Freitag, 5. Juni 2026

«Entscheidend ist, dass Wachstum begleitet und geplant erfolgt»

Thalwil ZH, Weiach ZH, Flühli LU, Albinen VS und Gundeldingen BS. Aus diesen vier Gemeinden und einem Stadtquartier stammen die fünf Personen, die von Tages-Anzeiger-Journalistin Alexandra Aregger im Vorfeld der Abstimmung vom 14. Juni zur sogenannten Nachhaltigkeitsinitiative interviewt worden sind. 

Areggers Lead zum Artikel: «Explodierende Bodenpreise, Schulraumknappheit oder das Verschwinden des Stammtisches: Was die Debatte um die 10-Millionen-Schweiz in boomenden und in schrumpfenden Gemeinden auslöst.»

Ob man Weiach angesichts der durch die Zuwanderung ausgelösten massiven Probleme positiv konnotiert als «boomende Gemeinde» bezeichnen darf bzw. soll, ist weitgehend Ansichtssache. 

Austarierter Politsprech vom neuen Gemeindepräsidenten 

Fest steht: Mit dem aktuell noch als Vizepräsident der Primarschulpflege amtenden und seit den Wahlen vom 8. März designierten Gemeindepräsidenten Yves Weibel hat der Tagi in Weiach genau der richtigen Person ein Podium gegeben.

Von seinem Geschick hängt es nämlich vom 1. Juli an wesentlich ab, ob und wie die Gemeinde ihre wachstumsbedingten Probleme bewältigen kann oder eben nicht.

Nachstehend der Ausschnitt aus dem Tagi im Volltext: 

Kaum eine Zürcher Gemeinde ist in den letzten Jahren prozentual so stark gewachsen wie Weiach im Westen des Zürcher Unterlands. Innerhalb von 15 Jahren hat sich die Bevölkerung mehr als verdoppelt auf heute rund 2100 Einwohnende. Das spüre insbesondere die Weiacher Schule, erzählt Schulpfleger Yves Weibel:

«Seit 11 Jahren wohne ich in Weiach. In dieser Zeit hat sich das Dorf stark verändert. Man spürt im Alltag einfach, wie stark Weiach gewachsen ist. Durch die rege Bautätigkeit ist die Gemeinde deutlich grösser geworden. Es sind bei uns Wohnungen entstanden, die im Vergleich noch bezahlbar sind. Dadurch sind ganz unterschiedliche Menschen nach Weiach gezogen. Unser Dorf ist heute vielfältiger als früher – sozial und kulturell. In einem neuen Quartier ist praktisch ein zusätzlicher Dorfteil entstanden.

Als ich nach Weiach kam, hatten Kindergarten und Primarschule zusammen rund 100 Schülerinnen und Schüler. Heute sind es 300. Dieses Wachstum hat aber nicht nur mit Weiach selber zu tun. Wir beschulen auch Kinder aus zwei Aargauer Nachbargemeinden, diese Kinder machen heute rund ein Drittel unserer Schülerinnen und Schüler aus. Daran sieht man: Die Schule wächst regional, nicht nur innerhalb von Weiach.

Für die Schule ist das eine grosse Herausforderung. Das bestehende Schulhaus wurde für rund 100 Kinder konzipiert, geplante Erweiterungen konnten bisher nicht umgesetzt werden. Darum unterrichten wir aktuell einen Teil der Kinder in Provisorien. Das ist weder für die Kinder noch fürs Schulteam ideal. Auch die Klassen sind grösser geworden.

Damit steigen die Anforderungen an Schule und Gemeinde. Kinder brauchen gute Rahmenbedingungen, genügend Platz und Unterstützung, damit sie sich gut entwickeln können. Da müssen wir als Gemeinde Verantwortung übernehmen und gute Lösungen finden.

Ich habe selber zwei schulpflichtige Kinder und erlebe, wie sie heute viel selbstverständlicher mit unterschiedlichen Menschen, Kulturen und Meinungen aufwachsen. Das fördert Offenheit und gegenseitigen Respekt. Genau das brauchen wir in einer Gemeinde, die wächst. Wachstum ist grundsätzlich weder gut noch schlecht, entscheidend ist, dass es begleitet und geplant erfolgt.»

Der Dachreiter auf dem Containerkomplex

Soweit die Aussagen Weibels. In den Text eingebettet ist diese ungewöhnlich kreative Aufnahme des Fotografen Silas Zindel:

Die künstliche Intelligenz halluziniert

Die unsichtbar hinterlegte KI-Bildunterschrift:: «Yves Weibel, Schulpfleger von Weiach ZH, steht vor den zweistöckigen Schulcontainern, die den Platzmangel der wachsenden Gemeinde beheben sollen.»

Wir wissen zwar jetzt, wer vor dem Container-Komplex II (Schulweg 12) auf dem Rasen steht. Aber sonst hat die sog. künstliche Intelligenz die Fakten ins Gegenteil verkehrt: Nicht einmal der Container-Komplex III (Schulweg 2A; Baujahr 2024) hat das Platzproblem beheben können.

Da ist die redaktionelle Bildunterschrift zu loben. Sie hält immerhin die Faktentreue hoch: «An der Weiacher Schule herrscht Platzmangel – darum wird ein Teil der Schülerinnen und Schüler in diesen Provisorien unterrichtet.»

Eine Kommentatorin bringt es auf den Punkt

Die Platzprobleme der Primarschule Weiach sind indes nur eines von vielen Krisensignalen, die man im Fall Weiach identifizieren kann. 

Mia Steiger, Verfasserin eines der 258 Kommentare zu diesem Tagi-Artikel, hat die wichtigste Passage des Weibel'schen Statements identifiziert und noch am Erscheinungstag wie folgt kommentiert:

«„Wachstum ist grundsätzlich weder gut noch schlecht, entscheidend ist, dass es begleitet und geplant erfolgt.“ Der Herr aus Weiach spricht einen wichtigen Punkt an. Grosse Bauprojekte kommen nicht von heute auf morgen, und trotzdem sieht man in vielen Gemeinden, dass es von Behörden verpasst wird, Anpassungen wie mehr Schulraum etc. rechtzeitig zu planen. Das sorgt für zusätzlichen Frust in der Bevölkerung.»

Fazit: Vertiefte Aufarbeitung und integrale Problemlösung unabdingbar

Genau an dieser Begleitung und in die Tiefe gehender Planung hat es im Fall «Neu-Weiach», dem im Wesentlichen zwischen 2014 und 2019 aus dem Boden gestampften Dorfteil nahe dem alten Bahnhof Weiach-Kaiserstuhl wohl tatsächlich über weite Strecken gefehlt. 

Ich will nicht so weit gehen zu behaupten, ganze Generationen von Weiacher Gemeinderäten und Schulpflegern hätten sich in dieser Angelegenheit in den letzten Jahrzehnten nur Versäumnisse geleistet. Zur Bewältigung der über die letzten Jahre angestauten Probleme müssen jedoch auch die unangenehmen Aspekte in diesem Entwicklungsprozess beleuchtet werden. 

Parallel dazu sollte zusammen mit der Einwohnerschaft des jungen Dorfteils (wie immer man ihn künftig bezeichnen will) herausgearbeitet werden, welche Massnahmen am zielführendsten sind, um die mit unschöner Regelmässigkeit beklagten Missstände gemeinsam in den Griff zu bekommen.

Quelle