Samstag, 13. Juni 2026

Mühle beim Rhihof weg, halbe Rheinbrücke bei Kaiserstuhl weg!

Wenn der Rhein Hochwasser führt, dann kann es an seinen Ufern gefährlich werden. Allzu viel Schmelzwasser und/oder sintflutartige Niederschläge im Einzugsgebiet seiner Zuflüsse erhöhen sowohl den Pegel wie die Fliessgeschwindigkeit.

Vor den 1920er-Jahren, als es den Rheinstausee östlich des Kraftwerks Eglisau noch nicht gab, war es auch nicht möglich, den Abfluss vorsorglich zu regulieren. Dank meteorologischer Voraussagen und vernetzter Wassermanagement-Fachstellen ist heutzutage eine wesentlich bessere Planbarkeit gegeben.

Breaking news aus dem Wasserkatastrophenjahr 1876

Nicht so im Juni vor 150 Jahren. Damals führten – quer über die Schweiz verteilt – regional auftretende sintflutartige Regenfälle über Wochen hinweg zu massiven Überschwemmungen und enormen Schäden. Begonnen hatten die Probleme bereits im Frühjahr: in Weiach anfangs März 1876 bspw. mit einem grossflächigen Erdrutsch unter dem «Stein» (vgl. WeiachBlog Nr. 2326).

Am heutigen Datum vor anderthalb Jahrhunderten, dem Dienstag, 13. Juni 1876, meldete die Neue Zürcher Zeitung im Zweiten Blatt (d.h. der Abendausgabe) unter der Rubrik Neuestes:

«- In Glattfelden ist heute (13.) Vormittag, etwas vor 10 Uhr, die Staatsbrücke zusammengestürzt und somit die Verbindung mit Weyach abgeschnitten. Die Glatt ist immer noch im Steigen.

- Soeben kommt die telegraphische Nachricht, daß das Mühlegebäude im Grießgraben bei Weyach vom Rhein weggespühlt worden; ebenso die Hälfte der Rheinbrücke bei Kaiserstuhl; die andere Hälfte ist ebenfalls sehr bedroht.»

Glattbrücke auf Befehl abgefackelt

Mit der Staatsbrücke ist die Querung der Glatt durch die Hauptstrasse Nr. 7 gemeint. Wer diese wohl nicht ganz faktengetreue Mitteilung nach Zürich übermittelt hat, ist unklar. In der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung vom Samstag, 17. Juni 1876 findet sich zur Situation in unserer östlichen Nachbargemeinde nämlich folgende dramatische Schilderung: 

«Glattfelden 16. Juni. Letzten Montag [12. Juni] begann die Glatt auch hier ihr verheerend Spiel in einem Maße wie nirgends. Am Dienstag [13. Juni] mußte die gedeckte Staatsbrücke um dem Wasser Abzug zu verschaffen, auf Befehl des Kreisingenieurs Hohl mit Petroleum angezündet und verbrannt werden. Alle Brücken und Wuhrungen sind zerstört. Ihr altes Bett verlassend hat die Glatt gegenwärtig wohl die dreifache frühere Breite, nichts überflutend sondern alles vor sich herreißend. Der ganze schöne Kanal von der Spinnerei bis zur Säge ist verschwunden. Die schönsten und besten Wiesen auf der rechten Seite des Flusses in der ganzen Länge fortgeschwemmt....»  (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5b)

Kaiserstuhler Augenzeugen telegraphierten nach Zürich

Die zweite Meldung über den Verlust der Mühle beim Rheinhof und die Beschädigung der Rheinbrücke zwischen Schloss Rötteln und dem Städtchen kann nur von Kaiserstuhl aus abgeschickt worden sein. 

Erstens sah man dort die Trümmer der Rheinmühle vorbeischwimmen. Trümmerteile und Baumstämme waren wohl auch die Ursache für die massiven Schäden an der erst 1823 von Baumeister Blasius Balteschwiler errichteten Holzbrücke. Diese war übrigens der Ersatz für die 1817 ebenfalls von einem Rheinhochwasser weggerissene Vorgängerin. Zwischen 1885 und 1891 folgte dann der Neubau der Stahlträgerbrücke mit zwei markanten Bogen, die bis 1985 den Strom überquerte (vgl. Wikipedia).

Zweitens wird im Eidgenössischen Staatskalender 1870/71 für Kaiserstuhl ein Florian Mayenfisch als Telegraphist genannt. Im Gegensatz zum Glattfelder Stelleninhaber war er nicht Postbeamter. Diese beiden waren es wohl auch, die diese NZZ-Nachrichten nach Zürich übermittelt haben.

So schlimm wie 1789! Sachstandsberichte vom Montagabend, 12. Juni 1876

Albert Leemann hat in seiner Dissertation (S. 118, Fn-5a) auch weitere Auszüge aus der Bülach-Dielsdorfer Wochen-Zeitung vom Mittwoch, 14. Juni 1876 abgedruckt. Sie zeigen deutlich Ursachen und Wirkungen der Katastrophe auf:

«Wassernoth. Montag Abend. Am letzten Samstag bedeckte sich der Himmel mehr und mehr. Nach einigen vorhergehenden Regenschauern eröffnete Abends ein mit dem Nordwind dahintreibendes Gewitter einen nun 2 Tage andauernden durch neue Gewitter gestärkten Regen. Die Gewitter nehmen ihre Richtung mehr den Vorbergen der Alpen entlang, als über unser Hügelland. Unsere Flüsse, auch die größeren Bäche sind angeschwollen. Die Glatt ist etwas höher als letzten Winter und wird wegen ihrer beiden Seen erst morgen anschwellen. Gleichwohl hat sie viel, sehr viel Mattland unter, in Niederglatt Häuser, ins Wasser gesetzt. Der Rhein ist stark angeschwollen, einen Fuß höher als 1817, wenig minder als die größte bekannte Größe von 1789. Der über 20 Fuß lange Pegel unten an der Brücke in Eglisau ist zu kurz. Das Wasser erreichte um 7 Uhr abends die tieferen Enden der Brückenverschalung bis auf wenige Zoll. Im Laufe des Tages stieg das Wasser stündlich 4 Fuß. Die Brücke bei Kaiserstuhl ist fortgerissen. 2 der Pappeln oberhalb dem Zollhaus sind wegen Unterspühlung gefallen.» (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5a)

Diese Unterspülung könnte ein Hinweis auf die Ursache für den Verlust der Brücke sein. Nämlich dann, wenn das Widerlager auf der deutschen Seite dadurch beschädigt wurde.

«Eglisau 12. Juni 7 Uhr 25 abends. Der Rhein ist größer als 1817. Oberriedt, die Ufergelände und das Salzhaus sind eine Treppe hoch unter Wasser. Untere Brückenkante nur 2—3 Fuß über Niveau. Differenz von 10—15 Fuß über gewöhnlichem Wasserstand. Fallen nicht bemerkbar. 13. Juni vormittags 9 Uhr: Der Rhein ist über Nacht bis jetzt mindestens 2 Fuß gefallen. Es kommt weniger Schwemmholz. Rheingröße jetzt noch gleich 1789. Es ist dies die höchsterlebte ....» (Zit. n. Leemann 1958, Fn-5a)

Es ist also ein ziemliches Wunder, dass die ebenfalls aus Holz konstruierte, gedeckte Brücke von Eglisau dieses Hochwasser überstanden hat – im Gegensatz zu ihrer Schwester bei Kaiserstuhl.

Quelle und Literatur

Donnerstag, 11. Juni 2026

Plakätchen-Aktion für Nachhaltigkeitsinitiative quer durch's Dorf

Ein Weiacher aus der jungen Generation hat in den letzten Tagen private Initiative entwickelt. Wie man hört, habe der Lokalpatriot werbetechnisch mobilgemacht. Und offenbar nicht weniger als vierzig Botschaften im Stil der abgebildeten quer durch's Dorf im Kleinformat plakatiert.

Der junge Mann hat sich nicht nur das Weycher Wappen tätowieren lassen (vgl. WeiachBlog Nr. 2028), sondern ruft jetzt aktiv zum Urnengang am nächsten Sonntag auf:

Sowohl das Tool zur Erstellung wie auch das ikonographische Motiv linkerhand stammen aus dem Land der unbegrenzten KI-Möglichkeiten, den Vereinigten Staaten von Amerika. Dem Land der Redefreiheit und des privaten Waffentragens.

War Wilhelm Tell Linkshänder?

Auch Bild und Botschaft sind eindeutig vom «Land of the free» inspiriert. Der artifiziell aus Bits und Bytes erzeugte Wilhelm Tell tritt dem Betrachter in der Pose des Uncle Sam entgegen, des personifizierten Staates, wie er 1917 auf Plakaten zum Dienst für das amerikanische Vaterland aufrief. Unterschiede gibt's natürlich auch: Tell scheint Linkshänder gewesen zu sein. 

Grenzen des Wachstums sind der Grund für unser Gemeindebürgerrecht

Einem Zürcher – und zumal einem Weiacher heutiger Tage – muss man eigentlich keine Vorträge darüber halten, welche Folgen überbordendes Wachstum haben kann. Die meisten erleben es tagtäglich in ihrem eigenen Umfeld. Ob in der Schule, auf der Strasse oder am Arbeitsplatz – sofern man denn noch einen hat.

Erinnert sei nur daran, wie auch die Wurzeln unseres Gemeindebürgerrechts in der Erkenntnis liegen, dass die natürlichen Lebensgrundlagen und die daraus erwirtschafteten Ressourcen der Gemeinde eben nicht unendlich belastet werden können.

In Weiach war das unter anderem der sog. Bürgernutzen aus dem Gemeindewald, der einen Zuzug höchst attraktiv machte. Im 16. Jahrhundert wurde der Wald in der Folge derart heftig übernutzt, dass «schier nüt dann Gstrüpp» vorhanden sei, wie eine Delegation von Ratsherren aus Zürich 1566 entsetzt feststellte. Also nur noch Brennholz, aber kein Bauholz mehr. 

Die für unser Dorf zuständigen Obrigkeiten haben sich daher 1567 auf die sog. Holzordnung geeinigt, die die Nutzung massiv deckelte. Auch danach gab es unter den Einwohnern und mit Nachbargemeinden immer wieder heftigen Streit um die Nutzung von Allmendland und Wald. 1596 wurde daher die erste Gemeindeordnung dekretiert und die Holzordnung ihr integraler Bestandteil. Und 1598 erhielt die Gemeinde Weiach auf eigenes Verlangen überdies einen neuen Einzugsbrief, also das Recht auf eine höhere Lenkungsabgabe.

Neuzuzüger-Gebühren massiv erhöht

Statt 10 Gulden wie bisher mussten Zuzüger aus Nachbargemeinden im Neuamt nun fortan 15 Gulden in die Gemeindekasse einzahlen. Andere Zürcher 20 Gulden. Wer von ausserhalb des Zürcher Herrschaftsgebiets kam, aber doch Eidgenosse war, hatte das Vierfache eines Neuämtlers hinzublättern: 30 Gulden der Gemeinde und 30 Gulden dem Neuamtsobervogt als Vertreter des Zürcher Staates. Für eigentliche Ausländer war der Tarif nach oben offen und lag im Ermessen der Gemeinde (für die Details, vgl. WeiachBlog Nr. 1453).

Das heisst: Sofern er denn überhaupt aufgenommen wurde. Denn da gab es in diesem Einzugsbrief den Artikel 5, mit folgendem Wortlaut für Angehörige anderer Kantone und Ausländer:

«Wellich personen ouch sy, die usserthalb unnseren herrligkeiten (es syge jnn ald ußerthalb einer Eydtgnoschafft) erboren, vorgemelter wyß annemmen wurden, söllent sy [also die Weiacher] denselben zuo jnen zezüchen nit bewilligen, sy [die Auswärtigen] erzeigind und leggind dann vor allen dingen dar jre manrecht und abscheid, ouch brief und sigel deß jnhalts, das sy fromm, redlich, ehrlich lüth, [...] deßglychen dz an dem ort, dadannen einer bürtig [Heimatort], der bruch und dz recht sye, wenn er mitt tod abgienge, kinder und aber nit guot verließe, das dieselben daruß erzogen und erhalten werden möchten, dz syne gfründten die kind zuo jren handen zenëmmen und ohne anderer lüthen beschwerd zuo erzüchen pflichtig syen.»

Wer also nicht mit Brief und Siegel seiner Heimat nachweisen konnte, dass er ehrlich und redlich sei, und nach seinem Ableben für den Unterhalt seiner Nachkommen umfassend gesorgt sei, der hatte schon einmal keine Chance in den Kreis der Weiacher aufgenommen zu werden. 

Abstimmungsunterlagen rechtzeitig in den Gemeindebriefkasten!

Ob Sie nun finden, dass die Massnahmen unserer Vorfahren von 1598 übertrieben oder völlig gerechtfertigt gewesen seien, Sie sehen: Der Titel «Nachhaltigkeitsinitiative» ist nicht aus der Luft gegriffen. 

Wer seine Briefunterlagen noch nicht postalisch abgeschickt hat, der werfe seine Stimmzettel im amtlichen Couvert in den Gemeindebriefkasten. Oder noch besser: Der gehe am Sonntag ganz traditionell an die Urne!

Literatur

  • Weibel, Th.: Sammlung Schweizerischer Rechtsquellen, I. Abteilung: Die Rechtsquellen des Kantons Zürich. Neue Folge. Zweiter Teil. Rechte der Landschaft. Erster Band. Das Neuamt. Aarau 1996 – Nr. 186. Einzugsbrief, Artikel 5, S. 416.
  • Brandenberger, U.: Notariat Niederglatt – letztes Relikt des Neuamts. WeiachBlog Nr. 34, 6. Dezember 2005. 
  • Brandenberger, U.: Gestaffelte Tarife für die Neuzuzüger-Abgabe. WeiachBlog Nr. 1453, 27. Dezember 2019.
  • Brandenberger, U.: Weycher Wappen auf der Haut. Eine Frage der Blasonierung. WeiachBlog Nr. 2028, 16. Januar 2024.

Mittwoch, 10. Juni 2026

Auf dem letzten Zacken. Die Kreditabrechnung der 750-Jahr-Feier

An der Gemeindeversammlung vom 11. Juni, der sog. Rechnungsgemeinde, hat Präsident Stefan Arnold den letzten grossen Auftritt seiner zwölf Amtsjahre. Gleichzeitig dürfte das auch der letzte Anlass sein, bei dem er sich mit einem anderen Präsidenten – demjenigen der Rechnungsprüfungskommission (RPK) – in den Ring begeben und dort öffentlich die Klingen kreuzen muss. Denn ab 1. Juli konstituiert sich der neue Gemeinderat. Und eine personell rundum erneuerte RPK.

Das Geschäft Nr. 4, die Kreditabrechnung der 750-Jahr-Feier, dürfte am meisten zu reden geben. Man kann dies schon allein an der Länge des dazugehörenden RPK-Abschieds abschätzen. Aber auch an den beiden weiteren Kreditabrechnungen und der Jahresrechnung 2025 der Politischen Gemeinde. Die vermochten nämlich der – in den letzten vier Jahren überaus streitbaren – RPK keine ins Gewicht fallenden Bemerkungen zu entlocken.Kryptische Nachricht for insiders only

«Der Gemeinderat hat die Kreditabrechnung zur 750-Jahr-Feier vom 9. bis 11. September 2022 zuhanden der Gemeindeversammlung vom 11. Juni 2026 verabschiedet. Die Veranstaltung schliesst bei Gesamtaufwendungen von rund CHF 456'700 und Einnahmen von rund CHF 366'300 mit einem Defizit ab. Der Gemeindebeitrag beträgt insgesamt CHF 240'339.14. Nach Rückfluss von Mitteln aus der Auflösung der IG reduziert sich die effektive Nettobelastung der Gemeinde auf CHF 223'737.43. Der bewilligte Verpflichtungskredit wurde insgesamt eingehalten.»  (MGW Mai 2026, S. 6; PDF, 6.5 MB)

Aussenstehende, die diesen Abschnitt 750-Jahr-Feier Weiach: Kreditabrechnung in der Mai-Ausgabe des Mitteilungsblattes gelesen haben, dürften sich etwas ratlos am Kopf gekratzt haben: Wie ging das und was haben die da eigentlich gerechnet? Verstehen Sie das? 

Nun, da blieb nichts anderes übrig, als bis 20 Tage vor dem Versammlungstermin zu warten. Das ist nämlich der gesetzlich festgelegte späteste Zeitpunkt, an dem Gemeindeschreiber Diethelm den Beleuchtenden Bericht auf der offiziellen Website aufzuschalten hat.

Gemeindebeitrag reichte nicht. Aus dem Ruder gelaufenes Defizit

Man hätte natürlich auch in alten Mitteilungsblättern suchen können. Aber der Beleuchtende Bericht fasst die Abfolge der Ereignisse zum besseren Verständnis bequemer zusammen (Geschäft Nr. 4 auf S. 9-12):

Kein Wort davon, dass das Defizit nur auf den Timbersports-Teil ennet der Hauptstrasse, nicht aber auf das zeitgeistig-politisch-korrekte Musical «Die Tigerin von Weiach» im Oberdorf zurückzuführen ist.

Der Gemeinderat musste anderthalb Monate nach dem Fest in Eigenkompetenz noch 80'000 Franken (2 Steuerprozentpunkte) nachschiessen, als man die Ausmasse des Loches post factum abschätzen konnte. 

Verluste auf nächste Jahre schieben. Finanzjongleure in Aktion

Damit hat der Gemeinderat das Maximum seiner eigenständigen Finanzkompetenz zu «im Budget nicht enthaltenen neuen einmaligen Ausgaben bis Fr. 80‘000 für einen bestimmten Zweck» nach Art. 26 Abs. 1 Ziff. 1 der Gemeindeordnung (GO 2022) bis ans Limit ausgeschöpft. Und Glück gehabt, dass dieser Rahmen gerade so häb chläb ausgereicht hat, wenn man grosszügig durch die Finger schaut und noch etwas die Erfolgsrechnung eines späteren Jahres anzapft.

Was in dieser Abrechnung auch nicht so ganz transparent ist: Die 2019 bewilligten 150'000 Franken sind also Teil der Einnahmen der «IG 750 Jahre Weiach»? Und der Nachtragskredit samt zusätzlichen Aufwendungen zu Lasten der Erfolgsrechnung (2025?) deckt das Defizit ab?

Manöverkritik des OK: «Insgesamt» positiv. Mit Eintrübungen

Die «Weisung» zum Geschäft Nr. 4 versucht jedenfalls das Gesamtbild zu retten: 

«Die 750-Jahr-Feier der Gemeinde Weiach fand vom 9. bis 11. September 2022 statt. Das Organisationskomitee (OK) zieht insgesamt ein positives Fazit. Insbesondere das Musical fand grossen Anklang in der Bevölkerung. Auch von den Sponsoren sowie den Veranstaltern der STIHL Timbersports gingen sehr gute Rückmeldungen ein.»

Zwischen den Zeilen kann man herauslesen, dass Timbersport für viele Weiacherinnen und Weiacher nicht ein Bestandteil ihrer Vorstellungen von einem gelungenen Dorffest war und ist. Gerade die schon seit Jahrzehnten mit der Gemeinde verbundenen älteren Semester erinnern sich eben noch an die – in ausgeräumten Ökonomieteilen und auf den Strassen des Oberdorfs gefeierten – legendären Feste, bspw. die von 1987 oder 2012.

Wie das OK die Abweichungen begründet

Dann allerdings folgt der Klartext doch noch:

«Das Budget konnte weder auf der Aufwand- noch auf der Ertragsseite eingehalten werden. Die Hauptgründe sind:
• Geringere Besucherzahlen infolge schlechten Wetters (insbesondere am Freitag)
• Parallel stattfindende regionale Veranstaltungen
• Ungenügende Budgeteinhaltung
• Fehlende operative Anpassungen während des Anlasses
• Unbewährtes Gutscheinsystem
• Erträge überwiegend aus Getränkeverkauf

Wesentliche Kostenabweichungen ergaben sich insbesondere bei:
• Vereinshelfern
• Stromversorgung»

RPK: Unrealistisch dimensioniert, intransparent budgetiert, unwirksames Kostencontrolling!

Die Rechnungsprüfungskommission der Gemeinde Weiach zerpflückt oben Zitiertes (aus dem GRB 55/2026) in ihrem anderthalbseitigen (!) Kommentar [Zwischentitel: WeiachBlog]:

«[...] Die im Gemeinderatsbeschluss aufgeführten Gründe für die Abweichungen, insbesondere schlechtes Wetter, geringere Besucherzahlen, parallel stattfindende Veranstaltungen, Budgetdisziplin, operative Anpassungen, Gutscheinsystem sowie tiefere Gastro- und Getrankeertrage, sind als allgemeine Erklärung nachvollziehbar. Kritisch zu hinterfragen ist jedoch, weshalb anschliessend ausgerechnet die Vereinshelfer und die Stromversorgung als wesentliche Kostenabweichungen hervorgehoben werden.

Gerade bei den Vereinshelfern erscheint diese Gewichtung unverhältnismässig. Die Entschädigung von rund CHF 15.00 pro Stunde stellte im Gesamtkontext des Anlasses keine zentrale Kostengrösse dar, war für die beteiligten Dorfvereine jedoch eine wichtige und berechtigte Einnahmequelle. Wenn Vereine für einen Gemeindeanlass Personal zusagen und bereitstellen, ist es nur bedingt sachgerecht, diese kurzfristig nach Hause zu schicken, weil sich Besucherzahlen oder Wetter anders entwickeln als erhofft.»

Vereine und ihre Mitglieder sollen nicht für Planungsfehler gradestehen

«Die Verantwortung für die Dimensionierung des Gesamtanlasses, die Kostenstruktur und die finanziellen Risiken lag bei der Gesamtplanung und den dafür zuständigen Entscheidungsträgern. Die RPK hält deshalb fest, dass die finanzielle Hauptlehre aus der 750-Jahr-Feier nicht darin bestehen kann, künftig Vereinshelfer früher nach Hause zu schicken. Die Hauptlehre liegt vielmehr darin, dass Gemeindeanlässe realistisch dimensioniert, transparent budgetiert und mit wirksamem Kostencontrolling geführt werden müssen. [Hervorhebung: WeiachBlog] Die Vereinshelfer mögen zahlreich gewesen sein; sie waren aber kaum der Grund, weshalb aus einer Jubiläumsfeier eine Rechnung in der Grössenordnung von fast einer Viertelmillion Franken für die Gemeinde wurde.

Für künftige Anlässe empfiehlt die RPK, finanzielle Risiken frühzeitig auszuweisen und Programmpunkte mit hohen Fixkosten besonders kritisch zu prüfen. Ziel muss sein, Anlässe zu ermöglichen, die für die Bevölkerung attraktiv, für die Vereine fair und für die Steuerzahlenden finanziell vertretbar sind.»

Begründung der Kostenabweichungen nicht stichhaltig!

«Die Rechnungsprüfungskommission empfiehlt der Gemeindeversammlung einstimmig, die Kreditabrechnung zu genehmigen, verbindet dies jedoch mit dem Hinweis, dass die Begründung der Kostenabweichungen nicht stichhaltig erscheinen und bei künftigen Anlässen eine deutlich zurückhaltendere und stärker kostendeckende Planung angezeigt ist.

Weiach, 14. Mai 2026

Der Präsident: [sig.] Peter Lamprecht

Der Aktuar: [sig.] Robin Kohli»

Weshalb hat die Abrechnung des 750-Jahr-Kreditpakets so lange gedauert?

Diese Frage hat der Gemeindeschreiber Th. Diethelm am 4. Juni gegenüber der Redaktion WeiachBlog wie folgt beantwortet: 

«Die Kreditabrechnung wird im Rahmen des Legislaturabschlusses vorgelegt. Da das Vorhaben nach Abschluss der letzten Buchungen im Jahr 2024 keine offenen finanziellen Risiken mehr aufwies, wurden in den vergangenen Jahren aufgrund beschränkter personeller Ressourcen und der Priorisierung dringenderer GV-Geschäfte andere Aufgaben vorgezogen.» (Anm. WeiachBlog: GV = Gemeindeversammlung)

Was bringt es, die Angelegenheit bis zum letztmöglichen Termin zu verzögern? Will man den Kritikern eine besonders stabile Plattform bieten? Denjenigen, die moniert haben, das sei gar kein richtiges Dorffest gewesen (ausser vielleicht der Musical-Teil)? Oder denen, die den nördlich der Hauptstrasse stattfindenden, von Aspen- und Motomix-Düften begleiteten Anlass für Motorsägen-Aficionados gerne als «Stefan-Arnold-Festspiele» bezeichnen?

Der Vorhang fällt. Und viele Fragen bleiben.

Montag, 8. Juni 2026

Es wurden gleich alle zwölf Fenster ersetzt

Mit Fenstern an Gebäuden ist das so eine Sache. Diese Bauteile halten nicht ewig. Manchmal ist es ein heftiger Sturm (wie am 31. Mai 1838, vgl. WeiachBlog Nr. 208), der sämtliche Fensterscheiben auf der Wetterseite (Giebelfassade und Nordwestfassade) zerstört und eine Neuverglasung oder gar noch weiter gehende Reparaturen erfordert. Manchmal aber auch simple Altersschwäche.

In der 2006 veröffentlichten Baugeschichte der Weiacher Kirche gibt es den folgenden Eintrag: «1877 liess man die alten Kirchenfenster durch neue «einfach-verzierte» ersetzen».

Was heisst das nun? Gab es an den alten Fenstern Wappenscheiben? Farbige Glasfenster? Das wissen wir (noch) nicht.

Blättert man im Umfeld der obigen Jahrzahl im Protokoll, dann hat sich die Kirchenpflege Weiach 1876 jedenfalls dazu entschieden, gleich alle Fenster zu ersetzen:

«1. Betreffend die Kirchenfenster wird beschlossen, wenn irgend möglich sämtl. Fenster zu erneuern & den Verwalter zu ersuchen, Concurrenz hierüber zu eröffnen.» (2te Sitzung, den 18. Mai 1876, S. 339)

Das tat Gutsverwalter Meierhofer dann auch. Und zwar sowohl über die amtliche Schiene wie über Inserate in Tageszeitungen. 

Im Amtsblatt des Kantons Zürich vom 13. Juni 1876 steht (als Verlautbarung Nr. 16):

«Konkurrenzeröffnung

Ueber die Erstellung von 12 neuen Fenstern für die Kirche Weiach wird Konkurrenz eröffnet.

Uebernahmslustige wollen ihre Offerten innert 14 Tagen dem Unterzeichneten einreichen, woselbst auch nähere Auskunft ertheilt wird.

Weiach, den 8. Brachmonat 1876

Aus Auftrag der Kirchenpflege:  Jb. Meierhofer, Kirchengutsverwalter.»

Denselben Wortlaut findet man in der 2. Ausgabe der NZZ vom 14. Juni 1876:

Ob nur die Frist zu kurz war? Der Rücklauf an Offerten war jedenfalls nicht gerade berauschend, wie Ende Juli 1876 konstatiert werden musste:

«2. Da der Verwaltung auf die Concurspublication [sic!] bezügl. Erneuerung der Kirchenfenster keine geeignete Anmeldung zugekommen ist, so wird er ersucht, mit thunlichster Beförderung auf anderem Weg zum Zwecke zu gelangen. Man wünscht, daß diese Sache im Lauf dieses Jahres zu Ende gebracht werde, damit im nächsten Jahre die Reparatur des Kirchthurms vorgenommen werden kann, sofern die Kirchgemeinde der Pflege die nöthige Vollmacht ertheilt.»  (3te Sitzung, den 26. Juli 1876, S. 340)

Quellen und Literatur
  • Protocoll der Kirchenpflege Weÿach, 1838-1884 – pag. 339-341. (Signatur: ERKGA Weiach, IV.B.6.2)
  • Amtsblatt des Kantons Zürich, N° 47. Dienstag den 13. Brachmonat 1876 – S. 1128.
  • Neue Zürcher Zeitung, Nr. 297, 14. Juni 1876, Zweites Blatt – S. 4.
  • Brandenberger, U.: Verderbliches SchlossengewitterWeiachBlog Nr. 208, 31. Mai 2006.
  • Brandenberger, U.: «ein nöüer Kirchenbauw allhier zu Weyach». 300 Jahre Kirche Weiach, 1706–2006. Herausgegeben von der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Weiach und der Ortsmuseumskommission Weiach. 1. Aufl., Weiach 2006; 2., korrigierte und ergänzte Aufl., Weiach 2007 – S. 52.

Freitag, 5. Juni 2026

«Entscheidend ist, dass Wachstum begleitet und geplant erfolgt»

Thalwil ZH, Weiach ZH, Flühli LU, Albinen VS und Gundeldingen BS. Aus diesen vier Gemeinden und einem Stadtquartier stammen die fünf Personen, die von Tages-Anzeiger-Journalistin Alexandra Aregger im Vorfeld der Abstimmung vom 14. Juni zur sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative interviewt worden sind. 

Areggers Lead zum Artikel: «Explodierende Bodenpreise, Schulraumknappheit oder das Verschwinden des Stammtisches: Was die Debatte um die 10-Millionen-Schweiz in boomenden und in schrumpfenden Gemeinden auslöst.»

Ob man Weiach angesichts der durch die Zuwanderung ausgelösten massiven Probleme positiv konnotiert als «boomende Gemeinde» bezeichnen darf bzw. soll, ist weitgehend Ansichtssache. 

Austarierter Politsprech vom neuen Gemeindepräsidenten 

Fest steht: Mit dem aktuell noch als Vizepräsident Mitglied der Primarschulpflege amtenden und seit den Wahlen vom 8. März designierten Gemeindepräsidenten Yves Weibel hat der Tagi in Weiach genau der richtigen Person ein Podium gegeben. [Korrektur am 8.6.26; Vizepräsident ist Guido Moll]

Von seinem Geschick hängt es nämlich vom 1. Juli an wesentlich ab, ob und wie die Gemeinde ihre wachstumsbedingten Probleme bewältigen kann oder eben nicht.

Nachstehend der Ausschnitt aus dem Tagi im Volltext: 

Kaum eine Zürcher Gemeinde ist in den letzten Jahren prozentual so stark gewachsen wie Weiach im Westen des Zürcher Unterlands. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt auf heute rund 2100 Einwohnende. Das spüre insbesondere die Weiacher Schule, erzählt Schulpfleger Yves Weibel:

«Seit 11 Jahren wohne ich in Weiach. In dieser Zeit hat sich das Dorf stark verändert. Man spürt im Alltag einfach, wie stark Weiach gewachsen ist. Durch die rege Bautätigkeit ist die Gemeinde deutlich grösser geworden. Es sind bei uns Wohnungen entstanden, die im Vergleich noch bezahlbar sind. Dadurch sind ganz unterschiedliche Menschen nach Weiach gezogen. Unser Dorf ist heute vielfältiger als früher – sozial und kulturell. In einem neuen Quartier ist praktisch ein zusätzlicher Dorfteil entstanden.

Als ich nach Weiach kam, hatten Kindergarten und Primarschule zusammen rund 100 Schülerinnen und Schüler. Heute sind es 300. Dieses Wachstum hat aber nicht nur mit Weiach selber zu tun. Wir beschulen auch Kinder aus zwei Aargauer Nachbargemeinden, diese Kinder machen heute rund ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler aus. Daran sieht man: Die Schule wächst regional, nicht nur innerhalb von Weiach.

Für die Schule ist das eine grosse Herausforderung. Das bestehende Schulhaus wurde für rund 100 Kinder konzipiert, geplante Erweiterungen konnten bisher nicht umgesetzt werden. Darum unterrichten wir aktuell einen Teil der Kinder in Provisorien. Das ist weder für die Kinder noch fürs Schulteam ideal. Auch die Klassen sind grösser geworden.

Damit steigen die Anforderungen an Schule und Gemeinde. Kinder brauchen gute Rahmenbedingungen, genügend Platz und Unterstützung, damit sie sich gut entwickeln können. Da müssen wir als Gemeinde Verantwortung übernehmen und gute Lösungen finden.

Ich habe selber zwei schulpflichtige Kinder und erlebe, wie sie heute viel selbstverständlicher mit unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Meinungen aufwachsen. Das fördert Offenheit und gegenseitigen Respekt. Genau das brauchen wir in einer Gemeinde, die wächst. Wachstum ist grundsätzlich weder gut noch schlecht, entscheidend ist, dass es begleitet und geplant erfolgt.»

Der Dachreiter auf dem Containerkomplex

Soweit die Aussagen Weibels. In den Text eingebettet ist diese ungewöhnlich kreative Aufnahme des Fotografen Silas Zindel:

Die künstliche Intelligenz halluziniert

Die unsichtbar hinterlegte KI-Bildunterschrift:: «Yves Weibel, Schulpfleger von Weiach ZH, steht vor den zweistöckigen Schulcontainern, die den Platzmangel der wachsenden Gemeinde beheben sollen.»

Wir wissen zwar jetzt, wer vor dem Container-Komplex II (Schulweg 12) auf dem Rasen steht. Aber sonst hat die sog. künstliche Intelligenz die Fakten ins Gegenteil verkehrt: Nicht einmal der Container-Komplex III (Schulweg 2A; Baujahr 2024) hat das Platzproblem beheben können.

Da ist die redaktionelle Bildunterschrift zu loben. Sie hält immerhin die Faktentreue hoch: «An der Weiacher Schule herrscht Platzmangel – darum wird ein Teil der Schülerinnen und Schüler in diesen Provisorien unterrichtet.»

Eine Kommentatorin bringt es auf den Punkt

Die Platzprobleme der Primarschule Weiach sind indes nur eines von vielen Krisensignalen, die man im Fall Weiach identifizieren kann. 

Mia Steiger, Verfasserin eines der 258 Kommentare zu diesem Tagi-Artikel, hat die wichtigste Passage des Weibel'schen Statements identifiziert und noch am Erscheinungstag wie folgt kommentiert:

«„Wachstum ist grundsätzlich weder gut noch schlecht, entscheidend ist, dass es begleitet und geplant erfolgt.“ Der Herr aus Weiach spricht einen wichtigen Punkt an. Grosse Bauprojekte kommen nicht von heute auf morgen, und trotzdem sieht man in vielen Gemeinden, dass es von Behörden verpasst wird, Anpassungen wie mehr Schulraum etc. rechtzeitig zu planen. Das sorgt für zusätzlichen Frust in der Bevölkerung.»

Fazit: Vertiefte Aufarbeitung und integrale Problemlösung unabdingbar

Genau an dieser Begleitung und in die Tiefe gehender Planung hat es im Fall «Neu-Weiach», dem im Wesentlichen zwischen 2014 und 2019 aus dem Boden gestampften Dorfteil nahe dem alten Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl wohl tatsächlich über weite Strecken gefehlt. 

Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, ganze Generationen von Weiacher Gemeinderäten und Schulpflegern hätten sich in dieser Angelegenheit in den letzten Jahrzehnten nur Versäumnisse geleistet. Zur Bewältigung der über die letzten Jahre angestauten Probleme müssen jedoch auch die unangenehmen Aspekte in diesem Entwicklungsprozess beleuchtet werden. 

Parallel dazu sollte zusammen mit der Einwohnerschaft des jungen Dorfteils (wie immer man ihn künftig bezeichnen will) herausgearbeitet werden, welche Massnahmen am zielführendsten sind, um die mit unschöner Regelmässigkeit beklagten Missstände gemeinsam in den Griff zu bekommen.

Quelle