Montag, 11. Januar 2010

Eyer-Fresser! Schimpfworte Anno 1754

Im ältesten erhalten gebliebenen Stillstandsaktenbuch der Kirchgemeinde Weiach (also dem Protokoll der Kirchenpflege) hat der damalige Pfarrer, Hartmann Escher, der Nachwelt ein Zeugnis über seinen Versuch hinterlassen, die Gemeinde Weiach mit harter Hand auf Vordermann zu bringen. WeiachBlog berichtete vor geraumer Zeit darüber (vgl. Links ganz unten).

Andere Zeiten, andere Schlötterlig

Nun waren es vor 250 Jahren gewiss andere Zeiten als heute; das Ancien Régime sass noch im Sattel und versuchte das Heft in der Hand zu behalten. Offensichtlich war da aber selbst bei höhergestellten Untertanen beträchtlicher Unmut vorhanden, der sich - juristisch ausgedrückt - in Form von Verbalinjurien äusserte.

So jedenfalls kann man den folgenden Protokoll-Eintrag vom 13. Oktober 1754 erklären. An diesem Tag wurde nämlich Stillstand gehalten und

«vor Denselbigen aus Oberkeitlichen befehl gestelt Jacob Meyerhoffer Altweibel, der [den] G[nädigen] Hrn Baron de Landow (?) Obervogt zu Kayserstuhl einen Eyer-Freßer und mit andern wüsten worten geschmähet, und deßwegen zu Zürich in dem Oetenbach mit täglich 6 streichen an der Stud 3 tag gezüchtiget worden, deme dann das nothwendige vorgehalten worden: Er wolte anfangs nicht unten an den Treppen des Chors stehen, sonder in seinen ohrt in dem Chor gehen mit Vorgeben, da er vor einigen Jahren wegen begangenem S.v. Ehebruch auch da gestanden seye, wurde aber von dem Pfrhr zurückgewiesen, welches er endlich angenohmmen, und die ermahnungen mit aüsserlich bezeigter reüwe angehört, darbey aber allezeit auf eine falsche von Dorffmeyer zu Thengen gemachte anklag abstellen wollen.» [Transkription Zollinger]

Bei diesem «Baron de Landow» handelt es sich um Johann Franz Freiherr von Landsee, denselben Obervogt, der Jahre später den Enchiridion Helveticum Constantiae Episcopalis verfassen sollte (vgl. WeiachBlog-Beitrag: Warum Lesen den Sittenzerfall fördert).

Warum ist Eyer-Fresser ein Schimpfwort?

Man kann sich das so vorstellen: In den Zinszahlungen an die Zehntenherren, Grundeigentümer, und anderen Rechteinhaber tauchen immer wieder Verpflichtungen auf, unter anderem einige Dutzend Eier pro Jahr abzuliefern.

Ein Eyerfresser ist also einer, der von eben diesen Abgaben mehr als genug hat, so dass er quasi davon lebt. Würde heute vielleicht das Schmäh-Wort «Abzocker» verwendet? Mehr dazu in den Weiacher Geschichte(n) Nr. 100 (vgl. Link unten).

Die Transkription der Handschrift Eschers (und damit das obige Zitat) verdanken wir - einmal mehr - Lehrer Walter Zollinger:


Das Original findet man nach seinen Angaben im Stillstandsaktenbuch auf Seite 4. Und da ist es auch tatsächlich:


Bei genauer Betrachtung erweist sich hier auch der von Zollinger als «Landow» gelesene Name des Obervogts als ein «Landsee».

Quelle und weiterführende Beiträge

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