Donnerstag, 28. April 2022

«Die Städte selbst meiden sie wie mit Netzen umspannte Gräber»

Im Gegensatz zu den Franken hätten sich die Alamannen die spätrömische Kultur nicht zunutze gemacht, sondern sie lediglich geplündert, habe ich in Fussnote 41 auf S. 14 der Monographie «Weiach – Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes» behauptet. Ist diese Einschätzung korrekt?

Max Martin (1939-2016) sagt über die Alamannen überdies, ihre Oberschicht habe noch um 500, d.h. bis zum Verlust ihrer Unabhängigkeit, «in befestigten Höhensiedlungen prähistorischen Charakters» residiert. «Offenbar war die Abneigung der Alamannen, sich in Städten niederzulassen, die uns der römische Historiker Ammianus Marcellinus für die Zeit nach 350 explizit überliefert, noch im 5. Jahrhundert lebendig.» (Furger et al. S. 50)

Es stellen sich da sehr viele Fragen. Welcher Wortlaut ist überliefert? In welchem Kontext steht diese Aussage? Woher hat der spätantike Autor diese Information: über mehrere Zwischenstationen aus seinem eigenen römischen Kulturkreis oder aus mündlichen Aussagen des beschriebenen germanischen Stammes? Und noch wichtiger: Was wollte uns der zwischen 330 und ca. 395 n. Chr. lebende Ammian damit wirklich sagen?

Eine Momentaufnahme aus den Jahren 356/357?

Wird diese angeblich spezifisch alamannische Eigenheit der «Abneigung, sich in Städten niederzulassen» von Historikern kolportiert, dann wird häufig nicht erwähnt, auf welche Stelle in Ammians Werk Bezug genommen wird. Gerhard Fingerlin gibt in einem Aufsatz im Alemannischen Jahrbuch, der in die gleiche Kerbe haut wie Max Martin, immerhin einen Hinweis:

«Schließlich erfahren wir von Ammian auch noch, dass die Alamannen (gemeint sind erste Siedler im Elsass) die ummauerten Städte gemieden hätten „wie mit Netzen umspannte Gräber“, also ein Hinweis auf die Mentalität dieses Volkes, in der es sich erheblich von den Franken unterschied, die in einer sehr viel älteren Nachbarschaft zum römischen Reich stärker assimiliert waren. Doch auch die Alamannen befanden sich auf dem Weg dahin, denn der gleiche Autor berichtet an anderer Stelle von Häusern im unteren Maingebiet, die „curatius ritu Romano constructa“, d. h. sorgfältig nach römischer Art erbaut waren. Diese Beobachtung aus dem Jahr 357 n. Chr., vermutlich von römischen Offizieren übermittelt, wirft nun die Frage auf, wie die Besiedlung des ehemals römischen Landes vor sich gegangen ist und wie sie im archäologischen Bild des heutigen Südwestdeutschlands ihren Niederschlag gefunden hat.» (Fingerlin, S. 26-27)

Mit diesem – wenn auch übersetzten – Zitat kommen wir der Sache schon näher. Denn damit kann man nun dank fortgeschrittener Digitalisierung von Übersetzungen aus dem 19. Jahrhundert letztlich ad fontes gehen. Also an die Quellen, d.h. die in spätantikem Latein überlieferte Textstelle.

Übersetzungen und Originaltext

Fündig wird man in Ammians Hauptwerk, in der Regel als die Res gestae bezeichnet. Das ist eine eigene Textgattung: die des Rechenschaftsbericht über die Aktivitäten eines Kaisers (oder eines seiner Mitregenten). Ähnliche Werke gab es bereits von Julius Caesar (Commentarii de bello Gallico) oder Octavianus Augutus (Res gestae divi Augusti).

Zuerst zu den Übersetzungen. Aus der Fülle verfügbarer deutscher Übertragungen (vgl. Wikisource) nehmen wir diejenige von Carl Büchele heraus, die 1853 in Stuttgart publiziert wurde (Bild von S. 131, unterer Teil):


Die Alamannen hatten also das linke Rheinufer zwischen Strassburg und Mainz sozusagen erobert und im Jahre 356 unter Kontrolle. Sie hielten sich jedoch «nur in der Umgegend dieser Städte» auf, «denn vor den Städten selbst haben sie einen Widerwillen wie vor Gräbern, mit Netzen umspannt».

Lieber vor als in den Städten

In der im Rahmen des Tertullian Project digitalisierten englischen Übersetzung von C. D. Yonge (Ammianus Marcellinus, Roman History. Book 16. London 1862 – S. 83-122) wird die folgende Formulierung verwendet:

«Hearing therefore that Strasburg, Brumat, Saverne, Spiers, Worms, and Mayence, were all in the hands of the barbarians, who were established in their suburbs, for the barbarians shunned fixing themselves in the towns themselves, looking upon them like graves surrounded with nets, he [gemeint ist der spätere Kaiser Julian] first of all entered Brumat, and just as he readied that place he was encountered by a body of Germans prepared for battle.»

Im «Original» (Res gestae; Buch 16, Kapitel 2, Absatz 12) liest sich das wie folgt:

«Audiens itaque Argentoratum, Brotomagum, Tabernas, Salisonem, Nemetas et Vangionas et Mogontiacum civitates barbaros possidentes territoria earum habitare nam ipsa oppida ut circumdata retiis busta declinant primam omnium Brotomagum occupavit eique iam adventanti Germanorum manus pugnam intentans occurrit.» (Text nach The Latin Library)

Ammian zählt stromabwärts wie an einer Perlenschnur die linksrheinischen Städte zwischen der elsässischen Hauptstadt Strassburg und der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz Mainz auf: Strassburg, Brumath (17 km nördlich v. Strasbourg), Seltz, Speyer, Worms, Mainz. All diese civitates hätten die Barbaren unter Kontrolle. Das hatte der als Heerführer agierende Juniorkaiser Julian (später Julian II. Apostata) gemeldet bekommen und entschloss sich, erst einmal Brumath zurückzuerobern, wobei ihn dann die Eindringlinge zu einer Feldschlacht herausforderten.

Was bedeutet «habitare nam ipsa oppida ut circumdata retiis busta declinant»?

Die noch im Modus der eindringenden fremden Militärmacht agierenden Germanengruppen beurteilten also die (wohl ummauerten) Städte als für sich nicht zum Aufenthalt geeignet. Weshalb?

Schauen wir uns die Bedeutung der lateinischen Worte an, dann wird klar: Da sind keine verstaubten Spinnennetze zwischen Grabsteinen gemeint, sondern retii, d.h. Netze zum Einfangen von Wildtieren und Fischen. Das Wort bustum (hier ebenfalls im Plural busta verwendet) bezeichnet eine Leichenbrandstätte, bzw. den Scheiterhaufen auf dem Leichen verbrannt werden, alternativ auch ein Grab (v.a. einen Grabhügel), ein Grabmal (d.h. einen Grabstein), und im übertragenen Sinne einen «Ort des Untergangs». So übersetzt wird klar: die Städte werden offenbar vor allem deshalb gemieden, weil sie als tödliche Fallen gesehen wurden. Weil dort Gefahr für Leib und Leben drohte.

Ob es sich dabei um eine Selbstaussage der sich damals in diesem Gebiet aufhaltenden Alamannen handelt, die als geflügeltes Wort in bildhafter Sprache kolportiert wird, oder eher ein von römischen Truppen und/oder Ortsansässigen beobachtetes Verhalten der Eindringlinge in römische Bildsprache umgesetzt worden ist, wird wohl kaum zu eruieren sein. Ja nicht einmal, ob die Aussage explizit bezogen auf diesen Fall entwickelt oder nur aufgrund früherer Beobachtungen auf ihn übertragen wurde.

Was wollte Ammian damit zum Ausdruck bringen? War dies tatsächlich eine im Satz verpackte Aussage über den generellen Charakter der Alamannen, wie das von verschiedenen Historikern in unserer Zeit interpretiert wird? Oder war damit etwas viel Profaneres gemeint, nämlich eine situative Reaktion von Kampfverbänden auf vorgefundene Verhältnisse? 

Ethnographische Aussage oder Beschreibung von Operational Security?

Sollten sich die Bewohner der linksrheinischen Städte den Eindringlingen gegenüber feindlich gesinnt gezeigt haben (etwa so wie seit dem 24. Februar die ukrainische Zivilbevölkerung gegenüber den russischen Soldaten), dann wäre das Meiden von Städten nur allzu verständlich. Denn in Städten voller feindlicher Zivilisten muss man als Angehöriger einer Invasionsarmee immer mit dem Schlimmsten rechnen.

Wenn man sich überdies vor Augen hält, dass Ammian selber ein aktiver Offizier war (gemäss Wikipedia überdies «einer der wenigen antiken Historiker, die sich aus eigener Erfahrung auf militärischem Gebiet auskannten»), der hier explizit und fast ausschliesslich über die militärischen Operationen eines Oberkommandierenden und deren Implikationen berichtet, dann könnte es sich durchaus um die Beschreibung einer Massnahme des Gegners handeln, die heute unter dem Begriff Operational Security (Op Sec) läuft, nämlich die Anweisung der alamannischen Anführer, Städte aus Sicherheitsgründen grundsätzlich zu meiden und stattdessen gesicherte Feldlager ausserhalb der (für nicht Ortskundige) unübersichtlichen ummauerten Bezirke zu beziehen. 

Der Grund für die alamannische Op-Sec-Massnahme (mutmasslich: wenig freundliche Zivilbevölkerung) mag damals für Ammian so offensichtlich gewesen sein, dass es nicht nötig schien, ihn noch extra zu erwähnen.

Mit diesen Vorkehren wären die Alamannen nicht allein. Auch die Römer selber haben ja ihre Legionen in sorgfältig von den Siedlungen der Lokalbevölkerung separierten Feldlagern untergebracht. Ein solches Verhalten zeigen Armeen übrigens auch in heutiger Zeit. Baut man ein Feldlager, so hat man nicht nur die nötigen Infrastrukturen in der gewohnten Anordnung zur Verfügung. Man hält so auch besser Disziplin, Bewachung und Zugangskontrolle sind weniger aufwändig, die Alarmierung und Mobilisierung standardisierter. Als Beispiel mögen die Feldlager der KFOR im Kosovo dienen, die meist ausserhalb der Siedlungszentren, teils in leerstehenden Industriekomplexen eingerichtet (Camp Casablanca), teils auch von Grund auf neu angelegt wurden (vgl. Camp Bondsteel).

Völlig natürliche Assimilation

So gesehen wären die von Fingerlin (s. oben) erwähnten, gemäss den Gewährsleuten Ammians nach römischer Bauart errichteten alamannischen Häuser (Quelle offensichtlich Amm. 17,1,7) dann kein Widerspruch, sondern eine (wie bei den Franken oder Burgunden) völlig natürliche Art der Assimilation. Nach dem Kontext handelt es sich dabei  in der Übersetzung Bücheles (S. 187) – u«mit vieler Sorgfalt und nach römischem Stile aufgeführte Gebäude». Gemeint sind offensichtlich Gutshöfe, also grössere landwirtschaftliche Produktionseinheiten. Städte sind das nicht, wenn hier auch Elemente von der römischen Latifundien-Philosophie übernommen worden sein könnten. Einige römische Gebräuche scheinen also durchaus mit den Vorstellungen der Alamannen konform gegangen zu sein. Und wenn dabei eine grosse Menge landwirtschaftlicher Produkte herausschaut, warum sollte man diesen Vorteil nicht nutzen? Wenn man sich den in den Landbau gesteckten Erfindungsreichtum damaliger wie heutiger aus den Alamannen hervorgegangner bäuerlicher Bevölkerungen vor Augen hält, dann ist es auch nicht abwegig anzunehmen, dass bestimmte technische Errungenschaften sehr wohl aufgegriffen und für eigene Zwecke adaptiert wurden. Nur eben nicht alle. Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Plündern ja, aber nicht nur. Es ging lediglich nicht so schnell wie bei anderen Stämmen.

Ammian als Kronzeuge eines Stadt-Land-Graben avant la lettre?

Eine grundsätzliche Abneigung sich in Städten niederzulassen mag durchaus ein alamannischer Wesenszug sein. Manche Landbewohner sind ja heute der Ansicht, dass es in den Städten sozusagen «tötelet», man da keine Luft mehr kriege, ja geradezu klaustrophobische Anfälle entwickeln müsse. Oder sie finden die dortigen Sitten und Lebensformen ganz einfach derart abstossend, dass sie mit ihnen nichts zu tun haben wollen.

Scardigli erwähnt in einem Aufsatz über die Sueben-Alamannen verschiedene Zeugnisse anderer antiker Autoren und epigraphische Befunde, die den Eigenständigkeitswillen dieses Stammes belegen und schliesst mit der Bemerkung: 

«Zur Abrundung ihrer antirömischen Gesinnung sei auf die Aussage Ammians (16,2,12) verwiesen, daß sie "ipsa oppida ut circumdata retiis busta declinant"; sie halten also nichts von Städten und betrachten sie als eine für die Römer und nicht für sie selbst geeignete Siedlungsform.» (Scardigli 1999, S. 350)

Aus den in diesem Artikel dargelegten Gründen bin ich dennoch der Ansicht, dass man aus Ammians eindrücklich-blumiger Beschreibung von den netzumspannten Gräbern eher eine militärtaktische Vorkehrung herauslesen sollte. Der Kontext, die Intention des primär aus militärischem Blickwinkel verfassten Textes, sowie die Sozialisation seines Autors lassen meines Erachtens keinen direkten Schluss auf eine kulturelle Abstossungsreaktion der oben beschriebenen Art zu. Es sei denn, man würde noch weitere Textstellen beibringen können, die Ammians Absicht einer ethnographischen Charakterisierung belegen können.

Quellen und Literatur

  • Ammianus Marcellinus Römische Geschichte, übersetzt von Dr. Carl Büchele. Zweites Bändchen. Stuttgart 1853 – S. 131. [Römische Prosaiker in neuen Uebersetzungen. Hrsg. Osiander/Schwab. Hundert drei und siebenzigstes Bändchen.] [Google Books]
  • Carey, W. L.: The Latin Library. Ammiani Marcellini Historiae Liber XVI [Fundstelle Amm. 16, 2, 12]. [Website]
  • Martin, M.: Alamannen: ein Fall verfehlter Integration. Abschnitt im Kapitel Von der römischen Randprovinz zu einer zentralen Region des Abendlandes. In: Furger, A. et al. (Hrsg.): Die Schweiz zwischen Antike und Mittelalter. Archäologie und Geschichte des 4. bis 9. Jahrhunderts. Verlag NZZ, Zürich 1996 – S. 50.
  • Scardigli, P.: Das Problem der suebischen Kontinuität und die Runeninschrift von Neudingen/Baar. In: Beck, H. (Hrsg.): Germanenprobleme in heutiger Sicht. [Ergänzungsbände zum Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Bd. 1] 2. erw. Aufl. Berlin/New York 1999 – S. 344-357 (hier: S. 350).
  • Fingerlin, G.: Zeit der Wende. Das Ende der römischen Herrschaft und der Beginn der alamannischen Siedlung im Dekumatland. In: Alemannisches Jahrbuch 2003/2004, Freiburg im Breisgau 2006 – S. 9-46 (hier: S. 26/27).
  • Brandenberger, U.: Die Alamannen – ein Fall verfehlter Integration. WeiachBlog Nr. 169 vom 22. April 2006.
  • Brandenberger, U.: Weiach - Aus der Geschichte eines Unterländer Dorfes. Sechste, erweiterte Auflage von Walter Zollingers «Weiach 1271-1971. Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach». V6.48, April 2022. [PDF, 2.49 MB]

__________________________

Nachtrag vom 8. Mai 2022

Die oben ausgeführte These wird übrigens durch fast ein Jahrhundert alte Ausführungen von Marc Bloch gestützt:

«Ammien Marcellin raconte comment les Alamans, s'étant emparés d'un grand nombre de villes fortes de la Germanie Supérieure, se tenaient en permanence en dehors des enceintes, voyant dans celles-ci, dit l'historien, «comme autant de filets entourant des tombeaux [Fn-1]». 

S. 172, Fn-1: «[Amm.] XVI, 2: "Nam ipsa oppida ut circumdata retiis busta declinant." Julien (Ad Athen., 279 B) note de même que certaines villes étaient demeurées désertes, parce que, leurs habitants les ayants évacuées, les Barbares ne s'y etaient pas installés ("pas encore", [gr. oupo], dit est vrai, le prince).»

Interessant ist hier, dass Julian Apostata, über dessen Grosstaten Ammian in seinen Res gestae berichtete, in seinen eigenen, in griechischer Sprache verfassten Schriften davon ausgeht, dass die Alamannen sich «noch nicht» in den leeren Städten eingerichtet hätten. Leer waren sie offenbar deshalb, weil die Bewohner die Flucht ergriffen hatten. 

Dass die Alamannen dort nicht eingezogen sind könnte man sogar so deuten, dass sie die Rückkehr der Geflüchteten erwarteten und sich nicht in fremden Städten einnisten wollten. Bloch würde das wohl verneinen, wenn er gleich im nächsten Satz schreibt:

«Ce témoignage [von Juniorkaiser Julian] trouve une confirmation curieuse dans la conduite de Genséric, qui, mâitre de l' Afrique, n'eut rien de plus pressé que de faire démanteler presque toutes les villes» [Fn-2: Procope, De bello Vandal., I, 5; De aedificiis, VI, 5»].

Der Vandalenkönig Geiserich habe es (auf seinem Eroberungsfeldzug in den Jahren 429-432) als wichtig erachtet, fast alle Städte in dem von ihm eroberten Teil Nordafrikas (Maghreb von Marokko über Algerien bis Tunesien) zerstören zu lassen – sofern er sie denn erstürmen konnte. 

Bloch erklärt sich dieses Verhalten nicht nur aus einer generellen Abneigung gegenüber Städten, sondern nimmt – analog zu meinen Ausführungen oben – einen militärischen Grund an:

«Que redoutaient donc les Barbares? Sans doute les combats de rue, les brusques surprises des émeutes populaires, la suprématie numérique, en cas de conflits, de populations qui, pour être bien faibles au regard de celles de nos agglomérations modernes, n'en devaient pas moins dépasser de beaucoup l'effectif normal d'une troupe de garnison; puis, si l'armée romaine revenait à l'attaque, les affres d'un siège, la mort de bêtes prises au terrier. Ils se sentaient plus en sûreté dans le plat pays, une fois pris d'assaut ou renversés les murs des villae fortifiées qui le parsemaient çà et là. A la vérité, c'est surtout des campagnes qu'ils avaient besoin pour en saisir les produits, pour les cultiver eux-mêmes ou par leurs esclaves, à l'occasion» [Fn-3: «Voir la note suivante les textes de Libanius.» Fn-4: Libanius, Or. XVIII [...], c. 34-35 (R. 533-534). [...] et également Or. XII [gr. Eis Ioulianon Autokratora hypaton], c. 44 (R. 379), où il est, à vrai dire, question également de villes détruites.]

Der Grund, nicht in Städten sein zu wollen, zumal wenn die Römer zum Gegenangriff übergingen, wird also von Bloch darin gesehen, dass die Vandalen (und die mit ihnen verbündeten Alanen) befürchteten, dort belagert und bei einer Niederlage wie Füchse aus dem Bau geholt und getötet zu werden. Die immensen Reichtümer der Provinz Africa, die damals Roms Kornkammer war und sagenhafte Steuereinnahmen generierten, konnten sie ja auch ohne die Existenz von Städten für sich nutzen.

Wenn wir uns nun erinnern, dass die retiis bei Ammian mit Fangnetzen übersetzt werden können, in denen Tiere in die Falle gehen, dann ist hier der Tod im eigentlichen Sinne gemeint. Nicht ein Tod im übertragenen Sinne, wie er angenommen wird, wenn man Städte als Orte der Knechtschaft bezeichnet und die Gräber mithin als Grabsteine der Freiheit sieht. Vgl. dazu den Nachfolgeartikel zu diesem Beitrag: Unbelehrbare Barbaren sind schlimmer als unbeschulte Kinder (WeiachBlog Nr. 1824).

Quelle zum Nachtrag
  • Bloch, M.: Observations sur la conquête de la Gaule romaine par les rois francs. In: Revue Historique T. 154, Fasc. 2 (1927), S. 161-178 (hier S. 171-172). [URL: https://www.jstor.org/stable/40942789]

Montag, 25. April 2022

Radbandage gebrochen. Passagier schlägt in Panik Scheibe ein

Seit dem 1. August 1876 war die Linie Winterthur-Koblenz der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) in Betrieb. Und seit dem 1. Juni 1897 war das Teilstück Bülach-Eglisau in Doppelspur ausgebaut. Also der heutige Ausbaustand, einfach noch ohne Elektrifizierung. Nicht immer lief auf der Strecke alles so, wie es sollte. 

Am 26. Februar 1898 ereignete sich ungefähr bei Kilometer 29, auf der Höhe des 1957 errichteten Lagerhauses der Landwirtschaftlichen Genossenschaft Weiach (heute Landi Weiach), ein Unfall:

«Auf der Bahnstation Weiach entgleiste am vergangenen Samstag vor Einfahrt in die dortige Station ein Personenwagen des in der Richtung von Winterthur kommenden Bahnzuges infolge Bruches einer Radbandage. Ohne weitern Unfall konnte der Zug zum Stehen gebracht werden, worauf die Insassen des betroffenen Wagens disloziert und dieser ausrangiert wurde. Die Passagiere kamen mit einiger Aufregung davon. Einer derselben schlug in seiner Angst eine Scheibe ein, um sich durch das Fenster zu retten und erhielt hiebei eine Verletzung an der einen Hand. Nach etwa anderthalbstündigem Unterbruch konnte der Zug seine Fahrt fortsetzen.»

Was ist eine Radbandage?

Zur Zeit der Kutschen zog der Wagner Stahlreifen auf Holzräder auf. Bei der Eisenbahn ist das nicht viel anders. Auch da wird ein stählerner Reifen erhitzt und auf einen Grundkörper aufgezogen.

Nun sind Bähnler ja bekanntlich etwas eigen. Und so haben sie auch ihre eigenen Begriffe. Sie nennen diesen stählernen Radreifen lieber Radbandage. Die Bandage ist also so in etwa das, was bei einem Auto der Pneu auf der Felge ist: Ein Teil, das besonders dem Verschleiss unterliegt und das man daher regelmässig neu aufziehen muss. 

Am Unterhalt gespart?

Da war also sozusagen ein Pneu während der Fahrt kaputtgegangen. So etwas sollte eigentlich nicht passieren. Hatte die NOB etwa am Unterhalt gespart? Und den Unfall in Kauf genommen? 
Diesen bösen Verdacht kann man nicht so einfach von der Hand weisen, denn die Geschäftsleitung der Nordostbahn war bekannt dafür, die Gewinnorientierung auf die Spitze zu treiben. 

Mit ihren 5000 Mitarbeitern sprang sie auch nicht pfleglich um, sodass diese 1897 einen grossen 41-stündigen Streik organisierten. Dieser Arbeitskampf war mitverantwortlich dafür, dass der Souverän in der Volksabstimmung vom 20. Februar 1898 die Verstaatlichung der fünf grössten Privatbahnen zu den Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) bei 78 % Stimmbeteiligung mit Zweidrittelsmehrheit gutgeheissen hat.

Affaire à suivre

Den Bericht über diesen Vorfall habe ich übrigens erst vor kurzem in den jüngst digitalisierten Beständen des «Seeländer Boten» gefunden, also in einer bernischen (!) Regionalzeitung. Anhand des Datums wird man sich nun auch in Regionalblättern des Zürcher Unterlands auf die Suche nach Berichten zu diesem Unfall machen können.

Quellen 

  • Seeländer Bote, Anzeigen-Blatt für Biel und das Seeland. Band 49, Nummer 26, 1. März 1898, S. 1. [Link auf E-npa.ch]
  • Lämmli, B.: Rad oder Radsatz? In: www.lokifahrer.ch, Lupfig 2022.

Donnerstag, 21. April 2022

Schüler sitzen nur die Zeit ab. Fürs Leben lernen sie nichts.

Plakativ-provokativer Titel, nicht wahr? Aber er ist nicht nur dazu gedacht, Sie zum Klicken animiert zu haben (Fachbegriff: Click-bait). Nein, er soll zeigen, dass der Kampf gegen solche Missstände ein zeitloser ist. 

«Hergegen soll eine Öfentliche Schule so eingerichtet seyn, daß kein Schüler gezwungen sey, Dinge zu lernen oder nur mit anzuhören, die ihm nach seiner Bestimmung nichts nützen können. Dadurch wird der große Fehler vermitten [vermieden] werden, daß die Jugend Sich nicht angewöhnt, ganze Stunden an einem Orte zu sitzen und zuzubringen, ohne einmal zu wißen, warum sie da sind, Welches der schändlichste Müßiggang ist.»

In diesen mehr als deutlichen Worten prangert ein Experten-Gutachten vom 9. August 1765 (also vor etwas mehr als 250 Jahren) die Missstände an den öffentlichen städtischen Schulen an. 

Bestellt hatten sie es zwar nicht. Und es wird wohl auch nicht allen gefallen haben. Aber ob die Herren Regierungsmitglieder des Zürcher Stadtstaates (damals Kleiner Rat genannt) das nun vorgetragen hörten oder gar selber gelesen haben: Dem einen oder anderen dürfte wohl schon geschwant haben, dass die geschilderten Probleme mit der Praxistauglichkeit in ähnlicher Form auch an den Schulen auf der Landschaft vorzufinden sein würden. 

So kam es dann 1771/72 zu der bekannten Zürcher Schulumfrage, mit der eine kantonsweite Bestandesaufnahme vorgenommen wurde (für Weiach in StAZH E I 21.9.16; vgl. auch die bisherigen WeiachBlog-Artikel in den Quellen- und Literaturangaben unten).

Lateinschulen taugen nur für die Ausbildung von Lehrern und Pfarrern

Was die (notabene der Zürcher Geistlichkeit angehörenden) Experten da kritisierten, war der Betrieb an der zu Zeiten der Reformation programmatisch zurechtgezimmerten sog. Lateinschule. Sprachen- und literaturlastig war die Ausbildung dort und sie sei bestenfalls für die Ausbildung von Lehrkräften und Theologen von Nutzen, so der Befund der Experten. Wenig verwunderlich: Seit den Zeiten Zwinglis waren damals ja auch schon 250 Jahre ins Land gezogen.

Auf den oben zitierten Absatz setzen die «Verordneten zur Lehre» (also die genannten Experten) im späteren Verlauf ihres Papiers gleich noch einen drauf:

«Das schlimmste aber dabey ist wol dieses, daß ein großer Theil der Schüler die beste Zeit Jhrer Jugend mit Solchen Sachen zuzubringen gezwungen werden, die weder auf Jhre Sitten, noch auf ihren könftigen Stand und Beruff nicht die wenigste [geringste] Beziehung oder Einfluß haben. Hergegen dasjenige versaumt wird, was im Gemeinen Bürgerlichen Leben bey Handwerken, Künsten und Profeßionen unentbehrlich oder doch höchst nützlich ist. So daß ein Junger Mensch wol 9 bis 10 Jahre die Schule frequentieren und durchlauffen kan, in welcher ganzen Zeit er wenig oder nichts von alle dem hört, lernt oder weiß, was Jhm als einem Burger, als einem Regenten, Handwerker, Kaufman, Künstler, zu seinem Künftigen Stand und Beruff nur einigermaßen vorbereiten oder Tüchtiger machen könnte; zu geschweigen, daß er indeßen in einer so langen Zeit mancherley schädliche Vorurtheile und schlimme Habitus annehmen muß und wird, die Jhn zu seinen Absichten ganz ungeschikt, und andern Leüten beschwerlich machen.»

Der Stand war im Ancien Régime noch sehr wichtig. Ein Sohn eines für die Regierungsgeschäfte als geeignet angesehenen Stadtherrn (aus sogenannt regimentsfähiger Familie) musste nach den damaligen Vorstellungen eine andere Ausbildung erhalten als der Spross eines einfachen Handwerksmeisters. Oder gar ein Bauernsohn vom Land. In seinen Stand war man nach den dermaligen, mit der Aufklärung gerade obsolet werdenden, Vorstellungen der Oberschicht hineingeboren und hatte sich damit abzufinden.

Aber selbst unter Berücksichtigung des gerade genannten Umstandes: Wenn man das liest und dann hört, dass heutigentags reguläre Abgänger selbst von Sekundarschulen und Gymnasien wenig bis gar nichts von konkreten Geldangelegenheiten, dem Ausfüllen von Steuererklärungen, der Funktionsweise von Arbeitsmärkten, ja letztlich nicht einmal von grundlegenden politischen Vorgängen verstehen, dann kann man sich etwa vorstellen, wie diese Gutachter – lebten sie in unserer Zeit – die Lehrleistung der Schulen des 21. Jahrhunderts zerpflücken würden. Als «Leerleistung» etwa?

Wenn die Schule funktioniert, dann klappt's auch mit dem Gemeinwesen

Was sollen also die Schulen letztlich hervorbringen, was kann ihr optimaler Nutzen sein? In den Worten der Gutachter:

«Wann eine Schule wolbestellt, und darinne eine rechte Disciplin gehalten wird, Lernen die Knaben nicht allein die Pensa, so dort tractiert werden; Sondern sie gewöhnen Sich auch an die Obedienzen, an den schuldigen Respect gegen Jhre Vorgesetzten, An eine mitburgerliche Gleichheit, an die Arbeitsamkeit, an ein ordentliches Leben. Sie sehen, daß nicht die Geburt oder Reichthum, oder etwas Äußerliches, sondern der Fleiß und die Fertigkeit im Guten einem vor dem Andern einen Vorzug gebet, und ihn bey Andern angesehen und Achtungswürdig machen kann und soll. Welches alles ein Institutione privata gemeiniglich vermißet wird, zumahlen wenig Eltern die Mühe nehmen, oder die Fähigkeit haben, dergleichen Sachen, die doch den Bürgern einer freyen Republik so nothwendig sind, einzuschärffen.»

Man ergänze die Knaben noch um die weibliche Hälfte der Jugend (und wenn man partout gendermainstreamen muss, dann halt auch noch um die diversen Splitteranteile). Dann wäre das hier  – wiewohl etwas antiquiert formuliert – doch eine ganz nützliche, zielführende Vorgabe für das geistig-moralische Fundament unserer Schulen und ihrer Lehrpläne, finden Sie nicht? 

In diesem Sinne: Es lebe die freie Republik!

Quellen und Literatur

  • Eingabe der Verordneten zur Lehre 1765 als Anstoss zur grossen Zürcher Schulreform der 1770er Jahre. Transkription eines Papiers vom 9. Augstmonat 1765 im Konvolut StAZH E I 20 [Transkriptionen zürcherischer Quellen durch Meinrad Suter, sen.(https://www.zuerich-geschichte.info)]
  • Zürcher Schulumfrage 1771/72. Antworten für Weiach. Signatur: StAZH E I 21.9.16.
  • WeiachBlog-Artikel zum Thema Schulumfrage 1771/72:
    • Sommerschulen bringen «gar grossen nuzen», 1771/72  (Nr. 1548 v. 19. Juli 2020)
    • Martini: Schulbeginn und Zinszahlungstermin // (Nr. 1609 v. 11. November 2020)
    • Dreihundert Jahre Weiacher Schulhäuser // (Nr. 1737 v. 5. September 2021)
    • Rechnen lernten die Weiacher Schüler vor 250 Jahren nicht // (Nr. 1769 v. 17. November 2021)
    • Wie gross waren die Schulklassen vor 250 Jahren? // (Nr. 1797 v. 13. März 2022)

Mittwoch, 20. April 2022

Das «Bärenloch» auf dem Wörndel

«Warum wird ein Loch im Wald, etwa einen Meter breit und vielleicht dreissig bis vierzig Zentimeter tief, als Kulturgut von kantonaler Bedeutung angesehen? Was ist so besonders toll an dieser Vertiefung östlich von Weiach auf dem Wörndel, einem Hügel, der von den Einheimischen auch «Leuenchopf» genannt wird?» (ZU, 23. Juli 2015; mit Bild des Loches)

Das fragte sich Manuel Navarro, Redaktor des Zürcher Unterländers, als er für die Serie Unterland Kurios zum publizistischen Sommerloch 2015 passende Beiträge suchte. Und stiess im Archiv der Artikel-Serie Weiacher Geschichte(n) auf die Nummern 76 und 77 über die Wall-Graben-Anlagen auf dem Leuenchopf (frühere Bezeichnung: Wörndel) und der Fasnachtflue (frühere Bezeichnung: Ebnet).

Jugenderinnerungen alter weisser Männer

Tiefe Bodenlöcher, gar veritable Höhleneingänge, sind immer ein Faszinosum gewesen, zumal für abenteuerlustig-gwundrige Knaben. Ganz besonders, wenn sie in unmittelbarer Nähe auffallender Wall-Graben-Anlagen zu finden sind.

So verwundert es nicht, dass sich ein Jörg Schwendener auch noch nach Jahrzehnten an die Spielplätze seiner Weiacher Jugend erinnern kann. Unter einem Bild vom Aussichtspunkt Türmli (ob der Buhalde), am Nachmittag des Ostermontags von Urs Wiesendanger in der Facebook-Gruppe «Du bisch vo Weiach, wenn...» gepostet, fragte Schwendener nach dem bekannteren Weiacher Aussichtspunkt Leuenchopf. Besonders nach dem dortigen Loch im Boden:


Die Antwort Wiesendangers bestätigt Text und Bild aus dem «Unterländer» vor rund sieben Jahren zum damaligen (und mutmasslich auch heutigen) Zustand: Nichts wirklich Spektakuläres. – Oder doch?

Da war ein Eingang! In eine Höhle!

WeiachBlog Nr. 1224, die gleichentags publizierte Replik auf Navarros Artikel, kann noch um eine mittlerweile auch schon im AHV-Alter stehende Notiz ergänzt werden. Sie stammt von Marcel Hintermann, der in den 1950ern in der Zurzacher Volksblatt eine Artikel-Reihe über Gemeinden am Hochrhein (darunter auch Weiach) publiziert hat:

«Beim Wörndel ist das sogenannte Bärenloch. Die Frage ist, ob es als eigentliche Höhlenöffnung oder als eingesunkene Stelle eines unter dem Waldboden durchgehenden Ganges zu betrachten ist, nachdem, daß der Volksmund diesen Ort mit der Zweidlerhöhle verbunden wissen will. Der heute zwei Meter tiefe Einstiegkamin soll früher doppelt soviel gemessen haben. Es wäre zu gefährlich, den bestehenden, anfänglich gegen Osten abfallenden Teil tiefer hinein zu verfolgen. Die Männlihöhle unter dem Stein soll seinerzeit mit dem Bärenloch in Verbindung gewesen sein. Es wird behauptet, ein Knabe aus Weiach hätte den fraglichen Durchgang seinerzeit erprobt.» (Hintermann 1955, S. 44)

Viel mehr lokalhistorische Informationsverdichtung als auf diesen wenigen Zeilen ist kaum möglich.

Unterirdische Verbindungen in den Tiefen des Ämpergs?

Schon Hintermann hält also fest, dass dieses Bodenloch einst (d.h. vor 1950) wesentlich tiefer gewesen sein muss. Daher auch die Bezeichnung als «tiefes Bodenloch» im KGS-Inventar. Und eigentlich müsste diese archäologische Fundstelle von kantonaler Bedeutung (Codierung «102LOCH00001») somit den Namen «Bärenloch» tragen. 

Der oben abgebildete Ausschnitt des Digitalen Terrainmodells 2017 Bund (DTM; https://maps.zh.ch/s/2yliud3x) zeigt den Standort des nun verstürzten Lochs. Er liegt ausserhalb der beiden sich deutlich abzeichnenden Wall-Graben-Strukturen auf dem Sporn des Leuenchopfs.

Mit der Zweidlerhöhle dürfte der vom Leuenchopf mind. 800 m Luftlinie in östlicher Richtung gelegene, ehemalige Steinbruch auf Glattfelder Gemeindegebiet (https://maps.zh.ch/s/sfrdnsxb) gemeint sein: 

«Im Areal Zweidlerhöli finden sich Überreste eines Bergwerks, in dessen Stollen in der (Frühen) Neuzeit Sandstein gebrochen wurde. Ein Teil der unterirdischen Kavernen sowie grosse Aushubschüttungen im unmittelbaren Vorfeld sind noch erhalten.» (Inventarblatt Kulturerbelandschaft Nr. 6005 Ämperg)

Die Männlihöhle (auch «Männliloch» genannt) ist in der markanten, von Nordwest nach Südost verlaufenden Nagelfluh-Abbruchkante des «Stein» zu finden. Um vom Leuenchopf unterirdisch dorthin gelangen zu können, müsste ein Tunnelsystem von mehr als 500 Metern Länge existieren.

Haben wir es bei diesen sagenhaften Durchgängen mit Prahlerei oder doch mit einem wahren Kern zu tun? Wer weiss...

Spannend ist die Geschichte allemal. Zumal das Männliloch geradezu sagenhafte Wirkungen auf die menschliche Fruchtbarkeit haben soll. Aber das ist Stoff für einen weiteren Beitrag.

Quellen

  • Hintermann, M.: Rund um Kaiserstuhl. Kaiserstuhl – Fisibach – Bachs – Weiach – Hohentengen – Herdern – Günzgen – Stetten – Lienheim. [SA der Artikelserie «Von Rheinau bis Waldshut» in der Beilage «Grenzheimat» im «Zurzacher Volksblatt» 1952-1953]  Oberglatt ZH, 1955.
  • Navarro, M.: Ein schützenswertes Loch im Boden. In: Zürcher Unterländer, 23. Juli 2015 – S. 3 [Link zum Bibliothekseintrag; Link zum ZU-Artikel (Paywall)]

Dienstag, 19. April 2022

Als die Spitex noch tüchtige Töchter suchte

Heute vor 50 Jahren erschien in den SVEA-Nachrichten, dem Organ des Schweizerischen Verbandes evangelischer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer (SVEA) die zweite Ausspielung eines Stelleninserats der Vorläuferorganisationen unserer heutigen Spitex Stadel-Bachs-Weiach. Gesucht wurde eine Hauspflegerin:


Weiacher Entwicklungshilfe für Stadel

Nachdem der Hauspflegeverein Weiach noch in den 50er-Jahren die Zusammenarbeit über die Kantonsgrenze hinweg praktiziert hat, um das Pensum der Spitex-Angestellten bei Bedarf aufzustocken (vgl. G-Ch Weiach 1954, S. 17), sieht man hier deutlich eine Zusammenarbeit über den Kistenpass hinweg. 

Der 1958 gegründete Frauenverein Stadel hat sich nämlich bei seinem um Jahrzehnte älteren Weiacher Pendant Tipps abgeholt, um 1970 seinen eigenen Hauspflegeverein gründen zu können.

Gemeinsame Angestellte nur für wenige Jahre

Diese enge Verbindung (schon fast ein Filialverhältnis) ist es wohl auch, die die beiden Vereine veranlasste, 1972 eine Hauspflegerin zu suchen, die für beide Gemeinden tätig werden sollte:

«Die Hauspflegevereine Stadel und Weiach suchen gemeinsam eine tüchtige, freundliche Tochter, die den Dienst einer Hauspflegerin in unseren Landgemeinden übernehmen kann. Wer hat Freude, zu uns aufs Land zu kommen? Die Anstellungsbedingungen sind gut geregelt. Zimmer oder kleine Wohnung kann zur Verfügung gestellt werden. Auskunft erteilt gerne Telefon 01 / 94 28 42, Rich[ard] Suter. Präsident des Hauspflegevereins. 8433 Weiach ZH.»

Vom Arbeitspensum her war das «Jobsharing mit der Angestellten des Hauspflegevereins Weiach» eine gute Lösung, wie Richard Kälin im Stadler Dorfblatt schreibt: «Die Zahl von 40 Pflegetagen im Jahr 1972 belegt die Richtigkeit dieses Entscheides.» Lange dauerte diese Zusammenarbeit aber nicht an: «Bereits im Jahr 1975 waren die Gesuche um Unterstützung so stark angestiegen, dass sich der Verein entschied, nun eine eigene Hauspflegerin für Stadel einzustellen.»

Auto oder Velo?

Die doch nicht ganz unwichtige Logistik-Frage, wie die Hauspflegerin zwischen Stadel, Raat, Windlach, Schüpfheim und Weiach hin- und herkam, wird hier nicht thematisiert. Wurde ihr neben der Wohnung ein Auto gestellt, oder musste sie per Velo zu ihren Patienten fahren? Ging es nach dem Verfahren, wie es noch in den 50ern üblich war, dann musste ein Velo reichen, wie sich Rosa Baumgartner-Thut im Gespräch mit WeiachBlog erinnert.

Inserat ein halbes Jahrhundert später

Und so sieht ein aktuelles Inserat der Nachfolgeorganisation Spitex Stadel-Bachs-Weiach aus. Ohne Diplom als Pflegefachkraft und einen gültigen Fahrausweis Kat. B geht da gar nichts mehr. Von einer Wohnung ist hier keine Rede mehr. Dafür von einem Dienstfahrzeug.
Inserat GKP_2022, Stand 16.4.2022; http://www.spitex-stadel-bachs-weiach.ch/ 

Quellen

  • SVEA-Nachrichten, Band 53, Nummer 15, S. 5 (12. April 1972) sowie Nr. 16, S. 6 (19. April 1972).
  • Kälin, R.: Hauspflegeverein Stadel. In: Stadler Dorfblatt, Ausgabe 2/2021, März 2021, S. 4.
  • Telefongespräche mit Rosa Baumgartner-Thut, Hauspflegerin in Weiach ab 1956 und mit Michela Barandun, Präsidentin Frauenverein Stadel, 19. April 2022.

Sonntag, 17. April 2022

Römisches Kleingeld aus der Zeit von Jesus gefunden

Zugegeben: statt «Jesus» hätte man auch «Octavianus Augustus» schreiben können. Denn das Konterfei des letzteren war auf den Münzen aus der Regierungszeit des ersten römischen Kaisers, Adoptivsohn von Julius Cäsar, aufgeprägt. Aber der Gottessohn passt halt besser zu Ostern. Und zum Finden der versteckten Eier.

In der Karwoche hat die Zurich Open Platform (zop.zb.uzh.ch), auf der die Kantonsarchäologie Zürich die Kurzberichte über ihre Tätigkeit seit diesem Jahr veröffentlicht, nun endlich den längst fertiggestellten Bericht zum Jahr 2021 online gestellt. Das Osterei, über das ich hier schreiben kann, ist also – zumindest aus Sicht der breiten Öffentlichkeit – taufrisch. 

Prospektion auf neu ausgeschiedener archäologischer Zone 

Auf dem Weiacher Gemeindegebiet waren wieder eine Fülle von Tätigkeiten zu verzeichnen. Das gilt besonders für die von der Kantonsarchäologie kürzlich ausgeschiedene Schwerpunktzone, die sich vom Sanzenberg bis hinunter zum überbauten Gebiet bzw. zur Hauptstrasse erstreckt. Hier ist man proaktiv tätig, damit nicht wieder Notgrabungen durchgeführt werden müssen, wenn dereinst die Bagger bereits aufgefahren sind (wie bspw. 2001 im Gebiet Winkelwiesen).

Archäologische Zone Weiach 15.0 (Quelle: https://maps.zh.ch/s/yvdu4zq4)

Nur Durchgangsverkehr oder doch eine Siedlung?

Das römische Kleingeld wurde im Unterabschnitt «See/Seeren/Usser Hasli» gefunden:

«Bei Prospektionsarbeiten in einem geplanten Kiesabbaugebiet kamen 2019/2020 verschiedene römische Funde zum Vorschein, so zwei halbierte Asse (1. Jh. v. Chr.), ein Gefässhenkel, eine Gefäss-Bodenscherbe und etwas Baukeramik, daneben mehrere Devotionalien. Am westlichen Rand des Areals verläuft der Alte Zürichweg von Kaiserstuhl über den Sanzenberg nach Zürich (IVS ZH 17.2). Auch 2021 wurden ergänzende Begehungen durchgeführt. Die Bedeutung des Fundplatzes ist aktuell noch nicht geklärt (Verkehrsweg, Siedlungsplatz oder Gräber?). Weiterführende Untersuchungen sind geplant.»

Da darf man gespannt sein, denn in diesem Gebiet zwischen dem Bedmen und dem Städtchen Kaiserstuhl sind bislang keine alten Siedlungsspuren gefunden worden, lediglich 1873 ein gut erhaltenes Skelett beim Alten Bahnhof.

Zu verschmerzender Verlust?

Der Münzfund wird weiter unten im Text präzisiert: «ein halbierter As des Augustus (womöglich Imitation), ein weiterer halbierter As, [...]»

Ein As als Recheneinheit war in den Zeiten der alten römischen Republik bis ca. 200 v. Chr. noch sehr viel wert: Sie diente ursprünglich als Gewichtseinheit und «stand ganz allgemein für einen ganzen Gegenstand, eine Erbschaft (res ex asse), einen Acker oder ein einheitliches Besitztum», steht dazu in der Wikipedia.

Durch alle kriegerischen Wirren hindurch und bis zur Machtübernahme durch Augustus im Jahre 31 v. Chr., hat der Wert dann aber dramatisch abgenommen (Inflation ist keine Erfindung unserer heutigen Zeit der unbegrenzt aufgeblähten Papiergeldmenge).

Ein Ei oder doch etwas mehr

Ein Denar, das 16-fache eines As, soll eine Kaufkraft gehabt haben, die heutzutage ca. 15-25 Euro entsprechen würde. Ein As wäre also gerade einmal der Gegenwert eines Eis aus dem Hofladen (ca. 60 Rappen). 

Dagegen berichtet Sueton (um 70 – nach 122 n. Chr.), dass man zu seiner Zeit mit dem Gegenwert von zwei Assen bereits seinen täglichen Lebensunterhalt bestreiten konnte.

Die Beurteilung, wie stark die beiden verlorenen Semis (die Fachbezeichnung für eine halbierte As-Münze) ihre damaligen Besitzer geschmerzt haben und ob sie darob vor Wut gar gleich so kreativ wurden, wie der Verleger Diabelli es dem Ludwig van Beethoven unterstellt hat (vgl. den Titel seines Opus 129), sei dem geneigten Leser überlassen.

Frohe Ostern!

Quelle