Vor einem halben Jahrhundert erlebte die sogenannte Bauernmalerei eine kleine Renaissance. Es war die Zeit der forcierten Hochkonjunktur nach dem Zweiten Weltkrieg, die alles umkrempelte, was man sich bisher gewohnt war. Sozusagen als Gegenreaktion besannen sich etliche Zürcherinnen und Zürcher auf die alten Traditionen, verkörpert in Einrichtungsgegenständen, die in dieser Zeit oft als Gerümpel betrachtet und achtlos entsorgt wurden.
Es kommt nicht von ungefähr, dass Walter Zollinger-Funk und seine Mitstreiter ausgerechnet Mitte der 1960er-Jahre das Ortsmuseum Weiach gegründet haben: um trotz Fortschritt nicht mit Seelenverlust in die Zukunft zu gehen.
Im Kanton Zürich – wie auch im Bernbiet – ist die Tradition, dauerhafte Einrichtungsgegenstände (wie Kästen oder Truhen) künstlerisch mit Bedeutung aufzuladen, eine etwas andere als im Appenzellerland, wo ganze Alpaufzüge gemalt wurden und werden. In unserer Gegend sind einfachere, überwiegend florale Motive viel weiter verbreitet.
am Standort des Wiachiana-Verlags in Trub BE.
Ein Kasten, so alt wie die Vereinigten Staaten von Amerika
Wie man einem Artikel des NZZ-Journalisten Hillmar Höber entnehmen kann, war diese Renaissance in den 60ern u. 70ern offenbar vor allem eine weibliche Angelegenheit, was sich allein schon am Umstand widerspiegelt, dass es eine Hauswirtschaftsschule war, die Kurse in Bauernmalerei angeboten hat:
«hhö. Neulich hatte die Hauswirtschaftliche Fortbildungsschule Stadel (bei Niederglatt) eine Ausstellung arrangiert, an der die vielen Kunstwerke zu sehen waren, welche im Laufe des Jahres an den einzelnen Kursen entstanden sind. Die Bauernmalerei bildete einen ganz besonderen Anziehungspunkt. Die mit fröhlichen Motiven versehenen Kästen, Truhen, Kommoden, Wiegen usw. ergaben ein herrliches Spiel der Farben, und man hatte den Eindruck, die Gegenstände seien in ein duftendes Sonntagskleid gehüllt worden.
Infolge der grossen Nachfrage musste der Kurs doppelt geführt werden. Viele Frauen fühlen sich von der Bauernmalerei derart angesprochen, dass sie bei den alljährlichen Kursen bald zu den Stammgästen zählen. Diese werden seit acht Jahren von Johanna Kern (Höngg) geführt. Dass die Bauernmalerei nicht nur eine Frauensache sein muss, bewies ein Landwirt aus Weiach, der mit grossem Eifer einen zweihundertjährigen Schrank in ein wahres Bijou verwandelte. Vorher hatte der Schreiner allerdings einige Reparaturen vorzunehmen gehabt.
Die Ausstellung zeigte deutlich, wie man den alten bäuerlichen Brauch, die Möbel selber zu bemalen, pflegen kann. Man stellte auch immer wieder fest, wie wenig es braucht um einem Möbelstück zu neuem Glanz zu verhelfen. Es braucht nicht unbedingt ein Schrank oder eine Truhe zu sein; auch eine Kommode oder ein Nachttischchen kann man mit reizenden Malereien versehen.»
Dieser Landwirt muss sich schon fast wie der Hahn im Korb gefühlt haben. Und wer weiss, vielleicht wird ja dieser damals von ihm restaurierte Kasten noch in Ehren gehalten. Dieses Weyacher Erbstück wäre mittlerweile ein Vierteljahrtausend alt. Der Verfasser dieses Beitrags würde sich über ein Lebenszeichen freuen.
Quelle
- Höber, H.: Bauernmalerei in Stadel. In: Neue Zürcher Zeitung, Nummer 94, 24. April 1975 – S. 39.

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