Freitag, 5. Juli 2019

Badische Behörden wollen Auskunft über verhaftete Vagantin

Das Grossherzogtum Baden entstand ab 1802 im Zuge der durch Napoleon angestossenen Umgestaltung der Staatenlandschaft im Raum des heutigen Deutschlands. Dazu gehörte das Oberamt Waldshut (mit Hohentengen unmittelbar nördlich von Weiach), sowie die Gegend zwischen Lörrach und Freiburg im Breisgau. Dort liegt die Kleinstadt Staufen im Breisgau, die von 1806 bis 1809 Sitz des Oberamts Staufen war.

Im Raum Staufen wurde eine 32-jährige Landstreicherin verhaftet, die mit einem Weiacher verheiratet war. Das kann man dem Regierungsratsbeschluss 1809/0869 vom 22. Juli 1809 entnehmen:

«Da es sich aus dem Bericht des Herren Bezirksstatthalter Angst vom 20sten dieß (den derselbe in Folge Auftrags vom 13ten dieß erstattet) und dem eingesandten Auszug aus dem Tauf- und Ehebuch der Gemeinde Stadel ergiebt, daß die zu Staufen, im Großherzogthum Baaden, verhaftete Vagantin, Elisabetha [sic!] Hauser von Stadel ihren eigenen Namen und auch die Namen ihrer Elteren dem Oberamt Staufen richtig angegeben hat, und daß sie den 9ten Merz 1777 getauft, und den 21sten May 1799 ihre Ehe mit Johannes Meyerhofer von Weyach eingesegnet worden, übrigens kein Vergehen, das sie sich in hießigem Canton hätte zu Schulden kommen laßen, bekannt ist, – so ist hievon dem gedachten Oberamte laut Mißiven rükantwortlich Notiz zu geben.» (Transkription durch Staatsarchiv des Kantons Zürich)

Ein Beschluss in einem einzigen Satz. Was man der Frau im Badischen vorgeworfen hat, ist nicht bekannt. Allenfalls sind im Generallandesarchiv (GLA) Karlsruhe Unterlagen des Oberamts Staufen erhalten geblieben, die darüber etwas erhellen.

Quelle
  • Kleiner Rat des Kantons Zürich (ed.): Antwort an das Baadische Oberamt Staufen, betreffend die dort verhaftete Elisabeth Hauser von Stadel. Regierungsratsprotokoll vom 22. Juli 1809 – S. 437-438. Signatur: StAZH MM 1.29 RRB 1809/0869

Sonntag, 30. Juni 2019

Am Sonntag in Eglisau «bym wyn gewesen»

Dass die Untertanen auf dem Land zu Zeiten des Ancien Régime Ende des 17. Jahrhunderts für sonntägliche Wirtshausbesuche gebüsst wurden, war auf WeiachBlog und in den Weiacher Geschichte(n) bereits Thema. Der Neuamts-Obervogt notierte die Bussen in seiner Rechnung 1692/93 (vgl. WeiachBlog Nr. 163, Link in den Quellen).

Auch im Kirchgemeindearchiv von Eglisau findet sich im Protokollband von 1683 ein Hinweis auf eine solche Übertretung eines Weiachers und die dazugehörende Busse, die ihm aufgebrummt wurde.

Den 19. tag maii a[nno] 1683 ward stillstand gehalten auf dem rathhaus.

Gerichtsbehörde war in diesem Fall der Stillstand, also die Kirchenpflege unter Vorsitz des Pfarrers, die sich 1683 insgesamt an sechs Tagen mit Verfehlungen in ihrem Sprengel auseinandersetzte. Im Mai standen insgesamt 9 Verfahren auf der Tagesordnung. Darunter das hier:

«Marx Keiser, Othmar Wirth, Heinrich Wirth küfer, item Heinrich Wirth wächter, Heinrich Gantner Caspar Husers schuhmachers knecht von Weyach, umb das sy am sontag bym wyn gewesen, wurdend in oberkeitliche buß erkennt und jeder per 10 ß sitzgelt angelegt

Das wären für diese fünf Schluckspechte dann also 50 Schillinge Gerichtsgebühr in die Kasse der Pflege.

Die Busse der hohen Obrigkeit (d.h. dem Landvogt auf dem Schloss am südlichen Brückenkopf auf der Seglinger Seite) erwartete die fünf erst noch. Aufzeichnungen dazu müssten sich – sofern noch vorhanden – im Bestand StAZH C III 6 (Landvogtei Eglisau) befinden.

Quellen

  • Staatsarchiv des Kantons Zürich (Hrsg.): Zürcher Stillstandsprotokolle des 17. Jahrhunderts online. Eglisau (Stillstand): Jahresprotokoll 1683. Signatur: StAZH TAI 1.328; ERKGA Eglisau IV A 1 a  S. 49.
  • Brandenberger, U.: Bussgeld für sonntägliche Wirtshausbesuche. WeiachBlog Nr. 163 v. 16. April 2006

Donnerstag, 27. Juni 2019

Mit der Ruhe des Landlebens ist es vorbei

Das Landleben wird - besonders von Städtern, deren es in diesem Land und weltweit immer mehr gibt - zuweilen arg romantisch verklärt. Ruhig sei es da, gute Luft habe es da. Grüne, schöne Landschaften. Befeuert werden die Vorstellungen noch durch Werbespots der Grossverteiler von glücklichen Hühnern, Kühen, etc.

Fakt ist aber: das Land ist nur noch wegen der Raumplanungsgesetzgebung und ihren Zonenplänen an gewissen Rückzugsorten tatsächlich noch Land. Zum Beispiel in Bachs (dank Schutzverordnung für das Bachsertal) und, wenn auch in wesentlich geringerem Masse, in Weiach.

Neuzuzüger scheinen das zuweilen zu vergessen. In ihrer Realität kollidieren die idealisierten Vorstellungen öfter mit dem landwirtschaftlichen courant normal. Immissionen aller Art, neben Lärm auch Gerüche der unangenehmen Art, gehören aber nun einmal zum Land. Da hat die Landwirtschaft ihr Reservat.

Reden nützt nichts...

Es gibt in Weiach nur noch wenige Bauern, die von ihrer Profession leben - man kann sie bald an einer Hand abzählen. Und deshalb prallen auch und gerade in Weiach an den Schnittstellen Welten aufeinander.

Dieser Kulturkampf zwischen Städter und Landei äussert sich dann in O-Tönen wie diesem:

«Wenn wir normale landwirtschaftliche Arbeiten verrichten müssen, wie Heuen oder Stroh abladen, rufen die Neuzuzüger auch mal die Polizei wegen Lärmbelästigung», sagt der Einwohner eines alteingesessenen Bauerngeschlechts. «Sie nehmen ihre Hundehaufen nicht zusammen, und unsere Tiere bekommen Koliken. Sie böllern an Silvester und am 1. August ohne Rücksichtnahme auf unsere Tiere Raketen ab – die Reste sammeln wir dann auf den Weiden zusammen. Reden nützt nichts.» (Blick, 26. Januar 2019, vgl. Quellen unten)

Die Alteingesessenen haben ihre liebe Mühe mit den vielen Neuzuzügern der letzten Jahre. Denn diese überflügeln in ihrer schieren Masse all die kulturellen Eigenheiten, die Alt-Weiach früher noch ausgemacht haben.

Die Wahl des weltweit als Manager tätigen Paul Willi zum Gemeindepräsidenten war wohl ein letztes Aufbäumen dieser alten Strukturen. Mit dem Antritt von Stefan Arnold im Präsidentenamt haben definitiv die Neu-Weiacher das Szepter übernommen.

Auch in den 50er-Jahren schon ein Thema

Dass auch vor vielen Jahrzehnten schon eine romantische Verklärung des Dorflebens festzustellen ist - wenn auch vor allem bei Heimatverbundenen - das sieht man in der allerersten Jahreschronik von Walter Zollinger. Da schrieb er:

«Der zunehmende Motorfahrzeugverkehr beginnt auch auf unsern Strassen zur Plage zu werden. An schönen Sonntagen ist es kaum mehr ohne Gefahr möglich, mit der Familie auf einer der beiden Landstrassen Zürich-Basel oder Winterthur-Basel zu spazieren. Und an den Werktagen sind es die Lastwagen-Ungeheuer aller Art und die landw. Traktoren, die einem die Strasse verleiden. In unserm kleinen Bauerndorf gibt es ja auch schon nahezu drei Dutzend solche Traktoren oder Motormäher. Herrlich für die "Langschläfer", wenn diese Vehikel morgens 5 Uhr schon mit ihrem Geratter zum Futter holen ausrücken! Die früher so hochgelobte "Ruhe des Landlebens" ist gänzlich vorüber.» (G-Ch Weiach 1952)

So ergeht es dem Dorflehrer, der nicht auch noch landwirtschaftlich tätig sein muss, um seinen Lebensunterhalt zu sichern. Und der damals noch ein Exot war im Bauerndorf Weiach. Da kann man sich derlei Kulturkritik locker leisten. Zumal sich die «Dorfgenossen» das Geschriebene ja sowie frühestens 25 Jahre nach der Ablieferung an die Zentralbibliothek ansehen konnten (in diesem Fall nach 1979, vgl. Quellen).

Quellen

Montag, 17. Juni 2019

Die älteste erhaltene Erwähnung: StAZH C II 2, Nr. 79 e

Die älteste erhaltene Erwähnung von Wiach, die mit ziemlicher Sicherheit die heutige Ortschaft Weiach betrifft, ist in einem Urbar der Fraumünsterabtei enthalten, das zwischen 1265 und 1287 erstellt wurde (vgl. WeiachBlog Nr. 453 sowie Nr. 1283, s. Literatur unten).

Die Quellenangabe im «Urkundenbuch der Stadt und Landschaft Zürich» (Nr. 1459 in Bd. IV auf S. 165) lautet: «Einträge eines Zinsrodels der Abtei auf Pergament, aus dem 13. Jahrhundert, St. A. Z. Abtei nr. 79e.».

Es handelt sich also bei diesem Dokument auf Pergament – entgegen der in vielen Unterlagen verwendeten Bezeichnung – nicht um eine Urkunde (vgl. WeiachBlog Nr. 1379, s. Literatur unten).

Zum Fond «Abtei Fraumünster (Damenstift)» mit Signatur: C II 2 vermerkt der Online-Archivkatalog des StAZH: «Fondsgeschichte: [...] Die Urkunden C II 2 wurden 1978 aus 11 Sammelschachteln in Einzelbehältnisse umgebettet. Dabei wurden insgesamt 456 Stücke (davon 402 Pergamente) mit 370 Siegeln (352 Wachssiegel, 4 Bleibullen, Rest Papiersiegel) gezählt.» Weitere Urkunden der Fraumünsterabtei befinden sich im Stadtarchiv Zürich.

Das erste Bild des Originals

Bislang waren lediglich die Einträge im «Urkundenbuch» bekannt. Wie das Original aussieht, war nicht bekannt.

Am 18. Dezember 2018 durfte der WeiachBlog-Autor eines dieser Stücke aus dem Fraumünsterabtei-Fonds (das mit der Signatur «StAZH C II 2, Nr. 79 e») im Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH) im Original betrachten. Natürlich ordnungsgemäss mit weissen Stoffhandschuhen ausgerüstet – um das Pergament zu schützen.


Bild: Die Pergamentrolle in ihrer Umverpackung. Wiachiana-Verlag, 18.12.2018.

Gut geschützt in seiner Umverpackung haben wir hier ein ellenlanges Rodel, vorne und hinten beschrieben. Auf der Hinterseite findet man die älteste erhaltene Nennung des Ortsnamens Wiach.

Nachstehend erstmals ein Bild des Original (Wiach ganz links unten im roten Kasten):

Bild: Wiachiana-Verlag, 18.12.2018 (schlechte Qualität aufgrund Wellung des Originals und der Auflösung der Handykamera).

Der leider etwas verschwommene Text lautet:
«Iohannes dictus Brotpeko de Cheiserstůl I den. de bonis suis
in Wiâch, que comparavit a Ia. dicto Gêbi

Und von anderer Hand auf der zweiten Zeile dahinter notiert: «In domo liamum unum». Was dieser Zusatzeintrag bedeuten könnte, entzieht sich meiner Kenntnis zur Zeit noch.

Literatur
  • Brandenberger, U.: Ein alter NZZ-Artikel unter der Lupe. WeiachBlog Nr. 453 v. 11. Mai 2007. [Vierter Absatz (1271: Wer hat wem verkauft?)]
  • Brandenberger, U.: Anmerkungen ins Exemplar der Nationalbibliothek geschrieben. WeiachBlog Nr. 1283 v. 6. Juni 2016.
  • Brandenberger, U.: Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde. WeiachBlog Nr. 1379 v. 2. November 2018. [Zweiter Absatz (Ein Urbar im Urkundenbuch)]

Sonntag, 19. Mai 2019

STAF-Kuhhandel und Entwaffnungs-Richtlinie

Ein schwarzer Tag, dieser heutige Abstimmungssonntag. Gleich zwei Schläge gegen Selbstbestimmung und Freiheit. Und weitere zwei Unterwerfungssignale gegenüber dem EU-Diktat. Zu den beiden eidgenössischen Vorlagen, vgl. die Erläuterungen des Bundesrates (pdf, 830 KB).

STAF-Kuhhandel

Da ist zum einem das unsägliche Paket «Bundesgesetz über die Steuerreform und die AHV-Finanzierung» (STAF). Es verletzt in eklatanter Weise das Gebot der Einheit der Materie und war nur dazu gedacht, im Verbund mit der üblichen Angstkampagne den Stimmbürger einzuseifen. Auf Kantons- und Bundesebene ist es schlank durchgewunken worden.

Ganze drei Gemeinden (Hagenbuch, Fischenthal und Adlikon) erwiesen sich im Kanton Zürich als letzte Bastionen des Widerstandes - eine Mehrheit der Abstimmenden legte dort ein NEIN ein. In Weiach liess sich in dieser Frage die Mehrheit über den Tisch ziehen (54.34% Ja-Stimmende) und nickte diesen Kuhhandel ab. Schon bei der FABI-Vorlage hatten wir ja diese Verquickung von Steuerrecht und Verkehrspolitik. Hier nun von AHV und Steuern. Leider werden solche Verklammerungen von Vorlagen mit den Jahren immer dreister und verletzen zunehmend die Einheit der Materie, was die Ermittlung des Volkswillens verfälscht.

Entwaffnungs-Richtlinie

Anders sieht es in Weiach bei der EU-Waffenrichtlinie aus, eine Vorlage die ebenfalls mit einer Drohkulisse verbunden wurde. Nämlich der impliziten Androhung eines Rauswurfs aus dem Schengen-Raum, sollte es die Schweiz wagen, sich dagegen zu stellen.

Hier zeigt sich wieder einmal der Bible Belt mit den traditionalistischen Gemeinden im Oberland, Weinland und Unterland, in denen eine Mehrheit der Abstimmenden dem Vorhaben die rote Karte zeigen. Es sind sozusagen die letzten gallischen Dörfer im Kampf um die Freiheit.

Das Recht eines Bürgers auf Waffenbesitz ist ein Freiheitsrecht, das nur Diktaturen und totalitäre Systeme beschneiden.

Verhausschweinte Städter

Wie sehr die Verhausschweinung einer Mehrheit der Bevölkerung gerade in der Stadt Zürich und am Zürichsee fortgeschritten ist, zeigt die Karte ebenso eindrücklich.

Eine Mehrheit der Zürcher hat vergessen, dass Sicherheit nicht mit der Preisgabe von Freiheit gekauft werden kann. Man ist bereit dem Staat die totale Macht zu geben. Und denkt nicht weiter als bis zur eigenen Nasenspitze.

Dienstag, 7. Mai 2019

Wenn Bibliothekare kreativ werden müssen

Als es um die bibliographische Erfassung der ersten zwischen harte Buchdeckel gepackten Monographie zur Geschichte von Weiach ging, mussten sich die Katalogisierer in den Bibliotheken erstmals entscheiden: Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Titeln auf dem Buchrücken, dem Einband und auf dem Titelblatt um? In der Regel nahmen sie dann den Titel auf dem Titelblatt im Innern des Büchleins «Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach» auf ihre Katalogkarten auf. Für die nicht dokumentalistisch gebildeten Leser hingegen wurde der Rückentitel «Chronik Weiach» massgebend (vgl. Habent sua fata libelli, WeiachBlog Nr. 1350 v. 11. September 2017). Manchmal ist umgangssprachlich sogar nur von der «Chronik» die Rede.

Wenn nun, wie im Februar 2019, der volkstümliche Name einer Publikation zum neuen offiziellen Titel wird («Mitteilungsblatt» statt «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach», vgl. WeiachBlog Nr. 1391) und dieser Titel mit einem Schrift-Logo verbunden auf dem Titelblatt prangt, dann müssen die Bibliotheksangestellten erneut kreativ werden. Mit unterschiedlichen Resultaten, wie man in den Bibliothekskatalogen HELVETICAT und NEBIS sehen kann.

Wie es die Schweizerische Nationalbibliothek macht...

Die Nationalbibliothek, die alle schweizbezogenen Publikationen (Helvetica) sammelt, hat den neuen Titel unter dem Datensatzfeld «Anderer Titel» erfasst: «Titel ‹2.2019-›: Mitteilungsblatt / Gemeinde Weiach». Die im Impressum stehende, angestammte Bezeichnung «Publikationsorgan der Gemeinde Weiach» wird in eckigen Klammern (da nicht eigentlicher Titelbestandteil) hinter den (ehemaligen) Titel gestellt. In Bern hält man also sozusagen am alten Titel fest:


Die Allgemeine Fussnote weist darauf hin, seit wann die Nationalbibliothek die Mitteilungen aus Weiach sammelt: Dezember 2007.

... und wie die Zentralbibliothek Zürich

Anders in Zürich. Dort ist der Titel der seit Februar offizielle, ergänzt um die Impressumsangabe (allerdings ohne eckige Klammern). Für den alten Titel hat man das Feld Verwandte Titel verwendet: «Früherer Titel: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach: Januar 2003-Januar 2019». Und schliesslich gibt es noch das Feld Einheitstitel: «Mitteilungsblatt (Gemeinde Weiach)».
Wie man dem Eintrag ausserdem ansieht, findet sich da zur Zeit noch der Irrtum, die MGW würden erst seit 2003 erscheinen (dadurch bedingt, dass die Gemeindeverwaltung die Zentralbibliothek erst seit besagtem Jahr auf dem Verteiler hat).

Und schliesslich haben wir im untersten Feld die Information, dass die früheren Jahrgänge in der sog. Speicherbibliothek in Büron LU lagern. Das ist ein als Hochregallager gebauter, gemeinsamer «Büchersilo» verschiedener Schweizer Bibliotheken, die auf diese Weise ihre Platzprobleme gelöst haben. Will man ein Werk aus dieser Speicherbibliothek einsehen, dann ist darauf zu achten, dass es a) 24 bis 48 Stunden dauert (d.h. 2 Arbeitstage) bis es in Zürich verfügbar ist und b) ob es dem «Individualbestand ZB» angehört. Nur wenn letzteres zutrifft, erhält man das Original. Steht da der Vermerk «Kollektivbestand» sind nur Kopien erhältlich (Quelle: mündliche Auskunft der ZB vom 7. Mai 2019; siehe auch https://www.nebis.ch/de/bibliotheken/speicherbibliothek/).

Lasst viele Katalogblumen blühen

Die Gemeindeverwaltung hat also nach 1972 und 1984 (1. und 2. Auflage von Zollingers eingangs erwähnter Monographie) erneut dafür gesorgt, viele bibliothekarische Blumen erblühen zu lassen. Grösstmögliche Vielfalt, wie man auf swissbib.ch sehen kann, denn nur zwei Bibliotheken haben das Weycher Mitteilungsblatt in ihren Beständen:


Weiterführende Artikel zum Thema Mitteilungsblatt

Montag, 6. Mai 2019

Korrigendum Paginierung Weiacher Geschichte(n) 104 u. 105

Ein Hinweis in eigener Sache: Gestern ist mir ein Fehler in der Gesamtausgabe der Weiacher Geschichte(n) aufgefallen. Die Seitennummerierung stimmt nicht durchgehend.

Im Inhaltsverzeichnis (vgl. Abbildung) sind die Seitenzahlen korrekt angegeben, in den zwei Artikeln Nr. 104 und 105 selber hingegen nicht.



Die Seite 409 fehlt in der Paginierung des Artikels Nr. 104. Statt 409-413 wird die Seitenzählung 410-414 verwendet. In Nr. 105 wird diese irrtümlich um 1 Seite verschobene Paginierung fortgesetzt: Statt korrekt 414-419 werden die Seiten 415-420 gezählt. Ab Nr. 106 ist die Paginierung hingegen auch im jeweiligen Artikel selber wieder korrekt (Seiten 420-423 für Nr. 106). Die Seite 420 gibt es also doppelt - auf Kosten der Seite 409!

Dieser Fehler ist mir im Sommer 2008 unterlaufen. Warum ich ihn erst so spät entdeckt habe, ist auch klar. Bei der Erstellung der Gesamtausgabe in einer Datei Anfang 2017 hat die Nummerierung mit der im PDF-Viewer gezeigten Anzahl Seiten übereingestimmt. Es gab daher keinen Anlass stutzig zu werden.

Bis ich die Gesamtausgabe 2017 gestern zur seitengenauen Referenzierung einer Textstelle in WeiachBlog Nr. 1396 verwendet habe. Und so über das doppelte Lottchen «Seite 420» gestolpert bin.

Getroffene Korrekturmassnahmen

Die beiden Artikel 104 und 105 sind per heute mit dem Vermerk «Gesamtausgabe 2019» versehen richtig paginiert und auf weiachergeschichten.ch publiziert worden. Die fehlerhaften Artikel von 2008 (online seit 5. Dezember 2009) wurden gelöscht.

Die Gesamtausgabe in einer Datei bleibt hingegen online, ergänzt mit einem Verweis auf dieses Korrigendum neben dem Link.

Bei Seitenreferenzierungen von Drittautoren zwischen Sommer 2008 und (mindestens) Mai 2019 ist weiterhin die Verschiebung zu berücksichtigen!

BTW: Diese Korrektur zeigt einmal mehr, warum es wichtig ist, bei Online-Quellen immer auch das Download-Datum anzugeben. Bei der Monographie «Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Ortes» beispielsweise gibt es zwischen 2003 und heute nicht nur eine 3., 4., 5. und 6. Auflage, sondern auch noch mehrere Ausgaben pro Auflage. Es empfiehlt sich daher, bei Literaturangaben immer auch den Monat (und nicht nur das Jahr) anzugeben!

Sonntag, 5. Mai 2019

Wo stand die alte Kirche im Oberdorf? Eine Spurensuche

Vor dem Bau der Kirche im Bühl, der im Herbst 1705 begonnen und im Sommer 1706 vollendet wurde, stand die Weiacher Kirche im Oberdorf. Wo genau, wissen wir bis heute nicht. Dieser Artikel versucht anhand der vorhandenen Informationen eine Annäherung.

Alte Kirche «geschlissen»

Mit der Baubewilligung für die neue Kirche war der obrigkeitliche Auftrag verbunden, dass die alte Kirche «geschlissen», also abgerissen werden solle (vgl. StAZH B II 690. Ratsmanual des Baptistalrats des Stadtschreibers, 1705 – Pag. 38 – 8. September 1705). Daran dürften sich die Weiacher gehalten haben – und deshalb gab es danach auch kein altes Gemäuer (wie um 1594, als die vorreformatorische Kapelle in einem Weidgangsstreit als Wegmarke genannt wurde, vgl. WeiachBlog Nr. 1353).

Bloss das Gräberfeld des Friedhofs blieb erhalten, wie man in den Jahrhunderten danach anhand von Knochenfunden immer wieder feststellen konnte (vgl. WeiachBlog Nr. 285). In früheren Jahrzehnten wussten die Weiacher deshalb noch, wo in etwa der Standort ihres alten Kirchhofes gewesen sein muss. Bestätigt wurden die Erzählungen der alten Weiacherinnen und Weiacher aufgrund solcher Funde.

Verdachtsfläche «Alte Kirche Weiach»

Im besten Fall können von der alten Kirche also die Fundamente übriggeblieben sein. Und deshalb hat der Kanton im Oberdorf auch eine sogenannte «Archäologische Zone» ausgeschieden. Die archäologischen Zonenpläne stellen einen «Verdachtsflächen-Kataster» dar. Bauliche Bodeneingriffe innerhalb dieser Verdachtsflächen sind der Kantonsarchäologie vorgängig zu melden.

(Bild: GIS-Browser des Kantons Zürich. Karte «Archäologische Zonen und Denkmalschutzobjekte»)

Wie kommen die Behörden dazu, diese Zone so abzugrenzen wie auf der Karte ersichtlich? Sie haben sich auf die 1972 erschienene Monographie Walter Zollingers abgestützt, wo es auf S. 30 heisst: «Daneben geht aus einem Dokument, das im Kirchenturmknopf lag, hervor, dass zu jener Zeit [spätes 16. Jahrhundert] die alte Kirche, wohl eher Kapelle, im Oberdorf an der alten Zürcherstrasse auf dem Platz ‹über dem gegenwärtigen obern Gemeindewaschhaus ... gestanden.›» habe.

Vier Quellen, vier Triangulationspunkte unterschiedlicher Güte

Bislang sind vier Angaben zum Standort bekannt, denen wir nachgehen:

Nr. 1: Güterverzeichnis (Urbar) des Amtes Oetenbach 1560
Nr. 2: Vogel 1845 (verwendet von Maurer 1965)
Nr. 3: Turmkugeldokument von 1855 (verwendet von Zollinger 1972)
Nr. 4: Mesmer als Zuname (unbekannter Zeitpunkt, vgl. WeiachBlog Nr. 285)

A) Oetenbacher Urbar, 1560

Das Urbar der Besitztümer des früheren Klosters Oetenbach, die nach der Reformation an den Zürcher Staat fielen und als Amt Oetenbach verwaltet wurden trägt den Titel: «Urbar über des Closters Ottenbych jerliche Zins unnd Gülten [...], alles also uss des Closters Briefen, alten Urbaren und Gewarsammen gezogen, euch von nüwem bereyniget, beschryben und volendet [...] 1560» (Signatur: StAZH F II a 318). Auf Blatt 246 ist der sogenannte Brandhof erwähnt:

«Des Brandhofs hüßer und gueter. Erstlichs hat dißer hof ein huß, Hofstatt, Schüren, schwÿnstal unnd ein Krutgarten. Im Dorff Wÿach. Zur einen sidten nebent dem kilchhoff und zur anderen nebent der Landtstraß gelegen.» (Transkription durch Verfasser dieses Artikels ab Original, StAZH F II a 318, fol. 246)

Zollinger hat in seiner Monographie 1972 (S. 18, vgl. Link oben) eine Urkunde von 1381 so «zitiert», dass der Eindruck entstanden ist, die Kirche im Oberdorf habe bereits im Spätmittelalter bestanden. Zollinger vermischt nämlich die Informationen über eine alte Kapellen-Ruine (Weidgangsstreit von 1594, vgl. Link auf WeiachBlog Nr. 1353 oben) mit den Urbar-Angaben von 1560.

Weiter nimmt er an, dass die Oberdorfstrasse früher die sogenannte Zürcherstrasse gewesen sei. Diese Interpretation hat Isabell Hermann 1997 (Die Bauernhäuser des Kantons Zürich Bd. 3, S. 274) aufgenommen (sie spricht von der «alten Durchgangsstrasse») und interpretiert das «Vielzweckbauernhaus von 1647 in Weiach (Vers.-Nr. 287)» als Teil des Brandhofs: «Möglicherweise geht der von 1240d datierte Keller [...] auf ein Nebengebäude des Brandhofes, auf den Speicher oder die Trotte, zurück.» Ob es sich bei der heutigen Liegenschaft Oberdorfstrasse 27 tatsächlich um einen Teil des Brandhofs gehandelt hat, ist meines Erachtens nicht genügend gesichert.

Wo also lag das Betriebszentrum des Brandhofs Mitte des 16. Jahrhunderts? Zu berücksichtigen ist, dass die heutige Alte-Post-Strasse und deren Weiterführung als Bergstrasse die ursprüngliche Zürcherstrasse gewesen sein muss (wie man bspw. dem Plänchen von Heinrich Keller aus dem Jahre 1820 entnehmen kann, vgl. ZBZ GSB, Signatur: PAS 547, die Bergstrasse ist mit «n. Rath» bezeichnet).

Aufgrund der Beschreibung der Anstösser im Urbar können die im Oetenbacher Urbar erwähnten Gebäude eigentlich nur zwischen der Bergstrasse («nebent der Landtstraß») und der Stadlerstrasse («nebent dem kilchhoff») gelegen haben.

Der Kirchhof (und damit die alte Kirche) ist aufgrund der Platzverhältnisse wohl nicht westlich der Stadlerstrasse zu erwarten.

B) Die alten Chroniken von F. Vogel, 1845

In dem auf den erfolgreichen Memorabilia Tigurina von Blunschli (1704, 1711 und 1742), Werdmüller (1780/90) und Erni (1820) aufbauenden Werk «Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich. Von den ältesten Zeiten bis 1820» könnte sich der Herausgeber Friedrich Vogel auf eine lokale Quelle gestützt haben. Da es sich um ein Lexikon handelt, ist aber leider nicht mehr eruierbar, woher die nachstehende Information zum Standort der alten Kirche im Artikel über Weyach stammt:

«1705 wurde die bisherige Kirche zu Weyach abgetragen, und etwa 250 Schritte von derselben entfernt eine neue erbaut.» (Vogel 1845; Reprint 1857)

Der damalige Kirchgemeindepräsident Maurer hat das 1965 übernommen, die Kirche aber zur Kapelle degradiert (vgl. die Ausführungen zum Weidgangsstreit oben): «Die alte Kapelle wurde im Jahre 1705 abgetragen. Etwa 250 Schritte entfernt erbaute man eine neue». (Die Kirche zu Weiach, 1965, [S. 10])

Nehmen wir an, dass sich die alte Kirche im Oberdorf befunden hat (auch aufgrund Weiacher Geschichte(n) Nr. 106, Gesamtausgabe S. 421 gerechtfertigt).

Entscheidend ist nun, welche Länge ein solcher Schritt damals hatte (vgl. Wikipedia-Artikel Schritt (Einheit)).

(1) Nimmt man die Länge des römischen «gradus» von zweieinhalb Fuss an, also 75 cm, dann landet man nach 250 Schritten an der Verzweigung Oberdorfstrasse/Winkelstrasse. Nämlich dort, wo einst das ehafte Wirtshaus (der alte Sternen, Oberdorfstrasse 7) stand.

(2) Nimmt man hingegen den Doppelschritt an (römisch «passus»), dann befindet man sich auf der Höhe der Liegenschaft Oberdorfstrasse 31 (vgl. Ende der Linie auf der Abbildung unten).

Legt man die erste Annahme zugrunde, so müsste die archäologische Zone eigentlich noch über die Alte Poststr. hinausreichen und auch die Parzelle 329 (ehemals Haus Pariserschneider) umfassen.

(Bild: GIS-Browser des Kantons Zürich: Ausschnitt aus dem Übersichtsplan (Georeferenzdaten) auf maps.zh.ch)

C) Das Turmkugeldokument von 1855

Die genaueste Angabe findet man in einem der von Zollinger «Kirchturmdokumente» genannten, in die Turmkugel gelegten Schriftstück:

«In dem grössern Knopfe fanden sich nachfolgende in Harztuch eingewickelte Dokumente vor: 1. Das Manuscript des Hr. Pfr. Erni vom Jahr 1659, enthaltend neben mehreren historischen Angaben einige Notizen über den damaligen Thurmbau auf dem alten Kirchlein, das auf dem Platze über dem gegenwärtigen obern Gemeindewaschhaus im Oberdorf gestanden u. von welchem Jahre Knöpf, Fahne und Zeit herkommen. [...]» (Turmkugeldokument N° 8, datiert auf den 20. August 1855, verfasst von Pfr. Konrad Hirzel)

Was bedeutet nun «über dem [...] obern Gemeindewaschhaus im Oberdorf»? Der Referenzpunkt, das alte Waschhaus (lange als Ölsammelstelle verwendet und mittlerweile in Privatbesitz) liegt dort, wo auf der Abbildung oben das rote Kreuz mit dem Info-Symbol platziert ist.

«Über» kann sowohl bedeuten: südwestlich davon, d.h. im ansteigenden Gelände Richtung Stadlerstrasse, wie auch der ansteigenden Oberdorfstrasse in südöstlicher Richtung folgend.

Es ist daher korrekt, dass die Archäologische Zone über die Querstrasse (Parzelle 340) hinausreicht und auch die Grundstücke 341-343 umfasst (bis und mit Oberdorfstr. 30).

D) Mesmer als Zuname

Die in Weiach zur Unterscheidung der alteingesessenen Baltisser, Baumgartner, Bersinger, Meierhofer, Schenkel, etc. unentbehrlichen Zu- und Übernamen haben das Sigristenamt gleich bei mehreren früher im Oberdorf wohnhaften Familien überliefert.

Weil die Sigristenfamilie traditionell in unmittelbarer Nähe der Kirche wohnte, könnte dies auch etwas über den Standort der Kirche aussagen, falls sich die Zunamen über 3 Jahrhundert hinweg erhalten haben.

Das ist durchaus möglich. Beim (heute noch gebräuchlichen) Zunamen Amtsrichters beispielsweise ist die Amtsbezeichnung schon vor mehr als 180 Jahren verschwunden, da sie sich auf die Zeit der Restauration (1814-1830) und die Zugehörigkeit zum in dieser Zeit «Oberamt Regensberg» genannten späteren Bezirks Regensberg (ab 1871: Bezirk Dielsdorf). Nach 1831 wurden diese Amtsträger Bezirksrichter genannt.

s'Mesmer Alberte waren wohnhaft im Haus Oberdorfstrasse 22 und s'Mesmer Hans an der Oberdorfstrasse 26. Beide Adressen liegen innerhalb der archäologischen Zone und genau dort, wo der Standort der alten Kirche mit der grössten Wahrscheinlichkeit zu vermuten ist.

Die Sicht der Kantonsarchäologie 2008

Im Februar 2008 haben vier Mitarbeiter der Abteilung Archäologie und Denkmalpflege des Kantons Zürich Sondiergrabungen auf dem Grundstück des ehemaligen sog. Bianchi-Hauses vorgenommen (Vers.-Nr. 276; Bild des Hauses, vgl. WeiachBlog Nr. 99). Es ging darum, herauszufinden, ob sich Reste der alten Kirche im Oberdorf auf der Parzelle befinden.

Zum Resultat vgl. nachstehenden Kurzbericht bzw.  ausführlicher: Weiacher Geschichte(n) Nr. 120, s. unten: Ältere Beiträge aus ortshistorischer Sicht):

«Aus dem 17. Jh. liegen schriftliche Nachrichten zu einer im Weiacher Oberdorf gelegenen Kirche vor, die nach der Reformation entstanden war und 1705/06 an den heutigen Standort verlegt wurde. Gegen Ende des 18. Jh. setzte die Überbauung des Geländes ein, wobei immer wieder Skelette zum Vorschein kamen. Die genaue Lage der Kirche geriet allerdings weitgehend in Vergessenheit. Ein Bauvorhaben an der Oberdorfstrasse 20 führte im Februar 2008 zu einer Baggersondierung. Am südöstlichen Parzellenrand kamen fünf Gräber mit drei Kindern und zwei Erwachsenen zum Vorschein. Da Überreste einer Friedhofsmauer fehlten, wurde diese entweder spurlos abgebrochen oder die Umfriedung des Grabfeldes bestand aus einem Zaun resp. einer Hecke. Die Kirche befand sich dagegen offensichtlich weiter südöstlich auf dem Nachbargrundstück, womit sich eine Nachricht von 1855, sie hätte sich oberhalb des Gemeindewaschhauses befunden, als zutreffend erweist.» (Archäologie im Kanton Zürich - Kurzberichte zu den Projekten 2008, S. 14)

Schriftliche Zeugnisse? Kommentar zum Kurzbericht 2008

Festgehalten werden muss dazu, dass es schon im 16. Jahrhundert Hinweise auf eine Kirche zu Weiach gibt. Diese dürfte sich bereits am Standort Oberdorf befunden haben. Nachgewiesen ist der Standort aber mittels schriftlicher Zeugnisse aus dem 16. bzw. 17. Jahrhundert keineswegs. Auch das Turmkugeldokument N° 1 von 1659, in dem Pfr. Erni den Leser auf den Kirchturm mitnimmt, gibt da keinen Aufschluss.

Der im Rahmen der Schadenregulierung des Grossbrandes von 1658 in der Chälen durch die Obervögte des Neuamts «im abhin rÿten» (sozusagen als Nebenprodukt ihres Besuches in Weiach) festgestellte desolate Zustand des Kirchturms (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 106, Gesamtausgabe S. 421), erschliesst den Standort im Oberdorf immerhin indirekt. Hinabreiten kann man nur von Raat her. Und von Zürich her dürften die beiden in der Stadt Wohnenden (und Amtierenden) auch gekommen sein. Ob sie dabei auf der Bergstrasse oder der Oberdorfstrasse ritten, ist für die indirekte Ortsangabe nicht von Belang.

Erst Pfr. Hirzel hat im Turmkugeldokument von 1855 denjenigen Hinweis gegeben, der den Standort bis heute am deutlichsten bezeichnet.

Die Sicht der Kantonsarchäologie 2011

In einem weiteren Kurzbericht drei Jahre später - als es an die Überbauung des Areals des Bianchi-Hauses ging - umschreibt die Kantonsarchäologie den Sachverhalt nur noch mit: «Frühneuzeitliche Gräber». Um mögliche Kirchenfundamente auf dieser Parzelle geht es nicht mehr:

«Nach dem Bau der heutigen Kirche 1705/06 geriet der genaue Standort des nach der Reformation errichteten Gotteshauses im Oberdorf in Vergessenheit. Gemäss der Baggersondage von 2008 befindet sich das nordwestliche Ende des zugehörigen Friedhofs auf der Parzelle Oberdorfstrasse 20. Die Kirche und der übrige Friedhofsbereich liegen dagegen weiter östlich auf der Parzelle Oberdorfstrasse 22. Trotz anderslautender Auflagen wurde die Kantonsarchäologie Zürich erst informiert, nachdem 2011 das Haus abgebrochen und die Baugrube für den Neubau ausgehoben waren. Im Südostprofil waren zwei neue Gräber angeschnitten, die aus Zeitgründen nicht weiter untersucht werden konnten.» (Archäologie im Kanton Zürich - Kurzberichte zu den Projekten 2011, S. 11)

Bianchi-Haus auf Kirchenfundamenten? Kommentar zum Kurzbericht 2011

Schon im Kurzbericht 2008 und im amtsinternen Bericht zur Grabung (mit Ergänzungen von 2009, vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 120) - und folgerichtig auch im Kurzbericht 2011 - wird die Möglichkeit, dass das Bianchi-Haus exakt auf den Fundamenten der alten Kirche errichtet worden sein kann, völlig ausser acht gelassen! Unwahrscheinlich ist das nicht, die Schilderung im Turmkugeldokument von 1855 würde passen und schliesslich ist der noch in neueren Zeiten erfolgte Bau eines Häuschens auf den Fundamenten der alten Römerwarte (und die dadurch teilweise erfolgte Zerstörung dieser Grundmauern) im Schlossbuck beim Kraftwerk Rheinsfelden gut dokumentiert. Was also sollte die Bauherren in Weiach davon abgehalten haben, nach einer bestimmten Pietätsfrist dasselbe Verfahren zu wählen?

Die Tatsache, dass das Gräberfeld erst an der Parzellengrenze beginnt, ist mit dieser These durchaus vereinbar. Der Friedhof  (oder zumindest der ausgegrabene Teil davon) hätte dann einfach südöstlich der Kirche gelegen, statt wie heute durch die Kantonsarchäologie angenommen, nordwestlich des mutmasslichen Standorts des abgebrochenen Gotteshauses.

Ob die These stimmt wird man natürlich nie herausfinden, weil die Bauherrschaft 2011 vorschriftswidrig den kompletten Aushub vorgenommen hat - und die Kantonsarchäologie erst im Nachhinein informiert wurde.

Fazit

Einer Kirche oder einem Kirchhof zuzuordnende Mauerreste wurden auf den beprobten Teilen der ehemaligen Parzelle des Bianchi-Hauses (heute Oberdorfstr. 18, 20a und 20b; Parzellen 1436, 1437, 1462 und 1463) nicht entdeckt. Nur am äusseren Rand zu den Parzellen 1515 (Oberdorfstr. 22) und 1516 (Stadlerstr. 21) wurden Gräber gefunden.

Wenn mit der eigenmächtig begonnenen Beseitigung des Bianchi-Hauses nicht auch gleich die Fundamente der alten Kirche zerstört wurden (vgl. Abschnitt oben), dann ist die Annahme der
Kantonsarchäologie, dass die Kirchenfundamente südöstlich davon (Parzelle 1515, Oberdorfstr. 22) zu finden sein könnten, zumindest nicht abwegig. Die 2008 gefundenen Gräber wären dann am nordwestlichen Rand des ehemaligen Kirchhofs gelegen gewesen.

Die Auffassung, die alte Kirche habe südöstlich der aufgefundenen Gräber (also auf der Parzelle Oberdorfstr. 22) gestanden, greift aber dennoch zu kurz. Aufgrund der Baugeschichte (und der Schilderung Pfr. Hirzels von 1855) ist die südliche Richtung (Parzelle Stadlerstr. 21) mindestens ebenso in Betracht zu ziehen. Aus den Lagerbüchern der kantonalen Gebäudeversicherung ist nämlich zu entnehmen, dass auf den beiden Parzellen bis zu einem Grossbrand im Jahre 1831 drei zusammengebaute Häuser bestanden haben. 1833 sind dann die beiden Gebäude Assek-Nr. 405 (Stadlerstr. 21; GVZ-Jahr 1842) sowie Assek.-Nr. 282 (Oberdorfstr. 22; GVZ-Jahr 1872) entstanden.

Unwahrscheinlicher, aber ebenfalls nicht ausgeschlossen ist, dass sich der Standort der alten Kirche unter der heutigen Querstrasse oder gar auf der Parzelle Oberdorfstr. 26 befunden haben könnte - insofern ist die Erweiterung der archäologischen Zone über die Querstrasse hinaus auch gerechtfertigt (vgl. Weiacher Geschichte(n) Nr. 120, S. 509 für den kleineren Perimeter der Zone im Jahre 2008/09).

Ein wesentlicher Faktor ist die offene Frage, aus welchem Hauptmotiv heraus 1705 die Verschiebung des Standortes des Kirchenneubaus ins Bühl obrigkeitlicherseits entschieden wurde: (a) aus militärischen Überlegungen heraus um eine Art Wehrkirchenensemble zu bauen (wie bisher angenommen), oder (b) schlicht deshalb, weil die Platzverhältnisse rund um den Kirchhof im Oberdorf die gewünschte Erweiterung der bereits 1644 einmal verlängerten Kirche (vgl. Turmkugeldokument N° 1) nicht zuliessen, z.B. weil dort bereits andere Gebäude standen.

Ältere Beiträge aus ortshistorischer Sicht
  • Brandenberger, U: Güllenloch gegraben und Skelette gefunden. WeiachBlog Nr. 285 vom 2. Oktober 2006.
  • Brandenberger, U.: Kein Beweis für das Jahr 1381. Wurde die frühere Kirche im Oberdorf schon im Mittelalter erbaut? Weiacher Geschichte(n) Nr. 90. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Mai 2007 – S. 16-21.
  • Disput um die Finanzierung der Kirchturmrenovation. Was die alte Kirche im Oberdorf einem Grossbrand zu verdanken hat. Weiacher Geschichte(n) Nr. 106. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2008 – S. 12-15.
  • Brandenberger, U.: Mangelernährung in der Kindheit. Was die Gräber auf dem alten Friedhof im Oberdorf erzählen. Weiacher Geschichte(n) Nr. 120. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, November 2009 – S. 11-18.

Dienstag, 30. April 2019

Ein Gegner des Kirchenbaus landet im Zuchthaus

Bauprojekte, wie die 1705/1706 errichtete neue, grössere Kirche im Büel zu Weyach, waren (und sind) kostspielige Angelegenheiten. Es ist daher wenig verwunderlich, dass solchen Vorhaben zuweilen lautstarke Opposition erwächst. Und dies besonders bei Zeitgenossen, die sonst schon wenig zur Verfügung haben um ihre Lebenshaltungskosten zu decken.

In Weiach lebte anfangs des 18. Jahrhunderts Jahren die Mehrheit der Einwohner in latent prekären wirtschaftlichen Verhältnissen. Und da den Weiachern wohl bekannt war, wem sie diesen teuren Neubau zu verdanken hatten, nämlich ihrem eigenen Pfarrer Hans Heinrich Brennwald (vgl. Ratsmanual des Baptistalrats des Unterschreiber, 1705. – Pag. 31 – 25. Juni 1705. Signatur: StAZH B II 691), gingen die Emotionen hoch, als die Steuer an den Kirchenbau vor der Tür stand, d.h. es konkret ans Zahlen ging:

«Weilen Hanß Jacob Meÿerhoffer Kuhirt zu Weÿach, desgleichen Heirech [sic!] Meÿerhoffer daselbst[en] beÿ anlas der Steür an die Kirche, wüeste, ohngereimte und boßhafftige Rede, so wol über den Kirchenbauw als auch über H. Pfahrer usgestossen, darüber sie aber der gnaden begehrt, und beßerung angelobt;

wardt erkhenndt, daß sie beide für den Stillstand gestellt und Ihnen daselbst ernstlich zugesprochen werden solle; und weilen Hanß Jacob Mejerhoffer etliche tag die Gefangenschafft in Ötenbach usgestanden, Heinr[i]ch Mejerhoffer aber nit, sol er an statt der Gefangenschafft
[steht leer] Pfund bueß bezahlen auch sie beide d[en] 2 Weibel die Ihrenthalben hiereinbefinden worden, jeder 12 S[chilling] Cost[e]n entrichten.»

Die Obrigkeit in Zürich hat also radikal durchgegriffen und die verbalen Attacken auf ihr Projekt mit Verhaftung und ein paar Tagen im Zuchthaus Oetenbach (bis 1901 mitten in der Stadt Zürich, vgl. Bild) beziehungsweise einem entsprechenden Bussgeld geahndet. Ausserdem mussten sich die Fehlbaren vom Stillstand (d.h. der Kirchenpflege) ins Gewissen reden lassen. Getreu dem Motto: «Bestrafe zwei, erziehe hunderte.»


Bei den zwei erwähnten Weibeln handelte es sich mutmasslich um den hochobrigkeitlichen (von Zürich) eingesetzten und den vom Niedergerichtsherrn (Fürstbischof von Konstanz) eingesetzten Weibel (vgl. Die Rolle der Weibel am Dorfgericht Weiach, 1667. WeiachBlog Nr. 1345).

Für den Hinweis auf diese Fundstelle, sowie deren Transkription sei hiermit Herrn Dr. Philipp Zwyssig, Kunstdenkmäler-Inventarisation beim Amt für Raumentwicklung des Kantons Zürich, Abteilung Archäologie & Denkmalpflege herzlich gedankt.

Quelle

Sonntag, 21. April 2019

Indikator 119. SVP-Wähleranteil 1995-2019

Eines der Merkmale des Internetzeitalters ist  Open Government Data (OGD), im Kanton Zürich open.zh.ch. Das ist sozusagen Big Data für jedermann. Datensätze werden auf von der öffentlichen Hand finanzierten Plattformen in maschinenlesbarer Form zur Verfügung gestellt. Und damit lassen sich - im Rahmen der erfassten Merkmale natürlich - Schlüsse ziehen. Auch auf Gemeindeebene.

Der Stadtblog des Tagesanzeigers ging gestern auf die Suche nach den Wohnorten der «krassesten Wähler», was OGD ZH zu diesem Tweet veranlasst hat:
Sind wir eine SVP-Gemeinde?

Für Weiach besonders interessant ist der Wähleranteil der Schweizerischen Volkspartei, wird doch immer wieder festgestellt, dass bei Volksabstimmungen Mehrheiten in eher rechtskonservativem Sinne zu verzeichnen sind.

Heute nehmen wir uns deshalb den Indikator 119 vor, den SVP-Wähleranteil in Prozent aller abgegebenen Stimmen, abrufbar über opendata.swiss.

Wie hoch war der SVP-Anteil in der Vergangenheit? Immer schon über 50%? Die Antworten mögen überraschen.

Denn Weiach (BFS-Nr. 102) ist im letzten Vierteljahrhundert - im Gegensatz zu Gemeinden wie Hagenbuch (östlich Winterthur) oder Hüttikon (im Furttal) - nicht konstant, wenn es um die Prozentwerte geht. Für den Kantonsrat sieht das über die letzten sieben Wahlen gesehen so aus:

KRW Wähleranteil SVP [%]
Jahr -- Weiach -- (Kanton)
1995 -- 52.5 -- (20.6)
1999 -- 36.7 -- (30.2)
2003 -- 52.8 -- (30.5)
2007 -- 45.4 -- (30.5)
2011 -- 50.5 -- (29.6)
2015 -- 59.8 -- (30.0)
2019 -- 58.1 -- (24.5)

Von Nibelungentreue kann keine Rede sein

Besonders bemerkenswert ist der Einbruch von 1999, vor allem verglichen mit den über den Kanton hinweg erzielten Resultaten der SVP. Wenn man die Platzierung unter allen Gemeinden, die es zum Zeitpunkt der jeweiligen Wahl gab, zum Massstab nimmt, dann wird die Volatilität der SVP-Treue noch offensichtlicher:

1995: Platz 17  von 169
1999: Platz 90  von 169 (!)
2003: Platz 22  von 172
2007: Platz 41  von 172
2011: Platz 15  von 172
2015: Platz 5    von 170
2019: Platz 3    von 161

Weiach, Hagenbuch und Hüttikon sind bei den Kantonsratswahlen 2019 die Spitzenreiter. Aber das kann - vor allem was Weiach betrifft - schon bei der nächsten Wahl wieder völlig anders aussehen.

Fazit

Darf man nun also sieben Datenpunkte verteilt über 24 Jahre allzu ernst nehmen? Ist Weiach ein SVP-Dorf? Fakt ist, dass sich die Demographie und die Bevölkerungszusammensetzung in dieser Zeit gerade in Weiach fundamental verändert haben. Fakt ist auch, dass die Stimmbeteiligung ebenfalls in dieser Zeit auf das Niveau anonymer Agglomerationen gesunken ist. Man kann also nicht sicher sein, ob die Grundstimmung auch bei den Wahlabstinenten noch ländlich-konservativ ist.

P.S.

Fragt sich beim Blick auf die Anzahl der Gemeinden (vgl. bspw. 1995 und 1999) nur noch, wie die seltsamen Gemeindeanzahlen zustandekommen. Denn im ausgehenden 20. Jahrhundert gab es im Kanton Zürich noch 171 politische Gemeinden, heute (nach diversen Fusionen seit 2014) noch 162 - sagt zumindest die Wikipedia.

Quelle
  • KRW Wähleranteil SVP [%]  (Hrsg. Statistisches Amt Kanton Zürich)  https://opendata.swiss/de/dataset/krw-wahleranteil-svp  [Zuletzt aktualisiert: 25. März 2019]

Montag, 15. April 2019

Von Fälldaten und Baujahren

«Ehem. Pfarrscheune 1707d» wird als Datierung des Weiacher Kirchgemeindehauses in der Fachliteratur angegeben. So z.B. im Kunstführer durch den Kanton Zürich, herausgegeben 2008 von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte (S. 249).

Was bedeutet diese Jahrzahl nun konkret? Ist damit das Baujahr gemeint?

Antwort: Nein. Der Zusatz «d» - manchmal auch in Klammern gesetzt «(d)» - bezeichnet das Jahr, in dem das beprobte Bauholz gefällt wurde, also das Fälldatum. Das «d» steht für «dendrochronologisch bestimmt».

Die u.a. auf dendrochronologische Untersuchungen spezialisierte Firma Preßler mit Sitz in Recklinghausen im Ruhrgebiet erklärt das so: «In einschlägigen Publikationen hat sich eingebürgert, dass nur das Fälljahr angegeben und als solches mit einem (d) ausgewiesen wird. Inschriftlich bekannte Datierungen erhalten den Zusatz (i) und archivalische Datierungen (a).»

Dendro plus 1 oder 2 = Baujahr

Die Angabe «1707d» ist somit als sogenannter «Terminus post quem» zu verstehen, also als Zeitpunkt NACH dem der Bau erfolgt sein muss. Frage: Wie viel danach?

In der Regel wurden Hölzer in vorindustrieller Zeit saftfrisch verarbeitet, also ziemlich zeitnah nach dem Holzschlag. Das hat gleich mehrere Gründe.

1. Die Verarbeitung frischen Holzes ist für lediglich mit Beilen ausgerüstete Zimmerleute wesentlich einfacher als die von trockenem Material. Dazu wieder Preßler: «Sägen, Beilen, Bohren, Stemmen können im saftfrischen Zustand des Holzes beinahe doppelt so schnell ausgeführt werden wie an getrockneten Hölzern». Ausserdem ergibt sich bei frischem Holz eine glatte Oberfläche, trockenes Holz neigt zu Absplitterungen und Abfaserungen.

2. Dass man das Bauholz nicht lange herumliegen liess, hat nicht nur mit sonst drohendem Schädlingsbefall zu tun. Meist waren die Stämme mitten im Dorf auch bei anderen (landwirtschaftlichen) Arbeiten im Weg. Es gab zudem Vorschriften, wonach Holz nicht über die Bäche gelegt werden durfte (vgl. WeiachBlog Nr. 431).

Der Anreiz schnell zu bauen war also auch dann vorhanden, wenn man nicht gezwungen war, nach einem Dorfbrand rasch viele neue Wohn- und Ökonomiebauten zu errichten und zu diesem Zweck halt auch einmal im Frühling oder Sommer Holz schlagen musste .

Preßler bringt für die kurze Zeitspanne auch Belege: «Zusätzliche Untersuchungen an inschriftlich oder archivalisch datierten Gebäuden ergaben eine 90 % Übereinstimmung und eine maximale Zeitdifferenz von 2 Jahren zwischen Fälljahr und Baujahr».

Baujahr 1708 für die Pfarrscheune dürfte also keine abwegige Annahme sein.

Quelle
  • Preßler GmbH, Planung und Bauforschung (Hrsg.): Interpretation dendrochronologischer Datierungen. URL: http://www.pressler.com.de/deutsch/interpretation-der-datierungen-1

Mittwoch, 3. April 2019

«Man höre auch die andere Partei!»

«Audiatur et altera pars» ist ein Kernelement der römischen Rechtsprechung. Das Gericht soll auch die Gegenseite anhören, oder anders formuliert: Beide Seiten sind anzuhören, nicht nur die klagende.

Über den Suizid des Oberstufenschülers Johann Hermann Baltisser, der sich im Spätherbst 1905 in Zürich-Aussersihl ereignete, wurde wohl vor allem in den Zürcher Gazetten berichtet. Ob die Todesursache (der Jugendliche hatte sich mit der Dienstwaffe seines Vaters das Leben genommen) den Ausschlag gab oder nicht: das Ereignis fand auch im «Berner Intelligenzblatt» (intelligenzblatt.unibe.ch) vom 5. Dezember 1905 seinen Niederschlag. In WeiachBlog Nr. 1151 (vgl. Quellen) ist der Volltext dieses Berner Beitrags enthalten. Erziehungsberechtigte und Lehrpersonen kommen darin nicht gerade gut weg.



Mit den Worten im Titel dieses WeiachBlog-Artikels hebt eine Art Gegendarstellung in der zweitletzten Ausgabe der «Zürcher Wochen-Chronik» des Jahres 1905 an (Titelblatt s.oben), die sich zwar eher auf Berichte in der zürcherischen Presse bezieht, die Linie des Berner Artikel aber ebenso kontert. In welche Richtung die Sichtweise der Gegendarstellung tendiert, kann man schon anhand des Rubrikentitels erahnen - einer Vignette mit Schuluniform und Rute:



Baltisser habe bei Pflegeeltern in Aadorf (Kt. Thurgau) keine gute Erziehung erhalten, sei dann zu einem «sehr achtbaren Elternpaar in Weiach» gekommen, dem er «bei seiner bösen Veranlagung saure Tage» bereitet habe.

Nicht erläutert wird in der Wochen-Chronik, ob es sich bei diesem Elternpaar um Verwandte gehandelt hat, was man beim typisch weiacherischen Nachnamen Baltisser aber annehmen muss.

Gezeichnet wird das Bild eines renitenten, absolut respektlosen Jungen, der auf Drohungen, man werde ihn «bei weiterem schlechten Verhalten in einer Anstalt unterbringen» jedesmal gedroht habe, «sich vorher im Rhein ertränken oder erschießen» zu wollen.

Zum Schluss wird dann noch angedeutet, dass sein Sekundarlehrer in Aussersihl noch «weitere Tatsachen» zu berichten wisse, so dass man zur Erkenntnis gelange, es sei für einen Lehrer «ein eigentliches Unglück», «solche Elemente» in die Klasse zu bekommen.

Nachstehend der Originalbeitrag:



Fazit: Erziehungsfragen werden nicht erst heute kontrovers diskutiert. Geändert hat nur der Umstand, dass Name und Herkunft des Jugendlichen heutzutage kaum mehr genannt würden - man denke nur an den «Fall Carlos».

Quellen

Donnerstag, 28. März 2019

«Mitteilungsblatt». Weit mehr als nur ein neuer Name

So richtig realisiert habe ich es erst mit der März-Nummer der «Mitteilungen». Da prangt – wie jeden Monat seit der Gründung im Juni 1982 – ein Titelbild von Hans Rutschmann. 

Doch zwei Elemente sind anders: Der Titel ist neu. Und das Logo auch. Ein Vergleich der Titelblätter der letzten vier Ausgaben zeigt, was geändert wurde:


Aus den «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» wurde ein «Mitteilungsblatt». Und statt dem stilisierten Gemeindewappen wird neu das seit dem Jahre 2000 in Gebrauch stehende Logo der Politischen Gemeinde verwendet (zum Logo vgl. Anhang 5 der Monographie Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes, s. Quellen).

Epochale Veränderung: Primat der Elektronik

Es geht nicht nur um einen neuen Titel. Nein, in der Kommunikation der Politischen Gemeinde Weiach sind in den letzten Monaten epochale Veränderungen vorgenommen worden, hin zum Primat der elektronischen Publikation. Gemäss Beschluss des Gemeinderates vom 16. Oktober 2018 ist seit dem 1. November 2018 die Internetseite www.weiach.ch das offizielle, amtliche Publikationsorgan (vgl. den nachstehenden Volltext):

Amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Weiach

«Mit der Totalrevision des kantonalen Gemeindegesetzes und der dazugehörenden Verordnung zum Gemeindegesetz haben sich auch die kantonalen Vorgaben für die amtlichen Publikationen auf den 01. Januar 2018 geändert.

Die Änderungen haben zur Folge, dass Erlasse, allgemeinverbindliche Beschlüsse und Wahlergebnisse im gesamten Wortlaut publiziert werden müssen (mit der alten Fassung genügte die Bezeichnung des Beschlusses und die Fristansetzung mit Hinweis, dass der Beschluss in der Gemeinderatskanzlei aufliegt). 

Als amtliches Publikationsorgan ist aktuell das Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach definiert. 

Die Amtliche Publikation im Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach ist aufgrund der nur einmal im Monat erscheinenden Ausgabe sehr träge und verzögert u.a. Fristenläufe von Rekursfristen, Anordnungsfristen etc. bis zum endgültigen Eintritt der Rechtskraft.

Ausserdem erscheint das Mitteilungsblatt als Amtliches Publikationsorgan nicht mehr zeitgemäss, als dass auch das neue Gemeindegesetz es den Gemeinden erlaubt, die Publikationen amtlich im Internet (Homepage der Gemeinde) zu veröffentlichen. Es müssen nur noch die Publikationen gemäss Planungs- und Baugesetz § 6 im kantonalen Amtsblatt veröffentlicht werden.

Der Gemeinderat Weiach hat an der Sitzung vom 16. Oktober 2018 entschieden, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Als amtliches Publikationsorgan der Gemeinde Weiach wird per 01. November 2018 die Internetseite der Gemeinde bestimmt und die Geschäftsordnung des Gemeinderates entsprechend ergänzt. Die Publikationen erfolgen, wenn vorhanden, jeweils am letzten Arbeitstag jeder Woche. Wo es das übergeordnete Gesetz vorsieht erfolgen die amtlichen Publikationen zusätzlich in den vorgegebenen Publikationsorganen.

Unter der Rubrik des Gemeinderates im Mitteilungsblatt wird wie bis anhin auf die entsprechenden Gemeinderatsbeschlüsse aufmerksam gemacht.»  (MGW, November 2018 – S. 4-5)

So weit klar. Nur hinkt die Praxis dem gemeinderätlichen Willen gleich in mehrfacher Hinsicht hinterher, wie nachstehend erläutert wird.

Impressum veraltet

Die «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» wurden in deren Impressum bis Ende Oktober 2018 noch mit einem gewissen Recht als «Publikationsorgan der Gemeinde Weiach» bezeichnet, wobei man ganz korrekt eigentlich von der «politischen Gemeinde» hätte reden müssen.

Umso erstaunlicher ist es, dass auch nach der mit Namenswechsel verbundenen Designanpassung diese Bezeichnung weiterhin – und nun etwas irreführend – im Impressum steht. Natürlich findet man das Mitteilungsblatt seit März 2006 auch in elektronischer Version auf der Gemeindewebsite, bisher als blosse Informationskopie (vgl. WeiachBlog Nr. 121).

Seit 1. November 2018 ist die Printversion aber keine amtliche Publikation mehr, sondern eher ein informelles Format, ein Verlautbarungsorgan des Gemeinderates, das aber keine Rechtskraft mehr entfalten kann. Diese Funktion scheint seit dem 7. Dezember 2018 die neue Kategorie «Amtliche Publikationen» unter der Rubrik «Aktuelles» zu übernehmen.

Name nicht reglementskonform

Das seit dem 1. August 2016 in Kraft stehende «Reglement für das Mitteilungsblatt Weiach» legt im Zweckartikel den Namen neu fest: «Mitteilungsblatt der Politischen Gemeinde Weiach, seit 2016 genannt "S'Weycher"». Der eigentlich per sofort zu erwartende Namenswechsel wurde auf die nächste Design-Anpassung vertagt, wie die damals verantwortliche Redaktorin mitteilte (vgl. WeiachBlog Nr. 1326).

Reglementskonform hätte man jetzt einen Titel in der Form S'Weycher. Mitteilungsblatt der Politischen Gemeinde Weiach o.ä. erwartet. Ob man den erklärenden Zusatz auf der Titelseite oder erst im Impressum unterbringt ist zweitrangig. Stattdessen scheint der Haupttitel nun schlicht «Mitteilungsblatt» zu lauten.

Marke entsorgt. Kein neues Alleinstellungsmerkmal.

Wie nennt man die Publikation denn nun offiziell? «Mitteilungsblatt der Gemeinde Weiach»? «Gemeinde Weiach Mitteilungsblatt»? In diesem Punkt besteht Klärungsbedarf, denn Mitteilungsblätter jeglicher Couleur gibt es wie Sand am Meer. Und der Schriftzug «Gemeinde Weiach» im Logo wird nicht automatisch als Titelbestandteil gesehen.

Logo erweckt falschen Eindruck

Mit dem Logo wurde auch eine eher unglückliche Wahl getroffen, denn dieses Bildzeichen steht seit dem 1. Mai 2000 ausschliesslich für die politische Gemeinde. Die beiden anderen als Gemeinde bezeichneten Körperschaften, die Primarschulgemeinde und die evangelisch-reformierte Kirchgemeinde führen je ein eigenes Logo (vgl. WeiachBlog Nr. 928 für das Logo der Schule Weiach).

Insofern ist die Wahl des Logos ein Missgriff und letztlich auch ein Etikettenschwindel. Denn das Mitteilungsblatt wird zwar von einer Angestellten der politischen Gemeinde redaktionell zusammengestellt, die inhaltliche Verantwortung aber liegt seit der Gründung bei sehr unterschiedlichen Entitäten, von den obgenannten Gemeinden über einheimische Vereine und Gruppierungen bis hin zu auswärtigen Stellen aller Art. Das wurde bis im Januar 2019 auch durch die mit den entsprechenden Logos versehenen Abschnitte im Blatt klar dokumentiert. Und mit dem für alle stehenden Wappen auf dem Titelblatt.

Die Wahl des Logos könnte hingegen - wenn man es so interpretieren will - als Ausdruck einer Dominanzstrategie verstanden werden. Als Versuch, den Schritt Richtung Einheitsgemeinde auch auf dem Titelblatt des publizistischen Weiacher Aushängeschilds vorwegzunehmen.

Fazit

Die Reform ist auf halbem Wege steckengeblieben und punkto Logo auf dem falschen Gleis. Die Kommunikationsstrategen der Politischen Gemeinde müssen in diesem operativen Bereich bei Name, Logo und Impressum nachbessern. Und zwar so, dass das Erzeugnis auch äusserlich wieder der Intention des Gründers Mauro Lenisa (1948-2018) entspricht: ein Publikationsmittel des Gemeinderates und der Behörden der Gemeinde Weiach zu bieten und gleichzeitig für die Mitteilungen der Dorfvereine offen zu sein (vgl. Titelbild MGW Juni 1982). Nicht mehr - aber auch nicht weniger. Damit der unverwechselbare Charakter des Weycher Mitteilungsblattes wieder klar heraussticht.

Quellen

Donnerstag, 21. März 2019

Weiacher Kapelle gemäss Paul Kläui aus dem 15. Jahrhundert

Dass es in Weiach bereits im Mittelalter eine erste Kapelle gegeben hat, ist seit längerem bekannt (vgl. Maurer 1965 und Brandenberger 2007). Die zeitliche Einordnung hingegen liegt im Dunkeln. Behauptet wurde - auf Basis von Fehlinterpretationen von Nüschelers «Die Gotteshäuser der Schweiz» (vgl.WeiachBlog Nr. 436 sowie Nr. 930) - eine Errichtung im Jahre 1281, bzw. aufgrund einer Zollinger'schen Formulierung (vgl. WeiachBlog Nr. 449) eine im Jahre 1381. Beide Jahrzahlen halten einer Überprüfung nicht stand.

Paul Kläui hat in der Einleitung zu seinem Kaiserstuhler Urkundenbuch festgehalten: «In der Stadt bestand seit unbekannter Zeit eine Kapelle der hl. Katharina, in die im Laufe der Zeit vier Pfründen gestiftet wurden.» (Kläui 1955). Die eigentliche Pfarrkirche der Pfarrei Kaiserstuhl (so hiess die Grosspfarrei auch offiziell) stand, wie von Siegfried Wind herausgearbeitet, ausserhalb der Stadtmauern - in Hohentengen (Wind 1940).

Zufallsfund in süddeutscher Fachzeitschrift

Bei der Suche nach einem Urkundenbuch für die Grafschaft Klettgau, bzw. das Gebiet des heutigen Landkreises Waldshut hat sich nun vor wenigen Tagen ein Zufallsfund ergeben, der etwas Licht ins Dunkel bringt.

Im Freiburger Diözesan-Archiv, einer Fachpublikation, die schon seit 1865 erscheint, hat der obgenannte Paul Kläui in dem 1956 veröffentlichten Band 75 einen Beitrag über die Grabungen in der Kirche Hohentengen veröffentlicht. Diese wurden nach dem verheerenden Grossbrand vom 27. Oktober 1954 auch auf seine Anregung hin durchgeführt. Nachstehend das erste Kapitel (Die Kirchengemeinde Hohentengen):

«Die Kirche Hohentengen lag an der alten großen Straße, die vom Schweizer Mittelland über Baden an der Limmat nach Schaffhausen und Ulm lief. Westlich des Dorfes Hohentengen überquerte sie — seit spätestens Ende des 13. Jahrhunderts auf einer Brücke — den Rhein und stieg am nördlichen Ufer ziemlich steil in östlicher Richtung zum Plateau an, auf dem das Gotteshaus Hohentengen bis heute steht. Sie führte unmittelbar südlich an ihm vorbei. Dieser Rheinübergang hat in zähringischer Zeit erhöhte, im einzelnen noch näher zu untersuchende Bedeutung erlangt. Am schweizerischen Ufer wurde im 12. Jahrhundert durch den Bau des bis zur Gegenwart die Gegend beherrschenden Turmes der Freiherren von Kaiserstuhl der Übergang gesichert, während ihn am Nordufer die Burg Rötelen bewachte.

Dieser Verkehrslage entsprach die Ausdehnung der alten Pfarrei Hohentengen. Nördlich des Rheines gehörten zu ihr nicht nur, wie heute noch, die badischen Dörfer bis hinauf zur Küssaburg (Günzgen, Herdern, Stetten, Bergöschingen und Küßnach), sondern auch das zürcherische Dorf Wasterkingen und vor der Stadtgründung im 13. Jahrhundert wohl auch das Gebiet von Eglisau. Südlich des Flusses waren nach Hohentengen kirchgenössig das Städtchen Kaiserstuhl, das 1255 von den Freiherren von Regensberg in die Pfarrei hineingegründet und auch Sitz des Leutpriesters von Hohentengen wurde, das aargauische Dorf Fisibach und die Zürcher Gemeinden Weiach und Glattfelden. Der große Umfang der Pfarrei läßt ohne weiteres erkennen, daß es sich um eine Urpfarrei handelt. Sie grenzte im Süden an die beiden alten Großpfarreien Steinmaur und Bülach (diese 811 erwähnt). Dazu paßt das Marienpatrozinium,
[282] wenn man auch von diesem allein den Schluß auf eine Urpfarrei nicht ziehen dürfte. Im Spätmittelalter war die Kirchgemeinde durch eine Reihe von Kapellen erschlossen. Es bestanden solche in Kaiserstuhl und Glattfelden (14. Jahrhundert), in Weiach und Wasterkingen (15. Jahrhundert). [Hervorhebung durch WeiachBlog] Der Zerfall der Großpfarrei begann schon vor der Reformation, da Glattfelden 1421 zur selbständigen Pfarrei erhoben wurde. Im Gefolge der Reformation trennten sich die zürcherischen Gemeinden Wasterkingen und Weiach ab; erst 1816 wurde auch die Stadt Kaiserstuhl mit Fisibach von der badischen Mutterpfarrei gelöst.»

Wie kommt es zur zeitlichen Festlegung?

Die Weiacher Kapelle soll also aus dem 15. Jahrhundert stammen, die spätere Pfarrkirche des Städtchens Kaiserstuhl, die Kapelle St. Katharinen, aus dem 14. Jahrhundert. Wie Kläui diese – im Vergleich zum Urkundenbuch neue – Information gewonnen hat, ist leider nicht bekannt. Allenfalls lässt sich diese offene Frage über seinen wissenschaftlichen Nachlass (Paul Kläui; StAZH W I 31) oder durch Rückfrage bei Franziska Wenzinger Plüss (vgl. ihre einschlägige Abhandlung von 1992) erhellen.

Interessant ist jedenfalls, dass Paul Kläui von verschiedenen Ortschaften, die zur Grosspfarrei Hohentengen gehörten (u.a. Lienheim und Fisibach) keine Kapelle erwähnt, explizit aber - und mit Jahrhundertangabe! - für Kaiserstuhl, Glattfelden, Weiach und Wasterkingen.

Bei dem in der Weidgangsstreit-Urkunde von 1594 (vgl. WeiachBlog Nr. 1353) erwähnte «gmür» der «alten capelen» dürfte es sich um diese gemäss Kläui im 15. Jahrhundert erstellte Kapelle gehandelt haben.

Dass es davor eine gegeben hat ist wenig wahrscheinlich, zumal ja Kaiserstuhl aufgrund seiner verkehrstechnischen Lage sicher schon Jahrzehnte vorher eine hatte (obgenannte und bis heute bestehende Kirche St. Katharinen) und auch die Pfarrkirche in Hohentengen nicht weit weg war. Da war es naheliegender, die bereits bestehenden Einrichtungen zu alimentieren und zu nutzen.

In gleicher Weise dürfte der Kirchhof in Weiach - samt dem Friedhof - erst eine nachreformatorische Errungenschaft gewesen sein, wenn man davon ausgeht, dass die Toten in der Regel bei der Pfarrkirche beerdigt wurden, die Weiacher also in Hohentengen.

Auch die Formulierung der Klage der Weiacher an den Rat von 1540 gibt einen Hinweis in diese Richtung. Darin erklären sie explizit, «gehörend über Rhyn zur Kilchen gen Dengen» zu sein (Brandenberger 2007, S. 4). Dort waren wohl auch etliche Vorfahren der damaligen Weiacherinnen und Weiacher beerdigt.

Quellen

Donnerstag, 28. Februar 2019

Ein Koranübersetzer als Pfarrer in Weyach?

Der berühmte Theologe und Koranübersetzer Theodor Bibliander (1509-1564) sei in jungen Jahren –zu Beginn der Zürcher Reformation – Pfarrer in Weiach gewesen, habe ich Ende Januar auf WeiachTweet keck behauptet. Mit der Allgemeinen Deutschen Biographie (ADB) von 1875 als Belegstelle:

WeiachTweet Nr. 2019 (31. Januar 2019, 14:55 MEZ)
WeiachTweet Nr. 2020 (31. Januar 2019, 15:00 MEZ)

Im Monument Schweizer Lexikographie des 18. Jahrhunderts

Die ADB, ein Standardwerk deutscher Provenienz, stützt sich wahrscheinlich auf den Bibliander-Artikel im Leu'schen Lexicon, dem umfangreichsten Schweizer Lexikon des 18. Jahrhunderts (erschienen in Bd. IV von 1750 auf S. 11, vgl. Link in den Quellen unten):



«...versahe auch zugleich die Pfarr Weyach mit Predigen», heisst es da unmissverständlich. Aber irgendetwas stimmt da möglicherweise nicht.

Nur bei Leu und in der ADB

Das vermutete ich selber bereits vor Jahren, als ich 2005 über die Wikipedia auf den ADB-Eintrag aufmerksam wurde (die Leu'sche Belegstelle habe ich erst 2010 gefunden, vgl. die Diskussion zum Wikipedia-Artikel Theodor Bibliander).

Denn nicht nur die späteren Biographie-Lexika (wie bspw. die Neue Deutsche Biographie von 1955 –aus demselben Verlag wie die ADB), sondern vor allem die einschlägigen Verzeichnisse Zürcher Provenienz erwähnen Theodor Bibliander nicht:

«Eine Verbindung von Th. Bibliander mit Weiach findet sich weder in der Liste der Pfarrer von C. Wirz, Etat des Zürcher Ministeriums von der Reformation bis zur Gegenwart. Aus gedruckten und ungedruckten Quellen zusammengestellt und nach Kirchgemeinden geordnet (Zürich 1890) noch im Zürcher Pfarrerbuch 1519-1952 von Emanuel Dejung und Willy Wuhrmann (Zürich 1953).» (WG(n) 2005)

Fehler in den Listen oder Verwechslung im «Leu»?

Jetzt kann man den Verdacht äussern, Dejung und Wuhrmann hätten bei Wirz abgeschrieben und dieser das Wirken von Theodor Bibliander in Weiach übersehen. Oder dies sei schon 1777 Pfr. Esslinger passiert, als er seine Handschrift Conspectus ministerii turicensis verfasste.



Mindestens so plausibel ist aber die Möglichkeit einer bereits im 18. Jahrhundert aufgetretenen Verwechslung, wie der Titel des am 23. Juni 2005 begonnenen Diskussionsbeitrags "T. Bibliander" = verschiedene Personen? (vgl. Abbildung oben) schon andeutet:

«In beiden Listen [Wirz und Dejung/Wuhrmann] ist jedoch ein T. Bibliander verzeichnet. Buchmann (Bibliander), 3) Tobias (+1564). Ord. 1563, dann Pfr. in Weiach, starb schon 1564 an der Pest. (Dejung/Wuhrmann) und 1563. Tobias Buchmann, ordin. 63. Er starb im Sept. 64. (Wirz). Dieser Pfarrer ist ziemlich sicher nicht identisch mit Theodor Bibliander (obwohl gleicher Todesmonat), da dieser wesentlich früher in Weiach tätig gewesen sein muss – vor 1532. Könnte durchaus ein Sohn von Theodor oder dessen Bruder Heinrich gewesen sein.»

Woher die Person, die den Eintrag Bibliander, Theodorus im Leu'schen Lexicon verfasst hat, die Information zur Predigttätigkeit in Weyach hatte, bleibt nach wie vor im Dunkeln. So lange, bis eine Primärquelle gefunden wird, die diese Sachverhaltsdarstellung stützt.

In der Zwischenzeit erwähnt die Bibliander-Forschung mit guten Argumenten weiterhin keinen Einsatz ihres Protagonisten in der frühreformatorischen, jungen Kirchgemeinde Weiach.

Quellen
[Veröffentlicht am 17. Juni 2019 um 14:01 MESZ]

Freitag, 8. Februar 2019

Ex libris Bundesrat Delamuraz

«Habent sua fata libelli», hat WeiachBlog am 11. September 2017 getitelt (vgl. WeiachBlog Nr. 1350). Was zu Deutsch bedeutet, dass auch Bücher (und deren Inhalte) ihre Schicksale haben. Heute soll vom Schicksal eines ganz besonderen Exemplars die Rede sein, das mit Jean-Pascal Delamuraz in Verbindung steht.

Neu in den Online-Katalog aufgenommen

Vor wenigen Tagen habe ich auf Swissbib, dem Metakatalog für Schweizer Bibliotheken, einen neuen Eintrag entdeckt. Wo vorher noch lediglich vier Fundstellen für die Dorfchronik von Zollinger (Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271-1971) verzeichnet waren, gab es da nun plötzlich deren fünf.


Der Neuzugang erfolgte bei der Bibliothek am Guisanplatz (BiG) in Bern, dem Zusammenschluss einer ganzen Reihe von Bibliotheken der Bundesverwaltung.

Erste oder doch zweite Auflage?

Die Erstausgabe von Zollingers blauem Büchlein datiert, wie mittlerweile in Online-Bibliothekskatalogen korrekt angegeben wird (vgl. WeiachBlog Nr. 1351), auf das Jahr 1972. Weiter gibt es eine zweite Auflage, die 1984 publiziert wurde.

Das Problem: sowohl bei der 1. wie bei der 2. Auflage fehlt jeglicher Publikationsvermerk. Ein Impressum müssen in der Schweiz lediglich Zeitungen und Zeitschriften aufweisen. Autor und Herausgeber (die Politische Gemeinde Weiach) haben also durchaus rechtskonform gehandelt. 

Den Katalogisierern der Bibliotheken aber bereitet das heute noch Kopfzerbrechen. Denn: wo eine Angabe zum Publikationsdatum fehlt, da muss diese indirekt erschlossen werden. Der einzige Hinweis ist das Vorwort Zollingers, das irrtümlich auf Ostern 1971 datiert ist. Publiziert wurde das Werk erst an Ostern 1972 (vgl. WeiachBlog Nr. 19).

Nach gut zwölf Jahren war die 1. Auflage (500 Exemplare) vergriffen. Der Gemeinderat entschloss sich zu einer – mit zusätzlichen Bildern aufgewerteten – Neuauflage (wieder 500 Exemplare). Und natürlich fehlen auch da Angaben zum Publikationsdatum.  

Wie man die erste und die zweite Auflage unterscheidet? Vgl. dazu WeiachBlog Nr. 1365.

Die BiG hat die zweite Auflage!

Dass es überhaupt eine zweite Auflage gibt, können die Bibliothekare nicht wissen, denn in der Schweiz gibt es (anders als bspw. in Frankreich) kein sogenanntes Dépôt légal, also ein Gesetz, welches Druckereien und Verlagen die Abgabe eines oder mehrerer Pflichtexemplare vorschreibt. Deshalb ist diese zweite, erweiterte Auflage auch in keiner gedruckten Bibliographie erfasst, auch in der Schweizer Nationalbibliographie nicht.

Der Autor des WeiachBlog hat deshalb bei der BiG angefragt, ob es sich bei ihrem Exemplar um die erste oder die zweite Auflage handle. Der Befund: es ist die zweite Auflage! Damit verfügt die BiG als bisher einzige öffentliche Bibliothek (soweit bekannt: weltweit) über ein solches Exemplar.

Entsprechend ist auch beim Eintrag in der Datenbank von Alexandria (dem Bibliotheksverbund der Bundesverwaltung) das Publikationsjahr bereits angepasst worden:

Es scheint fast, als sei unser Dorfkünstler Hans Rutschmann (der in wenigen Tagen 91 Jahre alt wird und von dem sämtliche Titelblätter der «Mitteilungen für die Gemeinde Weiach» seit Juni 1982 stammen) bei dieser Gelegenheit sozusagen zum Coautor befördert worden ist. 

Die Detailangaben sind indes etwas präziser:

Mit den eckigen Klammern deutet die Bibliothek an, dass die darin stehenden Angaben indirekt erschlossen wurden – in diesem Fall aus dem Hinweis des WeiachBlog-Autors.

Ein Geschenk an und von Delamuraz

Und was hat das alles mit dem 1998 verstorbenen Bundesrat Jean-Pascal Delamuraz zu tun? Laut einem Stempel auf der ersten Innenumschlagseite (dem Vorsatzblatt) kam dieses Exemplar der «Chronik Weiach» als «Cadeau de Jean-Pascal Delamuraz» 1998 in die Bestände der damaligen Eidgenössischen Militärbibliothek (EMB). Es wurde auf einer Katalogkarte verzeichnet. Und ist nun vor kurzem in den Online-Katalog des Bibliotheksverbunds Alexandria aufgenommen worden.


Wie aber gelangte Delamuraz in den Besitz der «Chronik»? Die plausibelste Antwort lautet: Parteizugehörigkeit. 

Am 4. Juni 1986 empfing der knapp zweieinhalb Jahre im Amt stehende Waadtländer Bundesrat die Weiacher Jungbürger (vgl. WeiachBlog Nr. 1386). Organisator der Reise nach Bern war der damalige Weiacher Gemeindepräsident Mauro Lenisa (1948-2018, vgl. WeiachBlog Nr. 1384). Und der war – was viele nicht wissen, weil es in der Gemeindepolitik bis heute keine Rolle spielt – Mitglied der FDP, der Partei, für die Delamuraz 1983 in den Bundesrat gewählt wurde. 

Fazit: Einen wasserdichten Beweis gibt es zwar nicht. Aber die «Chronik» könnte das Gastgeschenk für die «Kurzaudienz» gewesen sein.

[Veröffentlicht am 10. April 2019 um 13:55 MESZ]