Samstag, 14. Mai 2022

Griechensteuern. Kollekte für den griechischen Freiheitskampf

David gegen Goliath. Eidgenossen gegen Habsburger. Ukrainer gegen Putin. Die Sympathien liegen hierzulande eher bei den Kleinen, die sich mit asymmetrischen Mitteln zur Wehr setzen.

Wie David mit der Steinschleuder. Die Eidgenossen mit einem unkonventionellen Hinterhalt am Morgarten. Oder aktuell die Ukrainer mit allen möglichen Defensivtaktiken zu Lande, zu Wasser, im Luftraum und im sogenannten Informationsraum.

Vier Jahrhunderte osmanische Fremdherrschaft

Imperien haben es schwer. Das ging dem Osmanischen Reich mit den Griechen nicht anders. Die wurden nach dem Ende ihrer Stadtstaaten von Alexander dem Grossen zur Leitkulturnation einer hellenistischen Zivilisation, später von den Römern kulturell appropriiert und mit dem Byzantinischen Reich in eine weitere Phase griechischer Identität transformiert. Dann aber schwächelte Ostrom fatal (u.a. auch im Gefolge der westlichen Kreuzzüge). Diesmal hatten östliche Eroberer (anders als weiland die Perser) nachhaltigen Erfolg. Die Osmanen eroberten ab 1359 innert eines Jahrhunderts all diejenigen Gebiete, die heute zu Griechenland gehören. Einzige Ausnahme: die Ionischen Inseln, die seit 1215 unter der Kontrolle der Republik Venedig standen.

Die europäischen Mächte fördern den Freiheitskampf

Und trotzdem überlebte die griechische Identität. Ab dem 22. Februar 1821 entwickelte sich der Griechische Unabhängigkeitskampf – von Anfang weg logistisch, finanziell und ideell unterstützt durch Britannien, Frankreich und Russland – zu einem immer grösseren Problem für die Osmanen.

In Europa war, wie das heute mit den Ukrainern ist, die Solidarität mit den Griechen gross. Auch in der Schweiz. Da wurden Griechenvereine gegründet, Fundraising betrieben, ja einige Zürcher Unterländer zogen gar persönlich für die griechische Sache ins Feld. Unter ihnen war auch der Schöfflisdorfer Johann Jakob Meyer, ein Eidgenosse von etwas zweifelhaftem Ruf, der aber bei den heutigen Griechen wegen seiner Rolle bei der Verteidigung der Stadt Messolongi gegen die osmanische Belagerung 1825-1826 noch heute in hohem Ansehen steht.

Die Gemeinden des nördlichen Zürcher Unterlands spenden

Auch in Weyach wurden namhafte Summen Geldes gesammelt. Man nannte sie Griechensteuern, heute würde man sagen Kollekten, da sie freiwillig beigesteuert wurden. Den Beleg dazu findet man in der Zürcher Freitagszeitung (volkstümlich: Bürkli-Zeitung) vom 18. August 1826:


«An Griechensteuern», heisst es da, «sind dem hiesigen Hülfsverein eingegangen: Von der E.E. Gemeinde Neerach fl. 28 ß. 5. Von der E.E. Civilgemeinde Riedt, Gemeinde Obersteinmaur fl. 6 ß. 37. Von der E.E. Gemeinde Glattfelden fl. 60 ß. 12. Von der E.E. Gemeinde Zell fl. 50 ß. 15. Von der E.E. Gemeinde Weyach fl. 42 ß 20. Von dem Hülfsvereine in Chur fl. 92 kr. 45, welche sämmtlich öffentlich bescheint und verdankt werden.» – «E.E.» steht als Abkürzung für «ehrenwerte».

Die 42 Gulden und 20 Schillinge aus Weiach würden (umgerechnet mit dem Historischen Lohnindex HLI von swistoval.ch) heute ca. 7300 Franken entsprechen.

Innere Wirren bei den Osmanen geschickt genutzt

Diese Aktivität war kein Zufall, sondern letztlich auch propagandagesteuert. Denn 1825 bis 1827 waren entscheidende Jahre in diesem Konflikt. 1825 gelang es nämlich den Osmanen, ihre ägyptischen Truppen mit Landungsoperationen u.a. bei Pylos (italienisch: Navarino) auf dem Peloponnes festzusetzen. Diese Einheiten gingen zu einer Taktik der verbrannten Erde über, heute würde man sagen: Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung (s. den Text von Zschokke unten).

In der Folge drohte die griechische Revolution zu scheitern, was die europäischen Grossmächte nicht zulassen wollten. Die Koalition aus Briten, Franzosen und Russen griff schliesslich aktiv ein, wendete das Blatt und brachte den Osmanen schliesslich 1827 in der Seeschlacht von Navarino eine entscheidende Niederlage bei. 

Der russische Zar nutzte die Schwäche der Osmanen aus und ging ab 1828 militärisch derart erfolgreich gegen den Sultan vor, dass dieser im Herbst 1829 ohne diplomatische Unterstützung aus London und Paris, d.h. Druck auf den Zaren ein Friedensabkommen auszuhandeln, wohl untergegangen wäre. Die Russen standen nämlich bereits in Edirne, nur noch 60 km von Istanbul entfernt.

Von der Flüchtlingshilfe... 

Der ebenfalls im obigen Ausschnitt aus der Bürkli-Zeitung erwähnte Griechenverein dürfte übrigens im Wesentlichen aus Schweizern bestanden haben. Und nicht aus ethnischen Griechen. Ihre Gründung verdankten diese Vereine – wie auch die Hülfsvereine – einerseits der Ankunft griechischer Flüchtlinge im Jahre 1822, andererseits den Nachrichten über die Kriegsverbrechen von 1826. 

Herausgegriffen sei an dieser Stelle eine Darstellung aus Aargauer Sicht, die Emil Zschokke im Jahre 1861 vorgelegt hat:

«Eine lebhafte Theilnahme erregte wie durch ganz Europa, so auch im Aargau, der Freiheitskampf der Griechen gegen die Oberherrschaft der Türken in den Jahren 1821 bis 1828. Im J. 1822 kamen 162 griechische Flüchtlinge nach der Schweiz, wo sie mehrere Monate liegen bleiben mußten, weil ihnen die französische Polizei den Durchpaß nach Frankreich anfänglich verweigerte. Zu ihrer Unterstützung bildeten sich bei uns allwärts Griechenvereine, an deren Spitze der Central-Hülfsverein in Zürich trat. Dreißig dieser Flüchtlinge erhielten Aufnahme im Aargau und wurden hier 6 bis 7 Monate lang beherbergt, gespeist und gekleidet. Die Culturgesellschaft [deren Geschichte Zschokke hier erzählt] nahm sich ihrer sehr thätig an und sammelte theils für ihren Unterhalt, theils für ihre Weiterreise nach Marseille, die ihnen erst nach kräftiger Verwendung des eidgenössischen Vororts [nach dem Bundesvertrag von 1815 der gerade den Vorsitz der Tagsatzung innehabende Kanton (
alternierend Zürich, Bern oder Luzern); 1821/22 war das Zürich] vom französischen Ministerium bewilligt wurde. Für die Griechenhülfe hatte namentlich bei der Versammlung in Schinznach im J. 1822 Pfarrer Schuler, Präsident der Bezirksgesellschaft Brugg, begeisternd gesprochen. Er schilderte das Freiheitsglück des Aargau's und beklagte dann tief das von allen europäischen Mächten verlassene Griechenland in seinem Blutkampfe gegen die Barbarei und Gewaltherrschaft der Osmanen. Er erinnerte, wie wir den Vorvätern dieser Nation einen großen Theil unserer Bildung und geistigen Freiheit zu danken haben, und zeigte, wie es der Schweiz heilige Pflicht sei, Hülfsopfer zu bringen, da wir sonst ohne Erröthen die Dankfeste auf den Schlachtfeldern von Sempach und Näfels nicht mehr begeben könnten. Die Summe der bei dieser ersten Sammlung im Aargau eingegangenen Griechensteuer betrug 3751 Fr. 49 Rp. [entsprechend ca. 440'000 heutigen Franken]»

... zu Waffenlieferungen

«Im Jahre 1826 erschütterte die Kunde von den Gräueln in Peloponnes, auf der Insel Cypern und dem weiland blühenden Chios, wo blutige Leichenfelder zwischen verbrannten Dörfern lagen, und ganz besonders die Nachricht vom Falle Missolunghi's, eines der stärksten Bollwerke des für seine Freiheit ringenden Volkes, ganz Europa. Von Neuem und noch in ausgedehnterm Maße als früher bildeten sich nun wieder in allen Schweizerstädten Griechenvereine und so auch durch die Culturgesellschaft in den Städten des Aargau's. Hier trat Oberamtmann Friedr. Frey von Aarau an die Spitze. Gegen das Jahresende betrugen die Einnahmen schon die Summe von über Fr. 9000 [heute: ca. 1 Mio CHF], die sich später noch durch einzelne Beiträge vermehrte. Ein edler, reicher Schweizer, Eynard von Genf, welcher schon 50,000 livres [heute wäre das ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag] aus eigenem Gut für die heilige Sache geopfert hatte, erbot sich zum Empfange der Hülfsgelder aus dem ganzen Welttheile [d.h. Europa]. Nach Eynards veröffentlichter Rechenschaft lieferte ihm die Schweiz franz. Livres 108,158. 69 Cts. ab, die für Munition, Waffen und Lebensmittel verwendet, dem bedrängten Heldenvolke zugeführt wurden. – Die Geschichte lehrt uns, daß diese große und vordem nie in so weiter Ausdehnung in fast allen Ländern des Welttheils zusammengetragene Liebessteuer keineswegs nur eine That gewöhnlicher Barmherzigkeit war, sondern eine Huldigung, welche die Völker gegenüber den Fürsten und Regierungen der Freiheit brachten; und so galt sie auch im Aargau als ein Volksgericht über das scheue Rathsherrenthum, welches sich so unschweizerisch vor den ausländischen Grundsätzen der Legitimität duckte.»

Das Ziehen allfälliger Parallelen zur heutigen Situation ist nun der geneigten Leserschaft überlassen.

Quellen

Freitag, 13. Mai 2022

Wilder Westen in den Weiacher Wäldern, 1929

Roaring Twenties? In den Wirtschaftszentren sicher. Für die nicht ganz so urbanen Weiacher war diese Zeit zwar auch wild. Aber in einer ganz anderen Art und Weise. Denn vielen ging es wirtschaftlich eher schlecht als recht. Auch vor dem grossen Crash von 1929. Einige wussten sich da auf ungesetzliche Art und Weise zu helfen.

In einem waldreichen Gebiet, wie es der Gemeindebann von Weiach nun einmal ist, war es deshalb ziemlich riskant, Förster oder Wildhüter zu sein. Wie riskant, das zeigt die nachstehende Meldung, die im Mai 1929 in der benachbarten Republik Österreich unter der Rubrik «Wilderergeschichten» abgedruckt wurde:

«Vor dem Züricher Obergericht hatten sich Vater und Sohn einer Wildererfamilie von Weiach im Bezirk Dielsdorf zu verantworten, die vom Bezirksgericht verurteilt worden waren, und zwar der Vater wegen Widersetzung zu zwei Tagen, der Sohn wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu drei Wochen Gefängnis bedingt erlassen, weil sie sich der Verhaftung durch den Polizisten und den Förster widersetzt und den Polizisten derart geschlagen hatten, daß er erheblich verletzt worden war. Auf Grund der Appellation der Staatsanwaltschaft büßte das Obergericht den 62jährigen Vater mit einer Woche, den 20jährigen Sohn mit drei Wochen Gefängnis unter Ablehnung der bedingten Verurteilung. Der Gerichtsreferent hob hervor, es handle sich um eine Wildererfamilie, der auf die Spur zu kommen Polizist und Förster sich alle Mühe gegeben hätten, trotzdem das bei der großen Zahl der Jagdfrevler und ihrer Angriffslust keineswegs eine risikolose Sache gewesen sei. Es rechtfertigt sich deshalb eine exemplarische Bestrafung.» 

Erschienen sind diese Zeilen in Bregenz am Bodensee:


Es ist wohl diesem Vorfall zuzuschreiben, dass sich die Weiacher Gemeinderäte einige Wochen vor diesem Obergerichtsurteil quasi gezwungen sahen, ihrem heldenhaften Förster das gleiche Recht zuzubilligen, wie es der Kanton bei seinen Polizeisoldaten (darunter dem in Weiach stationierten) qua Dienstbefehl standardmässig machte (und bis heute so praktiziert):

«Dem Gesuche des Robert Siegenthaler, Förster, um Bewilligung zum Tragen einer Faustfeuerwaffe bei seinen dienstlichen Ausübungen als Förster wurde entsprochen. Dem Statthalteramt soll davon Mitteilung gemacht werden.» (Gemeinderatsbeschluss vom 2. März 1929)

Quellennachweis

Donnerstag, 12. Mai 2022

Die Gemeinde schlägt ein Phantom zur Wahl vor

Die Kommunalwahlen 2022 gehen dieses Jahr bekanntlich in einen 2. Wahlgang. Grund: Absolutes Mehr der Stimmen in der ersten Ausmarchung am 27. März nicht erreicht. 

Nur die Kirchenpflege und die Oberstufenpflege Stadel treten am 15. Mai zum 1. Wahlgang an, weil der Firma, die für die Gemeinde Weiach die Abstimmungsunterlagen verpackt, ein Fehler unterlaufen ist.

Nun hat sich der – bereits wiedergewählte – Herr Gemeindepräsident auf seinem Twitter-Account über die seiner Ansicht nach herrschende politische Flaute im Dorf echauffiert: 


Und auf Nachfrage seitens WeiachTweet, wie denn die Rücklaufquote bei der Briefwahl bis jetzt aussehe, antwortete Arnold: «Der letzte Stand von letzter Woche: desolat! Erfahrungsgemäss gehen aber in der letzten Woche wie auch am Wahlsonntag noch einige Wahlzettel ein. Meine Prognose zum 2. Wahlgang 20.1 % Wahlbeteiligung. Ich hoffe ich liege falsch!»

Wahlkampftechnisch mag Flaute herrschen, zumal beim noch vakanten Gemeinderatssitz. Was nicht weiter wundern muss. Die Profile und Positionen sind ja aus dem März-Wahlkampf bekannt. Und die Meinungen gemacht.

Gegen Langeweile hilft die Gemeindeverwaltung

Im Gemeindehaus hat man zeitig dafür gesorgt, dass dennoch etwas Würze in die Sache kommt. Dort ist nämlich eine weitere Abstimmungsunterlagen-Panne eingetütet worden:


Für den noch vakanten Sitz der Primarschulpflege kandidiert gemäss dem offiziellen Beiblatt der Gemeinde Weiach doch tatsächlich eine «Matthäi-Morris Renate». Also ein Phantom. 

Über die Frage, wie man es schafft, auf dem Computer den Nachnamen der tatsächlich noch kandidierenden Katrin Matthäi-Morris mit dem Vornamen der für den 2. Wahlgang nicht mehr antretenden Renate Weingart auf derselben Zeile zusammenzumixen, mögen sich dazu Berufene den Kopf zerbrechen.

Das oben abgebildete, an einige Stimmberechtigte verschickte Beiblatt ist zwar mittlerweile durch einen Korrekturversand überlagert worden. 

Die Angelegenheit hat aber die im 1. Wahlgang für die Schulpflege Kandidierenden doch etwas auf Trab gebracht und wird am Sonntag auch das Wahlbüro beschäftigen.

Wer erhält die Stimmen des Phantoms?

Da fragt sich jetzt nämlich, wie vorgegangen wird, wenn nun jemand schön brav den Namen Renate Matthäi-Morris vom Beiblatt auf seinen Stimmzettel überträgt. Ist diese Stimme ungültig?

Und wenn sie gültig ist: Wer sollte nach dem Willen dieser stimmberechtigten Person denn jetzt in der Schulpflege Einsitz nehmen? Die tatsächlich noch Kandierende (Katrin Matthäi-Morris) oder doch die nicht mehr Kandidierende (Renate Weingart)?

Eine Rückfrage beim Kanton, Abteilung Gemeinderecht, gibt eine klare Antwort: Alles halb so wild. Denn für solche Fälle hat der Gesetzgeber vorgebaut. Und zwar in § 46 der kantonalen Verordnung über die politischen Rechte (VPR), die auch für die Gemeinden gilt:

«Ist eine Person vor dem Wahlgang öffentlich zur Wahl vorgeschlagen worden, so wird eine Stimme selbst dann dieser Person zugerechnet, wenn die Angaben auf dem Wahlzettel

a. auch auf eine andere, nicht vorgeschlagene Person zutreffen, oder

b. ungenau sind, aber kein begründeter Zweifel darüber besteht, dass die Stimme der vorgeschlagenen Person zukommen soll.

Ehrenrettung der Verwaltung

Der Effort der Verwaltung, ein Beiblatt herauszugeben, obwohl dies gemäss Abteilung Gemeinderecht noch nicht vorgeschrieben ist (erst ab Inkrafttreten der nächsten Revision der VPR), wirkt sich jetzt positiv aus. 

Denn das Wahlbüro kann in Anwendung von § 46 ganz einfach davon ausgehen, dass allfällige Stimmen für das Phantom «Renate Matthäi-Morris» der real existierenden Katrin Matthäi-Morris zugerechnet werden. Und sonst niemandem. Weil sie die einzige offizielle Kandidatin auf dem Beiblatt ist, kann kein begründeter Zweifel bestehen. Der würde höchstens aufkommen, sollte Renate Weingart nun in letzter Sekunde ihre Kandidatur reaktivieren. 

Quelle
  • Telefon-Gespräch mit Urs Glättli, Abteilung Gemeinderecht der Direktion der Justiz und des Innern vom 12. Mai 2022.

Dienstag, 10. Mai 2022

Der Frauenverein reist ins Toggenburg und Tössbergland

Vor 62 Jahren hatte der Frauenverein Weiach für seine Mitglieder ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Wie das aussah, wurde bereits im Beitrag WeiachBlog Nr. 760 v. 1. Februar 2010 deutlich. 

Im 2004 veröffentlichten Jubiläumsartikel 75 Jahre Frauenverein Weiach (Weiacher Geschichte(n) Nr. 59) ist der Reisebericht über den grossen Ausflug des Jahres 1960 abgedruckt. 

Zum Start dieser Reise gibt es auch Filmmaterial, das von Lehrer Kurt Ackerknecht stammt und in der als Dorffilm bezeichneten Kompilation schon verschiedentlich öffentlich vorgeführt worden ist. 

Nachstehend werden Screenshots aus dem Dorffilm sowie der Reisebericht präsentiert. Der Anlass? Diese Reise hat heute die (früher einmal zwischenzeitlich auf 62 festgelegte) Pensionsaltersgrenze für Frauen erreicht.
 
Der Stadler-Car in der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Stadlerstrasse. Vom Filmenden aus gesehen hinter einem landwirtschaftlichen Anhänger (Güllenfass?). Im Hintergrund das Baumgartner-Jucker-Haus.

Die reiselustigen Frauen auf ihren Carsitzplätzen

Irgendjemand muss ja die Kinder betreuen. Unter den Daheimgebliebenen: Rösli Baumgartner-Thut, die hier den Ausflüglerinnen zum Abschied mit der rechten Hand zuwinkt. Im Hintergrund das Gemeindehaus (links) und das Baumgartner-Jucker-Haus (rechts)

Protokoll der Reise vom 10. Mai 1960

«Um 11 Uhr versammelten sich unsere Frauen beim Schulhaus wo wir in den Stadler-Car einsteigen durften. Sogar die Sonne liess sich noch durch die Wolken blicken zu unserer grossen Freude, am Morgen sah es gar nicht nach Reisewetter aus. Nun gings in rascher Fahrt nach Stadel und Neerach nach Dielsdorf. Hier wurden gerade die Barrie[re]n herunter gelassen, und wir hatten Gelegenheit das Wehntalerbähnli [Strecke Oberglatt-Niederwenigen] das noch mit Kohle fährt noch einmal zu sehen, weil diese Strecke Ende Mai endlich einmal dem elektrischen Betrieb übergeben werden kann. Weiter gings durch den Schwenkelberg Adlikon nach Regensdorf. Hier sehen wir schon die Zeichen der heutigen Hochkonjunktur in dem Bau der vielen neuen Häuser und Industrie. Innert kurzer Zeit hatten wir die Höhe des Hönggerberg erreicht und wir sind schon in der Stadt Zürich angelangt. Sicher steuerte unser Chauffeur den Car durch den grossen Verkehr der um die Mittagszeit in der Stadt herrscht. Beim Hauptbahnhof fuhr Er durch die Unterführung nach dem Limmatquai und weiter über die Quaibrücke ans linke Zürichseeufer. Hier war der Verkehr auch viel geringer. Leider war es ziemlich dunstig, dass wir keine grosse Aussicht in die Berge hatten. Dafür bewunderten unsere Frauen die Blumen die blühten, besonders der Flieder war jetzt hier schon ganz offen. Wir passierten Kilchberg, Rüeschlikon, Thalwil, Horgen. Hier hatte die Strasse schon eine ziemlich grosse Steigung zu überwinden bis auf den Horgenerberg hinauf. Bald entschwand der See unseren Blicken. Diese Gegend war nun schon ziemlich hügelig, auch die Vegetation war noch nicht so weit vorgeschritten wie bei uns, die Birnbäume blühten erst hier. Wir durchfuhren folgende Ortschaften nämlich Hirzel, Schönenberg, Samstagern und Schindellegi. Hier gings nun wieder bergab gegen den See hinunter nach Pfäffikon, wo wir über den Damm nach Rapperswil hinüberfuhren. Hier wurde nun der erste Halt gemacht. Beim Aussteigen sagte Herr Müller zu uns, um 12 ½ Uhr werde dann wieder weitergefahren. Nun verteilten sich unsere Frauen in die naheliegenden Cafes oder Restaurants. Pünktlich fanden sich alle wieder zur festgesetzten Zeit beim Auto ein. Unser Car fuhr nun Richtung Ricken hinauf. Am Anfang des Städtchens Lichtensteig hiess uns Herr Müller aussteigen und dieses alte Städtchen mit seinen Bogengängen anzusehen. Wir fanden aber auch Gefallen an den schönen Schaufensterauslagen die es hier gab. Unsere Fahrt ging nun über Bütschwil, Mosnang auf die Hulftegg. Fast könnte man meinen wir würden einen richtigen Alpenpass überfahren, soviele Kurven gab es hier. Auf der Höhe angelangt war die Strasse nicht mehr so kurvenreich bis nach Steg. Um 3 ¾ Uhr fuhr unser Car beim Pfarrhaus in Fischenthal vor. Frau Pfarrer Hauser empfing uns alle recht herzlich und freute sich, dass so viele Frauen gekommen waren. Leider waren ihre zwei jüngeren Kinder krank, Herr Pfarrer war noch nicht anwesend er würde aber um 5 ½ Uhr wieder zurück sein. Zuerst besichtigen wir die Kirche, die auch ganz in der Nähe des Pfarrhauses liegt, und hernach spazierten wir noch mit Frau Pfarrer [...] in der näheren Umgebung herum. Sie erklärte uns die verschiedenen Hügel und sagte uns wie die Kinder hier im Winter einen sehr langen und mühsamen Schulweg hätten. Wir Weiacher Frauen möchten hier nicht unseren Wirkungskreis haben es ist uns doch zu bergig wenn wir an unser Hardland denken. Underdessen hatte sich auch der Hunger bei uns gemeldet, und unser Chauffeur war inzwischen in das nahegelegene Gasthaus [Anm. WeiachBlog: gemeint ist der der Gemeinde Fischenthal gehörende Gasthof Blume in unmittelbarer Nähe von Dorfkirche und Pfarrhaus] gegangen und hatte der Wirtin unsere verschiedenen Wünsche gebracht. Leider war die Bedienung ziemlich langsam und unterdessen war Herr Pfarrer auch nach Hause zurückgekehrt und war zu uns gekommen. Auch hier war die Begrüssung recht herzlich, er freute sich wieder viele alte liebe Gesichter zu sehen. Als alle gesättigt war[en] begaben wir uns noch einmal ins Pfarrhaus hinüber. Hier sangen wir miteinander unsere alten schönen Lieder die wir sovielmal mit Frau Pfarrer gesungen hatten. Auch einige Gesellschaftsspiele verkürzten uns die Zeit und lösten vieles Lachen aus. Um 7 Uhr mahnte Herr Müller zum Aufbruch und wir begaben uns alle ins Auto. Auf einmal rief Frau Meier-Bleuler [Chälenstrasse 16] „Wo ist meine Tasche?“, ein sehr grosser Schrecken für Sie weil sämtliche Reiseteilnehmer schon bezahlt hatten. Sie lag aber noch im Pfarrhaus. Nach einem herzlichen Abschied nehmen fuhr unser Car Richtung Steg zu. Die folgenden Dörfer Bauma, Hittnau, Pfäffikon, Volketswil, Dübendorf wurden passiert und schon bald hielt unser Car vor dem Flughafen in Kloten. Es ist nämlich immer schön nachts auf dem Flughafen die vielen Lichter und wenn ein Riesenvogel landet. Leider sahen wir um diese Zeit nicht viele Anflüge und Abflüge der einzelnen Maschinen. Daher vergnügten sich unsere Frauen mit dem Fangen von Maikäfern. Der Chauffeur war bei dem Wagen geblieben und war froh wieder sämtliche Frauen [...] bei sich zu haben um bald zu Hause zu sein, weil Er morgen wieder früh eine grosse Tour fahren musste. Um 9 ¾ Uhr gelangten wir glücklich wieder in unserem Dörfchen am Rheine an. Weiach, den 15. Mai 1960.»

Kommentar WeiachBlog

Der 10. Mai 1960 war der Dienstag nach dem Muttertagssonntag (8. Mai; also wie im aktuellen Jahr). Dieses Reislein war für eine Dienstagnachmittags-Blueschtfahrt ganz gut geeignet. Denn die Fahrstrecke liegt unter 200 km und ist in rund 4 Stunden Fahrzeit problemlos zu bewältigen. Da blieben fast 7 Stunden für beschauliche Aufenthalte in Rapperswil, Lichtensteig, beim ehemaligen Weiacher Pfarrer in Fischenthal sowie am Flughafen Zürich.

Im Jahre 1960 waren die Hiesigen noch fast anderthalb Jahrzehnte von der Fertigstellung der Blindlandepiste 14 entfernt, die ab 1974 ihre Anflugschneise direkt über den Weiacher Dorfkern legte. Seither sind Flugzeuge von einer Attraktion zu einer Belästigung und mittlerweile Teil der täglichen Dorfrealität geworden.

Quelle
  • Brandenberger, U.: Gemeinnützigkeit auf die Fahne geschrieben. 75 Jahre Frauenverein Weiach, 1929-2004. Weiacher Geschichte(n) Nr. 59. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), Oktober 2004. Gesamtausgabe WG(n), S. 169-171.

Montag, 9. Mai 2022

Unbelehrbare Barbaren sind schlimmer als unbeschulte Kinder

Die Alamannen würden Städte meiden, als ob sie mit Netzen umspannte Gräber seien, schrieb Ammianus Marcellinus in einem Bericht über das Jahr 356 (vgl. WeiachBlog Nr. 1818). 

Autoren wie Ammian schreiben für ihre Leserschaft und bedienen deren Erwartungen. Das war in der Antike nicht anders als heutzutage. Wer die Leser (oder Zuhörer) waren, ist auch klar: Sicher keine eingefleischten Germanen, sondern gebildete römische Bürger aus der Oberschicht. 

Für diese Eliten stand ausser Frage, dass ihre eigene Zivilisation die einzig wahre sei. Und dass das Imperium Romanum die Zivilisation den Barbaren nahezubringen habe (wenn nötig mit brachialer Gewalt), gehörte in diesen Kreisen ebenfalls zum Kanon der unhinterfragbaren Glaubenssätze.

Zementiert wurden Herrschaftsformen und Raubzüge des Imperiums durch superreiche Führungseliten aus Oligarchen, die primär nach Gewinnaussichten entschieden und die Geschicke des Römischen Reichs wie eine Investmentfirma aus dem Hintergrund steuerten. 

Nur vorsichtige Kritik ist erlaubt

Natürlich mag es den einen oder anderen gegeben haben, der an diesen Zuständen Kritik geübt hat. Leute also, die diese grosse Erzählung als das entlarvt haben, was sie im Kern ist, nämlich Propaganda zur Bemäntelung imperialer Herrschaftspraxis. 

Die Texte dieser Autoren sind uns nicht überliefert. Angesichts des Umfelds, in dem sie sich im römischen Machtbereich hätten durchsetzen müssen, ist das kein Wunder. Denn die römische Kaiserzeit war keine von wirklicher Meinungsfreiheit geprägte Periode. Da musste man seine Kritik gut verpacken, wollte man nicht ins Visier von Denunzianten geraten und danach bei den Herrschenden in Ungnade fallen, was oft genug mit Vermögenskonfiskation, Verbannung oder gar dem Tod endete. Schliesslich wurde das römische Imperium spätestens seit Octavianus Augustus von machtbewussten Autokraten regiert und war zumindest zeitweise und in Teilen eine Militärdiktatur.

Städte sind der Barbaren Zähmung...

Ammian brachte mit dem Nebensatz über das aus Sicht von Römern bizarre Verhalten der Alamannen seine Leser zum Schmunzeln. «Ach ja», konnten sie sich denken, «so sind sie halt, diese Barbaren – Ein bisschen dumm im Minimum.» Diese Art von Elitendiskurs zieht sich quer durch die Literatur und beginnt spätestens bei Tacitus (58-120), einem römischen Politiker und Geschichtsschreiber:

«Nach Tacitus bezeichneten Gesandte der Tenkterer Stadtmauern als «Bollwerke der Knechtschaft» (Tac. hist. 4, 64).», schreibt Christian Heitz in Fussnote 67 seines Artikel Des Kaisers neue Kinder. Romanitas und Barbarentum am Trajansbogen von Benevent. (Der Bogen in Benevento stammt aus dem Jahre 114. Kaiser Trajan war also ein Zeitgenosse von Tacitus.)  

Dann zitiert Heitz die eingangs erwähnte Textstelle von Ammian (Amm. 16,2,12) und erwähnt, dass «nach demselben Grundgedanken die Hunnen sogar schon Häuser ablehnten (Amm. 31, 2, 4). Das grundsätzlich nomadische und auf (Roh-)Fleischverzehr beruhende Wesen der Nordbarbaren ist vielfach überliefert, s. z. B. Cass. Dio 27, 94, 2; Diod. 5, 28, 4 etc. Vgl. auch die von E. Mayer, Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 62, 1925, 227f. zusammengetragenen Merkmale, die bei den antiken Autoren für die «Naturvölker» des Nordens charakteristisch sind.»

Die Tenkterer waren so ein Naturvolk, ein germanischer Stamm, der nordöstlich des Rheins nahe der von den Römern eroberten linksrheinischen Gebiete Germaniens ansässig war und in der Spätantike im Reich der Frankenkönige aufging. Hier haben wir einen Hinweis, dass in der frühen Kaiserzeit offenbar auch noch andere Germanenstämme nicht viel von der Ansiedlung in Gemäuern hielten.

Und in dieser Aussage wird auch der Grund deutlich: Städte machten nicht etwa frei – wie man im Mittelalter sagte – sondern das Gegenteil: Sie galten den Germanen im 1. Jahrhundert als Orte der Unfreiheit, der Knechtschaft und Unterwerfung unter das Joch des Imperiums.

... denn Urbanisierung fördert die Einrömerung

Diese Einschätzung von Städten kommt nicht von ungefähr, wie man ebenfalls dem genannten Artikel von Heitz entnehmen kann: «Besonders für Trajan ist ein vitales Interesse an der zunehmenden Urbanisierung (und damit Verwaltbarkeit) des Reiches belegt. Schwerpunkte seiner Urbanisierungsmaßnahmen scheinen vor allem die beiden Germanien [...]» (Heitz, S. 220, Fn-64)

Gemeint sind die Provinzen Germania superior (Obergermanien) am Hoch- und Oberrhein sowie Germania inferior westlich des Niederrheins, wo die Tenkterer seine Nachbarn waren. Was die Germanen da mit scharfem Blick beobachtet haben, ist eine Politik, wie sie im 1. Jh. v. Chr. bereits Julius Cäsar in Gallien verfolgt hat (vgl. Heinz, Mediaevistik, S. 71-72):

«Für die Römer hatten städtische Strukturen, welcher Art auch immer, durchaus Vorteile. Die politische Führung einzelner Stämme oder Volksgruppen – hier sei die von Caesar beschriebenen keltischen oppida der späten Eisenzeit erinnert, die man auch als die frühesten Städte in Mitteleuropa ansieht (z.B. Besançon,...) – konnte in einem städtischen Gemeinwesen in unterworfenen Gebieten besser kontrolliert werden. Somit war der Einfluss Roms in den Städten deutlich größer als auf dem Lande, und der Prozess der Romanisierung verlief dementsprechend intensiver. 

Darüber amüsierte sich schon Tacitus [Tacitus, Agricola 21]: Die Menschen, die gerade noch die römische Sprache abgelehnt hätten, wollten nun die Redekunst erlernen; sie trügen die Toga und gäben sich den Lockmitteln der Laster wie Bädern und Gelagen hin; und alles das wäre bei diesen Unerfahrenen noch feiner Umgang (humanitas), wohingegen es doch Teil der Knechtschaft (pars servitutis) sei.»

Überlegene Kultiviertheit oder versteckte Unterwürfigkeit?

Hier verweist Heinz auf das Werk De vita Iulii Agricolae, das Tacitus dem Andenken an seinen Schwiegervater Gnaeus Iulius Agricola gewidmet hat. Dieser stammte aus gallischem Adel (also selber aus einer römischen Provinz) und war 77-84 als Statthalter von Britannien tätig, kannte die Inselprovinz aber auch vorher schon aus eigener Erfahrung. Insbesondere dürfte er den Boudicca-Aufstand des Jahres 60/61 mitbekommen haben, eine heftige Volkserhebung, welche die Römer weitgehend selbst verschuldet hatten (u.a. durch Vergewaltigung der Töchter der Stammeskönigin Boudicca, was selbst nach römischen Vorstellungen ein Kriegsverbrechen war). Von den Aufständischen wurden ganze Städte wie Londinium (London) niedergebrannt und die Bewohner gnadenlos massakriert.

Das war die Ausgangslage. Wie Agricola vorgegangen ist, zeigt Kapitel 21, das Friedrich Reinhard Ricklefs (Oldenburg 1827, S. 158-159) wie folgt übersetzt und kommentiert hat:

«Denn damit die zerstreuten und rohen, und deshalb im Kriege leicht aufgeregten Menschen sich unter Lebensgenuss an Ruhe und Frieden gewöhnten, ermahnte er [Agricola] sie persönlich, unterstützte von Staatswegen, dass sie Tempel, Märkte, Wohnungen bauten [Fn-1], die Thätigen lobend, die Säumenden scheltend. So diente Ehreneifer statt Zwang.

Ferner ließ er die Söhne der Großen in den freyen Künsten [Fn-2] unterrichten, und zog die Geistesfähigkeiten der Britannen den Bestrebungen der Gallier vor, so dass sie, die vor Kurzem der Römischen Sprache sich weigerten [gemeint ist wohl der oben erwähnte Boudicca-Aufstand 60/61 n. Chr.], nach Beredsamkeit begehrten.

Von da an auch Achtung unsrer Tracht [Tunica statt Hosen] und häufig die Toga: und allmälig wich man ab zu den Lockungen der Laster, Hallen, und geschmackvollen Gastmählern: und dieß hieß bey den Unerfahrenen feine Bildung, da es doch ein Theil der Knechtschaft war [Fn-3]

Fn-1: Um den Anbau von Flecken und Städten, und Liebe zum häuslichen Heerde zu erwirken.

Fn-2: In allen den Wissenschaften und Künsten, worin der freygeborne Römer unterrichtet ward.

Fn-3: Indem man auf diese Weise ein Volk allmälig verrömerte, und ihm seine Volksthümlichkeit nahm.»

Die Stammeseliten werden eingeseift

Das Herrschaftsprinzip, das Tacitus hier am Beispiel Britanniens überliefert, ist also ganz einfach. Es beruht auf derselben Art von «soft power», wie sie bspw. das US-Imperium seit Jahrzehnten anwendet. Man verführt die Führungsschicht eines Volkes mit den Annehmlichkeiten der römischen Lebensart, gibt ihnen vielfältige Verdienstmöglichkeiten in der römischen Hierarchie. Auf diese Weise verleugnen diese Leute nach einiger Zeit ganz von allein alle bisher hochgehaltenen Traditionen ihres Volkes. Und das Beispiel dieser Stammes-Eliten färbte natürlich in vielen Fällen auf niedriger Gestellte ab. Das war ja auch Sinn und Zweck der ganzen Übung.

Einige Stämme aber durchschauten diese Strategie und Tacitus lobt ihre Eigenständigkeit in seinem Werk über die Germanen sogar indirekt (mögliche Gründe für diese vorsichtige Haltung sind eingangs dieses Beitrags erläutert). Wo der oben beschriebene und im Süden Britanniens erfolgreiche Ansatz nicht funktioniert hat (aus welchen Gründen im Einzelfall auch immer und sei es durch die Manifestierung einer Art von Volkswillen an Landsgemeinden und dergleichen), da sah man dann Lebensformen, die bewusst abseits der römischen Kulturparadigmata existieren wollten. 

So schreibt Tacitus in seinem Werk über die Germanen: «sie bauen ihre dörfer nicht nach unserer sitte, haus an haus gereiht, sondern jeder umgiebt seine wohnung mit einem freien raum, seis um der feuersgefahr vorzubeugen, seis weil sie sich aufs bauen nicht verstehen.» (Tacit. Germ. 16, übersetzt von Albert Schott 1842)

Auch wenn Tacitus mit diesen Ausführungen für seine Leserschaft andeutet, dass ihre Baumeister halt denen der Barbaren überlegen seien (was denn sonst?), so lässt er doch einen Ausweg offen, indem er auch die Interpretationsmöglichkeit von Brandschutzüberlegungen anbietet. Völlig zu Recht, denn intellektuell und von der technischen Begabung her wären die Germanen durchaus in der Lage gewesen, sich von der Holzbaukunst abzuwenden und in die Kunst des Bauens mit Steinen einzuarbeiten und sie zu praktizieren. Im Bereich militärischer Strategie und Taktik hatten sie ja bei direkten Konfrontationen mehrfach bewiesen, dass sie den Römern das Wasser reichen konnten. Mit der Annahme von deren Sitten hätten sie sich jedoch (um mit Ricklefs zu sprechen) freiwillig «verrömern» lassen.

Städte sind bis heute ein Herrschaftsinstrument

Städtegründungen, wie die von Kaiser Trajan im ausgehenden 1. Jahrhundert n. Chr. besonders in Germanien forcierten, eignen sich hervorragend zur Kontrolle der Bevölkerung. Je grösser der Anteil einer Gesamtpopulation, der in Städten aus eng aneinander gebauten Steinhäusern römischen Zuschnitts lebt, desto besser. Das Eintreiben der Steuern ist einfacher und Aufstände können eher im Keim erstickt werden. Diesen Herrschaftsansatz der Konzentration der Bevölkerung in kasernenartigen Neusiedlungen hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert übrigens auch der rumänische Autokrat Nicolae Ceaucescu verfolgt. Und im 21. Jahrhundert? Da werden wir mit sogenannten «Smart Cities» beglückt, wo jedes Objekt (also auch jeder Mensch) ein im Internet der Dinge in Echtzeit dauernd überwachtes und prognostierbar gehaltenes Asset ist. Oder sein soll, wenn es nach den Vorstellungen der Eliten geht, die so etwas pushen.

Und was ist jetzt mit der Behauptung im Titel, unbelehrbare Barbaren seien schlimmer als unbeschulte Kinder? Dafür muss man etwas ausholen. Landet aber am Schluss wieder bei der Frage, was denn Zivilisation sei und was sie leisten soll.

Kinder und Barbaren sind irrational und zügellos

Weiter oben in diesem Beitrag ist der Trajansbogen von Benevent erwähnt, ein in Stein gemeisseltes Zeichen für das Selbstverständnis der römischen Herrschaftsphilosophie. Heitz erläutert in seinem Artikel (S. 218-219), was die abgebildeten Figuren bedeuten:

«Warum finden sich aber nun gerade barbarische Kinder in dieser prominenten Position auf dem trajanischen Staatsrelief? Nach römischer Aufassung war der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem in erster Linie qualitativ: Kinder sind irrational, dabei moralisch weder gut noch schlecht, Erwachsene dagegen sind rational und daher moralisch bewertbar. Kindern fehlt das Urteilsvermögen, sie können nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden, und folgen eher der Freude als der Pflicht. Ihnen wird in diesem Zusammenhang auch ein flatterhaftes Wesen bescheinigt; sie sind in ihren Stimmungen exaltiert, dem Augenblick verhaftet und kaum zu Mäßigung, Geduld und Ausdauer fähig. Genau diese Eigenschaften finden sich auch immer wieder in der Charakterisierung von Barbaren. Im Barbarenkontext ist das oft gebrauchte Schlagwort die Libertas im negativen Sinne: Man tut nur das, was einem paßt, und handelt nach Lust und Laune, ohne Gesetzen zu folgen. Im Grunde ist also das Fehlen von Ratio den Barbaren und den Kindern gemeinsam. Kinder aber gelten als natürlich unschuldig, weil ihnen (noch) die Befähigung zur Ratio fehlt; bei Erwachsenen gilt diese Entschuldigung nicht mehr und fehlendes rationales Verhalten wird moralisch verurteilt. Während jedoch im römischen Kontext Ratio durch Erziehung nach den richtigen Werten und Normen gelernt werden kann, haben Barbaren keine Möglichkeit, ihren Kindern die richtigen, römischen Werte zu vermitteln.»

Barbarische Libertas vs. Römische Disciplina

Bei einem erwachsenen Barbaren ist also Hopfen und Malz verloren? Nicht zwingend. Aber das oben Gesagte ist (in römischen Augen) natürlich eine schwere Hypothek. Heitz führt zu dieser abgehobenen Form des Kulturimperialismus weiter aus:

«Das zeigt, daß Barbaren diese römische Schule, in der die ‹richtigen› Werte und Normen vermittelt werden, nicht besitzen und Barbarenkinder insofern per se zu andauernder Barbarenschaft verurteilt sind, denn die barbarische Libertas ist mit der Ratio unvereinbar, die zusammen mit der Disciplina das Kennzeichen des zivilisierten Menschen ist.»

Zivilisiertes Togatragen vs. barbarischer Waffenkult

Weiter oben wird von Tacitus beschrieben, wie die Britannier die Zivilisation in Form der Toga angenommen hätten. Warum ausgerechnet dieses Kleidungsstück? Dazu wieder Heitz: 

«Eine typische Gegenüberstellung der Wertesysteme barbarischer Völker und der römischen Kultur findet sich in den Symbolen, die in den unterschiedlichen Gesellschaften den Eintritt ins Erwachsenenalter verdeutlichen: Für Cicero, Plinius und sogar noch für Tertullian zu Beginn des dritten Jahrhunderts war das Anlegen der Toga als Symbol des zivilen Bürgers das, was einen Knaben zum Mann und, nach Marcian, einem Juristen und Zeitgenossen des Tertullian, auch zum Römer macht. Dem steht die Verleihung von Waffen [...] als Mannbarkeitsritus bei den Germanen in Tacitus’ Germania gegenüber.»

Dass sich hier eine Oberschicht kulturell selber beweihräuchert und ihre eigenen Existenzbedingungen elegant ausblendet, ist bemerkenswert. Denn ohne die reale Existenz stehender dauernd kampfbereit gehaltener Heere drohte seit spätestens der Zeit des Octavianus Augustus jederzeit die «dissolutio imperii», also die Auflösung des Imperium Romanum und damit der Geschäftsgrundlage für die römische Art von Zivilsation. Der Führungsschicht im Senat war sehr wohl bewusst, dass die jederzeit in jeden Winkel des Reiches verlegbaren Legionen (mit ständig steigendem Anteil an barbarischen Söldnern!) die eigentliche conditio sine qua non des Imperiums darstellten. Wenn das Geld aus den Steuereinnahmen der Provinzen fehlt, um diese Legionen zu besolden und Heerführer wie Veteranen mit Pensionen ausstatten zu können, dann ist das Spiel aus.

Am römischen Wesen soll die Welt genesen

All das konnte diese von sich selbst Überzeugten nicht davon abhalten, einen Exzeptionalismus zu kultivieren, wie ihn heutzutage die US-Eliten für ihr zeitgenössisches Imperium pflegen:

«Für den Barbaren gibt es diesem Gedanken zufolge keinen eigenen Weg zur Kultur. Rom habe daher den gleichsam gottgegebenen Zivilisierungsauftrag, den Kindern der kulturlosen Völker kulturelle Werte zu vermitteln, eine Vorstellung, die sich schon früh in der römischen Literatur findet. Roms Weltherrschaftsanspruch, verschmolzen mit einem ehrlich empfundenen und zugleich legitimierenden zivilisatorischen ‹Sendungsbewußtsein›, findet sich deutlich artikuliert bei Vergil [im 1. Jh. v. Chr.] und Plinius.

Auf dem Relief des Trajansbogens bekommt der in der Literatur schon lange geläufige Topos vom Barbaren als dem zu zivilisierenden, einem Kind gleichen Unwissenden eine bildliche Ausprägung. Damit ist natürlich zugleich der Anspruch erhoben, daß diese Ex-Barbaren dem Reich nützen und seinen Ruhm mehren werden, sie also nicht nur «materia vincendi» [zu besiegende Materie] sind, sondern als eingegliederte Völker dem Reich dienlich sein sollen.» 

Der Trajansbogen von Benevent (von 114 n. Chr.) ist nur eines von vielen solchen Beispielen für kaiserliche Propaganda. Auch auf der 112/113 n. Chr. errichteten Trajansäule in Rom konnte jedermann auf einem sich um die Säule windenden Fries eine schier endlose Zahl von Begebenheiten, Völkern und Objekten sehen, die alle von den Grosstaten des Trajan ab dem Jahre 98 erzählen. Einen Bildausschnitt davon, der einen römischen Wachtturm zeigt, findet man auch in der Monographie über die Weiacher Ortsgeschichte (V 6.48, April 2022; PDF, 2.94 MB; S. 12).

Die kleidgewordene Bankrotterklärung der Eliten

Damit dürfte der Sinn des Titels dieses Beitrags klar sein. Erwachsene Barbaren sollten eigentlich über die Ratio verfügen, wie sie zivilisierten Römern in ihrer Toga zugeschrieben wird. Wenn diese Barbaren sich dann auch noch rundheraus weigern, auch nur anzuerkennen, dass ihre Kulturart an inferiorer Zügellosigkeit leidet (so wie die Alamannen mit ihrer lächerlichen Ablehnung von Städten), dann sind sie moralisch gesehen minderwertig. Sie müssen bekämpft werden. Und sei es in Form des Verbots ihrer Hosen (vgl. WeiachBlog Nr. 1647). So der römische Standpunkt.

Dieses Hosenverbot von 397 ist allerdings bereits die ultimative Form einer kulturellen Bankrotterklärung. Wer das Kleidungsstück der Barbaren verbieten muss, der hat offensichtlich Angst vor dessen Symbolkraft, bzw. den Ideen, Lebensentwürfen und Weltanschauungen, die seine Träger mit sich führen. Eine solche Leitkultur macht sich zum Gespött. Dagegen helfen auch keine Legionen. Schon gar nicht, wenn diese eigentlich nur noch aus Barbaren bestehen.

Quellen

  • Ricklefs, F. R.: Des C. Cornelius Tacitus sämmtliche Werke. Vierter Band: Germania [etc.]. Oldenburg 1827 – S. 158-159. 
  • Schott, A.: Die deutschen Colonien in Piemont. Stuttgart 1842 – S. 121 [Signatur: ETH-BIB Rar 38503]
  • Heitz, Ch.: Des Kaisers neue Kinder. Romanitas und Barbarentum am Trajansbogen von Benevent. In: Römische Mitteilungen (RM) Vol. 112 (2005/2006) – S. 207-224.
  • Heinz, W.: Von der Antike zum Mittelalter: Grundstrukturen der Geschichte, Siedlungen und Wirtschaft zwischen 300 und 600. In: Mediaevistik, Vol. 20 (2007) – S. 49-139.

Sonntag, 8. Mai 2022

Drittelmarathon mit Kuh. Willi Baumgartners Waffenstillstandstag

Der 8. Mai 1945. Kriegsende. Für die kriegführenden Allierten englischer Zunge der VE-Day (Victory in Europe).  

Unser alteingesessener Mitbürger Willi Baumgartner (geboren am 8. November 1930) erinnert sich noch gut an diesen Tag vor 77 Jahren. Allerdings nicht der Kirchenglocken wegen, die zum Ende der Kampfhandlungen läuteten, nein. Für den damals 14 1/2-jährigen jungen Weiacher war es vor allem ein arbeitsreicher Tag.

Willi musste nämlich im Auftrag seines Vaters im schaffhausischen Rüdlingen eine Kuh abholen. Er wisse nicht mehr genau, wie er dorthin gelangt sei, erzählt er WeiachBlog im Gespräch, wahrscheinlich habe er mit dem Viehhändler mitfahren können. Mit der Kuh habe er dann jedenfalls zu Fuss (!) nach Weiach gehen müssen.

Rüdlingen–Eglisau–Rheinsfelden–Weiach. Das waren 13.7 Kilometer Fussmarsch mit einer Kuh, die einen nicht kennt. Ein Drittel einer Marathonstrecke. Klar: Längst nicht so schnell gelaufen wie eine solche. Aber wegen des zu überführenden Rindviechs doch eine ziemlich anstrengende.

Denn man kann sich das ja vorstellen: Da stehen – zumal an einem Maientag – allerlei Verlockungen essbarer Art am Wegesrand, die nur darauf warten, probiert zu werden. So ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass sich die Kuh eben nicht dorthin bewegen will, wo der Treiber sie haben will. Und so war es denn auch. 

Willi erinnert sich, dass ihm die Kuh bei Steinenkreuz (wenige hundert Meter oberhalb Rüdlingen, noch auf Schaffhauserboden) zum ersten Mal «ab» sei. Und ein zweites Mal beim Bahnhof Zweidlen. Immerhin war sie wenigstens durch das Städtchen Eglisau und über die dortige Rheinbrücke hinweg brav.

Quelle

  • Persönliches Gespräch mit Willi Baumgartner-Thut am 11. April 2022.

Samstag, 7. Mai 2022

Züri-Metzgete 1922. Auf Schotterpisten durch Weiach.

Nein, mit einer kulinarischen Köstlichkeit hat diese Metzgete nichts zu tun. Der populäre scherzhafte Übername des offiziell «Meisterschaft von Zürich» (MvZ) genannten Radklassikers kommt aber nicht von ungefähr, denn aus den Anfangszeiten wird über üble Stürze mit offenen Wunden berichtet.

Die erste Austragung der Metzgete, organisiert als Fundraising-Event, um die Beschaffung von Sportanzügen finanzieren zu können, war 1910 noch eine Ausmarchung unter Amateuren. 

Seriensieger aus dem Wynental

Schon bald startete auch die Kategorie «Professionels». Rekordsieger der Königsklasse an der Züri-Metzgete ist der Aargauer Heiri Suter (1899-1978), der 1919, 1920, 1922, 1924, 1928 und 1929 zuoberst auf dem Podest stand und 1923 Zweiter wurde. 

Suter war ein ausgesprochener Klassiker-Spezialist, der nur Eintagesrennen fuhr. Das könnte darauf hindeuten, dass er daneben noch für den Broterwerb arbeitete und trotz der Bezeichnung seiner Kategorie kein Vollprofi im heutigen Sinne gewesen ist.


Bild: Totaler Schweizer Triumph beim Eintagesrennen ParisTours 1926. Sieger wurde Heiri Suter, Zweiter Kastor Notter; dieselbe Konstellation wie schon bei der Züri-Metzgete 1924. 
Man beachte die erstaunlich moderne Technik der Vorderräder mit Schnellspannern! Kein Wunder bezeichnete sie der NZZ-Korrespondent als «Maschinen» (s. unten).
(Quelle: Bibliothèque Nationale de France; BNF Gallica)

Die NZZ war am 7. Mai im Begleitauto live dabei

Wie die Neue Zürcher Zeitung in ihrer Ausgabe vom 8. Mai 1922 berichtete, führte die Strecke heute vor 100 Jahren über Weiach. Aufgrund des Streckenverlauf darf man davon ausgehen, dass die Fahrer von Glattfelden kommend beim Gasthof Sternen links abbogen, um über den Kistenpass Richtung Kloten zu pedalen:

«Die Radmeisterschaft von Zürich wurde Sonntag den 7. Mai zum 11. Male ausgetragen. Nicht weniger als 527 Meldungen waren dazu eingegangen; annähernd 600 von den Gemeldeten [vgl. unten den Nachfolgeartikel vom 13. Mai, wo die Zahlen plausibler sind] stellten sich am Sonntag früh halb 5 Uhr auf dem Milchbuck dem Starter, von denen mehr als 300 das Rennen beendeten. Dem Start wohnten trotz der frühen Morgenstunde etwa 3000 Zuschauer bei; bei der Ankunft der Fahrer, deren einzelne Kategorien zwischen 8 und 9 Uhr einliefen, hatte sich diese Zahl zum mindesten vervierfacht, ein sprechendes Zeichen der Popularität des Radrennsportes in Zürich. 

Die Rennen verliefen ohne größeren Unfall; kleinere Defekte an Fahrern und Maschinen sind bei einer solchen Massenbeteiligung nicht zu vermeiden. Um 4 Uhr 50 [MEZ; da wird es um diese Jahreszeit grad hell] gingen die Junioren auf die Reise, um 5 Uhr die Senioren, um 5 Uhr 05 die Veteranen, um 5 Uhr 30 die Professionels, um 5 Uhr 40 die Anfänger; die Professionels und Senioren mußten eine Strecke von 100 Km. über Dübendorf, Illnau, Winterthur, Berg, Weiach, Kloten, Schwamendingen erledigen, die Junioren 79,2 Km., die Veteranen und Anfänger 50,3 Km. 

Der Berichterstatter fuhr im Auto das Rennen der Professionels mit und wird darüber noch näher berichten. Der Favorit Heinrich Suter, der letzten Sonntag im internationalen Straßenrennen Paris-Tours mit 5 Zm. (!) Rückstand Zweiter gegen die besten französischen und belgischen Straßenfahrer wurde, siegte hier im Endspurt, nachdem einige von ihm unterwegs unternommene Durchbrennversuche an der Wachsamkeit der Konkurrenten scheiterten.»

Beim Eintagesrennen Paris–Tours 1922 wurde Suter sozusagen um Haaresbreite (5 cm auf fast 350 km) von Henri Pélissier geschlagen. Besonderes Aufsehen erregte der Sieg von dessen Bruder Francis ein Jahr zuvor «beim 342 Kilometer langen Paris–Tours im Jahre 1921, dem „schwersten Rennen aller Zeiten“: Wegen eines Schneeeinbruchs, starkem Regen und Wind kamen von 85 Startern nur acht Fahrer ins Ziel, der letzte 4 Stunden und 21 Minuten nach dem Sieger Pélissier, der sich in zwei dicke Capes gehüllt und 14 Stunden und 56 Minuten benötigt hatte.» (Wikipedia-Eintrag Francis Pélissier) 1926 und 1927 gelang es Heiri Suter, diesen Klassiker als Sieger zu beenden.

«Die von Redakteur H. Buchli als Präsident des Preisgerichts um 1 Uhr in Oerlikon vorgenommene Preisverteilung, für die ein reichhaltiger Gabentisch zur Verfügung stand, machte mit folgenden Resultaten bekannt: 

Professionels (20 Prämiierte): 1. Suter Heinr. (Gränichen) 3:16:36. 2. Gehrig Herm. (Basel). 3. Krauß Louis (Genf). 4. Widmer Otto (Genf). 5. Martinet Jean (Genf). 6. Guignet Alphonse (Lausanne). 7. Straßer E. (Rheinfelden). 8. Dreßler Adolf (Baden). 9. Vuille Henri (Pieterlen). 10. Brütsch Hans (Ramsen).»

Der Sieger Heiri Suter war also mit durchschnittlich 30.53 km/h unterwegs. Zum Vergleich: Der Klassiker Lüttich-Bastogne-Lüttich ging 2022 mit 41.53 km/h Siegergeschwindigkeit über die coupierte Strecke mit vielen ruppigen Steigungen.

«Amateur--Senioren (34 Prämiierte): 1. Lonardi Viktor (Zürich) 3:8:43. 2. Notter Kastor (Niederrohrdorf). 3. Hunziker P. (Gränichen). [...]  Veteranen (16 Prämiierte): 1. Egli Wilh. (Zürich) 1:36:09. 2. Müller Adolf (Wettingen). 3. Bühler Jos. (St. Urban). [...] Amateur— Junioren (52 Prämiierte): 1. Graf Gustav (Zürich) 2:26:42. 2. Balzan Angelo (Obergösgen). 3. Meier Erwin (Hedingen). [...] Anfänger (93 Prämierte): 1. Frey Hch. (Zürich) 1:36:19,4. 2. Vollenweider Walter (Gunzgen). 3. Baumgartner Aug. (Leibstadt). [...] »

Gefährliche Schotterpisten. Wenn Radrennen Staub aufwirbeln

Wie im Beitrag vom 8. Mai angekündigt, wurde der ausführliche Rennbericht nachgeliefert; in der NZZ vom 13. Mai 1922: 

«Vergangenen Sonntag kämpften die Radfahrer der Ostschweiz um die Meisterschaft von Zürich. Gegen 600 Anmeldungen liefen ein, annähernd 500 Mann starteten in fünf Abteilungen. Bedarf es da noch eines Kommentars, um die Beliebtheit des Radsportes zu beweisen? Das Wetter war so ideal, daß schon am Morgen um 4 Uhr annähernd 3000 Personen auf den Milchbuck hinaufeilten, um beim Start dabei zu sein. Jeder Konkurrent hatte irgendeinen guten Freund in der Nähe seines Rades, der ihm die letzten Ratschläge gab, ob es ein Veteran, Junior, Senior, Berufsfahrer oder Anfänger war. Wie immer, so hatte auch diesmal der Zürcher Radfahrerverband wieder zuverlässige Arbeit geleistet; prompt erfolgte der Aufruf, waren die großen Kolonnen entlassen, und bald verkündete nur noch eine Staubwolke gegen Schwamendingen, daß die wilde Jagd begonnen hatte. Mit kreuzweis über Brust und Rücken gewundenen Ersatzschleuchen, in leichter Kleidung, an die Gabel des Rades Flaschen mit Tee oder Kaffee gebunden gingen die Fahrer auf die Reise und pedalten ihre 100, bezw. 80 und 50 Kilometer ab. Strahlend ging die Sonne auf, und in Dübendorf umkreisten die wackern Flieger in zeitiger Arbeit das Flugfeld und begleiteten uns, die wir in einem Auto die 25 Mann starke Gruppe der Berufsfahrer verfolgten, eine Strecke weit. Jene Tage der glorreichen Straßenrennen Zürich-München wurden in mir lebendig, da ich drei Stunden lang hinter der Kopfgruppe fuhr und Tritt für Tritt ihres Kampfes verfolgte. Aber die erhofften großen Sensationen blieben diesmal aus: Die Kopfgruppe verkleinerte sich zwar ab und zu um einige Fahrer, aber dem Favoriten in der Menge, dem besten Straßenfahrer, den die Schweiz heute besitzt, Heinrich Suter, der acht Tage vorher mit einem Rückstand von nur fünf Zentimeter im klassischen Straßenrennen Paris-Rouen [korrekt: Paris-Tours] Zweiter wurde und die ersten Größen der Landstraße schlug, wollte es nicht gelingen, das Feld auseinanderzureißen, auch nicht in den für Durchbrennversuche besonders geeigneten „Stichen“ von Gutenswil, von Berg [am Irchel] und an der Wagenbreche. Die Meute gab auf die große Kanone „Heiri“ verzweifelt acht, und jeder seiner berühmten harten Tritte in die Pedale, begleitet von einer katzenbuckeligen Bewegung, wurde sofort entdecktt und mit gleichen Rennpraktiken erwidert. Die Berufsfahrer fuhren im Durchschnitt nicht besonders rasch, teilweise sogar im Bummeltempo. Aber was ein Straßenfahrer zu leisten vermag, zeigte die kurvenreiche Talfahrt hinter Berg zur römischen Bogenbrücke nach Freienstein hinunter, wo in wilder Jagd das Feld sich plötzlich auseinanderzog und in einem Tempo von mindestens 60 Kilometer die Tiefe erreichte. Wir vermochten mit unserm flinken Auto, durch die zahlreichen Kurven verhindert, dieses Tempo nicht zu halten und stießen auf die Kopfgruppe erst hinter Rorbas wieder, erstaunt feststellend, daß fast alles noch dicht beieinander war. Ein Massensturz, teilweise verursacht durch ein paar lümmelhafte Motorradfahrer, die den Schwanz der Kopfgruppe außerordentlich gefährdeten, verlief glimpflich, bald nachher verstärkte sich aber die noch aus vierzehn Mann bestehende Führung um weitere vier Mann, die schon früher abgehängt worden waren, die sich aber wieder ans Feld heranarbeiten konnten. Von Niederglatt weg wußten wir, daß der Endspurt diesmal entscheiden werde, und eifrig erörterten wir die Chance der einzelnen Fahrer. Die deutsche Schweiz war durch Heinrich und Max Suter ausgezeichnet vertreten, auch der Basler Gehrig hatte das Zeug, bei den letzten Metern mitzureden, aber für Suter gefährlich waren besonders die beiden Martinet aus Genf, der Genfer Maffeo, Sieger des letzten Jahres, und Krauß, Widmer und Grandjean aus der gleichen Stadt. Eine Kopfgruppe von 16 Mann lag in Schwamendingen noch beisammen, und bei verschärftem Tempo nahmen sie die letzte große Steigung zum Ziel auf den Milchbuck hinauf in Angriff, dieses leider garniert mit einem wüsten Schotterfeld, etwa 100 Meter vor dem Zielband. Es wäre sehr interessant gewesen, den Endkampf aus der Position hinter der Kopfgruppe zu verfolgen, aber wir befürchteten, daß das plötzliche Heransausen einer so großen Fahrermenge am Ziel Komplitationen im Gefolge haben könnte und eilten voraus, um die letzten Winke für eine breite Einfahrtsstraße zu geben. Kaum waren wir aus dem Auto gesprungen und hatten das nahe Eintreffen verkündet, wälzte sich von der Tiefe herauf schon der Jubel der Menge. „Heiri! Heiri!“ tönte es, und plötzlich schoß mit einem Vorsprung von etwa zehn Metern der berühmteste Gränicher kappenlos, zusammengeduckt wie eine Katze, das bestaubte Gesicht tief über die Lenkstange gebeugt, als Sieger durchs Ziel, dichtauf von Gehrig, Krauß, Widmer und Jean Martinet gefolgt. Max Suter, der Bruder, hatte das Unglück, im Schotterfeld mit vier Kameraden zu stürzen, und so verloren er und die andern Pechvögel einen guten Platz. Begeistert wurde der Sieger gefeiert, er, die Hoffnung der großen schweizerischen Radfahrergemeinde für das internationale Rennen der kommenden Pfingsttage Zürich-Genf-Zürich! Wenige Stunden, nachdem diese Zeilen erscheinen, rast er schon wieder in Frankreich in einem Straßenrennen durch die Welt, als einer, der, wenn er sich einmal zur Ruhe setzt, von seinen Reisen viel erzählen kann. Von der Landschaft hat er zwar nicht viel dabei gesehen, aber von Regen und Wind, Kälte und Staub, Hinterlistigleiten der Konkurrenz, Mühen und Beschwerden, Siegen, Preisen und Enttäuschungen wird er vieles zu berichten wissen, als einer, der ein großes Stück der Welt auf seinen kräftigen Beinen durchzog.»

Quellen

Freitag, 6. Mai 2022

Ausstellung zum Jahr des Buches 1972 im Ortsmuseum

Die Tat. Eine Zeitung, begründet von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler im Jahre 1935 als Sprachrohr der Unabhängigen (späterer Landesring der Unabhängigen, LdU), hatte ihre besten Jahre im Zweiten Weltkrieg. Sie war nicht zuletzt dank ihrer dezidiert gegen den Nationalsozialismus gerichteten Blattlinie erfolgreich. 

Diese Zeiten lagen schon länger zurück, als am 6. Mai 1972, also heute vor 50 Jahren, in der Rubrik Unterländer Notizen ein kurzer Hinweis auf eine Ausstellung im noch jungen Weiacher Ortsmuseum erschien: 


«Im Ortsmuseum Weiach ist im Rahmen des Jahres des Buches eine Ausstellung zu sehen, die jedem Bücherfreund Freude machen muss. Unter dem Motto «Gute Bücher — gute Freunde» wurde eine umfassende Ausstellung neuer und alter Literatur und Bücher zusammengestellt, wobei weder das Jugendbuch, noch gute Buchillustrationen zu kurz kommen. Die Ausstellung in dem reizvollen Dorf an der aargauischen Grenze ist noch an den kommenden zwei Sonntagen und am Auffahrtstag zu sehen. Museum — allein schon eine Reise wert ! — und Ausstellung sind jeweils von 14 bis 17 Uhr geöffnet.»

Damit wissen wir nun auch, was der Anlass für den doch etwas kryptischen Eintrag in der Liste der Ortsmuseums-Austellungen seit seiner Eröffnung 1968 war: das Internationale Jahr des Buches. Die Ausstellung wurde damals noch unter dem Präsidium von alt Lehrer Walter Zollinger kuratiert.

Die Einschätzung des Tat-Redaktors gilt übrigens auch ein halbes Jahrhundert später noch, auch wenn seine Zeitung bereits 1978 eingegangen ist. Das Weiacher Ortsmuseum verdient es definitiv besucht zu werden.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Giftanschlag im Viehstall

Heute vor 110 Jahren war im Grütlianer, einer Tageszeitung, die eine patriotische und zugleich der Arbeiterbewegung nahestehende Blattlinie verfolgte, die folgende Notiz zu lesen:

«Gaunerstreich. In einem Stalle in Weiach erkrankte sämtliches Vieh infolge von Futtervergiftung. Nachforschungen ergaben, daß das zum Füttern verwendete Gras mit Schweinfurter Grün vergiftet worden war. Ein Stück mußte bereits abgetan werden.»

Schweinfurter Grün (Chemiker nennen es Kupfer(II)-Arsenitacetat) wurde erstmals in Schweinfurt (Unterfranken, Bayern) industriell hergestellt. Es wurde im 19. Jahrhundert als Malerfarbe verwendet und war seiner Farbintensität und Lichtechtheit wegen sehr geschätzt. Der Nachteil: Es besteht aus grossen Mengen an Kupfer und Arsen und ist daher giftig, was schon früh bekannt war. Bereits 1882 wurde die Verwendung als Farbanstrich im Deutschen Reich verboten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis etwa zur Mitte des 20. Jahrhunderts sei die Substanz auch als eines der ersten Pflanzenschutzmittel eingesetzt worden, liest man im Wikipedia-Artikel

Mit «echtem Schweinfurtergrün» wurden 1863 und 1878 gemäss den Weiacher Turmkugeldokumenten die Jalouiseläden am Dachreiter unserer Kirche bemalt.

Die beschriebene Straftat ist selbst im Ausland in Zeitungen eingerückt worden, so in das in Bregenz erscheinende konservative Vorarlberger Volksblatt:

«Zürich, 5. Mai. (Vergiftungsfall.) In einem Stalle zu Weiach erkrankte sämtliches Vieh infolge von Futtervergiftung. Die Nachforschungen ergaben, daß das gefütterte Gras mit Schweinfurtergrün bestreut war. Ein Stück Vieh mußte bereits abgetan werden.»

Quellen