Im Frühjahr vor 150 Jahren war die Witterung eine überaus nasse. Es regnete viel mehr als sonst. Solche Bedingungen haben Auswirkungen auf instabile Hänge.
Erdrutsche (früher als Erdschlipf bezeichnet) gab und gibt es auch auf Weiacher Boden. So im Geländeeinschnitt zwischen der «Fasnachtflue» und dem «Stein», genannt Soli, worüber Willi Baumgartner-Thut in seiner Monographie über die Weiacher Rebberge berichtet.
Rutschung im «Stein»?
Wo genau das «Häuschen» gestanden hat, dessen Zerstörung am 4. März 1876 in den Zeitungen rapportiert wurde, ist bislang nicht bekannt:
«In der Nähe des Dorfes Weyach, im sogen. Stein, fand am 4. dieß in Folge des anhaltenden Regenwetters ein ca. 40 Jucharten umfassender Erdrutsch statt. Auf einem Theil dieser Grundfläche wurde vor 5 Jahren ein für Fr. 2100 assekurirtes Häuschen erbaut, welches nun in Folge dieser Erdbewegung total zerrissen und unbewohnbar geworden ist. Die Insaßen hörten schon in der vorhergehenden Nacht ein intermittirendes Krachen des Gebälkes und retteten sich am folgenden Morgen noch rechtzeitig in das Dorf Weyach.» (NZZ, 6. März 1876)
Mit dem Begriff «dieß» ist der laufende Monat gemeint. Ähnlich wie beim Kürzel «a.c.» (anni currentis) das laufende Jahr.
Im Bülach-Dielsdorfer Volksfreund (der bis in unsere Tage unter dem Namen Neues Bülacher Tagblatt bekannt war) steht in der Nr. 21 vom Samstag, 11. März 1876 auf Seite 1 unter der Rubrik Lokales eine redaktionell bearbeitete Fassung:
«Weyach. Letzten Samstag fand im sog. "Stein" in Folge des anhaltenden Regenwetters ein zirka 40 Jucharten umfassender Erdrutsch statt. Auf einem Theil dieser Grundfläche wurde vor 5 Jahren ein für Fr. 2100 assekuriertes Häuschen erbaut, welches nun in Folge dieser Erdbewegung total zerrissen und unbewohnbar geworden ist. Die Insassen hörten schon in der vorhergehenden Nacht ein zeitweiliges Krachen des Gebälkes und retteten sich am folgenden Morgen noch rechtzeitig in das Dorf.»
Man sieht, dass die Zeitungen entweder damals schon mehr oder weniger voneinander abgeschrieben haben. Oder vom selben Korrespondenten beliefert wurden, wie wohl in diesem Fall.
Sehr grosse Fläche in Bewegung geraten
40 Jucharten sind eine beträchtliche Fläche, nämlich rund 14.5 Hektaren, die da ins Rutschen gerieten. Das ist genau das Problem, was Baumgartner-Thut für eine bestimmte Sektion im Soli beschrieben hat, die von einer der ab 1909 erstellten Rebstrassen durchschnitten wird. Es ist daher nicht abwegig anzunehmen, dass es sich 1876 um dasselbe Gebiet gehandelt hat, das grossräumig in Bewegung geriet.
Die beschriebene Art der Zerstörung (es sei «zerrissen» worden) deutet darauf hin, dass das Gebäude auf der Rutschfläche stand und Scherkräften ausgesetzt wurde. Das ist umso wahrscheinlicher, wenn es sich um ein gemauertes Gebäude handelt, das nicht auf einer betonierten Fundamentplatte errichtet wurde.
Versicherungsunterlagen helfen weiter
Der Kanton Zürich verfügt seit 1809 über eine obligatorische Brandassekuranz-Anstalt, bei der jedes Gebäude (ausser ganz kleine und solche mit ausserordentlichen Risiken) versichert werden musste. Die Lagerbücher dieser Anstalt stellen daher einen fast lückenlosen Gebäudekataster dar.
Blättern wir in dem Exemplar, das im Weiacher Gemeindearchiv liegt, dann finden wir genau ein Gebäude, auf das die im Zeitungsbericht genannten Kriterien (mit einer Ausnahme) zutreffen. Das Haus «Nr. 122 Im Stein»:
«Das Namens des Felix Meier vor dem Stein gestellte Gesuch des Gemeindrathes Weiach um eines a-Verabreichung-a [sic!] Unterstützungsbeitrages an den durch Erdrutsch resp. Zerstörung seines Wohnhauses erlittenen Schaden.»
Quellen und Literatur
- Neue Zürcher Zeitung, Nr. 119, 6. März 1876, Zweites Blatt, S. 1.
- Bülach-Dielsdorfer Volksfreund, Nr. 21, 11. März 1876, S. 1.
- Lägern-Bote, Nr. 11, 11. März 1876, S. 3.
- Statth. Amt Dielsdorf; Polizeirapport betr. Gefährdung d. Hauses d. Felix Meier im Stein - Weiach dch Erdrutschungen. Regierungsratsprotokoll v. 7. März 1876. Signatur: StAZH MM 2.211 RRB 1876/0635
- Felix Meier in Weiach; Beitragsgesuch. Regierungsratsprotokoll v. 26. April 1876. Signatur: StAZH MM 2.212 RRB 1876/1088
- Gdrth Weiach; Gesuch um e. Staatsbeitrag an Felix Meier. Regierungsratsprotokoll v. 27. Juni 1876. Signatur StAZH MM 2.212 RRB 1876/1689
- Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Gemeinde, 1834-1894. Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01.
- Brandenberger, U.: Murgänge auch im Mittelland möglich. WeiachBlog Nr. 12, 11. November 2005.
- Baumgartner-Thut, W.: Der Rebberg von Weiach im 20. Jahrhundert. [s.d.; s.l.; laut Vorwort im Dezember 2022 abgeschlossen; Selbstverlag des Autors]. Weiach 2023.


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