Freitag, 18. September 2020

Wie schwer ist die grosse Glocke von 1843 wirklich?

In WeiachBlog Nr. 1217 (sowie in «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006, S. 41) wird basierend auf Zollinger 1972 (S. 52) das Gewicht der grossen Glocke (der sog. Mittagsglocke) mit 690 kg angegeben, das der mittleren Glocke (Betzeitglocke) mit 340 kg und das der kleinen Glocke (Totenglöcklein) mit 195 kg. (O-Ton Zollinger: «Die Glocken wiegen etwa 12 1/2 Zentner (390 Pfund, 680 Pfund, 1380 Pfund.») Zollingers Zahlen würden gesamthaft exakt 12 1/4 Zentnern, d.h. 1225 kg entsprechen.

Zollinger selber hat offensichtlich die Zahlen für die einzelnen Glocken dem Protokoll der Kirchenpflege vom 8. Mai 1843 entnommen. Dieser Eintrag vermerkt nämlich die genauen Gewichte in Pfund und notiert für die Mittagsglocke 1380 Lb, sowie ein Gesamtgewicht von «24 1/2 Ctr.» (vgl. WeiachBlog Nr. 1579, Abschnitt: Der Glockengiesser erhält seinen Lohn):


Das Turmkugeldokument Nr. 8 vom 20. August 1855 vermerkt keine individuellen Angaben, lediglich ein «Totalgewicht von 24 ½ Centner», was ebenfalls offensichtlich auf dem obgenannten Protokolleintrag der Kirchenpflege basiert. 

Das Jubiläumsbuch des Sigristen-Kantonalverbands von 1975 schliesslich folgt ebenfalls Zollinger, wenn auch in Kilogramm umgerechnet und verbunden mit den Tonhöhen: «as 690 kg, c’’ 340 kg und es’’ 195 kg». 

Differenz: 50 Pfund!

Vergleicht man diese Angaben nun mit dem mutmasslich 1881 erstellten Verzeichnis der von der Giesserei Jakob Keller in Unterstrass angefertigten Glocken, so ergibt sich eine auffällige Differenz:


Vgl. S. 4:


Glocke Nr. 48 (die grosse Weiacher Glocke) wiegt nach dieser Aufstellung 1330 Pfund, Glocke Nr. 49 bringt 680 Pfund auf die Waage und die kleinste Weiacher Glocke (Opus 50) immerhin noch 390 Pfund. Rechnet man das auf Kilogramm um (d.h. mit Faktor 0.5) dann ergeben sich die Werte 665 kg, 340 kg und 195 kg.

Die Memorabilia Tigurina von 1853 redet von «3 Glocken, im Gewicht von 24 Zentner». Emil Maurer übernimmt 1965 in seiner Schrift Die Kirche zu Weiach diese Sichtweise, indem er schreibt: «Das Gesamtgewicht beträgt 1200 kg» (S. 11). Das sind 2400 Pfund à 500g, was exakt der Summe von 1330+680+390 entspricht. 

Beide Gewichtsangaben in Vögelins Glockenbuch!

Diese Differenz von 50 Pfund (d.h. 25 kg) findet man auch in dem auf Salomon Vögelin (1774-1849) zurückgehenden Glockenbuch (Signatur ZBZ Ms. J 432) auf Seite 296 sogar gleich nebeneinander dargestellt. Die Angabe von «13 Ctr. 80» (d.h. 1380 Pfund) ist hier gestrichen und bei der Angabe 1330 Pfund die Differenz durch Unterstreichung sogar noch hervorgehoben. Auch einem der Bearbeiter dieses Werks ist also diese Diskrepanz aufgefallen:


Leider hatte ich nur die Gelegenheit den Mikrofilm zu konsultieren (das Original ist aus konservatorischen Gründen für die Benutzung gesperrt). Es ist daher nicht klar, welche Tintenfarbtöne die jeweiligen Einträge haben. Die von anderer Hand eingefügte Notiz betr. Glockengiesser, Ort und Gussjahr zeigen offensichtlich eine andere Farbe, bei der Streichung des Eintrags «13 Ctr. 80» ist dies nicht so klar.

Zwei weitere Glockenbücher im Bestand der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich haben sich auf die Angabe 1330 Pfund festgelegt: 

So das in Mikroschrift verfasste Büchlein Die Kirchengeläute im Canton Zürich von Pfarrer Leonhard Stierlin, das überdies das Gesamtgewicht von 2400 Pfund nennt (ZBZ Ms. P 6047 – S. 99).

Und so ebenso die Handschrift ZBZ Ms. Ρ 6313 – S. 425-427, die denselben Titel wie Ms. J 432 trägt und wahrscheinlich eine Abschrift derselben darstellt und eindeutig nach 1843 erstellt worden sein muss (denn für Weiach ist eine von Beginn weg klare Aufteilung in altes und neues Geläute erkennbar).

Was ist da passiert?

Vor dem Auffinden der beiden Angaben (wovon die höhere gestrichen) in Vögelins Glockenbuch Ms. J 432 und vor allem der eindeutigen Angabe im Protokoll der Kirchenpflege hätte man noch einen Lesefehler beim Setzen des Kellerschen Glockenverzeichnisses annehmen können. Jetzt aber stehen zwei gleichwertige Angaben unversöhnlich im Raum.

Die in den Firmenunterlagen der Glockengiesserei Keller mutmasslich richtig abgeschriebene Zahl 1330 Lb und die Angabe von 1380 Lb im Kirchenprotokoll. Beide Werte haben hohe Glaubwürdigkeit: Wie WeiachBlog Nr. 1579 (Abschnitt: Glocken abholen, aufziehen und einweihen) entnommen werden kann, hat die Kirchenpflege ja eigens einen oder mehrere Vertreter nach Unterstrass entsandt, der oder die nicht nur den Transport überwachen, sondern auch beim Wägen dabei sein sollte(n)! Denn nach dem Gewicht des Glockenmetalls wurde offensichtlich auch massgeblich abgerechnet.

Haben die Weiacher beim Wägen geschlafen? Oder hat die Glockengiesserei der Kirchenpflege 50 Pfund Glockenmetall zu viel verrechnet?

Da es gemäss handschriftlichen Einträgen in diesem Verzeichnis von 1881 (vgl. S. 9 und 11 im e-rara-Exemplar der ZBZ) ein älteres Verzeichnis gibt, das die Glocken bis 1863 umfasst, könnte dort das Gewicht der Weiacher Glocken ebenfalls verzeichnet sein. Ein Quervergleich dürfte sich lohnen.

Offene Fragen: Hat das Verzeichnis etwas mit Stierlin zu tun? Wo findet man dieses Verzeichnis? Im Bestand Glockengiesserei Jakob Keller in Unterstrass bei Zürich (Stadtarchiv Zürich, Signatur StArZH VII.479)? Affaire à suivre.

Quellen und Literatur
  • Protocoll der Kirchenpflege Weÿach, 1838-1884, pag. 54. Signatur: ERKGA Weiach, IV.B.6.2
  • Vögelin, S.: Gloken-Buch oder Verzeichniß aller in den Kirchen des Cantons Zürich theils ehemals theils jezt befindlichen Gloken und derselben Inschriften. (o.J.; Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich, Signatur: Ms. J 432) – S. 296.
  • Vogel, F.: Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1840 bis 1850. Zürich 1853. Verfügbar als e-rara 26754
  • Verzeichniß der Glocken aus der Gießerei von Jakob Keller in Unterstraß bei Zürich. Zürich [1881] – S. 4. Verfügbar als e-rara 62253]
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. (Chronik Weiach. 1271-1971). 1. Aufl. 1972 – S. 52. (PDF, 4639 KB)
  • Zürcher Kirchen. Verzeichnis der evangelisch-reformierten Kirchen des Kantons Zürich. Erschienen im Eigenverlag des Sigristen-Kantonalverbandes Zürich zum Jubiläum seines 50-jährigen Bestehens im September 1975 – S. 136
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. Weiach 2006 – S. 41. (Online-Ausgabe 2007, PDF, 17156 KB)
  • Brandenberger, U.: Was auf den Weiacher Glocken wirklich draufsteht. WeiachBlog Nr. 1217 vom 22. Juni 2015.
  • Brandenberger, U.: Wie die Weiacher Glocken in den Dachreiter kamen. WeiachBlog Nr. 1579 vom 14. September 2020.

Donnerstag, 17. September 2020

Neues Geläute in weniger als hundert Tagen

Die ganz Aufmerksamen werden es schon bemerkt haben: Der Autor dieser Zeilen hat sich vor mittlerweile 14 Jahren ziemlich verhauen. In einer Datierungsangelegenheit, die sogar in der Jubiläumsbroschüre von 2006 auf S. 41 verewigt ist.

Nachstehend ein Lehrstück, warum Archive (und insbesondere die dort aufbewahrten Behördenprotokolle) die unverzichtbaren Anlaufstellen in solchen Zweifelsfragen sind. Eines, das überdies zeigt, wie rasch vor zwei Jahrhunderten auch grössere Vorhaben umgesetzt werden konnten.

Grosse Glocke am 22. Januar 1842 gesprungen?

Hätte der Autor dieser Zeilen 2006 mehr Zeit investieren können und nicht nur das älteste Stillstandsprotokollbuch, sondern auch das zweitälteste konsultiert gehabt, dann wäre klar gewesen: Das stimmt nicht. 1843 ist die richtige Antwort.

Massgebend ist immer die Primärquelle par excellence, d.h. die zeitnah erfolgte Aufzeichnung der Direktbetroffenen. Wie aus dem Protokollband der Kirchenpflege über die Jahre 1838-1884 (ERKGA Weiach IV.B.6.2 – pag. 51, Sitzung vom 23. Januar 1843) eindeutig hervorgeht, ist der irreparable Schaden an der grossen Glocke am 22. Januar 1843 «beym Läuten» entstanden. 

Deshalb kann man auch den Schadenszeitpunkt exakt bestimmen, denn die durch den Sprung entstehende klangliche Veränderung ist sicher sofort aufgefallen. Und da Glocken für den geordneten Ablauf des Lebens in der Gemeinde einst unverzichtbar waren, musste auch rasch Abhilfe geschaffen werden.

Die Mehrheit der Chronisten liegt richtig

Die überwiegende Mehrheit der chronikalischen Überlieferungen und anderer Sekundärquellen verweist auf die korrekte Jahrzahl.  

So handschriftlich das Glockenbuch von Kirchenrat Sal. Vögelin, mit dem Eintrag (mutmasslich von L. Stierlin): «Diese Glocke [gemeint ist die 1682 gegossene grosse Glocke] zersprang im Jänner 1843» (ZBZ Ms. P 6313).

In gedruckter Form u.a. Friedrich Vogel: «Im Jahr 1843 zersprang eine der größern Glocken im Kirchthurm, was Veranlassung zu Anschaffung eines neuen Geläutes gab.» (Memorabilia Tigurina 1853, S. 446). Er hat sich insofern geirrt, als er offensichtlich davon ausgegangen ist, dass auch das alte Geläute aus drei Glocken bestanden habe.

Emil Maurer: «Dieses Geläute ersetzt die zwei alten Glocken, von denen die grössere im Jahre 1843 defekt geworden war.» (Maurer 1965, S. 11)

Oder Walter Zollinger: «Am 7. Mai 1843 konnten die Weiacher Kirchgenossen ein neues Geläute einweihen. Am 22. Januar zuvor war beim Läuten die grösste Glocke plötzlich gesprungen.» (Zollinger 1972, S. 52). Auch daraus geht eigentlich klar hervor, dass 1843 gemeint ist. Und es lässt auch vermuten, dass Zollinger wohl die eingangs erwähnte Originalquelle konsultiert hat.

Wie es zur falschen Angabe gekommen ist

Auf die Jahrzahl 1842 für das Zerspringen der grösseren Glocke ist der Autor dieser Zeilen gekommen, weil er sich letztlich doch zu sehr auf die nachstehende Passage verlassen hat: «Von der Glockengiesserei Keller, Zürich-Unterstrass, wurde 1842 das Geläute gegossen in: as 690 kg, c’’ 340 kg und es’’ 195 kg.» (Sigristen-Kantonalverband Zürich, 1975 – S. 136).

In kritischer Beschäftigung mit diesem Zitat erging er sich dann in Mutmassungen: «Ob die Glocken wirklich schon 1842 gegossen wurden? Der Auftrag dazu ist wohl in diesem Jahr erteilt worden. Nach Zollinger 1972 war es nämlich am 22. Januar 1842, als «beim Läuten die grösste Glocke von 1682 plötzlich gesprungen» sei. Die Jahrzahl auf den Glocken ist – nach allem was ich bisher weiss – klar 1843. Das ist also entweder ein Fall von Vordatierung (im Wissen darum, dass die Glockenweihe 1843 stattfinden würde) oder der Guss war erst im Jahre 1843 vollendet.» (WeiachBlog Nr. 196)

Also Fehlinterpretation von Zollingers Aussage in Verbindung mit einer bei genauerem Hinsehen offensichtlich falschen Jahrzahl in der Transkription des Turmkugeldokuments Nr. 8 und der Angabe in der Sigristenbroschüre (s. oben). Und: mangelnde Vorstellungskraft, wie schnell Handwerksbetriebe damals arbeiten konnten. Das alles hat zum Fehler beigetragen.

Auftragslage bei Keller nicht von Belang

Es wäre somit auch später kein Werweissen darüber nötig gewesen, ob die damals noch vergleichsweise junge Glockengiesserei Keller (Opus 1 von 1828) den Auftrag 1842 überhaupt hätte ausführen können.  

Wädenswil hatte nämlich bei der Giesserei Jakob Keller ein ganzes Geläute bestellt, ausgeliefert wurden 5 Glocken, darunter ein Riese von 8884 Pfund (fast viereinhalb Tonnen), die zweitgrösste Glocke wog 4487 Pfund, die mittlere 2635, die zweitkleinste 1065 und die kleinste immerhin noch 536 Pfund. Total also 8.8 Tonnen. Das war ein in der Firmengeschichte bis dahin beispielloser Grossauftrag. (Vgl. Verzeichniß 1881, S. 4)

Die sehr schnelle Ausführung des Weiacher Geläutes zeigt, dass Jakob Keller den Wädenswiler Grossauftrag bereits gut bewältigt hatte und in der Lage war, zwischen Ende Januar und Anfang Mai 1843, also in nur gut drei Monaten den gesamten Auftrag abzuwickeln. Von der Auftragserteilung über die Abholung der einzuschmelzenden Glocken in Weiach, den Guss bis zur Auslieferung der fertigen Glocken. Die Weiacher mussten also nicht mehr als ein Jahr auf ihr neues Geläute warten!

Fällige Korrekturangaben

In der gedruckten Ausgabe der Kirchenbroschüre von 2006 lässt sich der Fehler natürlich nicht mehr korrigieren, ebenso in den Ausgaben der Monographie über die Gemeinde Weiach (Geschichte eines Unterländer Dorfes ab 2006 bis 2018). 

Dafür wird in den einschlägigen Artikeln von WeiachBlog direkt im Text der Korrekturhinweis «[recte: 1843; vgl. WeiachBlog Nr. 1582 v. 17. September 2020]» angebracht, so in WeiachBlog Nr. 196 und in WeiachBlog Nr. 930 vom 14. Oktober 2010.

Ferner erhält die Anmerkung 22 im OCR-Reprint von Emil Maurers 1965 erschienener Schrift Die Kirche zu Weiach die nachstehende neue Form (Publikation mit Stand September 2020 erfolgt Ende Monat auf weiachergeschichten.ch):

Korrekte Jahresangabe! Aufgrund der Formulierung bei Zollinger 1972 («Am 7. Mai 1843 konnten die Weiacher Kirchgenossen ein neues Geläute einweihen. Am 22. Januar zuvor war beim Läuten die grösste Glocke plötzlich gesprungen» – S. 52) sowie insbesondere der Jahresangabe im Verzeichnis der evangelisch-reformierten Kirchen des Kantons Zürich. (Sigristen-Kantonalverband Zürich, 1975 – S. 136) hat Brandenberger angenommen, die grössere Glocke von 1682 sei bereits am 22. Januar 1842 während des Läutens gesprungen. (Vgl. u.a. Brandenberger, U.: Kirchen im Dutzend. WeiachBlog Nr. 196 v. 19. Mai 2006 sowie ders.: Die Weiacher Kirche in Nüschelers «Gotteshäusern». WeiachBlog Nr. 930 v. 14. Oktober 2010).

Wie aber aus dem Protokollband der Kirchenpflege über die Jahre 1838-1884 (ERKGA Weiach IV.B.6.2 pag. 51, Sitzung vom 23. Januar 1843) eindeutig hervorgeht, ist das ein Irrtum. Der irreparable Schaden an der grossen Glocke ist am 22. Januar 1843 entstanden. Den «Jänner 1843» überliefert auch das Glockenbuch von Kirchenrat Sal. Vögelin (ZBZ Ms. P 6313), mit einem Eintrag von mutmasslich anderer Hand: «Diese Glocke zersprang im Jänner 1843 u. [...unleserlich...] mit N° 2 zu einem neuen Geläute umgegossen».

Quellen und Literatur 
  • Protocoll der Kirchenpflege Weÿach, 1838-1884, pag. 51. Signatur: ERKGA Weiach, IV.B.6.2
  • Vogel, F.: Memorabilia Tigurina oder Chronik der Denkwürdigkeiten des Kantons Zürich 1840 bis 1850. Zürich 1853. Verfügbar als e-rara 26754
  • Verzeichniß der Glocken aus der Gießerei von Jakob Keller in Unterstraß bei Zürich. Zürich [1881] – S. 4. Verfügbar als e-rara 62253
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach. Weiach 1965 – S. 11 [im Original unpaginiert]. OCR-Reprint Stand August 2020 (PDF 1168 KB).
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach. (Chronik Weiach. 1271-1971). 1. Aufl. 1972 – S. 52. (PDF 4639 KB)
  • Zürcher Kirchen. Verzeichnis der evangelisch-reformierten Kirchen des Kantons Zürich. Erschienen im Eigenverlag des Sigristen-Kantonalverbandes Zürich zum Jubiläum seines 50-jährigen Bestehens im September 1975 – S. 136.
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706 – 2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. Weiach 2006 – S. 41. (Online-Ausgabe 2007, PDF 17156 KB)
  • Brandenberger, U.: Kirchen im Dutzend. WeiachBlog Nr. 196 vom 19. Mai 2006.
  • Brandenberger, U.: Die Weiacher Kirche in Nüschelers «Gotteshäusern». WeiachBlog Nr. 930 vom 14. Oktober 2010.

Mittwoch, 16. September 2020

Der mittelalterliche Friedenswunsch klingt auch heute mit

Junker Conrad Escher vom Luchs hat die Inschrift auf der kleineren Weiacher Glocke in seine handschriftliche Sammlung aufgenommen: «O • Rex • glorie • Criste • veni • cum • pace» soll sie gelautet haben (vgl. WeiachBlog Nr. 1580 vom 15. September 2020). Mehr wissen wir von dieser Glocke nicht. Aber die Inschrift hat es in sich. Denn sie verweist auf einen alten Friedenswunsch der über 1000 Jahre zurückreicht.

Dokumentierte Inschriften und ihre Datierung

Die Datenbank von Deutsche Inschriften Online führt für die exakte Wortkombination «O Rex Glorie Criste Veni Cum Pace» (Christe ohne h, wie von Escher überliefert) 4 Treffer zwischen 1449 und 1516 auf. Für die Variante «O Rex glorie Christe veni cum pace» sind es 6 Treffer mit Datierungen zwischen der Mitte des 13. Jh und 1511.

Nimmt man die Erlöser-Nennung heraus, so resultieren für «O Rex Glorie Veni Cum Pace»
14 Treffer ab 1275 bis 1499. Für «O Rex gloriae veni cum pace» 9 Treffer zwischen 1408 und 1519.

Für die bei Maurer 1965 überlieferte Fassung für die Inschrift der bis 1843 im Dachreiter hängenden kleineren Glocke mit «nobis» («O rex gloria, veni nobis cum pace») gibt es hingegen für das Gebiet des heutigen Deutschland keinen einzigen Treffer. In der Schweiz schon:

Die «Witticher Glocke» in der Kirche von Rein (Gemeinde Rüfenach AG, Bezirk Brugg) trägt mit Gussjahr 1439 die Umschrift «o rex gloriae christe veni nobis cum pace» («O König der Herrlichkeit, Christus, komm zu uns mit Frieden»; vgl. Website der Reformierten Kirche des Kantons Aargau). Benannt ist sie nach der Stifterin, dem Kloster Wittichen im Schwarzwald, welches bis 1544 das Kollaturrecht in Rein ausübte.

Interessant ist, dass alle genannten Glocken klar in der vorreformatorischen Zeit gegossen wurden. Man kann also davon ausgehen, dass auch die Weiacher Glocke mit dieser Inschrift aus dem 15. Jahrhundert stammte oder gar noch älteren Ursprungs ist.

Die Datierung auf das 15. Jahrhundert passt zur zeitlichen Einordnung, die Paul Kläui für die Weiacher Kapelle angibt (die schon 1594 nur noch ein altes Gemäuer war), vgl. WeiachBlog Nr. 1390 vom 21. März 2019. Es ist durchaus möglich, dass die Weiacher die Glocke von der Kapelle (die im Bedmen gestanden hat) in die nach der Reformation im Oberdorf errichtete Kirche übernommen haben.

+ O REX . GLORIE . VENI . CVM . PACE . AM(EN).

Wie alt die Weiacher Glocke tatsächlich war, kann man nur erahnen. Denn dieses Glockengebet war im Mittelalter sehr weit verbreitet und das in ganz Mitteleuropa. Besonders aufschlussreich ist die folgende Erläuterung:

«Der Text O rex glorie veni cum pace – zunächst noch ohne das Wort Christe – ist bereits auf einer im Jahr 1200 gegossenen Glocke in St. Martin am Ybbsfeld (Niederösterreich) verwendet worden. Das Gebet leitet sich, wie Jörg Poettgen gezeigt hat, aus dem liturgischen Formular der Kirchweihe her, die der Glockensegnung nahe steht, da beide liturgische Handlungen dem Bischof vorbehalten waren. Rex glorie ist in Ps. 23 als Ehrentitel Gottes gebraucht und zusammen mit anderen Elementen dieses Psalms in eine Wechselrede zwischen Bischof und Diakon eingegangen, die beim Einzug des Bischofs während der Kirchweihe gesungen wurde.[Fn-5] Diese Wechselrede endet mit dem bischöflichen Friedenswunsch nach Lc. 10,5 Pax huic domui ‚Friede sei diesem Haus‘. Das Gebet O rex gloriae leitet auch den mittelalterlichen Wettersegen gegen Blitze ein (Benedictio contra fulgura).»

Auszug Fn-5: «Jörg Poettgen, Zur Theologie früher Glockeninschriften am Beispiel deutscher Glocken des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Jahrbuch für Glockenkunde 11/12 (1999/2000), S. 69–80.»

(Quelle: DI 88, Landkreis Hildesheim, Nr. 6† (Christine Wulf); In: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di088g016k0000601.)

Hat also der Bischof von Konstanz diese Glocke und die Kapelle, in der sie hing, einst feierlich geweiht? Wir dürfen es annehmen. Wann das war bleibt vorerst im Dunkeln. Vielleicht findet sich in den fürstbischöflichen Aufzeichnungen (heute mehrheitlich im Generallandesarchiv Karlsruhe) ja dereinst ein Hinweis, der einer solchen Amtshandlung auch eine Jahrzahl zuordnet, wer weiss.

In den Gefilden, die später zum Königreich Württemberg gehörten (also in Süddeutschland) ist der Friedensruf jedenfalls seit dem späten 13. Jahrhundert überliefert (DI 25, Lkr. Ludwigsburg, Nr. 15† (Anneliese Seeliger-Zeiss und Hans Ulrich Schäfer), in: www.inschriften.net, urn:nbn:de:0238-di025h009k0001508.).

Dass solche Glocken gerade in dieser Zeit so beliebt waren, verwundert wenig, denn nach dem Tod des Stauferkönigs Friedrich II. versuchten verschiedene kleinere Adelige in Warlord-Manier ihre Macht auszuweiten, was unweigerlich in kleinkriegerischen Auseinandersetzungen mündete, unter denen die Bevölkerung stark zu leiden hatte. Auch das Städtchen Kaiserstuhl verdankt seine Entstehung diesen unsicheren Zeiten.

Friedensruf datiert auf die Zeit vor den ersten Kreuzzügen

Wie Friedrich Winfried Schubart (1847-1918) in einem 16 Seiten umfassenden Aufsatz schreibt, habe dieser Spruch seines Wissens «niemals und nirgends auf anderen Kirchengeräten als eben gerade nur auf Glocken als Inschrift Verwendung gefunden.» (S. 7)

Rex gloriae, der Ehrenname des Herrn, sei «zweifellos hergenommen aus Psalm 24, der einzigen Stelle heiliger Schrift, welche sich dieses Ausdrucks bedient». Am Palmsonntag, an dem Jesus in Jerusalem Einzug hielt, sei im Tempel der 24. Psalm gesungen worden, wo es heisst: «et introibit rex gloriae» (Vulgata).  Der Spruch sei «den Glocken der christlichen Kirchen aufgegossen, damit sie, so oft sie läuten, seinen königlichen Einzug erbitten und verkünden». (Schubart, S. 8)

Papst Nikolaus III. habe 1279 in der Bulle Pro pace selbst das Gebet um Frieden unter den christlichen Fürsten angeordnet, das bei jeder Messe zu halten sei. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des Pro pace-Läutens, bei dem man mit dem Klöppel dreimal an die Glocke schlug.

Der Ursprung des Friedensrufs liegt aber noch weiter zurück. Schon Innozenz III. (1198-1216) habe zum Ausdruck bringen wollen, so Schubart, «der Ruf nach Frieden, das «clamare ad Dominum: dona nobis pacem», sei so sehr der Notschrei, die vox populi oder ecclesiae jener Zeit gewesen, daß er sogar zum Gebet in der allerheiligsten Stunde des Meßopfers geworden sei.» Also bereits viele Jahre vor seinem Pontifikat.

Pax Dei. Das kirchliche Gebot des Gottesfriedens

Nach Schubart passt diese Schilderung sehr gut auf die Zeit, als der sogenannte «Gottesfrieden» (pax Dei) die Gemüter im elften und zwölften Jahrhundert beseelt habe, beginnend um 1041 in Aquitanien (im heutigen Südfrankreich), nach einigen Jahren in ganz Europa. (Schubart, S. 12)

Der Gottesfrieden sollte darin bestehen, «daß von Mittwoch Abend nach Sonnenuntergang bis Montag früh nach Sonnenaufgang alle Fehde u.s.w. ruhen solle». (Schubart, S. 13)  Oder, wie sich der Bischof Ivo von Chartres ausdrückte: «Daher beschwören und bitten wir euch und gebieten kraft göttlicher Autorität, daß ihr wenigstens die vier Tage, an welchen der Herr ganz besonders für das Heil eurer Seelen gearbeitet hat, in unverbrüchlichem Frieden hinbringt». (zit. n. Schubart, S. 14)

«Der Gottesfrieden war nicht eine auf ein Land sich erstreckende Einrichtung, sondern eine von der ganzen Kirche damaliger Zeiten eingeführte und befohlene Ordnung, so daß aus seiner Allgemeinheit sich am besten auch die oben betonte Allgemeinheit des Friedensgebets auf den Glocken erklären läßt.» (Schubart, S. 14)

So wurde für jene Glocken, welche die Pax Dei, den Gottesfrieden, einzuläuten bestimmt waren, O rex gloriae, Christe, veni cum pace zur allgemein üblichen Inschrift.

«Darum schwindet auch der Spruch als Glockeninschrift wieder nach und nach, als die kirchliche Einrichtung des Gottesfriedens ihre ursprüngliche Bedeutung verlor, und der Landfriede als staatliche Ordnung an seine Stelle trat.» (Schubart, S. 15)  Im Gebiet von Weiach wurde der Zürcher Stadtstaat zum Garanten des Landfriedens.

Schubart nennt das Glockengebet eine «Friedensurkunde ferner Vergangenheit»Schöner kann man es kaum ausdrücken. So wie dieser Wunsch aus fast 1000 Jahren Entfernung zu uns herüberklingt, so ist letztlich auch die älteste bekannte Weiacher Glocke noch heute täglich gegenwärtig.

Denn wie wir den Glockenbüchern entnehmen können, wurde sie zusammen mit der grossen Glocke von 1682 eingeschmolzen und zu den heutigen Glocken umgegossen (vgl. z.B. ZBZ Ms. J 432, S. 295). Das schon im Mittelalter klingende Metall vermittelt so den Friedensruf Tag für Tag auch uns Heutigen.

Quellen und Literatur
  • Schubart, F. W.: O rex gloriae, Christe, veni cum pace. Amen. Ein uraltes Glockengebet. Ein Beitrag zur Glockeninschriftenkunde. Dessau 1896 (e-rara-83197; https://www.e-rara.ch/bau_1/content/titleinfo/23512523)
  • Maurer, E.: Die Kirche zu Weiach. Weiach 1965 (OCR-Nachdruck m. Anmerkungen, August 2020, PDF 1168 KB)
  • Deutsche Inschriften Online; www.inschriften.net (Fundstellen im Text erwähnt)

Dienstag, 15. September 2020

Früheres Weiacher Geläute im Escherschen Glockenbuch

Im grossen Werk «Die Gotteshäuser der Schweiz» von Arnold Nüscheler steht zu den Weiacher Glocken: «Im Thurm der [...] Kirche hingen zwei seither umgegossene Glocken, wovon die eine aus dem Jahre 1682 stammte, und die andere die Inschrift trug: "O . Rex . glorie . Christe . veni . cum . pace"» (Bd. 2, S. 15 - Zürich 1867; vgl. WeiachBlog Nr. 930). Die dazu gehörende Fussnote verweist auf  «Vögeli, G.B.».

Gemeint ist ein sogenanntes Glockenbuch, handschriftliche Aufzeichnungen, die von Privatleuten erstellt wurden. Im obgenannten Fall ist eines der Glockenbücher gemeint, die Kirchenrat Salomon Vögelin (1774-1849) zugeschrieben werden, namentlich die im 19. Jahrhundert entstandenen und weitergeführten Bände Ms. P 6313 und Ms. J 432, die beide in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt werden.

Glockenliebhaber Junker Conrad Escher

In diesem Artikel soll es um ein Glockenbuch gehen, das bereits im 17. od. 18. Jahrhundert geschrieben worden ist. Die Memorabilia Tigurina von 1742 verweist auf das Werk und seinen Autor mit den Worten: «Aller, oder doch der vornehmsten Glocken in dem Zürich-Gebieth, Ueberschrifften, hat Jckr. Conrad Escher sel. vom Steinernen Erckel gar fleißig, mit grosser Mühe zusammen geschrieben». (Mem.Tig. 1742 - S. 188-189)

So ganz sicher waren sich der Herausgeber Blunschli oder seine Korrespondenten dann doch nicht, wie umfassend das Werk Junker Conrad Eschers ausgefallen sei. Wichtig ist der Hinweis «sel.», denn der gibt uns einen Hinweis darauf, dass das Werk (jedenfalls soweit es von ihm selber zu Papier gebracht wurde und nicht spätere Hände mitgewirkt haben) vor 1742 entstanden sein muss.

Das genannte Werk findet man in der oben schon erwähnten Handschriftenabteilung unter dem Kürzel EL 67.203 (vollständige Signatur: FA Escher v. L. 67.203; alte Signatur der Stadtbibliothek: Ms. J 258). Zu diesem Band wird im Katalog III zu den Handschriften der Zentralbibliothek Zürich (Sp. 191-192) der Autor identifiziert als «Hans Konrad Escher, 1661-1710 [vom Luchs]». Dass er ein Luchs-Escher war, zeigt sich schon an seinem Adelstitel.

Der Autor selber oder einer der späteren Besitzer der Handschrift, Hans Wilpert Zoller, hat den Titel gesetzt: «Inscriptionen welche an denen meisten Gloggen der Statt und Landschafft Zürich auch anderstwo sich befinden samtt derselben Ursprung und vilerhand darbey sich zugetragnen Historien und Denkwürdigkeiten. Zusamen getragen von Hans Conrad Escher zum Steinernen Erggel. Anno 1700 vor und nach.» (gem. Katalog III der Handschriften ZBZ)

Neben den Glockeninschriften sind also noch viele weitere campanologisch (d.h. glockenkundlich) interessante Schriften in diesem Werk versammelt, darunter «Gloken vertreiben Zauberey, Kranckheiten, Unzieffer, Ungewitter und Gspengster (Bl. 153-156)» oder «Glocken erledigen die Belagerte von ihren Feinden (Bl. 167)».

Die Weiacher Glocken ab 1682

Kommen wir nun wieder zu den eingangs erwähnten Weiacher Glocken zurück. In Eschers Werk findet man dazu auf Blatt 50 die detailliertesten Informationen, die zu ihnen verfügbar sind.

Vorderseite von Bl. 50 (50r):

«Zu Wejach sind 2 Glocken mit folgenden Umbschriften
Die erst und grösst am Crantz

Durch hitz und feuwer bin geflossen ich,
Johann Fuesli von Zurich hat gossen mich [in Ms. P 6313: «Füessli» u. «Zürich»]
Anno M • DC • LXXXII»

Darunter
[Darstellung zweier Wappen mit Helmzier: Wappen Escher mit Stern und Noppenglas, Wappen Waser]

Herr Johann Caspar Æscher des Raths und Statthalter.
Herr Johann Heinrich Waser des Raths
beide Obervögt des Neüw Ambts»

Auff der andern Seiten
[Zwei weitere Wappen]

Herr Hans Rudolf Seeholzer Pfarrer zu Weyach
Herr Johann Kramer des Regiments, Landtschriber im Neuambt

Diese Glocke war also wohl von den damals amtierenden Obervögten und dem Landschreiber des Neuamt, sowie dem aktuellen Weiacher Pfarrer in toto gestiftet, oder zumindest massgebend mitfinanziert.

Hergestellt wurde sie in der bekanntesten Zürcher Glockengiesserei der Neuzeit, bei Johannes Füssli in Zürich (dessen Wirkstätte dort lag, wo heute der sog. Glockenhof zu finden ist, d.h. an der Sihlstrasse 35 in Zürich). Auch in einem vor dem Buchblock in das Eschersche Glockenbuch eingebundenen Minibüchlein (S. 29) ist «Johans Füßly» als Giesser genannt, bei dem die Glocke «durch hiz und feur» gegangen sei.

Auf der Rückseite von Bl. 50 (50v) ist die zweite Glocke nur kurz erwähnt:

Die 2. Glok

☩ O • Rex • glorie • Criste • veni • cum • pace

Das Kreuz ist als sogenanntes Kruckenkreuz oder vierfaches Tau-Kreuz dargestellt, da es Querbalken an den vier Enden der Kreuzarme aufweist. Die Inschrift, die so nur auf Glocken zu finden ist, verweist auf ein höheres Alter dieser Glocke (vgl. WeiachBlog Nr. 1581).

Montag, 14. September 2020

Wie die Weiacher Glocken in den Dachreiter kamen

Bekanntlich hat die Weiacher Dorfkirche im Bühl im Jahre 1843 ein neues Geläute erhalten (vgl. u.a. WeiachBlog Nr. 179). Man hätte auch einfach die während des Läutens am 22. Januar 1843 gesprungene grössere der beiden Glocken einschmelzen und zu einer wiederum brauchbaren Glocke umarbeiten lassen können.

Das wollten die Weiacher aber nicht. Sie liessen sich von Glockengiesser Jakob Keller (1793–1867) davon überzeugen, gleich ein komplett neues Geläute herstellen zu lassen (Stillstandsprotokoll, Sitzung v. 8. Februar 1843, pag. 51).

Schwerere Glocken verlangen bessere Befestigung

Dieses neu aus drei statt zwei Glocken bestehende Geläute war wesentlich schwerer als das bisherige. So war bereits in der Sitzung vom 4. März 1843 klar, dass die Statik des Dachreiters und die Befestigung der Glocken in demselben sorgfältig geprüft werden mussten.

Danach liess man noch wertvolle Zeit verstreichen und musste dann – kurz vor dem eigentlichen Glockenaufzug – die Zimmerleute im Schnellzugstempo arbeiten lassen.

Sehen wir uns diese Endspurtphase genauer an (pag. 54):

«Siebente Sitzung den 24. April 1843.» (Laufende Traktandennummer 15)

«Die Mitglieder besammelten sich sammt dem Glockengießer, Hr. Keller v. Unterstraß auf dem obern Kirchboden um die weitern» Vorkehrungen zur «zweckmäßigen Befestigung des Thurmes zu treffen, es hatte sich [..] gezeigt daß ein Theil des Balkenwerks sehr morsch ist (!) und daher eine sorgfältigere Befestigung der 4 Tragpfosten des Thurmes erfordert. Die Zimmerleute erhielten sodann die Anweisung, die Befestigung nach dem von Mühlemacher Meyerhofer angelegten Bilde ins Werk zu setzen.»

Davon, dass diese morschen Balken ersetzt worden wären, steht im weiteren Verlauf des Protokolls erstaunlicherweise nichts. Vielleicht war das auch selbstverständlich. Nach dem Namen zu schliessen kann der erwähnte Mühlenhersteller tatsächlich Weiacher Wurzeln haben, sodass Maurer mit seiner Angabe «Joche und Glockenstuhl aus Eichenholz durch Weiacher Handwerker erstellt» in Die Kirche zu Weiach von 1965 (S. 15; PDF 1168 KB) recht hätte.

Glocken abholen, aufziehen und einweihen

Danach ging es Schlag auf Schlag. Schon die «Achte Sitzung den 2. Mai 1843» brachte die Mitteilung, dass der grosse Tag des Aufzugs nahte (Laufende Traktandennummer 16):

«Die neuen Glocken sind fertig u. sollen noch vor nächsten Sonntag aufgehängt werden. Die Abholung derselben ward auf den 4. Mai festgesetzt und die Hrn. Friedensr. Meyerhofer, Gemeindammann Bgtr [Baumgartner] u. Gemeindr. Meyerhofer beauftragt theils beim Wägen derselben theils beim Transporte gegenwärtig zu seyn. Herr Schenkel im Sternen hatte sich verpflichtet sie um 3 fl. 20 ß. abzuholen. Da bey dem Heraufziehen der Glocken u. den damit verbundenen Arbeiten viele Männer in Anspruch genommen werden müssen und nach dem Wunsche des Hrn. Keller auch die Schulkinder dabey behilflich seyn sollen, so wird Hr. Friedensr. Meyerh. beauftragt, für ein erforderliches Quantum Wein u. Brot besorgt zu seyn, damit man den Schulkindern u. den betreffenden Bürgern einen Trunk reichen könne. Nach dem die Glocken gehängt sind soll im Wirthshause für den Stillstand ein bescheidenes Nachtessen auf Kosten der Kirchengüter angeordnet werden; der Arbeiter den Hr. Keller bereits geschickt hat wird im Wirthshause auf Kosten der Kirchengüter logiert. - Die Glockenweihe soll nächsten Sonntag den 7. May statt finden, es wird an diesem Tage nur ein Gottesdienst gehalten, der morgens um 10 Uhr beginnt, die nähere Anordnung wird dem Hrn. Pfr. überlassen.»

Interessant ist, dass Pfarrer und Stillstand nicht von selber auf die Idee kamen, die Schulkinder bei diesem einmaligen Anlass einzubeziehen. Der Vorschlag dazu kam von Glockengiesser Keller. Da der Pfarrer nicht namentlich genannt wird, könnte es sich um den noch amtierenden (am 17. April 1843 nach Mönchaltorf berufenen) Pfarrer Joh. Heinrich Keller handeln. Möglich wäre aber auch sein Nachfolger Konrad Hirzel, wenn dieser bereits als Verweser in Weiach tätig war.

Der Glockengiesser erhält seinen Lohn

Aufzug und Weihegottesdienst dürften nach Plan verlaufen sein, jedenfalls findet sich im Protokoll kein Vermerk dazu. Unter der Traktandennummer 17 folgt die nun fällige Bezahlung des Giessers:

«Montags den 8. May hielt der Stillstand mit Hrn. Keller Abrechnung. Die 3 Glocken wiegen: die Mittagsglocke 1380 Lb, die Betglocke 680 Lb u. die Todtenglocke 390 Lb, - also zusammen 24 1/2 Ctr; die Gesammtkosten mit dem von Hrn. Keller gelieferten Eisenwerk belaufen sich auf 1898 fl. 30 ß. davon wurden ihm 800 fl. in baar bezahlt; dem Arbeiter wurden für 3 Taglöhne u. Trinkgeld 8 fl. (!) bestimmt, rücksichtlich des Trinkgeldes für Herr Keller beschloß man die Ansichten u. den Willen der Gemeinde zu vernehmen. Weil das Wetter regnerisch war, so ließ man auch Herrn Keller u. s. Arbeiter in einer Chaise nach Zürich führen.»

Eine Chaise ist eine leichte Kutsche mit halbem Verdeck. So kamen Jakob Keller und sein Mitarbeiter nicht völlig durchnässt in Unterstrass an (zu Fuss hätte die Reise mehrere Stunden gedauert).

Quelle
  • Protocoll der Kirchenpflege Weÿach, 1838-1884, pag. 51-54. Signatur: ERKGA Weiach, IV.B.6.2

Sonntag, 13. September 2020

Dem Glücklichen schlägt keine Stunde?

Das Geläute einer Kirche hat bekanntlich vielfältige Funktionen. Am kürzesten zusammengefasst werden sie im Sinnspruch «Vivos voco, mortuos plango, fulgura frango» (Übersetzung nach Krünitz: «Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich, die Blitze breche ich.»; vgl. Anmerkung und Quelle unten)

Will heissen: Glocken rufen zum Gottesdienst und/oder zum Gebet. Glocken läuten den Toten zum letzten Geleit. Und Glocken sollen Gefahren abwehren. Früher noch durch eine Art Gegenzauber, der möglichen Schaden bannt (also die Kirche selber und die Gemeinschaft um sie herum vor Blitzschlag bewahrt). Und bis ins 20. Jahrhundert hinein durch das Sturmläuten der Glocken, insbesondere bei Brandfällen, aber auch anderen grossen Gefahren (z.B. dem Einfall von Feinden).

Hilfreiche Erinnerung oder unerträgliche Bevormundung?

Mit der Einführung der Kirchturmuhren kam noch ein zusätzliches Element hinzu. Die Taktung der Zeit durch den Glockenschlag (in Weiach frühestens ab dem Einbau der Turmuhr im Jahre 1659, also auf dem Turm der alten Kirche im Oberdorf).

Der Schlag auf das klingende Metall ist sozusagen die bürgerliche Funktion des Signalgebers Glocke. Wie die Einführung der Stunden-, ja Viertelstundenschläge bei den Hiesigen angekommen ist, wissen wir nicht. Immerhin dringt die Akustik ungefragt in den jedem Menschen anders vorkommenden Zeitfluss ein. Möglich, dass auch einige Weiacher Mitte des 17. Jahrhundert nicht ungeteilte Freude daran hatten, mit hartnäckiger Regelmässigkeit über das Verstreichen einer von aussen aufgedrückten Zeit konfrontiert zu werden.

In der heutigen Zeit ist es bekannt, dass sich einzelne Anwohner einer Kirche über diese akustische Zeiteinteilung echauffieren und insbesondere die Nachtruhestörung abgestellt haben wollen. Und es kommt auch vor, dass solche Auseinandersetzungen vor Gerichten landen, die aber bislang salomonische Urteile gefällt haben.

Was auch völlig in Ordnung ist, denn das Geläute und der Viertelstundenschlag waren schon lange da, bevor sich die klagende Partei daran gestört hat. Wer da im Zweifel weichen muss, dürfte klar sein.

Elektronische Lösung möglich, aber teuer

Trotzdem kann man sich fragen, inwiefern das Glück davon abhängt, ob einem eben keine Stunde schlägt, zumindest nicht in der Nacht. Und schon gar nicht alle 15 Minuten.

Es ist, wie der Architekt der gegenwärtig laufenden Renovation der Weiacher Kirche (die auch die Turmuhr umfasst) hat verlauten lassen, durchaus machbar, die Viertelstunden- oder gar Stundenschläge des Nachts aussetzen zu lassen. Eine elektronisch programmierte Steuerung macht das möglich. Ist aber mit einigen Kosten verbunden.

Abgesehen von der Frage der Kostentragung stellt sich die grundsätzliche Frage: Ist die Tradition wichtiger? Ist das implizite «memento mori», die Erinnerung daran, dass jedem Lebewesen irgendwann das letzte Stündlein geschlagen hat, wichtiger? Oder doch die ungestörte Nachtruhe aller (auch der unmittelbaren) Anwohner?

Mit dieser Frage muss sich nolens volens auch die hiesige Kirchenpflege als Vertretung der Eigentümerin der Weiacher Glocken immer wieder von neuem befassen. Und einen salomonischen Ausgleich der Interessen finden. Denn abzuwägen ist letztlich, wann welches Ziel überwiegt.

Anmerkung und Quelle
  • Diese Inschrift auf der 1486 in Basel gegossenen 4500 kg schweren grossen Glocke des Schaffhauser Münsters hat Friedrich Schiller als Motto seinem berühmten Lied von der Glocke vorangestellt, weshalb die seit 1898 als Denkmal vor dem südlichen Querschiff stehende Glocke auch «Schillerglocke» genannt wird.
  • Stichwort Glocke, in: Krünitz, J. G.: Oeconomische Encyclopädie, Band 19, 1. Aufl. 1780, 2. Aufl. Brünn 1788.

Samstag, 12. September 2020

Grenzüberschreitende Planung. Aber Infrastruktur nur in Weiach.

«Schule Weiach plant grenzübergreifend» titelt der Zürcher Unterländer heute. Normalerweise enthält der Titel die Neuigkeit in kondensierter Form. Hier ist es nur alter Wein in vermeintlich neuen Schläuchen. Noch dazu ein Wein, der einzig aus den Aussagen amtierender Behördenmitglieder gekeltert ist. Da fragt man sich: Wo sind die Positionen der Gegenseite? Hofberichterstattung aus Bequemlichkeit?

Blicken wir zurück. Am 28. Juni hat der Weiacher Souverän die Vorlage für einen Ersatzneubau der Mehrzweckanlage Hofwies sowie weitere Baumassnahmen «abgeschmettert» (O-Ton Unterländer). 59 Prozent der Abstimmenden sagten Nein (vgl. WeiachBlog Nr. 1535).

Was man der nach der Versenkung der Vorlage zum grossangelegten Projekt «Balance» eigentlich hätte erwarten müssen, ist der Versuch, die sich an der Urne ausdrückende, sonst schweigende Mehrheit ins Boot zu holen. Denn gelingt das nicht, dann wird der sichtbare Teil der Opposition, namentlich die Gruppe um alt Gemeindepräsident Werner Ebnöther, auch weiterhin den Gang der Geschehnisse massgeblich mitbestimmen und die Behörden vor sich hertreiben.

Lorbeeren lassen sich kaum holen

Was ist seither gegangen? Der Weiacher Gemeinderat hat sich aus der Planung ausgeklinkt und das Problem der hiesigen Schulpflege überlassen. Vizepräsident Guido Moll und Präsident Sämi Meier haben Sondierungsgespräche geführt, mit Exponenten der Gegnerschaft, aber natürlich auch mit den Gemeindebehörden von Fisibach, Kaiserstuhl und Weiach. Hinweis: Schulgemeinden gibt es im Aargau nicht; Schulbelange sind dort seit eh und je Aufgabe der Einwohnergemeinde (d.h. politische Gemeinde).

Die Gegner wollen nun die bereits im Vorfeld der Urnenabstimmung angekündigte Initiative ergreifen, mit der die Kündigung des Anschlussvertrags der beiden Aargauer Gemeinden auf den nächstmöglichen Termin verlangt wird.

Bei den Behördenvertretern ist man nach wie vor der Meinung, dass nur eine organisatorische und bauliche Konzentration des Schulbetriebs auf den Ortskern Weiach eine gangbare Lösung darstelle. Ins gleiche Horn stösst die Lehrerschaft, die den Platzmangel nach wie vor bitter beklagt (wie der Schreibende am letzten Mittwoch spätabends im Schulhaus Hofwies selber hören konnte).

Diese Lösung ist natürlich für die Aargauer eine sehr praktische, entledigt man sich doch damit aller baulichen Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten. Im Aargau gewinnt man Platz für neue Bauvorhaben (Umbau oder Abbruch/Neubau der bestehenden Schulanlagen) und das für einen fixen Betrag pro Aargauer Schüler, der noch dazu nicht der Verhandlungsmacht der Weiacher unterliegt (da an das RSA-Modell gekoppelt).

Kündigung des Anschlussvertrags wahrscheinlich

Gerade diese Ausgangslage aber ist es, die einem massgeblichen Teil der Weiacher sauer aufstösst, weil der Eindruck entsteht, dass sich die beiden Juniorpartner ennet der Kantonsgrenze bequem einrichten, dauernd dreinreden (ein Mitglied der Baukommission für Balance war ein Kaiserstuhler) und das alles ohne wirklich an den Risiken partizipieren zu müssen.

Wenn diese Problemlage weiterhin vom Tisch gewischt und nicht endlich ergebnisoffen, polemikfrei und ohne Versuche, das freie Wort zu unterdrücken, in kontradiktorischer, gleichberechtigter Form auf einem Podium diskutiert wird, wenn die unterschiedlichen Auffassungen punkto Zahlen und Alternativen nicht offen dargelegt werden, dann wird immer der Eindruck bleiben, die Zeche werde letztendlich von den Weiachern beglichen werden müssen.

Wie das herauskommt, das hat man am 28. Juni gesehen. Es ist daher wenig hilfreich, wenn der Kaiserstuhler Noch-Stadtammann Weiss im Unterländer mit einer Aussage zitiert wird, die aus Weiacher Sicht wie eine unterschwellige Drohung verstanden werden kann. Eine Aufkündung des Schulanschlussvertrags «könnte eine Abkehr von der bewährten Zusammenarbeit der beiden Nachbargemeinden über Jahrhunderte bedeuten».

Wo bleibt die öffentliche Aufarbeitung? Wo bleibt die Ursachenerforschung für das Debakel vom 28. Juni? Wollen die Behörden weiterhin im Blindflug das Verdikt der Weiacher Stimmberechtigten entgegennehmen? Mit allen Unwägbarkeiten für die Planungssicherheit?

Quelle und Literatur
  • Brandenberger, U.: 59 Prozent Nein. Projekt «Balance» an der Urne versenkt. WeiachBlog Nr. 1535 v. 28. Juni 2020.
  • Abazi, A.: Schule Weiach plant grenzübergreifend. In: Zürcher Unterländer, 12. September 2020.

Freitag, 11. September 2020

Wenn der Sigrist für Ruhe und Ordnung sorgen muss, 1839

Wie gut der erste von den Weiachern 1837 selber gewählte Pfarrer, Joh. Heinrich Keller, seine Predigten an die in der Kirche Versammelten zu bringen verstand, das bliebe noch zu eruieren.

Mit der Disziplin der zum Besuch der Gottesdienste vergatterten Jungmannschaft war es (zumindest nach Meinung Kellers) jedenfalls nicht gerade zum Besten bestellt. Er beschwerte sich darüber auch im Stillstand, dem er selber angehörte:

«26. Auf die Klage des Pfarramtes über vorherrschende Unruhe während des Gottesdienstes von Seite der Jugend, besonders der Knaben, beschloß man den Meßmer zu beauftragen für Ruhe und Ordnung in der Kirche während des Gottesdienstes zu sorgen, Aufsicht über die Jugend zu halten, die Fehlbahren zu warnen und nöthigen Falls durch Versetzung zu beschämen und die Ungehorsamen dem Pfarramte zu verzeigen.»

Das Aufgabenspektrum des Sigrists als Kirchendiener umfasste also sozusagen auch polizeiliche Funktionen. Dem Pfarrer melden musste der Sigrist nur die wirklich renitenten Jugendlichen, die sich partout nicht diszipliniert verhalten wollten.

Quelle
  • Protokollband der Kirchenpflege über die Jahre 1838-1884 (ERKGA Weiach IV.B.6.2 – pag. 18, Sechste Sitzung den 1. Juli 1839)

Dienstag, 8. September 2020

Weiacher «Geburtsschein» korrekt übersetzt

Im Stadtarchiv Zürich (StArZH) gibt es nicht allzu viele Dokumente zum Thema Weiach, die leicht zu finden wären. Eine Abfrage des Online-Katalogs liefert eine schnell überschaubare Liste.

Vor einigen Jahren habe ich herausgefunden, dass es zu den von den Archivaren des Fraumünsteramts im Verlauf des 18. Jahrhunderts erstellten Urkundenabschriften, die heute im Findmittel unter dem Titel «Documenta der Abtei und des Fraumünsteramtes» aufgeführt sind, ein sogenanntes Lokalregister gibt (Signatur: StArZH III.B.15.1; Band XIV).

Es wurde gemäss Findbuch 1794 erstellt und enthält auch einen Abschnitt über Weÿach. Mit einem einzigen Eintrag, wie sich jüngst gezeigt hat.

Dieser eine Eintrag verweist auf das älteste Zeugnis über den Ortsnamen Wîach überhaupt, das uns erhalten geblieben ist, nämlich eine Notiz in einem Zinsurbar der Fraumünsterabtei, das von heutigen Experten auf das 13. Jahrhundert datiert wird.

So sieht der Eintrag aus dem 18. Jahrhundert aus:


Der Eintrag in Form des Regests und «[s.] D.» (sine dato, also: ohne Datum) lautet:

«Johannes brodbeck von Kaÿserstuhl zinset dem Frau Münster 1 d. von seinen Gütteren in Weÿach, so er von Jacob Gebj erkauft, lt Zinsrodel, vermuthlich aus dem 14. Seculo. Tom. VII. pag. 725

Bis auf die Datierung ist das eine völlig korrekte Beschreibung dieses leicht zu übersehenden Zweizeilers auf einem beidseitig beschriebenen, gerollten Pergamentstreifen (StAZH C II 2, Nr. 79 e, vgl. WeiachBlog Nr. 1400 m. weiteren Hinweisen).

Erstaunlich, wie tief die Erschliessung des Urkundenbestandes vor über 225 Jahren bereits vorangetrieben worden ist. Ob dieser inhaltlich das Original fast 1:1 widerspiegelnde, regestartige Hinweis auch von den Bearbeitern des Urkundenbuchs der Stadt und Landschaft Zürich gefunden wurde, ist unklar. Jedenfalls haben sie Ende des 19. Jahrhunderts (UBZH Nr. 1459 in Bd. IV im Jahre 1896) den lateinischen Originaltext abdrucken lassen (vgl. Abbildung in WeiachBlog Nr. 1379).

Klar ist jedoch, dass Zollinger dieses Regest nicht gekannt haben kann, sonst hätte er in seiner 1972 erschienenen Monographie nicht den lateinischen Zweizeiler falsch übersetzt, dabei Käufer und Verkäufer verwechselt und – via Vorabinformation nach der 1. August-Rede 1971 oder anlässlich der Ortsmuseums-Ausstellung im September – auch die NZZ mit Fake News gefüttert (vgl. WeiachBlog Nr. 453, Abschnitt «1271: Wer hat wem verkauft?» sowie WeiachBlog Nr. 1352).

Die grosszügige Zurverfügungstellung des Scans sei hiermit Dr. Schultheiss, Stadtarchiv Zürich, herzlich verdankt.

Quelle und Literatur
  • Documenta der Abtei und des Fraumünsteramtes. Alphabetisches Lokalregister. Documenta, Band XIV: 1794. Signatur: StArZH III.B.15.1 (vgl. Findmittel, S. 4).
  • Höber, H.: 700 Jahre Weiach. In: Neue Zürcher Zeitung, 15. Oktober 1971. Signatur: StAZH Bib. Dc W 15.1b (5)
  • Zollinger, W.: Aus der Vergangenheit des Dorfes Weiach 1271-1971. 1. Aufl. 1972, 2. Aufl. 1984 – S. 17.
  • Brandenberger, U.: Ein alter NZZ-Artikel unter der Lupe. WeiachBlog Nr. 453 vom 11. Mai 2007.
  • Brandenberger, U.: Eine 1. August-Rede als Publikationshelfer. WeiachBlog Nr. 1352 vom 28. Oktober 2017.
  • Brandenberger, U.: Weiach 1271. Der Schatten einer Urkunde. WeiachBlog Nr. 1379 vom 2. November 2018.
  • Brandenberger, U.: Die älteste erhaltene Erwähnung: StAZH C II 2, Nr. 79 e. WeiachBlog Nr. 1400 vom 17. Juni 2019.