Mittwoch, 23. September 2026

Die «Brauerei zum Sternen» im Spiegel der Quellen

Im Artikel von vorgestern (WeiachBlog Nr. 2377) sind die zwei von Schoellhorn genannten Weiacher Brauereien aufgeführt. Als die ältere der beiden wird die «Brauerei zum Sternen» mit dem Gründungsjahr 1869 ausgewiesen. In beiden Lagerbüchern (StAZH RR I 575.1 wie PGA Weiach IV.B.06.01, vgl. Bild unten) ist jedoch erst per 1877 explizit die Bezeichnung «Brauereigebäude» verwendet worden! 

Frage: Kann es sein, dass man ein teures Equipment erst Jahre später bei der Versicherung anmeldet? Möglich, aber wenig wahrscheinlich, v.a. weil jeder im Dorf gewusst hat (also auch die Person, die das Lagerbuch seitens der Gemeinde à jour halten musste), dass der Sternenwirt ab Inbetriebnahme seines Braukessels nun eigenes Bier ausschenkte.

Nachdem die Brauerei Rheinthal des Jakob Denzler bereits 1874 den Betrieb aufgenommen hat (vgl. WeiachBlog Nr. 2378), muss angenommen werden, dass die Brauerei zum Sternen nicht älter, sondern jünger ist. Ihr Eigentümer Rudolf Willi hat also wohl nicht als erster die Idee gehabt, sondern auf die Konkurrenz wenige Meter Richtung Kaiserstuhl reagiert.

Nachstehend zuerst der Volltext nach Schoellhorn und dann die Diskussion anhand der Originalquellen:

Brauerei zum Sternen in Weiach. (Nr. 36.)

«In Weiach besaß im Jahre 1830 Herr Jakob Schenkel das Wirtshaus zum "Sternen", das zu fl. 6000.- brandversichert war, ferner eine Scheune mit "doppelter Bestallung", die zu fl. 1500.- und ein Schlacht- und Waschhaus, das zu fl. 250.- versichert war.

Dieses Anwesen ging an Herrn Rudolf Willi, Metzger, über und dieser ließ im Jahre 1869 in dem Schlacht- und Waschhaus eine Brauerei einrichten, die allerdings nicht groß sein konnte, denn die Gebäudeversicherung wurde von Fr. 550.- nur auf Fr. 1000.- erhöht. Die Braupfanne mit Ofen wurde später zu Fr. 400.- nachversichert.

Das Anwesen wechselte wiederholt den Besitzer und es war nicht festzustellen, ob der Brauereibetrieb stets aufrecht erhalten wurde, bezw. wann er eingestellt worden ist.

Im Jahre 1894 war das Anwesen im Besitze von Herrn Rudolf Meier, Metzger, und zu dieser Zeit war der "Brauofen" noch vorhanden und zu Fr. 400.- brandversichert.

Mehr als für den Bedarf der eigenen Wirtschaft ist in dieser kleinen Brauerei wohl nie gebraut worden.»

Entgegen der Darstellung von Schoellhorn wurden nicht schon 1869, sondern mutmasslich erst Jahre später bauliche Massnahmen in Richtung Bierbrauerei unternommen, denn erst 1877 wird die Brauerei explizit im Lagerbuch erwähnt (s. übernächster Abschnitt)

Systematischer Irrtum von Hedinger

Dr. h.c. Hedinger, der in seine Stoffsammlung über den Bezirk Dielsdorf und seine Gemeinden wohl in sämtliche Gemeindehefte die Daten aus der Schoellhorn-Liste notierte, ist von einer falschen Annahme ausgegangen. Nämlich, dass die Angaben nur Brauerei-Belange beträfen. Dem ist jedoch überhaupt nicht so. Schoellhorn (oder die von ihm mit dem Exzerpieren beauftragte Person) hat auch eine kleine Hausgeschichte der Brauereigebäude aus den Lagerbüchern entnommen und niedergeschrieben. 

So kommt es denn auch bei der Brauerei zum Sternen zur absurden Annahme, die mit obrigkeitlicher Bewilligung von 1829 neu an der Hauptstrasse platzierte Taverne sei ab ovo auch gleich eine Brauerei gewesen: «1830 hatte hier Jak. Schenkel im „Sternen“ eine Brauerei (Fritz Schoellhorn: Brauereien im Kt. Zch., 1922, S. 261. (St. Arch.)» Dem ist nicht so.

Ester N° 133 mit 112b zusammengebaut 

Im Jahr 1830 wurden die beiden Gebäude mit den Assekuranznummern 112a und 112b gebaut. Ortsbezeichnung: «Ester», was völlig korrekt ist, denn sie stehen an den damaligen Toren des Dorfkerns, der ihn von den Landwirtschaftsflächen abgrenzt. 

1847 wurde angelehnt an letztere die Baute Nr. 133 errichtet, was man auch an der Schätzung in der Rechnungswährung Gulden sieht, die vor der Gründung des Bundesstaates in Zürich Verwendung fand. Unter «Benennung des Gebäudes» ist «1 Schlacht- und Waschhaus» aufgeführt.

Als «Rud. Willi, Metzger z. Sternen» das ehemals ehafte Wirtshaus 1869 übernahm, da wurde die Benennung in genau derselben Form übernommen. Kein Hinweis auf eine Bierbrauerei.

Nachversicherung der Braueinrichtung war wohl nur Präzisierung

1877 – Eigentümer: Rudolf Willi Metzger. Benennung: «1 Brauereigebäude mit Waschhaus». Kadasteranschlag: 1000 Frk.

1886 – Eigentümer: David Albrecht. Benennung: «1 Brauereigebäude mit Waschhaus» und «1 Brauofen». Gesamthaft gleicher Kadasteranschlag wie 1877.

Da der Versicherungswert gleich bleibt, fand wohl nur eine Aufspaltung zwischen Gebäude und Einrichtung statt, auf die man in den 9 Jahren zuvor verzichtete hatte.

1889 – Eigentümer: Johs. Ungericht Bezirksrichter in Dietikon. Benennung: «1 Bierbrauereigebäude mit Waschhaus» u. «1 Brauofen». Gesamthaft gleicher Kadasteranschlag wie 1877.

1890 – Eigentümerin: Elisabetha Sigrist. Benennung: «1 Bierbrauereigebäude mit Waschhaus» «1 Brauofen». Gesamthaft gleicher Kadasteranschlag wie 1877.

1891 – Eigentümerin: Elisabetha Sigrist. Benennung: «1 Brauereigebäude mit Waschhaus» «1 Brauofen». Kadasteranschlag nur noch 900 Franken.

1894 – Eigentümer: Rudolf Meier Metzger. Benennung: «1 Brauereigebäude mit Waschhaus» «1 Brauofen». Kadasteranschlag wie 1894.


Ab 1895 keine Brauereigebäude mehr

Im zweiten Band der Lagerbücher (PGA Weiach IV.B.06.02) ist – nach System 1895 unter «Bedmen, N° 181» – keine Rede mehr von Brauerei. Ab 1895 wird das Gebäude nur noch als «1 Waschhaus» bezeichnet, ab 1938 als «1 Waschhaus & Durchfahrt»:

Laut Aussage von Walter Wagner, alt Sternenwirt, wurde dieses ehemalige Brau- und Waschhaus im Zuge der Umgestaltung der Sternenkreuzung im Jahre 1974 abgerissen.

Quellen und Literatur

  • Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Verwaltung, 1812-1894. Signatur: StAZH RR I 575.1. -- Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Verwaltung, 1895-1936. Signatur: StAZH RR I 575.2.
  • Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Gemeinde, 1834-1894. Signatur: PGA Weiach IV.B.06.01. -- Lagerbuch Gebäudeversicherung Kt. ZH, Expl. Gemeinde, 1895-1954. Signatur: PGA Weiach IV.B.06.02.
  • Schoellhorn, F.: Das Braugewerbe und die Brauereien des Kantons Zürich. Winterthur 1922. Bibliotheksnachweis, u.a.: StAZH Bib. Dg 740 – S. 261.
  • Hedinger, H.: Geschichte der politischen Gemeinde Weiach. Stoffsammlung seit Juni 1912 [Heft umfasst 24 Seiten chronologische Abschnitte darstellend, zusätzlich viele Zeitungsausschnitte, Fotos und Notizen in hinterer Schutzumschlagklappe]. StAZH X 211.1.31. Alte Signatur: StAZH X 211.3 Heft 25 – S. 22.
  • Gespräch des Autors mit Walter Wagner, alt Sternenwirt, am 14. Oktober 2003.

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