Montag, 17. November 2025

Salzsäure-Anhänger in Weiacher Acker gekippt

Auf der Haupstrasse Nr. 7 gibt es zwischen der Grenze zur Gemeinde Glattfelden und dem Ofenhof eine markante Links-Rechts-Kombination. An ihr scheitern Motofahrzeugpiloten mit unschöner Regelmässigkeit. Heute vor 50 Jahren haben wohl an ebendieser Stelle die Gesetze der Fahrphysik zu einem Unfall eines Anhängerzugs mit Gefahrgutladung geführt. 

Ob der Transport bereits damals mit den orangen Gefahrcodes gekennzeichnet war (oben 80, sog. Kemler-Zahl für einen ätzenden Stoff, unten 1789, der UN-Nummer für Chlorwasserstoffsäure) ist nicht klar, jedoch durchaus möglich. Die Vorschriften des ADR-Übereinkommens wurden nämlich in den Jahren 1973-1975 schrittweise eingeführt.

Am 18. November war der Unfall jedenfalls in den grossen Zeitungen des Landes Gegenstand der Berichterstattung. Die Neuen Zürcher Nachrichten titelten:

6200 Liter Salzsäure ausgeflossen

«Gestern fuhr am frühen Nachmittag ein Anhängerzug von Zurzach Richtung Eglisau. Das Zugfahrzeug war mit 5300, der Anhänger mit 6500 Litern 33prozentiger Salzsäure beladen. In einer leichten Linkskurve der Rheintalstrasse zwischen Weiach und Glattfelden geriet der Anhänger ab der Strasse. Der Chauffeur konnte den Zugwagen auf der Strasse zum Stehen bringen; der Anhänger überschlug sich in ein angrenzendes Feld. Aus dem Kunststofftank flossen ca. 6200 l Salzsäure aus. Das Pikett Glattfelden rückte mit zwölf Mann aus; die Salzsäure konnte mit Soda neutralisiert werden, so dass mit keiner Grundwasserverschmutzung gerechnet wird, obwohl der Unfallort sich in der Gewässerschutzzone «A» befindet. Der Schaden wird auf 100 000 Franken geschätzt.» (Neue Zürcher Nachrichten, Bd. 70, Nr. 268, 18. November 1975, S. 5.)

Die Redaktion der Alten Dame an der Falkenstrasse sah das mit den Mengenangaben anders, brachte aber auch Details über den Umgang mit dem Gefahrstoff vor Ort:

6500 Liter Salzsäure ausgeflossen

«Glattfelden, 17. Nov. - Ausgangs einer langgezogenen Linkskurve zwischen Weiach und Glattfelden ist am Montag, kurz vor 14 Uhr, der Anhänger eines Säuretankwagens von der Strasse geschleudert worden. In Seitenlage blieb der Zweiachsanhänger auf einem angrenzenden Getreidefeld liegen. Durch einen Riss in der Tankwand sind in der Folge rund 6500 Liter 33prozentige Salzsäure ausgeflossen. Nach ersten Angaben scheint es gelungen zu sein, durch sofortiges Eingreifen grösseren Schaden abzuwenden. Mitarbeiter der Sodafabrik Zurzach, für die der Transport bestimmt gewesen war, sind gleichzeitig mit Polizei und Feuerwehr zum Unfallort ausgerückt und haben grosse Mengen Sodapulver auf der Immissionsstelle verteilt. Die Feuerwehrleute haben anschliessend das Soda bewässert, um damit die Säure zu neutralisieren. Es entstanden dabei neutrale Salze, die zwar weder dem Boden noch allenfalls dem Grundwasser zuträglich sind, die aber keinerlei Gefahr bedeuten. Der Unfallhergang ist noch nicht genau bekannt. Nur der Anhänger ist von der Strasse geworfen worden, der Tanklastwagen selber blieb mit der abgebrochenen Anhängerkupplung auf der Fahrbahn. Tankwagen, besonders wenn sie nicht vollständig gefüllt sind, gehören wegen der ständigen Gewichtsverlagerung des Ladegutes in Kurven und beim Bremsen zu den unfallgefährdeten Fahrzeugen. Der Fahrer des Unfalltankzuges hat, soweit bis jetzt bekannt, alle Sicherheitsvorschriften eingehalten. Der Sachschaden soll sich nach ersten Schätzungen auf rund 100 000 Franken belaufen.» (Neue Zürcher Zeitung, Nr. 268, 18. November 1975, S. 7.)

Dazu publizierte die NZZ ein Bild mit der Legende: «Feuerwehrleute wässern das Soda, das aufgetragen worden ist, um die Säure zu neutralisieren.»

Schweizerische Sodafabrik AG

Die erwähnte Sodafabrik Zurzach war zwischen Bad Zurzach und Rekingen beidseits der Hauptstrasse Nr. 7 angesiedelt und produzierte zwischen 1916 und 1987 Chemieprodukte, darunter das namengebende Produkt Natriumcarbonat (Soda). Die dazu nötige Sole wurde von den Bad Zurzacher Salinen per unterirdischer Leitung zugeführt. Die Salzsäure offenbar per Tankwagen.

Sogar die Seepolizei war vor Ort

Die von Migros-Pionier Duttweiler gegründete Zeitung Die Tat publizierte gleichentags ebenfalls einen eigenen Beitrag, setzte ein anderes Bild als die NZZ in den Mittelpunkt und platzierte darunter eine Art erweiterter Beschreibung:

«Der Anhänger eines Tankwagens der Sodawerke Zurzach geriet auf der Rheintalstrasse zwischen Weiach und Glattfelden wegen eines Deichselbruchs über den rechten Strassenrand hinaus, kippte, und der Tank wurde leckgeschlagen. Rund 6200 Liter 33prozentiger Salzsäure flossen in der Folge in einen Acker und versickerten im Erdreich. Zwölf Mann der Feuerwehr Glattfelden und Funktionäre der kantonalen Seepolizei griffen unverzüglich ein. Mit einem Bindemittel in Form einer Soda-Wassermischung wurde versucht, die Salzsäure zu neutralisieren. Der Gesamtschaden (zerstörter Anhänger und ausgeflossenes Ladegut) wird auf 100 000 Franken geschätzt.» (Die Tat, Nr. 271, 18. November 1975, S. 8)

Standardverfahren: die SDA-Meldung bringen

In vielen Fällen drucken Zeitungen auch lediglich die Agenturmeldungen ab – bis auf die Schlagzeile weitgehend ohne eigene Bearbeitung. In diesem Fall Der Bund, die Freiburger Nachrichten, die Thurgauer Zeitung und der Schweizer Bauer:

Salzsäure versickert

«sda. Zwischen Weiach und Glattfelden kippte der Anhänger eines Tanklastzuges um. Ungefähr 8 Tonnen 33prozentiger Salzsäure liefen in einen Acker aus und versickerten. Polizei und Feuerwehr streuten nach dem Unfall während längerer Zeit Soda auf die Ackerstelle das anschliessend mit Wasser bespritzt wurde. Die Soda-Wasser-Mischung soll nach Auskunft der Polizei die Gefahr einer allfälligen Grundwasserverschmutzung völlig bannen.» (Der Bund, Bd. 126, Nr. 270, 18. November 1975, S. 7.)

8 Tonnen Salzsäure in Acker versickert

«sda. Aus noch unbekannter Ursache ist am Montag zwischen Weiach und Glattfelden der Anhänger eines Tanklastzuges umgekippt. Ungefähr 8 Tonnen 33prozentige Salzsäure liefen in einen Acker aus und versickerten. Personen kamen nicht zu Schaden. 

Polizei und Feuerwehr streuten nach dem Unfall während längerer Zeit Soda auf die Ackerstelle, das anschliessend mit Wasser bespritzt wurde. Die Soda-Wasser-Mischung soll nach Auskunft der Polizei die Gefahr einer allfälligen Grundwasserverschmutzung völlig bannen. Die Höhe des Sachschadens konnte noch nicht abgeschätzt werden.» (Thurgauer Zeitung, Bd. 177, Nr. 270, 18. November 1975, S. 12.)

Auf einem Acker bei Glattfelden: 8 Tonnen Salzsäure versickert

«sda. Aus noch unbekannter Ursache kippte zwischen Weiach und Glattfelden der Anhänger eines Tanklastenzuges um. Ungefähr 8 Tonnen 33prozentige Salzsäure liefen in einen Acker aus und versickerten. Personen kamen nicht zu Schaden. Polizei und Feuerwehr streuten nach dem Unfall während längerer Zeit Soda auf die Ackerstelle das anschliessend mit Wasser bespritzt wurde. Die Soda-Wasser-Mischung soll nach Auskunft der Polizei die Gefahr einer allfälligen Grundwasserverschmutzung völlig bannen.» (Schweizer Bauer, Bd. 129, Nr. 134, 20. November 1975, S. 8.)

8 Tonnen Salzsäure in Acker versickert 

«sda. Aus noch unbekannter Ursache ist am Montag, kurz vor 14 Uhr, zwischen Weiach und Glattfelden der Anhänger eines Tanklastenzuges umgekippt. Ungefähr 8 t 33prozentiger Salzsäure liefen in einen Acker aus und versickerten. Personen kamen nicht zu Schaden.» (Freiburger Nachrichten, 18. November 1975, S. 10.)

Heutigen Chemiewehr-Angehörigen würden die Haare zu Berge stehen

Auf dem NZZ-Pressefoto sieht man die Feuerwehrleute des Piketts Glattfelden mit Helm, aber offensichtlich ohne Atemschutz und Säureschutzkleidung, wie sie gerade das von den Sodafabrik-Angestellten zur Neutralisierung angelieferte Natriumcarbonat mit Wasser aus dem Hydranten begiessen.

Heutzutage geht man mit so einem Chemieunfall ganz anders um, wie Fälle von ausgelaufener Salzsäure aus den letzten Jahren zeigen. Insbesondere der Neutralisierungsversuche mit Soda gelten als überholt, ja schädlich. Wahrscheinlich würde man ausgelaufene Mineralsäure an dieser Stelle im Wasserschutzgebiet so gut wie möglich eindämmen und anschliessend den gesamten kontaminierten Boden an der Stelle abtragen und in eine Bodensanierungsanlage liefern lassen.

Zur Auflockerung noch eine in den Freiburger Nachrichten gleich über dem Salzsäure-Unfallbericht platzierte Agenturmeldung:

Feldarmeekorps 4 trauert um Brieftauben

«sda. Das FAK 4 trauert um 120 bis 150 Brieftauben, die dem Militär von einem privaten Züchter zur Verfügung gestellt worden waren. Die Tauben verkohlten über das Wochenende, als der Dachstock eines Bauernhauses in Turbenthal niederbrannte. Für ein Zuchtpaar bezahlen Züchter bis zu 2000 Franken.» (120 bis 150 Tauben verkohlt. In: Freiburger Nachrichten, 18. November 1975, S. 10.)

Ein nicht nur ideeller Schaden. Sondern auch einer, der dem Chemieunfall in der Grössenordnung Konkurrenz macht. Hätten Sie gewusst, wie teuer Brieftauben waren?

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