-n-isch vilich a de Digitalisierig, isch dass d’Gschwindigkeit so höch isch: Ei falschi Entscheidig cha dezue füehre, dass sie praktisch nüme-n-exischtiered als Firma oder als Branche. Dänked si nur a Nokia. Wer vo eus hätt nüd vor gar nüd allzu langer Ziit es Nokia-Handy gha? Und si erinnered sich, das sind da diä grosse Dinger gsi, wo si also ohni witeres au eine hetted chöne z’todschlaa demit [Gelächter], also hüt würded sie das fasch nüme-n-als portabels Telefon betrachte, aber damals ich mer, also als Maa hät mers so an Gürtel müese schnalle win-e-sonen Revolver, Fraue händ ja Handtäsche wo ales Mögliche chan verschtaut wärde. Aber mä hät dänn das eso chli, und das isch damals so chli state-of-the-art gsi, wänn sie es SMS gha händ wo meh als feuif Buechschtabe gha händ, händ sis nüd i einere Linie chöne läse, dänn händ si müese quasi dureblettere. Und vor guet zää Jaar, vill me isches nöd, sind d’Smartphone erfunde worde und Nokia hät damals d’Entscheidig troffe: S’Smartphone hät kä Zuekunft. D’Antwort käne mer. Nokia gits hüt, ich weiss nüd öbs diä na git, d git schona aber praktisch inexischtänt. Und diä wo ufs Smartphone gsetzt händ, diä behärrsched hüt de Märt. Eso schnäll chas ga

Risike iigaa

«Wo liit s’Problem oder was isch s’Neuä? Wänn sie wänd innovativ si, wänn si wänd innovativ bliibe, münd sie Risike iigaa. Risikä iiga, Fähler mache, uusprobiere, tüftlä, d’Nase in Wind hebe, und wäg de Digitalisierig isch d’Gschwindigkeit entscheidend. Hüt isch öppis zää Jaar vilicht aktuell, mängisch ä weniger und e paar Jaar spöter gits wider öppis Neuis und wänn si das verschlafed sind si z’spaat, dänked sie nur dra, wo-n-ich äs Chind gsi bin, da hät mer dihei es Telefon gha amene Kabel, da häts bide PTT, hät das damals gheisse, händ si zwei Modäll gha, s’graue und s’wiisse – und dänn händ si no s’schwarze gha zum a d’Wand anemache, oder. Das sind di drüü Modäll gsi, das isch Telefonie gsi. Min Sohn frögt mich immer und seit, «Ja wäner dänn underwägs gsi sind, wiä händer, wiä häsch dänn öpperem aaglütet?» «Dä häsch nüd aaglütet, da häsch...», de hät er gseit: «Ja häsch dänn chöne uf de Beantworter rede?» Hä gseit, «S’hät kän Beantworter gää, das heisst mä hät dänn eifach käs Telefon gha.» Das isch mim Sohn unvorstellbar, wämer am Morge zum Huus usgaat und am Abig zruggchunnt und underdesse hät’s käs Telefon gää – und wäme heicho isch hät me nüd emal gwüsst wer aaglüüte hät underdesse. Und dänn isch de Fax cho und s’portable Telefon und s’Smartphone und so witer und das ales innerhalb vo wenige Jaar – und wenn sie da im Märt nüd chönd Schritt halte, dänn händ si natürlich es Problem. Aso wämer früener gseit hät, dänn hät mer so chli gleert, was bruuchts zum erfolgriich si, dänn hät mer gseit: erschtens Durchhaltevermöge, zweitens ämal chöne verlüüre und drittens Engagement und Iisatz und hüt müend si säge s’vierte isch d’Bereitschaft s’Risiko iizgaa, also relativ schnäll ohni dasme de Märt scho vier Jaar uusteschtet hät chöne anegaa und zum Bischpiil es Produkt chöne präsentiere


Wohlschtand chame nüd iigfrüre

«Mir läbed e bitzli inere Gsellschaft – und das isch eifach so, mir sind vilicht e bitzli bequäm worde – will mir läbed, ich meine wänn si umelueged wän-ich jetzt da uf dem Platz staane und ich bin jetzt i diä Gmeind gfahre und ich mues ihne säge, das isch traumhaft wo si wohned oder mir all wohned. Mir händ Natur, mir händ aber au Zivilisation, mir händ Wohlschtand, mir händ Sicherheit, aso mir händ ales und mir händ au Angscht das alles z’verlüre. Und – si chönd Wohlstand, Sicherheit, chönd si nöd iigfrüre. Oder... si münd, jedes Jaar fangt wider am erschte Januar bi Null aa und si münd alles Gäld münd si wider neu verdiene, si münd neui Jobs ha für all diä wo d’Schuel abschlüssed das Jaar und so wiiter und so fort. Und drum mü mir eus natürli ä d’Frag schtele: Wiä bliibe-mer innovativ, wiä bliibe mer a de Schpitze, wil mir sind a de Schpitze. Und die andere wänd aber uufhole

Verrissni Jeans

«Ich han zwei Pünkt wo mir wichtig schined und wo-n-ich glaube womer e bitzli münd dra schaffe, s’einte isch e bitzli d’Kultur au emal chöne z’verlüre. Ich glaube, mir – verlüre isch... tuet niemert gern – aber ich glaube, wämer inere Gsellschaft läbt, wo mer seit, ja, wänn eine emal Konkurs gaat, isch er en Verlüürer oder en «Loser», wimer hüt seit, dänn hemmed mir d’Entwicklig und gad win ich ihne gseit han, i de hütige Ziit wo alls so rasch isch, chönd si nöd ales bis am Schluss uus-teschte, aso münd si ämaal es Risiko iigaa, wän nonig klar isch, was usechunt. Und wenn ich ihne vor zwänzg Jaar gseit hetti, ich schlan ihne e Gschäftsidee vor, mir produziered – und ich bring jetzt das Biischpiil nöd zuefellig – ich mues ihne vilicht e chliini Anekdote verzelle, ich bin ines grosses Warehuus in Züri, mit «J» aagfange, aso am Schluss heissts «oli» [Jelmoli] und det chönd si – da häts e kä Hosenabteilig, da münd si dur verschiedeni «brands» dure. Und dänn bin ich vilicht am falsche «brand» gsi oder bi de falsche Margge, jedefalls hät e netts Fräulein, knapp zwänzgi, mich gfrööget was ich well, ich ha dänn gseit: «I hett gern es paar Jeans, aso Blue-Jeans». Und dänn git si mir, stellt sie mir zwei, drüü Paar zur Verfüegig und dänn säg ich ihrä: «Nüd Occasion, sondern neu!» [Gelächter] – und dänn seit si: «Diä sind neu!», und dänn säg ich, «Aber Sie, ich chauf doch käs Paar Jeans mit Löcher din!». Und dänn seit si: «Das treit mer jetzt». Und dänn han ich tänkt, schlau wie-n-ich bin – oder gern wär, han ich gseit: «Sind dänn diä wenigschtens billliger?», und dänn seit si: «Nei, diä sind tüürer, will zerscht wärdets härgschtellt und nachher no künschtlich kabuttgmacht» [Gelächter] – jetzt, Chlammere zue, hett ich ihne vor zwänzg Jaar e Vorschlag gmacht, mir mached e Fabrik, Jeansfabrik, produziered Jeans und nachene mached mer si kabutt und dänn verchaufed mer sie zum dopplete Priis, hetted si gseit: «Bisch wahnsinnig, das cha ja nöd funktioniere! S’funktioniert.»

D’Sach mit de Silberchugle

«Das heisst: me weiss nie was hät Erfolg und was hät wenig Erfolg. Vilicht namal äs Biischpiil wo-n-ich ä bsunders iidrücklich find: die Aeltere vo ihne erinnered sich wo-n-ich es Chind gsi bin, 70er, aso Teenager gsi bin, 70er bis 80er Jaar, häts i de Schwiiz kei McDonald’s gää. Äs hät EIN McDonald’s gää, dä isch in Losann gsi und wonich mit de Schuel is Klasselager bin und i d’Romandie hämir umbedingt nach Losann wele zum i dä einzig McDonald’s – s’ersch mal i mim Läbe mit zwölfi bin ich inen McDonald’s ine und s’isch für mich gsi wis Paradies – aso ich ha mers mindeschtens so vorgschtellt. Und, wämer bi-n-eus en Hamburger hät wele-n-ässe, ich weiss nüd öbs da usse au öppis gää hät – aber dänn isch mer z’Züri, isch mer i d’Silberchugle, das isch so das, wo, eusi Form vo quasi Faast-Food. Und dänn isch McDonald’s i d’Schwiiz cho, hät da z’Züri di erschte Reschtorants ufgmacht und was isch passiert? Niemert oder fasch niemert isch det hi. Und McDonald’s hät sich wider müese zruggzie. Und dänn hät mer gseit, ja was isch dänn los? Und wieso dänn nöd? Und d’Antwort isch dänn gsi, ja d’Schwiizer, die wänd halt Silberchugle, da gits äna es Birchermüesli und es Eiersandwich und en Schinke-Chäs-Toscht, diä wänd nüd eifach so Hamburger und Big-Mac und so, sondern das isch echli en anderi Kultur. Nach e paar Jaar, ich weiss nüd wer das entschiede hät, ich nim aa irgend d’Spitze vo McDonald’s hät gseit: «S cha ja nöd sii, das mir uusgrächnet i de Schwiiz kei Erfolg händ», sind wider choo, was isch passiert? Si känned s’Resultat, es git hüt es paar meh McDonald’s i de Schwiiz, als Silberchugle. Das heisst, äs hät sich plötzlich ales g’änderet. Und kän Mänsch weiss, werum. Und drum chönd si diä Prozäss nüd vorusgsee und drum chönd si wänn si wänd Erfolg ha, müend si bereit sii, au eifach mal irgendöppis z’probiere, ebe zum Biischpiil halt i Gotts Name au emal verrissni Jeans für de doppleti Priis verchaufe

Wille zur Füerig

«S’Zweite, wo mir wichtig schiint und wo mir am Härze liit und wonich glaube mümer e bitzli luege das mers nüd verlüred, das isch d’Fähigkeit – oder wänn si so wänd de Wilä, Füerig z’übernää, oder, nur scho das Wort, da schtört mä sich ja scho fasch draa. Füerig.. hüt hät mer Matrixorganisatione und me dut i de Gruppe entscheide, aber mini Erfahrig isch, wänns drum gaat öppis Unaagnähms z’entscheide, ich weiss nüd wi das für de Gmeindspresidänt vo Weyach isch, wänn sie öppis Unaagnähms münd entscheide, dänn sind si immer elei. Da drängt sich niemert vor, da wil ä niemert d’Verantwortig übernää und das isch eso dää Punkt, wo-n-ich glaube, wo’s bruucht. Entscheide-n-isch en einsami Tätigkeit. Und entscheide, und das isch s’Zweite wo wichtig isch, entscheide müend si dänn, wänn nonid ales klar isch, will wenn ales klar isch, denn chönd si mit em Computer entscheide, da chan ine de Computer säge, was si münd mache. Entscheidend isch es, dänn z’entscheide, wäme nüd gnau weiss, was richtig und was falsch isch, sondern wo si eifach mit de zur Verfügig stehende Informatione müend säge, jänu jetz probiere mers halt emal eso, das heisst, wo sie münd d’Verantwortig übernää, wänn’s dänn halt nüd funktioniert. Und mit Sicherheit, da chönd si sicher si, sind all wider da, wenn s’nachhär nüd funktioniert hät und säged ine: mä hets ebe andersch müese mache-n, oder?»

Füerigspersone wachsed nüd a Böim

«Und s’Dritte-n-isch, und dasch ä mini Erfahrig, i de Krise macht mer Fähler bim Füere, si chönd nüd ales nach Lehrbuech mache. Ich bin a der Universität Sanggalle gsi und ha det schtudiert und mä hät det Managment gha und ales möglichi, da chönd si viles leere, genau glich wi si chönd leere schwüme und trotzdem wenn en Schturm chunnt, laufts nach anderne Gsetzmässigkeite. Und das isch i de Krise au eso. Dänn bruchts eine wo anestaat, und vilicht au eifach emal öppis völlig Unkonventionells entscheidet. Und was ich bi eus e bitzli gsehn isch diä Tendänz, das mer aafangt für schwirigi Entscheidige Berater zuez’zieh, Extärni zuez’zieh, Fachlüüt zuz’zieh und im schlimmschte Fall d’Entscheidig sogar outsource, demit me nachher cha säge, ja das ha nüd ich entschide, oder mir händ das anderne übergää. Und ich glaube, das isch e schlächti Tendänz. Füere bedütet d’Verantwortig z’übernäh, Füere bedütet nüd eifach ich ha de höchscht Lohn, s’schönschte-n-Auto und mach irgend e netti Reed a de Wienachtsfiir, sondern Füere bedütet, daz’schtah und det Entscheidige z’träffe wos ebe-n-under Umschtänd unagnähm isch. Und drum glaub ich, bruchemer wider meh Füerigspersönlichkeite. Und es bruucht, es git ja dä schöni Satz: «Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er den Verstand», aber d’Fraag isch: git er em au s’persönliche Format dezue? Und ich glaube, das isch nöd eso. Füerigspersone wachsed nüd a Böim und gheyed nüd vom Himel und Füere chan au käs Schuelfach sii, wil i Büecher chönd si viles leere, aber wi mer füert, wi mer Mänsche füert, wi mer Verantwortig übernimmt, das chönd si nöd naaläse ime Buech, sondern das müend si sälber feschtschtellä. Und s’Problem glaub ich womer i de hütige Gsellschaft händ, isch, dass sehr vill Jungi, wachsed uf – under Umschtänd als Einzelchind – schtönd di ganz Jugend im Zäntrum, gönd i d’Schuel, sind für iri eigne-n-Ufzgi zueschtändig, gönd nachhär ines Fitnessschtudio zum sich körperlich fit halte, mached iri persönlich Uusbildig, sind also bis feufezwänzgi, drissgi eigetlich nur für sich sälber verantwortlich – im beschte Fall – und söled nachhär chöne Füerigsfunktione-n-usüebe. Nur, wo söleds füere gleert ha?»

S’Problem mit de Fitness-Schtudio

«Und ich glaube, ich han vor churzem e Zaal gsee, e Zaal gläse wo-n-ich no schockierend gfunde han: sit zwei Jaar gits i de Schwiiz meh Lüüt, wo es Abo imene Fitnessschtudio händ, als wo Mitglied vo Turnverein [sind]. Aso, was seit das us? Mänsche wänd vom Mäntig am morgen-am-sächsi bis am Sunntigabe am Nüni individuell beschtimmt mal is Zumba, mal is Jäzztanze, mal is Fitness, mal i d’Sauna-Wellness, und nöd i d’Dameriege, wo immer am Mittwuchabig vo siebe bis halb nün treniert, wome dänn na mues am Wienachtsaalass en Chueche bache und im schlimmschte Fall na in Vorschtand, oder? Sondern, das wil ich nöd, ich zal öpperem tusigvierhundert Franke-n-im Jaar damit er mir d’Infraschtruktur zur Verfüegig schtellt mit Tüechli und Chäschtli und ich chume go Schport mache wän ich will und nachher gang ich wider und ha süsch mit däm nüt z’tue.

Und drum glaub ich isches wichtig, wänn sie zum Bischpiil lueged, d’CEVI und d’Pfadi, wo die Jugendliche sich chönd engaschiere. Min Sohn isch i de CEVI, isch jetz gad im Laager gsi, dasch unglaublich, was das mit dene Chind macht. Min Sohn isch au e sones Vorschtadt-Chind, wo mit em Natel und mit em Game und mit all dene Sache [ufgwachse-n-isch]. Aber min Sohn isch vorere Wuche is Laager ggange. Da chönd si dä abgää am Bahnhof, Händy käs Thema me, si chömed zrugg wi so Chriegsversehrti, im Prinzip, ich hanem gseit, ich weiss gar nöd werum Du en Kofer mitnimmsch, häsch ja sowieso di ganz Wuche di gliche Chleider a. Isch unglaublich, aber: diä hocked im Wald, boued Zält, sind für e Gruppe vo Primarschüeler zueschtändig, müend luegä das diä is Bett gönd, am Morge Zmorge händ, das heisst, si leered Sache, wos nachhär bruched und da isch unglaublich was das mit dene Chind macht. Das veränderet es Chind, diä Erfahrig veränderet es Chind vollschtändig und ich glaube drum, dases wichtig isch, das mer diä Möglichkeite bhalted und das mer eus überlegged was mer i eusere Gsellschaft – diä Gsellschaft funktioniert nöd, wenn jede nu is Fitnessschtudio gaat. Oder, irgendöpper mues d’Verantwortig für s’Gsammte übernää

S’Gschlächt isch mir egal, mir bruched di Beschte!

«Ich glaube, d’Schwiiz hät ales zum erfolgrich z’si, si isch au erfolgrich, aber: das isch käs Naturgsetz. Mir münd innovativ bliibe und mir münd Verantwortig übernää für s’Gsammte. D’Politik mues da es Vorbild si und sie händs e bitzli aatönt, mir sinds nöd. Ich säge mir, wil ich ghör mit dezue. Wänn si lueged, Bischpiil Europa-Politik, oder, sie chönd ietz für di Bilaterale Verträg si oder geg di Bilaterale Verträg si, für de Rahmevertrag oder geg de Rahmevertrag. Da hät de Bundesraat entschide, er hät entschide, das me jetz nüt entscheidet. Chan emal taktisch guet sii, aber öb das Füerig isch, das wag ich e bitzli z’bzwiifle. Oder tänket si – aso ich hoff jetz ich mach kän Fähler, muemer immer echli ufpasse – tänked si a d Flughafepolitik, oder, wie lang disktuiered-mer jetz am Flughafe-n-ume und was me da ales sötti mache und was isch schlussändlich erreicht worde, ussert das mer nett drüber gredt hät? Verheltnismässig wenig oder – simer ehrlich – eigentlich fascht gar nüt. Und drum glaub ich, mer münd au i de Politik meh Verantwortig übernää, meh gschtalte und ich säg das sälbschtkritisch, mir bruched – und nimi au wider s’Biischpiil wo de Härr Gmeindspresidänt erwähnt hät – Bruched mir Bundesrät, wo gueti Rede mached? Bruched mir Bundesrät, wo möglichscht vill Frömdsprache reded? Bruched mir Bundesröt, wo ime beschtimmte Kanton ufgwachse und beheimatet sind oder es beschtimmts Gschlächt händ? Oder, ich chan ine säge, ich han bi de letschte Bundesraatswahle zwei Fraue gwäält [Karin Keller-Sutter SG und Viola Amherd VS]. Und wüssed Si werum? Wills di beschte zwei Kandidatinne sind, win ich ine jetzt cha säge und ich würd d’Hand defür is Füür lege, wil das zwei hervorragendi Bundesrötinne werded. S isch mir völlig egal, sind jetz zuefelligerwiis zwei Fraue gsi, s’hetted ä chöne zwei Männer si. Nei, ich glaube das schpillt kä Role. Was mer bruuched, das sind die beschte, innovativschte und füerigsschtärchschte Persönlichkeite.»

Das Ansprechen der Flughafenpolitik kann tatsächlich einem Stich ins Wespennest gleichkommen. Da hat Jositsch durchaus recht. Und als einer der von der Goldküste kommt, kennt er natürlich die Militanz gewisser «Südschneiser».

In Weiach hält sich die Begeisterung an der mittlerweile seit über 43 Jahren bestehenden Anflugschneise der Piste 14 in engen Grenzen. Aber da der Unterländer in der Regel kein Revoluzzer ist, kennt man öffentliche Unmutsäusserungen eigentlich gar nicht. Nur wenn die Privilegierten aus dem Süden den ganzen Lärm auf das Gebiet nördlich des Flughafens kanalisieren wollen, dann erheben sich einzelne Stimmen. Doch weiter mit der Rede:


De Helmut Schmidt als Vorbild

«Vilicht eifach zum Schluss es Biischpiil: ich wird ab und zu gfröget, wer mis politische Vorbild isch. Ich ha käs politischs Vorbild i dem Sinn, Vorbild tönt für mich immer so nach irgendeme Pouster womer über s’Bett hänkt. Das han ich eigentlich nöd, aber s’git ein Politiker, wo mich beiidruckt hät, das isch de Helmut Schmidt. Und werum de Helmut Schmidt? Si erinnered sich, im sogenannte heisse Herbscht 1977, aso wo uf der einte Siite e Lufthansa-Maschine entfüert gsi isch und gliichziitig de Arbetgeberpresidänt Schleyer – und dä Helmut Schmidt als Bundeskanzler hät müese-n-entscheide, schtürmemer diä Maschine – erschte Iisatz vo de damalige GSG-9 – schtürmemer diä Maschine oder verhandlemer mit Terrorischte und lönd öis erprässe? Und er hät, er hett chöne eifacheri Entscheidig träffe, politisch schlauer quasi wäri gsi: verhandle und Lösige sueche. Er hät gseit: «Ich lah mich vo Terrorischte nöd erprässe, mir schtürmed diä Maschine!», und diä isch gschtürmt worde und s’isch guet use cho, aber mä hät en nachher gfröget: «Was hetted sie gmacht, wenn das nüd guet usecho wär? Wenn Geisle gschtorbe wäred, bischpiilswiis.» Und dänn hät er gseit: «Dänn hett ich sälbschtverschtändlich sofort mis Amt zur Verfüegig gschtellt». Dä hät mer gfröget: «Werum? Si händ ja gar nüt gmacht, sie händ ja nüd gschosse det vor Ort.» Hät er gseit: «Sisch mini Entscheidig, mini Verantwortig. Ich träg d’Verantwortig.» Und das isch das, wonich glaube, wo iidrücklich isch und wo ebe Füere bedütet und womer e bitzli meh münd ha. Ich glaub drum, «Verantwortig übernäh» isch es guets Motto für der Erscht Auguscht, s’isch aber au es guets Motto für diä andere 364 Täg.

Ich tank ihne ganz herzlich für d’Iiladig und hoffe ich bi nüd s’letschte Mal z’Weyach gsi und wünsche-n-ihne witerhiin en schöne Erschten Auguscht. Merci villmal!» [Applaus]

Dankadresse des Gemeindepräsidenten

Stefan Arnold: «So! Guet! Ganz härzliche Dank, Härr Jositsch, bliibed Si bitte na gschnäll da.

Also, was mir jetzt würklich bewusst worde-n-isch, isch, das ich mit föifevierzgi offebar doch ä scho zun alte Semeschter ghöre. Und zwar: ich ha dehei e kä zerrissni Jeans, ich würs au nüd chaufe wännses zur Helfti vom Priis gäbti, ich ha au es Nokia ghaa und ich bi früener woni i de Leer in Züri gschaffet ha, bin ich sehr hüüfig i d’Silberchugle go ässe. Also: d’Vergangeheit hät mich wider iigholt. [Lacher]

Guet, also, aber ich möcht a dere Schtell Ihne, Härr Schtänderaat Jositsch, ganz ganz herzlich tanke für ihren Uuftritt da in Weyach, was nüd sälbschtverschtändlich isch. Für de bevorschtehendi Wahlkampf, wos ja jetz wider aafange laufe tuet, wünsch ich Ihne nur s’Beschte!

Als Tankeschön hämmer ihne äs chlises Presäntli organisiert, fürs dahärechoo und gärn überreiche mir ihne en Chorb mit lokale Produkt und hoffed si chönd diä au entsprächend verwände. Ganz herzliche Dank!»


Jositsch zum «Presäntli»: «Merci villmal  Zum Glück bini mit em Auto da».

Kommentar WeiachBlog

Ständerat Jositsch hat die obige Transkription zugesandt erhalten und daran kein Jota verändern wollen. Man kann nun kritisieren, etliche Gedankengänge seien nicht vollständig ausgeführt oder dass es zu viele Einwürfe im Stile von «äs bitzli» gebe. Gerade diese aber machen im Verbund mit den vielen Anekdoten, die der Referent aus seinem Leben geschöpft hat, die Qualität der Rede aus. Sie sind es, die den Redner mit seinem Publikum verbinden, indem sie Anknüpfungspunkte schaffen und Nähe vermitteln.

Die Untertreibung des Abends, das Durchschnittsalter der Anwesenden sei «knapp über drissgi», wo es sich in Wahrheit in etwa in der Altersklasse Jositschs befunden haben dürfte, ist mit ihrem ironischen Kern ebenfalls gut angekommen.

Die Anekdoten vom McDonald's und der Silberkugel, der Schalterhalle der Kreditanstalt über das Nokia-Handy, mit dem man jemanden hätte totschlagen können, bis zum Highlight, der Episode mit den neuen zerrissenen Jeans im Jelmoli, haben die Mehrheit der Zuhörenden in ihrer eigenen Erfahrungswelt abgeholt. Desgleichen die Dialoge mit seinem Sohn.

Langweilig war die Rede fürs Publikum also nicht. Der Redner strahlt keine professorale Arroganz aus. Die Länge hat gepasst. Und die Kernbotschaft ist – passend zum Anlass – eine erbauliche und staatstragende. Was will man mehr?

Zu den Ansprachen früherer Jahre

Sonntag, 28. Juli 2019

Wenn die Mächtigen sich aus der Verantwortung stehlen

In diesen Tagen schliessen die von Gemeinwesen in der Eidgenossenschaft als Festredner geladenen Honoratioren die Vorbereitungen für ihre Bundesfeier-Reden ab. Themen wie Moral, Identität, Vaterlandsliebe, soziale Gerechtigkeit, Zusammenhalt oder gar Begriffe wie «Volksseele» werden da gewälzt und abgewogen.

Die letztjährige Weiacher Bundesfeierrede hielt bekanntlich die damalige Nationalrätin Natalie Rickli (vor wenigen Monaten zur Zürcher Regierungsrätin gewählt). Bei ihr ging es um die Frage der Identität. Anhand von Gottfried Kellers Schriften skizzierte sie, wann man als Schweizer gelten kann und wann eben nicht. Rickli setzte damit den Zuhörenden die Brille des 19. Jahrhunderts auf. Beunruhigte sie aber nicht weiter.

Rückblende in die Zeit der Völkerwanderung

Eine ähnliche Sichtweise (wenn auch eine etwas aufwühlendere) will dieser Beitrag vermitteln - als eine Art vorgezogener Denkanstoss für den diesjährigen 1. August. Und zwar, indem er einem spätantiken Autor, dem Kirchenlehrer Salvian von Marseille, eine Plattform bietet.

Von Salvians Schriften ist im Wesentlichen sein Hauptwerk überliefert, das unter dem Titel «De gubernatione Dei» (Von der Regierung Gottes) bekannt wurde (antike Autoren gaben ihren Werken in der Regel selbst keine Titel). «In ihm schildert Salvian um 450 die Drangsale der damaligen Zeit im Zeichen der Vorsehung und interpretierte die Probleme dieser Jahre als Strafe Gottes für den sündigen Zustand von Gesellschaft und Kirche. Das Werk verzerrt aufgrund dieser Wirkungsabsicht vieles ins Negative, weshalb die heutige Forschung Salvians Angaben in der Regel nicht mehr für bare Münze nimmt. Dessen ungeachtet ist der Text aber eine Hauptquelle für die Kultur- und Sozialgeschichte Westroms.» (aus dem Wikipedia-Artikel über Salvian)

Nach solcher Kritik könnte man nun kommentarlos zur Tagesordnung übergehen. Sehen wir uns aber trotzdem an, was dieser Angehörige der römischen Führungsschicht, der aus Trier bzw. Köln, d.h. aus dem Raum des heutigen deutschen Bundeslandes Nordrhein-Westfalen stammte, uns als Zeitgenosse des kompletten Zerfalls des Weströmischen Reiches zu sagen hat.

Der Staat wird von den Reichen ausgeplündert

Der Verständlichkeit halber greifen wir auf die Übersetzung von Johann Ferdinand Huschberg, einem Archivar und Gelehrten im Königreich Bayern um 1840, zurück:

«Wer könnte, ruft er [Salvian] aus, jenes räuberische Verfahren und jene Schandthat gehörig schildern, daß während das römische Reich schon einem Leichname gleicht, oder doch schon in den letzten Zügen liegt, und während es dort, wo noch einige Lebensfunken sich zeigen, durch Erpressungen hingewürgt wird, dennoch sehr viele Reiche gefunden werden, deren Abgaben die Armen tragen müssen? Als jüngst einigen Städten Nachlässe bewilligt wurden, was bewirkten sie anders, als alle Reichen völlig steuerfrei zu machen, und die Abgaben des Gemeinen zu erhöhen? - Was anders, als jenen die alten Steuern abzunehmen, und diesen auch die neuen aufzubürden? - Was anders, als jene durch Befreiung auch von den kleinsten Abgaben zu bereichern, diese aber durch Auflegung der allerschwersten niederzudrücken. 

Das Schlimmste ist, daß die grössere Zahl der Bevölkerung von der kleinern geächtet wird, welcher die öffentlichen Steuern zur außerordentlichen Beute werden, und von der die Anforderungen des Staates in Titel des Privatgewinnstes umgeschaffen werden, und dieses thun nicht bloß die Angesehensten, sondern auch die Geringsten, nicht bloß die Richter, sondern auch deren Diener. Wo sind wohl noch Städte, Municipien oder Orte, wo nicht eben so viele Tyrannen sind, als sie Machthaber zählen? [...] Die Verderbnis hat einen solchen Grad erreicht, daß nur noch der Schlechte dem Elend entgehen kann.» (Huschberg, S. 459-460)

Man kann es kaum drastischer schildern. Aber selbst wenn man nur einen Bruchteil dieser Aussagen für wahr hält, zeichnen sie doch ein verheerendes Bild der Entsolidarisierung.

Fragen des Zusammenhalts stellen sich in Zeiten epochaler Umbrüche (wie wir sie ebenfalls gerade erleben) in erhöhter Dringlichkeit. Sie akzentuieren sich vor allem dann, wenn an der staatstragenden Basis der begründete Eindruck aufkommt, «die da oben» würden sich nur noch um ihren eigenen Profit kümmern, alle Lasten zunehmend dem Mittelstand aufbürden und auf der Ebene der Unterschicht im besten Fall noch deren Perspektivenlosigkeit verwalten lassen.

Kurz: Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren. Und das, indem man den Staat kapert, ihn als Brechstange verwendet und als Selbstbedienungsladen missbraucht. Es versteht sich fast von selbst, dass ein derartiges Vorbild der Eliten zu Sittenzerfall in der gesamten Gesellschaft führt, ja führen muss.

Die Kurzfassung des Problems findet sich in der Übersetzung von Huschberg einige Zeilen weiter vorn: «Die vom Staate übertragene Gewalt schien nur noch der Plünderung wegen und zwar zunächst der weniger Vermöglichen vorhanden zu seyn; denn die hohen Ehrenstellen wurden von einigen Wenigen erkauft, um sie aus dem häuslichen Ruine Aller zu bezahlen, während diesen alle Erwerbsquellen abgeschnitten waren.» (Huschberg, S. 457-458)

Wo hinein soll man sich integrieren?

In dieses langsam in sich zusammenfallende Imperium strömten seit Jahrhunderten Angehörige von anderen Stämmen, von den Griechen und später den Römern «Barbaren» genannt. Das Imperium Romanum hatte seine Strahlkraft nicht zuletzt dadurch erlangt, dass auch die ehemals Besiegten in den Provinzen am römischen Pragmatismus, den Segnungen römischer Verwaltung und Rechtspflege und der nicht zuletzt dadurch prosperierenden Wirtschaft teilhaben konnten. Die eigenen Gepflogenheiten der neu Hinzugekommenen amalgamierten sich wechselseitig mit denen der imperialen Macht. Und: um Kaiser zu werden musste man nicht Bio-Römer sein.

Wenn sich aber ein solches Imperium nun nicht mehr auf eine gesunde Basis von gelebten Werten stützen kann, in die hineinzuwachsen sich als etwas höchst Erstrebenswertes darstellt, wenn nur noch Unsicherheit herrscht und die Mächtigen und deren Führungskräfte sich nicht mehr an Moral, Recht und Gesetz glauben halten zu müssen, in was hinein sollte man sich dann integrieren?

Das fragten sich wohl auch die Alamannen, die mit den romanisierten keltischen Stämmen über Jahrhunderte in Nachbarschaft lebten. Die eigenen Sitten und Gebräuche, die eigenen moralischen Grundlagen des Zusammenlebens erschienen ihnen höherwertig. Und so haben sich die Alamannen von der Assimiliation abgeschottet und ihre eigene Kultur bewahrt, nicht zuletzt indem sie es ablehnten, in Städten zu leben (vgl.: Die Alamannen – ein Fall verfehlter Integration. WeiachBlog Nr. 169 vom 22. April 2006).

Die moralische Nivellierung zeigt sich, wenn Salvian feststellt, die Römer befänden sich in einer weit kläglicheren Lage als alle anderen Völker. Und das habe seinen Grund «in der moralischen Verdorbenheit der Römer selbst. Offen zählte er die Hauptgebrechen mehrerer Völker auf, und verglich selbe dann mit jenen seiner Landesgenossen. Die Sachsen seyen allerdings ein wildes und grausames Volk, aber von bewunderungswürdiger Reinheit der Sitten; die Allemannen hätten den großen Fehler, dem Trunke ergeben zu seyn; die Franken seyen treulos und lügenhaft, dabei aber sehr gastfrei.» (Huschberg, S. 460-461)

Atomisierung vs. moralischer Kompass

Bei allen Fehlern dieser Nicht-Römer: wenn es um den inneren Zusammenhalt ging, dann hatten die eben aufgezählten barbarischen Stämme gemäss Salvian die weit besseren Karten. Erneut zitiert nach Huschberg:

«Der wechselseitige unter dem Volke herrschende Haß stand mit der gegenseitigen Anhänglichkeit der sogenannten Barbaren in scharfem Contraste. Gegenseitige Zuneigung und Anhänglichkeit war bei diesen unter Allen zu finden, die eines Volkes waren und unter demselben König standen, während fast alle Römer sich wechselseitig verfolgten. Der gesellschaftliche Umgang unter ihnen, einst hoch gerühmt, war so tief gesunken und verdorben, daß sogar die Gothen und Vandalen bereits weit über ihnen standen. In welchem Punkte, fragte Salvian seine Landesgenossen, übertreffen wir sie, oder in welchem könnten wir uns ihnen auch nur gleichstellen?» (Huschberg, S. 461-462)

Atomisierung einer zivilisierten Gesellschaft und deren Folgen bei direkter Konfrontation mit traditionellen Stammesstrukturen. So könnte man das in heutigen Worten auf den Punkt bringen.

Überschaubare Gemeinwesen wie die Schweiz haben grössere Chancen, den moralischen Kompass nicht so komplett zu verlieren wie ein grosses Imperium. Sie müssen sich jedoch ihrer eigenen Werte immer wieder gewahr werden, diese im Lichte der wechselnden Zeitläufe richtig interpretieren. Und sich dann konsequent gegen die Vereinnahmung durch schrankenlose Selbstbereicherung Mächtiger vorsehen und fortgesetzt dagegen vorgehen, indem sie ihre Werte leben und verteidigen.

Um die Grundlage dieser Fähigkeit, den Kompass zu halten, im Geiste des eingangs erwähnten Gottfried Keller auf den Punkt zu bringen: Das geht nur, wenn der Bürger «imstande ist, selber vor die Haustüre zu treten und nachzusehen, was es gibt» (Züricher Novellen, Kap. 30). Und vor allem: wenn er bereit und in der Lage ist, dann auch entsprechend zu handeln. Selbst wenn es den Mächtigen nicht gefällt.

Quellen und Literatur

Freitag, 5. Juli 2019

Badische Behörden wollen Auskunft über verhaftete Vagantin

Das Grossherzogtum Baden entstand ab 1802 im Zuge der durch Napoleon angestossenen Umgestaltung der Staatenlandschaft im Raum des heutigen Deutschlands. Dazu gehörte das Oberamt Waldshut (mit Hohentengen unmittelbar nördlich von Weiach), sowie die Gegend zwischen Lörrach und Freiburg im Breisgau. Dort liegt die Kleinstadt Staufen im Breisgau, die von 1806 bis 1809 Sitz des Oberamts Staufen war.

Im Raum Staufen wurde eine 32-jährige Landstreicherin verhaftet, die mit einem Weiacher verheiratet war. Das kann man dem Regierungsratsbeschluss 1809/0869 vom 22. Juli 1809 entnehmen:

«Da es sich aus dem Bericht des Herren Bezirksstatthalter Angst vom 20sten dieß (den derselbe in Folge Auftrags vom 13ten dieß erstattet) und dem eingesandten Auszug aus dem Tauf- und Ehebuch der Gemeinde Stadel ergiebt, daß die zu Staufen, im Großherzogthum Baaden, verhaftete Vagantin, Elisabetha [sic!] Hauser von Stadel ihren eigenen Namen und auch die Namen ihrer Elteren dem Oberamt Staufen richtig angegeben hat, und daß sie den 9ten Merz 1777 getauft, und den 21sten May 1799 ihre Ehe mit Johannes Meyerhofer von Weyach eingesegnet worden, übrigens kein Vergehen, das sie sich in hießigem Canton hätte zu Schulden kommen laßen, bekannt ist, – so ist hievon dem gedachten Oberamte laut Mißiven rükantwortlich Notiz zu geben.» (Transkription durch Staatsarchiv des Kantons Zürich)

Ein Beschluss in einem einzigen Satz. Was man der Frau im Badischen vorgeworfen hat, ist nicht bekannt. Allenfalls sind im Generallandesarchiv (GLA) Karlsruhe Unterlagen des Oberamts Staufen erhalten geblieben, die darüber etwas erhellen.

Quelle
  • Kleiner Rat des Kantons Zürich (ed.): Antwort an das Baadische Oberamt Staufen, betreffend die dort verhaftete Elisabeth Hauser von Stadel. Regierungsratsprotokoll vom 22. Juli 1809 – S. 437-438. Signatur: StAZH MM 1.29 RRB 1809/0869

Sonntag, 30. Juni 2019

Am Sonntag in Eglisau «bym wyn gewesen»

Dass die Untertanen auf dem Land zu Zeiten des Ancien Régime Ende des 17. Jahrhunderts für sonntägliche Wirtshausbesuche gebüsst wurden, war auf WeiachBlog und in den Weiacher Geschichte(n) bereits Thema. Der Neuamts-Obervogt notierte die Bussen in seiner Rechnung 1692/93 (vgl. WeiachBlog Nr. 163, Link in den Quellen).

Auch im Kirchgemeindearchiv von Eglisau findet sich im Protokollband von 1683 ein Hinweis auf eine solche Übertretung eines Weiachers und die dazugehörende Busse, die ihm aufgebrummt wurde.

Den 19. tag maii a[nno] 1683 ward stillstand gehalten auf dem rathhaus.

Gerichtsbehörde war in diesem Fall der Stillstand, also die Kirchenpflege unter Vorsitz des Pfarrers, die sich 1683 insgesamt an sechs Tagen mit Verfehlungen in ihrem Sprengel auseinandersetzte. Im Mai standen insgesamt 9 Verfahren auf der Tagesordnung. Darunter das hier:

«Marx Keiser, Othmar Wirth, Heinrich Wirth küfer, item Heinrich Wirth wächter, Heinrich Gantner Caspar Husers schuhmachers knecht von Weyach, umb das sy am sontag bym wyn gewesen, wurdend in oberkeitliche buß erkennt und jeder per 10 ß sitzgelt angelegt

Das wären für diese fünf Schluckspechte dann also 50 Schillinge Gerichtsgebühr in die Kasse der Pflege.

Die Busse der hohen Obrigkeit (d.h. dem Landvogt auf dem Schloss am südlichen Brückenkopf auf der Seglinger Seite) erwartete die fünf erst noch. Aufzeichnungen dazu müssten sich – sofern noch vorhanden – im Bestand StAZH C III 6 (Landvogtei Eglisau) befinden.

Quellen

  • Staatsarchiv des Kantons Zürich (Hrsg.): Zürcher Stillstandsprotokolle des 17. Jahrhunderts online. Eglisau (Stillstand): Jahresprotokoll 1683. Signatur: StAZH TAI 1.328; ERKGA Eglisau IV A 1 a  S. 49.
  • Brandenberger, U.: Bussgeld für sonntägliche Wirtshausbesuche. WeiachBlog Nr. 163 v. 16. April 2006

Donnerstag, 27. Juni 2019

Mit der Ruhe des Landlebens ist es vorbei

Das Landleben wird - besonders von Städtern, deren es in diesem Land und weltweit immer mehr gibt - zuweilen arg romantisch verklärt. Ruhig sei es da, gute Luft habe es da. Grüne, schöne Landschaften. Befeuert werden die Vorstellungen noch durch Werbespots der Grossverteiler von glücklichen Hühnern, Kühen, etc.

Fakt ist aber: das Land ist nur noch wegen der Raumplanungsgesetzgebung und ihren Zonenplänen an gewissen Rückzugsorten tatsächlich noch Land. Zum Beispiel in Bachs (dank Schutzverordnung für das Bachsertal) und, wenn auch in wesentlich geringerem Masse, in Weiach.

Neuzuzüger scheinen das zuweilen zu vergessen. In ihrer Realität kollidieren die idealisierten Vorstellungen öfter mit dem landwirtschaftlichen courant normal. Immissionen aller Art, neben Lärm auch Gerüche der unangenehmen Art, gehören aber nun einmal zum Land. Da hat die Landwirtschaft ihr Reservat.

Reden nützt nichts...

Es gibt in Weiach nur noch wenige Bauern, die von ihrer Profession leben - man kann sie bald an einer Hand abzählen. Und deshalb prallen auch und gerade in Weiach an den Schnittstellen Welten aufeinander.

Dieser Kulturkampf zwischen Städter und Landei äussert sich dann in O-Tönen wie diesem:

«Wenn wir normale landwirtschaftliche Arbeiten verrichten müssen, wie Heuen oder Stroh abladen, rufen die Neuzuzüger auch mal die Polizei wegen Lärmbelästigung», sagt der Einwohner eines alteingesessenen Bauerngeschlechts. «Sie nehmen ihre Hundehaufen nicht zusammen, und unsere Tiere bekommen Koliken. Sie böllern an Silvester und am 1. August ohne Rücksichtnahme auf unsere Tiere Raketen ab – die Reste sammeln wir dann auf den Weiden zusammen. Reden nützt nichts.» (Blick, 26. Januar 2019, vgl. Quellen unten)

Die Alteingesessenen haben ihre liebe Mühe mit den vielen Neuzuzügern der letzten Jahre. Denn diese überflügeln in ihrer schieren Masse all die kulturellen Eigenheiten, die Alt-Weiach früher noch ausgemacht haben.

Die Wahl des weltweit als Manager tätigen Paul Willi zum Gemeindepräsidenten war wohl ein letztes Aufbäumen dieser alten Strukturen. Mit dem Antritt von Stefan Arnold im Präsidentenamt haben definitiv die Neu-Weiacher das Szepter übernommen.

Auch in den 50er-Jahren schon ein Thema

Dass auch vor vielen Jahrzehnten schon eine romantische Verklärung des Dorflebens festzustellen ist - wenn auch vor allem bei Heimatverbundenen - das sieht man in der allerersten Jahreschronik von Walter Zollinger. Da schrieb er:

«Der zunehmende Motorfahrzeugverkehr beginnt auch auf unsern Strassen zur Plage zu werden. An schönen Sonntagen ist es kaum mehr ohne Gefahr möglich, mit der Familie auf einer der beiden Landstrassen Zürich-Basel oder Winterthur-Basel zu spazieren. Und an den Werktagen sind es die Lastwagen-Ungeheuer aller Art und die landw. Traktoren, die einem die Strasse verleiden. In unserm kleinen Bauerndorf gibt es ja auch schon nahezu drei Dutzend solche Traktoren oder Motormäher. Herrlich für die "Langschläfer", wenn diese Vehikel morgens 5 Uhr schon mit ihrem Geratter zum Futter holen ausrücken! Die früher so hochgelobte "Ruhe des Landlebens" ist gänzlich vorüber.» (G-Ch Weiach 1952)

So ergeht es dem Dorflehrer, der nicht auch noch landwirtschaftlich tätig sein muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Und der damals noch ein Exot war im Bauerndorf Weiach. Da kann man sich derlei Kulturkritik locker leisten. Zumal sich die «Dorfgenossen» das Geschriebene ja sowie frühestens 25 Jahre nach der Ablieferung an die Zentralbibliothek ansehen konnten (in diesem Fall nach 1979, vgl. Quellen).

Quellen

Montag, 17. Juni 2019

Die älteste erhaltene Erwähnung: StAZH C II 2, Nr. 79 e

Die älteste erhaltene Erwähnung von Wiach, die mit ziemlicher Sicherheit die heutige Ortschaft Weiach betrifft, ist in einem Urbar der Fraumünsterabtei enthalten, das zwischen 1265 und 1287 erstellt wurde (vgl. WeiachBlog Nr. 453 sowie Nr. 1283, s. Literatur unten).

Die Quellenangabe im «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich» (Nr. 1459 in Bd. IV auf S. 165) lautet: «Einträge eines Zinsrodels der Abtei auf Pergament, aus dem 13. Jahrhundert, St. A. Z. Abtei nr. 79e.».

Es handelt sich also bei diesem Dokument auf Pergament – entgegen der in vielen Unterlagen verwendeten Bezeichnung – nicht um eine Urkunde (vgl. WeiachBlog Nr. 1379, s. Literatur unten).

Zum Fond «Abtei Fraumünster (Damenstift)» mit Signatur: C II 2 vermerkt der Online-Archivkatalog des StAZH: «Fondsgeschichte: [...] Die Urkunden C II 2 wurden 1978 aus 11 Sammelschachteln in Einzelbehältnisse umgebettet. Dabei wurden insgesamt 456 Stücke (davon 402 Pergamente) mit 370 Siegeln (352 Wachssiegel, 4 Bleibullen, Rest Papiersiegel) gezählt.» Weitere Urkunden der Fraumünsterabtei befinden sich im Stadtarchiv Zürich.

Das erste Bild des Originals

Bislang waren lediglich die Einträge im «Urkundenbuch» bekannt. Wie das Original aussieht, war nicht bekannt.

Am 18. Dezember 2018 durfte der WeiachBlog-Autor eines dieser Stücke aus dem Fraumünsterabtei-Fonds (das mit der Signatur «StAZH C II 2, Nr. 79 e») im Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH) im Original betrachten. Natürlich ordnungsgemäss mit weissen Stoffhandschuhen ausgerüstet – um das Pergament zu schützen.


Bild: Die Pergamentrolle in ihrer Umverpackung. Wiachiana-Verlag, 18.12.2018.

Gut geschützt in seiner Umverpackung haben wir hier ein ellenlanges Rodel, vorne und hinten beschrieben. Auf der Hinterseite findet man die älteste erhaltene Nennung des Ortsnamens Wiach.

Nachstehend erstmals ein Bild des Original (Wiach ganz links unten im roten Kasten):

Bild: Wiachiana-Verlag, 18.12.2018 (schlechte Qualität aufgrund Wellung des Originals und der Auflösung der Handykamera).

Der leider etwas verschwommene Text lautet:
«Iohannes dictus Brotpeko de Cheiserstůl I den. de bonis suis
in Wiâch, que comparavit a Ia. dicto Gêbi

Und von anderer Hand auf der zweiten Zeile dahinter notiert: «In domo liamum unum». Was dieser Zusatzeintrag bedeuten könnte, entzieht sich meiner Kenntnis zur Zeit noch.

Literatur
  • Brandenberger, U.: Ein alter NZZ-Artikel unter der Lupe. WeiachBlog Nr. 453 v. 11. Mai 2007. [Vierter Absatz (1271: Wer hat wem verkauft?)]
  • Brandenberger, U.: Anmerkungen ins Exemplar der Nationalbibliothek geschrieben. WeiachBlog Nr. 1283 v. 6. Juni 2016.
  • Brandenberger, U.: Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde. WeiachBlog Nr. 1379 v. 2. November 2018. [Zweiter Absatz (Ein Urbar im Urkundenbuch)]

Sonntag, 19. Mai 2019

STAF-Kuhhandel und Entwaffnungs-Richtlinie

Ein schwarzer Tag, dieser heutige Abstimmungssonntag. Gleich zwei Schläge gegen Selbstbestimmung und Freiheit. Und weitere zwei Unterwerfungssignale gegenüber dem EU-Diktat. Zu den beiden eidgenössischen Vorlagen, vgl. die Erläuterungen des Bundesrates (pdf, 830 KB).

STAF-Kuhhandel

Da ist zum einem das unsägliche Paket «Bundesgesetz über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung» (STAF). Es verletzt in eklatanter Weise das Gebot der Einheit der Materie und war nur dazu gedacht, im Verbund mit der üblichen Angstkampagne den Stimmbürger einzuseifen. Auf Kantons- und Bundesebene ist es schlank durchgewunken worden.

Ganze drei Gemeinden (Hagenbuch, Fischenthal und Adlikon) erwiesen sich im Kanton Zürich als letzte Bastionen des Widerstandes - eine Mehrheit der Abstimmenden legte dort ein NEIN ein. In Weiach liess sich in dieser Frage die Mehrheit über den Tisch ziehen (54.34% Ja-Stimmende) und nickte diesen Kuhhandel ab. Schon bei der FABI-Vorlage hatten wir ja diese Verquickung von Steuerrecht und Verkehrspolitik. Hier nun von AHV und Steuern. Leider werden solche Verklammerungen von Vorlagen mit den Jahren immer dreister und verletzen zunehmend die Einheit der Materie, was die Ermittlung des Volkswillens verfälscht.

Entwaffnungs-Richtlinie

Anders sieht es in Weiach bei der EU-Waffenrichtlinie aus, eine Vorlage die ebenfalls mit einer Drohkulisse verbunden wurde. Nämlich der impliziten Androhung eines Rauswurfs aus dem Schengen-Raum, sollte es die Schweiz wagen, sich dagegen zu stellen.

Hier zeigt sich wieder einmal der Bible Belt mit den traditionalistischen Gemeinden im Oberland, Weinland und Unterland, in denen eine Mehrheit der Abstimmenden dem Vorhaben die rote Karte zeigen. Es sind sozusagen die letzten gallischen Dörfer im Kampf um die Freiheit.

Das Recht eines Bürgers auf Waffenbesitz ist ein Freiheitsrecht, das nur Diktaturen und totalitäre Systeme beschneiden.

Verhausschweinte Städter

Wie sehr die Verhausschweinung einer Mehrheit der Bevölkerung gerade in der Stadt Zürich und am Zürichsee fortgeschritten ist, zeigt die Karte ebenso eindrücklich.

Eine Mehrheit der Zürcher hat vergessen, dass Sicherheit nicht mit der Preisgabe von Freiheit gekauft werden kann. Man ist bereit dem Staat die totale Macht zu geben. Und denkt nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze.