Sonntag, 10. Mai 2026

Bührer-Traktor mit Holzvergaser. Auf kriegswirtschaftlichen Spuren

Zweiter Weltkrieg, viertes Kriegsjahr. Auch im Winter 1943/44 konnte der Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich noch regelmässig gedruckt werden. Aber die Druckerei musste sich den Rationierungsvorschriften unterziehen. Die Kriegszeit war nämlich auch eine Zeit der rigorosen Ressourcenbewirtschaftung: von Lebensmitteln über Brennstoffe aller Art bis hin zu Arbeitskräften. 

In der genannten Tageszeitung erschien am 9. Dezember 1943 ein Inserat, das zeittypisch genannt werden darf. Ein Weiacher bot seinen Bührer-Traktor (Jg. 1938 mit 4 Zylindern und 17 PS) zum Verkauf an. Besonderes Merkmal: die Holzgasanlage. 

Dieses landwirtschaftliche Nutzfahrzeug war also auf die neuen Anforderungen der Mangelwirtschaft umgebaut worden. Statt mit Dieseltreibstoff lief der Ford B-Motor seither mit einem Holzvergaser (Für einen Eindruck, wie das im Betrieb etwa ausgesehen hat, vgl. diese Seite des Meilimuseums). Statt einfachem Vorglühen war nun aufwändigeres Einheizen erforderlich. Man braucht also einiges mehr an zeitlichem Vorlauf, um loslegen zu können. Dann funktioniert es aber ganz ordentlich.

Wer war der Verkäufer? Ein Blick ins Telephon-Verzeichnis

Der Eigentümer war tagsüber auswärts berufstätig und deshalb erst ab 19 Uhr erreichbar. Um herauszufinden, bei wem der Anschluss mit der Nummer 94 22 74 damals eingerichtet war, blättern wir im Band 3 des Telefonbuchs der PTT für 1945/46:

Auf den Seiten 685 u. 686 sind die Weiacher Anschlüsse aufgelistet. Hier die ersten fünfzehn von 42 Einträgen:


Die Lösung findet sich auf der letzten Zeile: Albert Gomringer-Meierhofer, Ackerbauunternehmer. Ob sich Gomringer einen anderen Traktor gekauft, oder gar die Geschäftstätigkeit aufgegeben hat, ist derzeit nicht bekannt.

Kommunales Brennstoffamt

Aus dem Verzeichnis lässt sich noch ein weiteres kriegswirtschaftliches Detail ablesen: Der Zivilstandsbeamte, Heinrich Baltisser, leitete in Personalunion auch gleich das Brennstoffamt. Im kleinen Weiach konnte das wohl eine Einzelperson erledigen.

In der Stadt Zürich waren dafür ganze Verwaltungsabteilungen nötig, wie man dem Archivverzeichnis zum Bestand der Zentralstelle für Kriegswirtschaft entnehmen kann. Von deren Abteilung Brennstoffe wurden 1943 beispielsweise Leseholz- und Tannzapfensammelaktionen organisiert. Und 1945/46 war sogar das Sägemehl rationiert.

Es ist anzunehmen, dass der Betrieb eines Holzvergasertraktors auch in Weiach nicht ohne die Genehmigung des lokalen Holzvorrats-Bürokraten erlaubt gewesen ist.

Quellen
  • Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich, Nummer 289, 9. Dezember 1943, S. 21.
  • Verzeichnis der Telephon-Teilnehmer. Bd. 3. Appenzell A.-Rh., Appenzell I.-Rh., Glarus, Graubünden, St. Gallen, Schaffhausen, Schwyz, Thurgau, Zug, Zürich, Fürstentum Liechtenstein. 1945/46. Signatur: PTT-Archiv, P-260-1_3_1945.

Montag, 4. Mai 2026

KI-Rüstungswettlauf animiert zu Datenraubzügen

Die Online-Publikation WeiachBlog befindet sich mittlerweile in ihrem 21. Lebensjahr. In der rasant sich entwickelnden Internetwelt ist der Umstand, dass der Blog immer noch auf derselben Plattform wie ganz am Anfang gehostet wird (nämlich Blogger), schon ziemlich ungewöhnlich. Ungewöhnliches passiert aber gegenwärtig auch mit der Rezeption der Inhalte des Blogs. Die werden nämlich fast nur noch von Robotern gelesen.

Im Artikel «KI-Chatbots und die Weiacher Ortsgeschichte» (WeiachBlog Nr. 1969, 16. August 2023) wurde indirekt die Frage erörtert, ob die sog. Künstliche Intelligenz die Arbeit des Ortshistorikers bald überflüssig machen werde. Und mit einem Nein beantwortet. Das gilt vorderhand auch weiterhin.

Von Suchmaschinen zu KI-Bots? Sieht so aus.

Bemerkenswert ist in den letzten Monaten hingegen, wie extrem sich der Datenhunger der KI-Bots auf die Zugriffsstatistiken auswirkt. Es war bisher schon so, dass bei WeiachBlog die meisten Zugriffe über Treffer bei den führenden Suchmaschinen, namentlich Google, generiert wurden.

Nun stellt allerdings jede halbwegs noch im Rennen sich befindende Suchmaschine bereits einen KI-Modus zur Verfügung, oder bietet gleich oberhalb der herkömmlichen Suchresultate eine KI-generierte Zusammenfassung an. 

Entsprechend intensiv ist der Datenhunger der KI-Industrie, die ihre automatisierten Crawler den Cyberspace mit ihren Schleppnetzen durchpflügen lässt wie industrielle Fischtrawler die Weltmeere. Wie ich darauf komme? Schauen Sie sich mal diese Grafik an:

32861 Aufrufe an einem einzigen Tag, dem Freitag, 13. März 2026. Paraskevetriskaidekaphobiker, also Leute, die Angst vor Freitag, dem Dreizehnten haben, könnten das nun als böses Omen deuten. Aber es geht ja um Zugriffe auf einen kleinen Blog zu einem Nischen- und Orchideen-Thema, das nun wirklich kaum jemanden interessiert. Ausser vielleicht ca. 30 bis 50 Stammleser. Höchstens.

Das ganz grosse Schleppnetz ausgeworfen

In den vergangenen 365 Tagen hat dieser eine Tag mehr als 14 Prozent aller Seitenaufrufe dieses Jahres generiert. Und das wohlverstanden bei einem Blog, der gerade einmal rund 2300 Einzelartikel, dazu rund 250 Monatsartikel aufweist. WeiachBlog gibt es nämlich seit Ende Oktober 2005, ein Umstand den jeder Besucher leicht selber eruieren kann. Mit anderen Worten: jede einzelne dieser Seiten wurde allein an diesem einen Tag statistisch gesehen fast 13mal aufgerufen. Der reine Wahnsinn. Wozu macht eine KI so etwas? Einmal herunterladen reicht doch, oder nicht?

Der März 2026 lässt alle anderen Monate auf dem Blogger-Portal wie unbedeutendes Rauschen aussehen. Allein dieser März sah 72280 Aufrufe. Das sind 8 Prozent aller rund 898'000 Aufrufe, die seit Messbeginn im Juli 2010 registriert wurden. Ein durchschnittlicher Monat dürfte also eigentlich nicht weit über 0.5 Prozent zu liegen kommen.

In Vor-KI-Zeiten kam praktisch der gesamte Traffic über die Google Search Engine herein. Blickt man heute ein Jahr zurück, dann sind über 96 % von sog. Sonstigen generiert worden. Und das können nun wirklich nur die sich im totalen Rüstungswettlauf Richtung Artificial General Intelligence gegenseitig überbietenden Bots von KI-Firmen sein.

Warum so extreme Zugriffszahlen?

Was hier passiert erleben viele andere Blogbetreiber wohl genauso. Ein klassisches Beispiel für den KI-Trainings- und Indexierungs-Hunger der grossen Modelle. KI-Firmen (wie OpenAI, Anthropic, Google, xAI, Perplexity, Meta usw.) betreiben daher massiv skalierte Crawler. Die machen nicht nur einmal einen Snapshot einer Seite, sondern:

  • Laden Seiten wiederholt (Aktualitäts-Checks, Rendering mit JavaScript, Extraktion von Strukturdaten).
  • Folgen internen Links aggressiv (bei WeiachBlog mit 2300+ Artikeln und vielen internen Querbezügen ergibt das schnell viele Tausend Requests).
  • Nutzen teilweise parallele Crawler-Clusters, die fast gleichzeitig zuschlagen.

Diese neuen Werkzeuge erzeugen dadurch Traffic-Signaturen, die klassische menschliche Nutzer oder normale Suchmaschinen-Crawler wie Zwerge aussehen lassen. Was sie ja auch zunehmend sind.

Samstag, 2. Mai 2026

Nachlässiger Redaktor im Berner Seeland

Vor ziemlich genau vier Jahren ist mit WeiachBlog Nr. 1817 der Bericht des «Seeländer Boten» über eine Wagenentgleisung der Schweizerischen Nordostbahn (NOB) kurz vor der Station «Weiach-Kaiserstuhl» abgedruckt und zeitlich eingeordnet worden. Allerdings falsch: Um genau eine Woche zu spät, auf den Samstag 26. Februar 1898.

Nun war dieser Samstag, 26. Februar allerdings auch das Publikationsdatum eines faktisch wortgleichen Beitrags im Winterthurer Landboten. Vgl. die Titelseite für Datum und Wochentag: 

Der Nebel lichtet sich

Vor vier Jahren waren die retrodigitalisierten Bestände des 19. Jahrhunderts zweier wichtiger Zeitungen von der Zürcher Landschaft, dem «Landboten» (aus Winterthur) sowie dem «Zürcher Oberländer» (damals noch Der Freisinnige. Anzeiger des Bezirkes Hinweil) noch nicht verfügbar. 

Heute kann man sie auf e-newspaperarchives.ch abrufen. Und stellt fest: der Unfall ereignete sich am 19. Februar 1898!

Der Redaktor des Seeländer Boten hat wohl «1 1/2» in «anderthalb» umformuliert, jedoch vergessen, den Passus «am vergangenen Samstag» zeitlich richtig einzuordnen. Er hätte daraus «am vorletzten Samstag», o.ä. machen müssen.

Wir ersehen hieraus, dass allzu unkritisches Verwursten von Nachrichten (womöglich, ohne sie richtig gelesen oder gar verstanden zu haben) durchaus kein Phänomen heutiger Newsrooms von Redaktionen ist, die mittlerweile genausogut auf den Tokelau-Inseln angesiedelt werden könnten.

Agenturmeldung? Die Fassung des Landboten

Zum Belege des Gesagten hier die Fassung, die der Redaktor des Seeländer Boten für seine Ausgabe vom 1. März möglicherweise verwendet hat:

«Auf der Bahnstation Weiach entgleiste am vergangenen Samstag vor Einfahrt in die dortige Station ein Personenwagen des in der Richtung von Winterthur kommenden Bahnzuges infolge Bruches einer Radbandage. Ohne weiteren Unfall konnte der Zug zum Stehen gebracht werden, worauf die Jnsaßen des betroffenen Wagens dislocirt und dieser ausrangirt wurde. Die Passagiere kamen mit einiger Aufregung davon. Einer derselben schlug in seiner Angst eine Scheibe ein, um sich durch das Fenster zu retten und erhielt hiebei eine Verletzung an der einen Hand. Nach etwa 1 1/2 stündigem Unterbruch konnte der Zug seine Fahrt fortsetzen.» (Der Landbote, Nummer 48, 26. Februar 1898, S. 2)

In derselben Ausgabe wird übrigens ausführlich ein Artikel fortgesetzt, in dem es um die Ablösung der Konzession des Bundes für die NOB ging (diese wurde bekanntlich 1902 in die neu gegründeten Schweizerischen Bundesbahnen integriert). Das Kapitel II hebt an mit den Worten: «Der Bericht des Eisenbahndepartements zeichnet für die Verhandlungen mit der Nordostbahn betreffend Bestimmung des Rückkaufobjektes und Rechnungsaufstellung folgende Momente.»

Quelle und Literatur

  • Der Landbote, Nummer 48, 26. Februar 1898, S. 2.
  • Brandenberger, U.: Radbandage gebrochen. Passagier schlägt in Panik Scheibe ein. WeiachBlog Nr. 1817, 25. April 2022.