Dienstag, 28. Juni 2022

Wegen frei laufenden Hühnern vor dem Bezirksgericht

Das Zusammenleben im Dorf ist nicht immer einfach. Wo es heute eher wegen Katzen Ärger gibt, die herumstreifen und in fremden Gärten Vögel jagen oder ihr Geschäft ausgerechnet im Gartenbeet verrichten, da hat man sich vor bald einem Jahrhundert noch über das liebe Federvieh echauffiert. 

Hühner haben die Angewohnheit, alles aufzuscharren, um an Fressbares zu gelangen. Und sie lassen sich auch von Zäunen nur bedingt abhalten. Um über so eine (aus deren Sicht) lächerliche juristische Grenze wie einen Gartenzaun hinwegzuflattern, reichen die Flügel jedenfalls problemlos. 

Das führt zu Reibereien unter Nachbarn. Einige davon landeten auf dem Tisch des Gemeinderats. Ende der 1920er-Jahre störte sich besonders der Weberliheiri daran, dass seine Nachbarn in der Chälen ihre Hühner frei herumlaufen liessen und diese sich ihre Nahrung dann auch auf seinem Grundstück suchten. 

So beschloss der Gemeinderat am 7. Mai 1928 «auf das Beschwerdeschreiben des Heinrich Meier, Weber's betreffend Laufenlassen der Hühner des Jacob Baumgartner» hin, letzteren schriftlich darauf aufmerksam zu machen, dass er seine Hühner besser zu kontrollieren habe.

Bussgeld wie beim Falschparkieren

Am Müliweg griff der Rat am 27. August 1928 dann erstmals richtig durch: «Anzeige von Meier Jacob im Oberdorf gegen Liebert Luise wegen Unberechtigtem Laufenlassen von Hühnern auf fremdem Eigentum. Luise Liebert wurde mit 10 Frk. gebüsst.» Und ja, das war genau die Frau Liebert, die dem heutigen Ortsmuseum postum ihren Namen gegeben hat.

Dann hagelte es ab November Anzeigen. Eingereicht von Heinrich Meier «gegen Meier Jacob, Wegknecht wegen Uebertretung von Art. 16 der Polizeiverordnung (Laufenlassen von Hühnern)». Am 26. November 1928 wurde der vom Gemeinderat mit 5 Franken gebüsst. 

Kurz darauf ging der Weberliheiri «gegen Rüdlinger Ernst und Meierhofer Albert, Wagner's» vor. Ebenfalls «wegen Laufen- und Weidenlassen von Hühnern auf seinem Eigentum.» Beide wurden am 3. Dezember 1928 vom Gemeinderat mit je 5 Franken gebüsst. 

Und am 15. Dezember 1928 wurde ausserdem «Alb. Meierhofer, Fabrikarbeiter» für dieselbe Übertretung zu Lasten des Weberliheiri gebüsst. Ebenfalls mit 5 Franken. Weshalb Frau Liebert das Doppelte zahlen musste? Bleibt des Gemeinderats Geheimnis.

Fünf Franken von 1928 sind übrigens gemäss swistoval.ch auf heutige Geldwerte umgerechnet je nach Index zwischen 32 und 245 Franken. Vergleichbar ist so eine Busse heute am ehesten mit einer Strassenverkehrsübertretung im unteren Bereich:

  • Konsumentenpreisindex (KPI) -- 32 CHF
  • Historischer Lohnindex (HLI) -- 78 CHF
  • BIP pro Kopf-Index -- 121 CHF
  • BIP-Index -- 245 CHF
Bei den damaligen niedrigen Einkommen dürfte das aber dennoch geschmerzt haben.

Einvernahme durch den Gemeinderat

Ernst Rüdlinger und später auch Albert Meierhofer waren nicht bereit, diese Busse einfach so zu bezahlen. Sie verlangten «gerichtliche Beurteilung» und wurden daher vom Gemeinderat einvernommen. 

«Da der Verzeiger Heinrich Meier seine Verzeigung zurückzieht, wurde beschlossen die Busse aufzuheben und die Kosten wurden dem Verzeigten Ernst Rüdlinger auferlegt.», notierte der Gemeinderatsschreiber unter dem 22. Dezember 1928.

Bei Albert Meierhofer war Heinrich Meier jedoch nicht bereit, seine Anzeige zurückzuziehen, weshalb der Gemeinderat am 29. Dezember 1928 beschloss, «die Akten zur Beurteilung ans Bezirksgericht weiterzuleiten.» Gemeindegutsverwalter Griesser musste die beiden Streithähne nach Dielsdorf begleiten.

Von der Bezirksgerichtskanzlei kam Ende Januar der Bescheid «die vom Gemeinderat Weiach dem Albert Meierhofer, Wagner's auferlegte Polizeibusse wegen Uebertretung von Art. 16 der Polizeiverordnung» sei «aufgehoben worden.» (Protokolleintrag vom 26. Januar 1929)

Nun reichte es dem Gemeinderat mit diesen Federvieh-Streitereien. Am 27. April 1929 beschloss er, «das Verbot betr. Laufenlassen der Hühner wieder zu puplizieren». Von da an sind im Protokollband keine solchen Anzeigen mehr verzeichnet.

Quelle und Literatur

  • Protokoll des Gemeinderates 1928-1934. Archiv der Politischen Gemeinde Weiach; Signatur: IV.B.02.11
  • Brandenberger, U.: Staubplage, Hahnenzins und freilaufende Hühner. Womit sich der Gemeinderat vor acht Jahrzehnten herumschlagen musste. Weiacher Geschichte(n) Nr. 110. Erstmals publiziert in: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, Januar 2009 - S. 18-25 (hier: S. 25, Gesamtausgabe S. 447).

Sonntag, 26. Juni 2022

Im Rausch gestritten und das eigene Kind abgestochen

Die beiden letzten WeiachBlog-Beiträge handeln von Temperenzlern und Abstinenzbewegungen sowie der dörflichen Sitte der Schnapsbrennerei samt Eigenkonsum. Gegen das Saufen wurden vielfältige Massnahmen ergriffen, sowohl gesetzgeberisch auf Stufe Bund wie durch Kantone und Gemeinden (letztere v.a. über Wirtshausverbote).

Bekanntlich hat man in den USA zwischen 1920 und 1933 sogar landesweit die Herstellung, den Transport und den Verkauf von Alkohol per Verfassungszusatz verboten. Dieser Versuch einer totalen Prohibition war nicht zuletzt auf die dort stark in Erscheinung tretende Temperenz-Bewegung zurückzuführen. Die Verbotsstrategie scheiterte kläglich. 

Denn das Ziel, die Kriminalität zu bekämpfen, wurde völlig verfehlt. Gewisse Bereiche der Mafia gelangten durch die sagenhaften Gewinne, die man mit Alkohol machen konnte, erst recht zu Macht und Einfluss (man denke nur an Al Capone). Und selbst die Volksgesundheit verbesserte sich nicht durchgehend, weil vermehrt illegal und teils ohne Fachwissen und Sachverstand Schnaps gebrannt und konsumiert wurde.

Alkoholverbote sind klassische Symptomtherapien. Die dem Missbrauch von gebrannten Wässern zugrundeliegenden Ursachen werden dadurch nicht adressiert. Eine Prohibitions-Strategie mag in der populistischen Politik Punkte bringen, nachhaltig ist sie nicht. Weil zur Prävention von Familientragödien – wie der nachstehend beschriebenen – denkbar ungeeignet.

Was ist da genau passiert?

Dank dem mittlerweile 169 Schweizer Zeitungstitel umfassenden Retrodigitalisierungsprojekt e-npa.ch können wir heutzutage einfacher als früher recherchieren, was zu bestimmten Themen öffentlich gedruckt verbreitet wurde. So auch zum Fall des Alkoholikers Heinrich Aeberle vom April 1881:

«In Weiach hat ein Heinrich Aeberle, nachdem er mit der Frau in Streit gerathen und diese ihm entflohen war, seinen Zorn am eigenen 2 1/2 jährigen Söhnlein ausgelassen, indem er ihm den Wetzstahl in den Bauch stach.» (Der Volksfreund (Chur), 20. April 1881)

«Zürich. Von Weiach (Wehnthal) wird ein gräßliches Verbrechen gemeldet. Der pensionirte und scheints dem Trunke ergeben gewesene Lokomotivführer Eberle (bis vor einiger Zeit viele Jahre in Rorschach wohnhaft), der in Weiach eine Mühle mit Bäckerei und Wirthschaft übernommen hatte, versetzte in einem Anfall von Rausch-Raserei seinem ältesten, etwa 11jährigen Knaben aus zweiter Ehe tödtliche Messerstiche in den Unterleib und suchte auch seine Frau und seine zwei kleinern Kinder zu tödten, die jedoch bis jetzt den erhaltenen Wunden nicht erlegen sind. Der Mörder ist festgenommen und zur Haft gebracht worden.» (Thuner Wochenblatt, Band 44, Nummer 32, 20. April 1881)

Bereits an diesen beiden, bezüglich der Fakten doch sehr unterschiedlichen Beiträgen zeigt sich, dass unterschiedliche Quellen vorgelegen haben müssen. Dasselbe Muster ist nämlich auch in den Folgetagen feststellbar:

«H. Aeberle, Pächter der Mühle in Weiach, ein dem Trunke ergebener Mann, zankte im Rausche mit seiner Frau und stieß dabei in der Wuth seinem 2 1/2 jährigen Knaben den Wetzstahl in den Unterleib. Der Thäter ist verhaftet.» (Zürcherische Freitagszeitung, Nummer 16, 22. April 1881)

Im Stadtzürcher Konkurrenzblatt Neue Zürcher Zeitung fehlt hingegen jede Spur von diesem Fall. Dafür wurde er in der Gallus-Stadt aufgenommen:

«Von Weiach (Wehnthal) wird ein gräßliches Verbrechen gemeldet. Der pensionirte und scheint's dem Trunke ergeben gewesene Lokomotivführer Eberle (bis vor einiger Zeit viele Jahre in Rorschach wohnhaft), der in Weiach eine Mühle mit Bäckerei und Wirthschaft übernommen hatte, versetzte in einem Anfall von Rausch-Raserei seinem ältesten, etwa 11 jährigen Knaben aus zweiter Ehe tödtliche Messerstiche in den Unterleib und suchte auch seine Frau und seine zwei kleinern Kinder zu tödten, die jedoch bis jetzt den erhaltenen Wunden nicht erlegen sind. Der Mörder ist festgenommmen [sic!] und zur Haft gebracht worden.» (Die Ostschweiz, 24. April 1881)

Im Tagblatt der Stadt Biel (Band 19, Nummer 95) vom 23. April 1881 ist derselbe Text wie Tage zuvor im Thuner Wochenblatt abgedruckt.

Interessant an der Meldung, die in Biel, Thun und St. Gallen ins Blatt gerückt wurde, ist, wie Weiach dem «Wehnthal» zugeordnet wird. Das Wehntal steht hier im weiteren Sinne sozusagen als pars pro toto für den gesamten Bezirk Dielsdorf.

Sind Dritte zu Hilfe gekommen?

Schliesslich taucht noch eine dritte Beschreibung der Tat in den Gazetten auf, wieder mit andern Details, insbesondere punkto Alter eines der Opfer und einer Beschreibung des Alkoholkonsums:

«Zürich. In Weiach (Bezirk Dielstorf) hat ein dem Schnapstrunke ergebener Mann, nachdem er wieder eine ganze Maß Schnaps getrunken, seinem 1 1/2 jährigen, ruhig im Bettlein schlafenden Knäblein mit einem Messer den Bauch aufgeschnitten. Das Scheusal wollte auch sein zweites Kind auf diese Art tödten, wurde aber von seiner Frau, die ihn zu Boden werfen konnte, daran verhindert. Wäre der Frau nicht sofort Hülfe gekommen, so hätte er dennoch das Kind und vielleicht auch sie getödtet.» (Zuger Volksblatt, Band 21, Nummer 34, 27. April 1881)

Selbst in rätoromanischer Sprache wurde über diese Tat berichtet. Und die Grundlage ist offensichtlich ein Bericht, wie er auch dem Zuger Volksblatt vorgelegen haben muss: 


(Fögl d’Engiadina, Band 24, Nummer 18, 30. April 1881)

Namensvariante Werach

Nicht ganz so einfach zu finden sind fünf Kurzartikel in französischsprachigen Blättern. Denn dort wird durchgängig die Verschreibung von Weiach zu «Werach» verwendet.

So in La Tribune de Genève (Band 3, Nummer 92), der Ausgabe 2 vom 20. April 1881:

«Zurich. —Un crime horrible a été commis à Werach [sic!]. Un ancien mécanicien nommé Eberlé adonné à la boisson et qui tenait une auberge a, dans un accès de folie furieuse, tué à coups de couteau son fils âgé de onze ans, et grièvement blessé sa femme et deux autres enfants plus jeunes. Le coupable a été arrêté.»

Derselbe Text erschien am 22. April in der Zeitung Le Bien public aus Fribourg sowie der in Porrentruy erscheinenden Zeitung Le Jura (Band 31, Nummer 32) und am darauffolgenden Tag, 23. April, in Le Chroniquer Suisse (Eigenbezeichnung: Journal catholique politique et littéraire) aus Fribourg, sowie dem Journal du Jura (Organe des libéraux jurassiens), das in der Seeländer Metropole Biel/Bienne 6x pro Woche publiziert wurde.

Mit Ausnahme der Tribune de Genève, wo «Weraeh» erfasst ist, liegt hier kein Fehler bei der Texterkennung im Verlauf der Digitalisierung vor.

In dieser vierten Version wurde aus der Mühle mit Bäckerei und Wirtschaft eine «auberge», also ein Gasthof mit Fremdenzimmern, was im Falle Weiach nur der «Sternen» sein könnte. Falls aber die Mühle wirklich das Hauptgewerbe war, dann müsste es sich bei dem mutmasslichen Pachtobjekt um die Mühle im Oberdorf (Müliweg 7) handeln.

Im Burghölzli gelandet?

In diesem Fall Heinrich Eberle wären noch die Gerichtsakten im Staatsarchiv auszuwerten. Diese könnten klären, welche der kolportierten Details näher an den Geschehnissen liegen als andere.

Bislang habe ich unter dem Namen des Täters nur einen Katalogeintrag gefunden, der durchaus auf ihn passen könnte, nämlich in den Krankengeschichten der kantonalen Irrenheilanstalt Burghölzli: «Aeberle, Heinrich, m., (geb. 1836), Landwirt, von Erlenbach. Krankheitsform: Delirium alcoholicum.». Die Akte ist auf das Eintrittsjahr 1898 datiert und trägt die Signatur: StAZH Z 100.7149. Ob es sich um eine Drittperson oder den Mühlenpächter handelt, ist zu klären.

Donnerstag, 23. Juni 2022

Dem Schulkind ein Schnapsbrötli zum Zmorge

Susanna Louise Patteson (1853-1922), eine gebürtige Weiacherin, die 1867 in die USA ausgewandert ist (vgl. WeiachBlog Nr. 1487 und folgende) zeichnet in ihren Jugenderinnerungen die Situation nach, in der sich punkto Alkoholkonsum auch in Weiach bereits Schulkinder fanden. 

Was sich in ihrer eigenen Herkunftsfamilie abspielte und welche Folgen damit verbunden waren, beschreibt sie am Beispiel ihrer Probleme mit der Arithmetik, also dem Schulfach Rechnen:

«I excelled in composition, in anything that related to language or ability of expression. I was often told in those days that I ought to become an actress. But I was poor in arithmetic, and oh, how I hated it! There were days when my brain just simply refused to work during the arithmetic period.

Now to explain what I concluded to be the reason for this, I shall have to relate some family history of which in these days of enlightenment on the subject I am not very proud. It was the custom in those days for every householder to distill his own whiskies and brandies. There such spirits were commonly called schnapps. 

Once in a while my brother and I were sent to bed earlier than usual, for instance when we were being punished for something or other. Then, we would be up earlier than usual in the morning, and at such times we generally found Father and Mother enjoying a glass of schnapps together. If they were then in a forgiving mood, they would pour a little schnapps on slices of bread and give to each of us what we called a “schnappsbrödli.”

Gradually I perceived that the days when my brain wouldn’t work at the arithmetic period were always those on which I had had a schnappsbrödli in the morning.
» (S. 95-96)

Dass damals jeder Haushalt in Weiach laut Patteson seine eigenen hochprozentigen Wässer gebrannt haben soll, hängt direkt mit der Fülle an verfügbarem Obst zusammen. Der Dorfkern war in diesen Jahren ihrer Jugend (und noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein) geradezu von einem Obstbaumwald umgeben. Die heutige Obstgartenstrasse ist da nur eine sehr schwache Erinnerung an diese Zeit.

Wein von eigenen Reben. Alltagsgetränk auch für Kinder

Dazu kamen die Weinberge, welche seit Jahrhunderten das schwach alkoholhaltige Alltagsgetränk lieferten. Auch dieser Umstand findet sich in den Erinnerungen Luisa Griessers (wie sie damals noch hiess):

«In my time home-made wine was the common beverage at meals and between. It was, of course, before the days of the temperance crusade and the organization of the Woman’s Christian Temperance Union, before the advent of the prohibition movement, before Father Matthews’ total abstinence society, Francis Murphy, John B. Gough, Mother Thompson, Frances Willard and all the great prophets and prophetesses who helped to spread world-wide the gospel of temperance. I am happy to say that the W. C. T. U. has a strong organization in Switzerland [Gemeint ist wohl die Blaukreuzbewegung]. The temperance cause has made such progress there that a large percentage of the grapes grown on those fertile slopes is now made into the harmless beverage known as grape juice.» (S. 104-105)

Man sieht: die Schnapsbrötli haben Louise Patteson zu einer überzeugten Temperenzlerin gemacht (zum Begriff vgl. den Beitrag WeiachBlog Nr. 1833). Diese W.C.T.U. wurde übrigens in Cleveland, Ohio, gegründet, derselben Stadt, die zur Heimat der schreibenden Weiacherin wurde.

Mitte des 19. Jahrhunderts war es offenbar noch gang und gäbe, dass am Schulexamen, neben einem Weggli (aus der Bäckerei eines ihrer Verwandten) und einem Cervelat auch Wein auf jedem Schulbank stand: «on every desk a great big one of my godfather’s “ Weggli,” a cervelat sausage and a glass of wine. It was, in fact, just such a feast as we had every year on Examen day.» (S. 107)

Man verwendete den Schnaps allerdings auch für äusserliche Anwendungen (zum Einreiben). Und selbst in Bereichen, die uns nicht gerade automatisch in den Sinn kämen: «Father poured schnapps into our shoes—brother’s and mine. If schnapps has to be made, this is a good way to use it.» (S. 112)

Quelle und Literatur
  • S. Louise Patteson: When I Was a Girl In Switzerland. Lothrop, Lee & Shepard Co., Boston 1921 [Elektronische Fassung auf archive.org; PDF, 11 MB] – S. 95-96, 104-105, 107, 112.
  • Brandenberger, U.: Die Weiacher Autobiographie einer amerikanischen Tierbuchautorin. WeiachBlog Nr. 1487 v. 13. April 2020.

Dienstag, 21. Juni 2022

Was die Temperenzmusik mit dem Alkohol zu tun hat

Wissen Sie, was «Temperenzler» sind? Heute würde man sie vielleicht eher «Straight Edger» nennen. Für diese Gruppierung gilt: Kein Sex, kein Alkohol, keine Drogen. Abstinenz aus Überzeugung (vgl. für den Begriff; s. auch Literatur unten).

«Die Abstinenzbewegung (auch Temperenz- oder Temperanzbewegung, von lat. temperantia „Mäßigung“) ist eine soziale Bewegung gegen den Genuss alkoholischer Getränke, die Ende des 19. bis Beginn des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt hatte». So hebt der einschlägige Wikipedia-Artikel an und erläutert im weiteren Verlauf auch den weltanschaulichen Hintergrund:

«Temperenzler sahen im totalen Verzicht auf Alkohol einerseits einen Ansatz zur Heilung von Alkoholkranken, andererseits eine sozialreformerische Maßnahme, da sie den Alkoholkonsum als Ausdruck mangelnder Tugendhaftigkeit betrachteten, die sie wiederum für die Ursache des Elends der unteren Klassen hielten. Dadurch stand die Abstinenzbewegung der Sittlichkeitsbewegung nahe, die eine moralische Reform der Gesellschaft anstrebte. Die Abstinenzvereine zeichneten sich deswegen auch durch ein hohes Sendungsbewusstsein gegenüber der Arbeiter- und Bauernschaft aus.

Mitte der 1880er Jahre brachte der Basler Professor Gustav von Bunge sozialhygienische Argumente in die Abstinenzbewegung ein: Durch den Alkoholkonsum werde das menschliche Erbgut geschädigt und dadurch die Volksgesundheit gefährdet. Deshalb forderte Bunge ein Alkoholverbot und Abstinenz für die gesamte Bevölkerung.» 

Daraus entstanden ganze Leitfäden für Lehrpersonen, wie 1895 das Temperenz-Handbuch (vgl. die digitalisierte Version in der Sammlung e-Helvetica der Nationalbibliothek: nbdig-47709). Und natürlich an Gesundheitspolitiker und Ärzte gerichtete Abhandlungen, wie die von August Smith mit dem Titel Ueber Temperenz-Anstalten und Volksheilstätten für Nervenkranke. Die für dieselben in Betracht kommenden Erkrankungen und deren Behandlungsweise (2. durchgesehene Auflage, 1899).

Überbordende Hausbrennerei eindämmen

Wenig überraschend, dass sich in diesem Bereich auch in Weiach einiges getan hat: Lehrpersonen, Pfarrer und deren Ehefrauen sowie andere sozial Engagierte (wie der Frauenverein) machten sich im Sinne der Stärkung der Familien für die Abstinenz stark. 

Man sieht den sozialreformerischen Ansatz selbst im blauen Büchlein von Zollinger, wo der langjährige Dorfschullehrer schreibt: «Eine weitere Wohltat [nach dem in Bundesbern erlassenen eidg. Fabrikgesetz von 1877] war die Alkoholgesetzgebung von 1885, da sie die überbordende Hausbrennerei nach und nach einzudämmen vermochte.» (1. Aufl. 1972 – S. 49; PDF, 4.53 MB).

Warum es in diesem Punkt gerade in Weiach Probleme geben konnte, das zeigt sich schon allein an den vielen Obstbäumen, die damals den Dorfkern gleichsam in einem Wald verschwinden liessen, Brennapparate waren natürlich auch verfügbar (vgl. WeiachBlog Nr. 1731 über einen 1840 gestohlenen Kupferhafen). Und vom Vorhandensein von Weinbergen, Wirtschaften und sogar Bierbrauereien wollen wir gar nicht erst anfangen.

Das Phänomen Posaunenchor

Die Temperenzbewegung hatte nicht zuletzt auch christlich-religiöse Wurzeln und wurde von diesen Kreisen aktiv gefördert. Das lässt sich an der Marke «Blaues Kreuz» sehr gut illustrieren, die in der Schweiz seit 1877 aktiv ist. Der Gründer Louis-Lucien Rochat, ein Genfer, war Pfarrer einer Freikirche. Schon damals war der Grundsatz: «Evangelium und Abstinenz – mit Jesus und ohne Alkohol» wegleitend.

Am besten fängt man mit der Abstinenz in frühester Jugend an. Und wie holt man junge Menschen ab? Indem man ihnen Gemeinschaftserlebnisse verschafft, zum Beispiel mit aktivem Musizieren. Aber eben so, dass nach den Proben und Festen keine Saufgelage stattfinden. Das ist man schon allein den Erziehungsberechtigten schuldig.

In unserer Gegend ist dieses Blaukreuz-Vorgehen nachweislich angewandt worden, wie man u.a. dem 2013 publizierten, dicken Farbbildband «Geschichten zu Glattfeldens Geschichte» entnehmen kann. Der Autor, Harry Nussbaumer, widmet der Angelegenheit ein ganzes Kapitel: «Glattfeldens rätselhafter Posaunenchor».

Dieser Posaunenchor war «sehr religiös und alkoholfrei ausgerichtet» und entsprechend dem «Christlichen Musikverband der Schweiz» angeschlossen [Hinweis: Der Verband verfügt über ein Archiv, wo man allenfalls weitere Unterlagen dazu findet]. Für diese Art Musikvereine waren Namen üblich wie Christlicher Musikverein, Posaunenchor, Temperenzmusik oder Blaukreuzmusik

Im September 1903 gab es einen Auftritt des «Christl. Musik-Vereins vom blauen Kreuz Glattfelden». Im selben Jahr wurde auch in Weiach ein Posaunenchor gegründet, vgl. WeiachBlog Nr. 362 u. 716 (s. Literatur unten). 

Blaukreuz-Aktivitäten

Dieser Blaukreuz-Musikverein trat bald in den Nachbargemeinden in Erscheinung, so u.a. auch bei uns: «Und auf den 23. Oktober 1904 wurde für die Kirche Weiach, unter Mitwirkung der Musik- und Gesangvereine der Sektion Glattfelden, ein Blaukreuzvortrag angekündigt. [...]» (Nussbaumer – S. 347)

Welche Aktivitäten die Blaukreuz-Bewegung in unserer Gemeinde entfaltet hat, ist eine noch zu erforschende Angelegenheit. Die schiere Existenz der sog. Blaukreuz-Protokolle im Archiv der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde (ERKGA Weiach; vgl. Quellen und Literatur unten) lässt zumindest erahnen, dass sie nicht grad ganz unbedeutend waren. Einen Hinweis geben auch folgende Zeilen:

«Der Bezirksverband vom Blauen Kreuz von Bülach lud zu einer Propagandaversammlung auf Sonntag, den 24. November 1912, in die Kirche Weiach ein «unter Mitwirkung der Blaukreuz-Musik Glattfelden».» (Nussbaumer – S. 348)

Instrumenten- und Musikantenmangel

Nachdem sich aus dem 1903er Posaunenchor im Jahre 1913 die erste Dorfmusik Weiach gebildet hatte (bereits 1915 kriegsbedingt eingegangen) baten gemäss Visitationsbericht einige «Jünglinge» am 18. Januar 1914 den Weiacher Pfarrer Kilchsperger, er möge «einen Jünglingsverein u. wo möglich einen Posaunenchor gründen. Das erstere geschah, aber das letztere nicht wegen Schwierigkeiten in der Beschaffung von Instrumenten. Die anfängliche Begeisterung verschwand deshalb rasch, u. schon im Dez. 1915 musste die Auflösung des Vereins erfolgen wegen mangelhafter Beteiligung der wenigen Mitglieder.» (Vgl. WeiachBlog Nr. 716).

Man sieht an diesen beiden letzten Beispielen deutlich, wie stark die Rolle der Musik ist. Unklar (aber aus den Umständen heraus nicht auszuschliessen) ist, ob der Übergang zur Dorfmusik mit dem Ablegen des Temperenzcharakters einherging und der Neugründungsversuch von 1914/15 somit sozusagen eine religiöse Abspaltung darstellt.   

Kein Allheilmittel gegen Exzesse

Dass natürlich auch musizierenden Temperenzlern die Temperamente auf fatale Weise durchgehen konnten (zumindest im heissen Süden der USA), zeigt der nachstehende Bericht aus der in Indianapolis in deutscher Sprache erscheinenden «Indiana Tribüne» [sic mit ü!] vom 18. Oktober 1882:

«Der farbige Daniel King in dem Städtchen Kennerville, das zehn Meilen oberhalb New Orleans am Mississippi liegt, war ein so guter Trommler, wie dereinst der kleine Tambour Veit. Am Sonntag vor acht Tagen hatte er einer Procession nach einer demokratischen Ratifications-Versammlung vorgetrommelt. Am nächsten Tage lieh er seine Trommel einer farbigen Musikbande, welche derselben zur Musik während einer republikanischen Versammlung bedurfte. Einige Tage später forderte King seine Trommel zurück, da er dieselbe brauchte, um demokratische Musik zu machen. Die republikanische Musik war gerade zu einer Probe versammelt, und verweigerte die Herausgabe der Trommel, da sie an demselben Abend Temperenzmusik zu machen hatte. King wurde wütend, riß seinem Collegen Trommler das geliebte Instrument vom Leibe und zerschnitt mit seinem Messer beide Felle. Die Temperenz-Musiker zogen ihre Revolver, schossen den Trommler-Virtuosen zusammen und entflohen. Die Mörder werden verfolgt.»

Die Deutschstämmigen stellten gemäss dem American Community Survey noch vor wenigen Jahren (2014) rund 24 Prozent der Bevölkerung des US-Bundesstaats Indiana (vgl. Wikipedia-Artikel Indiana).

Quellen und Literatur
  • Indiana Tribüne (Indianapolis, Marion County), Jahrgang 6, No. 30, 18 October 1882.
  • Protokolle Verein zum blauen Kreuz Weiach und Umgebung (2 Bände, 1905-1937). Archiv der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach, Signatur: ERKGA IV.B.1.
  • Brandenberger, U.: Dorfmusik Weiach – vor 50 Jahren aus der Taufe gehoben. WeiachBlog Nr. 362 v. 20. Januar 2007.
  • Brandenberger, U.: Jünglingsverein und Posaunenchor. WeiachBlog Nr. 716 v. 19. Dezember 2009.
  • Nussbaumer, H.: Geschichten zu Glattfeldens Geschichte, Glattfelden 2013 – S. 345-348.
  • Knabenhans, A.: Straight Edger fühlen sich nüchtern stark: kein Sex, kein Alkohol, keine Zigaretten. In: Neue Zürcher Zeitung, 29. April 2018.
  • Abstinenzbewegung. In: Wikipedia – Die freie Enzyklopädie (Hrsg); Wikipedia-Autoren, gemäss Versionsgeschichte. Versions-ID: 217519068.

Montag, 20. Juni 2022

Bedmen. Eine Namens- und Flurbeschreibung

Das Gebiet Bedmen, in den Quellen ab dem 16. Jahrhundert auch Bödmen geschrieben, hat im 19. Jahrhundert zwischenzeitlich die Schreibweise Bebnen erhalten. 

Anders als man vielleicht vermuten würde, ist diese Schreibweise auf der Topographischen Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte; StAZH A 4; s. Bildauschnitt oben) aus der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht etwa ein Irrtum, sondern auch in lokalen Quellen belegt.

Ein Eintrag im sog. «Visitbuch der obern Classe» lautet nämlich explizit: «31.12.[18]68: Hs. Jak. Meierhofer im Bebnen» (Flurnamenliste Adolf Pfister, 1936-42). Dieser Schulpfleger dürfte der Vater des Unternehmers Albert Meierhofer (1863-1931) und Grossvater der Kinderärztin Dr. h.c. Marie Meierhofer (1909-1998) gewesen sein. Der Bauernhof dieser Familie befand sich an der Kaiserstuhlerstrasse 19 (nach Brand 1952 wiederaufgebaut).

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war aber auch die Schreibweise Bödmen im Umlauf. Besonders Friedrich Vogel verwendet sie in beiden Auflagen seines Ortslexikons des Kantons Zürich:

  • «Bödmen, im, Gegend mit 1 Wohngeb.» (Vogel 1835)
  • «Bödmen, im, Ortsgegend der Gem. Weyach mit 2 Wohnh., die an der Straße nach Kaiserstuhl liegen.» (Vogel 1841)
  • «Bödmen» in Kaufbrief der Meierhofer im Bedmen aus dem Jahre 1902 (Pfister 1936-42)
Was ortsnamen.ch dazu sagt

Grundlagendaten zu den Weiacher Flurnamen wurden von Bruno Boesch im Jahre 1958 gesammelt. So auch zum Namen Bedmen:

Es handelt sich – wie der Name vermuten lässt – um ursprünglich fast rein landwirtschaftliches Gebiet, eine ebene Ackerflur, die früher auch als Wässerwiese genutzt wurde, indem man das Wasser von Sagi- und Mülibach in den östlichen Teil unmittelbar nördlich des Dorfkerns leitete (daher rührt die Sumpf-Signatur südlich des Höhenpunkts 370 auf der Wild-Karte).

Die aus den Unterlagen von Boesch extrahierte Quelle von 1596 (StAZH F II b 245 a) ist dabei irrtümlich in die Belegliste gerutscht. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass eine Fläche nördlich der Flur Höh bzw. In der Höh gemeint sein dürfte. Und diese liegt eindeutig Richtung Hard (damals die Richtung ab dem Dorfkern weisend als Hardzelg benannt) und nicht in Richtung Kaiserstuhl (damals: Stadtzelg).

Eine Grenzbeschreibung anhand heutiger Landmarken

Nordwestlich markiert von der ehemaligen Dreschscheune der Elektrizitätsgenossenschaft Weiach (später Lagerhaus Pneu Müller; Grubenweg 1) sowie dem Gemeindewerkhof (Grubenweg 6), verläuft die Grenze des Bedmen in nordöstlicher Richtung diagonal durch das Mehrfamilienhaus Dammweg 14. Dessen südöstliche Hälfte sowie alle weiteren Gebäude am Dammweg (ausser der Nr. 16 und dem nordwestlichen Teil von Nr. 14) gehören zum Bedmen. 

Die Grenze folgt dann dem Bahndamm bis auf die Höhe des Durchbruchs des Dorfbachs, visiert dort auf die Liegenschaft Glattfelderstrasse 10 (südlich Hauptstrasse) und biegt auf halber Strecke nordwestlich des heutigen Eschterhofs in südwestlicher Richtung ab, mit Visierung auf das Gebäude Kaiserstuhlerstrasse 10 (nördlich Hauptstrasse).

Die Begrenzung verläuft weiter in südwestlicher Richtung über die Wiese zwischen Wiesental und Sternen und zieht sich anschliessend an der Geländekante hinter den Liegenschaften an der Kaiserstuhlerstrasse entlang bis zum Ausgangspunkt dieses kleinen Bannumgangs.

Die Tankstelle liegt schon im Bedmen

Vom Dorfkern aus gesehen liegen also die Tankstelle und das ehem. Rest. Wiesental im Bedmen, der alte ehafte Gasthof Sternen (seit 1830 an dieser Stelle) aber noch nicht.

Bereits wieder ausserhalb des Bedmen sind in Richtung Kaiserstuhl das alte Polizistenhäuschen (Kaiserstuhlerstrasse 40, Baujahr 1953) sowie die Landi (ehem. Lagerhaus Landw. Genossenschaft Weiach; Kaiserstuhlerstrasse 44, Baujahr 1957) zu nennen.

Innerhalb des Perimeters der Boesch'schen Flurnamenkarte 1958 (vgl. Ausschnitt oben) liegen somit die folgenden heutigen Gebäude und gehören damit zum Bedmen:

  • Dammweg 1, 4, 6, 8, 10 und 12, sowie 14 zur Hälfte (Baujahr 2017 m. Ausn. v. Nr. 1), 
  • Grubenweg 1, 3 (Baujahr 1979), 7 und 9.
  • Kaiserstuhlerstrasse 10 (heutige Migrol-Tankstelle mit Tina's Café, Baujahr 1957), 15 (ehem. Rest. Wiesental, Baujahr 1819), 19 (Baujahr 1952), 29a+b (Baujahr 1885) und 35 (Baujahr 1931).
  • Haslistrasse 2 (Baujahr 1911), 3, 5, 7, 9, 11, 13, 15 und 17 (alle Baujahr 1989)
  • Rhihofweg 2 (Transformatorenstation; Baujahr 2015)
Alle Baujahrangaben stammen von der Gebäudeversicherung des Kantons Zürich (Karte Aktueller Gebäudebestand nach Baujahr auf dem GIS Kt ZH). Sie sind, was die älteren Bauten betrifft, leider mangels Quellennachweis von nicht verifizierbarer Qualität.

Quellen
  • Vogel, F.: Ortslexikon des Kantons Zürich oder alphabetische Aufzählung aller Ortschaften, Höfe und einzelnen Wohnungen des Kantons, die besondere Namen tragen, mit Angabe der bürgerlichen und kirchlichen Abtheilungen, in welche sie gehören, u.a.m.  Zürich 1835 – S. 22.

  • Vogel, F.: Neues Ortslexikon des Kantons Zürich oder alphabetisches Verzeichniß aller Ortschaften, Höfe und einzelnen Wohnhäuser, die besondere Namen führen, mit Angabe der Gemeinde, zu welcher sie gehören, ihrer Lage u.s.f. und verschiedenen statistischen Notizen. Zweite, verbesserte und vermehrte Ausgabe. Zürich 1841 – S. 30.

  • Topographische Karte des Kantons Zürich (Wild-Karte). Blatt IX: Weiach, Mai 1859 (Signatur: StAZH PLAN A 4.9).

  • Pfister, A.: Flurnamenliste; erstellt zwischen 1936 und 1942; Teil des sog. Ortsgeschichtlichen Ordners im Archiv des Ortsmuseums Weiach (noch ohne Signatur).

  • Sammlung der Orts- und Flurnamen des Kantons Zürich, 1943-2000 (Signatur: StAZH O 471). Datenerfassung für Weiach durch Prof. Bruno Boesch mit dem Gewährsmann Alb. Meierhofer im Jahre 1958.

  • Eintrag Bedmen. In: ortsnamen.ch. Das Portal der schweizerischen Ortsnamenforschung (Screenshot auf dem Stand vom 24. Februar 2019).

Samstag, 11. Juni 2022

Karussellbesitzer in Weiach verhaftet. Ein Sittlichkeitsverbrecher?

In den Roaring Twenties war der Kanton Zürich noch in mancher Hinsicht ein eigenständigeres Staatsgebilde als heute. Da gab es zum Beispiel noch ein kantonales Strafrecht. Und der Kanton konnte einen Kantonsverweis aussprechen (was heute nicht mehr möglich ist). Der traf Personen, die auf Kantonsgebiet straffällig geworden waren (vgl. WeiachBlog Nr. 1627), aber auch abgeschobene Sozialfälle (vgl. WeiachBlog Nr. 1628). 

Damals gab es auch noch Zeitungen, die drei (!) Ausgaben pro Tag produzierten, darunter die NZZ. Wenn wir in einer dieser Ausgaben blättern, die in drei Tagen ihren 100sten Geburtstag feiern können, dann finden wir in der Rubrik Unglücksfälle und Verbrechen auch «Kantonalzürcherische Polizeinachrichten vom 10. Juni.» Also von gestern vor 100 Jahren:

«Verhaftet wurden: In Oerlikon ein Buchbinder aus dem Kanton Uri, der aus dem zürcherischen Kantonsgebiet ausgewiesen ist; am Zürichberg wegen öffentlicher Vornahme unsittlicher Handlungen ein Färber aus dem Kanton St. Gallen; in Zürich eine ältere Spetterin aus dem Luzerner Seetal wegen Diebstahls eines Portemonnaies mit wertvollem Inhalt; ein Gärtner aus dem Unterlande wegen Diebstahls von Kleidern sowie wegen eines Bargelddiebstahls; in Weiach ein Karusselbesitzer aus dem Thurgau wegen Sittlichkeitsverbrechens.»

Immerhin wird hier schon so etwas wie eine Unschuldsvermutung gewahrt. Die Namen werden nicht genannt, was auch richtig ist, denn verhaftet heisst noch nicht verurteilt. Das ist nicht Sache der Polizei, sondern obliegt den Gerichten. 

Und so ist auch der in Weiach – wohl vom hier zwischen 1919 und 1925 stationierten Polizeisoldaten Friedrich Keller – verhaftete mutmassliche Sittenstrolch aus dem Thurgau nur mit seinem Beruf verewigt. 

Hätten Sie übrigens gewusst, was eine Spetterin ist? Diesen Begriff hatte die 1940 geborene Mutter des hier Schreibenden noch im aktiven Wortschatz. Sie spettete auch als Primarlehrerin ab und zu – und blieb dabei ihrer Profession treu. Die Erklärung findet man im Schweizerdeutschen Wörterbuch, dem sogenannten Idiotikon (Bd. 10, Sp. 600):

Spetten bedeutet ursprünglich u.a. «fremde Pferde vorspannen oder Vorspann nehmen» und in einem davon abgeleiteten Sinne: Jemandem «helfen, Unterstützung, Vorschub leisten». Eine Spetterin ist also eine (temporär eingestellte) weibliche Aushilfskraft, die sonst nicht zur Belegschaft gehört.

Quelle

Sonntag, 5. Juni 2022

Zürcher Regierung verbietet Besuch des Zurzacher Pfingstmarkts

Der Ausbruch der Pest in Marseille im Jahr 1720 hat die Regenten von Limmat-Athen nachhaltig verschreckt. Innert zwei Jahren nach dem ersten Mandat erliessen sie gleich mehrere weitere Verordnungen, die die Einfuhr von Waren bzw. Einreise von Personen aus den von der Seuche betroffenen Regionen verhindern sollten (vgl. die Liste am Schluss des Artikels). 

Grad ganz so extrem drauf wie in Süddeutschland waren sie zwar nicht (dort gab es einen expliziten Schiessbefehl, sollte jemand eine Sperre umgehen, vgl. WeiachBlog Nr. 1652). Auch das sogenannte Erlufftungshaus bei Weyach, eine militärisch bewachte Baracke zum Lüften von Handelswaren, hatte man bereits 1721 nach nur wenigen Monaten Betrieb wieder abgebrochen (vgl. WeiachBlog Nr. 1618).

Menschen- und Warenansammlungen sind gefährlich

Aber die Public Health-Experten der damaligen Zeit wurden nicht müde, mahnten zur Vorsicht und so kam es am 13. Mai 1722 zu dem nachstehend im Volltext abgedruckten gemeinsamen Erlass von Regierung und Parlament: einem kurzfristigen Besuchsverbot für die Zurzacher Messe, konkret: den Pfingstmarkt vom 1. Juni 1722:

Das kalligraphische Feuerwerk für einen Tag (den 1. Juni 1722) hier in transkribierter Form: 

«Wir Burgermeister / Klein und Groß Räthe / so man nennet die zwey Hundert der Stadt Zürich ; Entbieten allen und jeden Unseren Angehörigen zu Stadt und Land Unseren gnädigen wolgeneigten Willen und dabey zuvernemmen : Demnach die in Franckreich vor geraumer Zeit eingeschlichene Pestilenzialische Seuche / nach Gottes heiliger und weiser Regierung / bis anhero noch immer anhaltet / und deßhalber alle sorgfältige Vorsorgen dagegen anzuwenden sind / daß Wir auß Lands-Väterlicher Sorgfalt / für die allgemeine Wolfahrt Unserer Stadt und Lands / bey solch- der Sachen Bewandtnuß / genöthiget worden / Unseren Angehörigen zu Stadt und Land die Besuchung des auf den Ersten instehenden Brachmonat angesehenen Pfingst-Zurzacher Marckts gäntzlichen zuverbieten / nnd [sic!] gelanget daher Unser ernstliche Befehl / Will und Meynung hiemit an dieselbe / disen besagten Marckt / bey Unserer hohen Straff und Ungnad / nicht zubesuchen ; Wornach sich dann Jedermänniglich zu richten und vor Straff und Ungnad zuseyn ernstlich erinneret wird.

Geben den Dreyzehenden Tag Meyen / nach der Gnadenreichen Geburt Unsers einigen Erlösers Jesu Christi gezehlet / Eintausent / Sibenhundert / Zwanzig und Zwey Jahr.

Canzley der Stadt Zürich.»

Der Weiacher Pfarrer Hans Rudolf Wolf, noch im Vorjahr Verwalter des Erlufftungshauses, musste auch diesen Erlass von seiner Kanzel aus verkünden, wie jedes Mandat, das ihm aus Zürich zugestellt wurde.

Einzelmassnahme passt nicht ins Bild

Eine solche Massnahme ist wirklich bemerkenswert, denn bislang (soweit das für den hier Schreibenden erkennbar ist) gab es das in diesem Pestzug nicht, dass Zürcher Kaufleuten und anderen Untertanen im Gebiet des Stadtstaates explizit und unter Androhung von Strafe und des Fallens in Ungnade verboten wurde, an einem bestimmten Tag nach Zurzach zu fahren, um dort Waren kaufen und verkaufen zu können.

Es muss also schon gute Gründe gegeben haben, wenn im merkantil geprägten Zürich Mehrheiten für ein solches Totalverbot zu finden waren. Und das auch noch so kurzfristig vor dem Markttermin, für den etliche Zürcher Ratsherren mit Sicherheit bereits Dispositionen getätigt, also finanzielle Einbussen zu verkraften hatten.

Quelle

  • Mandat der Stadt Zürich betreffend Besuchsverbot des Zurzacher Pfingstmarkts wegen der Pest in Marseille, 1722. Zur Transkription verwendet: StAZH III AAb 1.9, Nr. 7; weitere Exemplare: StAZH III AAb 2.1, Nr. 67 sowie ZBZ M&P 3:5 (Bildquelle).

Frühere Artikel zum Thema Marsilianische Pest
  • Mit Mörsern gegen die Pest. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 1). Weiacher Geschichte(n) 9. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, August 2000 – S. 9.
  • Europäisches Handelshemmnis und lokale Einnahmequelle. Das «Erlufftungshaus» von 1720/21 (Teil 2). Weiacher Geschichte(n) 10. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach, September 2000 – S. 13-14.
  • Die Pest aus Marseille. WeiachBlog Nr. 359 v. 14. Januar 2007.
  • COVID-19 und Marsilianische Pest. Ein kleiner Rechtsvergleich. WeiachBlog Nr. 1510 v. 18. Mai 2020.
  • Vom Leben mit dem zweiten Pest-Mandat, d.d. 9. September 1720. WeiachBlog Nr. 1599 v. 9. Oktober 2020. 
  • Vor 300 Jahren: Zürich sperrt Handels- und Reiseverkehr mit Genf. WeiachBlog Nr. 1606 v. 31. Oktober 2020  
  • Die Weiacher Quarantäne-Baracke von 1720/21. WeiachBlog Nr. 1618 v. 15. Januar 2021.
  • Eindringlinge werden «so gleich auf der Stelle tod geschossen». WeiachBlog Nr. 1652 v. 14. Mai 2021.
  • Ärger über absonderliche Quarantänevorschriften. WeiachBlog Nr. 1660 v. 28. Mai 2021.
  • Grenzkontrollen und sanitätspolizeiliche Massnahmen. WeiachBlog Nr. 1761 v. 26. Oktober 2021.
[Veröffentlicht am 21. Juni 2022 um 09:20 MESZ]

Samstag, 14. Mai 2022

Griechensteuern. Kollekte für den griechischen Freiheitskampf

David gegen Goliath. Eidgenossen gegen Habsburger. Ukrainer gegen Putin. Die Sympathien liegen hierzulande eher bei den Kleinen, die sich mit asymmetrischen Mitteln zur Wehr setzen.

Wie David mit der Steinschleuder. Die Eidgenossen mit einem unkonventionellen Hinterhalt am Morgarten. Oder aktuell die Ukrainer mit allen möglichen Defensivtaktiken zu Lande, zu Wasser, im Luftraum und im sogenannten Informationsraum.

Vier Jahrhunderte osmanische Fremdherrschaft

Imperien haben es schwer. Das ging dem Osmanischen Reich mit den Griechen nicht anders. Die wurden nach dem Ende ihrer Stadtstaaten von Alexander dem Grossen zur Leitkulturnation einer hellenistischen Zivilisation, später von den Römern kulturell appropriiert und mit dem Byzantinischen Reich in eine weitere Phase griechischer Identität transformiert. Dann aber schwächelte Ostrom fatal (u.a. auch im Gefolge der westlichen Kreuzzüge). Diesmal hatten östliche Eroberer (anders als weiland die Perser) nachhaltigen Erfolg. Die Osmanen eroberten ab 1359 innert eines Jahrhunderts all diejenigen Gebiete, die heute zu Griechenland gehören. Einzige Ausnahme: die Ionischen Inseln, die seit 1215 unter der Kontrolle der Republik Venedig standen.

Die europäischen Mächte fördern den Freiheitskampf

Und trotzdem überlebte die griechische Identität. Ab dem 22. Februar 1821 entwickelte sich der Griechische Unabhängigkeitskampf – von Anfang weg logistisch, finanziell und ideell unterstützt durch Britannien, Frankreich und Russland – zu einem immer grösseren Problem für die Osmanen.

In Europa war, wie das heute mit den Ukrainern ist, die Solidarität mit den Griechen gross. Auch in der Schweiz. Da wurden Griechenvereine gegründet, Fundraising betrieben, ja einige Zürcher Unterländer zogen gar persönlich für die griechische Sache ins Feld. Unter ihnen war auch der Schöfflisdorfer Johann Jakob Meyer, ein Eidgenosse von etwas zweifelhaftem Ruf, der aber bei den heutigen Griechen wegen seiner Rolle bei der Verteidigung der Stadt Messolongi gegen die osmanische Belagerung 1825-1826 noch heute in hohem Ansehen steht.

Die Gemeinden des nördlichen Zürcher Unterlands spenden

Auch in Weyach wurden namhafte Summen Geldes gesammelt. Man nannte sie Griechensteuern, heute würde man sagen Kollekten, da sie freiwillig beigesteuert wurden. Den Beleg dazu findet man in der Zürcher Freitagszeitung (volkstümlich: Bürkli-Zeitung) vom 18. August 1826:


«An Griechensteuern», heisst es da, «sind dem hiesigen Hülfsverein eingegangen: Von der E.E. Gemeinde Neerach fl. 28 ß. 5. Von der E.E. Civilgemeinde Riedt, Gemeinde Obersteinmaur fl. 6 ß. 37. Von der E.E. Gemeinde Glattfelden fl. 60 ß. 12. Von der E.E. Gemeinde Zell fl. 50 ß. 15. Von der E.E. Gemeinde Weyach fl. 42 ß 20. Von dem Hülfsvereine in Chur fl. 92 kr. 45, welche sämmtlich öffentlich bescheint und verdankt werden.» – «E.E.» steht als Abkürzung für «ehrenwerte».

Die 42 Gulden und 20 Schillinge aus Weiach würden (umgerechnet mit dem Historischen Lohnindex HLI von swistoval.ch) heute ca. 7300 Franken entsprechen.

Innere Wirren bei den Osmanen geschickt genutzt

Diese Aktivität war kein Zufall, sondern letztlich auch propagandagesteuert. Denn 1825 bis 1827 waren entscheidende Jahre in diesem Konflikt. 1825 gelang es nämlich den Osmanen, ihre ägyptischen Truppen mit Landungsoperationen u.a. bei Pylos (italienisch: Navarino) auf dem Peloponnes festzusetzen. Diese Einheiten gingen zu einer Taktik der verbrannten Erde über, heute würde man sagen: Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung (s. den Text von Zschokke unten).

In der Folge drohte die griechische Revolution zu scheitern, was die europäischen Grossmächte nicht zulassen wollten. Die Koalition aus Briten, Franzosen und Russen griff schliesslich aktiv ein, wendete das Blatt und brachte den Osmanen schliesslich 1827 in der Seeschlacht von Navarino eine entscheidende Niederlage bei. 

Der russische Zar nutzte die Schwäche der Osmanen aus und ging ab 1828 militärisch derart erfolgreich gegen den Sultan vor, dass dieser im Herbst 1829 ohne diplomatische Unterstützung aus London und Paris, d.h. Druck auf den Zaren ein Friedensabkommen auszuhandeln, wohl untergegangen wäre. Die Russen standen nämlich bereits in Edirne, nur noch 60 km von Istanbul entfernt.

Von der Flüchtlingshilfe... 

Der ebenfalls im obigen Ausschnitt aus der Bürkli-Zeitung erwähnte Griechenverein dürfte übrigens im Wesentlichen aus Schweizern bestanden haben. Und nicht aus ethnischen Griechen. Ihre Gründung verdankten diese Vereine – wie auch die Hülfsvereine – einerseits der Ankunft griechischer Flüchtlinge im Jahre 1822, andererseits den Nachrichten über die Kriegsverbrechen von 1826. 

Herausgegriffen sei an dieser Stelle eine Darstellung aus Aargauer Sicht, die Emil Zschokke im Jahre 1861 vorgelegt hat:

«Eine lebhafte Theilnahme erregte wie durch ganz Europa, so auch im Aargau, der Freiheitskampf der Griechen gegen die Oberherrschaft der Türken in den Jahren 1821 bis 1828. Im J. 1822 kamen 162 griechische Flüchtlinge nach der Schweiz, wo sie mehrere Monate liegen bleiben mußten, weil ihnen die französische Polizei den Durchpaß nach Frankreich anfänglich verweigerte. Zu ihrer Unterstützung bildeten sich bei uns allwärts Griechenvereine, an deren Spitze der Central-Hülfsverein in Zürich trat. Dreißig dieser Flüchtlinge erhielten Aufnahme im Aargau und wurden hier 6 bis 7 Monate lang beherbergt, gespeist und gekleidet. Die Culturgesellschaft [deren Geschichte Zschokke hier erzählt] nahm sich ihrer sehr thätig an und sammelte theils für ihren Unterhalt, theils für ihre Weiterreise nach Marseille, die ihnen erst nach kräftiger Verwendung des eidgenössischen Vororts [nach dem Bundesvertrag von 1815 der gerade den Vorsitz der Tagsatzung innehabende Kanton (
alternierend Zürich, Bern oder Luzern); 1821/22 war das Zürich] vom französischen Ministerium bewilligt wurde. Für die Griechenhülfe hatte namentlich bei der Versammlung in Schinznach im J. 1822 Pfarrer Schuler, Präsident der Bezirksgesellschaft Brugg, begeisternd gesprochen. Er schilderte das Freiheitsglück des Aargau's und beklagte dann tief das von allen europäischen Mächten verlassene Griechenland in seinem Blutkampfe gegen die Barbarei und Gewaltherrschaft der Osmanen. Er erinnerte, wie wir den Vorvätern dieser Nation einen großen Theil unserer Bildung und geistigen Freiheit zu danken haben, und zeigte, wie es der Schweiz heilige Pflicht sei, Hülfsopfer zu bringen, da wir sonst ohne Erröthen die Dankfeste auf den Schlachtfeldern von Sempach und Näfels nicht mehr begeben könnten. Die Summe der bei dieser ersten Sammlung im Aargau eingegangenen Griechensteuer betrug 3751 Fr. 49 Rp. [entsprechend ca. 440'000 heutigen Franken]»

... zu Waffenlieferungen

«Im Jahre 1826 erschütterte die Kunde von den Gräueln in Peloponnes, auf der Insel Cypern und dem weiland blühenden Chios, wo blutige Leichenfelder zwischen verbrannten Dörfern lagen, und ganz besonders die Nachricht vom Falle Missolunghi's, eines der stärksten Bollwerke des für seine Freiheit ringenden Volkes, ganz Europa. Von Neuem und noch in ausgedehnterm Maße als früher bildeten sich nun wieder in allen Schweizerstädten Griechenvereine und so auch durch die Culturgesellschaft in den Städten des Aargau's. Hier trat Oberamtmann Friedr. Frey von Aarau an die Spitze. Gegen das Jahresende betrugen die Einnahmen schon die Summe von über Fr. 9000 [heute: ca. 1 Mio CHF], die sich später noch durch einzelne Beiträge vermehrte. Ein edler, reicher Schweizer, Eynard von Genf, welcher schon 50,000 livres [heute wäre das ein mittlerer einstelliger Millionenbetrag] aus eigenem Gut für die heilige Sache geopfert hatte, erbot sich zum Empfange der Hülfsgelder aus dem ganzen Welttheile [d.h. Europa]. Nach Eynards veröffentlichter Rechenschaft lieferte ihm die Schweiz franz. Livres 108,158. 69 Cts. ab, die für Munition, Waffen und Lebensmittel verwendet, dem bedrängten Heldenvolke zugeführt wurden. – Die Geschichte lehrt uns, daß diese große und vordem nie in so weiter Ausdehnung in fast allen Ländern des Welttheils zusammengetragene Liebessteuer keineswegs nur eine That gewöhnlicher Barmherzigkeit war, sondern eine Huldigung, welche die Völker gegenüber den Fürsten und Regierungen der Freiheit brachten; und so galt sie auch im Aargau als ein Volksgericht über das scheue Rathsherrenthum, welches sich so unschweizerisch vor den ausländischen Grundsätzen der Legitimität duckte.»

Das Ziehen allfälliger Parallelen zur heutigen Situation ist nun der geneigten Leserschaft überlassen.

Quellen

Freitag, 13. Mai 2022

Wilder Westen in den Weiacher Wäldern, 1929

Roaring Twenties? In den Wirtschaftszentren sicher. Für die nicht ganz so urbanen Weiacher war diese Zeit zwar auch wild. Aber in einer ganz anderen Art und Weise. Denn vielen ging es wirtschaftlich eher schlecht als recht. Auch vor dem grossen Crash von 1929. Einige wussten sich da auf ungesetzliche Art und Weise zu helfen.

In einem waldreichen Gebiet, wie es der Gemeindebann von Weiach nun einmal ist, war es deshalb ziemlich riskant, Förster oder Wildhüter zu sein. Wie riskant, das zeigt die nachstehende Meldung, die im Mai 1929 in der benachbarten Republik Österreich unter der Rubrik «Wilderergeschichten» abgedruckt wurde:

«Vor dem Züricher Obergericht hatten sich Vater und Sohn einer Wildererfamilie von Weiach im Bezirk Dielsdorf zu verantworten, die vom Bezirksgericht verurteilt worden waren, und zwar der Vater wegen Widersetzung zu zwei Tagen, der Sohn wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu drei Wochen Gefängnis bedingt erlassen, weil sie sich der Verhaftung durch den Polizisten und den Förster widersetzt und den Polizisten derart geschlagen hatten, daß er erheblich verletzt worden war. Auf Grund der Appellation der Staatsanwaltschaft büßte das Obergericht den 62jährigen Vater mit einer Woche, den 20jährigen Sohn mit drei Wochen Gefängnis unter Ablehnung der bedingten Verurteilung. Der Gerichtsreferent hob hervor, es handle sich um eine Wildererfamilie, der auf die Spur zu kommen Polizist und Förster sich alle Mühe gegeben hätten, trotzdem das bei der großen Zahl der Jagdfrevler und ihrer Angriffslust keineswegs eine risikolose Sache gewesen sei. Es rechtfertigt sich deshalb eine exemplarische Bestrafung.» 

Erschienen sind diese Zeilen in Bregenz am Bodensee:


Es ist wohl diesem Vorfall zuzuschreiben, dass sich die Weiacher Gemeinderäte einige Wochen vor diesem Obergerichtsurteil quasi gezwungen sahen, ihrem heldenhaften Förster das gleiche Recht zuzubilligen, wie es der Kanton bei seinen Polizeisoldaten (darunter dem in Weiach stationierten) qua Dienstbefehl standardmässig machte (und bis heute so praktiziert):

«Dem Gesuche des Robert Siegenthaler, Förster, um Bewilligung zum Tragen einer Faustfeuerwaffe bei seinen dienstlichen Ausübungen als Förster wurde entsprochen. Dem Statthalteramt soll davon Mitteilung gemacht werden.» (Gemeinderatsbeschluss vom 2. März 1929)

Quellennachweis

Donnerstag, 12. Mai 2022

Die Gemeinde schlägt ein Phantom zur Wahl vor

Die Kommunalwahlen 2022 gehen dieses Jahr bekanntlich in einen 2. Wahlgang. Grund: Absolutes Mehr der Stimmen in der ersten Ausmarchung am 27. März nicht erreicht. 

Nur die Kirchenpflege und die Oberstufenpflege Stadel treten am 15. Mai zum 1. Wahlgang an, weil der Firma, die für die Gemeinde Weiach die Abstimmungsunterlagen verpackt, ein Fehler unterlaufen ist.

Nun hat sich der – bereits wiedergewählte – Herr Gemeindepräsident auf seinem Twitter-Account über die seiner Ansicht nach herrschende politische Flaute im Dorf echauffiert: 


Und auf Nachfrage seitens WeiachTweet, wie denn die Rücklaufquote bei der Briefwahl bis jetzt aussehe, antwortete Arnold: «Der letzte Stand von letzter Woche: desolat! Erfahrungsgemäss gehen aber in der letzten Woche wie auch am Wahlsonntag noch einige Wahlzettel ein. Meine Prognose zum 2. Wahlgang 20.1 % Wahlbeteiligung. Ich hoffe ich liege falsch!»

Wahlkampftechnisch mag Flaute herrschen, zumal beim noch vakanten Gemeinderatssitz. Was nicht weiter wundern muss. Die Profile und Positionen sind ja aus dem März-Wahlkampf bekannt. Und die Meinungen gemacht.

Gegen Langeweile hilft die Gemeindeverwaltung

Im Gemeindehaus hat man zeitig dafür gesorgt, dass dennoch etwas Würze in die Sache kommt. Dort ist nämlich eine weitere Abstimmungsunterlagen-Panne eingetütet worden:


Für den noch vakanten Sitz der Primarschulpflege kandidiert gemäss dem offiziellen Beiblatt der Gemeinde Weiach doch tatsächlich eine «Matthäi-Morris Renate». Also ein Phantom. 

Über die Frage, wie man es schafft, auf dem Computer den Nachnamen der tatsächlich noch kandidierenden Katrin Matthäi-Morris mit dem Vornamen der für den 2. Wahlgang nicht mehr antretenden Renate Weingart auf derselben Zeile zusammenzumixen, mögen sich dazu Berufene den Kopf zerbrechen.

Das oben abgebildete, an einige Stimmberechtigte verschickte Beiblatt ist zwar mittlerweile durch einen Korrekturversand überlagert worden. 

Die Angelegenheit hat aber die im 1. Wahlgang für die Schulpflege Kandidierenden doch etwas auf Trab gebracht und wird am Sonntag auch das Wahlbüro beschäftigen.

Wer erhält die Stimmen des Phantoms?

Da fragt sich jetzt nämlich, wie vorgegangen wird, wenn nun jemand schön brav den Namen Renate Matthäi-Morris vom Beiblatt auf seinen Stimmzettel überträgt. Ist diese Stimme ungültig?

Und wenn sie gültig ist: Wer sollte nach dem Willen dieser stimmberechtigten Person denn jetzt in der Schulpflege Einsitz nehmen? Die tatsächlich noch Kandierende (Katrin Matthäi-Morris) oder doch die nicht mehr Kandidierende (Renate Weingart)?

Eine Rückfrage beim Kanton, Abteilung Gemeinderecht, gibt eine klare Antwort: Alles halb so wild. Denn für solche Fälle hat der Gesetzgeber vorgebaut. Und zwar in § 46 der kantonalen Verordnung über die politischen Rechte (VPR), die auch für die Gemeinden gilt:

«Ist eine Person vor dem Wahlgang öffentlich zur Wahl vorgeschlagen worden, so wird eine Stimme selbst dann dieser Person zugerechnet, wenn die Angaben auf dem Wahlzettel

a. auch auf eine andere, nicht vorgeschlagene Person zutreffen, oder

b. ungenau sind, aber kein begründeter Zweifel darüber besteht, dass die Stimme der vorgeschlagenen Person zukommen soll.

Ehrenrettung der Verwaltung

Der Effort der Verwaltung, ein Beiblatt herauszugeben, obwohl dies gemäss Abteilung Gemeinderecht noch nicht vorgeschrieben ist (erst ab Inkrafttreten der nächsten Revision der VPR), wirkt sich jetzt positiv aus. 

Denn das Wahlbüro kann in Anwendung von § 46 ganz einfach davon ausgehen, dass allfällige Stimmen für das Phantom «Renate Matthäi-Morris» der real existierenden Katrin Matthäi-Morris zugerechnet werden. Und sonst niemandem. Weil sie die einzige offizielle Kandidatin auf dem Beiblatt ist, kann kein begründeter Zweifel bestehen. Der würde höchstens aufkommen, sollte Renate Weingart nun in letzter Sekunde ihre Kandidatur reaktivieren. 

Quelle
  • Telefon-Gespräch mit Urs Glättli, Abteilung Gemeinderecht der Direktion der Justiz und des Innern vom 12. Mai 2022.

Dienstag, 10. Mai 2022

Der Frauenverein reist ins Toggenburg und Tössbergland

Vor 62 Jahren hatte der Frauenverein Weiach für seine Mitglieder ein vielfältiges Programm zusammengestellt. Wie das aussah, wurde bereits im Beitrag WeiachBlog Nr. 760 v. 1. Februar 2010 deutlich. 

Im 2004 veröffentlichten Jubiläumsartikel 75 Jahre Frauenverein Weiach (Weiacher Geschichte(n) Nr. 59) ist der Reisebericht über den grossen Ausflug des Jahres 1960 abgedruckt. 

Zum Start dieser Reise gibt es auch Filmmaterial, das von Lehrer Kurt Ackerknecht stammt und in der als Dorffilm bezeichneten Kompilation schon verschiedentlich öffentlich vorgeführt worden ist. 

Nachstehend werden Screenshots aus dem Dorffilm sowie der Reisebericht präsentiert. Der Anlass? Diese Reise hat heute die (früher einmal zwischenzeitlich auf 62 festgelegte) Pensionsaltersgrenze für Frauen erreicht.
 
Der Stadler-Car in der Einmündung der Oberdorfstrasse in die Stadlerstrasse. Vom Filmenden aus gesehen hinter einem landwirtschaftlichen Anhänger (Güllenfass?). Im Hintergrund das Baumgartner-Jucker-Haus.

Die reiselustigen Frauen auf ihren Carsitzplätzen

Irgendjemand muss ja die Kinder betreuen. Unter den Daheimgebliebenen: Rösli Baumgartner-Thut, die hier den Ausflüglerinnen zum Abschied mit der rechten Hand zuwinkt. Im Hintergrund das Gemeindehaus (links) und das Baumgartner-Jucker-Haus (rechts)

Protokoll der Reise vom 10. Mai 1960

«Um 11 Uhr versammelten sich unsere Frauen beim Schulhaus wo wir in den Stadler-Car einsteigen durften. Sogar die Sonne liess sich noch durch die Wolken blicken zu unserer grossen Freude, am Morgen sah es gar nicht nach Reisewetter aus. Nun gings in rascher Fahrt nach Stadel und Neerach nach Dielsdorf. Hier wurden gerade die Barrie[re]n herunter gelassen, und wir hatten Gelegenheit das Wehntalerbähnli [Strecke Oberglatt-Niederwenigen] das noch mit Kohle fährt noch einmal zu sehen, weil diese Strecke Ende Mai endlich einmal dem elektrischen Betrieb übergeben werden kann. Weiter gings durch den Schwenkelberg Adlikon nach Regensdorf. Hier sehen wir schon die Zeichen der heutigen Hochkonjunktur in dem Bau der vielen neuen Häuser und Industrie. Innert kurzer Zeit hatten wir die Höhe des Hönggerberg erreicht und wir sind schon in der Stadt Zürich angelangt. Sicher steuerte unser Chauffeur den Car durch den grossen Verkehr der um die Mittagszeit in der Stadt herrscht. Beim Hauptbahnhof fuhr Er durch die Unterführung nach dem Limmatquai und weiter über die Quaibrücke ans linke Zürichseeufer. Hier war der Verkehr auch viel geringer. Leider war es ziemlich dunstig, dass wir keine grosse Aussicht in die Berge hatten. Dafür bewunderten unsere Frauen die Blumen die blühten, besonders der Flieder war jetzt hier schon ganz offen. Wir passierten Kilchberg, Rüeschlikon, Thalwil, Horgen. Hier hatte die Strasse schon eine ziemlich grosse Steigung zu überwinden bis auf den Horgenerberg hinauf. Bald entschwand der See unseren Blicken. Diese Gegend war nun schon ziemlich hügelig, auch die Vegetation war noch nicht so weit vorgeschritten wie bei uns, die Birnbäume blühten erst hier. Wir durchfuhren folgende Ortschaften nämlich Hirzel, Schönenberg, Samstagern und Schindellegi. Hier gings nun wieder bergab gegen den See hinunter nach Pfäffikon, wo wir über den Damm nach Rapperswil hinüberfuhren. Hier wurde nun der erste Halt gemacht. Beim Aussteigen sagte Herr Müller zu uns, um 12 ½ Uhr werde dann wieder weitergefahren. Nun verteilten sich unsere Frauen in die naheliegenden Cafes oder Restaurants. Pünktlich fanden sich alle wieder zur festgesetzten Zeit beim Auto ein. Unser Car fuhr nun Richtung Ricken hinauf. Am Anfang des Städtchens Lichtensteig hiess uns Herr Müller aussteigen und dieses alte Städtchen mit seinen Bogengängen anzusehen. Wir fanden aber auch Gefallen an den schönen Schaufensterauslagen die es hier gab. Unsere Fahrt ging nun über Bütschwil, Mosnang auf die Hulftegg. Fast könnte man meinen wir würden einen richtigen Alpenpass überfahren, soviele Kurven gab es hier. Auf der Höhe angelangt war die Strasse nicht mehr so kurvenreich bis nach Steg. Um 3 ¾ Uhr fuhr unser Car beim Pfarrhaus in Fischenthal vor. Frau Pfarrer Hauser empfing uns alle recht herzlich und freute sich, dass so viele Frauen gekommen waren. Leider waren ihre zwei jüngeren Kinder krank, Herr Pfarrer war noch nicht anwesend er würde aber um 5 ½ Uhr wieder zurück sein. Zuerst besichtigen wir die Kirche, die auch ganz in der Nähe des Pfarrhauses liegt, und hernach spazierten wir noch mit Frau Pfarrer [...] in der näheren Umgebung herum. Sie erklärte uns die verschiedenen Hügel und sagte uns wie die Kinder hier im Winter einen sehr langen und mühsamen Schulweg hätten. Wir Weiacher Frauen möchten hier nicht unseren Wirkungskreis haben es ist uns doch zu bergig wenn wir an unser Hardland denken. Underdessen hatte sich auch der Hunger bei uns gemeldet, und unser Chauffeur war inzwischen in das nahegelegene Gasthaus [Anm. WeiachBlog: gemeint ist der der Gemeinde Fischenthal gehörende Gasthof Blume in unmittelbarer Nähe von Dorfkirche und Pfarrhaus] gegangen und hatte der Wirtin unsere verschiedenen Wünsche gebracht. Leider war die Bedienung ziemlich langsam und unterdessen war Herr Pfarrer auch nach Hause zurückgekehrt und war zu uns gekommen. Auch hier war die Begrüssung recht herzlich, er freute sich wieder viele alte liebe Gesichter zu sehen. Als alle gesättigt war[en] begaben wir uns noch einmal ins Pfarrhaus hinüber. Hier sangen wir miteinander unsere alten schönen Lieder die wir sovielmal mit Frau Pfarrer gesungen hatten. Auch einige Gesellschaftsspiele verkürzten uns die Zeit und lösten vieles Lachen aus. Um 7 Uhr mahnte Herr Müller zum Aufbruch und wir begaben uns alle ins Auto. Auf einmal rief Frau Meier-Bleuler [Chälenstrasse 16] „Wo ist meine Tasche?“, ein sehr grosser Schrecken für Sie weil sämtliche Reiseteilnehmer schon bezahlt hatten. Sie lag aber noch im Pfarrhaus. Nach einem herzlichen Abschied nehmen fuhr unser Car Richtung Steg zu. Die folgenden Dörfer Bauma, Hittnau, Pfäffikon, Volketswil, Dübendorf wurden passiert und schon bald hielt unser Car vor dem Flughafen in Kloten. Es ist nämlich immer schön nachts auf dem Flughafen die vielen Lichter und wenn ein Riesenvogel landet. Leider sahen wir um diese Zeit nicht viele Anflüge und Abflüge der einzelnen Maschinen. Daher vergnügten sich unsere Frauen mit dem Fangen von Maikäfern. Der Chauffeur war bei dem Wagen geblieben und war froh wieder sämtliche Frauen [...] bei sich zu haben um bald zu Hause zu sein, weil Er morgen wieder früh eine grosse Tour fahren musste. Um 9 ¾ Uhr gelangten wir glücklich wieder in unserem Dörfchen am Rheine an. Weiach, den 15. Mai 1960.»

Kommentar WeiachBlog

Der 10. Mai 1960 war der Dienstag nach dem Muttertagssonntag (8. Mai; also wie im aktuellen Jahr). Dieses Reislein war für eine Dienstagnachmittags-Blueschtfahrt ganz gut geeignet. Denn die Fahrstrecke liegt unter 200 km und ist in rund 4 Stunden Fahrzeit problemlos zu bewältigen. Da blieben fast 7 Stunden für beschauliche Aufenthalte in Rapperswil, Lichtensteig, beim ehemaligen Weiacher Pfarrer in Fischenthal sowie am Flughafen Zürich.

Im Jahre 1960 waren die Hiesigen noch fast anderthalb Jahrzehnte von der Fertigstellung der Blindlandepiste 14 entfernt, die ab 1974 ihre Anflugschneise direkt über den Weiacher Dorfkern legte. Seither sind Flugzeuge von einer Attraktion zu einer Belästigung und mittlerweile Teil der täglichen Dorfrealität geworden.

Quelle
  • Brandenberger, U.: Gemeinnützigkeit auf die Fahne geschrieben. 75 Jahre Frauenverein Weiach, 1929-2004. Weiacher Geschichte(n) Nr. 59. In: Mitteilungen für die Gemeinde Weiach (MGW), Oktober 2004. Gesamtausgabe WG(n), S. 169-171.

Montag, 9. Mai 2022

Unbelehrbare Barbaren sind schlimmer als unbeschulte Kinder

Die Alamannen würden Städte meiden, als ob sie mit Netzen umspannte Gräber seien, schrieb Ammianus Marcellinus in einem Bericht über das Jahr 356 (vgl. WeiachBlog Nr. 1818). 

Autoren wie Ammian schreiben für ihre Leserschaft und bedienen deren Erwartungen. Das war in der Antike nicht anders als heutzutage. Wer die Leser (oder Zuhörer) waren, ist auch klar: Sicher keine eingefleischten Germanen, sondern gebildete römische Bürger aus der Oberschicht. 

Für diese Eliten stand ausser Frage, dass ihre eigene Zivilisation die einzig wahre sei. Und dass das Imperium Romanum die Zivilisation den Barbaren nahezubringen habe (wenn nötig mit brachialer Gewalt), gehörte in diesen Kreisen ebenfalls zum Kanon der unhinterfragbaren Glaubenssätze.

Zementiert wurden Herrschaftsformen und Raubzüge des Imperiums durch superreiche Führungseliten aus Oligarchen, die primär nach Gewinnaussichten entschieden und die Geschicke des Römischen Reichs wie eine Investmentfirma aus dem Hintergrund steuerten. 

Nur vorsichtige Kritik ist erlaubt

Natürlich mag es den einen oder anderen gegeben haben, der an diesen Zuständen Kritik geübt hat. Leute also, die diese grosse Erzählung als das entlarvt haben, was sie im Kern ist, nämlich Propaganda zur Bemäntelung imperialer Herrschaftspraxis. 

Die Texte dieser Autoren sind uns nicht überliefert. Angesichts des Umfelds, in dem sie sich im römischen Machtbereich hätten durchsetzen müssen, ist das kein Wunder. Denn die römische Kaiserzeit war keine von wirklicher Meinungsfreiheit geprägte Periode. Da musste man seine Kritik gut verpacken, wollte man nicht ins Visier von Denunzianten geraten und danach bei den Herrschenden in Ungnade fallen, was oft genug mit Vermögenskonfiskation, Verbannung oder gar dem Tod endete. Schliesslich wurde das römische Imperium spätestens seit Octavianus Augustus von machtbewussten Autokraten regiert und war zumindest zeitweise und in Teilen eine Militärdiktatur.

Städte sind der Barbaren Zähmung...

Ammian brachte mit dem Nebensatz über das aus Sicht von Römern bizarre Verhalten der Alamannen seine Leser zum Schmunzeln. «Ach ja», konnten sie sich denken, «so sind sie halt, diese Barbaren – Ein bisschen dumm im Minimum.» Diese Art von Elitendiskurs zieht sich quer durch die Literatur und beginnt spätestens bei Tacitus (58-120), einem römischen Politiker und Geschichtsschreiber:

«Nach Tacitus bezeichneten Gesandte der Tenkterer Stadtmauern als «Bollwerke der Knechtschaft» (Tac. hist. 4, 64).», schreibt Christian Heitz in Fussnote 67 seines Artikel Des Kaisers neue Kinder. Romanitas und Barbarentum am Trajansbogen von Benevent. (Der Bogen in Benevento stammt aus dem Jahre 114. Kaiser Trajan war also ein Zeitgenosse von Tacitus.)  

Dann zitiert Heitz die eingangs erwähnte Textstelle von Ammian (Amm. 16,2,12) und erwähnt, dass «nach demselben Grundgedanken die Hunnen sogar schon Häuser ablehnten (Amm. 31, 2, 4). Das grundsätzlich nomadische und auf (Roh-)Fleischverzehr beruhende Wesen der Nordbarbaren ist vielfach überliefert, s. z. B. Cass. Dio 27, 94, 2; Diod. 5, 28, 4 etc. Vgl. auch die von E. Mayer, Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 62, 1925, 227f. zusammengetragenen Merkmale, die bei den antiken Autoren für die «Naturvölker» des Nordens charakteristisch sind.»

Die Tenkterer waren so ein Naturvolk, ein germanischer Stamm, der nordöstlich des Rheins nahe der von den Römern eroberten linksrheinischen Gebiete Germaniens ansässig war und in der Spätantike im Reich der Frankenkönige aufging. Hier haben wir einen Hinweis, dass in der frühen Kaiserzeit offenbar auch noch andere Germanenstämme nicht viel von der Ansiedlung in Gemäuern hielten.

Und in dieser Aussage wird auch der Grund deutlich: Städte machten nicht etwa frei – wie man im Mittelalter sagte – sondern das Gegenteil: Sie galten den Germanen im 1. Jahrhundert als Orte der Unfreiheit, der Knechtschaft und Unterwerfung unter das Joch des Imperiums.

... denn Urbanisierung fördert die Einrömerung

Diese Einschätzung von Städten kommt nicht von ungefähr, wie man ebenfalls dem genannten Artikel von Heitz entnehmen kann: «Besonders für Trajan ist ein vitales Interesse an der zunehmenden Urbanisierung (und damit Verwaltbarkeit) des Reiches belegt. Schwerpunkte seiner Urbanisierungsmaßnahmen scheinen vor allem die beiden Germanien [...]» (Heitz, S. 220, Fn-64)

Gemeint sind die Provinzen Germania superior (Obergermanien) am Hoch- und Oberrhein sowie Germania inferior westlich des Niederrheins, wo die Tenkterer seine Nachbarn waren. Was die Germanen da mit scharfem Blick beobachtet haben, ist eine Politik, wie sie im 1. Jh. v. Chr. bereits Julius Cäsar in Gallien verfolgt hat (vgl. Heinz, Mediaevistik, S. 71-72):

«Für die Römer hatten städtische Strukturen, welcher Art auch immer, durchaus Vorteile. Die politische Führung einzelner Stämme oder Volksgruppen – hier sei die von Caesar beschriebenen keltischen oppida der späten Eisenzeit erinnert, die man auch als die frühesten Städte in Mitteleuropa ansieht (z.B. Besançon,...) – konnte in einem städtischen Gemeinwesen in unterworfenen Gebieten besser kontrolliert werden. Somit war der Einfluss Roms in den Städten deutlich größer als auf dem Lande, und der Prozess der Romanisierung verlief dementsprechend intensiver. 

Darüber amüsierte sich schon Tacitus [Tacitus, Agricola 21]: Die Menschen, die gerade noch die römische Sprache abgelehnt hätten, wollten nun die Redekunst erlernen; sie trügen die Toga und gäben sich den Lockmitteln der Laster wie Bädern und Gelagen hin; und alles das wäre bei diesen Unerfahrenen noch feiner Umgang (humanitas), wohingegen es doch Teil der Knechtschaft (pars servitutis) sei.»

Überlegene Kultiviertheit oder versteckte Unterwürfigkeit?

Hier verweist Heinz auf das Werk De vita Iulii Agricolae, das Tacitus dem Andenken an seinen Schwiegervater Gnaeus Iulius Agricola gewidmet hat. Dieser stammte aus gallischem Adel (also selber aus einer römischen Provinz) und war 77-84 als Statthalter von Britannien tätig, kannte die Inselprovinz aber auch vorher schon aus eigener Erfahrung. Insbesondere dürfte er den Boudicca-Aufstand des Jahres 60/61 mitbekommen haben, eine heftige Volkserhebung, welche die Römer weitgehend selbst verschuldet hatten (u.a. durch Vergewaltigung der Töchter der Stammeskönigin Boudicca, was selbst nach römischen Vorstellungen ein Kriegsverbrechen war). Von den Aufständischen wurden ganze Städte wie Londinium (London) niedergebrannt und die Bewohner gnadenlos massakriert.

Das war die Ausgangslage. Wie Agricola vorgegangen ist, zeigt Kapitel 21, das Friedrich Reinhard Ricklefs (Oldenburg 1827, S. 158-159) wie folgt übersetzt und kommentiert hat:

«Denn damit die zerstreuten und rohen, und deshalb im Kriege leicht aufgeregten Menschen sich unter Lebensgenuss an Ruhe und Frieden gewöhnten, ermahnte er [Agricola] sie persönlich, unterstützte von Staatswegen, dass sie Tempel, Märkte, Wohnungen bauten [Fn-1], die Thätigen lobend, die Säumenden scheltend. So diente Ehreneifer statt Zwang.

Ferner ließ er die Söhne der Großen in den freyen Künsten [Fn-2] unterrichten, und zog die Geistesfähigkeiten der Britannen den Bestrebungen der Gallier vor, so dass sie, die vor Kurzem der Römischen Sprache sich weigerten [gemeint ist wohl der oben erwähnte Boudicca-Aufstand 60/61 n. Chr.], nach Beredsamkeit begehrten.

Von da an auch Achtung unsrer Tracht [Tunica statt Hosen] und häufig die Toga: und allmälig wich man ab zu den Lockungen der Laster, Hallen, und geschmackvollen Gastmählern: und dieß hieß bey den Unerfahrenen feine Bildung, da es doch ein Theil der Knechtschaft war [Fn-3]

Fn-1: Um den Anbau von Flecken und Städten, und Liebe zum häuslichen Heerde zu erwirken.

Fn-2: In allen den Wissenschaften und Künsten, worin der freygeborne Römer unterrichtet ward.

Fn-3: Indem man auf diese Weise ein Volk allmälig verrömerte, und ihm seine Volksthümlichkeit nahm.»

Die Stammeseliten werden eingeseift

Das Herrschaftsprinzip, das Tacitus hier am Beispiel Britanniens überliefert, ist also ganz einfach. Es beruht auf derselben Art von «soft power», wie sie bspw. das US-Imperium seit Jahrzehnten anwendet. Man verführt die Führungsschicht eines Volkes mit den Annehmlichkeiten der römischen Lebensart, gibt ihnen vielfältige Verdienstmöglichkeiten in der römischen Hierarchie. Auf diese Weise verleugnen diese Leute nach einiger Zeit ganz von allein alle bisher hochgehaltenen Traditionen ihres Volkes. Und das Beispiel dieser Stammes-Eliten färbte natürlich in vielen Fällen auf niedriger Gestellte ab. Das war ja auch Sinn und Zweck der ganzen Übung.

Einige Stämme aber durchschauten diese Strategie und Tacitus lobt ihre Eigenständigkeit in seinem Werk über die Germanen sogar indirekt (mögliche Gründe für diese vorsichtige Haltung sind eingangs dieses Beitrags erläutert). Wo der oben beschriebene und im Süden Britanniens erfolgreiche Ansatz nicht funktioniert hat (aus welchen Gründen im Einzelfall auch immer und sei es durch die Manifestierung einer Art von Volkswillen an Landsgemeinden und dergleichen), da sah man dann Lebensformen, die bewusst abseits der römischen Kulturparadigmata existieren wollten. 

So schreibt Tacitus in seinem Werk über die Germanen: «sie bauen ihre dörfer nicht nach unserer sitte, haus an haus gereiht, sondern jeder umgiebt seine wohnung mit einem freien raum, seis um der feuersgefahr vorzubeugen, seis weil sie sich aufs bauen nicht verstehen.» (Tacit. Germ. 16, übersetzt von Albert Schott 1842)

Auch wenn Tacitus mit diesen Ausführungen für seine Leserschaft andeutet, dass ihre Baumeister halt denen der Barbaren überlegen seien (was denn sonst?), so lässt er doch einen Ausweg offen, indem er auch die Interpretationsmöglichkeit von Brandschutzüberlegungen anbietet. Völlig zu Recht, denn intellektuell und von der technischen Begabung her wären die Germanen durchaus in der Lage gewesen, sich von der Holzbaukunst abzuwenden und in die Kunst des Bauens mit Steinen einzuarbeiten und sie zu praktizieren. Im Bereich militärischer Strategie und Taktik hatten sie ja bei direkten Konfrontationen mehrfach bewiesen, dass sie den Römern das Wasser reichen konnten. Mit der Annahme von deren Sitten hätten sie sich jedoch (um mit Ricklefs zu sprechen) freiwillig «verrömern» lassen.

Städte sind bis heute ein Herrschaftsinstrument

Städtegründungen, wie die von Kaiser Trajan im ausgehenden 1. Jahrhundert n. Chr. besonders in Germanien forcierten, eignen sich hervorragend zur Kontrolle der Bevölkerung. Je grösser der Anteil einer Gesamtpopulation, der in Städten aus eng aneinander gebauten Steinhäusern römischen Zuschnitts lebt, desto besser. Das Eintreiben der Steuern ist einfacher und Aufstände können eher im Keim erstickt werden. Diesen Herrschaftsansatz der Konzentration der Bevölkerung in kasernenartigen Neusiedlungen hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert übrigens auch der rumänische Autokrat Nicolae Ceaucescu verfolgt. Und im 21. Jahrhundert? Da werden wir mit sogenannten «Smart Cities» beglückt, wo jedes Objekt (also auch jeder Mensch) ein im Internet der Dinge in Echtzeit dauernd überwachtes und prognostierbar gehaltenes Asset ist. Oder sein soll, wenn es nach den Vorstellungen der Eliten geht, die so etwas pushen.

Und was ist jetzt mit der Behauptung im Titel, unbelehrbare Barbaren seien schlimmer als unbeschulte Kinder? Dafür muss man etwas ausholen. Landet aber am Schluss wieder bei der Frage, was denn Zivilisation sei und was sie leisten soll.

Kinder und Barbaren sind irrational und zügellos

Weiter oben in diesem Beitrag ist der Trajansbogen von Benevent erwähnt, ein in Stein gemeisseltes Zeichen für das Selbstverständnis der römischen Herrschaftsphilosophie. Heitz erläutert in seinem Artikel (S. 218-219), was die abgebildeten Figuren bedeuten:

«Warum finden sich aber nun gerade barbarische Kinder in dieser prominenten Position auf dem trajanischen Staatsrelief? Nach römischer Aufassung war der Unterschied zwischen Kind und Erwachsenem in erster Linie qualitativ: Kinder sind irrational, dabei moralisch weder gut noch schlecht, Erwachsene dagegen sind rational und daher moralisch bewertbar. Kindern fehlt das Urteilsvermögen, sie können nicht zwischen richtig und falsch unterscheiden, und folgen eher der Freude als der Pflicht. Ihnen wird in diesem Zusammenhang auch ein flatterhaftes Wesen bescheinigt; sie sind in ihren Stimmungen exaltiert, dem Augenblick verhaftet und kaum zu Mäßigung, Geduld und Ausdauer fähig. Genau diese Eigenschaften finden sich auch immer wieder in der Charakterisierung von Barbaren. Im Barbarenkontext ist das oft gebrauchte Schlagwort die Libertas im negativen Sinne: Man tut nur das, was einem paßt, und handelt nach Lust und Laune, ohne Gesetzen zu folgen. Im Grunde ist also das Fehlen von Ratio den Barbaren und den Kindern gemeinsam. Kinder aber gelten als natürlich unschuldig, weil ihnen (noch) die Befähigung zur Ratio fehlt; bei Erwachsenen gilt diese Entschuldigung nicht mehr und fehlendes rationales Verhalten wird moralisch verurteilt. Während jedoch im römischen Kontext Ratio durch Erziehung nach den richtigen Werten und Normen gelernt werden kann, haben Barbaren keine Möglichkeit, ihren Kindern die richtigen, römischen Werte zu vermitteln.»

Barbarische Libertas vs. Römische Disciplina

Bei einem erwachsenen Barbaren ist also Hopfen und Malz verloren? Nicht zwingend. Aber das oben Gesagte ist (in römischen Augen) natürlich eine schwere Hypothek. Heitz führt zu dieser abgehobenen Form des Kulturimperialismus weiter aus:

«Das zeigt, daß Barbaren diese römische Schule, in der die ‹richtigen› Werte und Normen vermittelt werden, nicht besitzen und Barbarenkinder insofern per se zu andauernder Barbarenschaft verurteilt sind, denn die barbarische Libertas ist mit der Ratio unvereinbar, die zusammen mit der Disciplina das Kennzeichen des zivilisierten Menschen ist.»

Zivilisiertes Togatragen vs. barbarischer Waffenkult

Weiter oben wird von Tacitus beschrieben, wie die Britannier die Zivilisation in Form der Toga angenommen hätten. Warum ausgerechnet dieses Kleidungsstück? Dazu wieder Heitz: 

«Eine typische Gegenüberstellung der Wertesysteme barbarischer Völker und der römischen Kultur findet sich in den Symbolen, die in den unterschiedlichen Gesellschaften den Eintritt ins Erwachsenenalter verdeutlichen: Für Cicero, Plinius und sogar noch für Tertullian zu Beginn des dritten Jahrhunderts war das Anlegen der Toga als Symbol des zivilen Bürgers das, was einen Knaben zum Mann und, nach Marcian, einem Juristen und Zeitgenossen des Tertullian, auch zum Römer macht. Dem steht die Verleihung von Waffen [...] als Mannbarkeitsritus bei den Germanen in Tacitus’ Germania gegenüber.»

Dass sich hier eine Oberschicht kulturell selber beweihräuchert und ihre eigenen Existenzbedingungen elegant ausblendet, ist bemerkenswert. Denn ohne die reale Existenz stehender dauernd kampfbereit gehaltener Heere drohte seit spätestens der Zeit des Octavianus Augustus jederzeit die «dissolutio imperii», also die Auflösung des Imperium Romanum und damit der Geschäftsgrundlage für die römische Art von Zivilsation. Der Führungsschicht im Senat war sehr wohl bewusst, dass die jederzeit in jeden Winkel des Reiches verlegbaren Legionen (mit ständig steigendem Anteil an barbarischen Söldnern!) die eigentliche conditio sine qua non des Imperiums darstellten. Wenn das Geld aus den Steuereinnahmen der Provinzen fehlt, um diese Legionen zu besolden und Heerführer wie Veteranen mit Pensionen ausstatten zu können, dann ist das Spiel aus.

Am römischen Wesen soll die Welt genesen

All das konnte diese von sich selbst Überzeugten nicht davon abhalten, einen Exzeptionalismus zu kultivieren, wie ihn heutzutage die US-Eliten für ihr zeitgenössisches Imperium pflegen:

«Für den Barbaren gibt es diesem Gedanken zufolge keinen eigenen Weg zur Kultur. Rom habe daher den gleichsam gottgegebenen Zivilisierungsauftrag, den Kindern der kulturlosen Völker kulturelle Werte zu vermitteln, eine Vorstellung, die sich schon früh in der römischen Literatur findet. Roms Weltherrschaftsanspruch, verschmolzen mit einem ehrlich empfundenen und zugleich legitimierenden zivilisatorischen ‹Sendungsbewußtsein›, findet sich deutlich artikuliert bei Vergil [im 1. Jh. v. Chr.] und Plinius.

Auf dem Relief des Trajansbogens bekommt der in der Literatur schon lange geläufige Topos vom Barbaren als dem zu zivilisierenden, einem Kind gleichen Unwissenden eine bildliche Ausprägung. Damit ist natürlich zugleich der Anspruch erhoben, daß diese Ex-Barbaren dem Reich nützen und seinen Ruhm mehren werden, sie also nicht nur «materia vincendi» [zu besiegende Materie] sind, sondern als eingegliederte Völker dem Reich dienlich sein sollen.» 

Der Trajansbogen von Benevent (von 114 n. Chr.) ist nur eines von vielen solchen Beispielen für kaiserliche Propaganda. Auch auf der 112/113 n. Chr. errichteten Trajansäule in Rom konnte jedermann auf einem sich um die Säule windenden Fries eine schier endlose Zahl von Begebenheiten, Völkern und Objekten sehen, die alle von den Grosstaten des Trajan ab dem Jahre 98 erzählen. Einen Bildausschnitt davon, der einen römischen Wachtturm zeigt, findet man auch in der Monographie über die Weiacher Ortsgeschichte (V 6.48, April 2022; PDF, 2.94 MB; S. 12).

Die kleidgewordene Bankrotterklärung der Eliten

Damit dürfte der Sinn des Titels dieses Beitrags klar sein. Erwachsene Barbaren sollten eigentlich über die Ratio verfügen, wie sie zivilisierten Römern in ihrer Toga zugeschrieben wird. Wenn diese Barbaren sich dann auch noch rundheraus weigern, auch nur anzuerkennen, dass ihre Kulturart an inferiorer Zügellosigkeit leidet (so wie die Alamannen mit ihrer lächerlichen Ablehnung von Städten), dann sind sie moralisch gesehen minderwertig. Sie müssen bekämpft werden. Und sei es in Form des Verbots ihrer Hosen (vgl. WeiachBlog Nr. 1647). So der römische Standpunkt.

Dieses Hosenverbot von 397 ist allerdings bereits die ultimative Form einer kulturellen Bankrotterklärung. Wer das Kleidungsstück der Barbaren verbieten muss, der hat offensichtlich Angst vor dessen Symbolkraft, bzw. den Ideen, Lebensentwürfen und Weltanschauungen, die seine Träger mit sich führen. Eine solche Leitkultur macht sich zum Gespött. Dagegen helfen auch keine Legionen. Schon gar nicht, wenn diese eigentlich nur noch aus Barbaren bestehen.

Quellen

  • Ricklefs, F. R.: Des C. Cornelius Tacitus sämmtliche Werke. Vierter Band: Germania [etc.]. Oldenburg 1827 – S. 158-159. 
  • Schott, A.: Die deutschen Colonien in Piemont. Stuttgart 1842 – S. 121 [Signatur: ETH-BIB Rar 38503]
  • Heitz, Ch.: Des Kaisers neue Kinder. Romanitas und Barbarentum am Trajansbogen von Benevent. In: Römische Mitteilungen (RM) Vol. 112 (2005/2006) – S. 207-224.
  • Heinz, W.: Von der Antike zum Mittelalter: Grundstrukturen der Geschichte, Siedlungen und Wirtschaft zwischen 300 und 600. In: Mediaevistik, Vol. 20 (2007) – S. 49-139.