Karitatives Verhalten gab es auch vor zwei Jahrhunderten schon. Gute Werke, wie sie Spenden für Menschen in Not darstellen, galten als eine der wichtigen Pflichten eines Christenmenschen.
Das änderte sich im Züribiet auch nicht, nachdem 1808 die kantonale Brandassekuranz eingeführt worden war. Damit konnte ja lediglich der Wiederaufbau der eingeäscherte Immobilie finanziert werden. Für vernichtetes Mobiliar, Vorräte und Gegenstände des täglichen Bedarfs hatten die Brandopfer in den allermeisten Fällen keine Versicherung. Für arme Familien ein grosses Problem.
Mildtätige Spenden aus der Stadt Zürich
So erging es auch den beiden wenig begüterten Familien, deren Behausungen an Silvester 1824 abgebrannt waren (vgl. WeiachBlog Nr. 2212 für die staatliche Reaktion auf das Brandunglück).
Betroffen waren die Familien des Jacob Baumgartner und die Erben des Heinrich Bersinger, deren Behausungen sich in etwa an der Stelle befanden, wo heute direkt unterhalb der Trottenstrasse das Gebäude Oberdorfstrasse 13 steht.
In den auf den Brand folgenden dreieinhalb Monaten ist in nicht weniger als zehn Ausgaben zweier Stadtzürcher Zeitungen aufgelistet, was diesen beiden Familien an sogenannten privaten Liebesgaben aus der Stadt zufloss.
Wir erfahren in diesen Zeitungsspalten auch, dass eine der beiden Familien nicht weniger als acht Kinder hatte, wovon vier als taubstumm galten. Gerade dieser Umstand war es, der viele Spender zu tätiger Nächstenliebe veranlasst hat. Neben Geld wurden auch Pakete mit Sachleistungen, wie Kleidern und Stoffen, nach Weyach geschickt. Diese Spenden wurden durch den Weiacher Pfarrer Johann Heinrich Burkhard (1772-1837) in einer Folgenummer derselben Zeitung verdankt.
Nachstehend in chronologischer Reihenfolge alle Fundstellen, die diese Spenden betreffen:
Züricher Freytags-Zeitung, Nummer 2, 14. Januar 1825, S. 3
«Erhalten für die Brandbeschädigten in Weyach: 1 † Thaler. — 1 Bock. — 3 † Thaler. — 1 † Thaler. — 1 Franken. — fl. 2 ß. 20.
Für die Familie mit 8 — davon 4 taubstummen — Kindern besonders erhalten: fl. 4. — fl 3. — fl. 1. — fl. 1. — 8 halbe † Thaler und 8 ß. — 1 † Thaler nebst einem Päckgen Lingen.»
Insgesamt sind das also zwölf Einzelspenden. Ein Bock war eine 10-Schilling-Stück (ß. = Schilling), auch Örtli oder Viertelgulden genannt – eine gängige Scheidemünze des 17. bis frühen 19. Jahrhunderts. Welche Art von Thaler mit dem Dagger (†) bezeichnet wurde, ist dem Verfasser dieses Beitrags nicht ganz klar. Es könnte sich um den Brabanter Thaler (vgl. nächster Abschnitt) oder auch eine andere geläufige Münzsorte gehandelt haben. Mit «Lingen» ist möglicherweise Leinenstoff gemeint.
Züricher Freytags-Zeitung, Nummer 3, 21. Januar 1825, S. 3
«Den richtigen Empfang von zwey Paquet mit verschiedenen Kleidungsstücken -- und von 4 1/2 Brbtrthlr. für hiesige Brandbeschädigte, bescheint unter Versicherung, daß diese Liebesgaben nach dem Willen der edeln Geber verwendet werden sollen, mit innigstem Danke gegen die unbekannten Wohlthäter. Weyach den 13. Jan. 1825. Pfr. Burkhard.
Folgende Liebesgaben sind aufs Neue dem Unterzeichneten eingesandt worden:
Für die Haushaltung mit 8 Kindern von J. C. B. von Stäfa fl. 4 ß 36. — fl. 2 für die unglückliche Haushaltung in Weyach. — Für die Brandbeschädigten in Weyach fl. 1 ß. 9 — fl. 1, und für die Wasserbeschädigten in Deutschland, welche der lobl. Hilfsgesellschaft eingehändigt wurden, fl. 1 ß. 20 D. B.»
Zürcherisches Wochen-Blatt, Nummer 9, 31. Januar 1825, S. 4
«16. Den richtigen Empfang von 2 Paar baumw. Strümpfen, 2 Fürtücher, 2 Leintücher und 1 fl. 10 ß. für die hiesige brandbeschädigte Haushaltung mit 4 taubstummen. Kindern — bescheint mit herzlichem Dank gegen die gütige Geberin
Pfr. Burkhard.
Weyach 27. Januar 1825.»
Züricher Freytags-Zeitung, Nummer 5, 4. Februar 1825, S. 3.
Nach etwa einem Monat trafen besonders viele Spenden in Weyach ein, wohl auch deshalb, weil die Kirchenkollekten (die am 9., 16. und 23. Januar mit dem sog. Säckli eingesammelt werden konnten) nach diesem Zeitraum erstmals gepoolt wurden:
«Der Hülfsgesellschaft sind wieder von nachstehenden Kirchensäcklenen übergeben worden:
10 fl. — ß. v. Waisenhaus den 9. Jen. der unglücklichen Haushaltung zu Weyach, die 8 Kinder hat.
1 „ 20 „ dito dito für die Brandbeschäd. in Weyach.
10 „ — „ dito 16. dito der Hülfsgesellschaft.
20 „ — „ dito dito für die durch das Wasser Verunglückten in Deutschland.
4 „ 36 „ dito 23. dito für ebendieselben,
1 „ 20 „ b. Großmünster von einem Handwerker ab dem Land, für ebendieselben.»
Auch Johannes Rüdlinger, der Weyacher Bote gen Zürich (vgl. WeiachBlog Nr. 1455), spielte eine wichtige Rolle. An seinem Depot bei «Herrn von Birch oben an der Marktgaß» wurden viele Spenden abgegeben, wie Pfr. Burkhard in dieser Nummer 5 zu Protokoll gibt:
«— Unterzeichneter bescheint mit dem herzlichsten Dank, für seine Brandbeschädigten richtig erhalten zu haben, die dem Herrn D. B. eingegangenen, und in Nr. 2 und 3 der Freytags-Zeitung genannten Liebesgaben.
Ferner, durch den Weyacher-Bott:
1 fl. 10 ß. — 3 fl. — 2 fl. 20 ß. — 1 † Thaler, welcher den 9. Jan. beym GrMstr. ins Säckli gelegt worden. — 1 Paquet mit Kleidern und 1 fl. 10 ß. —1 Paquet mit Kleiderzeug und 2 † Thlr. und 4 ß. — 1 Paquet mit 2 Manns- u. 2 Weiber-Hemden — 1 Paquet mit Kleidern und 6 Ell weiß Tuch. — 1 Paquet mit Kleidern. — 1 Paquet mit 3 Hembdern u. a. u. 3 fl. — 1 Paquet mit 4 Hembdern u. andern Kleidern. — 1 Paquet mir roth Rattine, u. a. u. 5 fl. — 1 Paquet mit 2 Hembdern, 1 Fürtuch u. 6 fl. von einer alten Wittwe an der untern Straße. [wohl heutiges Zürich-Unterstrass] — 2 fl. 18 — und 20 fl.
Derjenige, welcher in das Verborgene siehet, vergelte einst reichlich den ungenannten Wohlthätern diese Werke ihrer Liebe! Weyach den 27. Jan. 1825. Pfr. Burkhard.
— Für Weyach erhalten: 1 Paquet in Packpapier.— Für d. Familie mit 4 taubstummen Kindern fl. 2 und für die andre fl. 1. — fl. 1 ß. 10 von W. W. für die taubstummen Kinder. — fl. 1 für die Brandbeschädigten in Weyach. — 25 ß. für die blinde Frau in Henggart. D. B.»
Für Ellikon: [...]
Weyach den 16. Febr. 1825. Pfr. Burkhard.»
5 fl — ß. v. Säckli b. d. Waisenhauskirche d. 13. Hornung.
2 „ 20 „ dito b. St. Peter den 2. Hornung.
1 „ — „ dito von einem Taglöhner ) v. 20. Hornung den Hinterlassenen
— „ 25 „ dito v. einem armen großen Familienvater ) des verungl. Schiffers in Ellikon
- Brandenberger, U.: Kirchenpflege mit eigenem Postdienst nach Zürich? WeiachBlog Nr. 1455, 29. Dezember 2019.
- Brandenberger, U.: An Silvester 1824 brannten zwei Haushalte lichterloh. WeiachBlog Nr. 2212, 31. Dezember 2024.






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